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Lös' die Sehnsucht von allen Ketten

von MMGrace
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character)
16.08.2019
03.04.2020
19
88.397
25
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
25.01.2020 4.802
 
Steckt den Himmel in Brand und streut Lucifer Rosen.
Die Welt gehört den Lügnern und den Rücksichtslosen!



Ich schickte die Zigaretten nicht in die Hölle. Ehrlich gesagt zündete ich mir schon die dritte an, als Kelly mich endlich, auf dem kalten Bordstein sitzend, vor dem Agenturgebäude fand. Als ich mit verquollenen Augen und hängenden Schultern durch die verglaste Tür in die kühle Nachmittagsluft getreten war, hatte Noah mit verschränkten Armen an seinem Auto gelehnt. Er schien auf mich gewartet zu haben und weil ich sowieso nichts mehr zu verlieren gehabt hatte, war ich ohne zu zögern auf ihn zu gegangen.

„Wer ist er?“, das war die einzige Frage gewesen, die Noah mir gestellt hatte. Ich hatte nur stumm auf das Kopfsteinpflaster gestarrt und kein Wort über die Lippen gebracht. Er hatte die Frage noch ein Mal wiederholt und als ich ihm wieder keine Antwort gegeben hatte, war mein Freund schnaubend in sein Auto gestiegen. „Gib mir ein paar Tage Zeit, damit ich mir bewusst werden kann, wie ich mit dieser Situation umgehen soll.“, hatte er noch gesagt, bevor er die Tür zugeschlagen hatte und davon gebraust war.

Weil in meinem Kopf eine völlige Leere geherrscht hatte, war ich vor Erschöpfung einfach auf dem Gehweg zusammen gebrochen und hatte stumm auf einen Punkt in der Ferne gestarrt. Die Leute, die auf den Parkplatz gefahren waren und mich verwundert gemustert hatten, hatten mich nicht interessiert. Und hier saß ich nun mit zittrigen Händen und einem Herzen, das man ein Mal durch den Fleischwolf gedreht hatte. Ich hatte meine erste Liebe verletzt und verloren. Noah würde mich verlassen und die anderen Treuetester in der Agentur würden niemals wieder ein Wort mit mir wechseln. Trotzdem schwirrte nur ein einziger Gedanke in meinem Kopf umher: Breda.

„Süße?“ Erschrocken sah ich auf, als Kelly hinter mir stehen blieb und eine blasse Hand auf meine Schulter legte. Anstatt zu antworten, neigte ich einfach nur meinen Kopf auf die Seite und drückte meine Wange gegen ihren kühlen Handrücken. „Ich habe mir frei genommen. Lass uns hier verschwinden und zu mir fahren. Dort kannst du eine heiße Dusche nehmen und mir alles erzählen.“ Die Blonde zog mich auf die Beine, nahm mir sanft meine Handtasche ab und kramte den Autoschlüssel hervor. Müde trat ich die Zigarette aus und folgte meiner Freundin zu meinem Wagen. Wenn ich in diesem Moment nicht völlig leer gewesen wäre, hätte ich Kelly gesagt, wie sehr ich sie liebte.

Ohne große Diskussion, setzte meine Freundin sich auf den Fahrersitz und startete den Motor, während ich mich neben ihr fallen ließ. Sie flippte jedes Mal aus, wenn sie mein Auto fahren durfte, doch heute hielt sie sich ausnahmsweise zurück. Aus den Augenwinkeln sah sie immer wieder besorgt zu mir herüber, schaltete das Radio ein, wechselte den Sender als 'Wicked Game' aus den Lautsprechern dröhnte und stellte das Radio mit einem wütenden Schnauben wieder aus, als uns auf dem zweiten Sender 'Goodbye my Lover' begrüßte.

„Das Scheißding macht sich doch über mich lustig.“, sagte ich mit rauer Stimme. Vom Fahrersitz kam ein unterdrücktes Kichern zu mir herüber. Trotz allem Übel musste auch ich einen Mundwinkel in die Höhe ziehen und als ich zu Kelly hinüber sah und unsere Blicke sich trafen, mussten wir beide sogar einen kurzen Moment lang leise lachen. Sie war die Beste. „Du bist die Beste.“, sagte ich und wir wurden wieder ernst. „Nein.“, sagte Kelly mit einem müden Lächeln auf den Lippen und schüttelte den Kopf. „Die Beste bist immer noch du. Auch wenn ich das Gefühl habe, das du ziemlich großen Mist gebaut hast!“

