About an Artist

von MiraiShu
GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
16.08.2019
17.01.2020
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Kapitel 2: “I’m gonna make him an offer he can’t refuse.”

(Marlon Brando as Don Vito Corleone in The Godfather)


Drei Wochen konnte eine sehr kurze Zeit sein, aber sie konnten auch sehr, sehr langsam vergehen. In der ersten Woche checkte Mick ständig seine E-Mails. Dann stellte er auch seine Handynummer zu der Anzeige. Vielleicht meldete man sich dann eher bei ihm, und selbst wenn es nur Prank-Anrufe waren, so war es das doch wert. Ihm lief die Zeit davon. Konnte Sebastian nicht selbst die Anzeige sehen? Vielleicht hatte er sich geirrt und er war doch etwas älter als Mick und schon fertig mit dem Studium. Vielleicht war er sogar nur Tourist. Was sollte er dann tun? Dann war Sebastian längst wieder da, wo er hergekommen war und er würde ihn absolut nie finden und seiner Familie beichten müssen, dass er sich einen Freund ausgedacht hatte! Na ja, nicht ausgedacht, aber… ausgeliehen? Gemietet? Engagiert? Auf der anderen Seite würde er das auch wieder tun. Er würde ihn als eine Art Schauspieler einstellen, wenn er ihn finden sollte. Eines Tages würde er Richard eine reinhauen dafür, dass er ihm dieses Grab geschaufelt hatte. Nein, geschaufelt hatte er selbst. Richard hatte ihm nur den Spaten gereicht.

Am Donnerstag der zweiten Woche zeigte sich endlich ein kleiner Lichtblick. Eine E-Mail.
Hey! Suchst du noch nach Sebastian?
Mick schrieb sofort zurück, seine Finger zitterten leicht. Ja! Kennst du ihn?
Die folgenden acht Minuten fühlten sich länger an als die ganze vergangene Woche.
Er arbeitet im Coffee Shop bei mir um die Ecke.
Angeheftet befand sich ein Google-Standort und ein Foto von einem Mann mit hellbraunen Haaren, der eine dunkelrote Schürze und ein weißes Hemd mit einem Aufdruck auf der linken Brust trug. Third Cup. Sebastian. Er hatte ihn. Mick fiel ein riesiger Stein vom Herzen, gleichzeitig ging sein Puls noch etwas schneller. Das Foto hatte eine überraschend gute Qualität. Vielleicht war es von der Website des Cafés. Jedenfalls stand Sebastian das Rot eigentlich ganz gut.
Tausend Dank! Ich spendiere dir die Tage einen Kaffee!

