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Seelenwächter: Memories of Nobody

von Tikky
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Fantasy / P18 / MaleSlash
Alexy Armin Castiel Nathaniel OC (Own Character)
16.08.2019
22.03.2022
10
25.153
1
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15.09.2019 2.454
 
Chapter 3: Freak-Accident


Gähnend die Arme über dem Kopf verschränkend, strecke ich meinen Rücken und meine Glieder. Entspannung und eine gewisse Gelassenheit durchströmen mich. Das wird ein guter Tag, das kann ich einfach riechen.
Es ist ein so guter Tag, dass es mich nicht mal wirklich stört, heute mit Alexy shoppen gehen zu müssen. Und das meine ich nicht sarkastisch. Ehrlich.
»Und es geht dir wirklich gut?«, höre ich von der Seite und sehe wie ich skeptisch gemustert werde, »Wirklich richtig gut? Nicht, dass du morgen gleich im Sterben liegst oder so.«
Ich seufze schwer. »Mir geht's gut, Alexy. Ich bin heute Morgen aufgewacht und das Fieber war weg. Mir geht's super!«, beteure ich.
Und es ist nicht gelogen. Gestern hab ich mich gefühlt wie einmal durchgekaut und wieder ausgespuckt. Aber nach einer ruhigen, langen und vor allem sehr traumlosen Nacht des Schlafes, ging es mir heute früh plötzlich blendend. Wie schon seit Tagen nicht mehr, echt jetzt. Ich könnte Bäume ausreißen! Bonsaibäume, meine ich. Nicht die Großen. Aber das sind auch Bäume.
Außerdem ist es das erste Mal seit Tagen, dass ich aufwache und das Gefühl habe, wirklich, ehrlich schlafen zu wollen. Klar, ich war gestern müde, aber tief in mir hatte ich die schlechte Vorahnung, dass es so würde wie vorher. Dass ich wieder in irgendein merkwürdiges Szenario erwachen würde, das sich so echt anfühlt, dass ich manchmal im Traum glaube, ich sei erst dort wirklich wach. Kopfschüttelnd reibe ich meinen Nacken. Diese Gedanken brauche ich jetzt nicht. Mir ist aktiv nicht mal klar gewesen, dass mich das so sehr mitgenommen hat, bis das Gefühl plötzlich weg war.
Mich ganz auf den blauen Haarschopf konzentrierend, der neben mir steht und mit einem Paar Schaufensterpuppen liebäugelt, greife ich nach seiner Hand. Der besagte Blauschopf dreht sich daraufhin ein wenig irritiert zu mir herum. Zuerst sieht er mich direkt an, als würde er auf etwas warten, dann fällt der Blick auf unsere verschränkten Hände. Ich kann die Frage in seinen Augen sehen, doch ich tue so, als könne ich es nicht, bis er sich achselzuckend dem nächsten Schaufenster zuwendet.
Ich weiß selbst nicht, was los ist. Er zieht mich mit sich, als er schneller geht und ich verstärke den Griff, um ihn nicht zu verlieren. Mir ist klar, dass er mich kaum festhält, dass ich es bin, der uns weiter verbindet, aber ich lasse nicht los.
In mir formt sich der Gedanke, dass vielleicht doch nicht alles perfekt ist. Dass da immer noch ein flaues Gefühl ist, das sich nicht abschütteln lässt und das schon seit heute Morgen. Doch alles war so gut, dass ich es fröhlich ignoriert habe. Bis jetzt. Bis es mir förmlich die Eingeweide herausreißt.
Ich schüttle mich so unauffällig wir möglich, bei dem Gedanken. Dann sondiere ich nervös die Umgebung, in der wir uns befinden. Ein großes Einkaufszentrum, mit etlichen Geschäften und unzähligen Menschen. Nicht unbedingt ein Ort, an dem ich mich gerne befinde.
Es ist nicht so, als würde ich Menschen hassen. Es ist eben langweilig und zu viele Menschen um mich zu haben, macht mich unruhig. Ich fühle mich einfach wohl, wenn ich zu Hause bin, allein mit meinen Geschichten und fernen Welten.
Doch heute ist es irgendwie anders. Es eine andere Art von Unruhe, die mich bewegt. Es sind nicht die Menschen, vor denen ich mich in Acht nehme. In mir steigt dieses merkwürdige Gefühl auf, das man bekommt, wenn man nicht weiß, was vor einem liegt. Man erwartet etwas, doch weiß nicht, was es ist – oder wann es auftauchen wird. Wie, wenn man im Dunklen eine Treppe hinabsteigt und sich sicher ist, dass noch eine Stufe übrig ist. Man sucht nervös nach der Kante und klammert sich an das Geländer, in dem Glauben, zu stolpern und zu fallen, wenn man nicht aufpasst.