*


Nachdem ich geduscht und meine klamme Kleidung gegen einen frischen Pullover und eine Jeans von Kelly eingetauscht hatte, welche mir selbstverständlich beide  viel zu lang waren, hatte ich meiner besten Freundin alles erzählt. Ich hatte bei dem Treffen mit Herbert gestartet, von meiner völlig peinlichen Annahme, Breda sei Schwul, erzählt und hatte mit meinem Rauswurf aus seiner Wohnung geendet. Ich erzählte ihr, wie nah wir uns gekommen waren und was ich in diesen Momenten für den Mann empfunden hatte. Auch seinen Namen verriet ich ihr endlich. Es tat so gut, über all das reden zu können. Während ich sprach, drifteten meine Gedanken ständig zu Bredas Eisblauen Augen ab.

Als ich geendet hatte und in meine leere Kaffeetasse starrte, räusperte sich Kelly leise. Sie hatte mir die ganze Zeit über aufrichtig zugehört und mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Jetzt ergriff sie meine Hand, sah mich betroffen an und fragte: „Und dann hast du Noah alles erzählt und er ist natürlich scheißwütend geworden. Aber du hast ihm nicht von diesem Breda erzählt, richtig? Sonst hätte er ja nicht Jared in Verdacht gehabt.“ Ich schüttelte den Kopf und drückte leicht ihre Hand. Mir war der Bruch in Kellys Stimme nicht entgangen, als sie über Jared gesprochen hatte.

„Ich weiß nicht, warum er ausgerechnet dachte, ich hätte mich in Jared verliebt. Ich würde niemals...du weißt schon.“, sagte ich leise und entspannte mich etwas, als Kelly heftig den Kopf schüttelte und erwiderte: „Das hätte ich auch niemals geglaubt, Lou!“ Es war so schön, mit ihr über all diese Dinge zu sprechen. Es war schön, eine beste Freundin zu haben. Doch am Ende, änderte es nichts an all dem Drama, das um mich herum passiert war.

„Er wird mich verlassen, oder?“, fragte ich Kelly leise, ohne den Blick zu heben. „Könntest du ihm das verübeln?“ Nein, natürlich konnte ich das nicht. „Vielleicht ist es besser so.“, sagte ich nach einer Weile ernst und setzte mich auf, um uns Kaffee nach zu schenken. „Liebst du Noah denn?“ Mit großen, glitzernden Augen musterte Kelly mich. Da war sie, die Frage, mit der ich mich seit Tagen auseinander setzte. In diesem Moment wusste ich das erste Mal eine ehrliche Antwort darauf. „Ja, ich liebe ihn. Aber nicht so.“ Kelly verstand. Sie verstand immer. Und sie wusste immer, wann genau es an der Zeit war, das Thema zu wechseln.

„Ich weiß du...hast andere Probleme aber...naja...“, begann sie stammelnd und nippte an ihrer Tasse. „Glaubst du, wir könnten noch ein Mal darüber sprechen, was neulich in der Bar vorgefallen ist?“ Ich wusste sofort wovon sie sprach und ich würde nichts lieber tun, als mich endlich mal mit etwas anderem auseinander zu setzen, als mit meinen eigenen Gefühlen. Ich trank ebenfalls einen Schluck Kaffee und schaute meine Freundin abwartend an. „Woran erinnerst du dich noch?“

Kelly schwieg eine Weile und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Es schien, als würde es sie furchtbar anstrengen, den Abend, der grade ein Mal ein paar Tage her war, Revue passieren zu lassen. Irgendwann nickte sie ein Mal bestätigend, bevor sie sagte: „Wir waren in dieser stinkenden Bar, weil du an deinem Auftrag arbeiten wolltest. Wir haben Tequila getrunken, nach Breda Ausschau gehalten, nervige Typen abgewimmelt und uns, nach einigen Shots, ziemlich viel unterhalten. Aber irgendwie scheint dein Breda nicht aufgetaucht zu sein, denn wir haben bis früh am Morgen alleine dort herum gesessen, bis du mich irgendwann nach Hause gebracht hast.“

Das durfte doch wohl nicht wahr sein! „Und am nächsten Tag ging es dir ziemlich beschissen.“, stellte ich leise fest und schüttelte verwirrt den Kopf. „Ja, ich habe mich gefühlt, als würde ich eine heftige Grippe bekommen. Ich war total müde und gerädert, mein ganzer Körper hat mir weh getan und ich hatte Kopfschmerzen, dabei habe ich mich völlig im Griff, was den Alkohol angeht, das weißt du, Lou.“ Ich murmelte zustimmend und strich nachdenklich mit dem Finger über den Rand meiner Tasse.