Mick rief bei Richard an und sie verabredeten sich für eine Stunde später in dem Coffee Shop. Mick war trotzdem schon nach einer halben Stunde da. Die Adresse lag nicht allzu weit von seiner Wohnung und er hatte es Zuhause nicht mehr ausgehalten, war viel zu nervös. Er hatte sich noch ein frisches Hemd angezogen, seine Zähne geputzt und vier Mal kontrolliert, ob sein Spiegelbild akzeptabel aussah. Wenn er Sebastian sah, musste er einen besseren Eindruck machen als beim letzten Mal. Er musste ihn immerhin überreden, mit ihm nach Irland zu fliegen.
Erst als er vor dem Laden auf der anderen Straßenseite auf Richard wartete, fiel ihm ein, dass Sebastian heute möglicherweise gar nicht arbeitete. Wenn er diese nervöse Übelkeit noch bis morgen oder sogar übermorgen mit sich rumschleppen musste, würde er sterben. Definitiv sterben. Und ja, vielleicht wurde er dramatisch, aber das war jawohl sein gutes Recht. Immerhin ging es um seine Beziehung. Also nicht wirklich, aber…
„Hey!“ Richard klopfte ihm auf die Schulter, umarmte ihn dann kurz. „Hier ist es?“
„Ist zumindest die Adresse und der richtige Name“, murmelte Mick nervös, als sie die Straße überquerten. Er spähte durch die Scheibe, drehte sich dann hastig wieder weg. „Er ist hier.“
„Dann los“, grinste Richard und öffnete die Eingangstür.
Ihnen schlug der warme Geruch von Kaffee entgegen, ein bisschen roch es auch nach Zimt. Das Café war wirklich mehr ein Coffee Shop als ein richtiges Café. Es war eingerichtet, wie ein amerikanisches Diner. Der Kaffee sowie Kuchen wurden an der Theke ausgegeben und wurden wie im Pub direkt bezahlt. Trotzdem hatte das ganze etwas gemütliches, aber das konnte auch am Geruch liegen. Oder an der leisen Musik. Oder an dem Mann hinter der Theke, der gerade einen Kunden breit anlächelte und ihm eine große Tasse reichte. Neben ihm arbeitete eine junge, blonde Frau, die ihre langen Haare zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Auch sie lächelte. Die beiden schienen gut miteinander auszukommen…
Mick setzte sich an einen Tisch weit weg von der Theke und nahm die laminierte Papierkarte zur Hand, die man drei Mal aufklappen konnte, wie eine gefaltete Tageszeitung. Rich setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber, nickte aber auffordernd Richtung Theke. „Geh hin und bestell uns Kaffee!“
Mick warf ihm einen tödlichen Blick zu, erhob sich dann aber und ließ die Karte auf dem Tisch. Die würde er ein anderes Mal lesen. (Wann hatte er beschlossen, wiederzukommen? Wenn Sebastian ihm einen Korb gab, konnte er sich hier nie mehr blicken lassen!) Richard trank seinen Kaffee eh meist schwarz.
Sebastian lächelte ihn sofort freundlich an. Ein bisschen hatte er gehofft, die Frau würde ihn bedienen und er konnte dem Gespräch noch entgehen… „Was darf es sein für dich?“
„Zwei Kaffee, bitte“, murmelte Mick, beinahe schüchtern. Ja, der Typ gefiel ihm wirklich. Bei Tageslicht und in dem hellen Coffee Shop sah er fast noch ein bisschen umwerfender aus. Niemand sollte mit einer Schürze so elegant wirken. Aber nein, er war nicht hier, um ein richtiges Date zu vereinbaren. Für die reguläre Schiene hatte er definitiv nicht mehr die Zeit.
„Schwarz?“, hakte Sebastian nach, sah ihn fragend an, ein Schmunzeln zog an seinen Mundwinkeln.
„Ja. Danke…“