Erschrocken bleibe ich schließlich stehen, als Alexy vor mir mit einem Mal anhält und sich zu mir herumdreht. Beinahe krachen wir auch noch zusammen. »Du tust mir weh«, wirft er mir tonlos und mit ausdrucksloser Miene vor.
Irritiert blinzelnd muss ich mich erst einmal orientieren, um den Bezug zur Realität wiederzufinden. »Wie meinen?«
Jetzt ist er es, der irritiert wirkt, als er skeptisch die Augen zu Schlitzen verengt. »Geht es dir echt gut?« Ich erwidere nichts. »Wie auch immer, du tust mir weh, Armin«, wiederholt er seine vorigen Worte und hebt wie zur Untermauerung seiner Aussage die Hand an.
Die Hand, die von meiner Umschlossen wird. Wie vom nassen Lappen getroffen, zucke ich zusammen und lasse von ihm ab. Mein Griff ist so hart und starr, dass ich meine Finger praktisch auseinander zwingen muss und ich bilde mir ein, ein Knacken in meinen verkrampften Gelenken zu hören.
Auf der Stelle peinlich berührt, schüttle ich die Hand unauffällig aus und senke den Blick. »Tut mir leid, war keine Absicht.«
»Will ich hoffen.« Dann legt er eine Hand mit dem Rücken voran gegen meine Stirn. »Also, Fieber scheinst du wirklich keins mehr zu haben. Bist du dir sicher, dass bei dir gestern nicht 'ne Sicherung durchgeschmort ist? Du bist heute irgendwie nicht du selbst. Hätt ich ahnen müssen, als du freiwillig mitgekommen bist, obwohl du eine Ausrede gehabt hättest.«
Ich sehe, wie er sich genervt die Hand an seinem Shirt abstreift und sie testweise öffnet und schließt. Keine Ahnung, was ich darauf erwidern soll. Was sagt man in so einer Situation? »Ich bin so, wie ich immer bin.«
»Meinst du, ja?«
Ich sage nichts. Was ich zu sagen hatte, habe ich bereits gesagt – es zu wiederholen würde uns beiden nichts bringen. Weswegen wir weiter mitten in der großen Halle, vor den vielen Geschäften und den unzähligen Menschen stehen, wie bestellt und nicht abgeholt.
Dann hebe ich seufzend eine Hand, wie bei einem Stopp-Signal. »Wollen wir jetzt weiter oder stehen wir hier noch zehn Minuten blöd rum? Ich mach's nie wieder, okay?«
Jetzt scheint er sogar noch genervter zu sein. »Es geht doch nicht darum, dass du meine Hand festgehalten hast oder dass du sie zu fest gehalten hast, sondern darum, dass es nicht zu dir passt. Was ist los? Wieso sprichst du nicht mit mir? Du verhältst dich schon lange so komisch, aber mich schließt du völlig aus. Ich dachte, wir wären Zwillinge und hätten sowas wie 'ne Verbindung zueinander!«
Oh Gott, jetzt geht's erst richtig los. Die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, schließe ich die Augen und versuche das Ganze gelassen zu sehen. »Okay, pass auf … Ich hab heute einen guten Tag gehabt. Ich würde ihn gerne gut beenden, also gehen wir jetzt entweder weiter oder ich geh nach Hause. Wenn du irgendwas wissen willst, kannst du mich das zu Hause fragen, wenn wir allein sind. Nicht mitten in einem Einkaufszentrum – oder erwartest du von mir, dass ich hier, inmitten tausender Menschen über meine Gefühle spreche?« Ganz ehrlich, unverblümt und ohne laut zu werden, sage ich ihm diese Worte, während ich ihn genau beobachte.
Für einen kleinen Moment wirkt er verletzt, ich kann dieses kleine, kaum merkliche Zucken an seinem linken Augenlid erkennen, das ein klares Anzeichen dafür ist, dass gleich der Damm bricht. Und ich fühle mich beinahe auf der Stelle schlecht, als er plötzlich völlig umschwenkt und stattdessen die Augenbrauen in eine tiefe Furche zieht.
