Ein Pakt mit dem Teufel

von Arzani92
OneshotRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Ben Beckman der Rote Shanks
15.08.2019
15.08.2019
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Inspiriert von dem Projekt "Ein Pakt mit dem Teufel" von Aieda. Ich hab so viel anderes zu schreiben, doch dieses kleine Schmuckstück wollte mir nicht aus dem Kopf.  Ich hoffe es gefällt.

Habe, aufgrund der neuen Infos, die ich bis vor ein paar Tagen nicht mitbekommen habe, Benns Heimatblue in seinen richtigen, den North Blue, umgewandelt. Den Altersunterschied zwischen ihm und Shanks ignoriere ich einfach gekonnt. Für immer.

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Er wusste, er hatte einen schlechten Ruf in dieser Welt. Teufelsfrüchte nannte man sie, die Früchte jenen Baumes, den er im Zuge eines Paktes mit einem ahnungslosen Menschen verzaubert hatte. Lange war das her, tausende von Jahren. Man hatte bereits vergessen, dass es nicht seine Schuld war, dass diese Früchte einem die Fähigkeit zu schwimmen nahmen. Sondern, dass das der Preis dafür gewesen war, um den Pakt zu besiegeln. Der Mensch hatte ihn sich selbst ausgesucht. Weil er das Wasser fürchtete, schon immer hatte. Denn das Wasser hatte ihm seine Frau genommen.

In den meisten Fällen war es der herannahende Tod, den ihn zu den Menschen rief. Sein alter Freund rief die tiefste Verzweiflung in den Menschen auf. Machte sie empfänglich für ihn, der unter ihnen wanderte, auf ewig verdammt Verzweiflung in Hoffnung zu wandeln. Teufel nannten sie ihn. Spien bittere Flüche auf ihn aus. Meist dann, wenn sie merkten, dass sie eben eine Teufelsfrucht gegessen hatten und nie wieder würden schwimmen können. Aber auch wenn ihnen Unglück widerfuhr. Wenn der Hass sie plagte. Wenn sie im Unrecht waren und damit nicht davon kamen. Dabei war das nie sein Ansinnen gewesen. Er hatte nicht die Verzweiflung im Sinn, wenn er mit den Menschen redete. Es war nur die Verzweiflung, die ihn sichtbar machte. Sein Wesen war zu helfen. Nur war das Gleichgewicht in Gefahr, wenn er gab ohne zu nehmen. Und weil die Menschen sich den Preis immer selbst aussuchen konnten, und weil die Menschen in ihrer Verzweiflung grundsätzlich dumm und naiv waren, fiel der Preis meist zu hoch aus. Über die Jahrtausende hatten die Anschuldigungen und Diffamierungen ihn müde gemacht. Müde und einsam. Bis er ihm begegnete.

Das erste Mal, dass er ihn traf, war in einem Krankenhaus. Es war der neunte November, die Sonne lachte über dem North Blue und trotz des leichten Frosts war der Himmel von einem strahlenden Blau. Mit einem leichten Drücken öffnete er die Tür zum Kreißsaal, in dem das Leben eben Einzug gehalten hatte und die Tür für den herannahenden Tod ein Stück weit offen hielt. Wie so oft auf dieser Welt.

Er konnte in den Gesichtern der Ärzte sehen, dass sie kämpften. Sie kämpften, wie Ärzte es tagtäglich taten, weil es ihr Beruf war zu helfen. Aber er wusste auch, dass sie hier einen verlorenen Kampf ausfochten. Doch sie blieben hart, weil es nicht nur eine Mutter war, die da unter ihrer Hand verstarb, sondern auch eine hochangesehene Frau und geliebte Kollegin. Mit einem Seufzen schaute er sich um. Es war nicht schwer zu erkennen, warum er hier gelandet war. Die Verzweiflung des Ehemannes, in einer Ecke sitzend, die Hände das Gesicht verdeckend, war greifbar. Doch bevor er den Mund aufmachen konnte, sah er ihn. Große Augen schauten ihn an, stumm und leise. Er war wach, in einem Bettchen liegend. Ein Baby, unschuldig und rein. Wunderschön.

“Bitte nicht. Bitte nicht. Bitte, bitte, nimm mir nicht meine Frau.”

Das Mantra durchbrach seine Gedanken und er wandte sich von dem Baby zurück zum Ehemann. Dessen braune Haaren verdeckten auch noch den Rest des Gesichtes, dass unter den Händen hervorlugte. Dann durchfuhr eine Eiseskälte sein Herz und er wusste, wer eben eingetreten war.

“Verschwinde,” schimpfte er und drehte seinen Kopf, um die in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt anzufauchen. “Ich habe noch nicht mal angefangen.”

“Dann solltest du dich besser beeilen, Lichtbringer. Diese Frau hat nur noch wenige Minuten.”

Er zischte und seine schwarzen Locken wippten mit der Wucht, mit der er seinen Kopf abwand. Diese dunkle Stimme, die kalte Aura. Wie konnte man den Tod mögen? Zudem dieser immer überpünktlich kam und nicht gewillt war zu warten.

