About an Artist

von MiraiShu
GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
16.08.2019
14.02.2020
23
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Kapitel 23: ”How do you know what you want? You don’t know who you are.”

(Chris Evans as Colin Shea in What’s Your Number?)


Bis zum nächsten Tag rührte Sebastian weder seine Tasche noch die darin befindliche Mappe an. Sie hatten sich in der Tube wieder von Amelie getrennt, die zurück zur Galerie gefahren war, um Richard abzuholen. Vorher hatte sie Sebastian versichert, dass er sich jederzeit melden konnte, wenn er sie brauchte.
Mick war trotzdem irgendwie froh gewesen, als sie wieder zu zweit gewesen waren.
„Wollen wir sie uns angucken?“ fragte er vorsichtig, nach dem Frühstück. Sebastian hatte die Tasche immer wieder kurz beäugt, aber nichts gesagt. Generell war es ein sehr schweigsames Frühstück geworden, wie schon ein stilles Abendessen. Mick wollte seinen Freund nicht drängen, aber er bezweifelte, dass die Situation so besser wurde.
Der Künstler biss sich auf die Lippe, nickte dann aber und seufzte tief.
„Du weißt, dass du Nein sagen kannst, oder?“ Mick griff nach seiner Hand.
„Wofür dann alles?“, murmelte Sebastian. „Noch habe ich frei, also…“
Mick nickte leicht. „Willst du… Amelie dabeihaben?“
„Später vielleicht.“
Nein, Mick würde nicht zugeben, dass ihm ein kleiner Stein vom Herzen fiel. Oder er schob es darauf, dass es leichter war, mit Sebastian allein zu sein. Er konnte ihn in den Arm nehmen, küssen, bei ihm sein. Das funktionierte so nicht, wenn sie zu dritt waren. Wenn Amelie an seiner anderen Seite saß. Er erhob sich, um ihnen noch eine Tasse Kaffee zu machen, während Sebastian die Mappe auf den Tisch legte. Seine Hände zitterten leicht, kaum merklich.
Mick setzte sich wieder neben ihn, drückte kurz seine Hand.
Es dauerte ein paar Sekunden, die Mick wie Minuten vorkamen und Sebastian gleichzeitig wie Millisekunden. Aber irgendwie auch wie Jahre.
Hinter diesem Deckblatt steckten Informationen über ihn, die er seit knapp zwanzig Jahren von sich schob. Weil er nicht wusste, was sie mit ihm machen würden. Was, wenn es nichts änderte? Seine Eltern waren und blieben tot. Wollte er wirklich wissen, ob es eigentlich Verwandte gab, die ihn einfach nicht gewollt hatten? Was, wenn er nichts dabei fühlte? Es waren nur ein paar Namen. Erstmal waren es nur Namen und eine Adresse. Nur ein paar Wörter, Buchstaben, und sie machten ihm eine höllische Angst.
Er schluckte leicht, öffnete die Mappe.
Sein Name.
Sein Geburtsdatum.
Seine Eltern.
Robert Canavalle.
Claire Canavalle, geborene Morgan.
Mick legte seine Hand vorsichtig auf Sebastians, doch dieser rührte sich nicht, starrte nur auf das Papier. Und wenn Mick ehrlich war, wünschte er sich jetzt fast, er selbst hätte das vorher mit Amelie besprochen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wie er helfen konnte…
Unter den Namen befand sich eine Adresse, etwas außerhalb von London. Sebastian kannte die Gegend nicht. Er zog seine Hand aus Micks, blätterte um. Papiere, wann und wie er ins Heim gekommen war. Ein Krankenbericht aus dem Krankenhaus. Drei Wochen hatte er dort verbracht. Ein Polizeibericht. Er hatte bei dem Unfall hinter seinem Vater auf der Rückbank gesessen. In einem Kindersitz, sicher angeschnallt. Er war dabei gewesen. Und er konnte sich an nichts erinnern. Sollte er nicht ein Trauma haben? Alpträume? Angst vor dem Autofahren? Flashbacks, wenn es laut knallte? So etwas passierte den Menschen doch, wenn sie etwas schreckliches erlebt hatten, oder nicht? Ein Kindheitstrauma. Etwas, das einen für immer prägte. Aber nein, er hatte alles vergessen. Er erinnerte sich nicht an den Unfall, nicht an den Wagen, nicht an seine Eltern und auch nicht an das Krankenhaus. Er wusste nur, wie er im Heim groß geworden war, mit dem Wissen, dass er und all die anderen Kinder keine Eltern hatten. Dass sie nicht mehr lebten. Man hatte ihm gesagt, dass sie ihn sicher geliebt hatten. Dass es eine Tragödie war.
