Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Agonia Luminis

von Sauden
GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Apple Jack Fluttershy Pinkie Pie Rainbow Dash Rarity Twilight Sparkle
18.08.2019
04.12.2020
32
205.111
4
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.08.2019 4.613
 
7. Das neue Canterlot

Dunkle Schemen, die aus dem finsteren Wald heraus Grimassen schnitten, Ponys die in Gelächter ausbrachen, schleimige Abscheulichkeiten, die ihre Hufe ausstreckten…
Gloomy konnte sich nicht erinnern, jemals so schlecht geträumt zu haben. Oder so viel. Durch das geschlossene Fenster, konnte er gedämpft das Treiben auf den Straßen von Canterlot vernehmen. Gloomy wollte nicht aufstehen aber weiterschlafen wollte er auch nicht. Er wollte nicht noch mehr träumen, richtete sich auf und stellte fest, dass er schweißgebadet war. Sollte er vielleicht einen Doktor aufsuchen? Nein, dachte er kopfschüttelnd. Ich weiß doch woran es liegt und ich werde das alleine schaffen. Kurz darauf klopfte es an die Tür, was ihn kurz aufschrecken ließ.
„Gloomy? Bist du da? Ich bin es nur“, ertönte eine Stimme, was sein Herz schlagartig höher schlagen ließ. Das war doch sicherlich Twilight. Er setzte sich in seinem Bett auf und freute sich sehr darauf sie endlich wiederzusehen. Irgendwie kam es ihm wie eine Ewigkeit vor.
„Komm doch rein“, antwortete er und überraschte sich selbst mit einer sehr krächzenden und müden Stimme. Er blickte zur Tür und was er sah, ließ sein Herz wild pochen vor Angst. Unter der Tür schien eine rostbraune Farbe hindurch, die ihn schlagartig an die letzte Nacht erinnerte. Auch das helle Rauschen war plötzlich wieder da. War er wieder zurück? Panisch hielt er sich die Ohren zu, als sich auch schon die Tür öffnete. Dahinter befand sich aber nichts Schreckliches. Nur der Hausflur und in der Tür stand nicht Twilight, sondern Minuette, die ihn nun mit verwirrter Miene entgegenblickte. Sie sagte irgendetwas, während sie eintrat und die Tür hinter sich schloss. Gloomy nahm vorsichtig die Hufe wieder von den Ohren und atmete erleichtert auf, denn das Rauschen war wieder fort.
„Bist du etwa gerade erst aufgestanden“, kam es von Minuette. Dann erschrak sie auf einmal und ging eilig auf ihn zu. „Aber Gloomy, was ist denn mit dir los? Du siehst ja gar nicht gut aus“. Gloomys Mähne war völlig durch den Wind und er trug dunkle Augenringe.
„Ist schon gut“, sagte er abwinkend und gähnte laut. „Wie spät ist es denn?“.
„Schon beinahe Nachmittag“, erwiderte Minuette besorgt. „Wir haben dich in Ponyville vermisst. Hast du etwa hier die ganze Nacht gefeiert?“. Gloomy zögerte, bevor er mit gerunzelter Stirn antwortete: „In gewisser Weise“. Minuette runzelte ebenfalls die Stirn und sagte: „Dann hat dir diese Feier aber nicht gut getan. Oder du hast einfach übertrieben“.
„Du sagst es. Beides“. Gloomy seufzte und fügte müde hinzu: „Die Sommersonnenfeier ist vorbei. Warst du schon bei Twilight?“. Minuette zögerte und antwortete dann: „Ähm, nicht direkt. Sie ist immer noch in Ponyville“. Auf Gloomys verwunderte Miene hin, erklärte sie ihm, dass Nightmare Moon doch nicht nur eine Legende war, wie sie alle geglaubt haben und wie Gloomy ja bereits erfahren hat und dass sie dort auf der Sommersonnenfeier anstelle von Celestia aufgetaucht ist.
„Was genau dahintersteckt, weiß ich aber eigentlich gar nicht. Celestias Schwester Luna ist wohl wieder zurückgekehrt. Kannst du das glauben?“, bemerkte Minuette begeistert.
„Aber wieso ist Twilight noch in Ponyville?“, fragte Gloomy verwirrt. Minuette blickte verlegen drein und antwortete: „Sie ist wohl umgezogen und wohnt jetzt dort“. Gloomys Augen weiteten sich. Er war zum einen überrascht und zum anderen erschrocken.
