About an Artist

von MiraiShu
GeschichteRomanze, Familie / P18 Slash
16.08.2019
29.11.2019
15
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Dieses Kapitel
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Here we go again :)
Willkommen in unserem neuen Projekt! Wir, das sind Emma (MadamedePompadour) und Mirai. Wir schreiben seit über sechs Jahren gemeinsame Roleplays, die Mirai dann in eine fließende Geschichte für euch umschreibt. Wer uns und unsere Jungs also noch nicht kennt, ist herzlich eingeladen bei Jonah und Stanley oder Nick und Phil vorbeizusehen.
Wie immer sind wir sehr gespannt auf eure Meinung! Updates kommen pi mal Daumen wöchentlich am Freitag, wie auch schon bei KaS. (Wer für PWP hier ist, ist leider an der falschen Adresse.)

Liebste Grüße und frohes Lesen!
Mirai & Emma



Kapitel 1: “There is a time for daring and there is a time for caution.”

(Robin Williams as John Keating in The Dead Poets Society)


„Mum macht mich noch wahnsinnig. Und Marlon auch!“
Es war ein ganz normaler Samstagabend, in einer kleinen Bar in der Nähe des Universitätscampus von London. Mick – Michael O’Dwyer mit ganzem Namen – stellte den White Russian vor seinem besten Freund auf den Stehtisch, nippte dann an seinem Caipirinha. Er war ein Freund der klassischen Cocktails, wenn es schon kein einfaches Bier sein sollte.
Richard stieß sein Glas leicht an Micks. „Cheers.“
„Cheers.“
Auch Richard gönnte sich einen ersten Schluck, bevor er Mick wieder ansah. „Immer noch die Frage nach dem Partner?“
Der Rothaarige nickte. „Marlon ist jetzt verlobt.“
Marlon, das war sein älterer Bruder. Er war für seine Ausbildung zum Techniker in Irland geblieben, ganz in der Nähe ihrer Familie. Und in der Nähe seiner Highschool-Freundin Yasmine, der er nach sechs Jahren endlich einen Ring an den Finger gesteckt hatte. Mick mochte Yasmine. Er mochte sie wirklich gerne. Aber das machten die Familientreffen nicht eben angenehmer, denn vor allem Marlon und ihre Mutter hatten die leidige Angewohnheit absolut ständig nach seinem Beziehungsstatus zu fragen. Das Single-Leben war nicht einfach, wenn immer wieder der Vorwurf des hohen Anspruchs kam. Oder – Micks persönlicher Favorit von Marlon – „Du musst halt mehr aus dir rauskommen.“ Mick war nicht unbedingt extrovertiert, das stimmte, aber er kam gut mit Menschen zurecht. Nur eben nicht mit attraktiven Männern… Er war schwul, das war kein Geheimnis für seine Familie und er wollte auch überall sonst keins daraus machen. Mit fünfzehn hatte er es geahnt, mit sechszehn war er sich einigermaßen sicher gewesen, dass sein Interesse einfach nicht den Frauen galt.
„Wann ist die Hochzeit?“, fragte Richard.
„Nächstes Jahr irgendwann.“ Ein Datum gab es noch nicht, aber bei der Verkündigung am Telefon hatte er deutlich hören können, dass Marlon darauf spekulierte, dass sein Brüderchen bis dahin eine Begleitung gefunden hatte.
Richard sah ihn aus seinen dunkelbraunen Augen nachdenklich an. „Siehst du deine Familie davor noch mal?“
„Ich werde sie wohl irgendwann besuchen fahren.“ Spätestens zu Weihnachten wollte er daheim sein. Er war zwar freiwillig in ein anderes Land gezogen, das bedeutete aber nicht, dass er seine Heimat nicht vermisste. „Warum?“
„Lüg ihn an“, erwiderte Richard mit einem Schulterzucken. „Sag ihm, du hast jemanden gefunden und dann ‚verlass ihn‘ vorher.“
„W-Was?“
„Du wirst doch eh erst zum Geburtstag deiner Mum hinfliegen, da kannst du ein halbes Jahr lang einen Geist daten und hast deine Ruhe.“
Mick nippte nachdenklich an seinem Cocktail. Dass er überhaupt darüber nachdachte, sagte wohl mehr über seine Verzweiflung aus als ihm lieb war. So einfach würde das außerdem nicht werden. Er würde sich eine ganze Geschichte ausdenken müssen, um seine neugierige Familie zufrieden zu stellen. Er war kein allzu guter Lügner, oder jedenfalls hatte er nicht besonders viel Übung. Aber wem würde es wehtun? Er hätte seine Ruhe, seine Mutter würde sich freuen und nach einem halben Jahr würde er es halt beenden, aber dafür eine Weile Frieden genießen, weil niemand von einem frisch Getrennten erwartete, dass er sich direkt wieder verliebte. Auf der anderen Seite, was sollte er tun, wenn er sich in der Zeit tatsächlich verliebte? Flog der Schwindel dann nicht auf? Er rührte mit dem Strohhalm durch sein Cocktailglas, sodass die Eiswürfel klirrten, doch das feine Geräusch wurde von der Musik und den Gesprächen um sie herum fast völlig geschluckt. Seit achtzehn Monaten lebte er in London und er hatte noch niemanden kennengelernt, der mehr als ein guter Kommilitone war. Richard hatte er aus Irland mitgebracht, die beiden kannten sich schon seit sie krabbeln konnten. Wieso sollte er sich jetzt verlieben?
„Du fällst als Alibi aus, dich kennen sie“, warf er ein, als er seinen besten Freund wieder ansah. Außerdem war Richard zwar sehr tolerant und nach dem vierten oder fünften Bier lebte er nach dem Motto ein bisschen bi schadet nie, aber ansonsten war er ziemlich hetero.
„Hey, hier rennen so viele hübsche Männer rum.“ Richard machte eine unbestimmte Geste an der Bar entlang und zu der kleinen Tanzfläche. „Sprich einen an, hol dir einen Namen und ein Foto. Das könnte lustig werden.“
Mick war nicht sicher, ob ihm Richards Grinsen gefiel. In der Regel bedeutete es für ihn nichts Gutes und nur für Rich eine Menge Spaß. „Oder in einem Desaster enden.“
„Was soll schon passieren?“
Mick zuckte mit den Schultern und sah sich um. „Neunzig Prozent hier würden das doch gar nicht mitmachen.“
„Tu halt so als wärst du betrunken.“
„Und wenn meine Familie dann mehr Fotos will?“
„Dann ist dein Freund halt fotoscheu.“
„… Können wir das nach dem zweiten Cocktail machen?“

