Lös' die Sehnsucht von allen Ketten

von MMGrace
GeschichteDrama, Romanze / P16
Graf von Krolock OC (Own Character)
16.08.2019
14.01.2020
15
69830
17
Alle Kapitel
44 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Seit ich in diese Augen sah', komm' ich nicht zur Ruh'.
Ich weiß nicht, was mit mir geschah'. Ich weiß nur, der Grund bist du.



Blinzelnd drehte ich mich auf die Seite und vergrub meine Wange in einem riesigen, weichen Kissen. Wie spät war es überhaupt? Ich wollte noch nicht aufstehen! Mit schweren Lidern suchte ich die gegenüberliegende Wand nach einer Uhr ab, doch es war einfach zu dunkel in diesem Raum, um etwas zu erkennen. Moment mal, wo war ich überhaupt?

Plötzlich hellwach setzte ich mich kerzengerade in dem riesigen Bett auf, in dem ich gelegen hatte. Meine Erschöpfung war so groß, das mir für einen Moment die Erinnerungen an die vergangenen Stunden fehlten. Mein Kopf drehte sich nach rechts, wo ich im Dunklen eine große Gestalt ausmachen konnte. Vorsichtig streckte ich einen Arm aus und strich zärtlich über die starke, nackte Schulter der Gestalt. Meine Finger fühlten dickes, seidiges Haar, das sich über die Kissen verteilt hatte und als meine Augen sich endlich an die Dunkelheit gewöhnt hatten und ich erkennen konnte, wer dort neben mir schlief, kamen meine Erinnerungen an die letzte Nacht schlagartig zurück.

Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, beugte ich mich vor und hauchte Breda einen kleinen Kuss auf die Schläfe. Der Mann schlief wie ein Stein, was kein Wunder war, wenn man bedachte das wir die ganze Nacht ziemlich wach gewesen waren. Ich unterdrückte ein verliebtes Kichern und schälte mich aus den schweren Decken, in die ich eingewickelt war. Ich erinnerte mich daran, wie Breda mich früh am Morgen in dieses Zimmer getragen hatte. Ich war so erschöpft gewesen, das ich keinen einzigen Schritt mehr alleine geschafft hätte. Naja, nicht erschöpft genug, um ihm hier, in diesem Bett, nicht noch ein mal zu verfallen.

Als ich zum Fenster tapste, stellte ich fest, das ich nackt war. Bestimmt waren meine Haare ein einziges Chaos, weshalb es mir gelegen kam, das der Raum stockdunkel war. Breda musste die Jalousien herunter gelassen haben, denn in das große Schlafzimmer drang kein einziger Lichtstrahl. Weil ich den schlafenden Mann nicht wecken wollte, beschloss ich die Deckenlampe nicht einzuschalten. Meine Kleidung würde sowieso irgendwo in der Bibliothek herum liegen, wenn ich mich richtig erinnerte. Völlig entblößt verließ ich den Raum und lehnte die Tür leise an, damit ich Breda nicht stören würde.

Auch im Wohnzimmer waren die Fenster vollständig von den schweren Jalousien abgedunkelt worden, weshalb mir nichts anderes übrig blieb, als doch ein paar Lampen einzuschalten. Wäre es anders gewesen, hätte ich auch immerhin nicht splitterfasernackt durch Bredas Wohnung spazieren können. Die letzte Nacht Revue passierend, lief ich in die kleine Bibliothek und sammelte meine Kleidung ein die, wild verstreut, auf dem Boden lag. Während ich Socken, Unterwäsche, Jeans und Pullover über zog, glitt mein Blick über das schwarze Klavier und ich konnte immer noch spüren, wie sich das glatte Holz an meinem Rücken angefühlt hatte.

Verträumt trat ich zurück ins Wohnzimmer und steuerte auf den langen Flur zu. Diese Nacht war einfach unglaublich gewesen. Mehr als alles, was ich bis jetzt erlebt hatte und viel besser als alles, was ich gekannt hatte. Breda wusste genau, wie man eine Frau berührte und wie man ihr das Gefühl gab, begehrenswert zu sein. An meinen Armen und Schenkeln schimmerten vereinzelte blaue Flecke, wie mir beim Anziehen aufgefallen war. Im Gegensatz zu Noah war Breda nicht zärtlich und vorsichtig gewesen, sondern gierig, fest und fordernd. Es hatte mir unglaublich gefallen und zwar so sehr, das ich zu meinem Bedauern nicht ein mal ein schlechtes Gewissen haben konnte.