„Was? Aber habt ihr sie denn mal gesprochen? Wie geht es ihr denn?“, stammelte er.
„Nein haben wir nicht. Irgendwie war uns unwohl dabei. Ich meine, sie ist ja schließlich einfach so von hier fortgegangen ohne sich zu verabschieden. Aber sie scheint dort glücklich zu sein. Hat sogar einige neue Freunde gefunden. Kann mich nur leider nicht mehr an ihre Namen erinnern. Sah aus wie ein ziemlich wilder Haufen…“, erzählte Minuette heiter, während Gloomy ihr allmählich gar nicht mehr zuhörte. Er hatte genug gehört. Sie war gemein, ist einfach fortgegangen, zieht auch noch um und all das ohne sich auch nur einmal zu melden?
„Naja“, hörte er Minuette abschließend sagen. Dann bekam sie wohl seine Abwesenheit mit und fügte hinzu: „Vielleicht sollte ich morgen nochmal bei dir vorbeikommen. Mit den anderen natürlich. Dann erzählen wir dir genau, was auf der Sommersonnenfeier vorgefallen ist und du erzählst uns, was du hier getrieben hast. Bis dahin schläfst du dich mal ordentlich aus“. Bevor Gloomy reagieren konnte, war sie auch schon wieder zur Tür getrabt, auf den Flur hinaus und wandte sich um. Gloomy stockte der Atem, als ihm ein augenloses schattenhaftes Gesicht entgegenblickte und nur sein Maul bewegte. Gloomy hörte zunächst nichts. Dann ertönte auf einmal ein deutliches flüstern, als würde das Pony direkt neben ihm stehen: „Lügner!“. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah er dem Pony in der Tür entgegen, welches seinen Blick nur mit ausdrucksloser Miene erwiderte. Dann schlug auf einmal die Tür zu und es war Stille. Unangenehme Stille, in der Gloomy nur sein eigenes heftiges und unkontrolliertes Atmen vernehmen konnte. Hektisch blickte er sich um, bis schließlich wieder das normale Treiben von draußen zu vernehmen war.
Gloomy beruhigte sich allmählich wieder, aber ihm war auf einmal speiübel. Vielleicht war er auch einfach nur krank? Bestimmt. Aber nicht körperlich, dachte er missmutig. Brauchte er mehr Schlaf? Für was anderes war er sowieso gerade viel zu unmotiviert. Die Sache mit Twilight ließ ihm aber kaum Ruhe. Sie war glücklich in Ponyville? War sie denn hier nicht glücklich? Sie hat neue Freunde gefunden? Was ist mit ihren Freunden hier in Canterlot? Was sollten das dort für Freunde sein, wenn sie diese ihren alten Freunden vorzog? … Alte Freunde?

Diese Tage waren gerade dabei sich zu den schlimmsten Tagen zu entwickeln, die Gloomy je in Canterlot verbracht hat. Eigentlich sogar in seinem ganzen Leben. Er konnte nicht wirklich schlafen. Albträume plagten ihn und er wachte immer wieder schweißgebadet auf. Des Nachts entschied er sich in Canterlot spazieren zu gehen und hatte nach kurzer Zeit schon das Gefühl, ihn würden Erscheinungen verfolgen. Aber immer wenn er sich umdrehte, war da niemand. Er vernahm Stimmen aus den Seitengassen oder teilweise auch direkt aus seiner näheren Umgebung. Er jagte die Straßen entlang, aber er war alleine. Aus den Augenwinkeln glaubte er schattenhafte Ponygestalten zu erblicken, die sich bei genauerem Hinsehen aber als irgendwelches Gerümpel, Kisten, Stände oder sogar ganz normale Bäume entpuppten.
War er gerade dabei den Verstand zu verlieren? Sein Kopf dröhnte auf einmal. Er war am folgenden Tag in seinem Zimmer und hatte wieder Minuette zu Besuch, die ihr Wort gehalten und Lemon Hearts sowie Twinkleshine mitgebracht hat. Dort saßen sie gemeinsam an seinem runden Tisch auf dem Boden. Gloomy war sich nur nicht sicher, ob er darüber so glücklich war. Er hatte das Verlangen, allein zu sein und hörte ihren heiteren Erzählungen nicht wirklich zu.
