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Lös' die Sehnsucht von allen Ketten

von MMGrace
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character)
16.08.2019
03.04.2020
19
88.397
25
Alle Kapitel
59 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.11.2019 4.998
 
Liebe Leser,

wie viele schon bemerkt haben, habe ich in den letzten Wochen mit Abwesenheit geglänzt.
Da sich bei mir momentan privat viele Dinge verändern und meine gesamte Zeit in Anspruch nehmen, wird es die nächsten Wochen/Monate auch weiterhin keine regelmäßigen Uploads geben.
Ich freue mich, wenn ihr trotzdem dran bleibt denn diese Geschichte wird definitiv nicht abgebrochen!
Heute bekommt ihr das letzte Kapitel, das ich noch in meinem Archiv hatte. Als kleine Entschuldigung erwartet euch diesmal sogar ein ziemlich gut gelaunter Breda. (Bitte was?!)

Ich bedanke mich für eure Geduld und für all die lieben Rückmeldungen
und wünsche viel Spaß beim lesen. ♥

****


Was ich rette geht zu Grund,
was ich segne muss verderben.
Nur mein Gift macht dich gesund,
um zu leben musst du sterben.



Im Laufe des Abends im 'White Jade', wurde mir plötzlich wieder klar, wann ich Breda schon ein mal von seinem Sohn sprechen gehört hatte. 'Meine Güte, du redest ja beinahe noch mehr als Herbert.', hatte der Mann auf dem Parkplatz der Rockerbar zu mir gesagt und langsam aber sicher verstand ich auch, was diese Aussage zu bedeuten gehabt hatte. Herbert redete ununterbrochen, ohne Punkt und ohne Komma und ohne ein einziges Mal Luft zu holen.

In den vergangenen zwei Stunden hatte ich mehr über Designerkleidung und Make-Up erfahren, als in meinem gesamten Leben und konnte mich nun außerdem als Insiderin der Elite bezeichnen. Der blonde, junge Mann kannte über jeden Anwesenden in diesem Club mindestens eine schmutzige Geschichte und sparte nicht damit, Breda und mich über alle Details von seltsamen Fetischen bis hin zu Steuerhinterziehungen zu informieren.

Während Herbert gut gelaunt vor sich hin quasselte, herrschte zwischen seinem Vater und mir eine heftige Anspannung. Wir hatten uns zu dritt an einen der Tische gesetzt und waren so angeordnet, das Breda mir genau gegenüber saß. Die meiste Zeit über spielte er seinem Sohn geheucheltes Interesse vor oder starrte in sein Glas. Doch wenn er zwischendurch zufällig aufsah, dann trafen sich unsere Blicke. Obwohl meine Augen die meiste Zeit auf ihm ruhten, schaffte ich es doch nicht, ihm in diesen Momenten stand zu halten und senkte den Blick auf mein eigenes Glas. Die Luft zwischen uns war so dick, das man sie hätte schneiden können.

Ich wusste genau, was Breda dachte. Und er wusste genau, das ich wusste, was er dachte und das es mir unendlich unangenehm war. Ich bereute mein peinliches, überrumpeltes Geständnis von vorhin so sehr, das ich am liebsten ein mal wieder die Zeit zurück drehen würde. Zu meinem Glück hatte Breda mich in den vergangenen Stunden nicht auf meine Gefühlsbekundungen angesprochen, doch vielleicht lag dies auch einfach nur daran, das Herbert ständig das Wort hatte. Nach dem vierten Glas Whisky, den Breda nach einer langen Standpauke von Herbert, doch endlich durchgesetzt hatte, sah ich ihm an, das er endgültig genug von diesem Abend hatte.

Ich konnte es ihm nicht verübeln. Auch ich wäre am liebsten verschwunden, doch Bredas Sohn hatte keine meiner Entschuldigungen akzeptiert. Der Einzige, der sich, abgesehen von Herbert, zu amüsieren schien, war Juan. Er hatte sich nicht mit zu uns an den Tisch gesetzt sondern war die ganze Zeit schräg hinter dem Blonden stehen geblieben. Jedes mal wenn dieser in die Hände klatschte, nickte Juan eifrig und eilte zur Bar, um uns neue Getränke zu holen. In der Zeit, in der er keine Botengänge für Herbert übernahm, stand er einfach nur hinter ihm und schmachtete ihn mit verliebten Blicken an.

