Das Jahr, in dem Dornröschen wachgeküsst wurde und als Schneewittchen starb

von Mimi Law
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
16.08.2019
17.09.2019
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Nur als Hinweis: keine meine Figuren gibt es wirklich so, keins der beschriebenen Ereignisse ist so geschehen. Manchmal habe ich einen Menschen oder eine Szene beobachtet und mir dazu eine Geschichte ausgedacht. Zu dieser Geschichte und ganz besonders zu diesem Kapitel hat mich die After-Serie animiert, weil ich mich immer gefragt habe, ob sich meine "Heldin" nicht doch ganz anders verhalten hätte. Um zu verstehen was ich meine, müsst Ihr - fürchte ich - noch eine ganze Weile weiter lesen.

Liebe Grüße

Mimi

Kapitel 1




Februar 1984



Sonntagabend 22:00 Uhr. Zufrieden liege ich im Bett und schließe die Augen. Alles bereit. Das neue Schulhalbjahr kann beginnen. Mein Wochenplan steht. Ich werde nach dem Unterricht und vor dem Schwimmtraining genug Zeit zum Lernen haben und selbst das Kindertraining montags und freitags kann ich noch leiten. Seelig lächelnd oder dämlich grinsend schlafe ich ein. Um 6:00 Uhr wird der Wecker klingeln, ich werde duschen, frühstücken und dann mit Bernd zur Schule fahren. Mein Leben ist perfekt geordnet.

***


Montagmorgen 7:45 Uhr und die Woche nimmt kein Ende - nein, eigentlich habe ich gute Laune. Ich stehe auf dem Schulhof und betrachte den Ameisenhaufen aus 1200 Schülern, die ihre Klasse suchen, vom Wochenende erzählen, sich anschreien oder sich um den Hals fallen, sich küssen oder raufen, gelangweilt zum Eingang schlurfen oder ungeduldig die Eingangstreppe hochlaufen.

Vor meinem Kursraum gibt Bernd mir meine Tasche, drückt mich nochmal kurz an sich und verschwindet dann mit einem „Bis später“ zu seinem Raum. Ich lasse mich neben Suse fallen, meine beste Freundin in der Schule. Die meisten Kurse haben wir zusammen, schon der Mathe- und Geschichtsleistungskurs machen ein Drittel unseres Stundenplanes aus. Wir quälen uns also durch 2 Stunden Deutsch, 2 Stunden Englisch, dann haben wir endlich Mathe. Mein Lieblingsfach. Eine Zeitlang wollte ich sogar Mathe studieren, aber der Gedanke, dann womöglich Mathelehrer zu werden und mich mit kleinen halslosen Ungeheuern in der Unter- oder Mittelstufe ´rumquälen zu müssen, war irgendwie nervig. Ich will etwas studieren, was ich auch bestimmt zu meinem Beruf machen werde und nicht irgendetwas Sinnloses, um anschließend Taxi zu fahren.

Der Matheunterricht beginnt erst mal mit Tische schieben und Stühle rücken. Wir haben einen neuen Mitschüler in unserer kleinen erlauchten Runde. Der Mathe-Leistungskurs ist nicht gerade überlaufen und so sind wir nur 15 - jetzt 16 - Schüler, zehn Jungen und sechs Mädchen, wobei Suse immer ziemlich gehässig behauptet, Nora und Eveline würden auch als Kerle durchgehen. Aber mit Anne und Doris sind wir ein gutes Team und lassen uns von den Jungs nicht unterkriegen. Klassenbester ist zwar Ralle, aber gleich danach kommen Anne und ich. Der Neue war ein Jahr in „Usa“ – er spricht es wie ein Wort, boah, ey, wie cool, ich verdrehe genervt die Augen, Leute die Computer Rechner und Flugzeuge Flieger nennen, find´ ich ziemlich blöd - ging schon vorher auf unsere Schule - tatsächlich? - und steigt jetzt bei uns wieder ein. Er ist also so alt wie Bernd, der zwei Klassen über mir ist, weil er in der Grundschule eine Klasse übersprungen hat. Ob sie sich kennen? Keine Ahnung, interessiert mich auch nicht wirklich, ich würde jetzt lieber mit dem Unterricht beginnen