Ich öffnete zwei Türen, hinter denen sich ein kleines Büro und ein Ankleidezimmer befanden, bevor ich endlich die Küche fand. Zu meiner Enttäuschung, war der große Raum zwar luxuriös ausgestattet, beinhaltete aber keinerlei Lebensmittel, geschweige denn Kaffee. Nur eine erstaunliche Anzahl an Spirituosen konnte ich in dem, ebenfalls abgedunkelten, Raum vorfinden. Lächelnd verdrehte ich die Augen über Bredas Vorrat und fand mich damit ab, das hier wohl kein Kaffee mehr auffindbar war. So viel Kohle wie der Mann zu haben schien, ging er wahrscheinlich täglich auswärts essen.

Als ich erneut in schmutzige Erinnerungen an gestern Nacht verfiel, ertönte aus dem Wohnzimmer plötzlich eine Melodie, die ich nur zu gut kannte. Ich zuckte zusammen und als ich endlich begriff, das mein Handy klingelte, eilte ich aus der Küche. Ich hatte 'Wonderwall' als meinen neuen Klingelton eingestellt. Nach der letzten Nacht würde ich diesen Song nie wieder hören können, ohne dabei an Breda denken zu müssen. Als ich meine Handtasche endlich, auf einem der schweren, hölzernen Stühle, ausfindig machte, kramte ich mein Handy hervor. Ich hoffte, Breda war von dem Klingeln nicht aufgewacht.

Als ich den Namen des Anrufers auf dem Display las, blieb mir die Luft weg. In diesem Moment hätte ich sogar lieber Noah am Telefon gehabt. Die kleinen Ziffern in der Bildschirmecke zeigten an, das es beinahe halb Elf am Vormittag war. Plötzlich ziemlich nervös wischte ich über den Bildschirm und nahm, mit gespielt erfreuter Stimme, den Anruf entgegen.

„Jessica, wie geht es Ihnen?“, sagte ich zuckersüß und tapste erneut zurück in die Küche, damit Breda mich nicht hören würde. „Hallo Louisa, ich wollte Sie nur fragen wie Sie voran kommen. Wissen Sie, ich habe Brandon bei Facebook gesucht, konnte ihn aber leider nicht finden.“, plapperte Jessica sofort los und zerstörte die Idylle, die eben noch in dieser riesigen Wohnung geherrscht hatte. „Natürlich finden Sie ihn nicht.“, sagte ich Augen verdrehend. „Er heißt Breda und ich bin leider noch nicht weiter als neulich, als Sie bei mir zu Besuch waren.“ Ganz abgesehen davon, das ich ihren Angebeteten jetzt nackt kannte.

„Haben Sie ihn denn noch ein Mal getroffen und herausfinden können, ob wir aufgeflogen sind?“, fragte Jessica mit besorgter Stimme. „Ich habe ihn gestern Abend...äh...getroffen. Machen Sie sich keine Sorgen, die Wahrheit wird schon nicht ans Licht kommen.“ Mit dem Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, öffnete ich noch ein Mal den Kühlschrank, in der Hoffnung diesmal etwas Essbares zu finden, was ich natürlich nicht tat.

„Danke für die Info, Louisa. Ich bin dann jetzt wohl etwas beruhigter. Ich hatte mir wirklich Gedanken darüber gemacht, das am Ende der ganze Plan ins Wasser fällt.“, kicherte Jessica am anderen Ende der Leitung. Wie sie mich nervte! „Verlassen Sie sich auf mich, Jessica! Ich führe meine Aufträge immer professionell und erfolgreich aus. Wenn ich erst ein Mal alle Informationen über ihn habe, die Sie haben wollten können wir den Fall erfolgreich abschließen und Sie haben vielleicht endlich eine Chance Ihrem Angebeteten näher zu kommen!“ Würg.

Mit einem fröhlichen Kichern, das durch das Handy schmerzhaft in mein Ohr dröhnte, bedankte Jessica sich noch ein Mal und verabschiedete sich von mir. „Bis bald, Süße!“, strahlte ich gekonnt, bevor ich den Anruf endlich beendete, die Augen verdrehte und die Kühlschranktür wieder schloss. Als ich mich kopfschüttelnd zur Tür drehte, zuckte ich im selben Moment erschrocken zusammen. Im Türrahmen stand ein großer, bis auf eine Hose bekleideter, ziemlich nackter Mann, dessen Blick nichts Gutes verhieß. Oh nein! BITTE NICHT!