Aber Sebastian hatte sie vergessen.
„Sebastian…?“, hauchte Mick leise.
Der Ältere sah auf, sah seinen Freund mit großen Augen an.
„Sag was…?“
Er sah zurück auf die Papiere, zuckte mit den Schultern. Was sollte er schon sagen? Gab es überhaupt etwas dazu zu sagen? Was hatte er sich nur davon erhofft, was hatte er wirklich erwartet?
„Willst du… Äh…“ Mick nagte an seiner Unterlippe. „Steht da, wo sie begraben sind?“ Idiot. „Sorry.“
Sebastian schob ihm kommentarlos die Papiere zu, deutete auf die Daten. London.
„Möchtest du dahin gehen?“
Sebastian zuckte mit den Schultern. Irgendwie hatte er erwartet, dass es Bilder geben würde. Und wenn es nur ein Passbild war. Von der Unfallstelle wollte er lieber keins sehen. Immerhin bekam er Berufe. Sein Vater war Informatiker. Seine Mum Architektin, aber zugunsten der Familie hatte sie sich eine Auszeit genommen aus dem Büro, in dem sie angestellt war.
Sie hatten ihn wirklich geliebt.
Es war nicht nur ein Märchen, was man einem Waisenkind erzählte, damit es sich besser fühlte. Nein, seine Mum hatte ihren Job aufgegeben, um bei ihm sein zu können. Bei ihrem kleinen Sohn.
Sebastian schob die Mappe von sich, erhob sich steif. „Ich geh spazieren.“ Seine Stimme war rau, irgendwie fremd.
Mick sah zu ihm auf. „Alleine?“
Sebastian zögerte, nickte dann aber. Er beugte sich vor, küsste Micks Stirn. Dann schnappte er sich seine Schlüssel, schlüpfte an der Tür in seine Schuhe und verließ die Wohnung zügig.
Mick atmete tief durch. Er richtete die Papiere sorgfältig, schloss die Mappe dann und schob sie etwas beiseite. Dann stand er auf und begann die Wohnung zu putzen. Er musste etwas tun. Er musste sich ablenken und er durfte nicht darüber nachdenken, ob es richtig gewesen war, seinen Freund jetzt wirklich allein zu lassen.

Es war kurz nach zehn, Amelie saß in ihrem Büro in der Galerie und prüfte die letzten Verkäufe von Sebastian und einem ihrer anderen Klienten, als ihr Handy klingelte. Eigentlich warteten private Angelegenheiten bis zum Feierabend oder ihre Pause, aber sie hatte zwei Menschen eingespeichert, die einen personalisierten Klingelton hatten. Richard. Sebastian. Das helle Glucksen verriet ihr, dass es ihr Bruder war. Und der war im Moment wichtiger als jeder Job. Außerdem… auf gewisse Weise gehörte sein Wohlergehen auch zu ihrem Job. Sie kümmerte sich um ihre Künstler.
Sebastian: Kannst du was über Robert und Claire Cannavale rausfinden?
Er hatte die Mappe also wirklich heute schon geöffnet. Kurz überlegte sie, ob sie fragen sollte, wie es ihm ging, aber nein. Dafür hatte er Mick und das war gerade nicht ihre Aufgabe. Wenn er sich ihr anvertrauen wollte, dann würde er das tun.
Amelie: Geburtsname von Claire? Ich setz mich dran!