***


Nachmittags muss ich mich dann doch ganz schön beeilen. Schule bis 14:00 Uhr - nach Mathe kam noch ´ne Stunde Latein für´s große Latinum, falls ich, wie meine Mutter und davor schon mein Großvater, Jura studieren will - und um 17:00 Uhr musste ich schon wieder in der Schwimmhalle sein. Aber jetzt stehe ich hier am Beckenrand und schaue belustigt meiner Vorschulgruppe zu. Die meisten davon haben erst letztes Jahr bei mir schwimmen gelernt. Da habe ich noch mittwochs beim Schwimmunterricht geholfen. Das werde ich in diesem Halbjahr nicht mehr schaffen. Schule, die Montags- und Freitagsgruppe und mittwochs noch Schwimmunterricht, das wäre im Hinblick auf das Abi alles andere als schlau. Aber meine Vorschulgruppe will ich behalten. Kleine, kuschelige Welpen, die mir gerade bis zum Bauchnabel gehen, mich mit großen Kulleraugen ansehen und sich ganz eng an mich kuscheln, wenn wir am Ende des Trainings im Wasser fangen spielen oder die jede Woche todernst eine neue Entschuldigung haben, warum sie gerade heute nicht vom Drei-Meter-Brett springen können. Meine Kleinen würde ich schrecklich vermissen, wenn ich die Gruppe abgeben müsste. Als ich aufblicke, sehe ich, dass Bernd mich quer durch die Halle beobachtet. Er trainiert die „kleine“ Wettkampfgruppe, d.h. die 8- bis 10-Jährigen, und grinst mich spöttisch an. Ja, o.k., ich weiß ja dass ich meine Küken liebe und mir ab und an vorstelle, wie es sein wird, eigene Kinder zu haben. Aber das hat noch Zeit, viel Zeit, erst Abi, Studium, ein paar Berufsjahre und dann …

Nach anderthalb Stunden Kindertraining gehe ich duschen und warte dann mit Suse und Anne auf unseren Trainer Thorsten. Jetzt noch 2 Stunden selbst trainieren, nach Hause, was essen, ´ne Stunde lesen und dann schlafen.

***


Sonntagabend 22:00 Uhr. Zufrieden liege ich im Bett und schließe die Augen. Mein Wochenplan funktioniert. Zwischen Schule und Training bleibt genug Zeit zum Lernen - ich habe es tatsächlich in allen Fächern geschafft, nicht nur den Stoff der letzten Stunde nachzuarbeiten, sondern mir auch noch einen kleinen Vorsprung zu erarbeiten. Selbst den Samstag mit Suse musste ich nicht streichen. Wir waren shoppen, haben nach dem Essen auf ihrem breiten Bett gegammelt und uns dann für die Disco im Jugendhaus gestylt. Turnschuhe, enge stone-washed-Jeans, T-Shirt, Strickjacke. Der Abend mit ihr und unseren Freunden war nett. Um 21:00 Uhr hat Bernd mich nach Hause gebracht, wir haben noch das Ende von „Wetten, dass …“ geschaut und dann ist er ´rüber gegangen.

***


Seelig lächelnd oder dämlich grinsend schlafe ich ein. Um 6:00 Uhr wird der Wecker klingeln, ich werde duschen, frühstücken und dann mit Bernd zur Schule fahren. Noch immer ist mein Leben perfekt geordnet.

***


Der Montagvormittag verläuft ereignislos. Ich muss zwar eine der Aufgaben unserer wöchentlichen Mathe-Hausaufgabe an der Tafel vorrechnen, aber das habe ich eigentlich schon immer gerne gemacht. Das einzig´ Nervige ist, dass mir dabei der neue „Usa“-Typ die ganze Zeit auf den Hintern oder in den Ausschnitt starrt. Ich bin kurz davor, ihm die Zunge rauszustrecken. Was für ein Blödmann.