»Was?«, entgegnet er wutentbrannt und ballt seine kleinen Hände zu wenig bedrohlichen Fäusten, die zu seinen Seiten hinabhängen, »Wenn du nicht hier sein willst, dann fein, geh nach Hause. Ich bleibe jedenfalls hier und glaub nicht, dass ich mir nochmal Sorgen um dich mache! Ist mir doch scheißegal, was du machst!« Wie eine Furie zischt er ab und ich bin so perplex, dass ich nichts erwidern kann, ehe er über alle Berge ist. Okay.
Das ist verdammt schnell aus dem Ruder gelaufen.

Gelangweilt trete ich imaginären Staub vor mir her, bei meinem Weg durch das mir immer unsympathischer werdende Einkaufszentrum. Wieso gehe ich nicht nach Hause? Ist ja nicht so, als könnte ich mich ausschließlich hier und jetzt mit ihm versöhnen. Wir sehen uns heute Abend zwangsläufig wieder und es ist auch nicht das erste Mal, dass er wegen einer Kleinigkeit an die Decke gegangen ist.
Einfach fertig mit diesem Tag, reibe ich mir den steifen Nacken und versuche meine Wirbel ein wenig knacken zu lassen. Dann übe ich mit Daumen und Zeigefinger Druck auf meine Nasenwurzel aus, als Gegenmaßnahme zu meinen einsetzenden Kopfschmerzen. Ich will hier nicht mehr sein. Ich sollte verschwinden. Nein, ich sollte längst verschwunden sein.
Das sage ich mir jetzt schon seit einer geschlagenen Stunde, aber ich hab mich nicht mal von dem Ort wegbewegt, an dem mich Alexis vorhin hat stehen lassen. Dieser kleine Idiot. Ich gebe ja zu, eine Mitschuld an dem Streit zu haben, aber was sollte das am Ende? Wenn er meint, ich verheimliche ihm irgendwas, dann kann er mich das unter vier Augen fragen, nicht mitten auf dem Präsentierteller. Hier hab ich auch bestimmt nichts Besseres zu tun, als ihm all meine tiefsten Geheimnisse auszuschütten – ich mein, was denkt der sich eigentlich? Zum Haare raufen.
Außerdem verheimlich ich ihm doch gar nichts. Er bildet sich mal wieder Sachen ein. Schnaubend werfe ich einen Blick auf meine Uhr und zucke die Achseln. Jetzt geh ich wirklich. Eine Stunde ist er nun schon allein unterwegs, ich glaube kaum, dass er nochmal zurückkommt und wenn, dann sicher nicht, weil er glaubt mich hier noch vorzufinden. Im schlimmsten Fall kommt er zurück, weil er denkt ich sei weg, und fragt mich dann, warum ich noch hier bin. Das wär ja noch schöner.
Gott … Mich am Hinterkopf kratzend, sehe ich mich noch einmal um und wende mich endlich dem Ausgang zu. Er soll sehen, was er davon hat. Auf dem zielstrebigen Weg zur großen Glasfront, auf der, in vielen verschiedenen Sprachen, die Worte »Auf Wiedersehen« prangen, halte ich noch einmal inne und sehe nach oben. Meine Augenbrauen zeihen sich verwirrt zusammen, als ich zum Dach nach oben sehe. Über uns ist ein weiterer Stock, offen, sodass man bis zum Gewölbe hinauf sehen kann, welches von Glasfenstern geziert wird. Das Tageslicht fällt auf uns herab und wirft einen Schatten über eine der Balustraden, die die offene Fläche eingrenzen, von der aus man aus dem zweiten Stock zu uns herabsehen kann. Stechend grell leuchtet es, obwohl der Tag bereits über seinen Zenit hinaus sein sollte.
Es erinnert mich unangenehm an diesen Moment im Klassenzimmer vor ein paar Tagen. Alles kommt zu mir zurück, wie ein Traum, den man bereits vergessen hat. Mir wird schlecht. Ich sehe eine Bewegung und wende den Blick ab, um mich wie gehetzt umzusehen. Niemand beachtet mich. Keiner sieht, was ich sehe. Eine Gestalt bewegt sich um das steinerne Innengeländer, ich sehe es, ich bilde es mir nicht ein.
