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Lös' die Sehnsucht von allen Ketten

von MMGrace
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character)
16.08.2019
03.04.2020
19
88.397
25
Alle Kapitel
59 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
24.12.2019 4.963
 
Liebe Leser,

auch wenn die letzten Wochen ziemlich stressig waren,
habe ich darauf hin gearbeitet, euch an Heiligabend ein neues Kapitel  veröffentlichen zu können.
Weihnachten ist das Fest der Liebe und Dankbarkeit, weshalb ich mich an dieser Stelle für 13 Empfehlungen bedanken möchte. ♥

Das folgende Kapitel ist perfekt zum Zurücklehnen und Entspannen.
Hier ein wundervolles Cover von Lou's Lieblingssong, welches mich sehr inspiriert hat.

Ich wünsche allen ein schönes Weihnachtsfest und viel Freude beim Lesen. ♥

****



Keine Mauer, die uns je trennt. Keine Grenze, die wir nicht überwinden.
Komm zu mir, denn mit dir kann ich bis zu den Sternen geh'n,
bis in die Zukunft seh'n.



Wie zu erwarten war, trieb meine Neugier mich, nachdem Breda das Wohnzimmer verlassen hatte, sofort aus meinem Stuhl. Mit meinem Glas in der Hand drehte ich eine Runde durch den großen, hochwertig ausgestatteten Raum und suchte bewusst nach Gegenständen, die mir etwas über diesen geheimnisvollen Mann verraten würden. Zu meiner Enttäuschung gab es keine Familienfotos oder Erinnerungsstücke, die vielleicht eine Bedeutung für Breda gehabt haben konnten. Seine Wohnung war wunderschön, modern und luxuriös, wirkte allerdings trotzdem eher wie ein Musterobjekt als ein Ort, an dem jemand seinen festen Wohnsitz hatte.

Als ich eine Tür entdeckte, die verschlossen neben einer der Vitrinen platziert war, packte mich erneut die Neugier. Unauffällig drehte ich mich zu dem Flur herum, durch den Breda vor ein paar Minuten verschwunden war, und spitzte die Ohren. Als sich nichts regte, stellte ich mein Glas auf dem Tisch ab, ging langsam auf die neu entdeckte Tür zu und drückte die Klinke hinunter. Lautlos schwang sie nach innen auf und sofort drang mir der Duft von Möbelpolitur und Bredas Aftershave entgegen.

Schüchtern betrat ich das kleine Zimmer und fand meine Stiefel auf einem roten, mit goldenen Verzierungen bestückten, Perserteppich wieder. Staunend ließ ich meine blauen Augen über die Einrichtung wandern und schritt unbewusst auf die Mitte des Raumes zu. An allen vier Wänden standen deckenhohe Bücherregale, in denen kaum ein Platz mehr für ein weiteres Exemplar zu finden war. Die gepflegten Einbände waren alphabetisch sortiert, wie ich auf den ersten Blick feststellen konnte und ich staunte über die Hingabe, mit der Breda diese winzige Bibliothek behandeln musste.

In der rechten Ecke stand ein riesiger, schwarzer Flügel, der einwandfrei glänzte und kein einziges Staubkörnchen auf seiner Oberfläche aufwies. Vor dem Klavier war ein Sitzhocker platziert, dessen Fläche mit dunkelrotem Samt überzogen war und wahnsinnig gemütlich aussah. War das hier so etwas wie ein Hobbyraum? Es gab nur ein einziges, von schweren Vorhängen verhangenes, Fenster in dem kleinen, aber geschickt eingerichteten Zimmer, weshalb überall in den Regalen künstliche Kerzen aufgestellt waren, die sanftes, goldgelbes Licht spendeten. Ob Breda sie wohl rund um die Uhr brennen ließ?

Als sich jemand hinter mir laut räusperte, fuhr mein Kopf erschrocken herum. Breda musste sich mal wieder so leise angeschlichen haben, das ich ihn gar nicht bemerkt hatte. Wie bereits angekündigt, hatte der Mann sich umgezogen und trug nun, statt des blauen Anzugs, eine bequeme, schwarze Stoffhose und ein graues Shirt. Seine Füße waren nackt und sein Haar fiel offen über seine Schultern. Völlig gefesselt von Bredas Anblick vergaß ich beinahe, das ich ihm eine Erklärung schuldig war. Fragend hob Breda die Brauen und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen.