Als ich aufsah, bemerkte ich, wie Kelly sich geistesabwesend über die Unterarme strich. „Was ist mit den Stichen?“, fragte ich vorsichtig und sah meine beste Freundin besorgt an. „Sie sind schnell verheilt. Man sieht nichts mehr, außer ein paar blasser, roter Flecken. Ich erinnere mich einfach nicht, woher sie gekommen sein könnten.“ Ich beschloss, das es vorerst besser war, ihr zu verschweigen das Jessica die gleichen Stiche gehabt hatte, als sie die Nacht mit Breda verbracht hatte. Breda. Mein Herz zog sich zusammen. Ich hatte keine Stiche gehabt.

„Ich habe mir all das durch den Kopf gehen lassen, was du über den Abend gesagt hast, Lou.“, unterbrach Kelly meine Gedanken, indem sie das Gespräch wieder aufnahm. „Ich kann mich nicht daran erinnern, mit einem fremden Typen gesprochen zu haben. Und schon gar nicht...naja...“ Sie wurde rot. Ich seufzte und sagte unsensibel: „Aber du warst mit diesem Kerl auf der Toilette gewesen.“ Die Feinfühligkeit lag Kelly einfach besser als mir.

„Glaubst du es könnten K.O. Tropfen oder so etwas in der Art gewesen sein?“, fragte meine Freundin unsicher und presste sich die Handflächen vor die Augen. Sie tat mir unendlich Leid. „Aber wenn man diese Tropfen einnimmt dann vergisst man doch eher alles, oder?“, fragte ich grübelnd und versuchte, etwas sanfter als zuvor zu klingen, um Kelly nicht noch mehr zu verschrecken. „Ich meine, wie kann es denn möglich sein, das deine Erinnerungen nicht verschwunden, sondern einfach nur völlig verdreht sind?“

Wir wussten beide keine Antwort auf diese Frage, also schwiegen wir. Nicht zum ersten Mal wurde mir bewusst, das mit dieser Bar etwas nicht stimmen konnte. Doch hatte ich wirklich die Motivation, diesen Dingen auf den Grund zu gehen? Vielleicht sollte ich erst einmal damit beginnen, meine Beziehung wieder gerade zu biegen. Mit Jessica musste ich auch noch sprechen und ihr mitteilen, das wir diesmal wirklich aufgeflogen waren. Ein vermasselter Auftrag, kein Honorar, keine Unterstützung für Noahs Eltern und, abgesehen von Kelly, hassten mich jetzt alle Menschen, die mir etwas bedeuteten. Unter welchem Unglücksstern war ich eigentlich geboren worden?

Bevor ich in meinem Selbstmitleid endgültig ertrinken konnte, piepste mein Handy. Weil ich hoffte, das Noah sich bei mir gemeldet hatte, sprang ich sofort auf und kramte das Gerät aus meiner Handtasche. Doch es war keine SMS von Noah, sondern eine Benachrichtigung von Facebook. Mit einem Wisch über den Bildschirm öffnete ich die App, während Kelly mich neugierig beobachtete.

'Neue Freundschaftsanfrage von Herbert Herby'

„Alles in Ordnung Lou? Du siehst so blass aus.“ Das konnte doch nicht wahr sein. Ich betete, das die Person, die mein neuer Freund werden wollte, nicht der war, für den ich ihn hielt. Ich klickte auf das Profil und studierte die Hauptseite. Der Nutzer legte wohl viel Wert auf Privatsphäre, denn ich konnte nichts einsehen, bis auf das Profilfoto, das eine, in einen Eiseimer gebettete, riesige Flasche 'Dom Pérignon' zeigte. Auch wenn ich keine Zweifel mehr hatte, das ich mit meiner Vermutung richtig lag, klickte ich auf den 'Info'- Button.

Aktueller Wohnort: Los Angeles County, Kalifornien
Heimatort: Transilvania, România

Er war es also wirklich. Und er hatte natürlich keinen Nachnamen angegeben, der mir wenigstens noch eine letzte frohe Botschaft für Jessica eingebracht hätte. „Bredas Sohn hat mir eine Freundschaftsanfrage geschickt.“, seufzte ich und beantwortete damit endlich Kellys besorgte Frage. „Waaaas?“, rief meine Freundin und sprang auf. „Zeig her! Wie sieht er aus? Und warum schickt er dir eine Anfrage, nachdem du seinem Vater das Herz gebrochen hast?“ Meine Freundin stellte sich neben mich und starrte neugierig auf den Bildschirm in meiner Hand.