„Äh...Breda...Guten Morgen...hehe.“, stammelte ich und traute mich kaum, ihm in die Augen zu sehen. Verdammt! Wie viel hatte er gehört? Diese blöde Kühlschranktür hatte mir die Sicht auf den Ausgang versperrt, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich entdeckt, als er sich, mal wieder, angeschlichen hatte. Ich konnte nur hoffen, das er nichts von unserem Gespräch mitbekommen hatte.

Als Breda nach ein paar endlosen Sekunden immer noch nichts sagte und einfach nur im Türrahmen stand und mich anstarrte, als wäre ich ein ziemlich abscheuliches Alien, räusperte ich mich und trat einen Schritt auf ihn zu. „Geht...geht es dir gut?“, stotterte ich leise, nahm meinen ganzen Mut zusammen, legte den Kopf in den Nacken und sah dem Mann direkt in die eisblauen Augen. Seine Gesichtszüge waren angespannt, seine Pupillen geweitet. Seine wunderschönen Lippen waren zusammengepresst und an seinen Schläfen zuckten die Muskeln unter der blassen Haut.

„Mit wem hast du gesprochen?“ Fünf simple Worte, die so eiskalt waren, das ich unwillkürlich zusammenzuckte und einen kleinen Schritt nach hinten taumelte. „Ich...“, begann ich mit zittriger Stimme und umklammerte mit beiden Händen mein Telefon. „MIT WEM HAST DU EBEN GESPROCHEN, LOUISA?!“, unterbrach  Breda mich mit einem so wütenden Tonfall, das ich am liebsten noch ein paar weitere Schritte zurück getreten wäre. Seine Nasenflügel blähten sich vor Wut und seine großen Hände, mit denen er mich letzte Nacht noch so unglaublich fordernd berührt hatte, ballten sich zu Fäusten. In diesem Moment wurde mir klar, das er alles mit angehört hatte.

„Es tut mir so leid, Breda.“ Meine Stimme brach, als ich seinen Namen aussprach. „Ich hatte keine Wahl ich...“ Erneut fiel der dunkelhaarige mir ins Wort. „Jessica Perry? Die verdammte Psychopathin, die mich seit Wochen verfolgt und in meine Privatsphäre eindringt nur weil ich sie ein einziges Mal in mein Bett gelassen habe? Was hast du mit ihr zu tun, Louisa? Was hast du gemeint mit 'Auftrag' und 'Informationen'? SAG ES MIR!“ Die letzten Worte brüllte er, während er mich mit einer Hand an der Schulter packte und zu sich heran zog.

„Ich...es ist nicht...es ist nicht so, wie du denkst.“, stammelte ich unter Bredas festem Griff und schloss die Augen, um seinen verachtenden Blick nicht ertragen zu müssen. Meine Unterlippe begann zu zittern und hinter meiner Stirn machte sich ein Gefühl breit, das mir ankündigte, das ich gleich in Tränen ausbrechen würde. Wie hatte alles nur so schief laufen können? Wie hatte ich so verdammt bescheuert sein und in Bredas Wohnung mit Jessica telefonieren können?

Einen Moment lang geschah nichts und dann ließ der Mann mich plötzlich los. Vorsichtig öffnete ich ein Auge und erkannte, das er vor mir zurück gewichen war. „Du bist eine Detektivin.“, sagte der Mann leise und ernst. „Du hast mich beschattet. Du bekommst Geld dafür, das du Dinge über mich heraus findest und mir vorspielst, du würdest Interesse an mir haben!“ „Nein!“, rief ich schluchzend und schüttelte den Kopf. „Du bist mir also die letzten Wochen nach gedackelt, hast mich regelrecht gestalkt, weil diese durchgeknallte Jessica es so wollte? Wie viel zahlt sie dir, mh? War die letzte Nacht auch ein Auftrag von ihr oder bist du jetzt auch noch eine verdammte Prostituierte?!“

„Breda, bitte.“ Weinend machte ich einen Schritt auf ihn zu und streckte den Arm aus, doch der Mann wich sofort noch ein weiteres Stück zurück. „Ich...ich bin Treuetesterin. Ich habe den Auftrag angenommen, weil ich nicht anders konnte, bitte du musst mir glauben. Mein Freund...Noah und seine Familie sie...sie stecken in finanziellen Schwierigkeiten, sie haben Hunderttausend Dollar Schulden und Jessica war bereit dazu, jeden Preis zu zahlen, um an dich heran zu kommen und Informationen über dich zu erhalten. Bitte Breda, bitte glaub mir.“ Meine Worte waren nicht mehr als ein verzweifeltes, von Schluchzern durchzogenes, Gestammel.