Sebastian: Morgan. Danke.
Amelie: Kann ich sonst was für dich tun? Bin allein im Büro.
Sebastian: Nein. Danke. Ich muss wieder zu Mick. Melde dich, wenn du was hast?

Amelie sendete ihm einen Daumen nach oben, dann noch ein Herz. Die Papiere konnten warten. Das hier hatte Vorrang. Sie hatte vor einigen Jahren auch nach ihren leiblichen Eltern gesucht. Ihre Pflegeeltern hatten ihr dabei geholfen, das hatte die Sache leichter gemacht. Auch, weil sie für sich selbst gesucht hatte, was Akteneinkünfte sehr viel einfacher machte, aber sie bekam das hin. Sie wusste, was zu tun war, und sie würde lügen, wenn sie behauptete, sie habe noch nie Sebastian Unterschrift kopiert. Immer in seinem Wissen und sie war ziemlich sicher, dass es jetzt auch in seinem Interesse lag, würde es erforderlich sein.

Mick atmete erleichtert aus, als er hörte, wie Sebastian die Wohnung wieder betrat. Er war fast zwei Stunden weg gewesen und das war definitiv zu lang für seine Nerven! Er hatte mit dem Gedanken gespielt, Sebastian anzurufen, aber…
„Da bist du ja wieder.“ Er ging zu seinem Freund, der schon wieder etwas mehr Farbe im Gesicht hatte, küsste ihn sanft.
„Hey. Sorry.“
„Wie geht es dir?“, fragte Mick leise, strich über Sebastians Wange.
„Es… ist viel. Irgendwie.“ Der Künstler fuhr sich durch die Haare. „Aber… es ändert nichts. Sie… Sie kommen nicht wieder.“
Mick nickte nur leicht. Er hatte recht. Seine Eltern würden nicht wiederkommen, aber so wie Sebastian es sagte… Es klang sehr endgültig. Abgeklärter, kühler als sein Freund dabei aussah. Er räusperte sich leicht. „Ich hab überlegt, wir können mit dem Namen zum Ahnenforscher, wenn du willst.“
„Ist das nicht teuer?“
„Das kriegen wir schon hin.“ Wenn es sein musste, würde er auch anfangen zu kellnern, wenn er Sebastian dafür dabei helfen konnte, seine Herkunft zu bestimmen, eine mögliche leibliche Familie zu finden. Bilder von seinen Eltern, Informationen…
„Amelie recherchiert ein bisschen für mich.“
Es war keine Ablehnung, kein Nein, und doch traf es Mick wie ein kalter Eimer Wasser. Er war also vor ihm geflohen, um mit Amelie zu reden. Um Amelie die Sache in die Hand zu geben. Wieso? Traute er es Mick nicht zu? Es stimmte, Mick wusste nicht, wie man so etwas selbst anging, aber er hätte Hilfe suchen können!
„Okay.“ Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Wie auch immer. Es ging nicht um Amelie oder ihn. Es ging um Sebastian. Er würde ihm jetzt keine Vorwürfe machen. „Ja, gut.“
„Für den Anfang…“, murmelte Sebastian, streifte sich die Schuhe von den Füßen. „Können wir aufs Sofa? Einfach was gucken oder so?“
„Klar!“ Mick lächelte leicht.
Sie setzten sich zusammen ins Wohnzimmer, kuschelten sich auf das Sofa. Mick schaltete Knights and Servants ein, legte den Kopf an Sebastians Brust und der Ältere vergrub seine Nase in seinen Haaren.
Was Mick nicht sehen konnte, war, dass Sebastian auch seine Augen schloss.
„Ich liebe dich“, murmelte der Ire leise.