„Ich habe Breda nicht das Herz gebrochen.“, murmelte ich. „Außerdem glaube ich nicht, dass das Verhältnis der beiden so eng ist, das er seinem Sohn von seinen Frauendramen erzählt.“ Ich bestätigte Herberts Anfrage und scrollte sofort neugierig durch sein Profil. Der junge Mann postete in regelmäßigen Abständen Fotos irgendwelcher Landschaften, Bars, verdammt teuren Spirituosen oder Designerklamotten doch kein einziges Bild zeigte ihn selbst. „Merkwürdig.“, sagte ich leise zu mir selbst und scrollte weiter nach unten, doch weder Herbert, noch sein Vater waren auf irgendeinem Bild zu sehen. Unwillkürlich dachte ich an die Fotos, die Jessica mir am Anfang ihres Auftrags geschickt hatte...

„Wow, der Kerl ist wohl super reich und super schwul.“, grinste Kelly und ließ sich wieder auf das Sofa fallen. „Jep.“, bestätigte ich und sperrte seufzend den Bildschirm. Was auch immer Herbert von mir wollte, ich war mir ziemlich sicher, das Breda ihn nicht darüber informiert hatte, was zwischen uns vorgefallen war. Um ehrlich zu sein schätzte ich Breda so ein, das er, nach einem ziemlich schweren Wutausbruch, keinen weiteren Gedanken mehr an mich verschwendet hatte. Ich ignorierte den Herzschmerz, der heiß und bitter in mir aufflammte.

Als ich mich grade wieder neben Kelly niedergelassen und beschlossen hatte, meinen Kaffee jetzt gegen Wein zu tauschen, klingelte erneut mein Handy. 'Today is gonna be the day that they're gonna throw it back to you...' Na, ach was! Ich musste dringend diesen verdammten Klingelton ändern, bevor ich noch einen Nervenzusammenbruch bekommen würde. Als ich eilig nach meinem Telefon griff, stieg in mir erneut die Hoffnung auf, Noah könnte sich melden. Doch es war nicht Noah der anrief, sondern seine Mutter.

„Nancy?“, fragte ich unsicher, als ich mir das Telefon ans Ohr hielt. Ob Noah seinen Eltern wohl schon erzählt hatte, was ich ihm angetan hatte? Mein Herz trommelte vor Aufregung wild in meiner Brust und weil Kelly mir sofort einen fragenden Blick zu warf, stellte ich den Anruf auf Lautsprecher. „Lou, Liebes, ich hoffe ich störe dich nicht.“, erklang Nancys freundliche Stimme aus dem Hörer. Sie schien nicht wütend auf mich zu sein. „Könnten wir vielleicht kurz sprechen?“

Ich schluckte und versuchte meine Stimme fest klingen zu lassen. „Ja, natürlich können wir reden. Worum geht es denn?“ Gebannt starrten Kelly und ich auf das Handy, als wäre es eine Bombe. „Lou, du weißt das ich deine Hilfe wirklich sehr schätze, aber wir haben doch darüber gesprochen, das wir so viel Geld nicht annehmen können.“ Hä? „Nancy, ich... ich habe das Geld sowieso nicht. Ich...habe den Auftrag vermasselt.“, stammelte ich schuldbewusst und fühlte mich elend.

Eine kurze Pause entstand, bevor meine Ziehmutter wieder das Wort ergriff. Diesmal wirkte sie ein wenig verunsichert. „Woher auch immer du das Geld genommen hast, Jack und ich sind dir wahnsinnig dankbar. Aber wir können das einfach nicht annehmen, Süße. Wir haben uns schon damit abgefunden, das wir das Haus zum Verkauf frei geben müssen und wir kommen zurecht.“ Sie versuchte stark zu klingen, doch ich hörte, das sie weinte. Kelly und ich warfen uns verwirrte Blicke zu, während Nancy sprach.