Erneut wandte er sich dem Ehemann zu und mit ein paar Schritten stand er vor ihm. Der ganze Körper vor ihm zitterte, als hätte auch er schon die Kälte des Todes gespürt und wusste, dass seine Frau nicht mehr lange zu leben hatte. Die Verzweiflung grub sich immer tiefer in jede Faser des Mannes. Nochmals seufzte er und ein Ruck ging durch den Mann, als hätte er ihn gehört. Aber natürlich hatte er ihn gehört. Seine Verzweiflung hatte ihn schon weit getrieben. Langsam ließ er sich auf die Knie nieder und zog die Hände vom Gesicht. Graublaue Augen schauten ihn durch einen Tränenschleier an.

“Wer sind sie?” kam es leise über die Lippen des Mannes und er lächelte.

“Ich? Ich bin der, den ihr Teufel nennt. Du hast mich gerufen, Sebastian Beckman. Habe ich nicht Recht?”

Vor ihm wurde der Mann bleich, zog seine Hände aus dem sanften Griff und rieb sich die Stellen wo er ihn berührt hatte. Als hätten diese Berührungen ihn verbrannt.

“Nein,” kam es flüsternd über Sebastians Lippen, dann fing er sich und sein Blick wanderte von ihm zu seiner Frau, um die die Ärzte immer noch kämpften. Sein Blick wurde dumpf. Seine Hand wanderte in eine braune, lederne Tasche, die verlassen neben ihm stand. Mit einem Mal hatte der Mann eine Flasche teuren Whiskeys in der Hand. Wie er diese in den Operationssaal bekommen hatte blieb ungeklärt. Er tippte auf den Status, den dieser Mann hatte. Das würde auch erklären warum dieser hier warten durfte und nicht wie alle anderen Normalsterblichen draußen. Warum sein Sohn ebenfalls hier in einer Krippe lag.

“Willst du, dass sie lebt?” fragte er und der Körper des Mannes vor ihm schnellte hoch. Sein Blick war stechend. Er zitterte und drehte die Flasche auf. Der Deckel fiel auf den Boden. Niemanden interessierte es. Erst nachdem Sebastian sich einen Schluck genehmigt hatte, antwortete er. “Natürlich will ich das.”

“Ich kann dir helfen. Wenn du mich lässt.”

Immer noch wurde er ungläubig angeschaut, aber das war er inzwischen gewohnt. Die Menschen glaubten nicht an ihn, bis ihre Verzweiflung sie dazu trieb. Es war wirklich schade.

Auf einmal wurde er nach vorne gezogen und spürte, wie eine Hand sich in den Ärmel seines Hemdes krallte. Die Augen des Mannes waren verhangen, der Alkohol schwappte in der Flasche. Doch er ließ ihn. Was sollte er auch machen? Menschen in ihrer Verzweiflung wussten selten einen Ausweg.

“Du willst doch sicher etwas dafür? Der Teufel will immer etwas für seine Taten.”

“Das Gleichgewicht muss gewahrt werden. Jede Tat hat seinen Preis,” war die nüchterne Antwort auf den Ausbruch. Erneut zog Sebastian Beckman ihn nach unten, die Flasche, die er eben noch in der Hand gehalten hatte fiel zu Boden. Sie blieb ganz, doch Teile der goldgelben Flüssigkeit verteilte sich auf den grauen Fugen. Neben ihnen wurden die Taten der Ärzte immer hektischer. Man hörte das Piepen der Maschinen, wild durcheinander gerufene Aufforderungen und dann, mittendrin, das Weinen eines Kindes.

Ungewollt wanderte sein Blick zu dem Baby, dass nun angefangen hatte zu weinen. Ein Fauchen drang an sein Ohr und Hände krallten sich in seine Arme. Als er Sebastian erneut anschaute, war dessen Miene wutverzerrt.

“Nimm das Balg, wenn du einen Preis willst. Es ist Schuld an dem Zustand meiner Frau.”

Seine Augen wurden groß, doch der Pakt wurde bereits geschrieben. Er wusste, dass der Zauber angefangen hatte. “Aber es ist dein Kind. Du wirst es lieben. Wirst es lieben wollen.”

Ihm wurde vor die Füße gespuckt.

“Niemals. Wen ich liebe ist meine Frau. Du kannst es ja lieben, wenn dir das so heilig ist.”

Der Ton, der angezeigt hatte, dass das Herz der Frau noch schlug - unregelmäßig, aber präsent - verstummte mit einem Schlag. Er musste handeln. Jetzt. Sonst würde sich der Tod holen, was ihm zustand. Also stand er auf und griff nach einer der blutigen Bandagen, die etwas abseits stand. Seine Hände benetzten sich mit dem Blut der Frau und er schaute Sebastian Beckmann an, der wieder kreidebleich geworden war.

“Die Liebe zu deinem Sohn, für das Leben deiner Frau. Wenn es das ist was du willst, dann solltest du jetzt einschlagen,” kam es ihm trocken über die Lippen, weil er immer noch nicht glauben konnte, dass jemand so verzweifelt war, dass er sein eigen Fleisch und Blut dafür aufgab. Dieses unschuldige Kind konnte nichts für diese Situation und doch würde es das sein, das darunter litt. Als der Mann einschlug, zerschnitt ihm dieses Bewusstsein sein Herz.