„Du kannst es nicht lassen, habe ich Recht?“ Seine Stimme klang ernst, doch das kleine Lächeln, das auf seinen Lippen lag, nahm die Strenge aus seinen Worten. „Was meinst du?“, fragte ich heiser und bemühte mich, meine Gefühle, die bei Bredas Anblick in mir aufgekeimt waren, in den Griff zu bekommen. „Du kannst es nicht lassen, mir hinterher zu spionieren.“ Verlegen hob ich die Schultern und warf dem Mann einen entschuldigenden Blick zu. „Ich habe nicht spioniert, ich bin einfach nur neugierig.“

„Louisa, was du vorhin gesagt hast ist...“ „Nein!“, unterbrach ich Breda sanft aber bestimmt. „Als erstes bist du dran. Du schuldest mir noch immer eine Antwort auf meine Frage.“ Der Mann verdrehte genervt die Augen, wirkte aber weiterhin belustigt, als er auf das Fenster zu trat, den schweren Vorhang beiseite schob und seinen eisblauen Blick über die blinkenden Lichter der Stadt wandern ließ. „So frag endlich.“, seufzte er und lehnte seine blasse Stirn gegen die Fensterscheibe. Zögernd trat ich auf das große Klavier zu und nahm auf dem breiten Hocker platz.

„Wie konnten deine Wunden nach dem Unfall so schnell verheilen?“, platzte ich heraus und war erleichtert darüber, dieses Thema endlich ansprechen zu können. Obwohl Breda mir den Rücken zugedreht hatte, konnte ich sehen, wie er erstarrte. Sein Kopf drehte sich langsam zu mir herum und sein Gesichtsausdruck war plötzlich ernst und verschlossen. „Das ist die Frage, die dir die ganze Zeit über auf der Seele gebrannt hat?“ Ich nickte und erwiderte seinen intensiven Blick. „Du hättest mich alles Fragen können, Louisa. Alles, was auch immer du wünschst und du willst wissen, wie ich die Heilung ein paar mickriger Kratzer beschleunige?“

„Kratzer?“, fragte ich und lachte humorlos auf. „Der verdammte halbe Parkplatz war mit deinem Blut überzogen gewesen, Breda! Du hattest ein Loch im Kopf und so wie ich dich nach dem Zusammenstoß vorgefunden habe, musstest du mindestens ein paar gebrochene Knochen gehabt haben!“ Angespannt verschränkte ich die Hände auf meinem Schoß. Reagierte ich jetzt völlig über?
„Ist dir bekannt, das die Menschen oft halluzinieren und das Gehirn einer Person ihr Streiche spielt, wenn sie einen Schock erlitten hat? Der Winkel, aus dem du mich erwischt hast, war ungefährlich gewesen. Ich hatte ein paar Kratzer und sonst nichts, Louisa. Nichts was man mit ein paar Pillen und einer Salbe nicht in den Griff bekommen würde.“

Breda war, während er gesprochen hatte, ein paar Schritte auf mich zu getreten und schaute mich ernst an. Konnte er Recht haben? „Aber ich habe nicht halluziniert ich habe doch genau gesehen dass...“ der dunkelhaarige unterbrach mich, in dem er forsch die große Hand hob. „Schluss jetzt, Louisa.“, sagte er leise und in seiner Stimme schwang ein Ton mit, der es nicht gestattete ihm noch weiter zu widersprechen. Ich schüttelte nur den Kopf und senkte den Blick auf meine, immer noch verschlungenen, Hände. Es gab keine andere Erklärung als die, die Breda mir so eben geliefert hatte. Was blieb mir anderes übrig, als wohl oder übel zu akzeptieren, das ich mir die Wunden wahrscheinlich doch nur eingebildet hatte?

„Diese Antwort war nicht befriedigend.“, murmelte ich angesäuert, ohne den Blick zu heben. „Dann hast du noch eine Frage frei.“ „Wie hast du mein Handy entsperren können?“ Mein Gesprächspartner seufzte gequält, kam noch einen weiteren Schritt auf mich zu und lehnte seine große Gestalt an den schwarzen Flügel. „Ich habe dich für klüger gehalten, Louisa.“ Verwirrt sah ich zu ihm auf. „Ich gebe dir die Güte, mich etwas zu fragen und alles was du wissen willst, sind so belanglose, unwichtige Dinge! Abgesehen davon ist '4321' keine besonders sichere Sperre für ein Handy.“ Da hatte er wohl Recht, wie ich feststellen musste.