„Aber genug davon“, sprach Twinkleshine schließlich. „Minuette meinte, du seist irgendwie völlig durch den Wind. Auf deine Mähne trifft das ja schon mal zu. Erzähl doch mal, was du vorgestern gemacht hast“. Gloomy horchte jetzt erst auf und antwortete nur: „Hä?“. Die drei Ponys warfen sich gegenseitig verwirrte Blicke zu.
„Ähm… hast du uns etwa nicht zugehört? Das Gefühl habe ich schon die ganze Zeit“, fragte Lemon Hearts vorwurfsvoll.
„Ah, ah“, machte Gloomy und schüttelte müde den Kopf. Twinkleshine schnaufte daraufhin.
„Wenn dich das nicht interessiert, wieso sagst du es dann nicht einfach?“, fragte sie entrüstet. Gloomy seufzte und antwortete: „Tut mir leid. Ich bin einfach nur müde“.
„Hast du denn gestern gar nicht geschlafen?“, fragte Minuette verwundert, worauf Gloomy erneut den Kopf schüttelte.
„Ich kann momentan nicht gut schlafen“, erklärte er. „Ich habe Albträume. Andauernd“.
„Albträume?“, wiederholten die drei Ponys alle gleichzeitig. Gloomy nickte und fuhr fort: „Und ich sehe Dinge. Andauernd. Dinge die eigentlich gar nicht real sind und die andere nicht sehen“. Die drei Ponys warfen sich erneut gegenseitig verwirrte Blicke zu.
„Davon habe ich noch nie etwas gehört“, warf Lemon Hearts besorgt ein. „Klingt irgendwie ziemlich gruselig“.
„Was siehst du denn zum Beispiel?“, fragte Minuette neugierig. Gloomy seufzte erneut missmutig. Wieso hatte er das überhaupt erzählt. Er glaubte nicht, dass sie ihm irgendwie helfen konnten. Aber trotzdem erzählte er von einigen Dingen, die er hin und wieder wahrnahm.
„Okay“, sprach Lemon Hearts mit vor Schreck geweiteten Augen daraufhin. „Das klingt nicht nur gruselig, es klingt einfach furchtbar“.
„Hm“, machte Twinkleshine plötzlich. „Außer das mit dem Grinsen. Das klang irgendwie lustig“.
„Ich finde es gar nicht lustig“, widersprach Gloomy ihr mit gerunzelter Stirn.
„Ach ja? Wenn ich dich jetzt also gaaanz breit angrinse…“.
„Hör auf!“, rief Gloomy und hielt sich die Hufe vor die Augen. Je mehr sie gesprochen hatte, desto weiter verzog sich ihr Maulwinkel. Gloomy hatte Angst, dass er gleich wieder so ein Gesichtsloses Pony sehen würde.
„Hey komm schon“, sprach Twinkleshine amüsiert. „Da ist doch gar nichts dabei“.
„Twinkleshine, lass das! Du siehst doch, dass er Angst hat“, bemerkte Lemon Hearts aufgebracht. Twinkleshine hörte auf zu grinsen und antwortete schuldbewusst: „Ja, du hast recht. Tut mir leid, Gloomy. Ich wollte nur einen kleinen Spaß machen“.
„Hat das irgendwas mit der Sommersonnenfeier zu tun? Bist du denn schon mal beim Doktor gewesen?“, fragte Minuette. Gloomy seufzte. Sie meinten es gut, aber sie konnten ihm nicht helfen und so sagte er zu ihnen: „Vielleicht ist es besser wenn ihr geht. Macht euch keine Sorgen, ich bin euch nicht böse… eher dankbar. Ihr seid zurückgekommen im Gegensatz zu manch anderem Pony. Aber ich denke, ich muss alleine einen Weg finden“. Darauf warfen sich die anderen wieder besorgte Blicke zu.
„Na schön“, antwortete Minuette geknickt. „Wie du meinst“. Sie liefen allmählich zur Tür, nicht jedoch ohne ihm noch einen letzten, besorgten Blick zuzuwerfen und verabschiedeten sich von ihm. Die Tür fiel zu und Gloomy war wieder allein. Daraufhin stöhnte er missmutig auf und ließ seinen Kopf geräuschvoll auf den Tisch knallen. Alleine einen Weg finden. Ganz genau. Aber wie sollte er ihn finden?

So leicht ließen sich Minuette und die anderen doch nicht abwimmeln. Gloomy hatte sich eigentlich vorgenommen sein Zimmer die nächsten Tage nicht zu verlassen, bis es ihm besser geht.