„Ich dich auch…“
„Was… hat Amelie gesagt?“
„Sie meldet sich.“
„Okay.“ Es entstand eine kurze Pause, bevor Mick hinzufügte: „Ich kann auch ein bisschen suchen, wenn du möchtest?“
Sebastian seufzte leise, blinzelte. „Gib mir ne Pause.“
Er sah kurz zum Bildschirm, schloss seine Augen dann wieder. Nicht heulen. Er würde nicht anfangen zu heulen. Dafür gab es keinen Grund. Seine Eltern waren schon lange tot. Egal, wie sie hießen. Namen würden sie nicht wieder lebendig machen, das hatte er doch gewusst. Doch wenn er vor einigen Stunden noch Angst gehabt hatte, er würde einfach nichts dabei fühlen und sich der Tatsache stellen müssen, dass er ein eiskaltes Monster war, dann wurde er jetzt eines Besseren belehrt.
Es tat weh.
Es tat so unfassbar weh und er war nicht sicher, ob er diesen Schmerz jemals gespürt hatte. Er hatte als Kind geweint, als er in die Schule gekommen war und damit konfrontiert wurde, dass er als Waise einfach anders war. Er war wütend gewesen und auch enttäuscht und er hatte gewissermaßen getrauert. Vielleicht hatte er das unterbewusst immer wieder getan. Er hatte dieses Stechen gespürt, wann immer er bei den O’Dweyers war. Diese Sehnsucht, wenn Verena ihn umarmte. Aber das hier war neu. Das hier war kein Pieksen, kein unangenehmes Gefühl. Es war ein roher Schmerz. Das schreckliche Gefühl, etwas verpasst zu haben. Eine alte Wunde, die wieder aufgerissen war und schlimmer blutete als zuvor, weil er sie selbst nicht versorgt hatte. Zwanzig Jahre hatte er sich geweigert zu akzeptieren, was er doch eigentlich wusste. Dass er Eltern gehabt hatte. Nur weil sie tot waren, waren sie nicht weniger seine Eltern gewesen. Nicht weniger lebendig. Nicht weniger geliebt.
Robert und Claire.
Ein junges Elternpaar, das noch vor ihrem 30. Geburtstag gestorben war. Noch vor dem fünften Hochzeitstag.
Noch bevor ihr Sohn sie hatte kennenlernen können.
Und sie ihn.
Das Schluchzen aus seinem Hals kam plötzlich, nicht unerwartet.
Mick sah zu ihm auf, kletterte dann wortlos auf seinen Schoß und küsste seine Stirn. Sebastian schlang die Arme um ihn, drückte ihn eng an sich. Er versuchte die Tränen wegzublinzeln, doch als Mick begann, sanft seinen Nacken zu kraulen, wieder seinen Kopf zu küssen, konnte er sie nicht mehr aufhalten. Seine Schultern bebten und er drückte sein Gesicht an Micks Schulter.
„Sorry… Fuck.“
„Ist schon gut… Ist gut“, flüsterte Mick, legte einen Arm um ihn und erlaubte seinem Freund, sich einfach zu verstecken.
Sebastian nahm es dankbar an. Nur dieses eine Mal…
Mick küsste seine Haare erneut, kraulte weiter seinen Nacken. Es war gut, wenn Sebastian die Gefühle rausließ. Mick wusste vielleicht nicht, was er praktisch für ihn tun konnte, was er vorschlagen sollte. Aber er konnte für ihn da sein. Er wusste, was eine Umarmung bewirken konnte.

Sie saßen eine ganze Weile so, bis Sebastian sich schließlich ein paar Zentimeter von ihm löste, sich über die geröteten Augen wischte.
„Sorry“, murmelte er erneut.
„Nicht dafür, mein Engel“, versicherte Mick, zog ein sauberes Taschentuch aus seiner Hosentasche, um es seinem Freund zu reichen.
Sebastian putzte sich die Nase, wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Dann räusperte er sich, blinzelte ein paar Mal, sichtlich darum bemüht, seine Fassung wiederzufinden.
„Hattest du heute noch was vor?“
„Mit dir kuscheln?“, schlug Mick vor und der Brite lächelte leicht. „Für dich kochen?“, machte Mick also weiter. „Dir ein Bier bringen?“
Sebastian grinste schief, nickte aber. „Danke.“

Amelie rief am nächsten Morgen an.