Der Pakt war besiegelt und als die Stromschläge durch den Körper der Frau fuhren, um das Herz erneut zum schlagen zu bringen, war er schon lange nicht mehr für den Mann sichtbar. Mit traurigen Augen schaute er dem Tod ins Gesicht, der seine Kapuze zurück geschlagen hatte. Darunter kam ein Gesicht zum Vorschein, dass er zu gut kannte. Dunkle Haut, braune Augen, fast weiße Haare. Der Mund zu einer Linie verzogen.

“War es das wert?” fragte der Tod und schaute auf das Kind, dass sich in den Schlaf geweint hatte. Vergessen lag es da, in seiner Krippe. Mit wenigen Schritten war er bei ihm und strich über den winzigen Kopf. Das arme Ding. Dann drehte er den Kopf und blickte erneut zu seinem ältesten Kumpanen. Dieser schaute ihn mitleidig an. Ihre Aufgaben hier waren erledigt.

“Du hast wirklich keinen leichten Job, Lucifer.”

Anstatt zu antworten griff er nach der vergessenen Whiskeyflasche und ließ sich den Rest des Alkohols durch seine Kehle rinnen. Er hasste, dass er nicht betrunken werden konnte. Aber es brannte und das allein war genug. Einen letzten Blick widmete er dem Tod, erneut strich der dem Baby über den Kopf und dann schritt er aus der Tür. Er wünschte er könnte es auf den Tod schieben, ihn hassen. Aber dieser konnte nichts dafür, dass die Menschen so selbstsüchtig waren. Er wünschte wenigsten einer würde mal auf die Idee kommen ihn selbst den Preis aussuchen zu lassen. Aber darauf kam keiner. Stattdessen machten die Menschen immer alles schlimmer. Und der Tod … der machte auch nur seinen Job.

***


Wie ein Schatten wachte er über das Kind, unwissend woher diese Zuneigung kam, die er für den kleinen Jungen empfand. Sie hatten ihn Benn getauft. Eine der Krankenschwestern hatte sich den Namen ausgesucht, nachdem der Vater außer Stande gewesen war, seinem Kind genug Aufmerksamkeit zu schenken, um es zu benennen. Erst als seine Frau wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging ihm auf, dass er jetzt einen Sohn hatte. Aber während die Frau so etwas wie eine Beziehung zu dem Kind aufbaute, war der Vater dazu nicht in der Lage. Lucifer wusste wieso. Die Liebe, die der Vater für seinen Sohn hätte haben können, hatte er geopfert.

Immer wieder musste er gehen, weil es seine Aufgabe war der Verzweiflung zu folgen und zu helfen. Doch so oft er konnte, zog es ihn in den North Blue zurück. Sein Herz sprang vor Freude, wenn er die Fortschritte Benns beobachten konnte. Das erste Wort, Krabbeln, die ersten Schritte. Die unbändige Neugier, die der kleine Junge mit den schwarzen Haaren und graublauen Augen hatte. Alles davon erfüllte Lucifer mit Stolz. Was für ihn wahnwitzig war, denn er hatte sich schon vor Ewigkeiten geschworen sich nie wieder an Menschen zu binden, die ihn doch nur zu hassen pflegten. Trotzdem konnte er sich diesem Gefühl nicht verwehren.

Dazu kam die Trauer und die Wut, wenn er sah, wie wenig Liebe Benn von seinen Eltern bekam. Seine Mutter hatte sich dem Vater gebeugt, der nur forderte und forderte. Manchmal, in späten Stunden, kam so etwas wie Intimität auf, zwischen Benn und seiner Mutter, wenn sie ihm abends vorlas. Doch am glücklichsten war der Junge, wenn er bei seiner Großmutter war. Diese kochte mit ihm, sang Lieder und tanzte durch ihr Wohnzimmer. Sie brachte ihn zum Lachen, ein Lachen das Lucifer über alles liebte. Wenn er das Lachen hörte, vergaß er, dass Benn ihn nicht sehen oder fühlen konnte. Als dann der Tag kam, an dem sich das änderte, wünschte er, es wäre niemals so weit gekommen. Denn als er ihn zum zweiten Mal traf - wirklich traf, nicht nur sah - war es auf dem Friedhof.

***


Er war fort gewesen, weit weg auf der Grandline und ein Teil von ihm freute sich darüber, dass die Verzweiflung die er spürte ihn immer näher zum North Blue brachte. Er wusste, dass es falsch war, sich am Unglück der Menschen zu laben, aber es war nicht das Unglück ansich, über das er sich freute, sondern die Tatsache, dass er danach hoffentlich genug Zeit hatte Benn zu sehen. Zumindest für einen Moment. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als es die Heimatinsel Benns war, zu der es ihn zog.