Ich musterte den dunkelhaarigen Mann, der auf mich ziemlich high wirkte, obwohl er selbst nicht trank. Juan konnte höchstens so alt sein wie ich und sein Aussehen ließ darauf schließen, das er spanischer Abstammung sein könnte. Der junge Mann sprach nicht viel, doch wenn er etwas sagte, war ein Akzent zu hören, der im Gegensatz zu dem von Breda und Herbert, sehr auffällig war. Er trug ein enges, schwarzes Hemd und eine helle Anzughose, die ihm aufgrund seiner sonnengebräunten Haut gut stand. Um seinen Hals war eine Art Tuch gebunden, das in königsblauem Samt schimmerte.

Erschrocken zuckte ich zusammen, als plötzlich eine blasse Hand wild vor meinem Gesicht herumfuchtelte. „Äh...Was?“, fragte ich unbeholfen und richtete meinen Blick wieder auf Herbert, der mich etwas gefragt haben musste. „Das heißt 'Wie bitte', Schätzchen.“, näselte der Blonde und nippte vornehm an seinem Wein. „Warst wohl abgelenkt gewesen, mhh? Ich verstehe dich, aber ich muss dich enttäuschen. Juan gehört nur mir.“ Grinsend zwinkerte Herbert mir zu, drehte sich zu seinem Begleiter herum und begann hemmungslos mit ihm zu knutschen. Wo zur Hölle war ich hier nur gelandet?

Vorsichtig drehte ich den Kopf zu Breda, der mir gegenüber auf seinem Stuhl hing, wie ein Häufchen Elend. Er hatte die Ellenbogen auf die Tischplatte gestellt, sein Gesicht in die Hände gestützt und seine Krawatte saß auch nicht mehr besonders gerade. Obwohl ich mich ihm gegenüber immer noch wahnsinnig schämte, tat er mir leid. Mit einem Seitenblick prüfte ich schnell, ob Herbert und Juan noch immer beschäftigt waren. Waren sie. Anschließend streckte ich die Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger vorsichtig über Bredas Handrücken. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, denn ich hatte schon verloren.

Der dunkelhaarige öffnete die Augen und starrte mich an, unternahm aber zu meiner Überraschung keinen Versuch, meine Hand abzuschütteln. „Ich hole dich hier raus!“, formte ich mit den Lippen und hoffte, das er mich verstand. Breda verdrehte nur die Augen, setzte sich wieder aufrecht hin, warf einen genervten Blick auf Herbert und Juan und leerte seinen Whisky dann in einem Zug. Er musste seinen Sohn wahnsinnig lieben, wenn er immer noch hier saß und sich die Situation antat.

„Was ich eigentlich fragen wollte...“, durchschnitt Herberts samtige Stimme meine Gedanken, „...Was machst du denn überhaupt beruflich, kleine Lous?“ Der junge Mann hatte sich wieder zu uns gedreht und das Gespräch weitergeführt, als ob er nicht grade minutenlang die Zunge in seiner Begleitung gehabt hätte. Juan stand wieder aufrecht und schmachtend schräg hinter Herbert und wirkte noch viel berauschter, als vorhin. Als die Frage, die mir eben gestellt wurde, endlich in meinem Gehirn angekommen war, wurde ich panisch.

Ich hatte bis jetzt immer großes Glück gehabt, das Breda mich niemals nach meinem Beruf gefragt hatte. So wenig Interesse wie er an mir hatte, hätte er es wahrscheinlich auch niemals getan, doch Herbert war eben nicht Breda und so, wie ich ihn kennen gelernt hatte, war der Kerl verdammt neugierig. „Ich...ähm...arbeite in einer Agentur für...Event Management! Wir organisieren Party's und so. Nichts spannendes!“ Nervös wackelte ich auf meinem Stuhl hin und her und hoffte, das Herbert mir die Geschichte abkaufte.

„Ich liebe Party's!“, quietschte er ziemlich unmännlich und trank einen großen Schluck von seinem Wein. „Obwohl man diese Veranstaltung hier wohl eher eine Beerdigung nennen könnte. Weit und breit kein frisches Blut!“ Er sprang auf, griff nach Juans Hand und lächelte Breda und mir süffisant zu. „Wir werden kurz verschwinden und unsere eigene Party feiern. Lauft bloß nicht davon, wir sind gleich zurück!“ Herbert warf uns noch einen Handkuss zu, bevor er seinen Liebhaber eilig in Richtung der Toiletten zerrte. Völlig fassungslos starrte ich den beiden nach und...

Halt! Was war denn das eben gewesen? Die beiden Männer waren an einem der großen Wandspiegel vorbei gekommen, der mit einem wunderschönen, goldenen Rahmen verziert war. Als sie den Spiegel passierten, hätte ich schwören können, nur Juans Spiegelbild gesehen zu haben. Verwirrt kniff ich die Augen zusammen und verfolgte die Männer mit meinen Blicken, bis sie hinter dem Vorhang verschwanden, der zu den Badezimmern führte. War das eben eine optische Täuschung gewesen oder wurde ich langsam ernsthaft wahnsinnig?

„Das ist deine Chance jetzt schnell zu verschwinden.“ Unterbrach eine tiefe Stimme meine Überlegungen. Ich drehte den Kopf wieder nach vorn und fand mich in Bredas eisblauen Augen wieder. Er wirkte immer noch müde und genervt und wartete mit hochgezogener Augenbraue auf eine Antwort von mir. „Warum hast du mir nie von ihm erzählt?“, fragte ich leise und drehte mein Weinglas auf der Tischplatte. Nach meiner komischen Halluzination eben, war mir die Lust auf Alkohol für die nächste Zeit endgültig vergangen.

„Das fragst du dich wirklich noch?“ Bredas Augen ließen mich los und wanderten zu dem Vorhang, hinter dem sein Sohn soeben verschwunden war. „Du gehst mir oft auf die Nerven, Louisa.“, seufzte er abwesend und strich sich eine dunkle Strähne aus der Stirn. „Doch nicht ein mal du hast einen Abend wie diesen verdient.“ Breda wirkte gequält. Ich spürte, das er am liebsten so schnell wie möglich von hier verschwinden wollte. „So schlimm ist es nicht.“, sagte ich, um ihn ein kleines bisschen aufzubauen. „Ich verstehe einfach nicht, warum du ihn mir verschwiegen hast. Immerhin habe ich dir auch eine Menge aus meinem Leben erzählt.“

Als Bredas Augen wieder meine fanden, sah ich ein Aufblitzen in dem Blau seiner Iris. „Die wichtigsten Dinge hast du mir auch verschwiegen.“ „Es tut mir leid, Breda.“ „Für Gefühle entschuldigt man sich nicht.“ Ich hatte es mir anders überlegt und trank nun doch wieder von meinem Wein. Was konnte schon schlimmes passieren? Ich hatte jede einzelne Peinlichkeit in Bredas Anwesenheit schon durch gemacht und erstaunlicherweise sprach er ja noch mit mir. „Ich entschuldige mich nicht für meine Gefühle, sondern für alles andere. Ich hätte dir nicht nachgehen dürfen, ich bin in deine Privatsphäre eingedrungen, das war nicht in Ordnung.“ Beschämt erwiderte ich Bredas Blick.

„Du badest deine gerechte Strafe grade aus.“, sagte der Mann schmunzelnd und deutete mit dem Daumen auf Herberts leeren Stuhl. „Du hast Recht.“, sagte ich und erwiderte sein Lächeln. „Ich bin für meine Taten geradewegs in der Hölle gelandet.“ Mein Gegenüber schnaubte kopfschüttelnd und murmelte: „Du weißt nichts über die Hölle, Louisa.“ In Bredas Worten vernahm ich das erste mal so etwas wie Traurigkeit. Es tat mir weh, ihn so zu sehen, doch ich fragte nicht nach. Ich hatte mich genug in seine Angelegenheiten eingemischt und war wahnsinnig erleichtert darüber, das er mir anscheinend trotz allem nicht mehr böse war.

Ich beobachtete den nachdenklichen Breda noch eine Weile, bis Herbert und Juan wieder zurück an unseren Tisch kamen. „Na ihr zwei!“, rief der Blonde, als er sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ und uns anstrahlte. Sein breites Grinsen und seine leicht rosigen Wangen, konnten wohl kaum verbergen, was er so eben getrieben hatte. Juan, der wieder neben dem Tisch stehen blieb, wirkte im Gegensatz zu seinem Liebhaber ziemlich blass und wackelig. Obwohl er Herbert weiterhin mit verliebten Blicken bedachte, wirkte seine Mimik träger, als vorhin. Ich wollte gar nicht wissen, was die beiden auf der Toilette angestellt hatten.

Als Herbert ankündigte, das Juan uns gleich eine neue Runde Getränke holen würde, reichte es mir endgültig. Ich zog mein Handy aus der Tasche, sah auf den Bildschirm, riss gespielt entsetzt die Augen auf und rief: „Schon halb Zwölf?! Mein verdammtes Parkticket ist seit zwei Stunden abgelaufen! Außerdem muss ich langsam wirklich nach Hause. Es tut mir leid!“ Eilig sprang ich auf, bedankte mich überschwänglich bei Herbert für die Getränke, winkte zum Abschied und eilte auf den Ausgang zu. Ich spürte drei Augenpaare in meinem Rücken, die sich über meinen Abgang wunderten. Sie wussten ja nicht, das ich gleich noch ein mal zurück kommen würde.

Ich holte meinen Mantel an der Garderobe ab, stellte mich vor die Tür und rauchte eine Zigarette. Nach Zehn Minuten stürmte ich zurück in den Club, steuerte den Tisch an, an dem die drei Männer immer noch saßen und rief theatralisch: „Sie haben mich abgeschleppt!“ Herbert unterbrach sein Gequassel und sah mich, genau wie Breda, fragend an. Sie beide hatten auf die gleiche Weise eine Augenbraue in die Höhe gezogen. In diesem Moment sahen sich Vater und Sohn so ähnlich, das ich beinahe gelacht hätte. „Mein Auto!“, rief ich stattdessen und schüttelte gespielt empört den Kopf. „Sie haben mein Auto weg gebracht, ich habe im Halteverbot gestanden! Ich bin so ein Dummkopf!“ Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn, bevor ich Breda mit großen Hundeaugen ansah. „Breda, du musst mich nach Hause fahren, ja? Ich komme doch sonst hier nicht weg! Mit dem Bus ist es um diese Zeit viel zu gefährlich für eine junge Frau.“

Eine Minute lang sagte keiner etwas, dann erhob Herbert sich, verschränkte die Arme vor der Brust und sah seinen Vater tadelnd an. „Die Kleine hat Recht! Nachts ist es gefährlich in großen Städten wie dieser. Sei doch ein Gentleman und bring sie nach Hause, Papa.“ Überrumpelt stand Breda ebenfalls auf, blickte erst Herbert und dann mich an und nickte schließlich. „Natürlich.“, murmelte er, legte ein paar Scheine auf den Tisch, die Herbert ihm sofort wieder zurück in die Hand drückte, und angelte seinen Autoschlüssel hervor. „Bist du morgen noch hier?“, fragte der dunkelhaarige seinen Sohn, als er ihn in eine lange Umarmung zog. „Ich bin noch die ganze restliche Woche hier!“, rief Herbert euphorisch, drückte Breda mehrere Küsse auf die Wangen und ignorierte dessen angewiderten Gesichtsausdruck gekonnt.

Als die beiden mit ihrer Verabschiedung fertig waren, kam Herbert noch ein mal auf mich zu und strich mir mit den Fingern über die Wange. „Mach's gut, kleine Lous. Pass gut auf dich auf. Es wäre reizend, wenn du uns noch eine Weile erhalten bleiben würdest.“ Er warf seinem Vater einen kurzen, aber vielsagenden Blick zu, bevor er mich an sich zog und hemmungslos mitten auf den Mund küsste. Fassungslos stammelte ich ein paar Abschiedsworte, winkte Juan noch ein mal unbeholfen zu und ließ mich von Breda, der eine große Hand zwischen meine Schulterblätter gelegt hatte, zum Ausgang schieben.

*


„Louisa?“ Breda blieb stehen, als wir den Club hinter uns gelassen hatten. Die Nacht war kühl und einzelne, winzige Regentropfen fielen vom Himmel. „Ja?“ Ich blieb ebenfalls stehen und drehte mich zu dem Mann herum, der die Hände in den Manteltaschen vergraben hatte und ziemlich erschöpft wirkte. „Danke.“ Hatte ich da gerade wirklich richtig gehört? „Wofür?“ Verwundert legte ich den Kopf in den Nacken, um Breda ins Gesicht sehen zu können. Trotz der miesen Laune, die er den ganzen Abend gehabt hatte, lag ein winziges Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen, als er antwortete: „Du hast mich gerettet.“

Verblüfft starrte ich in Bredas blaue Augen, die selbst in der nächtlichen Dunkelheit strahlten wie ein wolkenloser Sommerhimmel. „Jetzt sind wir wohl quitt.“, erwiderte ich leise und angelte nach meinem Autoschlüssel. „Es tut mir leid, das ich dir nach gelaufen bin. Und das ich dir vorgeworfen hätte das Herbert dein Liebhaber sei. Einfach alles tut mir leid, Breda. Pass auf dich auf.“ Vorsichtig streckte ich den Arm aus und legte meine Handfläche an Bredas kühle Wange. Im ersten Moment zuckte er erschrocken zusammen, doch dann fühlte es sich beinahe so an, als würde er sein Gesicht in meine Berührung lehnen. Für einen kurzen Augenblick schloss er seine Augen und an den zuckenden Muskeln an seinen Schläfen konnte ich erkennen, das meine Nähe ihn anspannte.

„Verzeih mir.“, sagte ich leise, schüttelte beschämt den Kopf und drehte mich um. Wie hatte ich es wagen können, ihn einfach so, auf so eine vertraute Art, zu berühren? Mit eiligen Schritten steuerte ich auf mein Auto zu, das natürlich immer noch auf der anderen Straßenseite stand und selbstverständlich nicht im Halteverbot geparkt hatte. Als die Ampel auf grün sprang und ich einen Fuß auf die Straße setzte, drang durch den, mittlerweile stärker gewordenen, Regen eine Stimme an mein Ohr. „Louisa?“

Verwirrt drehte ich mich um und fand mich direkt in Bredas Eisaugen wieder. Er musste mir nachgegangen sein. Fragend legte ich den Kopf schief. „Bist du müde?“ Erneut lag ein winziges Lächeln auf seinem Gesicht und die Anspannung, die ich eben noch ausmachen konnte, war verschwunden. „Nein.“, erwiderte ich leise und zog eine Augenbraue in die Höhe. Breda schien einen winzigen Moment lang zu zögern, bevor er mit fester Stimme sagte: „Nun, dann können wir uns ja in einer viertel Stunde in der Lobby meines Wohnhauses treffen. Du wolltest mich doch noch etwas fragen, oder?“

Wortlos sah ich dem Mann nach, der sich, ohne eine Antwort abzuwarten, umgedreht hatte und in der Tiefgarage verschwand. Hatte  ich das alles nur geträumt oder wollte er tatsächlich heute Nacht in meiner Gesellschaft sein? Ich spürte, wie ein aufgeregtes Kribbeln in meinem Körper aufstieg, das augenblicklich von miesen Schuldgefühlen abgelöst wurde. Ich konnte nicht einfach so zu ihm gehen und mich mit ihm unterhalten. Abgesehen davon, das ich mich Noah gegenüber unendlich schlecht fühlen würde, war mir auch bewusst, das meine Gefühle für Breda auf diese Weise nicht weniger werden würden.

Grübelnd passierte ich die Hauptstraße und stieg in mein Auto. Mein Herz sehnte sich schmerzlich danach, in Bredas Gesellschaft zu sein. Ich wollte seine Stimme hören und seinen Duft riechen, seine Haut fühlen, durch sein Haar streichen. Ich wollte mehr über ihn erfahren, ich wollte ihn endlich richtig kennenlernen und erfahren, was für ein Mensch er war. Ich wollte IHN.

Seufzend stellte ich den Scheibenwischer an, rollte auf die Straße und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Bredas schwarzer 'Maserati' mit dröhnenden Motor an mir vorbei sauste. Er überholte mich mit einem ordentlichen Tempo, schleuste sich scharf vor mir wieder ein und ließ für einen kurzen Moment den Warnblinker aufleuchten. Sollte das etwa eine Provokation sein? Konnte er haben! Ich versicherte mich, das auf der linken Spur neben mir kein Auto in der Nähe war, dann setzte ich den Blinker, zog nach links hinüber und gab ordentlich Gas. Mein 'Audi TT' war zwar kein 'Maserati Alfieri', brachte allerdings trotzdem eine beachtliche Leistung zu Stande.

Grinsend raste ich an Breda vorbei, streckte ihm frech die Zunge heraus und passierte die nächste grüne Ampel mit einem ordentlichem Tempo. Selbstverständlich ließ der Mann diese Stichelei nicht auf sich sitzen, riss das Lenkrad ebenfalls auf die linke Spur, fing sich ein wütendes Hupen von einem Fahrer ein, den er bei dieser Aktion beinahe gestreift hätte, und raste mir hinterher. Natürlich hatte er mich innerhalb von ein paar Sekunden eingeholt und fuhr mir so dicht auf, das ich Angst um meine Stoßstange bekam. Gleichzeitig verärgert und belustigt warf ich einen langen Blick in den Rückspiegel, konnte Bredas Gesicht jedoch nicht erkennen. Es musste an dem Regen liegen, der mit einem lauten Trommeln auf mein Dach prasselte.

Irgendwann gab ich mich schließlich geschlagen und scherte wieder auf die rechte Spur zurück, während ich durch die Frontscheibe dabei zusehen konnte, wie Breda, schnell wie der Blitz, an allen anderen Autos vorbei sauste und dabei seinen Motor aufheulen ließ. „Angeber.“, lachte ich leise und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Vielleicht würde er mir ja auch irgendwann ein mal erlauben, mit seinem Wagen zu fahren. Ich verwarf den Gedanken sofort wieder, als ich daran dachte, das es nicht selbstverständlich war, das ich in Zukunft mehr Zeit mit ihm verbringen würde.

Wer wusste schon, ob seine Einladung eben nicht wieder einfach nur eine Laune von ihm gewesen war? Wie ich den Mann in den letzten Tagen kennengelernt hatte, besaß er ein beachtliches Talent darin, unter Stimmungsschwankungen zu leiden. Im einen Moment schimpfte er, nur um im nächsten Moment wieder dämliche Witze zu reißen. Er war der komplizierteste und trotzdem auch der faszinierendste Mann, den ich jemals getroffen hatte. Auch wenn mein Gewissen mir sagte, das ich Noah hintergehen würde, wenn ich mich jetzt mit Breda traf, hatte ich mich längst entschieden.

Eine winzig kleine Stimme in meinem Inneren redete sich immer noch ein, das ich Breda nur für Jessica ausspionierte und all das, was ich tat und getan hatte, zu meinem Job gehörte. Diese Stimme war am Anfang noch ziemlich laut und überzeugend gewesen, doch jetzt war sie beinahe nur noch ein Flüstern. In dem Moment, in dem ich an der roten Ampel der nächsten Kreuzung stand, kämpften mein Herz und mein Kopf gegeneinander an. Mein Kopf sagte, das ich jetzt nach rechts abbiegen und den Weg nehmen musste, der mich nach Hause bringen würde. Mein Herz schrie, ich solle geradeaus fahren und schnurstracks Bredas Wohnung ansteuern.

Ich beobachtete die Regentropfen, die auf meine Frontscheibe prasselten und alle paar Sekunden von den Scheibenwischern beseitigt wurden. Breda hatte gesagt, das er mir meine Frage beantworten würde. Konnte ich mir diese Chance wirklich entgehen lassen? Würde ich es bereuen, wenn ich jetzt in meine eigene Wohnung fuhr und ihm somit eine Abfuhr erteilte, obwohl ich ihm seit Tagen hinterher rannte? Was würde mit meinem Herz passieren, wenn ich die letzte Möglichkeit, mit Breda zusammen zu sein, verspielte? Als die Ampel auf grün sprang, trat ich das Gas durch und folgte dem schwarzen 'Maserati', der bereits in der Dunkelheit verschwunden war.

*


„Nicht schlecht.“, begrüßte ein tropfnasser Breda mich, als ich in die Lobby seines Hauses trat. Der kurze Weg vom Auto bis zum Eingang des Gebäudes, hatte ausgereicht, das sein dunkles, langes Haar völlig durchnässt war. „Aber auch nicht wirklich gut.“, erwiderte ich Schulter zuckend und erwiderte das kleine Lächeln, das auf Bredas Lippen lag. „Du hast dich gut geschlagen, Louisa. Doch gegen mich kommst du nun ein mal nicht an.“ „Du meinst gegen dein Auto!“ „Ich würde dich auch in einem 'Vauxhall Astra' abhängen“ Der Mann zwinkerte mir zu und steuerte den Fahrstuhl an. Er schien plötzlich ziemlich gute Laune zu haben.

„Du bist ganz schön selbstgefällig, weißt du das?“, lachte ich und richtete meinen Blick auf die Türen des Aufzugs, die sich in diesem Moment öffneten. „Bei Luzifer.“, hörte ich Breda neben mir leise murmeln, als eine, mir nur zu vertraute, Person aus dem Fahrstuhl wackelte. Hatte die verdammte Nervensäge auch eine Wohnung oder spazierte sie den ganzen Tag und die ganze Nacht einfach nur in diesem Haus umher? Die Frau trat aus der Kabine, blieb vor uns stehen und öffnete grade den Mund , um etwas zu sagen, als sie von einem wütenden Kläffen unterbrochen wurde. Albert war von ihrem Arm gesprungen, hopste vor Bredas Füßen auf und ab und bellte ihn aufgebracht an.

„Albert, Aus! Hör sofort auf damit!“, rief sein Frauchen kreischend und versuchte, den kleinen, weißen Pudel wieder einzufangen, doch dieser dachte nicht ein mal daran, aufzuhören. Knurrend sprang er auf Breda zu, bleckte die Zähne und biss sich an seinem Hosenbein fest. Der Mann starrte gelangweilt auf das Tier hinunter und verdrehte die Augen. „Das macht er jedes Mal, wenn er mich sieht.“, erklärte er mir, als er meinen besorgten Blick bemerkt hatte. „Er ist genau so anhänglich wie du, Louisa.“

„Albert, es reicht!“, kreischte Bredas Nachbarin erneut und fuchtelte hysterisch mit den Armen in der Luft herum. „Tun Sie doch etwas, Miss!“, rief sie mir schnaubend zu. „Sie sehen doch das mein kleiner Schatz Angst vor Ihrem Verlobten hat!“ Verdammt. Einen kurzen Moment lang hoffte ich, das Breda durch Alberts Geknurre und Gekläffe nicht verstanden hatte, was die Frau soeben gesagt hatte, doch als ich mir einen fragenden Seitenblick, samt hochgezogener Augenbraue einfing, verlor ich diese Hoffnung gleich wieder. „So so.“ Nervös stupste ich dem grinsenden Breda meinen Ellenbogen in die Seite und presste zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor: „Spiel bitte einfach mit.“

Der dunkelhaarige lächelte mir noch ein mal süffisant zu, bevor er in die Hocke ging, eine Hand sanft aber bestimmt in Alberts Nacken legte und den Pudel fest hielt. „Weißt du eigentlich wie teuer diese Hose war?“, fragte er den Hund, als wäre er ein Mensch. Er legte die andere Hand an Alberts Schnauze und versuchte vorsichtig die kleinen, spitzen Zähnchen von dem Stoff seiner Kleidung zu lösen. Der Pudel knurrte wütend auf und seine Besitzerin und ich konnten nichts anderes tun, als die Situation angespannt zu beobachten. „Na schön.“, sagte Breda, seufzte noch ein mal, fletschte dann ebenfalls die Zähne und knurrte zurück. Es klang animalisch und warnend und ein Seitenblick auf die alte Frau zeigte mir, das ich nicht die einzige war, die über diese Geste erschrocken schien.

Albert hörte augenblicklich auf zu schimpfen, ließ Bredas Hosenbein los und trat wimmernd ein paar Schritte zurück. Mit großen, schwarzen Knopfaugen und eingezogenem Schwanz beobachtete er Breda, während er winselnd zurück zu seinem Frauchen wackelte und sich tröstend in die Arme nehmen ließ. „Mein kleiner Liebling.“, mit liebevoller Stimme tätschelte diese den Kopf des kleinen Pudels und warf Breda, der sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatte und zufrieden lächelte, einen eisigen Blick zu.

„Jetzt ist er ganz verstört!“, giftete die Dame in Bredas Richtung und zog ihren Hund fest in die Arme. „Ich bin auch ganz verstört.“, erwiderte der Dunkelhaarige mit einem unschuldigen Blick, dann legte er zu meiner Überraschung einen Arm um meine Schulter und zog mich in die Kabine des Fahrstuhls. „Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden. Meine VERLOBTE und ich müssen dringend aus dieser nassen Kleidung heraus.“ Höflich neigte er noch ein mal den Kopf in die Richtung, in der seine verblüffte Nachbarin mit dem zitternden Albert im Arm stand, bevor sich die Türen vor uns schlossen.

Noch immer völlig perplex, hob ich den Blick und sah Breda, der den Arm wieder von mir löste, fragend an. „Alles in Ordnung, Louisa? Du siehst blass aus.“ Ein arrogantes Schmunzeln lag auf seinen Lippen. „Wie...wie hast du das gemacht?“ „Wie habe ich was gemacht?“ Verblüfft schüttelte ich den Kopf. „Albert, er...“ „Das Tier brauchte einfach mal jemanden, der ihm die Meinung sagt.“ Schulter zuckend trat der Mann aus dem Aufzug und zog die Wohnungsschlüssel aus seiner Manteltasche. Ich konnte nichts erwidern und stattdessen nur ungläubig den Kopf schütteln.

„Bist du da draußen fest gewachsen, Louisa?“, tadelte mich Breda, als ich ihm nicht in seine Wohnung folgte. „Ich...äähm...“ „Keine Scheu, Kleine. Mi casa es su casa!“ Der dunkelhaarige hielt mir grinsend die Tür auf und machte mit der Hand eine Geste, das ich eintreten solle. „Der Teppich ist auch sauber.“ „HAHA!“, schnaufte ich Augen rollend und trat an Breda vorbei. War er etwa betrunken? So eine gute Laune hatte ich noch nie an ihm erlebt.

„Du bist eine gute Schauspielerin, Louisa. Du solltest das beruflich machen!“, rief der Mann, als er vor mir weg durch den langen Flur ins Wohnzimmer lief. Er hing seinen nassen Mantel über einen der Stühle und kramte anschließend zwei Gläser und eine Flasche Whisky, aus der gegenüberliegenden Vitrine, hervor. „Findest du?“, fragte ich unsicher und nahm schüchtern auf einem der schweren Holzstühle platz. Obwohl ich wahnsinnig glücklich war, hier zu sein, traute ich der ganzen Situation noch nicht so ganz.

„Oh ja! Ich habe das mit deinem Auto wirklich geglaubt und zwar so lange, bis ich mich mit eigenen Augen überzeugt hatte, das es auf der anderen Straßenseite steht.“ Der Mann machte sich daran, unsere Gläser zu füllen. Bedeutete das etwa, das er mich also tatsächlich nach Hause gefahren hätte, wenn es so gewesen wäre? Wenn er nicht gewusst hatte, das ich diese Geschichte erfunden hatte, um ihn vor Herbert zu retten, dann hatte er sich vielleicht wirklich darum gesorgt, das ich sicher zurück zu meiner Wohnung kommen würde. Dieser Kerl war und blieb einfach ein Rätsel.

„Willst du dich nicht ausziehen?“, unterbrach Bredas dunkle Stimme meine Gedanken. Perplex starrte ich ihn an. „Wie bitte?“ „Den Mantel, Louisa!“ „Oh, natürlich.“ Eilig streifte ich meinen Mantel ab und hing ihn ebenfalls über eine der Stuhllehnen. Ich war plötzlich unheimlich nervös und deshalb sehr dankbar über das großzügig gefüllte Glas, das Breda mir in diesem Moment, mit einem gemurmelten „Dein Kopf wird ja wohl schon wieder besser sein.“, vor die Nase stellte. Er selbst blieb vor dem Tisch stehen, nippte an seinem eigenen Whisky und sah mich abwartend an.

„Was ist?“, fragte ich unsicher, trank vorsichtig einen Schluck und bemühte mich unter Anstrengung, nicht vor Ekel das Gesicht zu verziehen. Whisky würde wohl niemals mein Lieblingsgetränk werden. Der Mann stellte sein Glas ab und verschränkte schmunzelnd die Arme vor der Brust. „Willst du mir nicht erklären, warum du Mrs. Harris erzählt hast, das ich dein Verlobter sei?“ Mrs. Harris musste dann wohl die überparfümierte Schreckschraube von eben sein.

Um Zeit zu gewinnen, trank ich noch einen Schluck von meinem Whisky. Die Flüssigkeit rann mir brennend die Kehle hinunter, während ich fieberhaft überlegte, was ich Breda auf seine Frage antworten sollte. Ich atmete tief ein und entschied mich einfach für die Wahrheit. „Ich wollte sie nur ein bisschen ärgern weil sie mich ständig...naja...“ „Weil sie dich was? Nun sprich doch endlich, Louisa!“ „Weil sie mich ständig vor dir gewarnt hat.“ Bredas Miene erstarrte plötzlich zu Eis. Sein Blick, der eben noch belustigt gewesen war, wurde ausdruckslos und sein Körper verkrampfte sich augenblicklich.

„Was hat sie zu dir gesagt?“ Seine Stimme klang angespannt und duldete kein weiteres Herumgestammel meinerseits. Ich seufzte und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. „Sie hat nur gesagt das du nicht der Richtige für mich bist und ich nicht mehr her kommen soll, sonst nichts.“ Der dunkelhaarige entspannte sich wieder und nickte. „Sie mag mich nicht besonders. Man mag es kaum glauben, aber es gibt auch noch Damen, die mir nicht verfallen.“ Da war es wieder, das amüsierte Schmunzeln, das um Bredas Mundwinkel zuckte. So schnell die Stimmung sich angespannt hatte, umso schneller schien plötzlich wieder alles in Ordnung für ihn zu sein.

„Ich bin dir auch nicht verfallen.“, sagte ich Schulter zuckend und bemühte mich, Teilnahmslosigkeit in meine Worte zu legen. Um meiner Aussage die nötige Dramatik zu verpassen, tat ich mir einen riesigen Schluck Whisky an. Als Breda nicht antwortete und mich stattdessen nur anstarrte, als hätte ich ihm erzählt, das die Erde eine Scheibe sei, fügte ich hinzu: „Ich bin nur hier um endlich die Antwort auf meine Frage zu bekommen, die du mir noch schuldest.“ Ein weiterer Schluck Höllenfeuer untermalte meine selbstsichere Forderung.

„Selbstverständlich.“, säuselte der Mann und zwinkerte mir arrogant zu. „Ich werde mich umziehen und endlich diesen furchtbaren Anzug los werden und wenn ich zurück bin, beantworte ich dir deine Frage. Fass nichts an und mach nichts kaputt während ich weg bin. Und wenn es dir möglich ist, übergib dich bitte nicht auf meinen Teppich oder auf sonstige Einrichtungsgegenstände, aus denen man die Flecken schwer wieder heraus bekommt.“ Mit diesen Worten drehte Breda sich um und verschwand im Flur. „Du bist ein arrogantes Arschloch!“, rief ich ihm nach und spürte, wie eine wohlige Wärme mein Herz durchströmte.
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