„Hey, willst du vorbeikommen?“
Sebastian brauchte nicht zu fragen, worum es ging. „Ja, bin unterwegs. – Mick?“
Sein Freund spülte gerade ihre Kaffeetassen, sah auf. „Hm?“
„Amelie hat was für mich.“
Micks Herzschlag beschleunigte sich. „Oh. Darf ich mit?“
Ein wenig fürchtete er sich vor der Antwort. Auch nach ihrem gestrigen Tag. Mick hatte für seinen Freund gekocht, sie hatten fast eine ganze Staffel Knights and Servants gesehen und sich über diverse Szenen ausgetauscht. Sonst hatten sie nicht viel geredet, nur gekuschelt und Sebastian schien das äußerst gut getan zu haben.
Doch sein Freund nickte. „Klar.“
„Ich zieh mich eben an, ja?“, lächelte Mick, gab ihm einen Kuss und huschte ins Schlafzimmer. Die Tassen konnten noch eine Weile warten.

Sebastian war deutlich nervös, auf dem Weg zu Amelie. Er fragte Mick sogar, ob – wenn sie ein Foto hatte auftreiben können – sein Freund glaubte, dass er seinen Eltern ähnlich gesehen hatte. Mick bejahte mit einem sanften Schmunzeln. Irgendwo mussten die guten Gene schließlich herkommen, nicht wahr?

Sie setzten sich mit Amelie zusammen ins Wohnzimmer, die beiden Jungs auf dem Sofa, sie in ihrem Lieblingssessel. Zum zweiten Mal in dieser Woche erhielt Sebastian eine Mappe, diese jedoch sehr dünn, aus dunkelroter Pappe.
„Was ist da drin?“
„Fotos.“
Sebastian schluckte leicht. „Woher hast du die?“
„Gute Recherche. Ich hab mit dem Krankenhaus und ihren Arbeitgebern angefangen. Sind aber nicht viele… Ich arbeite noch daran“, erklärte Amelie.
Die Spannung im Raum, die Nervosität war nun bei ihnen allen dreien zu spüren. Mick sah neugierig über Sebastians Schulter, als dieser das Deckblatt zur Seite schlug und das erste Foto aufdeckte. Es war die farbige Kopie einer DIN A4-Anzeige. „Das St. Lucas gratuliert zum Erstgeborenen!“ stand in dicken Lettern oben drüber. Dann Sebastians Geburtstag, sein Name und der seiner Eltern. Doch das Bild darunter war es, dass beide Männer in seinen Bann zog.
Eine Frau Mitte Zwanzig sah in die Kamera. Mick hatte das Gefühl, sie sah ihn direkt an. Auf ihrem Arm lag ein Baby in weißen Stoff gewickelt. Er widerstand dem Drang, das Foto zu berühren, nur schwer.
Der kleine Sebastian.
Und seine unglaublich schöne Mutter…
Sie hatte die gleichen hellbraunen Haare, wie Sebastian heute, die ihr in sanften Wellen über die Schultern fielen. Das Foto musste ein oder zwei Tage nach der Geburt gemacht worden sein, denn sie trug ein normales T-Shirt und auch wenn sie ungeschminkt und deutlich müde war, sah sie nicht mehr so überanstrengt und matschig aus, wie Verena auf Micks ersten Babyfotos.
„Auf dem nächsten Foto siehst du eines ihrer Bilder. Sie hat anscheinend auch gemalt“, warf Amelie in die Stille ein und Sebastian zuckte leicht zusammen. Er sah kurz zu ihr hoch, dann wieder auf das Bild. Seine Mum… Er konnte noch nicht umblättern. Er konnte nicht. Sie war so unglaublich schön. Sie sah so glücklich aus. Und stolz.
Er spürte Micks Hand auf seinem Rücken, dann einen kurzen Kuss gegen seine Wange.
„Pause?“, fragte Amelie leise, doch er schüttelte den Kopf, schloss einen Moment seine Augen, um den Blick von dem Foto abzuwenden. Alles gut.