„Ich verstehe nicht wovon du sprichst. Ich habe euch kein Geld geschickt. Ich hätte es gerne getan aber...“ „Du warst es nicht?“, unterbrach die aufgeregte Stimme der Frau mich in meinem Satz. „Was war ich nicht?“ Ich verstand überhaupt nichts mehr. Nancy keuchte erschrocken auf, als sie begriff, das ich wirklich keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. Nach einer Weile sagte sie ernst: „Vor ungefähr einer Stunde wurde ein großes Paket bei uns abgegeben. Der Absender war Anonym und die Lieferung war an uns alle als Familie adressiert. Als wir es öffneten, trauten wir unseren Augen kaum. Es war eine Kiste voll mit Geldbündeln. Hunderttausend Dollar in Bar, Lou!“

Mir fiel die Kinnlade nach unten. Wo zur Hölle hätte ich so viel Kohle auftreiben sollen und dann auch noch in Bar? Welcher Mensch hätte das überhaupt gekonnt? Jessica vielleicht? Aber Nein, sie wusste ja überhaupt nicht, wofür ich das Geld, das sie mir für den Auftrag hatte zahlen wollen, verwenden wollte. Wenn ich so genauer drüber nachdachte, wusste außer mir und Kelly niemand von den Geldsorgen meiner Ziehfamilie. Außer...

„Bist du noch dran, Süße?“ Vor Schreck fiel mir beinahe das Telefon aus der Hand. „Ja, ich bin dran. Entschuldige Nancy, aber ich bin total verwirrt. Das Geld ist nicht von mir. Lag denn keine Nachricht bei?“ Ich hörte, wie am anderen Ende der Leitung etwas raschelte. Meine beste Freundin neben mir war längst zu einer Salzsäule erstarrt. „Ich habe die gesamte Kiste jetzt noch ein mal durch gesehen.“, meldete Nancy sich wieder. „Abgesehen von dem Geld befand sich nichts in diesem Paket. Kein Zettel, keine Nachricht.“

„Vielleicht von irgendwelchen Verwandten?“, fragte ich, obwohl ich glaubte, die Antwort bereits zu kennen. „Oder vielleicht hat jemand einen anonymen Spendenaufruf in Vermont gestartet!“ Mir war bewusst, wie dämlich diese Vermutung war, doch ich wollte einfach eine andere Erklärung finden als die, die so offensichtlich für mich war. Er war der Einzige gewesen, dem ich davon erzählt hatte und er war der einzige Mensch den ich kannte, der schien als würde er so eine riesige Summe Geld mal so eben aus dem Ärmel schütteln können.

„Ich weiß wirklich nicht, von wem das Geld kommt.“, sagte ich angespannt und stupste Kelly an, die mit offenen Mund neben mir saß. „Aber vielleicht kann ich es heraus finden. Ruf mich an wenn du etwas hörst und... falls Noah sich bei dir meldet dann... dann gib mir die Chance, es dir zu erklären.“  Verwirrt stimmte Nancy zu und beendete das Telefonat. Ich starrte noch eine Weile auf den Bildschirm, bevor ich meinen Kopf hob und Kelly in die Augen sah. „Breda?“, fragte sie vorsichtig und zog die Brauen zusammen. „Breda.“, antwortete ich.

*


Als der Abend einbrach, hatte ich noch zwei weitere Telefonate geführt. Der erste Anruf galt Jared, bei dem ich mich für Noahs Verhalten entschuldigte. Zu meiner Erleichterung schienen weder er, noch meine anderen Kollegen wütend auf mich zu sein. „Ganz ruhig, Kätzchen.“, hatte Jared am anderen Ende der Leitung gelacht. „Niemand gibt dir die Schuld daran, das dein Hündchen einen Maulkorb vertragen könnte.“ Er hatte mir versichert, das er keine großen Schäden von Noahs Schlag zurückbehalten hatte und riss ein paar schlechte Witze darüber, das wir jetzt, wo Noah sowieso glaubte das wir es miteinander trieben, es ja auch einfach tun konnten.

Ich war ihm so dankbar gewesen. Dankbar dafür, das er mir verziehen hatte und mich verstand. Und dankbar dafür, das Jared einfach Jared war und niemals aufhören würde mich widerlich anzubaggern. Ich hatte nicht viele Freunde in meinem Leben aber in diesem Moment wurde mir bewusst, das er einer von ihnen war. „Richte auch den Anderen bitte Morgen aus, das es mir Leid tut.“, hatte ich ihm noch ans Herz gelegt, bevor wir uns verabschiedet und den Anruf beendet hatten.