Fahrig reibe ich mir über meine Augen. Déjà-vu. Und auch diesmal ändert es rein gar nichts. Nicht an den verschwommenen, glühenden Farben. Nichts an der pulsierenden Atmosphäre. Schluckend weiche ich zurück, doch es ändert rein gar nichts an meiner Position. Mein erster Gedanke ist, mich wegzudrehen und die Beine in die Hand zu nehmen, als ich erkenne, wie der Schatten eine Wand hinauf huscht. Ist es ein Schatten? Ein Wesen? Ich reibe mir ein ums andere Mal über die Augen, doch es ist, als würde es durch eine beschlagene Brille sehen. Obwohl ich die Menschen um mich herum erkennen kann, trotz der stechenden Farben. Wenn ich mich daran gewöhne, geht es langsam. Als würde ich durch zwei Brillen sehen, die verschieden stark sind.
Das Wesen erkenne ich jedoch nicht, allenfalls schemenhaft. Es kann auch nicht echt sein. Es muss an meinen Augen liegen. Ich muss zum Neurologen. Oder bin ich etwa verrückt? Hab ich wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank? Wer weiß das schon.
Panisch versuche ich einen klaren Gedanken zu fassen, doch es gelingt mir nicht. Eine Hand auf meiner Schule erschrickt mich und ich sehe zur Seite, um dort einen Mann zu sehen. Keine Ahnung wer das ist. Ich starre ihn mehrere Sekunden lang an, bis ich wahrnehme, dass er etwas zu mir sagt
Er spricht mit mir. »Junger Mann, ist alles in Ordnung? Brauchen Sie Hilfe?« Sein besorgter Gesichtsausdruck verstärkt sich noch, als ich etwas sagen will, doch bloß wie ein Fisch den Mund auf- und zumache.
Dann spüre ich es. Dieses schmerzlich eindringliche Gefühl, das ich seit heute Morgen zu verdrängen versuche. Es ist da, stärker denn je und ich sehe mit einem Mal wieder hinauf, zu dem Schatten. Er ist noch da. Vage erkenne ich eine kleine Gestalt. Zwei Arme und zwei Beine, doch klein und gekrümmt, wie bei einem Tier, doch nicht genauso. Ich verenge die Augen zu Schlitzen.
Das alles dauert maximal drei Sekunden, doch es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, als ich realisiere, was es da tut. Da ist ein Metallseil. Eine Befestigung.
Ich folge dem dicken, schwarzen Band zu einer großen, elektronischen Reklametafel, die über unseren Köpfen, über dem großen offenen Platz im Center hängt. Direkt über mir, über dem besorgten Mann, über all den anderen Passanten und den Rolltreppen. Der Monitor hängt an zwei von diesen Seilen, auf jeder Seite eines, dazwischen ein paar einfache Kabel.
Entsetzt greife ich den Mann, der noch immer versucht, Kontakt zu mir herzustellen und dessen Versuche mittlerweile die Aufmerksamkeit von ein paar anderen Menschen auf sich gelenkt hat, um ihn mit mir zu ziehen.
Meine Hände krallen sich in seinen Oberarm, als ich ihn wegreiße. »Vorsicht!«, schreie ich, wie von Sinnen und ich merke, wie sich einige Köpfe drehen. Wie viel Zeit ist vergangen?
Mein Puls setzt aus, als ich jemanden überrascht schreien höre, einen Luftzug in meinem Rücken spüre und nur einen Atemzug später knallt es so laut, dass meine Ohren klirren. Metall knirscht, Menschen rennen erschrocken zu den Ausgängen. Die Halle ist plötzlich totenstill. Nur ein leises Gacksen ist zu hören, wie bei einer nicht geölten Schaukel auf dem Spielplatz, die durch den Wind sanft vor und zurück schwingt.
Ich drehe mich herum, um genau das zu sehen. Das riesige Schild, praktisch genau da, wo ich und der Mann soeben gestanden haben. Und nicht nur wir, auch die paar Leute, die um uns herum standen. Es schwingt hin und her, quietscht ungeduldig und schwerfällig, während es an dem einen Metallseil baumelt, das es noch festhält.
Desorientiert sehe ich zur Seite. Da steht er, der Mann, an dem ich mich eben festgehalten habe. Wie erstarrt sieht er zu der Szene. Ich lasse ihn endlich los, um meine zitternden Finger zu befreien und einen Schritt auf die Mitte der Halle zuzumachen. In meinen Augenwinkeln sammeln sich Tränen und ich weiß nicht, wieso. Es dauert einen Moment, ehe ich blinzelnd realisiere, warum. Dunkles Rot tropft von einer der Kanten der langsam schwingenden Anzeigetafel.

Nicht jeder hatte so viel Glück wie wir.
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