***


Als ich nach dem Kindertraining aus der Dusche wieder in die Halle komme, fällt mir als erstes auf, dass Anne und Suse krebsrot und nach Luft schnappend am Beckenrand sitzen und vor sich hin kichern. Ich bleibe stehen, verdrehe die Augen – boah ey, blöde Gänse. Suse gestikuliert hysterisch vor sich hin und flüstert mir, als ich näher komme, hektisch irgendwas zu, benimmt sich dabei aber so ungeschickt, dass ich beim besten Willen nicht verstehe, was sie mir sagen will. Ich setze mich also neben sie und versuche aus ihrem Gezappel schlau zu werden.

Schließlich beruhigt sie sich soweit, dass sie tatsächlich einen zusammenhängenden Satz zu Stande bringt, auch wenn der Inhalt absolut keinen Sinn macht: „Sieh jetzt nicht hin“, zischt sie, „er ist ein Gott, ich glaube ich habe noch nie so einen tollen Jungen gesehen, dieser Hintern, diese Schultern …“, sie schnappt hastig nach Luft. „Und dann dieses Tattoo. Das würde ich sehr gerne mal von Nahem sehen oder nachfahren oder küssen …“, seufzt Anne. „Guck sofort weg, oder ich verpetz dich bei Jan. Ich glaub nicht, dass dein Freund es toll findet, dass du das Tattoo eines anderen nachfahren möchtest …“, kichert Suse. Gott? Hintern? Tattoo? Wovon reden die Beiden eigentlich?

Unser inoffizielles Sexsymbol ist Thorsten, unser Trainer, der tatsächlich die typische Schwimmerfigur hat, kleiner Apfelpo, breite Schultern, muskulöse Beine und Arme – nur ´nen bisschen klein ist er, grade mal 1,76 m. Aber wegen ihm würden sie doch nicht so ausflippen. Aus der Phase sind wir doch eigentlich raus. Klar, haben wir ihm das Leben vor ein oder zwei Jahren nicht gerade leicht gemacht. Wir waren so 14 oder 15 Jahre alt, er grade von der Bundeswehr zurück und studierte Sport und eigentlich alle Mädchen aus unserer Wettkampfgruppe waren hoffnungslos in ihn verliebt. Er hat sich diese Schwärmerei ganz gern gefallen lassen - Beate, seine Freundin, fand es weniger toll, dass wir kleinen Nebelkrähen ihn ständig belagerten. Das hat sich aber doch im Großen und Ganzen gelegt. Klar wir schwärmen immer noch heimlich für ihn, aber keine von uns wird einen hysterischen Anfall kriegen, nur weil unser Trainer in Badehose am Beckenrand steht.

Warum also flippen die Beiden heute so aus? Ich sehe verwundert zu den Startblöcken rüber, wo Thorsten steht, atme keuchend ein und halte dann die Luft an.

Okaaaay, was ist das jetzt? Lange, muskulöse Beine, super schmale Hüften, kleiner fester Apfelpo und Schultern, die fast doppelt so breit sind wie die Hüften, ein ausgeprägtes Sixpack zieht sich von den Rippenbögen bis zum Rand der Badehose, und als brauche Gott - oder wer auch immer diese Skulptur geschaffen hat - noch einen Pfeil, wo´s lang geht, dieser V-Muskel, der direkt in die Badehose weist …  vermutlich sabbern wir jetzt zu dritt. Die muskulösen Arme hat er in der typischen Schwimmerpose vor der Brust gekreuzt, die langen schlanken Finger locker auf der jeweils gegenüberliegenden Schulter abgelegt, fast einen ganzen Kopf größer als Thorsten, James-Dean-Frisur mit einer widerspenstigen Stirnlocke, die er in regelmäßigen Abständen mit den Fingern nach hinten kämmt, die ihm aber immer wieder in die Stirn fällt, noch nicht nass, noch ungeduscht und auch noch nicht unter einer bescheuerten Badekappe versteckt, steht er da, den Kopf schief gelegt, den einen Mundwinkel leicht hochgezogen, mit vollen Lippen frech grinsend. Und dann diese Augen! Hellblaue, kristallklare, unendlich tiefe Bergseen - ich stoße den angehaltenen Atem zischend aus. „Siehst du“, grinst Suse und haut mir dabei ihren Ellbogen in die Rippen, „jetzt weißt du was wir meinen.“ Ich schüttle verwirrt den Kopf. Und dabei bin ich bis zum Tattoo noch gar nicht gekommen.

