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Der letzte Büffel

von Any-one
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.08.2019
16.08.2019
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813
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16.08.2019 813
 
Kurzbeschreibung: Stille hat sich über die Weiten der Nordamerikanischen Prärie gesenkt, verschwunden sind die Büffel, verstummt die Jagdrufe der Indianer. Nur vereinzelt findet man sie noch...
Begleiten wir einen dieser einsamen Jäger auf seinem Ritt und bei einer ganz besonderen Begegnung.
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Glühend heiß brannte die Sonne auf sein ergrautes Haupt, erbarmungslos, grausam. Kraftlos raffte sich der Reiter im Sattel auf und zügelte sein Pferd. Schon diese geringe Bewegung schien seinem Körper alle Kraft zu entziehen, obgleich seine Schwäche nur geistig sein konnte. Er war nicht alt, zählte vielleicht etwas mehr als zwei mal zehn Winter und doch war es, als wäre er ein bedeutend älterer Mann. Sein sehniger Körper war noch jung und stark, doch im Geiste war er grau und verhärmt. Falten der Sorge zerfurchten sein Antlitz und sein Herz war kalt und trübe geworden.

Die Augen des Indianers die scheinbar nichts als Not und Leid gesehen hatten, hatten sich vor all dem Elend verschlossen. Der Mann ging wie ein Blinder durch eine Welt, die nicht mehr die seine war.

Sein ansonsten starrer, teilnahmeloser Blick schien ein wenig des alten Feuers zurückzuerlangen, als der Reiter in der Ferne eine dunkle Gestalt ausmachte. Er schüttelte den Kopf, als versuche er den Nebel der Sorge, der über seinem Herzen lag zu vertreiben, trieb sein Pferd in einen holprigen Galopp. Obgleich nun Energie und Leben zurückgekehrt schienen, waren Pferd und Reiter noch immer ein Bild des Elends, der Not, eine Figur von seelischer Schwäche und Sorge.

Als der Indianer sich dem einsamen Büffel bis auf wenige hundert Schritte genähert hatte, hielt er sein Pferd zurück und nahm seine Beute näher in Augenschein. Das Tier war schon etwas älter, sein Pelz von Narben gezeichnet und den breiten Kopf zierten zwei eindrucksvolle Hörner. Eigentlich hätte das Tier zu einer Herde gehören müssen, doch die dunklen Bisonmassen, die den Indianern früher alles gegeben hatten, was sie leben brauchten, waren verschwunden. In jenen Zeiten, die auch die ältesten Menschen seines Stammes nur aus Erzählungen kannten, hatte die Erde gebebt, wenn eine der großen Büffelherden mit ihren Mitgliedern, zahlreich wie Sterne am Himmel, vorbeiraste. Heute bebte die Erde nur, wenn man dem Feuerross der Bleichgesichter begegnete.

So leise wie irgend möglich griff der Mann nun nach seinem Gewehr. Es war ein gutes, er ein sicherer Schütze. Und sein Schuss das einzigen, worauf er sich in diesen Zeiten der Unsicherheit, des Elends und des Wandels verlassen konnte. Meistens. Er hob die Büchse zum Schuss, zielte, drückte ab. Doch genau in diesem Moment strauchelte sein treues Pferd, das er wieder in Bewegung gesetzt hatte um dem Büffel noch näher zukommen. Sein Schuss ging fehl, traf nicht das Herz sondern riss nur eine Wunde in die Flanke des Tieres. Mit einem wütenden Schnauben fuhr der gewaltige Bulle herum, ein Feuer glühte in seinen Augen, stärker als der Jäger es je bei einem Tier gesehen hatte. Es war nicht Wut, nicht Angst, nicht Kampfeslust, nicht der Wunsch, seinen Angreifer zu töten. In den Augen dieses Büffels glomm ein unbändiger Lebenswille, als wüsste er genau, dass er der letzte seiner Art war, der noch durch diesen Teil der Prärie streifte. Der nicht sinnlos von Bleichgesichtern getötet worden war.

Die Hände des Indianers zitterten, als er nachlud, das Gewehr zum Schuss hob - und nach kurzem Zögern abdrückte. Doch eben jenes Zittern ließ seinen Schuss erneut fehlgehen, er traf nur das Vorderbein des Bisonbullen. Ein Schauder schien den gewaltigen Leib der Tieres zu erfassen, langsam sank der Büffel in die Knie. Die Kugel hatte sein Bein verletzt, er konnte weder fliehen noch angreifen, war dem Feind nun schutzlos ausgeliefert. Doch das Feuer seiner Augen war ungebrochen, beinahe trotzig bot er dem Indianer die Stirn.

Der Jäger hob erneut das Gewehr, zielte, hob den Finger an den Abzug - und ließ es wieder sinken. Unverwandt starrte er in die Augen des Tieres, überwältigt von dem Kampfgeist, den der Büffel, der den Tod doch förmlich vor Augen hatte, noch aufbrachte. Als das Tier den Feind zögern sah, machte es eine letzte ungeheure Anstrengung, erhob den schweren Körper wieder aus der Lache seines eigenen Blutes, humpelte trotz seines verletzten Beines, trotz seiner Schmerzen einige Schritte und wandte den Kopf dann wieder dem Indianer zu. Der Büffel stakste auf drei Beinen weiter, trotz seiner blutverklebten Flanke, trotz seines Humpelns trug er den Kopf hoch erhoben.

Man hätte denken können, nun eine armselige Tiergestalt vor sich zu haben, doch das unbändige Feuer in den Augen des Bullen ließen ihn auch jetzt, in seinem elenden Zustand, eine stolze Erscheinung sein.

In diesem Augenblick lichtete sich der Nebelschleier, der das Herz des Jägers für Monde getrübt hatte, sahen seine Augen das erste Mal seit Ewigkeiten wieder wirklich klar. Er wusste, dass sein Volk verloren war, dass er alles verlieren würde - seine Familie, seine Freunde, seine Welt, wie er sie kannte, vielleicht sogar sein Leben. Aber er würde kämpfen. Mit Stolz und erhobenem Haupte untergehen.
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