„WAS INTERESSIERT MICH DEIN DÄMLICHER FREUND?!“, brüllte Breda wütend und fegte mit einer einzigen Armbewegung die fein säuberlich aufgereihten Whiskyflaschen vom Regal. Erschrocken hob ich die Arme und hielt sie schützend über meinen Kopf, als um mich herum die Scherben flogen. Mein Herz begann wie wild zu rasen und in meinem Inneren bildete sich ein riesiger Kloß aus dunkler Angst. „Ich habe dich belogen was meinen Auftrag angeht, aber alles andere, was ich gesagt habe ist wahr gewesen!“, schluchzte ich und senkte die Arme. Unter meinen Füßen spürte ich die Glasscherben, die sich schmerzhaft in meine Haut bohrten, doch ich nahm es kaum wahr.

Schnaubend drehte Breda sich um und verließ zornig die Küche. Ich zuckte zusammen, als ich hörte, wie im Flur und im Wohnzimmer noch mehr Gegenstände klirrend zu Boden gingen, bevor ich ihm folgte. Auch wenn ich Angst hatte, ich wollte ihn beruhigen. Ich wollte seine Zärtlichkeit zurück, seine Küsse und Berührungen und nicht die kalte Wut, die auf seinem schönen Gesicht lag.

Auf dem Flur kam der Mann mir wieder entgegen, in einer Hand meine Stiefel und meine Tasche, die er mir wütend vor die Füße warf. „Verschwinde.“, hauchte er tonlos und durchbohrte mich mit seinem Blick. Seine Iriden waren vollständig schwarz und abgrundtief böse. „Ich...ich habe mich wirklich in dich verliebt. Das war keine Lüge gewesen, Breda.“, sagte ich leise und ignorierte die heißen Tränen, die über meine Wangen liefen. Bevor ich überhaupt realisieren konnte, was geschah, hatte Breda mit einem wütenden Knurren ausgeholt und ein riesiges Loch in die Wand hinter mir geschlagen. Seine Faust verfehlte mein Gesicht nur um ein paar Zentimeter und ich war mir in diesem Moment sicher, das wenn sie mich getroffen hätte, hätte ich diesen Schlag nicht überlebt.

Erschrocken keuchte ich auf und starrte in die Augen des Mannes, den ich so sehr begehrte. Eine Mischung aus tiefer Angst, Traurigkeit und Liebe tobte in meinem Inneren und ich konnte mich nicht rühren. Breda erwiderte meinen Blick. Seine Brust hob und senkte sich, wie nach einem Marathon. Seine Augen glitzerten und waren mittlerweile so dunkel, das man die Pupille und die Iris nicht mehr unterscheiden konnte. „Verschwinde...von hier...Louisa.“, keuchte der Mann. „Bevor noch schlimmeres passiert...“ Mit den Augen deutete er auf seine Faust, die immer noch neben meinem Gesicht in der Wand steckte.

Schluchzend tauchte ich unter seinem Arm hinweg durch und zog mir eilig die Stiefel über. Er würde mich verletzen, daran hatte ich keine Zweifel. Ich hatte Angst, so riesige Angst vor ihm, das ich so schnell es ging fliehen musste, doch mein Herz rief mir zu, das ich bei ihm bleiben wollte. „Bitte lass uns reden, Breda.“, flüsterte ich zitternd. „Gib mir eine Chance es dir zu erklären, zu beweisen!“

Angesprochener richtete sich auf und ließ seinen Blick über mein Gesicht gleiten. Von seiner rechten Hand tropfte Blut auf den Teppich. Sein Kiefer war so heftig aufeinander gepresst, das ich hörte wie seine Zähne knirschten. „Es gibt nichts mehr zu erklären, Louisa. Mach das du davon kommst.“ Mit diesen Worten ging er an mir vorbei, riss die Wohnungstür auf, packte mich grob am Arm und stieß mich auf den Flur hinaus. Taumelnd landete ich auf den Knien und keuchte auf vor Schmerz und Kummer.

