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Agonia Luminis

von Sauden
GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Apple Jack Fluttershy Pinkie Pie Rainbow Dash Rarity Twilight Sparkle
18.08.2019
04.12.2020
32
205.111
4
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.09.2019 3.517
 
10. Ein Zauber eben

Wieder überkam Gloomy dieses unangenehme Gefühl, als würde er durch einen Schlauch gezogen werden, aber es funktionierte. Er traf auf der anderen Seite ein… und sogar am richtigen Ort in Nomas blassgrünem Zelt.
„Hallo? Alles okay da drüben?“, drang plötzlich die besorgte Stimme von Twilight durch die Kugel. Gloomy sah sich um. Von Noma war zunächst keine Spur zu sehen. Es war recht kühl und er konnte das Heulen des Windes hören, der von außen gegen die Zeltwände drückte. Abgesehen davon vernahm er merkwürdige Geräusche. Ein leises plätschern, ein rascheln oder ein dumpfer Ton als würde stetig etwas von oben gegen das Zelt klopfen. Könnte es sein, dass…
„Bist du sicher, dass man dich überhaupt hört?“, folgte die Stimme von Spike.
„Offen gesagt nein“. Gloomy konnte Twilight in der Kugel stehen sehen, die sich im Moment zu Spike umgewandt hatte.
„Super. Gloomy hätte uns ruhig noch sagen können, was er jetzt macht…“.
„Alles okay“, beschwichtigte Gloomy die beiden und unterbrach dabei Spikes Geschimpfe. „Und ja, ihr seid laut und deutlich zu hören“. Spike brabbelte kleinlaut irgendetwas im Hintergrund vor sich hin, was Gloomy nicht verstand, während Twilight sich überrascht umdrehte und ihm durch die Kugel entgegenblickte.
„Puh, so ein Glück“, sagte sie erleichtert ausatmend. „Und siehst du schon jemanden?“.
„Nein. Niemand da…“, erwiderte Gloomy, als die Anhänger am Zelteingang plötzlich zu klimpern und zu rascheln begangen. Gloomy drehte sich erschrocken um und bemerkte Noma Lifelong, triefend Nass und sah ihm mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Dann zog sich ein sanftes Lächeln über ihr Gesicht und sie sprach: „Ah, hallöchen Gloomy. Da bist du ja wieder“. Dieser sah ihr entgeistert entgegen und antwortete: „Was ist denn mit dir passiert? Wieso bist du denn so nass?“. Darauf lachte Noma kurz auf und schüttelte sich. Die Nässe schien ihren Rastalocken nicht viel anzuhaben, außer dass sie jetzt eben nicht mehr so fluffig war wie zuvor.
„Gleichfalls. Und was ist mir dir passiert? Wieso bist du so zerzaust?“, entgegnete sie amüsiert. Gloomys Miene verfinsterte sich daraufhin. „Tut mir leid. Ich konnte nicht widerstehen“, fügte sie wohlwissend mit gesenktem Blick hinzu und seufzte schwer, bevor sie mit gelassener Stimme fortfuhr: „Du bist eindeutig schon an die Umstände in Equestria gewöhnt. Aber das hier ist nicht Equestria und hier gibt es nun mal keine Pegasi, die das Wetter kontrollieren. Es regnet, mein Lieber“.
„Es ist ziemlich kalt“, warf Gloomy bibbernd ein.
„Ja. Dabei bist du nicht mal so nass wie ich“, erwiderte Noma, während sie sich ihre herunterhängenden Locken auswrang. „Wir sind näher am Nordland, als mir lieb ist. Leider haben sich die Großratten dieses Mal als nicht sehr diplomatisch herausgestellt. Daher müssen wir diesen Umweg gehen… Ah!“. Sie hielt auf einmal inne, als ihr Blick auf die Kristallkugel gefallen ist und trat begeistert näher an diese heran. „Du musst Twilight Sparkle sein, die Freundin von Gloomy. Ich bin wirklich hocherfreut, deine Bekanntschaft zu machen“. Twilight blickte mit großen Augen zurück und antwortete schließlich verlegen: „Ähm. Gleichfalls. Nun... ja…“.