Mit schnellen Schritten folgte er der Verzweiflung und obwohl dieses dunkle Band seinem sonnigen Gemüt einen Dämpfer versetzte, so blieb ein Teil in seinem Herzen glücklich. Mit leisen Schritten ging er den Weg zum Friedhof entlang. Es verwunderte ihn nicht, dass es ihn hier an diesen Ort zog. Trauer und Verzweiflung lagen nah beieinander.

Schon von weitem sah er die vertraute Gestalt auf der Friedhofsmauer sitzen, die Kapuze zurück geschlagen, die weißen Haare im Wind wehend. Er wollte ihm zunicken, durch das Tor schreiten und seiner Aufgabe nachgehen, als etwas am Ausdruck im Gesicht des Todes in stocken ließ. War das Trauer? Mitleid? Sorge?

“Du solltest da nicht reingehen, Lichtbringer.” Die Worte ließen einen Schauer über seinen Rücken laufen und verwirrt drehte er sich zu seinem alten Freund um. Von irgendwo in seinen tiefsten Abgründen schlich sich ein Gefühl in seinen Körper, das ihm Angst machte. Er schüttelte den Kopf und vertrieb es.

“Du weißt, dass ich das nicht kann,” war seine Antwort und der Ausdruck auf dem Gesicht des Todes wurde eine spur dunkler, besorgter.

“Ich weiß,” war die schlichte Erwiderung und erneut kam Angst in ihm auf. Was passierte hier? Mit einem Satz sprang der Tod von der Mauer und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war kalt. Eisig. “Ich bin hier und warte auf dich. Lucifer.” Er stockte, schluckte. “Mach keine Dummheiten.”

Als die Hand von seiner Schulter rutschte, rannte er. Rannte die letzten paar Meter, bis er ihn sah. Alleine vor einem Grab kniend, Blumen in der Hand. Weiße Lilien. Grabblumen.

Er stockte, eine kalte Hand drückte sein Herz zusammen und er musste sich kurz fangen, die Tränen zurück halten, bevor er weiterlaufen konnte. Nie hatte er ihn so sehen wollen und doch war es Benns Verzweiflung, die ihn hierher gezogen hatte. Kurz huschten seine Augen über das provisorische Holzkreuz und er wusste was passiert war. Die einzige lebende Person, die Benn jemals wirklich geliebt hatte war tot. Seine Großmutter gestorben. Dabei war Benn erst fünf. Wie sollte er von hier aus weitermachen, mit den Eltern, die er hatte?

Sein Blick wanderte über den Friedhof. Etwas weiter weg, in der Kapelle, hörte er Stimmen. Vermutlich hatten sich Freunde und Bekannte dort zum Leichenschmaus versammelt. Er konnte nicht fassen, dass sich niemand um das fünfjährige Kind kümmerte, dass alleine vor einem Grab kniete, mit dicken Kullertränen auf den Wangen. Angetrieben durch die Verzweiflung und dem Kummer, die sich in seinem Herzen breit gemacht hatte, lief er Benn entgegen, bis er neben ihm stand. Es wunderte ihn nicht, dass ihn graublaue Augen - Augen die er inzwischen so gut kannte - von unten her anschauten. Aber es schmerzte. Es schmerzte so sehr.

Er kniete sich neben Benn. “Das sind schöne Blumen die du da hast,” sagte er leise, aber freundlich. Irritiert schaute Benn von ihm zu den Blumen in seiner Hand. Dann legte er sie sachte auf die frisch aufgeschaufelte Erde.

“Mama meinte ich muss diese hier nehmen. Aber Oma mochte Lilien gar nicht.” Benns Stimme war leise, aber klar. Er klang älter als er war. Er würde vermutlich viel zu schnell zu alt werden, das war Lucifer bewusst.

“Welche Blumen mochte deine Oma denn?” kam die Gegenfrage.

“Gänseblümchen,” murmelte Benn. Sein Kopf fiel nach unten und seine Stimme zitterte als er weitersprach. “Sie hat daraus Ketten gebastelt und … und …” Weiter kam er nicht, denn seine Stimme erstarb und Tränen rannen über seine Wangen. Ohne darüber nachzudenken griff er nach Benns Hand und hielt sie. Nicht immer war seine Aufgabe einen Pakt zu schließen. Manchmal gab es auch andere Wege um die Verzweiflung zu heilen. Lucifer bevorzugte diese seltenen Tage.

“Dann lass uns Gänseblümchen suchen,” meinte er leise und zog Benn hoch. Dieser schaute ihm von unten ins Gesicht und dann über den Friedhof, bis hinaus auf die Wiese, die auf der anderen Seite der Straße war. Sie war übersät mit weißen Tupfern.

“Wer bist du eigentlich?” wollte Benn wissen, seine Tränen versiegt. Lucifer wusste, dass er eigentlich mit seinem Standardspruch antworten sollte. Aber er konnte nicht. Brachte es nicht übers Herz. Was brachte es einem Fünfjährigen zu wissen, dass der Teufel der Einzige war, der ihm beistand? Nichts. Rein gar nichts. Deswegen antwortete er einfach nur mit, “Ein Freund.” Denn das war er auf jeden Fall. Ein Freund.