Mick sollte diesen Cocktail und diese Entscheidung noch bereuen. Vielleicht hätte er sich eher fragen sollen, wieso Richard ständig auf so dumme Ideen kam und warum er aus fast zwanzig Jahren Freundschaft noch immer nicht gelernt hatte, dass es wirklich dumme Ideen waren.

Sie einigten sich darauf, dass er maximal drei Versuche hatte. Wenn keiner der Männer einverstanden war, ein Selfie mit ihm zu schießen, ohne große Erklärungen oder sonst was zu bekommen, dann würden sie es lassen.
„Also“, flötete Richard. Er genoss diese Situation zu sehr, war um einiges besser gelaunt als Mick. „Welcher gefällt dir am besten?“
Es waren nicht allzu viele Männer allein hier, die meisten hatten entweder eine Frau oder ein paar Freunde an ihrer Seite. Mick musterte die wenigen einsamen, die er bei dem schwummrigen Licht richtig erkennen konnte. Sein Blick fiel auf einen Mann, der an der Bar saß, an einem Bier nippte. Er saß halb unter einem der Scheinwerfer, sodass seine hellbraunen Haare und die weichen Gesichtszüge gut zu erkennen waren. Er war definitiv attraktiv und musste auch etwa Micks Alter haben. Vielleicht etwas älter. Im Sitzen war es schwer einzuschätzen, aber Mick ging davon aus, dass er auch etwa seine Größe hatte. Mit seinen 1,80 war er nicht eben klein und vielen Männern war es unangenehm, wenn er einen halben Kopf größer war.
„Der.“
„Hmm. Gute Wahl. Na los.“ Richard schubste ihn an. Mick leerte sein zweites Cocktailglas, atmete tief durch und ging dann los. Nur einmal ansprechen, ein Foto machen und dann musste er ihn nie wiedersehen. Wenn es peinlich war, war es immerhin schnell vorbei und es wäre nicht mal das erste Mal, dass er sich vor einem attraktiven Mann blamierte. Nur, dass der Fremde aus der Nähe auch noch umwerfende Augen hatte. Haselnussbraun. Viel heller als Richards. Fast sah es aus, als würde ein Funken Gold in ihnen stecken, aber Mick schob den Eindruck auf das Licht und den Alkohol. Er schluckte leicht, legte ihm dann eine Hand auf die Schulter.
„Hey. Wie heißt du?“
Sehr souverän, Michael. Fantastisch.
Der Mann zog in der Tat etwas irritiert die Augenbrauen zusammen. „Sebastian. Hi.“
Mick zog sein Handy aus der Hosentasche, wedelte damit kurz durch die Luft. „Lächel mal?“
Ja, jetzt hielt der Typ ihn entweder für irre oder für besoffen. Oder für beides. War auch okay.
„Du machst Selfies mit Fremden? Bastelst du ein Fotoalbum?“
„So ähnlich.“
Er lächelte. (Und wie er lächelte.) „Okay.“ Sebastian rutschte auf dem Hocker etwas näher an Mick, legte einen Arm um ihn und grinste in die Frontkamera, als der Rothaarige sein Handy hochhielt. Seine Hand war warm durch Micks Shirt.
Entfernt nahm er das künstliche Auslösergeräusch seines Handy wahr, bevor er das Gerät wieder einsteckte und den Fremden – Sebastian! – ansah. „Danke!“
„Viel Erfolg noch, Kleiner.“
„Mick“, grinste er. „Und danke!“
Sebastian hob sein Bierglas, schmunzelte. „Auf dich, Mick.“ Dann trank er. Mick sah ihn noch kurz an, bevor er sich umdrehte und zurück zu seinem Stehtisch ging. Erst jetzt füllte Hitze seine Wangen. Richard grinste breit und wackelte mit den Augenbrauen.
„Gleich auf den ersten Versuch, du kleiner Casanova. Er hat dir nachgesehen.“
Mick nahm seinem besten Freund das Glas ab, trank einen Schluck und verzog das Gesicht. Nein, White Russian war nicht sein Ding. Kaffee gehörte heiß in eine Tasse und nicht in einen Cocktail. Es sei denn, es war Irish Coffee, aber das war kein Cocktail, das war… eine Tradition.
„Ich hätte mir vermutlich auch nachgesehen. War ne komische Aktion.“
„Ich meine, er hat dich abgecheckt.“
Mick schüttelte den Kopf. „Das hast du dir eingebildet.“
Richard gab ihm einen Klapps auf den Hintern. „Na los, abschicken!“