Jan, Annes Freund, kommt säuerlich lächelnd zu uns rüber. „Ihr könnt den Mund jetzt ruhig wieder zu machen und das Sabbern einstellen“, fährt er uns an und blickt dabei ziemlich genervt zu Anne ´rüber. Tja, fänd´ ich an seiner Stelle auch nicht so toll, wenn meine Freundin wegen eines Anderen fast hyperventiliert. Er zieht sie hoch, drückt sie an sich und gibt ihr einen Kuss. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie ihn weg schubsen, aber dann öffnen sich doch ihre Lippen und sie sinkt ihm seufzend in die Arme. „Ist ja schon gut, du bist der Schönste, Beste, Tollste …“, wispert sie an seinen Lippen. Es ist nicht zum Aushalten. Verliebte Teenager sind echt das Letzte. Diese ganzen hormongesteuerten Irren. Mit den meisten kann man keinen vernünftigen Satz wechseln, wenn ein Kerl in der Nähe ist und dieses `rumgeseufze, ´rumgestöhne und grenzdebile Gekicher nervt mich meistens nur. Jungens interessieren mich nicht ernsthaft und für ´nen Freund wäre zwischen Schule, Lernen und Training auch gar kein Platz.

Anne hat es schon gut mit Jan. Sie hat als Fünfjährige bei ihm schwimmen gelernt und jedenfalls für sie war es Liebe auf den ersten Blick. Für ihn wahrscheinlich auch, aber er hat sich wegen des Altersunterschiedes lange gegen eine Beziehung gewehrt und sie sogar gezwungen mit 15 für ein Jahr nach Amerika zu gehen. Zusammen sind sie erst, seit sie zurück und 16 geworden ist. Wir Mädels haben schon immer im selben Verein trainiert und die Sache zwischen den beiden ließ sich letztlich einfach nicht verhindern. Am Anfang war es allerdings alles andere als einfach. Als wir 13 waren, war Jan unser Trainer, er war schon 23 und wir haben ihn angehimmelt, wie wir es später mit Thorsten gemacht haben. Für Suse und mich war das alles Kinderkram. Wir haben ihn angehimmelt, gekichert, wenn er uns angesehen hat, sind dauernd knallrot geworden, konnten nicht reden, wenn er uns was gefragt hat, pubertärer, unglaublich peinlicher Kinderkram. Ein dunkles Kapitel in unserer frühesten Jugend. Ohne Ende peinlich – aber harmlos. Anders bei Anne. Anne machte all die peinlichen Dinge, die wir auch machten, aber während er uns einfach nur doof und albern fand, war alles was Anne tat für ihn unglaublich toll, sensationell, erstaunlich …. Blablabla … und irgendwann, oder genauer gesagt im Trainingslager im Sommer 1983 an der Ostsee passierte es dann. Sie verließen gemeinsam das Lagerfeuer und kamen gemeinsam wieder – am nächsten Morgen. Klar gab es die obligatorischen ernsten Gespräche, „Sie ist erst 16“ – echt jetzt? „Du bist ihr Trainer“ – tatsächlich? „Such dir ´ne Freundin in deinem Alter“ – ich will keine andere. „Du bist zu jung für einen festen Freund“ – stimmt für die meisten Mädchen vermutlich, aber ich liebe ihn. „Er nutzt dich nur aus, deine Unerfahrenheit, deine Schwärmerei“ – geht´s noch? Was glaubt ihr eigentlich was wir gemacht haben, vertraut ihr mir nicht? Es gab Tränen und Hausarrest – aber zum Training durfte sie gehen. Es gab fiese Kommentare – Kinderf… und eingeschlagene Nasen. Und irgendwann hatten sich alle damit abgefunden. Anne und Jan waren ein Paar. Uns war das eigentlich egal, oder wir freuten uns für Anne und hauptsächlich fanden wir das Ganze I-Bäh und ekelig. Dauernd knutschten die beiden und Anne ließ sich allen Ernstes von Jan die Zunge in den Mund schieben. Das war so widerlich. Das wussten wir genau. Wir hatten es nämlich vor fast zwei Jahren selbst ausprobiert. Nachdem wir mehrmals notgedrungen mit ansehen mussten, wie Thorsten und Beate wild knutschten, sich dabei die Zunge in den Hals schoben und dann auch noch behaupteten, das sei gaaaaaaanz toll, mit niiiiichts zu vergleichen, atemberaubend, aufregend, erregend … zweifelten wir an ihrem Verstand. Also trafen wir uns bei Suse zu Hause, tranken uns mit Cola Mut an, putzten zweimal gründlich unsere Zähne und probierten es aus. Erst mal nur so, küssen mit geschlossenen Lippen. Das war so weit o. k. - nicht toll aber auch nicht weiter schlimm, ungefähr so als würde man seine Eltern küssen und nicht ganz so schlimm wie von alten Tanten oder anderen Verwandten abgeknutscht zu werden. Dann streckten Suse und ich die Zungen soweit ´raus wie´s ging und berührten uns vorsichtig – das war schon ziemlich eklig und wir zuckten erschrocken zurück. Vor der dritten Stufe hätten wir uns beide gerne mit etwas härterem als Cola Mut angetrunken, aber wir waren 15 und hatten noch nie Alkohol getrunken und wollten damit auch nicht bloß für dieses „wissenschaftliche Experiment“ anfangen. Also nahmen wir notgedrungen ohne Hilfsmittel unseren ganzen Mut zusammen, legten unsere Lippen aufeinander, zählten mit den erhobenen Fingern bis drei, öffneten die Lippen, zählten wieder bis drei und schoben die Zunge in den Mund der jeweils anderen … Das hielten wir ungefähr drei Sekunden, die uns wie Stunden vorkamen, aus, bevor wir das Gefühl hatten, uns auf der Stelle und gemeinsam übergeben zu müssen. Es fühlte sich an, als hätte man einen rohen glitschigen – vermutlich schon angegammelten – Fisch im Mund. Es war unvorstellbar widerlich, das würde ich garantiert nie!!!!! mit einem Jungen machen, großes Indianerehrenwort, und damit war das Thema Küssen und vor allem Küssen mit Zunge für uns gestorben, Anne konnte einem echt nur leidtun, dass sie mit Jan solche ekligen Sachen machen musste. Dass sie das toll fand, ließ sich eigentlich nur durch verliebtheitsbedingte Wahnvorstellungen erklären.