„Kommt sofort.“ Er drehte sich um, um die Kaffeemaschine hinter sich zu bedienen und zwei Tassen aus dem Regal zu nehmen. Mick beobachtete die Bewegung, wie sich das Hemd über seine Schultern streckte und… Erkannte der Kerl ihn wirklich nicht wieder? Es war schon fast zwei Wochen her, ja, aber hatte er einen so flüchtigen Eindruck hinterlassen? Wie viele Leute fragten Sebastian nicht nach seiner Handynummer, sondern nach einem Selfie?
Sebastian stellte die Tassen auf Untertassen und auf die Theke. „Vier achtzig, bitte.“
Mick reichte ihm drei 2-Pfund-Stücke. „Passt.“
„Danke“, lächelte Sebastian, doch dann stutzte er. „Warte… Sorry, wenn das doof klingt, aber bist du nicht der mit den Selfies?“
Mick spürte die Hitze in seine Wangen steigen. Es war doch irgendwie leichter gewesen, als Sebastian ihn nicht erkannt hatte. „Ja“, gab er verlegen zu.
Zu seiner Überraschung grinste Sebastian nur breit. „Ist das Album voll geworden?“
„Ich… hab nur mit dir ein Selfie gemacht und jetzt hab ich ein Problem…“ Mick zog die Schultern hoch. Wie machte man so was? Gab es eine Anleitung dafür, wie man einen Fremden fragte, ob er sein Freund für ein Wochenende sein wollte? Doch Sebastian kam ihm zuvor: „Ja, du hast vergessen nach meiner Handynummer zu fragen.“
Micks Herz machte einen kleinen Looping. Flirtete Sebastian mit ihm? War er schwul? Bi? Interessiert an ihm? Zumindest ersteres hatte er schon im Club gehofft, spätestens als er Marlon angelogen hatte, denn wie sollte er einen Hetero dazu bringen, seinen Freund zu spielen? Selbst wenn er absolut tolerant war, war er wohl weniger begeistert davon, Mick für und vor seiner Familie zu küssen.
„D-Das auch.“
„Und?“
„Hey, wird das noch was?“
Keiner der beiden hatte bemerkt, dass sich hinter Mick eine kleine Schlange gebildet hatte und der Herr hinter ihm wurde mittlerweile ziemlich ungeduldig.
Mick zog den Kopf ein, nahm endlich die beiden Kaffeetassen. „Ich bringe den erstmal Rich.“
Damit verließ er die Theke. Er sollte warten, bis Sebastian Pause oder Feierabend hatte. Er stellte den Kaffee vor seinem besten Freund ab, ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. Das war nicht ganz so katastrophal gelaufen, wie er es sich schon ausgemalt hatte. Aber das schlimmste stand ihm auch noch bevor… Er fasste das Gespräch kurz für Richard zusammen, bevor er wieder nach vorne sah, wo Richard gerade die letzte Frau in der Schlange abkassierte.
„Der gefällt dir wohl, hm?“ Rich wackelte mit den Augenbrauen.
„Nein, aber ich muss rausfinden, wann er Feierabend hat.“
Nein.Als ob Richard nicht ohnehin schon wusste, dass Sebastian absolut sein Typ war und ihm schon im Club gefallen hatte. Wieso hatte sich das ändern sollen? Natürlich gefiel er ihm!
Mick erhob sich, ging wieder zu ihm. „Darf ich nochmal stören?“
Sebastian trocknete sich gerade die Hände ab. „Klar.“
„Wann hast du Feierabend?“
Ein Lachen entwich dem jungen Mann und in seinen Augenwinkel entstanden kleine Lachfalten. Es war ein schönes Lachen. Warm und ehrlich. Vielleicht etwas laut, wenn man bedachte, dass jetzt mindestens sechs andere Gäste sie ansahen. „Du bist echt direkt. Eine Stunde hab ich noch.“
Mick nickte leicht. „Dann trinken wir langsam.“
Es machte keinen Sinn, Sebastian hier zu korrigieren, wenn noch nicht die Zeit war, alles zu erklären. Ganz sicher wollte er nicht nur mit ihm ins Bett! Nicht nur. Er wollte überhaupt nicht mit ihm schlafen! Er wollte ihn bloß als Freund ausleihen. Sebastian musste ihn für verrückt halten, wie er mit Richard zusammen an seinem Tisch saß und auf ihn wartete. Als wäre ein Stalker. Oder als wolle er einen Dreier veranstalten. Beides bestimmt nicht.