„Wie wäre es stattdessen, wenn du mit uns etwas durch Canterlot spazieren gehst?“, fragte Minuette aufmunternd einen Tag später früh am Morgen.
Gloomy war mitten in der Nacht aufgewacht und erblickte direkt gegenüber seinem Bett in der Ecke Schemenhaft ein Pony stehen. Er hatte sich die Decke übergezogen und wie gebannt darauf gestarrt. Irgendwann war es plötzlich verschwunden, aber er getraute sich nicht mehr, sich noch weiter umzusehen und schloss nur noch die Augen, um im nächsten Albtraum zu landen. Nun war er nur allzu dankbar für Minuettes Vorschlag, was er ihr aber nicht zu sagen getraute.
So liefen die vier Einhörner nun durch die bunten, belebten Straßen von Canterlot, blieben neugierig hie und da stehen um sich ein wenig umzusehen und genossen den Tag, so gut es ging. Bis auf eines von ihnen. Gloomy hatte momentan kein Auge für die Schönheiten, welche diese Stadt zu bieten hatte.
Diese Stadt, dachte er grimmig und blickte die hohen Türme hinauf, die ihn gerade unheimlich verschreckten und Schwindel auslösten. Was hat ihn nur veranlasst, jemals nach Canterlot zu kommen? Er kam sich gerade vor, als würde er die Stadt neu erleben. Mit finsterer Miene senkte er wieder den Blick nach unten und sah sich um. Der magische wundervolle Schein der Umgebung, welche durch das schräg einfallende Sonnenlicht reflektierte, blendete ihn. Die vielen Ponys auf den Straßen, die ihn zum Teil wegen seines krummen Horns und seiner ungepflegten Mähne verwunderte Blicke zuwarfen, verstörten ihn. Das beständige Vogelgezwitscher von nistenden Vögeln in den Bäumen, der Duft der Blumenwiesen von den naheliegenden Parks, der erfrischende Wind auf seinem Fell… er hasste Canterlot! Was hatte er hier eigentlich gefunden, außer Kummer und Leid?
In Gedanken versunken, trottete Gloomy, Minuette und den anderen hinterher, die sich die ganze Zeit fröhlich unterhielten, Witze machten und dabei lachten. Sicherlich lachten sie über ihn, dachte er und hatte alle Mühe sich zu beherrschen. Wie lange würde er das durchhalten? Plötzlich rempelte jemand gegen ihn.
„Oh, entschuldige…“, kam es daraufhin sofort. Es handelte sich um ein Fohlen, welches gerade über die Straße galoppiert ist. Gloomy wusste gar nicht recht, was als nächstes geschah.
„Kannst du nicht aufpassen, wo du hintrittst!“, rief er sofort erzürnt. Das Fohlen erschrak und wich eilig von ihm zurück.
„Hey!“. Die anderen, Minuette, Lemon Hearts und Twinkleshine waren sofort zur Stelle. „Spinnst du? Er hat sich doch entschuldigt“. Gloomy aber konnte darauf nicht reagieren, denn es geschah gerade etwas Merkwürdiges. Er stand dem Fohlen und den anderen gar nicht gegenüber. Stattdessen sah er das Fohlen, mit seinen drei Freunden einem schwarzgrauen Pegasus-Pony ein Stück voraus von sich entfernt entgegenstehen. Es hatte gewaltige federlose Schwingen, eine wabernde Mähne und seine Miene war so von Hass erfüllt, dass Gloomy ein Schauer über den Rücken lief. War das etwa…? Gloomy wollte sich nach vorn stürzen, um den anderen zu Hilfe zu eilen, aber einen Augenblick später fand er sich selber wieder ihnen direkt gegenüber. Erschrocken blickte er an sich hinunter. Er war nicht schwarzgrau und er trug auch keine Flügel. Was war hier nur los? Die Stadt Canterlot, flackerte von einem Augenblick zum Nächsten auf und brannte lichterloh in einer gigantischen Feuersbrunst. Voller Verzweiflung schloss Gloomy die Augen und schrie auf: „NEEEEIN!“, als der Spuk auch schon endete. Alles war wieder, wie gehabt.