Er blätterte um.
Drei Gemälde waren zu sehen. Es war ein sauberer, feiner Stil. Sie hatte mit Pinseln das erarbeitet, was er auch seit Jahren immer wieder versuchte einzufangen. Lebendige Landschaften, in denen man den Wind rauschen hören konnte und das Gefühl von Gras unter den Füßen hatte.
„Die sind wunderschön“, platzte es aus Mick heraus, bevor er sich zurückhalten konnte.
Sebastian musste lächeln und nickte. „Sind sie…“
Ob es die Originale wohl noch gab?
„Das letzte ist von deinem Vater, von seiner Firma. Mehr hab ich leider noch nicht.“
Sebastian blätterte es auf. Der Mann hatte dunklere Haare, aber ansonsten sahen sie sich wirklich verdammt ähnlich. Mick hatte recht mit den Genen. Robert trug ein weißes Hemd mit Krawatte und irgendwie hatte Sebastian eine Brille erwartet, doch da war keine.
„Du siehst aus wie er“, stellte Amelie sanft lächelnd fest, noch bevor Mick es tun konnte.
„Danke.“ Sebastian sah auf. „Für die Bilder.“
„Sehr gerne. ich suche weiter, aber es ist nicht so einfach. Nach zwanzig Jahren…“
„Ich weiß.“ Sebastian legte die Mappe sehr vorsichtig auf den Couchtisch, erhob sich und umarmte sie fest. „Danke, Kleine.“
Mick stand einen Moment einfach nur daneben. Sein Herz schlug fest in seiner Brust, unangenehm. Die Wärme, die die Fotos in ihm ausgelöst hatten, verschwand.
„Gehen wir wieder nach Hause?“, fragte er, nachdrücklicher als er eigentlich gewollt hatte.
Sebastian ließ Amelie los, sah ihn etwas irritiert an und Mick spürte, wie er rote Wangen bekam. „Ja. Gleich…“ Er hob die Mappe hoch. „Ich nehme das mit, ja?“
„Na klar. Ich rufe dich an, wenn ich etwas Neues hab. Ich nehme an, ihr wollt nicht mehr hier essen? Rich kommt gleich.“
Sebastian sah Mick fragend an, doch dieser zuckte nur mit den Schultern, überschlug die Beine. Nach einem Moment der Stille, beschloss Sebastian: „Wir fahren.“
Irgendwas war mit Mick nicht in Ordnung.
„Danke nochmal, Kleine.“ Sebastian drückte Amelie erneut, gab ihr einen Kuss auf die Stirn, während Mick bereits im Flur verschwand und seine Schuhe anzog.

Die Tubefahrt verlief ruhig. Sebastian sah gedankenverloren auf die Mappe auf seinem Schoß und Mick brauchte einen Moment, um sich selbst wieder zu konzentrieren, seine Gefühle in den Griff zu kriegen. Er wusste, dass es nicht unbedingt fair Sebastian gegenüber gewesen war, den Besuch so schnell zu beenden. Aber die Art, wie vertraut die beiden miteinander umgingen, wie überflüssig er daneben gesessen hatte…
„Alles gut?“, fragte er leise, sah seinen Freund an.
„Hmm“, machte dieser nur unbestimmt.
„Hey… Rede mit mir.“
„Nicht hier.“
Mick nickte leicht. „Okay. Sorry.“
Sebastian nickte ebenfalls. Er sollte hier nicht so sehr darüber nachdenken. Nicht in der Tube. Nicht daran, wie sehr ihm diese Menschen plötzlich wieder fehlten. Wie sehr er sie liebte, obwohl sie Fremde für ihn waren. Wie sehr er sich wünschte, er könnte ihre Stimmen nur ein Mal hören, wissen, wie sie klingen würden. Wissen, warum sie sich für seinen Namen entschieden hatten. Ob sein Vater bei seiner Geburt dabei gewesen war. Wann hatte seine Mum mit dem Malen angefangen?