„Ich fühle mich etwas fehl am Platz“, gab Richard zu bedenken, nachdem er den letzten Schluck seines mittlerweile kalten Kaffees getrunken hatte.
„Du lässt mich hier nicht allein!“, fauchte Mick.
„Schon gut…“

Sie mussten noch zwanzig Minuten länger warten, dann kam Sebastian an ihren Tisch. Er trug noch das Hemd, hatte nur die Schürze abgelegt.
„Hey.“ Mick sah verlegen in seine leere Tasse.
„Hey. Also, was gibt es?“ Sebastian zog einen freien Stuhl an den Tisch, stellte ihn mit der Lehne nach vorne und setzte sich, sodass er die Arme auf der Rückenlehne abstützten konnte.
Mick atmete tief durch. „Ich hab das Foto nicht für irgendein Album gemacht, sondern für meine Familie.“
„Deine… Familie?“
Er nickte. Peinlicher wurde es nicht mehr, also… „Die wollten, dass ich endlich mit Beziehung nach Hause komme und ich dachte, ich seh sie ja jetzt eh für ein halbes Jahr nicht, also ist es auch egal.“
Sebastian zog die Augenbrauen zusammen. „Du hast mich als deinen Freund ausgegeben?“ Immerhin wirkte er nicht angeekelt, sondern maximal irritiert, ein bisschen überfordert.
Mick nickte leicht. „Sorry.“
Richard und Mick sahen den Barista einen Moment an, während er schwieg. Schließlich entspannten sich seine Gesichtszüge und er zuckte mit den Schultern. „Touché. War es das?“
Jetzt kam also der wirklich schwere Teil. Mick tauschte einen kurzen Blickkontakt mit seinem erstaunlich ruhigen und schweigsamen besten Freund, bevor er sich wieder auf Sebastian konzentrierte.
„Ich bin übernächstes Wochenende zur Verlobungsfeier eingeladen. Mit Freund.“
Sebastian nickte zu Richard. „Und wer ist das?“
„Mein bester Freund. Richard.“
„Dann nimm ihn doch mit.“
Richard schnaubte, doch Mick überging ihn. „Meine Eltern kennen ihn und sie haben dein Foto.“ Er leckte sich über die Lippen. „Außerdem ist Irland wirklich sehenswert.“
Endlich schien der Groschen zu fallen, denn Sebastian verschränkte die Arme vor der Brust. Jegliches Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden und Mick wünschte sich, sie hätten sich einfach so in einer Bar kennengelernt und er hätte nicht gelogen.
„Du willst, dass ich als dein Freund mit dir nach Irland reise. Wo hast du die Kameras versteckt?“
Mick seufzte resigniert. Nicht die schlimmste Reaktion, aber das besiegelte wohl sein Schicksal als der Versager der Familie. „Du kannst auch einfach Nein sagen.“
„Vorweg: ich führe keine festen Beziehungen. Und außerdem habe ich nicht das Geld für einen spontanen Trip ins Ausland.“
„Bezahlen würde ich selbstverständlich.“ Die erste Bemerkung ignorierte er lieber. Ebenso wie das leichte Stechen in seiner Brust. Wieso sollte er eine echte Beziehung zu einem eigentlich Fremden wollen? Es ging hier nur darum, seinen Hals für ein Wochenende zu retten. Danach konnten sie sich für immer trennen und Mick würde seinen Kaffee wieder am Campus-Bistro kaufen.
Sebastian sah mittlerweile eher so aus, als würde er Mick für völlig irre halten. Wer konnte es ihm verübeln? „Du weißt absolut nicht über mich. Ich könnte auch ein Serienkiller sein.“
Mick verdrehte leicht die Augen. „Schon gut. Ich würde es vermutlich auch nicht machen. Aber ich dachte, fragen kostet nichts.“ Nur sechs Pfund für Kaffee und Trinkgeld.
„… Okay. Wann geht’s los?“
Micks Kopf zuckte herum. Er und Richard sahen Sebastian gleichermaßen verblüfft und mit offenen Mündern an. „W-Was?“
„Wann fahren wir?“, fragte Sebastian ruhig. „Ich muss Koffer packen und frei nehmen.“
„Oh. Äh… Nächste Woche Donnerstag bis Sonntag?“, stammelte der Rothaarige. „D-Dann… buche ich Flüge…?“
„Alles klar.“ Sebastian zog ein schwarzes, kleines Handy aus seiner Hosentasche. „Nummer?“
Mick diktierte sie langsam, zog dann mit zitternden Fingern sein eigenes Smartphone hervor und speicherte im Gegenzug auch Sebastians Nummer ab.  „Danke!“
„Gratis-Urlaub, nicht wahr?“ Sebastian schmunzelte wieder und Mick fiel es schwer, sich vorzustellen, dass dieser Mann einen Tag lang schlechte Laune haben konnte.
„All-in“, bestätigte er.
„Gut. Dann sehen wir uns Donnerstag.“ Damit erhob der Barista sich und klopfte kurz auf den Tisch, bevor er wieder zur Theke und hinter einer Tür mit der Aufschrift Personal verschwand.
„Wow“, murmelte Mick nach einem Moment. „Ich hab einen Freund. Quasi.“
„Und was für einen“, gab Richard zurück, sah Mick an und grinste dann leicht.