Mein zweiter Anruf galt Jessica. Mehrmals hatte ich ihre Nummer gewählt und den Bildschirm im letzten Moment wieder gesperrt. Es hatte mich eine unfassbare Überwindung gekostet, bis ich es geschafft hatte sie anzurufen und ihr alles zu erklären. Naja, nicht alles. Das ich mit Breda im Bett gewesen war, ließ ich selbstverständlich unter den Teppich fallen. Auch Jessica war zu meiner Überraschung ziemlich verständnisvoll gewesen, hatte mir gedankt und darauf bestanden, mir mein Geld trotzdem zukommen zu lassen. Immerhin hatte ich die Frage zu seinem Familienstand beantworten und seinen Vornamen heraus finden können.

Nachdem ich Jessica nicht weniger als drei Mal versprechen musste, das wir beide als Freundinnen in Kontakt bleiben würden, hatte ich aufgelegt und meine Nachrichten gecheckt. Noah hatte sich nicht gemeldet und nach einer kurzen Absprache mit Kelly hatten wir beschlossen, das ich ihm Zeit geben musste und heute Nacht bei ihr bleiben würde. Meine beste Freundin hatte mir das Sofa hergerichtet, auf dem ich nun lag und einen Film sah, der mich nicht interessierte, bevor sie noch ein mal los gefahren war um etwas einzukaufen. Ich hatte ihr selbstverständlich meinen Wagen überlassen.

Jedes Mal wenn mein Handy piepste, angelte ich es eilig vom Tisch, in der Hoffnung, eine Nachricht von Noah erhalten zu haben. Auch in diesem Moment schreckte ich hoch, als mein Smartphone das vertraute Geräusch von sich gab. Ich setzte mich auf, griff nach dem Telefon und entsperrte den Bildschirm. Schon wieder eine Benachrichtigung von Facebook.

Herbert Herby: LOOOUUUSSS!!!!

Was zur Hölle wollte dieser Kerl denn nur von mir? Ich stand auf, schnappte mir Kellys Laptop vom Regal, stellte ihn auf den Tisch und ließ mich wieder auf das Sofa fallen. Als der Rechner hoch gefahren war, rief ich die Facebook-Seite auf, loggte mich ein und starrte auf die Nachricht, die Herbert mir geschickt hatte. Lous und Herby, bescheuerter ging es ja wohl nicht! Ob Breda ihn geschickt hatte? Was sollte ich nur antworten? Sollte ich denn überhaupt antworten? Ich holte tief Luft und tippte los.

Louisa Camila: Guten Abend Herbert. Wie kann ich dir helfen?

Herbert Herby: Camila? Ist das dein zweiter Name? Kommt der aus Spanien???

Louisa Camila: Mexiko. Was willst du?

Herbert Herby: Camila mmmmh das gefällt mir. Wie geht es dir kleine Lous? Noch am Leben?

Empört schüttelte ich den Kopf. Was genau meinte er damit? Wollte er mir damit etwa sagen, das er seinen Vater gut kannte und sich, aufgrund von Bredas Wutausbrüchen, um mich sorgte? Einen kurzen Moment lang überlegte ich, ob ich ihn nach seinem Vater fragen sollte, verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Ich würde ihm nicht unter die Nase reiben, wie sehr es mich schmerzte, das Breda mich heute Morgen für immer aus seinem Leben verbannt hatte.

Louisa Camila: Alles Bestens. Ich frage mich trotzdem, was du von mir willst.

Herbert Herby: Vater ist ganz begeistert von dir, deshalb finde ich, wir sollten Freunde werden, was meinst du? Übrigens... hübsche Fotos Lous! Wer ist denn der süße Lockenkopf... ;)

Louisa Camila: DER HÜBSCHE LOCKENKOPF IST MEIN FREUND NOAH!!

Herbert Herby: Freund??? Oh.. kein Wunder das der alte Stinkstiefel heute noch stinkiger ist als sonst..

Louisa Camila: Wer stinkt???

Herbert Herby: Zerbrich dir darüber nicht deinen hübschen Kopf, Lous. Wollen wir Morgen ausgehen? Du könntest Noah mitbringen...

Er wollte mit mir ausgehen? Wieso? Lag ihm irgendetwas an mir oder war er vielleicht wirklich nur hinter Noah her? Was wenn Breda ihn doch geschickt hatte? Weil ich nicht wusste, was ich antworten sollte, holte ich mir ein Glas Wein aus der Küche und ignorierte das Chatfenster. Ich hörte mein Auto, das vor dem Haus parkte, in dem Kellys Wohnung lag, und tapste auf Socken ins Treppenhaus um ihr zu helfen, die Einkäufe herein zu tragen.