Sie waren beide froh, als sie wieder in ihrer Wohnung waren. Mick bestellte ihnen online Burger, die geliefert werden konnten, setzte sich dann auf dem Sofa auf Sebastians Schoß. Sein Sebastian.
„Ablenken, reden oder schweigen?“, fragte er.
Doch zu seiner Überraschung fragte Sebastian zurück: „Sagst du mir, was mit dir los war? Du warst vorhin… ziemlich ungeduldig.“
Und in Anbetracht dessen, dass es um seine Eltern gegangen war, tat das verdammt weh.
„Tut mir leid. Ich dachte, ihr wärt fertig.“
„Bist du… sauer?“, hakte der Ältere nach. „Auf mich?“
„Nein! Warum sollte ich?“
„Keine Ahnung, Mick, aber…“ Er zuckte mit den Schultern.
„Ich bin nicht sauer auf dich, mein Schatz. Wirklich nicht.“ Nur auf Amelie. „Ich war ein bisschen überfordert. Sei nicht sauer, bitte.“
„Denkst du, das war ich nicht?“ Sebastian fuhr sich über das Gesicht, lehnte sich an und musterte Mick.
„Es tut mir leid“, murmelte der Jüngere leise, kuschelte sich wieder an ihn. Ja, es tat ihm leid. Er sollte seine Eifersucht nicht an Sebastian auslassen und noch weniger an dessen Eltern. Hier ging es um wichtigeres, das wusste er. Er hatte das schließlich angeleiert. Er würde für seinen Freund da sein. Egal, was Amelie tat und wie er zu ihr stand.
Zumindest dachte Mick das bis zum nächsten Tag…

Sebastian schloss die Wohnung am späten Nachmittag auf. Er hatte neue Papiere in der Hand, seine Augen waren gerötet, doch er lächelte.
Mick dagegen sah stumm an die Decke, lag auf dem Sofa in eine Decke gewickelt.
„Hey.“
Sebastian legte die bekannte rote Mappe auf den Couchtisch, beugte sich über Mick und küsste ihn sanft. Doch der Jüngere erwiderte den Kuss nicht.
„Warst du wieder bei Amelie?“, fragte er stattdessen.
„Ja, sie hat Kontakt zu einer Nachbarin meiner Eltern bekommen.“ Sie hatte ihm früh am Morgen geschrieben, dass sie sich gestern Abend noch mit ihr hatte treffen können und dementsprechend war Sebastian noch vor dem Frühstück aus der Wohnung verschwunden. Sie waren spät ins Bett gegangen und Mick hatte noch geschlafen.
„Super. Tolle Amelie.“
Sebastian richtete sich auf, zog die Augenbrauen zusammen. Bitte?“
„Nichts.“
„Wenn du was zu sagen hast, dann sag es.“
„Ich dachte nur, ich wäre dein Freund, weißt du?“
„Das bist du doch auch.“
Mick richtete sich auf. „Warum rennst du dann immer zu ihr, statt mit mir zu reden?“
„Sie hat mir geschrieben.“
„Ja, weil sie von Anfang an die war, die gesucht hat. Ich dachte, wir machen das zusammen.“
„Sie hat das halt schon mal gemacht. Wo ist das Problem?“ Sebastian verschränkte die Arme vor der Brust. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden, machte einer tiefen Furche auf seiner Stirn Platz. „Es geht um meine Eltern, Mick, nicht um eine Date Night.“
Outch.
Mick erhob sich. „Und Amelie ist einfach besser als ich. Seriöser. Nicht so kindisch. Schon verstanden, danke“, knurrte er.
Das hier ist wirklich kindisch! Sie ist meine Familie, ich muss nicht vor dir rechtfertigen, wenn ich Zeit mit ihr verbringe!“ Sebastians Stimme war nun deutlicher lauter geworden. Trotzdem konnte Mick seinen eigenen Puls laut in seinen Ohren pochen hören.