Auch diesen Moment sollte Mick noch bitter bereuen. Jede wirklich dumme Idee hatte einen Punkt, an dem alles zu spät war.

Das Foto endete in der Familien-WhatsApp-Gruppe mit der Bildunterschrift Warten lohnt sich manchmal ;).
Es dauerte keine fünf Sekunden, bevor Marlon antwortete: Waaaaaas? Wie heißt er??
Mick: Sebastian
Mum: Wir freuen uns sehr für dich, Schatz! Hübsch seht ihr aus!!

Mick wurde leicht rot. Und schon kam das schlechte Gewissen in ihm hoch. Seine Mum war so ehrlich und lieb und er…?
Richard hatte seinen Gesichtsausdruck offensichtlich richtig interpretiert, denn er stieß ihm in die Seite. „Hey, sie sind doch selbst schuld. Ich hole uns neue Cocktails!“
Mick nickte, sah zur Bar, doch Sebastian hatte seinen Platz verlassen.

„Hallo?“, nuschelte Mick in sein Handy, nachdem er endlich geschafft hatte, den Anruf anzunehmen. Wenn er die viel zu hellen Ziffern auf dem Display richtig gelesen hatte, war es noch nicht ganz acht Uhr. Für die Uhrzeit hatte er gestern definitiv ein bisschen zu viel getrunken.
„Hey Kleiner! Lange Nacht gehabt?“
Seit wann war Marlon zu einem Frühaufsteher geworden?
„Hey. Jaa, n bisschen.“
„Erzähl mir mehr.“
Mick fuhr sich durch die Haare. Richtig. Sebastian. Das Foto. Sein sogenannter Freund. Er sah auf die zerwühlte Bettdecke, sein großes Bett, das außer ihm leer war.
„Moment. Er schläft noch. Ich nehme dich eben mit ins Bad.“ Mick erhob sich tatsächlich und ging in sein kleines Badezimmer. Was für ein Quatsch… „Was willst du wissen?“
„Woher kennt ihr euch? Seit wann läuft das?“
„Von der Uni. Seit zwei Wochen erst.“ Zwei Wochen waren doch eine gute Zeit, um seiner Familie das erste Mal von seinem Freund zu erzählen, oder? Oder war das zu früh? Aber sie konnten sich ja schon länger kennen und erst seit zwei Wochen fest zusammen sein? Wenn er das hier durchziehen wollte, sollte er sich dringend eine richtige Geschichte ausdenken und sie am besten auch aufschreiben.
„Wann lernen wir ihn kennen?“
„Keine Ahnung.“ Nie. „Zu Mums Geburtstag.“
„Das sind ja noch Ewigkeiten!“, beschwerte Marlon sich. „In drei Wochen ist ein langes Wochenende. Wir wollen meine Verlobung da feiern. Das lohnt sich doch für dich, oder? So lang ist der Flug schließlich nicht.“
Mick biss sich auf die Lippe, sah durch die offene Badezimmertür auf sein immer noch leeres Bett, als hätte in den letzten Minuten auf magische Weise ein Mann mit hellbraunen Augen und Haaren darin auftauchen können. „Ich frage ihn mal, okay? Kann nichts versprechen.“
„Schon klar. Ich sage Mum schon mal, sie soll deinen Pudding zum Feiertag kochen. Und jetzt husch, zurück ins Bett mit dir.“
„Bis dann, Marlon.“
„Hab Erbarmen mit deinen Nachbarn!“ Damit legte sein Bruder auf und Mick blieb allein in der Stille seiner Wohnung zurück.