Als er den Friedhof verließ war die Sonne am untergehen und färbte die weißen Haare des Todes orange. Dieser schlang ihm einfach nur seinen schwarzen Mantel um die Schultern und er war dankbar dafür. Dankbar für den Halt, denn er so dringend brauchte. Denn in all der Zeit der Beerdigung war Lucifer der Einzige gewesen, der sich um Benn gekümmert hatte. Seine Eltern schienen ihn vergessen zu haben, andere Kinder waren nicht zugegen.

Sein Herz schien in Stücke zu bersten, mit jedem Schritt den er sich von Benn entfernte. Denn er wusste, dass der Junge mit den graublauen Augen nun alleine war. Alleine in einer Welt, in die Lucifer nicht eingeladen war. Die er nur in deren dunkelsten Stunden betreten konnte. Dunkle Stunden, die er Benn nicht wünschte, aber von denen er wusste, dass sie kommen würden.

Noch lange nach diesem Tag dachte er an die Gänseblümchenketten, die am Holzkreuz einer alten Dame, auf einer Insel im North Blue hingen. Er dachte an die Gänseblümchenketten und an die Tränen, geweint von einem Jungen, den sein Herz nicht vergessen konnte.

***


Die Zeit verging und er schaute Benn beim Erwachsenwerden zu. So oft seine Aufgabe ihn ließ, zog es ihn in den North Blue, auf die gleiche Insel, zum gleichen Haus. Die großen Fenster ermöglichten es ihm den Jungen zu beobachten, der mit den Jahren immer stiller und immer wütender wurde. Anstatt ihn draußen spielen zu sehen, sah ihn Lucifer in seinem Zimmer, über einen Schreibtisch gebeugt, am Lernen. Immerzu lernte Benn. Außer abends, wenn er sich aus dem Haus schlich, die Flinte seines Vaters in der Hand. Im Schutz der untergehenden Sonne ließ er seinen Frust an alten Flaschen aus, rauchte oder beugte sich über eine Sammlung alter Karten.

Das ging Jahre so, zwölf Jahre, um genau zu sein, bis eines Tages die Verzweiflung es war, die Lucifer zurück in den North Blue zog. Gebrandmarkt von seinem letzten Erlebnis auf Benns Heimatinsel, als nicht sein freier Wille, sondern seine Aufgabe ihn zu dem Jungen zog, den sein Herz in sich aufgenommen hatte, war es Furcht, mit der er vom Hafen immer weiter durch die Stadt ging. Furcht, tief eingebrannt in seine Knochen. Denn er wollte nicht erneut Benns tiefste Verzweiflung sehen. Es schmerzte zu sehr.

Die Stadt war geflutet mit Licht, die Straßen weit, die Fenstersimse mit Blumenkästen verziert. Trotzdem schaffte er es, als er um eine Ecke bog, mit jemanden zusammen zu stoßen. Was irrwitzig war, denn die Menschen nahmen ihn erst dann wahr, wenn die Verzweiflung sie dazu trieb. So konnte Lucifer nicht anders als stumm zu starren, als er sich grade so vorm Umfallen bewahrte. Mit einer Hand an der Hauswand schaute er in die zornesentbrannten Augen, die ihn von unten herauf anfunkelten. Graublaue Augen. Denn Benn hatte sich nicht fangen können und saß auf dem kopfsteingepflasterten Boden.

“Verdammte Scheiße,” fluchte Benn und rappelte sich auf. Die Wortwahl sollte ihn nicht erschrecken, nach all dem was er gesehen hatte und doch tat sie es. Was war passiert? Was war mit diesem unglaublichen Jungen passiert, den er nie hatte vergessen können? Ohne ein weiteres Wort drückte Benn sich an ihm vorbei, in einer Hand die Flinte mit der er abends immer auf Flaschen geschossen hatte, in der anderen ein Seesack. Seine schwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht.

Es dauerte kurz, bis er sich fing, dann sah er einen ledernen Geldbeutel vor sich. Benn musste ihn verloren haben. Als er ihn aufhob und kurz hinein schaute lachten ihn etliche Berryscheine an. Das musste alles Ersparte sein, dass Benn hatte. Was auch immer er vorhatte, er würde das Geld brauchen. Zudem ihn das Band der Verzweiflung noch immer antrieb. Er dachte nicht darüber nach, als er dem Jungen hinterher rannte.

Einige Minuten vergingen, dann konnte er Benn vor sich sehen, wie er immer weiter Richtung Hafen lief. Inzwischen war ihm klar, dass Benn von der Insel wollte. Nicht, dass er es ihm verdenken konnte. Aber der Grund und die Umstände, die machten ihm Sorgen. Denn Benn hatte mit ihm geredet, ihn berührt. Er hatte ihn herbeordert. Nein, nicht er direkt, aber seine Verzweiflung.

“Warte,” rief er über die Köpfe der Menschen hinweg, die ihm entgegen kamen. Er wusste, nur Benn würde ihn hören können. “Warte, du hast was verloren.” Erneut legte Lucifer einen Zahn zu und endlich, als er erneut nach Benn rief, blieb dieser stehen und drehte sich um. Seine Augen sprühten Funken.