Alles andere wollte ich mir eigentlich gar nicht so genau vorstellen, obwohl man, wenn man Paare im Schwimmbad beobachtet, unweigerlich lauter Dinge lernt, die man eigentlich gar nicht wissen wollte. Z. B., dass es völlig ausreichte, dass Anne an Jan vorbei ging, er sie von oben bis unten betrachtete, sie ihn verliebt und wissend angrinste und sofort seine Badehose zu eng wurde – das war megapeinlich und endete so manches Mal mit einem überhasteten Kopfsprung ins kalte Wasser. Okay, okay, natürlich hab´ ich nicht immer weggeguckt. Dazu war das ganze viel zu faszinierend und ich war doch über die Größe der Beule in Jans Badehose ziemlich erschrocken. Den flaschenförmigen Gestand (Brief an Dr. Sommer: Mein Freund hat einen flaschenförmigen Gegenstand in der Hose. Ist er Alkoholiker?) wollte ich, glaube ich, ohne Badehose und in Natura nicht sehen, geschweige denn anfassen oder anderes. Anne sah das offensichtlich anders und nach dem gefühlt hundertsten notfallmäßigen Kopfsprung änderte Jan seine Strategie. Beulte sich seine Badehose aus, zog er einfach Anne als Sichtschutz vor seinen Schoß, die sich meistens sofort an ihn schmiegte und ihre Rückseite an ihm rieb. Das ließ mich schon beim Zusehen dunkelrot werden und endete meistens mit einem Anschiss von Thorsten: „Boah ey, habt ihr kein zu Hause, hier sind auch Minderjährige zu gegen.“ Er sprach mir aus dem Herzen, genau ey, hier sind auch Minderjährige zugegen, nehmt mal ein bisschen Rücksicht. Das wollte doch nun wirklich keiner sehen.
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