„Pasta oder Burger?“, erkundigte die Blonde sich, nachdem wir alles in den Schränke verstaut hatten. Hatte ich schon ein Mal erwähnt, wie sehr ich sie liebte? „Pasta!“, rief ich und setzte mich auf den breiteren Teil der hölzernen Arbeitsplatte. „Herbert hat mir geschrieben.“ Kelly, die grade Wasser für die Nudeln aufsetzte, drehte sich zu mir herum. „Du meinst Bredas Sohn?“ Ich nickte und angelte nach meinem Weinglas. Heute Abend würde ich viel von dem roten Zeug brauchen. „Genau der.“ Ich trank einen großen Schluck.

Kelly schüttelte verwirrt den Kopf und stellte den Herd ein. „Und was will er von dir?“, fragte sie, offensichtlich genau so überrascht, wie ich es gewesen war. Ich seufzte und goss Kelly auch ein Glas Wein ein, welches sie mit einem dankbaren Lächeln annahm. „Er will Morgen Abend mit mir ausgehen. Er denkt, das wir beide Freunde werden sollten.“ Kelly verschluckte sich beinahe an ihrem Wein. „Glaubst du...“, begann sie, beendete ihren Satz aber nicht. Musste sie auch nicht, denn ich hatte bereits den gleichen Gedanken gehabt.

„Ich wüsste nicht, warum er Noahs Eltern das Geld geschickt haben sollte, aber immerhin hätte er von Breda wissen können, das Nancy und Jack in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Bloß wer schickt fremden Leuten einfach so eine utopische Summe an Geld? Noahs Teddybäraugen werden Herbert wohl nicht dazu animiert haben.“ Ich sprang von der Arbeitsplatte und begann das Gemüse zu schneiden, das Kelly mir gereicht hatte, während ich gesprochen hatte.

Meine beste Freundin murmelte etwas, das so leise war, das ich es nicht verstand. „Was hast du gesagt?“, fragte ich sie, während ich versuchte, die Paprika in kleine Würfel zu schneiden ohne mir dabei einen Finger abzuhacken. „Schon in Ordnung.“ Ich legte das Messer ab und drehte mich zu Kelly herum. „Jetzt sag schon!“, drängte ich und wusste, das ich schon gewonnen hatte, bevor diese Diskussion überhaupt zu Stande kommen würde. So war es immer bei uns.

„Ich bin sicher, das es Breda gewesen ist. Das mit dem Geld meine ich.“, sprach Kelly zögernd, während sie die Nudeln in das, mittlerweile kochende Wasser warf. Verblüfft legte ich den Kopf schief. „Warum glaubst du das?“ Als die Blonde sich zu mir herum drehte, sah sie mir direkt in die Augen und sagte mit fester, überzeugt klingender Stimme: „Weil Noah dir wichtig ist und weil du Breda wichtig bist!“ Ich starrte meine Freundin an und dachte stumm über ihre Worte nach. Konnte sie Recht haben? Okay, der Mann hatte mit mir geschlafen und mir diesen Spitznamen gegeben. 'Sternenkind'. Aber tat er das nicht ständig? Frauen in sein Bett ziehen und ihnen die Dinge ins Ohr säuseln, die sie hören wollten?

„Das glaube ich nicht.“, sagte ich nach einer Weile und widmete mich wieder der Paprika. „Warum nicht?“ „Würde ich ihm auch nur ansatzweise so viel bedeuten, wie er mir, dann hätte er mich angehört als er die Wahrheit herausgefunden hatte. Er hätte mich nicht einfach vor die Tür gesetzt und davon geschickt. So etwas tut man nicht mit Personen, die einem wichtig sind! Ich bin nicht mehr für ihn als eine weitere Eroberung in seiner Sammlung.“ Kelly seufzte gequält und zeigte anklagend mit dem Kochlöffel auf mich. „Und warum ist er dann am Anfang ständig vor dir weg gerannt, wenn er dich doch nur in sein Bett zerren wollte?“