„Mädchen, ich wollte mich wirklich gerne mit dir unterhalten“, unterbrach Noma auf einmal. „Aber das würde ich dann doch lieber etwas persönlicher gestalten. Und nun möchte ich gerne erst mal unter vier Augen mit Gloomy reden. Ist das okay?“.
„Oh, ähm. Natürlich. Das ist vollkommen okay“, erwiderte Twilight und blickte sich verunsichert um. „Ähm. Müssen wir den Raum verlassen?“.
„Nicht doch“, entgegnete Noma glucksend und wandte sich an Gloomy. „Wärst du so freundlich?“. Sie deutete auf die Kugel. „Ach lass gut sein. Ich mache es schnell selbst“. Ohne zu zögern holte Noma mit ihrem Huf aus und schlug wie mit einem Hammer auf die Kugel drauf, worauf diese abstürzte und auf den Tisch knallte. Dabei verschwand das Bild der erschrockenen Twilight in der Golden Oak Bibliothek und sie nahm wieder das schimmernde lila an.
„So viel zum Thema deiner Fähigkeit, mit der Kristallkugel umzugehen“, bemerkte Gloomy halb erschrocken, halb verunsichert. Noma winkte lässig ab und antwortete: „Ach, nur draufschlagen, das bekommt jedes Pony hin. Es macht nur niemand“. Dann zögerte sie einen Moment und fügte hinzu: „Und das ist wohl auch gut so“.
„Weil sie sonst kaputtgehen?“, fragte Gloomy. Noma schüttelte den Kopf und erwiderte: „Es braucht schon weitaus mehr als das, um die Kugeln zu zerstören“. Gloomy runzelte die Stirn. Ihm war gerade etwas eingefallen.
„Dazu hätte ich gleich eine Frage. Ich habe meine Kristallkugel eigentlich in Canterlot gelassen. Dann bin ich mit dem Zug nach Ponyville gefahren und die Kugel war auf einmal auch da“, erklärte Gloomy. „Oder davor noch in Canterlot. Ich weiß nicht wohin ich meine Kugel verlegt habe, aber dennoch stand sie plötzlich auf dem Tisch in meinem Zimmer“.
„Ich höre keine Frage, mein Junge“, sagte Noma, mit einem milden Lächeln auf den Lippen.
„Wie kommt das? Bist du dafür verantwortlich?“, fragte Gloomy ungeduldig. Noma seufzte und antwortete ruhig und bedächtig: „Das Wohl meiner Sippe liegt mir sehr am Herzen. Ob du es glaubst oder nicht, aber das schließt auch deines mit ein. Auch wenn du nicht mehr mit uns zusammen reist, so bist du immer noch ein Teil von uns“.
„Ja, es fällt mir irgendwie schwer das zu glauben“, erwiderte Gloomy zynisch. Einen Moment herrschte schweigen, in dem Noma ihm eindringlich entgegenblickte. Gloomy hatte ein zorniges Funkeln in den Augen und hielt dem Blick stand, bis Noma schließlich den ihren senkte und leise sprach: „Es tut mir wirklich leid, Gloomy“. Dieser schnaubte, wandte sich trotzig ab und antwortete: „Auch das fällt mir schwer zu glauben“.
„Ich hoffe du bist nicht hergekommen um immer noch böse auf mich zu sein. Oder auf deine Eltern“, bemerkte Noma ruhig.