Seine Freunde waren jetzt nicht mehr die einzigen, die ihm ganz aufgebracht und verwirrt entgegenblickten. Es war Still geworden und alle Augen auf ihn gerichtet. Gloomy selbst, kreidebleich im Gesicht, wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. „Tut mir leid“, sagte er nur noch leise zum Fohlen gewandt und galoppierte davon. In seiner Hast stieß er versehentlich so manches Pony oder Sonstiges aus dem Weg und schenkte den empörten Rufen keine Beachtung. Raus aus dieser Straße, aus dieser Schmach und am besten aus ganz Canterlot. Aber wo sollte er hin? Sein Zimmer musste fürs erste genügen. Er kam bei dem Gemeinschaftshaus an, stürmte die Treppe hoch, den Flur entlang, hinein in sein Zimmer, schmiss die Tür hinter sich zu und warf sich dagegen. Schwer atmend, hielt er in dieser Position inne. Er wollte diesen schrecklichen Moment einfach nur wegdrücken. Es war genau die Art von Peinlichkeit, von der er früher immer nur schlecht geträumt hatte. Wieso musste das passieren? Was war nur mit ihm los? Er hatte dieses schwarzgraue Pony im sogenannten Nichts bereits gesehen. Aber sie hatten es doch besiegt! Hatten sie das? War es ihm hierher gefolgt? Oder war er… selbst dieser Namenlose? Gloomy beruhigte sich nicht. Er galoppierte eilig durch sein Zimmer und ließ jedes noch so kleine Möbelstück durchs Zimmer schweben, um es anschließend gegen die Tür zu stellen. Das Fenster! Sofort zog er den Vorhang zu… wieso eigentlich? Auf dem Boden sitzend, knabberte er jetzt nervös an seinen Vorderhufen und blickte hektisch umher. Wenn er sich hier einsperrte, könnte er auch niemanden verletzen, dachte er. Einen Moment später schrie er auf, als es plötzlich an der Tür klopfte.
„Gloomy? Wir sind es. Ist mit dir alles in Ordnung?“. Es war die gedämpfte Stimme von Minuette.
„Geht weg!“, rief Gloomy halb panisch zurück durch das Gerümpel vor der Tür, welches aus dem Tisch, dem Bett mitsamt Beistelltisch und dem Regal bestand. Von dem ganzen Kleinkram wie seinen Büchern mal abgesehen. Nur die Kugel, die immer noch unter dem zerbrochenen Stuhl in der Ecke liegen müsste, hatte er nicht angerührt. Dann fiel ihm auf einmal noch das Bild mitsamt dem Rahmen an der Wand auf und ließ es sicherheitshalber gleich zu dem anderen Kram dazu schweben. Er hörte wie seine Freunde versuchten die Tür zu öffnen. Als es ihnen nicht gelang, riefen sie erneut: „Gloomy? Was ist denn los? Denkst du nicht, dass wir darüber reden sollten?“.
„Nein ich“, begann Gloomy und überlegte fieberhaft wie er sie loswerden konnte. „Ich rede Morgen. Ich will jetzt nur allein sein, okay? Ich werde zu einem Doktor gehen“. Für einen Moment herrschte nun schweigen, aber Gloomy konnte sie hinter der Tür miteinander tuscheln hören, verstand aber nicht was sie sagten.
„Na schön“, kam es schließlich. „Dann kommen wir morgen nochmal vorbei“. Morgen? Da würde doch aber nichts anders sein, dachte Gloomy verzweifelt, während die anderen sich von seiner Tür entfernten. Was sollte er denn jetzt nur tun? Er schloss die Augen und versuchte sich erst einmal zu beruhigen, bevor er seine Möglichkeiten abwog. Als erstes kam ihm seine Sippe in den Sinn. Nein! Er wollte ihre Hilfe nicht. Aber war es nicht das vernünftigste? Dann kam ihm aber eine viel bessere Idee.
Twilight! Sie war sehr schlau und er hörte sie fast schon in Gedanken sagen: „Du siehst Dinge? Moment mal. Darüber habe ich schon mal was gelesen. Wo war es denn gleich…“. Darauf überkam ihn sogar kurz ein schmunzeln, gefolgt von heftigen Kopfschmerzen. Sein Kopf dröhnte schon wieder… und Twilight wohnte auch nicht mehr hier. Sie wohnte jetzt in… Ponyville! Er würde Twilight in Ponyville besuchen! Dagegen sprach doch nichts, dachte er. Ein Freund… oder meinetwegen ein alter Freund, besucht einen Freund oder alten Freund. Dieser Gedanke gefiel ihm äußerst gut und er schöpfte gerade ungemein Mut daraus. Aber so heikel die Situation jetzt auch war, so getraute er sich dennoch nicht, diesen Gedanken wirklich durchzuführen. Was wenn dort vor Twilight so etwas wie hier passieren würde? Würde sie noch zu ihm stehen? Würde sie ihm überhaupt glauben? Aber irgendetwas musste er tun und so entschloss er sich doch nach Ponyville aufzubrechen. Jedoch wollte er sich für heute erst mal wieder etwas beruhigen und dort auch nicht einfach so aus heiterem Himmel antanzen. Es ging nicht anders… er musste einen Brief schreiben. Leider war schreiben nicht viel weniger problematisch als lesen aber kurze Briefe gingen da noch.