Ich schwieg und kratzte das gewürfelte Gemüse in die Pfanne, die bereits auf dem Herd stand. Woher sollte ich denn wissen, warum er mir am Anfang ständig ausgewichen war? Ich hatte nie den Eindruck gehabt, das er mich jemals besonders gemocht hatte. Eher im Gegenteil. „Abgesehen davon...“, unterbrach Kelly meine Gedanken an Breda. „...Wie kannst du jemanden unterstellen, das du ihm nicht wichtig wärst, nur weil er dich in deinen Augen nicht gerecht behandelt hat? Muss ich dich noch ein mal daran erinnern was du Noah angetan hast und...“

Meine Freundin konnte ihren Satz nicht beenden, denn ich hatte klirrend das Messer auf die Arbeitsplatte geworfen und mich zornfunkelnd zu ihr herum gedreht. „Ist ja gut!“, rief ich und versuchte die Wut und den Frust, die sich in meinem Inneren angestaut hatten, in den Griff zu bekommen. Die brennende, heiße, quälende Wut auf mich selbst und darüber, das ich alles falsch gemacht hatte. „Setz dich schon mal ins Wohnzimmer, Lou. Ich mache den Rest alleine fertig.“, murmelte Kelly und bevor ich sie noch ein weiteres Mal zu unrecht anherrschen konnte, verließ ich die Küche.

Meine Nerven lagen blank und ich wusste nicht mehr, wie es weiter gehen sollte. Selbst wenn Breda doch etwas für mich übrig gehabt hatte, ich hatte es mit meinen Lügen zerstört. Noah liebte mich, das wusste ich, doch genau aus diesem Grund würde er mir meinen Betrug wahrscheinlich niemals verzeihen können. Ich wusste, das ich das alles wieder gerade biegen musste und Kelly dabei nicht auch noch von mir drängen durfte. Sie war die einzige Person, der ich alles anvertrauen konnte und ich musste endlich damit aufhören, sie zu behandeln, als wäre ich ihr haushoch überlegen, denn das war ich gar nicht. Sie war so viel besser als ich.

Ich hatte noch das ganze Wochenende Zeit, um mich mit Noah zu versöhnen. Am Montag würde ich wieder zur Arbeit gehen müssen und wenn ich bis dahin nicht mit meinem Freund gesprochen hatte, würde ich mich auf keinen einzigen Auftrag konzentrieren können. Wenn ich ehrlich war, hatte ich das erste Mal, seit ich in dieser Agentur arbeitete, keine Lust darauf, überhaupt irgendwelche Aufträge anzunehmen. Zum ersten Mal wünschte ich mir einen eintönigen, langweiligen Job in einem Callcenter oder einem Supermarkt.

Was Breda anging, wusste ich selbst nicht weiter. Sein Rauswurf schmerzte noch immer in jeder Faser meines Körpers und jedes Mal wenn ich die Augen schloss, konnte ich beinahe seine starken Hände auf meinem Körper fühlen. Ich vermisste ihn so sehr, das ich ihn am liebsten Anrufen würde. Ich würde mich bei ihm entschuldigen und ihm sagen, wie viel ich für ihn empfand. Und wenn er mir verzeihen würde, dann würde ich ihn fragen ob er Noahs Familie das Geld geschickt hatte und warum er dies getan hatte. Aber ich hatte ja nicht ein Mal eine Telefonnummer von ihm.

Einen kurzen Moment lang flammte vor meinem inneren Auge der Moment auf, in dem Breda und ich zusammen an seinem Klavier gesessen haben. Er hatte 'Wonderwall' gespielt, ohne das ich einen Wunsch ausgesprochen hatte und für einen winzigen Augenblick war die Erkenntnis, das ich ihm nicht so egal sein konnte, wie er immer tat, durch mich hindurch gegangen. War das alles wirklich erst gestern gewesen? Was wäre zwischen uns geschehen, wenn meine Lüge niemals aufgeflogen wäre?

Mit schwerem Herzen ermahnte ich mich zur Ruhe. All die Dinge und Fragen, die in meinem Kopf herum schwirrten, machten die Gesamtsituation nicht grade leichter. Mir war bewusst, das ich auf keine dieser Dinge eine Antwort finden würde. Einzig die Sache mit dem anonymen Paket konnte ich eventuell aufklären. Wenn es wirklich Breda gewesen war, der meiner Ziehfamilie geholfen hatte, dann konnte mir sein Sohn vielleicht mehr darüber erzählen. Ich zog den Laptop wieder heran und öffnete erneut den Chat mit Herbert. Ich hatte eine Entscheidung getroffen!

Louisa Camila: Klar können wir ausgehen! Nenne mir Zeit und Ort und ich werde da sein...
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