Weil ich mir in der Stille, die nach Bredas Worten entstand, ziemlich blöd vorkam, beschloss ich, einen erneuten Smalltalk zu beginnen. „Die ganzen Fläschchen in deinem Badezimmer, sie gehören Herbert, richtig?“ „Mein Sohn hält den Weltrekord im stundenlangen Badezimmer Blockieren.“ „Lebt er auch in New York?“ Der ernste Blick meines Gegenübers wurde weicher und legte sich auf mein Gesicht. „Endlich ein mal eine Frage, die einen Sinn hat.“, schmunzelte Breda. „Nein, Herbert lebt nicht in New York. Um genau zu sein, lebt er nirgendwo so wirklich. Er hat eine große Wohnung in Paris und ein Haus in Los Angeles aber die meiste Zeit ist er auf Reisen. Er besucht mich nur selten hier.“ Als Breda ein sehr leises „Luzifer sei Dank“ hinterher murmelte, musste ich Lächeln.

„Du liebst ihn, obwohl er schwierig ist.“, stellte ich fest, streckte eine Hand aus und ließ sie über die glatte, glänzende Oberfläche des Flügels gleiten. „Er ist mein Sohn.“ „Wurde er auch in Rumänien geboren?“ Als der Mann mir nicht gleich antwortete, sah ich fragend zu ihm auf. Er hatte den Kopf schief gelegt und musterte mich misstrauisch. „Woher weißt du woher wir stammen?“ Ich zuckte die Schultern und kaute beschämt auf meiner Unterlippe herum. „Nun ja...eventuell...habe ich deinen Namen gegooglet.“

Erneut entstand eine unangenehme, kurze Pause und als Breda plötzlich in ein lautes, dunkles Lachen ausbrach, zuckte ich erschrocken zusammen. „Was ist?“, fragte ich verunsichert und starrte meinen Gegenüber mit großen Augen an. Er sah unglaublich schön aus, wenn er so lachte wie jetzt. „Du machst mich fertig, Louisa. Weißt du das?“ Erneut hob ich beschämt die Schultern, musste aber auch anfangen zu kichern. In diesem Moment fühlte ich mich einfach nur unendlich wohl.

Nach ein paar Minuten wurde Breda wieder ernst, verlor trotzdem nicht die Unbeschwertheit, die er, seit wir hier angekommen waren, ausgestrahlt hatte. Spontan klappte ich den Deckel der Klaviertasten  nach oben und warf Breda einen interessierten Blick zu. „Spielst du?“ „Nein, ich stelle gerne meinen Whisky auf diesem Instrument ab.“ „Bredaaaaa!“ Der Mann schmunzelte, als er spürte, das er mich mit seiner Ironie beinahe wahnsinnig machte. „Ich spiele. Und du?“, fragte er mich und sah mich, mit hochgezogenen Augenbrauen, abwartend an. „Nein.“, antwortete ich. „Ich bin nicht besonders musikalisch. Weder spiele ich ein Instrument, noch kann ich besonders gut singen.“

Verlegen lächelte ich Breda an, der plötzlich eine Hand hob, mit den blassen Fingern ein 'L' bildete und es sich an die Stirn hielt, so wie ich es ihm vor ein paar Tagen gezeigt hatte. „Du bist ein Ekel!“, rief ich, konnte aber nicht verhindern, das erneut ein Kichern aus mir heraus brach. Der Mann ließ den Arm wieder sinken und zog einen Mundwinkel in die Höhe. „Und du bist ein Loser. Mach mal ein wenig Platz, Louisa.“ Zu meiner Überraschung kam er auf mich zu und setzte sich, nachdem ich verwirrt auf die Seite gerutscht war, neben mich auf den edlen Hocker.

Breda war mir plötzlich so nah, das ich spüren konnte, wie mein Herz einen Salto machte. Sein rechtes Bein berührte meinen Oberschenkel, sein Duft war so intensiv, das ich für einen winzigen Moment lang die Augen schloss und tief einatmete. So nah wie jetzt, hatte er mich noch nie in seine Nähe gelassen und das Gefühl, das die Präsenz seines Körpers neben mir in mir auslöste, machte mich gleichzeitig nervös und doch wahnsinnig glücklich.

„Was möchtest du denn hören?“, riss Breda mich aus meinen schwärmerischen Gedanken. Ich hob nur die Schultern und beobachtete, wie seine langen, eleganten Finger über den Tasten schwebten. „Brauchst du keine Noten?“, fragte ich neugierig, bevor der Mann neben mir, den ersten Ton anstimmen konnte. „Nicht für dieses Lied.“ Er warf mir einen typisch arroganten und gleichzeitig auch fesselnden Seitenblick zu, bevor er die Hände auf die glänzenden Tasten sinken ließ und damit begann, den kleinen Raum mit einer wunderschönen Melodie zu füllen.