„Eigentlich bin ich nur hier, weil Twilight der Meinung war, ihr verdient eine Chance euren Fehler wiedergutzumachen“. Noma überkam daraufhin ein Lächeln und sprach mehr zu sich selbst: „Ja. Die kleine war mir gleich sympathisch“. Dann seufzte sie und fügte hinzu: „Vielleicht sollte ich dir einen Einblick in die Fehler eines alten Ponys geben. Auch wenn ich natürlich nach außen nicht alt wirke. Aber die letzten Tage habe ich mich wirklich sehr alt gefühlt“. Unterdessen trat Noma an einen der vielen Keramikkrüge auf dem Boden und drehte dort an etwas, was wie ein kleines Ventil aussah. Dann zog sie einen glimmenden Zündstab heraus und hielt ihn eine Weile in einen der danebenstehenden Krüge hinein, bis schon Rauch daraus aufstieg. Sie legte einen Deckel darauf und steckte den Zündstab wieder zurück. „Du darfst deinen Eltern wirklich nicht böse sein. Sie schwiegen, weil ich sie darum bat, aber das taten sie äußerst widerwillig. Du fragst dich, warum ich dir das alles vorenthalten habe?“. Gloomy hatte sich inzwischen wieder zu Noma umgewandt, die sehr leise und langsam sprach und die Rauchschwaden beobachtete welche aus den kleinen Öffnungen an den Seiten des Kruges hinausstiegen und sich langsam im ganzen Zelt verteilten. „Ich wollte dir die Aufregung ersparen. Ich wollte, dass du deine Zeit in Canterlot so gut es geht genießen kannst. Ich sorgte mich zu sehr um dich und letztendlich ist es alles viel schlimmer gekommen, als wenn ich es dir von Anfang an einfach gesagt hätte“. Plötzlich wandte sich Noma zu Gloomy um, der ihr mit großen Augen entgegenblickte. Sie wirkte sehr müde. „Ich wollte dich nie derartig in Gefahr bringen. Ich weiß, wie du dich für die Magie in Equestria faszinierst, aber sie dir auch nicht leicht fällt. Und ich weiß auch, wie schwer du dich mit fremden Ponys tust. Oder überhaupt mit Canterlot. Ich weiß von den Schikanen, der anderen Ponys wegen deinem Handicap, weil du das gelesene nicht im Kopf behalten kannst“. Gloomys Augen waren immer größer geworden, während er Nomas Worten fassungslos lauschte. „Ich dachte… du hättest bereits genug Aufregung damit“. Sie sah Gloomy mit festem Blick entgegen, aber er war sich sicher eine Träne in ihren Augen zu erkennen.
Die nächsten Momente herrschte schweigen. Der Wind hatte aufgehört zu heulen, drückte aber immer noch gegen die Zeltwände und der Regen klopfte nach wie vor sachte an die Decke. Inzwischen stieg Gloomy ein sanfter und angenehmer Geruch von Zimt und Heu in die Nüstern. Der Rauch aus dem Krug hatte sich mittlerweile im ganzen Zelt verteilt und schien eine beruhigende Wirkung zu entfalten.
Gloomy wusste nun nicht wirklich, was er sagen sollte und begann vorsichtig: „Ähm“. Sollte er sich nun vielleicht bedanken? Irgendwie war ihm sehr unbehaglich zumute. „Woher kommt das eigentlich? Wieso kann ich nicht richtig lesen?“, fragte er schließlich. Das würde ihn allerdings wirklich interessieren. Damals hatten sie ihm nur gesagt, dass er eben Schwierigkeiten beim Lesen habe. Er fragte nicht warum, da er sowieso nicht viel las bevor er in Canterlot war und inzwischen hatte er sich daran gewöhnt. Noma zögerte und antwortete schließlich bedächtig: „Das solltest du vielleicht besser deine Eltern fragen“. Als hätten diese vor dem Eingang gestanden und nur auf diese Worte gewartet, kamen kurz darauf Pa und Ma hineingetrappelt. Im Gegensatz zu Noma waren sie jedoch kein bisschen durchnässt, sondern liefen sicher umhüllt von einer schützenden, magischen Blase daher, die von Pa’s türkisfarben leuchtenden Horn aufrechterhalten wurde. Kurz darauf erlosch dessen Horn und die Blase löste sich auf, gefolgt von einem stöhnen Nomas.