„Ja. Genau. Sie ist deine Familie. Und genau das ist mein Problem.“
„Was ist dein Problem? Dass ich nicht immer nur auf dich und deine Familie angewiesen bin? Dass ich auch noch ein bisschen was eigenes hab?“
„Nein. Dass sie dir immer noch viel wichtiger ist als ich.“
Sebastian sah ihn fassungslos an. „Ich liebe dich, Mick! Unsere ganze Beziehung hat darauf aufgebaut, dass ich dir mit deiner Familie geholfen hab! Damit du und sie glücklich und zufrieden sind. Nur deshalb sind wir überhaupt hier!“
Der Kloß in Micks Hals wurde noch sehr viel dicker. Nur deshalb also, ja? Doch Sebastian war noch nicht fertig: „Jetzt wirfst du mir vor, dass mir meine Schwester wichtig ist? Dass ich wissen will, wer meine Familie war? Nicht jeder lebt in so einer heilen Welt wie du in Irland!“
Mick schluckte den Kloß herunter. „Ja, vielleicht hat unsere Beziehung damit angefangen. Aber ich wollte immer, dass du Teil meiner Familie bist, und ich wollte zu deiner gehören.“ Und er hatte geglaubt, dass Sebastian das auch wollte. Dass er die O’Dweyers als seine Familie sah. Dass das Familienportrait etwas bedeutete und nicht nur eine Darstellung von ein paar Menschen war. Dass er dazu gehörte. Und Mick zu ihm. „Aber du lässt mich einfach immer noch nicht wirklich an dich dran!“
Sebastian schnaubte und das Blitzen in seinen Augen traf Mick fast so sehr, wie seine Worte. „Wie soll ich dich in meine Familie lassen, wenn ich keine habe, hm?! Amelie feindest du an und wenn ich nach meinen Eltern suche, passt dir das auch nicht! Dabei war es deine beschissene Idee!“
Ein- und ausatmen. Langsam. Mick reckte das Kinn, sah ihn fest an. Mit ruhigerer Stimme sagte er: „Ich will doch, dass du nach deinen Eltern suchst. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass du mich irgendwie daran Teil haben lässt. Du hast heute Morgen nicht mal Tschüss gesagt.“
„Du hast geschlafen! Man, Mick. Es geht um meine Eltern und nicht nur um dich!“
Ja, das tat weh. „Ich will nicht, dass es nur um micht geht. ich will für dich da sein. Das geht aber nicht, wenn du immer nur zu ihr rennst.“
„Ich renne nicht nur zu ihr! Ich bin dankbar für ihre Hilfe. Sie versteht mich wenigstens!“
„Ich verstehe dich also nicht, ja?“
„Scheinbar ja nicht!“
„Vielleicht nicht so wie sie. Wie sollte ich auch?“ Die Ruhe in Mick war nun endgültig verschwunden. „Mit mir redest du ja nicht!“
Die beiden Männer standen sich gegenüber, funkelten sich wütend an. Es hatte etwas elektrisches, pulsierendes, sogar leidenschaftliches. Aber es war keine Liebe, die zwischen ihnen stand. Es war eine Menge Wut. Wut und Schmerz und-
„Was soll ich denn bitte sagen?!“, fauchte Sebastian und ahnte noch nicht, dass er seine nächsten Worte sehr bereuen würde. „Glückwunsch zu deiner tollen Mama. Hier ist meine. Nein, sorry. Sie ist tot! Aber hey, lass uns einen auf glückliche Familie machen!“
Mick starrte ihn an, schüttelte langsam den Kopf. „Du verstehst es nicht. Gar nichts. Du… Vergiss es!“
Er lief an Sebastian vorbei in den Flur, zog sich Jacke und Schuhe an. Er hörte, wie Sebastian sich im Wohnzimmer bewegte, doch er kam ihm nicht nach, nicht in den Flur.
„Dann hau doch ab!“, brüllte er stattdessen, als Mick die Türklinke schon in der Hand hatte.
Tränen liefen über Micks Wangen, noch bevor er die Tür hinter sich zu zog.
So wichtig war er also Sebastian. Gut, wenn man wusste, was der andere von einem hielt.
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