“Was willst du?” fragte Benn scharf, als er endlich vor ihm stand. Keuchend hielt er Benn den Geldbeutel hin und dessen Ausdruck veränderte sich. Kurz wurde Benn’s Gesicht bleich, dann griff er nach dem kleinen Geldbeutel, klappte ihn auf und man konnte förmlich spüren, wie ein Stein von seinem Herzen fiel.

“Danke,” murmelte Benn, der ihn nun genauer ansah. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als würde er überlegen. Nervös trat Lucifer einen Schritt zurück. “Kenne ich dich?”

Ein irritiertes Lachen entfuhr ihm und er schüttelte hektisch den Kopf, “Nein, nicht das ich wüsste. Ich habe aber auch ein Allerweltsgesicht,” meinte er lapidar, obwohl er wusste, dass das nicht stimmte. Schwarze, schulterlange Locken, stechend blaue Augen, ein kantiges Gesicht und gute Statur, dazu seine Körpergröße von über eins achtzig war sicher nichts, was man jeden Tag sah. Aber das musste Benn nicht wissen.

“Hey,” fing er an, vor allem um das Thema zu wechseln, aber auch weil er merkte, wie dieses Gespräch Benn von seiner Verzweiflung ablenkte. Er wollte keinen Pakt mit ihm schließen. Niemals wollte er Benn der Gefahr aussetzen, den falschen Preis zu wählen und es hinterher zu bereuen. Nicht, wenn er auch so helfen konnte. “Du scheinst von der Insel runterkommen zu wollen.” Benn nickte bloß. “Ich habe ein verlassenes Boot am Hafen gesehen. Es scheint niemandem zu gehören, du könntest es nehmen. Es liegt etwas abseits und hat eine Flagge mit Engelsflügeln.” Er stockte kurz. Diese dummen Engelsflügel. Was für ein Klischee. Dabei hatte er gar keine. Er war ja auch kein Engel. “Die kannst du auch abmachen. Auf jeden Fall solltest du das Boot nehmen.”

Kurz schaute Benn irritiert, dann jedoch schien er zu realisieren, dass sich hier eine wirkliche Chance auftat. Anscheinend hatte er Recht gehabt mit seiner Vermutung, dass Benn nicht gewusste hatte, wie weitermachen, außer aus seinem Elternhaus zu stürmen.

“Geh,” drängte er Benn erneut und obwohl es ihm weh tat, sich so schnell schon wieder von dem Jungen zu trennen, wusste er, dass es das Richtige war. Als er auch noch in die Richtung zeigte, in der das Boot - sein Boot - lag, begann Benn endlich los zu gehen. Nach drei Schritten jedoch blieb er stehen und sein Kopf drehte sich zu ihm. Die graublauen Augen schienen in seine Seele zu schauen.

“Wie heißt du eigentlich?”

Kurz schluckte er, dann zog sich ein feines Lächeln auf sein Gesicht. “Du kannst mich Lucifer nennen.”

“Lucifer,” hörte er Benn sagen, wie als lasse er sich den Namen auf der Zunge zergehen. ”Danke.” Dann drehte er sich um und ging. Lucifer wusste, würde er sich jetzt umdrehen, er würde ihn nicht nochmal sehen, egal ob er tausend Meilen entfernt war oder direkt vor ihm stand.

***


Seit dieser aus seiner Heimat geflohen war, war es schwieriger für ihn geworden, Benn zu sehen. Denn nun segelte er auf allen Weltmeeren herum und nie wusste Lucifer, wo genau der Mann war, an den er immer noch jeden Tag dachte. Sein Verstand sagte ihm, dass er Benn endlich vergessen sollte, aber sein Herz wollte nicht. So wurden die Begegnungen seltener, aber wenn er ihn sah, dann schien sein Herz wilde Tänze aufzuführen. Es hüpfte und lachte, wie es das sonst nie zuvor getan hatte. Dabei hatte er mehr Generationen kommen und gehen gesehen, als ein Mensch zählen konnte.

Aber nicht nur ihn zu sehen, machte Lucifer glücklich. Auch die Art wie Benn sich veränderte war ein Grund zur Freude. Er kam nicht umhin zu realisieren, dass es vor allem an dessen rothaarigem Kapitän lag, der diese Veränderungen herbei führte. Shanks. Immer wenn Lucifer Benn sah, sah er auch seinen Kapitän Shanks. Ein wilder, verrückter Menschen. Einige Jahre jünger als Benn, schien er doch unendlich mehr Lebensweisheit zu haben. Nicht, dass er sich beschwerte. Denn umso mehr Zeit verging und umso länger Benn mit Shanks zusammen war, umso mehr schien Benn zu lachen. Er wurde ruhiger, glücklicher. Er fand sich in seiner eigenen Haut zurecht, akzeptierte wer er war. Er wurde zu einem gutaussehenden, intelligenten, jungen Mann.

Diese Veränderungen schien auch Shanks aufzugehen, denn eines Tages, im West Blue, rein zufällig, traf er wieder auf die kleine Mannschaft. In einer Bar beobachtete Lucifer, wie Shanks Benn erst dazu brachte mit ihm zu tanzen und ihn dann in eine Sitzecke zog, wo er ihn leidenschaftlich küsste. Shanks küsste Benn und Benn küsste zurück.