„Manchmal beneide ich euch Einhörner wirklich“, sprach sie, worauf Pa zu glucksen anfing.
„Du wurdest doch gefragt, ob dich jemand begleiten sollte“, antwortete er, worauf Noma verächtlich schnaubte.
„Davon habe ich nichts gehört. Vielleicht kannst du diese Frage beim nächsten Mal stellen, wenn ich nicht längst auf dem Weg bin, Gloomy Senior!“. Pa gab darauf einen sehr gequälten Laut von sich und antwortete mit bedauern in der Stimme: „Oh, du sollst mich doch nicht so nennen. Da fühle ich mich immer so alt“. Dann ging er auf Gloomy zu, wieder mit fröhlicherer Miene und klopfte ihm sachte auf die Schulter. „Ist mit dir alles in Ordnung? Wir haben dich früher erwartet. Du kannst wirklich sehr stur sein“. Er schmunzelte plötzlich. „Ich frage mich von wem du das hast“.
„Na von mir sicher nicht“, warf Ma sofort mit gerunzelter Stirn ein. „Du hättest dich an seiner Stelle genauso verhalten“. Pa stand mit dem Rücken zu ihr und rollte vor Gloomy mit den Augen, bevor er sagte: „Ja ich weiß. Das war doch keine ernst gemeinte Frage“. Gloomy schwieg die ganze Zeit über. Ihm war unbehaglich zumute, weil er so fies zu den beiden bei ihrer letzten Begegnung war und nun wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Dennoch überkam ihn aber für einen Moment ein schmunzeln. Pa trat nun beiseite und legte den Weg zu seiner Ma frei, die ihm mit großen Augen entgegenblickte. So schwiegen sie sich beide einen Moment nur an, bis Gloomy den Kopf hängen ließ.
„Es tut mir leid, was ich zu dir...“, begann er aber Ma unterbrach ihn: „Nein das muss es wirklich nicht. Es ist doch alles gut“. Sie nahm ihn für einen Moment behutsam in den Huf. Gloomy fühlte sich, als wenn der Stress der vergangenen Tage nun von ihm entgleiten würde. Vielleicht war ja damit wirklich wieder alles okay. „Oh weh, Schatz. Hast du mal deine Mähne gesehen?“. Seine Ma ließ ihn schließlich wieder los. Wenn sie es denn überhaupt noch war, denn vor Gloomy befand sich auf einmal ein Pony mit weit aufgerissenem Maul, welches sich über das ganze Gesicht zog und blitzende, spitze Zähne offenbarte. Es kam näher und lachte dabei mit hoher und verzerrter Stimme auf, worauf Gloomy erschrocken zurückstolperte. So plötzlich wie es da war, war es auch wieder verschwunden und Gloomy begann sofort aufgeregt zu stottern: „Tut mir leid. Ich habe nicht…“.
„Ist schon gut“, unterbrach ihn Ma erneut völlig ruhig und besonnen. Gloomy blickte ihr verwundert entgegen. Nicht nur sie, sondern auch die anderen wirkten kein bisschen beunruhigt oder erschrocken. Gloomy schüttelte hastig den Kopf und erwiderte: „Nichts ist gut. Seit den letzten Tagen… seit ich in diesem Nichts war…“.
„Siehst du ständig erschreckende und abscheuliche Dinge?“, beendete Ma seinen Satz. „Kannst nicht schlafen, weil du Albträume hast?“. Gloomy antwortete nicht, sondern sah ihr nur mit offenem Maul entgegen, worauf Ma zu lächeln begann und fortfuhr: „Ich habe dir doch gesagt, dass du alles nacherleben wirst. Du erinnerst dich bestimmt. Ich weiß, dass du gut zuhören kannst“. Gloomy senkte einen Moment verlegen den Blick bevor er fortfuhr: „Aber was nun? Diese Albträume sind schrecklich. Ich kann nicht mehr schlafen und diese Dinge, die ich sehe…“, Gloomy schluckte und musste bei dem Gedanken anfangen zu zittern. „Ich habe sogar schon meine Mitponys deswegen angegriffen“.