Es dauerte einen winzigen Moment, bis ich den Song erkannte, der auf diese Weise so anders klang als in seiner Originalfassung. „Wonderwall.“, flüsterte ich unwillkürlich und hob meinen Blick wieder zu Bredas Gesicht, der die Augen geschlossen hatte und bei meiner Erkenntnis ein winziges Lächeln zeigte. Er hatte es sich gemerkt. Ich war ihm nicht egal, ich war es niemals gewesen! „Kannst du...“, setzte ich an, doch beendete meinen Satz nicht. Das er dieses Lied für mich spielte, hier und jetzt, war schon mehr als ich mir jemals erträumt hatte. „Wenn es dich glücklich macht.“, antwortete Breda leise, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Er musste meine Gedanken erraten haben.

Als er zu singen begann, lief mir ein wohliger Schauer über den Rücken und verwandelte sich in eine angenehme Gänsehaut, die meinen kompletten Körper überkam. Bredas Stimme war so schön, so rein und bezaubernd, das ich ihn nur mit offenem Mund anstarren und mir wünschen konnte, das er niemals wieder aufhören würde. 'And all the roads we have to walk are winding.' Der Text sprach mir aus der Seele. 'And all the lights that lead us there are blinding' Unwillkürlich hob ich meine Hand und legte sie ganz vorsichtig auf Bredas blassen Unteram. 'There are many things that I
would like to say to you, but I don't know how'
Er öffnete die Augen und unsere Blicke trafen sich.
'Maybe, you're gonna be the one that saves me.'

Bredas Stimme klang so berauschend, das ich ihm für den Rest meines Lebens hätte zuhören können. Sein Körper ganz nah an meinem, sein Duft in meiner Nase, seine Stimme in meinem Ohr und seine unendlich tiefen blauen Augen, die, während er spielte, auf meinem Gesicht ruhten. 'I don't believe, that anybody feels the way I do about you now.' Hatte ich mir eingebildet, das seine Stimme bei diesem Satz nachdrücklicher wurde? Vorsichtig löste ich meine Hand von Bredas Arm und berührte, sanft wie ein Schmetterling, seine kühle Wange. Völlig verzaubert malte ich winzige Kreise auf seine blasse Haut, genoss, wie es sich anfühlte, ihn zu berühren.

Als die letzten Töne des Liedes ausklangen und Breda langsam die schlanken Hände von den Tasten nahm, umschloss uns eine tiefe, aber nicht unangenehme Stille. Zögernd hob der Mann seinen Arm und legte seine Hand sanft über meine, die immer noch auf seiner Wange ruhte. Die Kälte seiner Haut ließ mich schaudern, doch ich zog dieses Gefühl in diesem Moment jedem anderen auf dieser Welt vor. „And after all, you're my wonderwall.“, flüsterte ich und lehnte meinen Kopf an Bredas starke Schulter. „Danke.“, murmelte ich.

„Was tust du immer wieder hier, Lou?“ Bredas Stimme klang belegt, leise und verzweifelt und als er das erste mal meinen Spitznamen aussprach, wurde mein geschundenes Herz von einer warmen Flut erfasst. „Ich will bei dir sein, Breda.“ Auf meine ehrliche Antwort folgte erneutes Schweigen. Noch immer meinen Kopf an Bredas starke Schulter gelehnt, konnte ich spüren, wie seine Muskeln sich anspannten und seine Brust sich plötzlich schneller hob und senkte als zuvor.

„Du solltest gehen Louisa, es ist spät.“, sagte der Mann nach einer Weile streng, löste seine kalte Hand von meinen Fingern und stand ruckartig auf. „Nein.“, sagte ich kopfschüttelnd und erhob mich ebenfalls. „Du kannst mich nicht erst einladen und dann wieder davon schicken. Ich habe dich vor Herbert und Juan gerettet, schon vergessen?“ Mit verschränkten Armen beobachtete ich Breda, der angespannt um den Flügel herum ging und auf der anderen Seite die Hände auf das polierte Holz stützte. Wollte er etwa Abstand zwischen uns bringen?

Ein humorloses, kurzes Auflachen entfuhr dem dunkelhaarigen, als ich seinen Sohn und dessen Begleiter erwähnte. „Juan!“, rief Breda Augen verdrehend und schüttelte empört den Kopf. Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht in Gelächter auszubrechen. Bredas Reaktion auf den Gefährten seines Sohnes war beinahe so normal, das man glatt vergessen könnte, das diese Familie definitiv nicht normal war.