Gloomy fand in dem durcheinander vor der Tür Federkiel und Tinte, aber kein Papier. Ob dieser Erkenntnis stöhnte er genervt auf. Dann kam ihm ein vorsichtiger Gedanke, als sein Blick über seine bebilderten Bücher schweifte. Dort gab es immer mindestens ein Blatt welches auf beiden Seiten leer war. Wieso eigentlich? Vielleicht genau dafür! Twilight würde ihn rüffeln, aber egal. Gloomy ließ ein Buch herbeischweben, schlug es auf und fand gleich vorne das leere Blatt. Ohne zu zögern riss er es hinaus, ließ das Buch wieder verschwinden und begann gleich dort auf dem Boden sein Schreiben in die Tat umzusetzen. Also schön, dachte er und atmete einmal tief durch. Die Anrede.
Meine liebe Freundin Twilight Sparkle,
Schreiben war teilweise noch schlimmer als zu lesen. Er wusste zwar genau was er schreiben wollte, aber nicht ob er hinterher auch das geschrieben hat und nochmal drüber zu lesen brachte ja auch nichts. Es war zum Mähne raufen! An der Schule konnte das niemand nachvollziehen und er selber auch nicht. Aber egal. Nächster Part, die Nachricht.
Ich habe gehört, dass du nach Ponyville umgezogen bist und würde dich gleich morgen früh gern besuchen kommen.
Mithilfe seiner Magie ließ er den Federkiel über die Seite schwingen. Dann fehlt ja nur noch der Schluss.
Gloomy Arcane
Er hatte so schnell geschrieben, dass seine Schrift sehr krakelig war aber das musste genügen. Was auch immer jetzt in diesem Brief stand, so würde er sein Kommen doch immerhin ankündigen. Obwohl es ihm aufdringlich vorkam einfach so kurzfristig aufzutauchen aber das war ihm egal. Seiner Meinung nach, war Twilight nicht nur ihm eine Erklärung schuldig.
Ohne weiter nachzudenken, wollte er gerade den Brief in seiner Mähne verstauen, als er erschrocken feststellte, dass der Brief auf einmal ganz schleimig war. Eine widerliche, schwarzgraue Masse quoll langsam daraus hervor und schien sich irgendwie aufzuplustern. Gloomy schreckte auf und wich eilig zurück. Der vor Schleim triefende Kopf eines Ponys erhob sich auf einmal aus der Masse und blickte Gloomy fies und unbarmherzig direkt entgegen, mit denselben leeren Augenhöhlen wie bereits zuvor in dem Nichts. Es kreischte laut auf, dass es Gloomy durch Mark und Bein ging. Dieser sprang mit einem Satz zurück und kauerte sich ängstlich auf dem Boden zusammen. Nicht nochmal! Bitte nicht! Wieso geschah es immer wieder? War das überhaupt ein und dieselbe Kreatur? Wie konnte sie denn hier sein? Aber… Stille. Gloomy blieb eine Weile liegen und versuchte sich zu beruhigen. Gut zu wissen, dass seine provisorische Abschottung überhaupt keinen Zweck erfüllte, dachte er. Vielleicht sollte er doch lieber sofort aufbrechen? Immerhin musste er hier noch einen Tag irgendwie rumkriegen. Der improvisierte Brief lag genauso da, wie er ihn ursprünglich zurückgelassen hat und die Kreatur war wieder fort. Gloomy schluckte, richtete sich wieder auf und trat vorsichtig näher an den Brief. Nichts geschah. Es war doch alles nur Einbildung. Nur Einbildung… Er atmete tief durch, verstaute den Brief in seiner Mähne und nahm sich vor, die ganze Einrichtung wieder an seinen Platz zu stellen und sich anschließend zum Postamt zu begeben.