„Oh, mach dir keine Sorgen. Das vergeht mit der Zeit von ganz alleine“, warf Pa auf einmal ein, worauf Gloomy ihm Hoffnungsvoll entgegenblickte und fragte: „Und wie lange dauert das?“.
„Naja, in zehn bis zwanzig Monden vielleicht“, antwortete Pa nachdenklich. „Wobei einige Ponys mal behauptet haben, dass die Stärke und Häufigkeit dieser transzendenten Effekte mit der Zeit noch zunehme“.
„W-W-Was?“, entgegnete Gloomy erschrocken. Hatte er gerade richtig verstanden, dass es im Moment erst der Anfang war? „Aber das geht nicht“, stotterte er.
„Wirklich toll gemacht, Liebling“, warf Ma kopfschüttelnd mit gerunzelter Stirn ein. Pa stutzte auf einmal und fügte verlegen lächelnd hinzu: „Ähm. Ich meine, es vergeht schon von alleine. Du musst nur eine Weile durchhalten. Allerdings scheinst du tatsächlich sehr empfänglich für das Nichts zu sein, wenn es jetzt schon bei dir so schlimm ist…“. Weiter kam er nicht, denn Ma unterbrach ihn mit finsterer Miene: „Bitte sag jetzt für den Rest des Gesprächs einfach gar nichts mehr, okay?“. Pa verfiel ins schweigen und wandte sich beschämt ab. Gloomy war kreidebleich angelaufen. Er stellte sich bereits vor, was für eine Zeit ihm jetzt bevorstand. Vielleicht wäre es besser, wenn er in die Sippe zurückgehen würde, wo die Ponys wenigstens Verständnis dafür hätten.
Ma stöhnte plötzlich auf und ihr Horn begann blaulia zu leuchten, worauf ein schlichter Anhänger aus ihrer Mähne schwebte, an dem nichts weiter hing als ein fünfzackiger, hölzerner Stern. Diesen legte sie ohne ein Wort zu sagen um Gloomys Hals, der ihr darauf verwirrt entgegenblickte. Sie deutete seinen Blick und begann zu erklären: „Die Namenlosen hinterlassen Spuren auf unserer Seele, die so etwas wie Halluzinationen hervorrufen. Und das ist ein Schutzzauber. Mein Schutzzauber, um genau zu sein. Er bewahrt dich vor ihrer negativen Energie und du solltest ihn für die nächste Zeit immer bei dir tragen. Auch beim Schlafen!“. Gloomy zögerte und begann, immer noch erschrocken und ungläubig, den Anhänger abzutasten, als würde er sich vergewissern wollen, dass er wirklich da war. Das war alles?
„Aber wieso hat Pa dann gesagt, ich müsse durchhalten?“, fragte Gloomy verwirrt.
„Weil er ein Idiot ist!“, antwortete Ma aufgebracht und an Pa gewandt, der inzwischen ganz klein geworden war. Dann begann sie plötzlich mild zu lächeln und fügte sanftmütig hinzu: „Manchmal zumindest“. Gloomy beruhigte sich nur sehr langsam wieder.
„Aber ich dachte ich bin… dann bin ich also nicht…“, stammelte er.
„Wenn du besessen wärst, würden wir dieses Gespräch nicht führen“, warf Noma auf einmal dazwischen. „Und du wärst unerreichbar für uns“, fügte sie niedergeschlagen hinzu. Gloomy strich immer noch über den Anhänger drüber, bis seine Sorgen sich plötzlich in Luft auflösten und ihm vor Erleichterung die Tränen kamen.