„Du magst Herberts Freund nicht besonders?“, fragte ich vorsichtig und klappte mit zitternden Fingern den Klavierdeckel zu. Noch immer war ich berauscht von Bredas Gesang und unserer kurzen, aber intensiven Berührung. Konnte ich nicht einfach die Zeit zurück drehen? „Freund?!“, dröhnte Breda plötzlich und starrte mich aufgebracht an. „Herbert hat keinen Freund! Der seltsame Affe war irgendein Spielzeug, das mein Sohnemann sich aus seinem letzten Portugal Urlaub mitgebracht hat! Nichts von Bedeutung. Das ist es nie.“ Die letzten vier Worte sagte Breda so leise, das ich sie beinahe nicht verstanden hätte.

„Er wechselt also öfter mal die Partner.“, murmelte ich. „Herbert ist wahnsinnig gut darin, den Menschen die Köpfe zu verdrehen.“ Da war es wieder, dieses 'die Menschen'. Wofür hielt Breda sich, für eine Gottheit etwa? Nun ja, wenn ich an die Wirkung dachte, die er auf mich und so viele andere Frauen hatte, war dieser Glaube vielleicht gar nicht so weit her geholt. „Wie sein Vater.“, rutschte es mir unwillkürlich heraus, was meinem Gegenüber ein fragendes Hochziehen seiner dunklen Augenbraue entlockte.

„Du glaubst ich würde Menschen um den Verstand bringen, Louisa?“, raunte Breda mit tiefer Stimme und starrte mich mit seinem intensiven, eisblauen Blick an. Ich zögerte einen Moment bevor ich antwortete. Meine Gedanken schweiften erneut zu der Situation ab, die sich vor ein paar Minuten noch zwischen uns abgespielt hatte. Bredas riesige Hand auf meinen zierlichen Fingern. Sein Duft, so intensiv und so berauschend. 'I don't believe, that anybody feels the way I do about you now.'

„Mich bringst du um den Verstand Breda.“, flüsterte ich und strich mir verlegen eine verirrte Locke aus der Stirn. Erneut folgte Stille. Die künstlichen Kerzen flackerten aufgeregt in den Bücherregalen und warfen tanzende Schatten an die Wand. Ich verlor mich in Bredas Augen, die, egal welche Lichtverhältnisse um uns herrschten, immer hell wie der Sommerhimmel waren und in diesem Moment noch eindringlicher leuchteten als sonst. Auch wenn ich keine Antwort erwartete, schimmerte in meinem Inneren ein winziger Funken Hoffnung, das Breda vielleicht ähnlich für mich empfinden könnte.

„Bitte geh jetzt.“, unterbrach der Mann die Stille mit kalter Stimme, stieß sich von dem schwarzen Flügel ab, und machte Anstalten, die Tür anzusteuern. „Halt!“, rief ich mindestens genau so kalt, wie Breda eben geklungen hatte, und packte ihn am Ärmel. Wütend drehte der dunkelhaarige sich zu mir herum und starrte mit bohrendem Blick auf mich hinunter. Sein schönes Gesicht war eine Maske aus kaltem Eis, nur das leichte Zucken seiner Kiefermuskeln verrieten, wie aufgebracht er war.

„Lass mich los, bevor ich dir weh tun muss.“, zischte Breda und jagte mir mit seiner warnenden Stimme eine Gänsehaut über den Rücken. Doch ich würde nicht daran denken, mich von ihm bedrohen zu lassen. „Warum hasst du mich?“, flüsterte ich, die Augen auf sein Gesicht gerichtet, die Hand noch immer in seinem Ärmel vergraben. Ich würde diesen Mann nicht los lassen. Niemals, niemals würde ich ihn jetzt gehen lassen!

Als ich meine Frage stellte, schloss Breda für einen Augenblick die Augen und seufzte leise. „Ich hasse dich nicht, Louisa. Ich kann dich einfach nur nicht besonders gut leiden.“, sagte er ernst und presste die schmalen Lippen angestrengt aufeinander. „Nicht mal ein bisschen?“, fragte ich mit brüchiger Stimme und trat unwillkürlich einen kleinen Schritt auf Breda zu. „Nein.“, sagte dieser und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Nicht ein mal ein bisschen.“ Mit diesen Worten entriss der Mann sich meiner Umklammerung, drehte sich zur Tür und verließ mit großen Schritten den Raum.