Der sonnige Tag machte keinen Unterschied. Gloomy war so müde das er eigentlich nur schlafen wollte, aber er fand keine Ruhe und die Zeit zog sich dahin. So beschloss er spontan doch einen Doktor aufzusuchen, obwohl er es eigentlich nicht wirklich vorgehabt hat. Der Betrieb in der Praxis hielt sich in Grenzen, worüber Gloomy allerdings gar nicht so glücklich war. Einerseits zwar schön, denn das bedeutete mehr Ruhe vor anderen Ponys, aber andererseits hatte er sowieso nichts vor.
Als Gloomy aus dem Fenster sah, wurde er auf etwas aufmerksam was sich hoch oben auf einem Balkon eines Turms abspielte. Dort stand die ganze Zeit schon ein Pony ganz dicht an der Brüstung und starrte offenbar in die Ferne. War das... Twilight? Er ging näher ans Fenster und war sich ziemlich sicher, dass er sie dort erkannte mit ihren vielen verschiedenen Blautönen. Aber sie war doch in Ponyville? Plötzlich stieg das ferne Pony auf die Brüstung und zögerte auch keinen Moment sich in die Tiefe zu stürzen, worauf Gloomy fast das Herz stehen blieb. Stumm beobachtete er, wie Twilight hinunterfiel, aufschlug und dort reglos liegen blieb. In diesem Moment blieb die Welt für Gloomy stehen und er konnte nichts als seinen eigenen Herzschlag hören. Das war gerade nicht wirklich passiert. Es konnte nicht sein. Vor seinen Augen verschwammen die bunten Farben Canterlots und legten alles um ihn herum in ein trübes, mattes schwarzweiß. Umgekehrt war es vermutlich nicht so, aber für Gloomy war Twilight die beste Freundin, auch wenn sie sich in letzter Zeit so komisch benommen hat. Und jetzt?
„Gloomy Arcane!“. Er war kreidebleich im Gesicht und starrte weiterhin nur in die Ferne auf Twilights reglosen Körper, während die Ponys drum herum sie gar nicht zu beachten schienen. Die Welt besaß keine Farbe mehr. Alles hatte seinen Sinn verloren.
„Gloomy Arcane! Wenn ich bitten darf!“. Die fernen Rufe der Doktorin drangen in Gloomys Ohren, worauf er sich schließlich abwandte. Wie im Traum betrat er ihr Zimmer und verstand gar nicht, was sie da eigentlich gerade von sich gab.
„Ich sehe schon“. Die Doktorin machte sich ein paar Notizen an ihrem Schreibtisch, während Gloomy ihr Wortlos und mit großen Augen gegenübersaß. Er vermochte es nicht ihre Farben zu erkennen. Ein schmutzig weißer Kittel, sowie ein dunkelgraues Fell mit einer etwas helleren Mähne und einem dunklen Kreuz auf der Flanke. Nun legte sie ihren Federkiel beiseite, rückte sich die Brille zurecht, stützte ihren Kopf mit den Hufen auf dem Tisch auf und blickte Gloomy scharf entgegen. „Aber du wirst schon mit mir reden müssen. Sonst kann ich dir nicht helfen“. Darauf begann Gloomy alles ungefiltert zu erzählen, was nicht unbedingt die beste Idee war. Eigentlich hatte er sich vorher überlegt, was erzählt werden könnte und was besser nicht. Aber er stand im Moment so unter Schock und dachte nicht mehr daran. Seine Erzählung endete schließlich damit, dass seine Freundin sich eben vor dem Fenster vom Turm gestürzt hätte.
Schweigen herrschte nun im Zimmer, wobei die Doktorin, Gloomy mit weit aufgerissenen Augen entgegenstarrte und hin und wieder blinzelte. Gloomy störte sich nicht daran und erwiderte ihren Blick nur mit ausdrucksloser Miene. Schließlich stand sie auf, trat an ihr Fenster heran und blickte hinaus. Dann wandte sie sich mit gerunzelter Stirn wieder an Gloomy und sprach nüchtern: „Vielleicht beruhigt es dich, wenn ich dir mitteile, dass sich niemand vom Turm gestürzt hat. Dafür ist es auf den Straßen viel zu friedlich“. Sie setzte sich wieder an ihren Platz und musterte Gloomy aufmerksam. Er konnte ihre nächsten Worte nicht verstehen, da er plötzlich einen starken Druck auf seinen Ohren verspürte, der allerdings sogleich wieder verflog. „... ich will dir mal glauben, dass du vor kurzem etwas Schreckliches durchgemacht hast, aber reden wir doch mal Klartext“. Die Doktorin zögerte und dachte nach. „Was ist denn passiert?“.