Auf dem Weg zu Micks Wohnung wurden die Gespräche dann doch wieder ernster. Richards Optimismus verflog etwas, sehr zu Micks Missfallen. Sie waren so weit gekommen, er konnte jetzt keine großen Bedenken gebrauchen! Doch Richard fand den Plan nicht mehr so gut, wie samstags, als er ihn selbst im Club geschmiedet hatte. Was, wenn Sebastian in der Tat ein Serienkiller war? Er wusste nicht mal seine Adresse oder seinen Nachnamen! Sie hatten absolut keine Referenzen. Was, wenn er Mick doch noch sitzen ließ? Was, wenn er mitflog, nur um Mick dann offen vor seiner ganzen Familie zu blamieren? Wie sollte Mick denn bitte eine ruhige Minute mit dem Typen haben, wo die ganze Situation so furchtbar unberechenbar war?!
Aber was hatte Mick noch für eine Wahl, wenn er nicht alles abblasen wollte? Er wusste, dass das nicht eben weise war und seine Mum würde ihm umbringen für diese Dummheit, wenn sie die Wahrheit wüsste, aber irgendwie vertraute er Sebastian? Sollte er bei dieser Aktion doch drauf gehen, konnte Richard immerhin eine Biografie über ihn schreiben und die würde den blumigen Titel Nicht nachmachen! tragen. Wie mein bester Freund sein Leben an seine Leichtgläubigkeit und Dummheit verlor.
… Doch, Mick war auch nervös.

Ein paar Tage später schickte Mick Sebastian die Flugdaten und versprach ihn, ihn Donnerstagmorgen um halb fünf abzuholen. Daraufhin bekam er zumindest Sebastians Adresse, die er direkt an Richard weiterleitete. Reine Vorsichtsmaßnahme.
Mittwochnachmittag packte er dann seinen eigenen Koffer und einen Rucksack. Mit einigem Bargeld. Nur für den Fall… Was genau das für ein Fall sein sollte, wusste er auch nicht. Vielleicht musste er Sebastian irgendwo aussetzen. Oder bezahlen, damit er seine Rolle auch wirklich spielte. Neben der kostenlosen Reise, die ja nicht wirklich ein Urlaub war, hatten sie kein Theater-Gehalt oder so ausgemacht.