„Scheißkerl!“, rief ich und hielt gewaltsam die Tränen zurück, die sich in meinen Augenwinkeln sammelten. Breda erstarrte sofort und drehte sich auf dem Absatz herum. „Wie bitte?“, fragte er leise. Seine Stimme klang wie ein Knurren und sofort lief mir ein kalter Schauer über den ganzen Körper. „Du hast richtig gehört!“, entgegnete ich und versuchte, Arroganz in meine Stimme zu legen. Er hatte mich verletzt mit seinen Worten und niemals wieder würde ich zulassen, das jemand auf mir herumtrampelte. „Du bist ein verdammter Scheißkerl, der nichts besseres zu tun hat, als auf geheimnisvoll und unnahbar zu tun, obwohl du am Ende sowieso mit jeder Person ins Bett steigst, die ein Paar Möpse besitzt!“

Meine, zugegebenermaßen ziemlich unüberlegten Worte, mussten Breda schockiert haben. Langsam, wie eine Raubkatze, trat er zurück in die kleine Bibliothek und schlich auf mich zu. „Das glaubst du von mir?“, fragte er tonlos. Obwohl sein raubtierhafter Gang und die geblähten Nasenflügel eindeutig vermittelten, das Breda mich jetzt gerne in Stücke reißen würde, hatte ich keine Angst vor ihm. Meine Wut und Enttäuschung überschattete in diesem Moment das brennende Gefühl von Furcht. Unwillkürliche ballten sich meine kleinen Hände zu Fäusten, als Breda immer näher kam.

„Ja, das glaube ich von dir!“, rief ich kalt und hoffte, das er in meinem Blick nicht lesen konnte, wie sehr ich ihn trotz all dem wollte. „Du solltest deine Zunge hüten.“, knurrte Breda, der mittlerweile dicht vor mir stehen geblieben war. „Ach ja?“, fragte ich mit zittriger Stimme, während ich zu dem riesigen, engelsgleichen Mann aufsah, der, zu meiner Überraschung, in sekundenschnelle einen Arm ausstreckte und eine starke Hand in meinen Nacken legte. Sein Griff war fest und machte mir deutlich, wer von uns beiden hier der Stärkere war. Trotzdem fühlte es sich nicht unangenehm an, nein im Gegenteil, als ich seine kalten Finger an meiner Haut spürte, begann mein Atem plötzlich schneller zu gehen.

„Beleidige mich niemals wieder, Louisa.“, mahnte Breda mit rauer Stimme und verstärkte seinen eisernen Griff noch mehr, während  er mich gleichzeitig grob an die glatte Außenseite des Klaviers drängte. Atemlos keuchte ich auf, als der Mann mit der freien Hand in mein Haar griff und sich mehrere dunkle Locken um die Finger schlang. „Und was wenn doch?“, fragte ich mit klopfendem Herzen, schmiegte meinen Kopf an Bredas starke Hand und schloss die Augen. Mein Herz donnerte so laut in meiner Brust, das es schien, als würde das aufgeregte Klopfen den gesamten Raum erfüllen.

„Du willst es nicht ausprobieren.“ Die tiefe, raue Stimme des Mannes war nur noch ein Flüstern und als er sprach, spürte ich einen kühlen Hauch auf meiner Wange. Berauscht blinzelte ich und erkannte, das Bredas bezauberndes Gesicht nur noch wenige Zentimeter über meinem schwebte. Unter halb geschlossenen Lidern betrachtete ich das stechende Blau seiner Augen, die grade Nase, die hohen, scharfen Wangenknochen und zuletzt die leicht geöffneten, geschwungenen Lippen. In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als von diesem Wesen berührt zu werden.

„Scheißkerl.“, raunte ich heiser und spürte, wie die Welt um mich herum immer mehr verschwamm. Bredas Nähe war so intensiv, so kochend heiß und gleichzeitig kalt, das ich die Kontrolle über all meine Gedanken verlor. Nur am Rande nahm ich wahr, wie der dunkelhaarige leise knurrte und seine starken Hände von mir löste, nur um sie im nächsten Augenblick an meinem Körper hinunter wandern zu lassen, wo sie mich, ganz plötzlich und fordernd, an der Rückseite meiner Oberschenkel packten. Atemlos keuchte ich auf, als der Mann mich, mit einem Ruck und ohne große Anstrengung, hoch hob und auf dem schwarz glänzenden Flügel absetzte.

Quälend langsam drückte er meine Schenkel auseinander und bedachte mich mit schief gelegtem Kopf. Bredas dunkles Haar fiel seidig weich über seine Schultern und reflektierte das Licht der künstlichen Kerzen. „Und trotzdem willst du mich.“ Mit diesen Worten presste er sich an mich, schlang meine Beine um seine Hüften und vergrub beide Hände in meinen Haaren. „Und du willst mich.“, flüsterte ich überrascht und gleichzeitig berauscht. „Zumindest fühlt es sich so an.“ Mit einem winzigen Lächeln deutete ich mit den Augen nach unten, wo mir Bredas, fest an mich gepresster Unterleib, deutlich vermittelte, wie sehr er mich in diesem Moment wollte.