Er brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln. Es kam absolut nicht in Frage, dass er die Verlobungsfeier seines einzigen Bruders verpasste, er musste fliegen. Aber allein? Wen sollte er auch mitbringen? Er wusste absolut nichts über Sebastian und wenn er einen Mann mitnahm, der völlig anders aussah, würde er sofort auffliegen. Richard hatte ihm diese Suppe eingebrockt, er sollte sie auch wieder auslöffeln!

„Weißu wie spät es is?“, nuschelte der junge Mann verschlafen, als er nach dem siebten Klingeln endlich dran gegangen war.
„Marlon will, dass wir in drei Wochen vorbeikommen“, sagte Mick ohne Umschweife.
„Wir?“
„Nein. Sebastian und ich.
„Wer- Oh. Oh!“
„Ja, super Sache, oder? Er will seine Verlobung feiern! Was mache ich denn jetzt?!“
Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, bevor Richard vorsichtig vorschlug: „Sagen, dass er nicht mitkommt?“ Sie wussten beide, dass das absolut keine Option war. Marlon würde nicht lockerlassen, egal, was sie sagten. Im Zweifelsfall würde er mit Mick zurück nach London fliegen, um ihn dort zu treffen. Wieso hatte er an all diesen Mist nicht gestern schon gedacht, bevor er die WhatsApp abgeschickt hatte?
„Wie willst du den Kerl wiederfinden?“, seufzte Richard nach einer weiteren Zeit des Schweigens.
„Keine Ahnung. Aber die glauben doch, ich bin beziehungsunfähig! Du musst mir helfen, Rich!“
Es hatte seine Gründe, dass seine Familie so erpicht darauf war, dass er einen Freund mitbrachte. Denn er hatte nie einen gehabt. Nicht nach seinem Outing, nicht nachdem er die High School abgeschlossen hatte. Wenn er ihnen jetzt gestand, dass sein erster Freund nur ein hübsches Gesicht auf einem Foto war…
„Was soll ich denn bitte tun?! Ich kann nicht zaubern! Willst du Suchanzeigen aufhängen? Selbst wenn wir ihn finden, wie offensiv willst du flirten, dass er in drei Wochen als dein Freund mitgeht?“
„Ich hab doch keine Ahnung, man!“ Mick war nun wirklich der Verzweiflung nahe. Wo hatte er sich da nur reingeritten?! Nie, nie wieder würde er auf eine von Richards schwachsinnigen Ideen hören! Nie wieder! (Ha.)
„Okay, okay. Wir haben noch drei Wochen für eine Lösung, oder nicht? Ich komme rüber. Bin gleich bei dir.“

Sie berieten sich fast zwei Stunden, bevor Mick seinen Laptop hochfuhr und auf die Anzeigenseite der Uni ging. Egal, was sie sich ausdachten, sie brauchten diesen Sebastian. Seiner Familie jetzt die Wahrheit sagen war die absolute Notfalloption. Aber wenn sie Sebastian wiederfinden konnten, dann konnte Mick ihm alles erklären und ihn anflehen, dass er seine Rolle spielte. Sie würden sich nach dem Wochenende nie wiedersehen müssen. Und mehr war es nicht. Ein Wochenende. Mick würde für alle Umkosten aufkommen, also bekam der Kerl eigentlich einen kostenlosen Urlaub in Irland. Inklusiver einer O’Dwyer-Familienfeier und die enthielten eine Menge Alkohol.
Er lud das Foto von seinem Handy auf den Laptop und stellte es zu seinem Anzeigentext. Er schrieb einfach nur, dass er diesen Sebastian suchte, weil er ihn am Samstag kennengelernt hatte, sie aber keine Kontaktdaten getauscht hatten, weil Mick zu betrunken gewesen war. Das war nicht ganz richtig, aber das musste niemand wissen. Das Bild war nicht optimal, trotz des Scheinwerferlichts auf der einen Seite, aber Sebastian war gut zu erkennen. Wenn er auch hier studierte, standen seine Chancen ganz gut. Wenn nicht, dann war Mick verloren. London war riesig. Wenn er nicht die BBC einschalten wollte, würde er ihn nie finden.

Die nächsten Tage vergingen unfassbar langsam.
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