Sebastian wartete schon mit einer Sporttasche über der Schulter vor seiner Haustür. Er wohnte etwas außerhalb von London in einem Mehrparteinhaus. Kein Vorgarten, nur ein paar Treppenstufen, die zur Tür führten und eine kahle Hausfront, vor der die Mülltonnen standen. London war schön. Micks Wohnung auf dem Campus auch, aber hier draußen lebten all die Arbeiter, die nicht so viel Geld hatten, um sich das Zentrum leisten zu können. Wenn Sebastian Glück hatte, gehörte ihm zumindest die Dachetage, dann hatte er möglicherweise eine Art kleines Penthouse. Wie viel er als Barista wohl verdiente, um diese Mieten stemmen zu können?
„Guten Morgen“, lächelte Mick, als Sebastian die Beifahrertür öffnete. Er warf seine Tasche auf den Rücksitz, setzte sich dann und erwiderte den Gruß. Sebastian trug eine dunkelblaue Jeans und Sneaker. Statt eines weißen Hemdes trug er nun ein olivgrünes.
Mick deutete auf eine Thermoskanne, die er in den Fußraum gestellt hatte. „Ich hoffe, du magst Kaffee.“
„Sehr gerne, danke.“ Sebastian grinste leicht. Wahrscheinlich war es dumm gewesen, einen Barista zu fragen, ob er Kaffee mochte…
Mick legte den ersten Gang ein, fuhr los. Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen und die kühle Morgenluft verschaffte ihnen eine friedliche Atmosphäre. Er hatte das Radio nur sehr leise angestellt, konzentrierte sich darauf, die Autobahn zum Flughafen Heathrow zu finden. Als er die richtige Richtung eingeschlagen hatte, sah er kurz zu seinem schweigenden – vermutlich ziemlich müden – Beifahrer.
„Wie alt bist du eigentlich?“
„21. Und du?“
„19.“
Sebastian nickte. „Was muss ich über meinen Freund wissen?“
„Ich spiele Football, aber nur so aus Spaß. Ich studiere Creative Writing und Psychologie und… äh… wohne allein. Und du so?“
„Ich wohne allein, arbeite im Coffee Shop und bin freier Künstler.“
Mick lächelte leicht. Also entweder Sebastian war ein wirklich faszinierender Typ, der wirklich was von Kunst verstand und einfach ein Freigeist mit Träumen und Ambitionen war oder… Mick würde morgen nicht lebend aufwachen.
„Seit wann sind wir zusammen?“, fragte Sebastian, setzte sich etwas seitlicher hin, um Mick anzusehen.
„Etwa einen Monat.“
„Nicht etwa. Den Tag.“
„Äh… 24. April.“
„Okay. Wo haben wir uns kennengelernt?“
„Auf einer Party..?“ Wieso hatte er sich nicht eher Gedanken um die Details gemacht? Er hatte zwar daran gedacht, dass sie sich etwas überlegen mussten, aber die Details hatte er selbst in seinen Gedanken immer Sebastian überlassen… Er wusste zu wenig über ihn. Und er selbst war einfach nicht gut im Lügen.
Sebastian nickte bedächtig. „Viel wichtiger. Wie heißt du eigentlich?“
„Michael O’Dweyer. Kein Zweitname.“
„Sebastian Cannavale. Kein Zweitname.“
Das würde Mick später auch Richard schreiben müssen… Insofern Sebastian ihm die Wahrheit sagte.
„Und woher kommst du?“, hakte er nach.
„Leeds. Langschläfer?“
„Hm, ja, aber kein Morgenmuffel. Du?“
„Ein bisschen von beidem. Kaffee oder Tee?“
„Kaffee. Ich sterbe für Kaffee!“, grinste Mick. „Ähm… Rauchst du?“
„Gelegentlich mit Freunden, aber eigentlich nicht. Alkohol?“
Mick musste lachen. „Glaubst du, ich war völlig klar, als ich das für ne gute Idee hielt?“
Sebastian schenkte ihm ein kurzes Grinsen. „Also, deine Familie. Was muss ich wissen?“
„Ich hab einen großen Bruder, Marlon, der bald heiratet. Meine Eltern heißen Verena und Fergus und züchten Connemara-Ponys. Wir haben einen Hund, Jack.“
„Tierliebe Familie. Fettnäpfchen, die ich besser auslasse?“
„Meine Mum räumt gerne auf und mein Dad ist… Pferdemann von der alten Schule. Du bist mein erster Freund.“
„Alles klar. Haben wir Sex?“
Mick wurde rot, biss sich auf die Lippe. Das war eine wirklich interessante Frage. Eine Frage, die auch Marlon stellen würde, wenn er es nicht als gegeben hinnahm. Eigentlich war es nicht weiter wichtig, oder? So sehr ging seine Familie seine Beziehung auch nicht an, dass er ihnen auch noch sein Liebesleben aufbinden musste. Aber er wusste, dass das so einfach nicht laufen würde… „Wenn Marlon fragt, ja. Aber… das ist ja nichts, was… wir so einfach auf den Tisch bringen müssen, okay? Marlons Verlobte heißt übrigens Yasmine“, wechselte er das Thema. Und er war froh, dass Sebastian es dabei beließ.
Sie führten das Kreuzverhör fort, bis sie am Flughafen waren und Mick erfuhr, dass Sebastian gerne zeichnete und malte, aber generell noch etwas herum probierte. Modellieren war nicht so sein Ding, er beließ es bei Bildern. Mick verriet ihm, dass er eigentlich gerne Autor werden wollte. Krimi-Autor. (Wofür er ja gerade die optimale Vorlage gab.) Sebastian schien ehrlich daran interessiert und Mick versprach, dass er mal ein Manuskript lesen konnte, wenn er wirklich wollte. Sie scherzten ein bisschen herum, über ihr gemeinsames Leben mit lauter künstlerischen Werten, aber ohne Geld. Sie redeten kurz über Micks Freundeskreis, der neben Richard in London nicht unbedingt existent war und Mick beichtete auch, dass er noch nie einfach so einen Mann so locker angesprochen hatte. Sebastian wusste offenbar nicht, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein sollte. Mick wusste es auch nicht.

Sebastian bekam den Fensterplatz, weil er nach seiner Aussage schon lange nicht mehr geflogen war. Mick hatte eher das Gefühl, dass das sein erster Flug war, aber er schien sich zu freuen. Der Flug war ohnehin nur etwas länger als eine Stunde. Sie würden direkt am Flughafen abgeholt werden und einigten sich darauf, dass ein frisch verliebtes Paar wohl Händchen halten sollte. Kein Problem. Über mögliche Küsse wollte Mick lieber nicht reden.

Mick war mehr als nervös, als sie ihre Koffer holten und dann in die Empfangshalle gingen. Sebastian hatte seine Tasche geschultert, hielt in der freien Hand Micks.
„Entspann dich“, lächelte er, verflocht ihre Finger miteinander. Das machte das Entspannen für Mick nicht wirklich leichter. Es war eine rein praktische Beziehung, ja, das hieß nicht, dass ihm das Gefühl nicht gefiel. Und Sebastian löste definitiv ein Flattern in seiner Magengegend aus. Außerdem war es ein schönes Gefühl, endlich eine andere Hand zu halten. Wie ein Ankerpunkt. Richards Stimme, die ihm einredete, dass er auch ein Serienkiller sein konnte, war aus seinem Kopf verschwunden. Seine Hand war etwas kleiner als Sebastians. Sie passten gut ineinander.
Mick schluckte, als er Marlon entdeckte, behielt sein Lächeln aber auf. Es war kaum zu übersehen, dass die beiden Brüder waren. Die gleichen grünen Augen, die roten Haare. Aber Marlon war noch etwas größer als Mick und damit mit Sebastian auf Augenhöhe. Seine Schultern waren auch etwas breiter und er generell muskulöser, was neben seinem Job auch aus dem Fitnessstudio kam.
„Hey, Kleiner. Wie geht’s dir?“
Mick ließ Sebastians Hand los, um seinen Bruder zu umarmen und ihm zu gratulieren. Egal, wie peinlich und unangenehm das hier werden konnte, er hatte seinen Bruder auch vermisst. Es war schön, ihn mal wieder zu sehen.
Marlon reichte Sebastian die Hand. „Hi, freut mich.“
„Ebenso.“
Marlon hielt seine Hand etwas länger fest und sein Blick war eindeutig prüfend, bevor er lächelte. „Yasi wartet im Auto.“
Sebastian nahm wieder Micks Hand und dieses Mal zögerte Mick nicht, als er sie leicht drückte. So schnell fühlte es sich normal an. Als müsste es so sein.

Yasmine stieg aus dem Wagen, als sie ihren Verlobten und ihren Schwager-in-spe sah. Sie umarmte Mick fest, dann auch Sebastian, allerdings sanfter, kürzer. Erneut wurden Glückwünsche ausgetauscht, bevor sie ihr Gepäck im Kofferraum verstauten und Mick und Sebastian es sich auf dem Rücksitz bequem machten.
„Sebastian, ich hoffe, du trinkst Alkohol“, grinste Marlon, nachdem er losgefahren war. „Heute Abend kommen ein paar Leute zum Feiern vorbei.“
Streng genommen ist er nur deshalb hier, dachte Mick, sagte aber nichts, sondern lächelte brav weiter.
„Ab und zu.“
Marlon sah im Rückspiegel kurz zu ihm. „Ist vermutlich besser, wenn wenigstens einer von euch nüchtern ist und den Heimweg finden kann, oder? Aber heute kannst du mittrinken!“
Sebastian nickte nur lächelnd. Das Ganze lief besser als erwartet. Immerhin schienen die beiden Sebastian auf Anhieb ebenso sympathisch zu finden, wie Mick. Doch, es konnte auch mit dem Fake ein gutes Wochenende werden.
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