Der Mann erwiderte mein Lächeln, bevor er sich langsam herunter beugte und winzige, kalte Küsse auf meinen Hals hauchte. Seufzend schlang ich die Arme um seinen starken Körper und krallte meine Finger in seinen Rücken. Das alles fühlte sich noch tausend mal besser an, als in meinen Träumen. Als für einen winzigen Moment lang Noahs Gesicht vor meinem inneren Auge aufflammte, schmiegte ich mich noch enger an Breda. Ich wollte jetzt nicht denken, ich wollte vergessen, ich wollte hier sein, mit dem Mann, den ich begehrte, ich wollte niemand anderen außer ihn.

„Louisa.“, murmelte Breda an meinem Ohr und sofort war das schlechte Gewissen verschwunden. Sollte es mich später plagen, sollte es mich zerstören, solange ich diesen Moment, hier und jetzt, vollkommen auskosten konnte. Bredas kühle Lippen zogen eine feine Spur aus Küssen über meine Schläfe und meine Wange, bis sie über meinen eigenen schwebten. Die Leidenschaft überrollte mich und ich konnte nicht länger warten. Schnell löste ich meine rechte Hand von Bredas Rücken, umschlang seinen Nacken und zog sein Gesicht zu meinem heran.

Als unsere Lippen sich trafen, explodierte in mir ein Feuerwerk. Niemals hatte ein Kuss sich so gut angefühlt, niemals hatte eine Berührung mich so süchtig gemacht. Ich musste Breda überrascht haben, denn ich spürte ein sanftes Grinsen an meinen Lippen, bevor er seine großen Hände fester in meine Locken grub und seinen Mund auf meinen presste. Er küsste mich wie ein Mann, der kurz vor dem Verhungern war. Seine Lippen waren kalt, fest und fordernd und seine Zunge neckte meine, wann immer sie aufeinander trafen. Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle, als ich meine kleinen Hände unter sein Shirt schob und über die weiche Haut an seinem Bauch strich.

Bredas Finger befreiten sich aus meinem Haar und wanderten zum Bund meiner schwarzen Jeans. Mit einem Ruck, öffnete er die Knöpfe, schob einen starken Arm in meine Kniekehle und hob mich mühelos ein Stück hoch, während er mir die Hose über die Schenkel zog. Ohne unseren Kuss zu unterbrechen, befreite er mich von meinem Stiefeln und dem Kleidungsstück und strich anschließend mit den Fingerspitzen an den Seiten meiner Oberschenkel entlang. Durch die Kälte seiner Haut und die, im Kontrast zu unserem hungrigen Kuss, sanfte Berührung, überkam mich erneut eine Gänsehaut.

Leise stöhnend hob ich den Saum von Bredas Shirt an und versuchte es ihm über den Kopf zu zerren. Ein leises Lachen erklang aus seinem Mund als er gegen meine Lippen flüsterte: „So funktioniert das nicht, Lou. Du musst mich schon freigeben, wenn du willst, das ich mich  ausziehe.“ Widerwillig brach ich unseren Kuss ab und beobachtete den Mann dabei, wie er sich langsam und elegant das Shirt auszog und es, mit einem kleinen Lächeln, auf den Boden fallen ließ.

Eine Weile lang starrten wir uns an. Bredas eisblauer Blick glitt über meine Hüften, hinunter zu meinen Beinen und Füßen, während ich berauscht und atemlos die makellose, marmorweiße Haut seines Oberkörpers bewunderte. Irgendwann wurde meine Sehnsucht nach ihm so groß, das ich den Abstand zwischen uns keine Sekunde länger ertragen würde. Ich streckte eine Hand aus, die Breda, zu meiner Überraschung, sofort ergriff, und zog ihn sanft zu mir heran. Seine Augen fanden meine und ließen meinen Blick nicht los, während er mir meinen Pullover über den Kopf zog.

Sanfter als ich es ihm zugetraut hätte, ließ Breda seine langen Finger über mein Schlüsselbein und die Schulter wandern, gefolgt von seinen, unter dichten, dunklen Wimpern verborgenen, Blicken. Als seine große Hand an meiner Brust angekommen war, legte er die Handfläche an die Stelle, unter der mein Herz immer noch aufgeregt schlug. Breda schloss die Augen und legte den Kopf leicht schräg, so als würde er lauschen. So wie er mich in diesem Moment um den Verstand brachte, würde es mich nicht wundern, wenn mein Herz so laut klopfte, das er es hören konnte.