„Bitte...“, flüsterte ich noch ein mal, doch Breda hatte die Tür bereits so fest zugeschlagen, das jeder in diesem Haus es gehört haben musste. Das Donnern der Eingangstür war endgültig und ließ eine Stille zurück, die sich in mein Herz fraß. Ich hatte keine Kraft jetzt aufzustehen, also blieb ich einfach auf den kalten Fliesen des Treppenhauses sitzen und heulte mir die Augen aus. Das Schlimmste, das hätte passieren können, war nun eingetreten. Ich hatte alles zerstört und jetzt würde er mich wirklich niemals wieder sehen wollen. Es war vorbei.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich kauernd und schluchzend auf dem Boden verbracht hatte, versiegten meine Tränen und ich fühlte mich nur noch leer. Irgendwann raffte ich mich auf und klopfte zaghaft an Bredas Tür doch natürlich öffnete er nicht. Er würde mich nie wieder in seine Nähe lassen, so viel war mir bereits bewusst. Mit geschwollenen Augen und hängenden Schultern trat ich in den Aufzug und fuhr hinunter ins Erdgeschoss. Wie hatte ich das alles nur so vermasseln können?

In der Eingangshalle angekommen, fröstelte ich. Mein Mantel hing noch oben bei Breda, über einem der Stühle. Es war mir egal. Mein Herz fühlte sich an, als hätte es jemand in tausend Fetzen gerissen. Das schlechte Gewissen und der Verlust des Mannes, in den ich mich so sehr verliebt hatte, schmerzten viel mehr, als jeder Knochenbruch, den ich jemals erlitten hatte. Mehr als jeder Schlag und jeder Tritt. Mir wurde bewusst, das ich das erste Mal in meinem Leben Liebeskummer hatte. Ohne das ich es richtig fühlte, liefen mir erneut die Tränen über die Wangen, als ich auf den Ausgang zu steuerte.

„Sie sehen aber nicht gut aus, meine Liebe.“, erklang hinter mir eine Stimme, gefolgt von einem bestätigenden Kläffen. Abrupt blieb ich stehen, drehte mich aber nicht um. „Ich habe es Ihnen ja gesagt, doch Sie wollten nicht auf mich hören. Wissen Sie, Sie sind nicht die erste Frau die tränenüberströmt aus seiner Wohnung kommt.“ Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Diese furchtbare Mrs. Harris hatte mir jetzt wirklich noch gefehlt. „Wissen Sie was?“, sagte ich, ohne mich zu ihr herum zu drehen. „Halten Sie einfach ihre gottverdammte Klappe!“ Mit diesen Worten verließ ich das Wohnhaus.

*


Bebend drehte ich den Schlüssel im Schloss herum und öffnete die Wohnungstür zu meinem Appartement. Auf der quälend langen Heimfahrt waren meine Tränen irgendwann aufgebraucht gewesen, was nichts daran änderte, das mein Körper in regelmäßigen Abständen von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde. Ich war völlig durch den Wind. So sehr, das ich nicht ein Mal bemerkt hatte, das meine Wohnungstür gar nicht richtig verschlossen gewesen war.

Mit zitternden Fingern legte ich meine Handtasche an ihren üblichen Platz und begann, die Reißverschlüsse meiner Stiefel aufzuziehen, als plötzlich jemand aus dem Wohnzimmer in den Flur trat. „Lou?“ Vor Schreck kippte ich zur Seite und konnte mich grade noch rechtzeitig mit der Hand abfangen. Was tat er denn schon hier? Konnte nicht ein einziges Mal irgendetwas richtig laufen? „Noah!“, rief ich mit rauer Stimme und hoffte, das meine Augen nicht so verquollen waren, wie sie sich anfühlten. „Ich dachte du wolltest erst Morgen kommen.“

Mein Freund legte den Kopf schief und betrachtete mich eine Weile lang mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte, bevor er mit ernster Stimme sagte. „Stimmt, das wollte ich. Du hast mir gefehlt Lou. Und wo genau kommst du überhaupt um diese Uhrzeit her? Sag mal... hast du geweint?“ Verdammte Scheiße! „Ich...also ich...“, stammelte ich und wollte mich an ihm vorbei drängen, als mir plötzlich auffiel, das er etwas in der Hand hielt. Ein graues Stück Stoff, ein Kleidungsstück vielleicht oder... Oh nein!