„Das habe ich doch erzählt“, entgegnete Gloomy tonlos.
„Tut mir leid, aber ich glaube nicht an den Tartarus“, erklärte die Doktorin kopfschüttelnd. Sie hatte ja schon so manches Pony hier sitzen, welches sich krankschreiben lassen wollte, aber so eine komplizierte Geschichte hatte sie zuvor noch nie gehört. Jedoch konnte sie ihn nicht Lügen strafen und es schien sich auch nicht um einen Scherz zu handeln, denn es war nicht die Spur einer versteckten Grimasse in dem Pony vor ihr zu erkennen. Im Gegenteil. Er wirkte als hätte er eben etwas Schreckliches erlebt und schien fest überzeugt von dem was er erzählt hat. „Du hast möglicherweise vor kurzem ein Trauma erlitten und weißt gar nicht mehr was genau eigentlich passiert ist“.
Tartarus... Gloomy hatte dieses Wort schon einmal gehört. Das war der Name des fernen Ortes, für all die bösen Kreaturen hier in Equestria. Jedes Reich hatte seine eigene Bezeichnung dafür. Sie glaubte also, dass Gloomy darüber gesprochen habe?
„Und was kann ich dagegen tun?“, fragte Gloomy mutlos, denn er rechnete nicht mit einer hilfreichen Antwort.
„So einfach ist das nicht. Das braucht viel Zeit. Erst einmal müssten wir herausfinden, wodurch das Trauma entstanden ist“, antwortete die Doktorin geduldig und mit sanfter Stimme, bevor sie missbilligend hinzufügte: „Und das beinhaltet sicher nicht irgendwelche Kreaturen aus dem sogenannten Tartarus“.
„Wie auch immer“. Gloomy stand von seinem Platz auf. Sei es der Tartarus oder das Nichts, er glaubte nicht nur, sondern er wusste, dass diese Welten existierten. Nicht umsonst kämpfte seine Sippe schon seit langer Zeit gegen jene Kreaturen an und das waren real existierende Bedrohungen. Gloomy hatte jedoch nicht die Muße, irgendein Pony davon zu überzeugen. „Ich werde darüber nachdenken. Dankeschön“. Verdutzt blickte die Doktorin Gloomy hinterher, während dieser gerade die Praxis verließ.
Jetzt war Gloomy noch unsicherer als vorher. Dieser Wahnsinn schien kein Ende zu nehmen, sondern nur noch schlimmer zu werden. War es das? Wusste er nicht mehr was passiert ist? War es überhaupt passiert? Wie wahnsinnig kann man eigentlich sein? Die Stimme des Prinzen des Wahnsinns hallte auf einmal in seinem Kopf wieder und stürzte Gloomy noch tiefer in seine Grübelei.
Mit gesenktem Blick und teilnahmsloser Miene schritt Gloomy über die Straßen der farblosen Stadt. Ein erneutes Dröhnen auf seinen Ohren verhinderte, dass er irgendetwas hören konnte und er schenkte dem Geschehen um sich herum keinerlei Beachtung. Wozu jetzt noch nach Ponyville gehen?
Etwas knisterte unter seinen Hufen, als er die Schwelle zu seinem Zimmer betreten wollte. Vor seiner Tür lag ein kleiner Brief... war das etwa...
Auf umständliche Weise versuchte er mit seiner Magie den Brief zu öffnen und hielt schließlich einen winzig kleinen Zettel in seinem Huf, worauf nichts weiter stand als: Gerne, Gloomy. Komm vorbei. Twilight.
Gloomy brach unmittelbar in Tränen aus, als er diesen kleinen unscheinbaren Brief las. Das war der Beweis. Es war nicht alles verloren. Twilight war wohlauf und sie hatte sich extra so kurz gefasst, weil sie genau wusste, dass ein längerer Brief keinen Sinn erfüllte. Wie war der Brief eigentlich hierhergekommen? Vielleicht ein Wink des Schicksals! Oder einfach nur ein fleißiges Postbotenpony, denn eigentlich gab es hier keine Postkästen, weswegen sich die Postboten normalerweise auch nicht hierher bemühten.
Neuen Mutes betrat er sein Zimmer, während alles um ihn herum wieder in Farbe getaucht wurde, ließ sich auf seinem Bettchen nieder und las den Brief noch ein paar weitere male durch, bevor er einschlief.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast