Ein unerwarteter Ausgang

KurzgeschichteRomanze / P16 Slash
Amerika England
15.08.2019
15.08.2019
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„Hmm ...“
Nachdenklich legte Alfred den Kopf in den Nacken. Seine Augen hingen an dem Regal vor ihm, das gefüllt mit Kondom-Packungen jeder Art war. Alle möglichen Größen und Variationen waren vertreten. Es gab sogar verschiedene Geschmacksrichtungen.
Jetzt stand er bereits seit geschlagenen fünf Minuten an dieser Stelle in dem örtlichen Kosmetikgeschäft und zerbrach sich den Kopf darüber, nach welcher Packung er nun greifen sollte. Wenn er ehrlich war, hatte er keinen Plan, worauf sein Partner stand. Um genau zu sein wusste Alfred nichtmal, wie dieser Mann aussah. Aber dafür hatte er ein verführerisches Foto von dem nackten Hintern des Fremden auf seinem Handy.
Alfred ließ einen aufgebrachten Seufzer hören. Heute stand sein erster One-Night-Stand an.

Obwohl er schon Mitte zwanzig war, hatte Alfred bisher nur mit Männern geschlafen, mit denen er in einer festen Beziehung gewesen war. Doch zurzeit wollte er keine derartige Bindung zu einem anderen Menschen eingehen und auch diese Sache, die von seinen Kumpels „Freundschaft Plus“ genannt wurde, klang in seinen Ohren nicht vielversprechend. Irgendwie lief es doch immer darauf hinaus, das einer mehr als der andere empfand, nicht wahr?
Jedenfalls konnte Alfreds Hand ihm mittlerweile keine langfristig befriedigende Abhilfe mehr verschaffen. Er brauche wieder dringend Sex, und so hatte er kurzerhand online ein Treffen ausgemacht und war nun hier gelandet.
Doch erst jetzt wurde Alfred die Tragfähigkeit seiner Entscheidung bewusst. Was war, wenn dieser Mann total der seltsame Typ war? Mit fragwürdigen Fetischen? Oder sogar ein gruseliger Vergewaltiger?

Alfred schluckte hart. Auf einmal kam ihm die Idee mit dem One-Night-Stand nicht mehr so genial vor. Er hätte wenigstens einmal mit dem Mann telefonieren oder ihn nach einem Bild von seinem Gesicht fragen sollen, oder?
Ein Blick auf die Uhr verriet Alfred, dass er nicht mehr viel Zeit bis zu dem Treffen hatte. Bereits in einer halben Stunde musste er vor der Haustür seines Dates erscheinen, und, wie so üblich an einem Freitagnachmittag, waren die Straßen New Yorks völlig von Autos und Menschenmengen überfüllt.
Also griff Alfred einfach nach einer der schlichteren Packungen. Auch für die Entscheidung bezüglich des Gleitgels verschwendete er keine Zeit mehr und packte eine geruchsneutrale und einfache Version.
Schnell huschte Alfred zur Kasse und bezahlte seine Einkäufe. Dann lief er nach draußen auf die Straße und stieg in seinen schwarzen BMW.
Wie erwartet herrschte ein Verkehrschaos, doch an diesem Tag war es besonders schlimm, was nur so zu Alfreds Nervosität beitrug.

Er war zwanzig Minuten zu spät, als er es die Treppen des Mehrfamilienhauses hinauf geschafft hatte und an der Tür seines Dates klingelte.
Alfred schlug wahrlich das Herz bis zum Hals hinauf. Zahllose Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er war wirklich gespannt darauf, dem Gesicht des Mannes entgegen zu blicken, mit dem er heute Vormittag geschrieben hatte. Über die Nachrichten hatte er höflich und gebildet gewirkt. Ein kompletter Gegensatz zu den meisten Typen, die sich auf solchen Plattformen herum trieben. Ob das auch der Realität entsprach?

Alfred vernahm leise Schritte, die zunehmend lauter wurden und kurz vor ihm stoppten. Dann öffnete sich die Tür und ein junger, blonder Mann stand ihm gegenüber.
Alfred konnte sich keinen erleichterten Seufzer verkneifen. Der Kerl vor ihm sah völlig normal aus und war bei genauerem Betrachten sogar echt niedlich. Unter seinen verwuschelten Haaren lugten ein wenig gewöhnungsbedürftige, buschige Augenbrauen hervor, die seinem Gesicht jedoch einen gewissen individuellen Charme verliehen. Sein Augenpaar, gestützt von hohen Wangenknochen, erstrahlte in einem angenehmen Grünton, und er besaß schmale, rosige Lippen, die geradezu zum Küssen einluden. Sein Outfit ließ sich als ein wenig altmodisch, aber definitiv gut gekleidet einstufen.

Alfred reichte dem Mann die Einkaufstüte und ließ ein charmantes Lächeln blicken. „Sorry für die Verspätung.“, meinte er entschuldigend. „Du bist Arthur, richtig?“

Der Fremde nickte und nahm die Tüte entgegen, nicht ohne einen kurzen Blick hinein zu werfen. Dann bewegte er sich von der Tür weg und bedeutete Alfred, einzutreten. „Ist schon in Ordnung, der Verkehr ist heute die Hölle. Komm herein, aber bitte tritt deine Schuhe ab.“

Arthur besaß einen starken, britischen Akzent und Alfred kam nicht umhin, sich instinktiv auf die Unterlippe zu beißen. Er hatte ein Ding für die Art und Weise, wie Engländer Wörter betonten. Und auch das höfliche Klischee schien auf Arthur zuzutreffen. Es versprach ein guter Abend zu werden.

Während Alfred seine Schuhe abtrat, entging ihm nicht, wie Arthur ihn beobachtete. Mit einem intensiven Blick musterte er ihn von oben bis unten. Es ließ Alfred beinahe verlegen werden, doch er wusste, dass sein Gegenüber definitiv Zuneigung empfand.
Alfred hatte jedes Recht dazu, ein hohes Selbstbewusstsein zu haben. Schließlich sah er wirklich überdurchschnittlich gut aus und besaß einen Charakter, den viele als unwiderstehlich beschrieben. Nie hatte er daran zweifeln müssen, nicht genug zu sein. Also wunderte es Alfred kein bisschen, dass Arthur die Augen nicht von ihm wenden konnte.

Als sich die Blicke der beiden jedoch trafen, wendete der Engländer schnell betreten die Augen ab und fixierte einen anderen, unbedeutenden Punkt im Raum.
Alfred konnte sich kein selbstzufriedenes Grinsen verkneifen.
Nachdem seine Schuhsohlen sauber waren und er seine Jacke aufgehängt hatte, folgte er Arthur in das Wohnzimmer.

„Und du hast auch keine Beziehung oder bist verheiratet?“, hakte Arthur skeptisch nach.

„Dude, was denkst du von mir?“, entgegnete Alfred empört. Doch wirklich böse konnte er ihm nicht sein. Erst recht nicht, wenn Arthur gerade vor ihm herlief.

Alfreds Blick glitt an seinem Rücken hinunter bis zu dem Hintern seines Dates. Es irritierte ihn ein wenig, dass er ihn bereits nackt hatte sehen dürfen. Arthur wirkte nicht wie jemand, der Bilder dieser Art verschickte. Doch ebenfalls sah es ihm nicht ähnlich, sich auf One-Night-Stands einzulassen. Genau so wenig, wie es Alfred ähnlich sah. Und trotzdem waren sie jetzt hier.

„Ich wollte dich nicht verdächtigen, aber es hätte ja sein können. Ich meine: Sieh dich an.“ Arthur stoppte, schaute über die Schulter und ertappte Alfred beim Starren.
Blinzelnd hob der Amerikaner die Lider. Dann grinste er schief. „Da sind wir jetzt wohl quitt.“
Arthur gab bloß einen abschätzigen Laut von sich und nickte in Richtung Küche. „Du magst nichts trinken?“
Alfred schüttelte den Kopf. Wenn er ehrlich war, hatte er sich das Treffen irgendwie anders ausgemalt. Er hatte damit gerechnet, dass sie viel weniger sprechen und direkt zum Sex kommen würden. Konnte es sein, dass Arthur, genau wie er selbst, ein wenig nervös war?

Sie ließen sich nebeneinander auf dem Sofa sinken und Alfred blickte sich in dem Wohnzimmer um. In dem Raum standen sämtliche alte Möbelstücke, die vermutlich bereits als Antiquitäten galten. Sogar der Fernseher wirkte wie aus einem völlig anderen Jahrzehnt, und auf dem Boden war ein großer, gemusterter Teppich ausgebreitet. Alfred fühlte sich ein wenig wie bei seiner Großmutter Zuhause in Dallas. Aber irgendwie passte diese Einrichtung zu der Person, die gerade neben ihm saß.

„Hast du viel geerbt?“, erkundigte sich Alfred. Er hatte nicht erwartet, dass Arthur ihn anstarren würde, als käme er von einem anderen Planeten.

„Alfred ... Kann es sein, dass du so etwas hier noch nie gemacht hast?“, fragte er vorsichtig.

„Uh ... Wieso?“

„Du scheinst ein bisschen nervös.“

„Du doch auch.“

„Na ja, eigentlich nicht. Ich dachte bloß, dass du vielleicht die Initiative ergreifen möchtest.“

Es folgte ein unangenehmes Schweigen.

Jetzt, wo Alfred nochmal in sich ging, glaubte er, sich daran erinnern zu können, dass Arthur ihm heute geschrieben hatte, wie sehr er darauf stand, dominiert zu werden. Wie so oft ließ sein Gehirn ihn im Stich.

„Oh, klar.“ Alfred überspielte seine Beschämung mit einem affektierten Lachen. „Tut mir leid.“

Arthur musterte ihn erwartungsvoll. Irgendwie hatte das Grün seiner Augen eine sehr beruhigende Wirkung auf Alfred. Er wollte mehr davon, wollte mehr über diesen Mann in Erfahrung bringen.

Aber jetzt beugte Alfred sich vor und küsste ihn. Zunächst war er zärtlich und fuhr auf die gleiche Weise über Arthurs Schultern. Doch es dauerte nicht lange, bis der Kuss leidenschaftlicher wurde und sie ineinander verschlungen auf das Sofa fielen. Alfreds Hände wanderten über Arthurs bedeckten Oberkörper. Er umfasste seine schmale Taille und stellte durch das Hemd hindurch fest, wie schlank er war. Doch er wirkte nicht zu dünn oder gar knochig. Seine Statur entsprach genau Alfreds Geschmack.
In Sekundenschnelle hatte Alfred Arthur den Pullunder über den Kopf gezogen und machte sich jetzt daran, sein Hemd aufzuknöpfen. Je mehr er von der milchig-blassen Haut in Augenschein nahm, desto faszinierter wurde er. Arthur sah wirklich gut aus, wie er da mit geöffnetem Hemd unter ihm lag und zu ihm hinaufschaute.

Alfreds Hände begannen sofort damit, Arthurs nackten Oberkörper zu erkunden. „Deine Haut ist so weich.“, stellte er baff fest. Keiner seiner vorherigen Partner hatte je eine annähernd glatte Haut gehabt.
Alfred vernahm ein leises Lachen und runzelte irritiert die Stirn. „Ist was?“

„Nein, nein ... Es ist bloß, dass nie jemand so sanft mit mir war.“, gestand Arthur kopfschüttelnd und mit einem Lächeln auf den Lippen.

Alfred hielt inne. „Ich ... Ich kann auch anders vorgehen, wenn du das willst.“, kommentierte er unsicher. Insgeheim wollte er Arthur auf keinen Fall wehtun, schließlich wirkte der Engländer auf ihn fast schon zerbrechlich. Doch wenn es sein Wunsch war, würde er nicht ablehnen.

Arthur antwortete nicht. Stattdessen beugte er sich vor und zog Alfred das Shirt über den Kopf. „... Oh.“

„Hm?“

„Du trainierst echt viel, habe ich Recht?“, vermutete Arthur, die Augen auf Alfreds freiliegende Muskeln gerichtet.