„Schon gut.“, unterbrach Noah mich. „Ich kann mir denken, wo du warst.“ Mit zusammengekniffenen Lippen hielt er Bredas grauen Pullover hoch. „Ein bisschen groß für dich, was?“ Bitte nicht. Bitte nicht jetzt. Dieser Tag war schon beschissen genug. „Das trägt man jetzt so.“, sagte ich leise, schlang die Arme um meinen Körper und drängte mich an Noah vorbei ins Wohnzimmer. „Der gehört einem Mann, Lou! Hälst du mich eigentlich für völlig bescheuert?“, rief mein Freund so ungewohnt feindselig, das ich zusammen zuckte. „Du kannst mir alles erzählen, aber nicht das dieser Pullover dir gehört! Er riecht nach...nach männlichen Aftershave und...“ „Sommerregen.“, flüsterte ich so leise, das Noah mich nicht hörte.

Mit ernster Miene kam mein Freund auf mich zu. „Sag mir die Wahrheit, Lou!“ Seine treuen Rehaugen glitzerten vor Wut und seine Wangen waren gerötet. „Jemand hat ihn hier vergessen als er...“, begann ich. „Als er WAS?!“ Erneut brach der Damm und die Tränen bahnten sich ihren Weg über meine Wangen. In meinem ganzen Leben hatte ich niemals so viel geweint wie heute. Fieberhaft dachte ich über eine Ausrede nach, über ein Märchen, das ich Noah auftischen konnte, doch mein Freund war alles andere als dumm. Er kannte mich und er würde mir niemals glauben, wenn ich ihn anlog. Er verdiente die Wahrheit.

„Es gibt einen Anderen.“, sagte ich schnell und senkte meinen, von Tränen verschleierten, Blick auf den Boden. Es folgten ein paar Minuten in denen niemand etwas sagte. Irgendwann hörte ich Noah tief einatmen, bevor er mit zitternder Stimme fragte: „Liebst du ihn?“ Noch immer fand ich nicht den Mut, meinen Blick zu heben. Ich beobachtete, wie meine Tränen auf das Holz unter meinen Füßen tropften und flüsterte: „Ja.“

Stille. Meine Tränen hinterließen dunkle Tupfen auf dem Boden. Unerträgliche, quälende Stille. Und dann: „Wer ist er?“ Langsam hob ich den Kopf. Noahs braune Augen glitzerten feucht. Sein Gesicht war zu einer schmerzverzerrten Grimasse verzogen. „Bitte frag das nicht.“, krächzte ich und schüttelte müde den Kopf. „Sag mir wer er ist!“, rief mein Freund und fuhr sich mit der Hand durch die Locken. Ich hatte ihm sein Herz gebrochen, das wurde mir in diesem Moment schmerzlich bewusst.

Als ich nach ein paar Minuten immer noch keine Antwort über die Lippen gebracht hatte, gab Noah ein enttäuschtes Schnauben von sich. „Du musst es mir nicht sagen.“, flüsterte er mit belegter Stimme. „Ich kann es mir sowieso längst denken.“ Was? Stutzig starrte ich ihn an. Er konnte nicht von mir und Breda wissen, das war nicht möglich! „Glaubst du etwa, mir ist nicht aufgefallen, wie viel du in letzter Zeit 'arbeitest'?“ Das letzte Wort betonte er sarkastisch. Er konnte es einfach nicht wissen!

„Ich habe einen komplizierten Auftrag Noah. Du weißt doch, das meine Arbeit oft sehr umfangreich ist und bis jetzt hat dich das doch auch nie...“, begann ich leise, doch Noah unterbrach mich mit wütender Stimme. „Natürlich hat mich deine Arbeit früher nie gestört! Aber jetzt ist deine Arbeit ein Kerl, der dich vögelt!“ Beschämt senkte ich den Kopf wieder. Er wusste es also doch. Woher? Habe ich in letzter Zeit wirklich so viel Zeit mit Breda verbracht, das mein Freund stutzig geworden ist und Eins und Eins zusammen gezählt hat? Wenn ich genauer darüber nachdachte, konnte ich mir diese Frage eigentlich selbst beantworten.

„Er will mich sowieso nicht mehr.“, flüsterte ich erschöpft und ließ mich auf das Sofa hinter mir fallen. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich hatte Breda verloren und jetzt würde ich auch noch Noah verlieren. Und wenn mein Freund mein Verhältnis mit Breda an die große Glocke hängen würde, dann würde ich womöglich auch noch meinen Job verlieren. Alles verloren und das nur, weil mein Herz für einen Mann schlug, in den ich mich besser niemals verliebt hätte. In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als das ich Jessicas Auftrag niemals entgegen genommen hätte.

