Johanna Mason - Das Leben danach

GeschichteDrama / P18
Johanna Mason
17.08.2019
13.10.2019
4
4270
2
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
"Hier sind wir nun.", sagte Johanna und strich sich mit der faltigen Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Ich war 16 Jahre alt und habe die Hungerspiele gewonnen. Bis hierhin haben Sie bestimmt schon alles live und in Farbe auf alten Filmen gesehen."
"Die Filme über die Hungerspiele sind für die Öffentlichkeit gesperrt-", warf Rhea Ellsworth ein, doch  Johanna fiel ihr sofort ins Wort.
"Ach jetzt tun Sie nicht so als hätten Sie als Reporterin nicht irgendwo doch Zugriff darauf." Ihr Blick bohrte sich in den der Reporterin. "Sie haben es sich doch angesehen. Oder?"
Rhea drückte auf den Knopf ihres Diktiergerätes, um es auszuschalten. Dann nickte sie. "Ich habe Ausschnitte gesehen."
"Dann haben Sie das viele Blut gesehen, das an meinen Händen klebt. Dreiundzwanzig Kinder sind gestorben, damit ich lebend aus dieser Arena herausgehen konnte.  Viele von ihnen habe ich selbst getötet. Aber wenn Sie glauben, dass ich jetzt zumindest das Schlimmste hinter mir hatte, dann täuschen Sie sich." Johanna lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Sie wollen eine Story, die Ihre Leser fesselt, nicht wahr, Miss Ellsworth? Die Leute wollen von Tod und Trauer und Drama lesen. Sie wollen Emotionen."
Rhea rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. "Vermutlich haben Sie recht."
Johanna nickte. "Schalten Sie Ihr Gerät wieder ein. Ihre Leser werden bekommen, was sie wollen."

~~~

Die Sonnenstrahlen tanzten auf der glatten Wasseroberfläche.
Es war wundervoll, dass unser neues Haus einen großen Garten hatte, zu dem auch der Teich gehörte. Ein Frosch saß am Ufer und quakte leise. Dann sprang er mit einem sanften Platschen ins Wasser.
Ich tauchte meine Gießkanne ein und ließ sie volllaufen. Dann trug ich sie den Weg zurück zu meinem Gemüsegarten. Das Gärtnern war mein neues Hobby geworden, seit ich die Spiele gewonnen hatte. Als Sieger lebte man nicht einfach sein altes Leben weiter, nein, das Kapitol hockte mir im Nacken und ständig erreichten mich Einladungen zu irgendwelchen Festlichkeiten oder man schickte jemanden vorbei, der mich filmte wie ich irgendetwas machte oder irgendetwas sagte. Damit man irgendetwas hatte, was man den Leuten im Kapitol vorspielen konnte, um ihre Langeweile zu vertreiben. So zum Beispiel eine Johanna Mason, die irgendetwas von Tomaten und Gurken erzählte.
Dabei lag die Tour der Sieger erst wenige Monate hinter mir. Eine furchtbare Veranstaltung. Ich war feige gewesen und hatte den Familien der toten Tribute nicht in die Augen geblickt. Ich hatte stur in die Menge gestarrt, vorgelesen was man mir aufgeschrieben hatte und keine Miene verzogen.
Das einzig Schöne war das Festessen am Schluss gewesen. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viele leuchtende Augen in Distrikt 7 auf einem Fleck gesehen. Alle waren satt zu Bett gegangen. Und sie würden auch das ganze Jahr über satt zu Bett gehen, weil ich ihnen mit meinem Sieg Nahrungsrationen erspielt hatte. Es half mir, nicht zu viel über die anderen Tribute nachzudenken, die mit mir in der Arena gewesen waren und deren Familien nun Schlimmeres erlitten als nur Hunger.
Ich goss meine kleinen Salatköpfe. Sie würden prächtig gedeihen. Wenn sie groß genug waren, würde ich Sabille auf jeden Fall einen vorbeibringen. Sabille war meine neue Nachbarin. Eine uralte Siegerin, die ständig vergaß, was sie vor zwei Minuten getan hatte und stattdessen ständig von ihrer Jugendliebe erzählte. Es war nicht das schlechteste Leben, fand ich. Sie ging viel spazieren und manchmal musste man sie suchen, damit sie abends in ihr Bett zurückfand. Aber sie lächelte viel.
Meine anderen beiden Nachbarn waren Blight und Can Harper. Harper, mein ehemaliger Mentor, verbarrikadierte sich in seinem Haus und las viel. Ab und zu besuchte ich ihn und wir tranken schweigend eine Tasse Kaffee.
Blight war zwar erst Mitte Zwanzig, aber der langweiligste Mensch, den man sich vorstellen konnte. Selbst das Kapitol hatte es nicht geschafft, ihm irgendein Hobby anzudichten, weil er schlicht und einfach keine Interessen hatte. Er saß im Garten und starrte ins Leere. Das einzige, wofür er Leidenschaft und Ehrgeiz entwickeln konnte war, Haus und Garten wie ein Irrer zu pflegen. Kein Staubkorn verirrte sich auf seine Anrichten und kein Blatt lag auf seinem Rasen. Aber manchmal las er Sabille vor und das freute sie. Und dann war er mir fast wieder ein bisschen sympathisch.
„Johanna!“ Die Stimme meiner Mutter ließ mich zusammenzucken. Ich war immer noch furchtbar schreckhaft. Es ärgerte mich. Ich sah zum Haus. Sie streckte den Kopf aus dem Küchenfenster. „Johanna, es ist Besuch für dich da! Und bring mir bitte ein bisschen Zitronenmelisse mit, ja?“
Seufzend goss ich den letzten Rest Wasser aus der Gießkanne und stellte sie neben den Schuppen. Dann zupfte ich einige Stängel Zitronenmelisse ab. Sie roch wunderbar. Ich ließ mir Zeit. Meine Mutter rief nicht noch einmal nach mir. Alle waren furchtbar vorsichtig. Als wäre ich zerbrechlich wie eine Porzellanfigur. Dabei hatte ich die Spiele überlebt.