Selbstgefällig legte Alfred den Kopf in den Nacken, um Arthur einen besseren Blick zu verschaffen. Lob dieser Art fraß er praktisch auf. „Hin und wieder mal, ja.“

Ungläubig starrte Arthur ihn an. Dann streckte er seine Hände zu ihm aus und fuhr mit ihnen über Alfreds goldbraune Haut. „Oh, fuck.“

Alfred horchte auf. Er hatte Arthur bisher noch nicht fluchen gehört und hatte ihn ursprünglich auch nicht als Typ dafür eingeschätzt. Doch die Worte waren ihm so einfach über die Lippen gegangen; Anscheinend war es nichts Ungewöhnliches für Arthur.

„Du bist einfach zu perfekt. Viel zu perfekt für das hier.“, fuhr der Engländer jetzt fort. Seine Stimme war nicht mehr sanft. Er klang jetzt bestimmt und zielsicher, sogar ein fast schon niederträchtiger Tonfall war heraus zu hören.

„Wie meinst du das?“

„Was machst du hier überhaupt, Alfred?“, keifte Arthur. „Du könntest jeden haben. Wieso lässt du dich auf sowas hier ein?“

Alfred musterte ihn verwirrt. Dann ging ihm ein Licht auf. „Du hast nicht das höchste Selbstwertgefühl, oder? Ich finde dich -“ Ihm wurde sein Shirt entgegen geschleudert und Alfred konnte es im letzten Moment noch abfangen, bevor es in seinem Gesicht landete.

„Das hat nichts damit zu tun!“, fauchte Arthur gereizt. Seine höfliche Fassade von vorhin schien völlig verschwunden zu sein.
„Womit dann?“, bohrte Alfred weiter.
Arthur wendete mit geröteten Wangen den Blick ab und atmete tief durch. Dann blickte er wieder zu Alfred zurück und fixierte ihn innig. Ihre Augen trafen an diesem Tag zum ersten Mal richtig aufeinander. Blau auf Grün.

„Du bist einfach perfekt und genau mein Typ. Du wirkst wie jemand, mit dem ich ... Oh Gott, keine Ahnung. W-Was ich sagen will, ist, dass -“

„Du willst mich daten?“, unterbrach Alfred das Gestammel seines Gegenübers.

Arthur zögerte. Dann nickte er langsam.

„Du bist echt süß, weißt du das?“, meinte Alfred grinsend.

„Hör auf. Das ist deine Schuld. Wärst du hier reingekommen und hättest mich einfach rangenommen wie jeder andere, wäre das alles hier nicht passiert.“, protestierte Arthur finster.

Alfred zog sich wieder das Shirt über den Kopf und rückte näher an den Engländer heran. „Du weißt aber schon, dass ich nichts mehr über andere hören will?“

Arthur hob den Kopf und zog unsicher die Brauen zusammen.

„Na ja, jetzt, wo wir uns doch daten. Da kannst du nicht über andere reden. Das ist echt ein absolutes No-Go, Dude.“, schnaubte Alfred amüsiert.

Jetzt schlich sich ein Lächeln auf Arthurs Lippen. „Du bist echt ein Idiot.“, hauchte er.

Alfred zwinkerte ihm zu. Es war verrückt, wenn er darüber nachdachte, wie weit eine feste Beziehung in Ferne gestanden hatte, bevor er in diese Wohnung getreten war. Jetzt sah alles auf einmal ganz anders aus.

„Ich reserviere uns einen Tisch für zwanzig Uhr.“, verkündete Alfred und stand von dem Sofa auf.

„In welchem Restaurant?“, fragte Arthur überrascht.

„Wirst du schon noch sehen, aber zieh deine besten Sachen an. Ich stehe um halb vor deiner Tür.“

„Sag bloß, du bist auch noch reich. Alfred ... Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“

„Jones.“

„Alfred Jones, wieso bist du so - Sekunde. Jones? Von der Jones-Company?“ Schockiert sah Arthur zu, wie Alfred ihm eine Visitenkarte in die Hand drückte. Dann war der heitere Amerikaner auch schon beim Eingang angekommen. „Bis später! Und denk dran: Deine besten Sachen!“

Mit einem Krachen fiel die Tür ins Schloss. Arthur saß schweigend da, die Augen immer noch ungläubig auf die Visitenkarte gerichtet. Er konnte nicht so richtig realisieren, was gerade geschehen war. Er spürte nur, wie rasend schnell sein Herz klopfte.

Vielleicht meinte das Schicksal es endlich mal wieder gut mit ihm.
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