„Hör auf dich raus zu reden, Louisa.“, sagte Noah kühl. Er nannte mich niemals bei meinem vollen Namen. Er war mir entglitten, ich hatte ihn verloren. Ohne ein weiteres Wort drehte mein Freund sich um und verschwand in den Flur. „Wo willst du hin?“, rief ich schluchzend und sprang sofort wieder auf. Wenn er jetzt ging, dann war alles vorbei. Die Arme vor der Brust verschränkt, folgte ich dem jungen Mann durch die Wohnzimmertür. Ich fühlte mich, als würde ich jeden Moment in tausend Stücke zerbrechen.

„Ich werde mir den Kerl vor nehmen.“, murmelte Noah und zog sich eilig Schuhe und Jacke über. Wie bitte? „Was? Nein! Noah das kannst du nicht machen! Er kann nichts dafür! Und außerdem...“ „Habe ich sowieso keine Chance gegen diesen Riesen?“, schnaubte mein Freund und starrte mich mit wutverzerrtem Gesicht an. „Das ist mir egal, Louisa! Er hat meine Freundin angefasst und mir die erste und einzige Liebe meines Lebens gestohlen! Es ist mir egal.“ Den letzten Satz flüsterte er, dann riss er die Wohnungstür auf und verschwand im Treppenhaus.

Wie versteinert stand ich da und starrte ihm nach. Woher wusste er überhaupt wo er Breda finden würde? Hatte er diese Vermutung vielleicht schon länger gehabt und in meinen E-Mails gestöbert? Woher auch immer Noah die Informationen über Bredas Aufenthalt hatte, ich konnte nicht zulassen, das er ihn aufsuchte! Ich erwachte aus meiner Starre, schlüpfte so schnell ich konnte in meine Stiefel, warf mir einen dunklen Mantel  und meine Tasche über und eilte meinem Freund nach. Mein verheultes Gesicht interessierte mich schon lange nicht mehr.

Im Hof angekommen, konnte ich grade noch einen Blick auf Noahs Wagen erhaschen, der mit quietschenden Reifen durch die Ausfahrt auf die Straße rollte. Ich musste ihm nach und ihn beruhigen! So wütend hatte ich meinen Freund noch nie erlebt und zu dem ganzen Herzschmerz mischte sich jetzt auch noch die Sorge, er könnte in seiner blinden Wut einen Unfall bauen. Ich hetzte zu meinem Auto, schwang mich auf den Fahrersitz und startete den Motor.

Als auch ich die Hauptstraße erreicht hatte, war mir Noahs dunkler Ford erst ein paar Meter voraus. Zwischen uns waren nur 2 andere Autos, weshalb ich die Verfolgung ohne Probleme aufnehmen konnte. Meine Hände zitterten und krallten sich in das Lenkrad, während ich mechanisch Gas gab, bremste und Noah nicht aus den Augen ließ. Ich fühlte mich so kraftlos und leer und mein einziger Gedanke in diesem Moment war, wie ich meinen Freund davon abhalten konnte einen riesigen Aufstand vor Bredas Haustür anzuzetteln.

Doch er bog an der dritten Kreuzung nicht ab. Noah nahm nicht den Weg, der zu Breda geführt hätte, sondern einen, der mir nur zu vertraut war. Nervös gab ich Gas und verringerte den Abstand zwischen uns. Er musste mich längst im Rückspiegel bemerkt haben, doch davon ließ er sich nicht abhalten. Irgendwann bog mein Freund scharf nach rechts ab, parkte und stellte den Motor ab. Ich tat es ihm nach und schloss für eine Sekunde lang die Augen, in der Hoffnung, gleich aus einem Albtraum zu erwachen. Wir standen vor der Agentur und ich träumte diesmal selbstverständlich nicht.

Als Noah aus seinem Wagen sprang und wütend die Autotür zu knallte, stieg ich ebenfalls aus. Meine Knie zitterten. „Was hast du vor?“, rief ich dem jungen Mann nach, der, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, auf das Gebäude zu stapfte. Wollte er mich verpfeifen? Wollte er mich wirklich so auflaufen lassen und in meinem Büro herum posaunen, das ich mit einem Zielobjekt zusammen gewesen war? Was auch immer er vor hatte, ich musste ihn aufhalten!