Mit meinem Strauß Zitronenmelisse betrat ich das Haus. Ich streifte die nackten Füße auf der Fußmatte ab. Obwohl es erst Februar war, war es bereits warm genug, um ohne Schuhe herumzulaufen. Seltsam. Immer hatte ich mir Schuhe gewünscht, die davor nicht schon jahrelang von meiner großen Schwester getragen worden und deshalb löchrig waren. Und jetzt wo ich mir jeden Schuh kaufen konnte, den man sich nur vorstellen konnte, gefiel mir nichts besser, als ganz ohne herumzulaufen.
„Danke, mein Schatz.“, sagte meine Mutter, strich mir sachte über den Arm und nahm mir die Zitronenmelisse ab. Manchmal fragte ich mich, ob sie auch daran dachte wie ich aussah wenn ich Kindern die Kehle aufschnitt. Wie ich ihnen die Axt zwischen die Augen trieb und auf sie einstach wie eine Wilde obwohl sie längst tot waren. Sie alle hatten es gesehen. Aber sie taten zumindest so, als würden sie nie daran denken.
Der Besucher war Harper und das überraschte mich, denn er besuchte mich niemals.
„Hallo Johanna.“, sagte mein ehemaliger Mentor. Meine Mutter hatte ihm eine Tasse Kaffee serviert. Er saß in einem Sessel im Wohnzimmer, hager und groß wie eh und je. Die Falkenaugen fixierten mich.
„Du hast mehr Falten bekommen.“, stellte ich fest.
Meine Mutter ging in die Küche und ließ mich mit ihm alleine.
„Sie haben dir eine Nachricht geschickt.“, sagte Harper ausdruckslos. „Sie wollen dich als Mentorin.“
„Ja. Sie haben sogar mehrere Nachrichten geschickt.“ Ich ließ mich gegenüber von ihm in den Sessel fallen, legte die staubigen, nackten Füße auf den Couchtisch und wackelte mit den Zehen. „Aber ich habe sie ignoriert, weil du meintest, du machst es alleine weiter. Ich bin nicht scharf drauf, dahin zurückzugehen.“
„Es geht nicht darum, was du willst, sondern was das Kapitol will. Und sie wollen dich zurück. Du bist ihr neuer Star.“
„Ihr neuer Star züchtet Bohnen und Zucchinis. Damit sollen sie sich zufrieden geben. Ich lege mir auch noch ein zweites Hobby zu wenn es ihnen gefällt. Vielleicht fange ich an zu töpfern.“
„Ich würde dich auch lieber töpfern sehen, Johanna.“ Harper trank seinen Kaffee aus, obwohl er noch viel zu heiß sein musste. „Aber sie werden kein Nein akzeptieren. Es tut mir leid. Du musst mitkommen.“
Ich ließ den Kopf auf das Nackenpolster fallen und starrte an die Decke mit der geblümten Tapete. Sekundenlang herrschte tiefes Schweigen.
„Sie werden schon bald die Schnauze voll von mir haben.“, sagte ich schließlich. „Ich bin kein Finnick Odair und keine Cashmere. Ich werde nicht den Ruhm genießen und ihnen die Stiefel lecken. Das werden sie schon noch früh genug erkennen und dann werden sie mich gar nicht schnell genug wieder loswerden können. Dann muss ich vielleicht gar nicht mehr anfangen zu töpfern, weil sie mich genauso vergessen werden wie sie Blight vergessen haben.“
Harper musterte mich eindringlich. Ich konnte seinen Blick spüren und hob den Kopf. „Du musst vorsichtig sein. Wenn sie etwas von dir haben wollen, werden sie es bekommen, ob du es ihnen nun geben möchtest oder nicht.“
„Was könnten sie von mir schon wollen?“, fragte ich genervt. „Ein paar blöde Interviews, von mir aus. Ich werfe auch ein paar Äxte durch die Gegend wenn sie das sehen wollen. Viel mehr kann ich nicht und das werden sie bald begreifen und wieder zurückhuschen zu ihren Karriero-Schoßhündchen. Die können die Menge viel besser unterhalten.“
„Wir sind in einer Woche eingeladen. Dann findet ein Festbankett mit allen Mentoren der diesjährigen Hungerspiele statt...“
„Nächste Woche ist Livias Geburtstag.“
„Das wird das Kapitol nicht-“
„Ich komme nach Livias Geburtstag und nicht einen Tag früher. Auf einem Festbankett habe ich sowieso nichts verloren. Und auf Oxanas grässliche Outfits verzichte ich gerne so lange wie möglich.“
„Du bekommst einen neuen Stylisten.“, sagte Harper langsam. „Er hat auch schon für Distrikt 1 gearbeitet.“
Ich kratzte mir den Dreck unter den Fingernägeln weg. „Was hat er verbrochen, um sich jetzt mit mir abgeben zu müssen?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er für dich persönlich verantwortlich ist. Nicht für die Tribute. Oxana werden wir also noch nicht los.“ Harper erhob sich mit knackenden Knochen. „Dein neuer Stylist wird in drei Tagen mit seinem Team anreisen. Du solltest dir gut überlegen, ob du dich wirklich mit dem Kapitol anlegen möchtest, Mädchen.“
Ich sagte nichts.
Harper ging an mir vorbei und verließ das Haus.
Review schreiben