„Ich danke euch allen wirklich von ganzem Herzen“, platzten jene Worte plötzlich aus ihm heraus, worauf sie ihm glücklich entgegenlächelten. Es war die richtige Entscheidung und es tat gut, dass er sich wieder mit ihnen versöhnt hatte.
Auf einmal hörten sie eiliges Hufgetrappel von draußen, gefolgt von aufgeregten rufen: „Noma! Noma!“, ertönte es und ein junges Einhorn-Pony in Gloomys Alter erschien am Zelteingang. „Es ist was passiert. Wir brauchen deine… oh“. Sie stutzte auf einmal und als sie Gloomy sah, begann sie zu kichern. „Huch. Du bist ja wieder da“. Gloomy erinnerte sich an dieses Pony und es waren keine guten Erinnerungen. Sie war äußerst hübsch, mit rubinrotem Fell und einer langen, edlen, azurblauen Mähne. Jedenfalls soweit es erkennbar war, denn sie trug im Moment einen dunklen Umhang mit heruntergezogener Kapuze, wie die Sippe sie bei manchen Ritualen zu tragen pflegten. Ihr Schönheitsfleck war daher im Moment nicht erkennbar und Gloomy erinnerte sich auch nicht mehr daran. Sie war gar nicht nass, was wohl hieß, dass der Regen aufgehört hatte.
„Offensichtlich“, entgegnete Gloomy nur mit gerunzelter Stirn und bevor noch einer von ihnen etwas sagen konnte, schritt Noma mahnend dazwischen: „Delirabelle! Was haben dir deine Eltern gesagt?“. Delirabelle stöhnte auf und antwortete genervt: „Das ich nicht immer so unverfroren in die Zelte stürmen soll“.
„Und was habe ich dir schon ein paar male gesagt?“, fügte Noma daraufhin immer noch streng hinzu. Delirabelle wandte sich einen Moment ab und rollte mit den Augen, bevor sie sich wieder breit lächelnd an Noma richtete: „Das ich auf meine Eltern hören soll?“. Noma nickte daraufhin und ließ aber nicht locker: „Und wieso hältst du dich nicht daran?“. Wieder stöhnte Delirabelle auf und antwortete: „Keine Ahnung. Ich vergesse es eben. Es ist doch auch nichts passiert“. Noma schüttelte aufgeregt den Kopf. Man merkte eindeutig, dass sie schon einiges mit diesem Pony durch hatte.
„Aber es ist schon was passiert. Schon ein paar male ist etwas zu Bruch gegangen, weil du mit Riesenkaracho hineingestürmt kommst und die Ponys erschrickst“, sprach sie belehrend, während Delirabelle sich wieder abgewandt hatte und sie dabei kaum hörbar nachäffte.
„Wie war das?“, mahnte Noma, worauf Delirabelle aufschreckte und hastig antwortete: „Was? Gar nichts. Ich soll fragen ob du Zeit hast. Es ist was passiert, wo deine Hilfe gebraucht wird. Also hast du Zeit oder nicht?“. Sie lächelte Noma charmant entgegen, worauf diese aufstöhnte und sich in Richtung Zelteingang begab.
„Vergebens. Vielleicht sollten wir Strafaktionen einführen. Extra für dich, damit du es dir mal merkst“. Bevor Noma das Zelt verließ, wandte sie sich noch einmal zu Gloomy um. „Das wird eine Weile dauern. Ich verabschiede mich schon mal von dir und wünsche dir alles Gute“.
„Was? Du gehst schon wieder?“, fragte Delirabelle plötzlich enttäuscht, worauf Noma unwirsch einwarf: „Ja das tut er“, und sie energisch nach draußen schob.
„Bis denn, dann!“, hörten sie Delirabelle noch rufen. Ma seufzte daraufhin und sagte: „Puh, das Mädel ist wirklich anstrengend“. Pa lachte kurz auf und wandte sich an Gloomy.