Natürlich kam ich mit meinen kurzen Beinen kaum hinterher und als ich grade die Haupthalle der Agentur erreichte, sah ich nur noch, wie sich die Aufzugtüren schlossen. „Noah, verdammt!“, rief ich laut und ignorierte die fragenden Blicke der Leute, die im Foyer grade ihren Kaffee tranken. Ohne lange nachzudenken hetzte ich auf das Treppenhaus zu und stürmte die Stufen nach oben. In Momenten wie diesen, verfluchte ich meine Nikotinsucht. Ich schnaufte schon, als ich grade den Zweiten Stock erreicht hatte und nahm mir vor, die Zigaretten in der Zukunft in die Hölle zu schicken.

Durch das Adrenalin, das meinen Körper antrieb, erreichte ich dann doch irgendwann, nach Luft schnappend, den Fünften Stock. Ich drückte die Glastür auf, die das Treppenhaus von den Büroräumen trennte und stolperte durch den langen Flur. Als ich um die Ecke zur Anmeldung bog, hörte ich bereits aufgebrachte Stimmen. „Ich habe dein Kätzchen nicht angefasst, du Clown!“ hörte ich jemanden rufen und erstarrte. Jared! Noch bevor ich richtig realisieren konnte, das Noah sich, mitten im Flur, vor meinem Kollegen aufgebaut hatte, flog auch schon seine Faust.

Vom Tresen her drang ein erschrockenes Quieken an mein Ohr, das Kelly gehören musste, doch ich drehte mich nicht zu ihr um. Wie in Trance starrte ich auf die beiden Männer vor mir, die jetzt von ein paar anderen Kollegen gewaltsam auseinander gezogen wurden. Ich sah, wie Jared Blut auf den Teppich spuckte. Meine Augen glitten zu Noah hinüber, der wild strampelnd versuchte, sich aus den Armen meines Kollegen Kyle zu kämpfen. „Denkst du wirklich, ich habe nicht mitbekommen, wie du sie immer ansiehst?“, brüllte mein Freund und ignorierte den riesigen Mann, der versuchte, ihn weiter von Jared weg zu drängen.

Es machte Klick. Meine Knie gaben nach und ich rutschte an der Wand entlang auf den Boden. Es war mir egal, das meine Kollegen mich so sahen. Er wusste nichts von Breda. Noah hatte niemals geglaubt, das ich eine Affäre mit meinem Zielobjekt gehabt hätte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kelly sich neben mir fallen ließ. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und sagte irgendetwas, doch ich hörte sie kaum. „Ich habe nicht mit Jared geschlafen.“, krächzte ich und wagte es nicht, meine beste Freundin anzusehen. Wenn sie wirklich glaubte, das ich etwas mit dem Mann angefangen hätte, den sie liebte, dann hätte ich auch noch die letzte Person verloren, die mir etwas bedeutete. „Sag Noah, das es nicht um Jared geht. Sag ihm, er ist es nicht.“

Einen Moment lang hielt meine Freundin inne. Wahrscheinlich starrte sie mich verwirrt an. Doch dann verstand sie endlich, erhob sich und ging auf die beiden Streithähne zu. Mit verschwommenem Blick erkannte ich, wie die Blonde auf Noah einredete. Irgendwann hörte er auf zu zappeln und starrte zu mir herüber. Ich erkannte das Fragezeichen in seinem Gesicht und nickte müde. „Er ist es nicht.“, versuchte ich zu sagen, doch ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt einen Ton heraus gebracht hatte.

Nach einigen Sekunden, in denen niemand etwas sagte, ließ Kyle meinen Freund vorsichtig los. Sofort stapfte Noah in meine Richtung, warf mir einen bitterbösen Blick zu und verschwand. Ich hatte keine Kraft mehr um ihm nach zu gehen, also ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Alles was ich erkannte, waren geschockte Gesichter, die mich anstarrten. Am Tresen lehnte Jared, der sich eine kalte Wasserflasche an die aufgesprungene Lippe hielt.

Zitternd stand ich auf und stützte mich an der Wand ab. „Es tut mir leid.“, sagte ich kleinlaut in die Runde und senkte den Blick. „Es war ein Missverständnis. Normalerweise ist er nicht so. Es tut mir so leid.“, wiederholte ich mit hängenden Schultern, schlang wieder die Arme um meinen Körper und machte mich erschöpft auf den Weg zum Fahrstuhl. Ich fühlte mich, als wäre ein Monstertruck über mein Herz gefahren. Und den Rückwärtsgang hatte er auch noch ein Mal eingelegt.
Review schreiben