Obwohl er sich freuen wollte, wirklich freuen wollte für das Glück Benns, so tränkte auch ein Tropfen Wehmut sein Herz. Nicht weil er irgendwas an der Situation ändern wollte. Das hätte er Benn - oder Shanks, den er inzwischen auch in sein Herz geschlossen hatte und sei es nur weil er Benn so gut tat - niemals antun können. Sondern weil es ihm bewusst machte, wie allein er war. Allein, hier in einer Bar mit dutzenden Menschen, die ihn alle nicht sehen konnten. Weil sie glücklich waren. So wie es sein sollte.

Einen letzten Blick auf Shanks und Benn werfend, die inzwischen über einen Witz lachten den nur sie beide kannten, rutschte er von dem Stuhl, auf dem er saß und schritt in die Nacht hinaus. Zumindest wusste er, dass es Benn gut ging.

***


Er hatte eigentlich gehofft, dass ihn Benn nun, da er Shanks hatte, nicht mehr brauchen würde. Jahre hatte das auch funktioniert. Bis ihn eines Abends die Verzweiflung erneut antrieb, in eine kleine Bar im South Blue zu gehen.

Er hatte selten so viel Verzweiflung auf einem Platz gesehen. In Kriegen, ja. Aber Kriege hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Bei der Hinrichtung eines bestimmten Piratenkönigs, auch da hatte es so viel Verzweiflung gegeben, dass es ihn schier auseinander gerissen hatte. Aber das hier war anders. Das war ein großes Kollektiv an Verzweiflung, geballt in unausgesprochenen Worten und Trauer. Als er die Bar betrat und die bekannten Gesichter sah, schauderte es ihn.

An der Theke saß Benn, neben ihm Shanks. Unaufhörlich zog es ihn zu den Beiden. Also schlüpfte er hinter die Theke, krempelte noch die Ärmel seines Hemdes hoch und griff dann nach zwei Gläsern. Gekonnt füllte er sie mit Whiskey und schob sie den beiden Männern vor sich hin.

“Geht aufs Haus,” sagte er leise und war erstaunt darüber, das beide Köpfe sich hoben. Selten war die Verzweiflung so groß, dass mehrere Menschen ihn sehen konnten. Doch dies schien so ein Fall.

“Danke,” murmelte Shanks und griff nach dem Glas. Er nahm einen Schluck und versteckte dann sein Gesicht wieder unter der Krempe seines Strohhuts. Von der Seite schaute Benn zu seinem Kapitän, biss sich auf die Lippen und griff ebenfalls nach dem Glas. Anstatt zu trinken, jedoch, hielt er es einfach in seinen Händen. Schaute in die goldgelbe Flüssigkeit, schaute dann zu ihm. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

“Du kommst mir bekannt vor… warte. Lucifer, richtig?” fragte Benn und er nickte. Es wunderte ihn noch nicht mal, dass Benn sich an ihn erinnerte. Der Mann war überdurchschnittlich intelligent. Er lächelte.

“Du bist der Junge mit dem Geldbeutel.” Ein leises “Ja” von Benn bestätigte seine Worte, als ob Lucifer sich gerade erst wieder an die Begegnung erinnerte und nicht eintausend Mal daran gedachte hatte, in den Jahren zwischen damals und heute. Aber auch das war etwas, das Benn nicht wissen musste. “Du bist also gut von der Insel runtergekommen. Freut mich.”

Benn schnaubte, als er die Worte hörte und Shanks neben ihm zuckte und trank dann doch nur wieder einen Schluck aus seinem Glas. Die Verzweiflung, die sich kurz gelichtet hatte schien erneut wie eine dunkle Wolke über den Beiden zu schweben.

“Gebracht hat es mir nichts,” flüsterte Benn. Doch obwohl seine Worte leise waren, waren sie getränkt mit blinder Verachtung. Für wen, das konnte er nicht sagen. Nur die Art wie sich Benns Finger um das Glas krallten und seine Fingernägel sich in seine eigene Haut bohrten, gab Aufschluss darüber. Es machte ihm Angst.

Noch nach den richtigen Worten suchend, bemerkte er wie ein Blutstropfen über Benns Hand auf die Theke tropfte. Er schien sich selbst mit seinen eigenen Fingernägeln die Haut aufgebohrt zu haben. Während er instinktiv nach einem Tuch griff, riss Shanks Benn von der Seite die Hände vom Glas. Dieses wackelte und fiel dann um. Der Whiskey ergoss sich über die Theke und erinnerte Lucifer viel zu stark an damals. An ihr erstes Treffen.

“Hör auf damit,” zischte Shanks Benn an. Doch dieser fokussierte Shanks und seine Augen funkelten. So viele Emotionen waren in ihnen, das es schwierig war sie alle herauszulesen.