„Aber sie scheint dich wirklich zu vermissen. Sie hat öfter schon nach dir gefragt“, bemerkte er, worauf Gloomy nur schlicht antwortete: „Ich vermisse sie nicht“. Dann stutzte er, als ihm plötzlich wieder etwas einfiel. „Wieso kann ich eigentlich das was ich lese nicht im Kopf behalten? Noma meinte, ich sollte euch deswegen fragen…“. Ma und Pa warfen sich daraufhin beunruhigte Blicke zu.
„Das, naja. Ist eigentlich keine lange Geschichte“, antwortete Pa und begann zu erzählen.
Es handelte sich um eine lange Reise, zu einer weit entfernten Sippe, die sesshaft geworden ist. Dort gab es einen Druiden, der für die Herstellung von sehr mächtigen Zaubertränken bekannt war. Sie benutzten diese Zaubertränke, um ihr Land gegen einen üblen Tyrannen zu verteidigen. Darunter war ein Trank, der sie so stark und robust machte, dass sie sich mühelos gegen jeden Angreifer verteidigen konnten, obwohl sie nach außen hin immer noch wie zierliche kleine Ponys wirkten.
„Du warst noch sehr klein. Aber schon groß genug, dass wir dir bereits Leseunterricht gegeben haben. Und das konntest du zu der Zeit noch ganz gut. Danach… auf einmal nicht mehr“, erklärte Pa und pausierte. Gloomy runzelte die Stirn und antwortete langsam: „Aber was ist denn da passiert?“.
„Ich hätte besser aufpassen müssen“, kam es plötzlich bekümmert von Ma.
„Wir beide hätten besser aufpassen müssen“, berichtigte Pa sie daraufhin nachdrücklich und fuhr fort: „Du warst neugierig wegen dem Zaubertrank, bist auf einen Kessel geklettert und hineingefallen, als gerade niemand hingeschaut hat. Nur leider… war das nicht der besagte Wunderzaubertrank, sondern irgendein Mischmasch aus verschiedenen Experimenten, an denen der Druide sich wohl zuvor versucht hatte“. Gloomy riss daraufhin die Augen weit auf.
„Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern“, stellte er erstaunt fest. „Aber konnte der Druide denn da überhaupt nichts machen?“. Pa schüttelte daraufhin nur den Kopf und antwortete: „Er meinte nur, wir können froh sein, dass nichts schlimmeres passiert ist“.
„Und das bin ich auch“, bemerkte Ma erleichtert.
„Nicht das er es nicht versucht hätte. Er war untröstlich und hat sich förmlich verrückt damit gemacht. Aber vergeblich. Er wusste nicht, welche Kombination aus den verschiedensten Zutaten solch einen bizarren Effekt hervorrufen konnte. Und bizarr ist es auf jeden Fall“, fügte Pa nachdrücklich hinzu. „Du liest etwas und noch während du es liest, scheinst du dich schon nicht mehr zu erinnern. Es ist… wie verflucht. Ein Zauber eben. Zum Glück scheint es sich aber wirklich nur auf das Lesen zu beschränken… und schreiben“. Gloomy starrte ihm nur wortlos mit offenem Maul und immer noch weit aufgerissenen Augen entgegen. Plötzlich begann Ma zu kichern.
„Übrigens gab es da wohl schon einen ähnlichen Fall“, bemerkte sie. „Ein Fohlen aus deren Sippe ist wohl auch mal in den Kessel gefallen. Mit dem richtigen Zaubertrank allerdings. Seitdem war es immer so stark, dass es nie mehr einen Zaubertrank zu nehmen brauchte“. Sie dachte angestrengt nach und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen. Schade eigentlich. Dabei hatten sie dort alle sehr lustige Namen“. Darauf herrschte einen Moment schweigen. Gloomy schluckte nervös.
„Und ich dachte immer, ich wäre einfach nur dumm“, erklärte er. Ma winkte entschieden ab und erwiderte nur: „Unsinn“.
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