„Sternenkind.“, raunte der Mann, nachdem er ein paar unerträglich lange Sekunden in die Stille gelauscht hatte. Als er die Augen wieder öffnete, zuckte ich unwillkürlich zusammen. Die Iris war nicht länger eisblau sondern beinahe schwarz. „Was...“, begann ich, musste jedoch feststellen, das meine Stimme nicht stark genug war, um meine Frage zu beenden. Noch immer lag Bredas Handfläche an meiner Brust, was nicht gerade dazu beitrug, das ich klarer denken konnte. Seine Berührungen waren wie Stromschläge und sein Kuss wie ein Blitz der in einen Baum einschlug und ihn in Flammen aufgehen ließ.

Bredas Hand wanderte nach oben zu meinem Gesicht, wo sich sein Daumen sanft auf meine Lippen legte. „Still, Louisa.“, flüsterte er und seine Stimme jagte erneut einen elektrisierenden Schlag durch meinen Körper. Ohne meinen Blick von seinen plötzlich abgrundtiefen, dunklen Augen zu lösen, strich ich mit den Lippen über Bredas Finger, was ihm ein leises Knurren entlockte. Die schwarzen Iriden seiner Augen schienen aufzuflammen und entfachten das Feuer in meinem Inneren erneut. Vielleicht war es das künstliche Kerzenlicht, das mir einen Streich spielte und seine Schatten so warf, das Bredas Augen nicht mehr Blau schienen. War das möglich? Ich konnte nicht klar denken in seiner Gegenwart.

„Magst du mich jetzt vielleicht doch ein bisschen?“, raunte ich, als Breda endlich den Abstand zwischen uns verringerte und sich wieder zwischen meine Schenkel drückte. Sein Haar kitzelte mich an der Wange, als er kühle Küsse auf meine Stirn hauchte. „Vielleicht wenn du endlich die Klappe hälst.“, spottete der Mann sanft und erstickte meine Antwort, die mir schon auf der Zunge gelegen hatte, mit einem intensiven Kuss. Kaum hatten seine Lippen sich auf meine gedrückt, hatte ich auch schon wieder vergessen, was ich hatte sagen wollen. Wenn es einen Gott gab, konnte er dann dafür Sorgen, das dieser Moment niemals vorbei gehen würde?

Benebelt erkundete ich mit den Fingerspitzen die Muskeln an Bredas Oberkörper, bekam nicht genug von seinem Duft und seinen Küssen und wehrte mich nicht, als der unglaubliche Mann mir auch noch den übrigen Stoff vom Körper zog. Ich spürte, wie Nervosität in mir aufstieg und mein Herzschlag sich beinahe überschlug. Ich wollte ihn so sehr und doch spannte ich mich an, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie Breda seine Hose zu Boden fallen ließ. Der Mann ließ meine Lippen frei und sah mich mit schief gelegtem Kopf an. „Alles in Ordnung, Louisa?“

Gefesselt, von seinen eindringlichen Augen, nickte ich kaum merklich. „Du kannst immer noch gehen.“, sagte Breda ganz leise und sofort schüttelte ich den Kopf. „Nein. Niemals.“, flüsterte ich heiser. Auf Bredas geschwungene Lippen stahl sich ein winziges Lächeln. Er beugte sich vor zu meinem Ohr und raunte: „Dann vertrau mir einfach.“ Mit diesen Worten legte er beide Hände an meine zierlichen Schultern und drückte meinen Oberkörper ganz langsam nach hinten, bis ich auf der Oberfläche des Flügels lag. Das Holz war kalt an meinem Rücken, genau wie Bredas Finger, die kaum merklich über meinen Bauch strichen, doch in mir loderte ein Feuer, dass das Eis zum schmelzen brachte.

Seufzend kostete ich jede einzelne von Bredas Berührungen aus und entspannte mich vollständig, als seine schlanken Finger über meine Hüften und meine Schenkel strichen. Sein starker, nackter Körper lehnte sich über mich, seine Lippen fanden meinen Hals und küssten die Stelle, an der meine Halsschlagader wie wild pulsierte. „Breda.“, hauchte ich leise und krallte meine Hände in seinen Rücken. „Sternenkind.“, erwiderte der Mann noch ein mal, bevor er die letzten Millimeter, die zwischen unseren Körpern lagen, überwand.
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