“Womit? Damit?” fragte Benn zurück, seine Stimme nun schon lauter. Ohne das irgendwer es verhindern konnte, hatte Benn sich erneut in die Wunde gestochen und noch mehr Blut quoll hervor. Seine Fingernägel färbten sich rot. “Lass mich mich wenigsten selbst bestrafen, wenn du es schon nicht tust.”

“Was?” kam es erstaunt von Shanks, dann wurde er wütend. “Warum sollte ich dich bestrafen wollen? Es ist nicht deine Schuld! Hör auf damit!” Erneut versuchte er Benns Hand wegzuziehen, doch Benn ließ ihn nicht, kämpfte dagegen an.

“Lass mich,” rief Benn und auf einmal bildeten sich Tränen in seinen Augen. “Ich hätte ihn retten können. Er hat mich weggestoßen. Er hat…”

“Dir das Leben gerettet,” beendete Shanks den Satz, ebenfalls nun mit Tränen in den Augen. “Wofür ich ihm immer dankbar sein werde. Es ist nicht deine Schuld, Benn. Es ist meine. Ich habe das angefangen. Es war meine Idee. Ich hätte niemals … ich bin der Käpt’n. Hör auf dir die Schuld zu geben.”

Es war nicht schwierig aus den Satzfetzen zu konstruieren, was passiert war. Zu oft schon war er mit dem Tod konfrontiert gewesen. Doch diese Verzweiflung rührte nicht allein nur aus dem Tod des geliebten Mannschaftsmitgliedes, sondern auch aus Selbsthass und Schuldzuweisungen. Dabei konnte selten jemand was dafür, wenn sein alter Freund auftauchte. Sie alle hatten ihre Aufgaben und manche waren schwerer zu verstehen als andere.

“Du solltest auf deinen Kapitän hören,” sagte er in die Stille, die sich gebildet hatte. Mit dem Tuch, dass er immer noch in der Hand hielt wischte er den verschütteten Alkohol weg. Dann stellte er das Glas wieder richtig hin und füllte es erneut auf. “Es ist nicht deine Schuld.” Er drehte sich zu Shanks und füllte auch dessen halbleeres Glas erneut auf. “Und auch nicht deine. Denn so wie sich das anhört wusste euer Kamerad, was er tut, als er sich geopfert hat. Ihr müsst ihm wichtig gewesen sein. Denn sonst wäre er seinem Kapitän nicht in dieses Wagnis gefolgt. Sonst hätte er seinen Freund nicht zur Seite geschoben, um ihn zu retten. Ihr könnt ewig nach Schuld suchen und werdet sie hier und dort finden. Ihr könnt sie in euch reinfressen und daran kaputt gehen. Oder ihr wahrt das Andenken an euren gefallenen Freund und trainiert, so dass es nie wieder passiert. Ich bin mir sicher, dass er damit glücklicher wäre, als zu wissen dass ihr zwei euch selbst quält.”

Kurz stockte er und schaute in die verwirrten Minen der zwei jungen Piraten vor sich. Shanks’ Gesicht war endlich nicht mehr unter seinem Strohhut verborgen und Benn hatte aufgehört seine Hände zu Fäuste zu ballen. Aus den Tiefen seiner Hosentasche zog er ein Taschentuch und griff nach Benns Hand. Mit geschickten Bewegungen schlang er es um die kleine Wunde. Benn ließ ihn gewähren, schaute ihn einfach nur an.

“Wer bist du?” fragte er dann plötzlich und Lucifer zuckte, zog seine Hand zurück. Dann lächelte er, doch sein Körper zitterte.

“Ein Freund,” kam es ihm über die Lippen, doch es fühlte sich verräterisch an. Nach einem Tablett greifend, machte er zwei Schritte nach hinten. Doch bevor er ging, stellte er noch die Whiskeyflasche auf den Tisch. “Für euch. Ich bin gleich wieder da.” Mit diesen Worten entfernte er sich, schlängelte sich durch die Menge, die ihn eh nicht sah, bis er draußen war. Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie Benn nach der Flasche griff und das Etikett studierte. Erst dann fiel Lucifer auf, dass es die gleiche Sorte war, die Benns Vater damals im Krankenhaus dabei gehabt hatte. Dessen Lieblingssorte. Eine Flasche war immer in Haushalt der Beckmans vorzufinden gewesen.

Es dauerte, bis er sein pochendes Herz wieder beruhigt hatte. Die kalte Abendluft tat ihm gut und die Sterne über ihm leuchteten. Er wusste nicht, wie lange er so dasaß, aber irgendwann spürte er eine Präsenz neben sich. Als er sich umschaute, blickte er in das vertraute Gesicht seines ältesten Freundes.

“Das größte Geheimnis ist das Leben, das tiefste Geheimnis ist die Ewigkeit, das schönste Geheimnis ist die Liebe – ein Geheimnis, dem selbst der Tod machtlos gegenübersteht,” zitierte der Tod und schlang dann seinen Arm um ihn. “Es war ihr erstes Mitglied, das sie haben sterben sehen müssen. Ich glaube kaum, dass es ihr letztes sein wird. Aber jetzt wissen sie, dass sich die Schuld dafür geben nichts bringt. Du hast Recht gehabt. Er hat es nicht bereut. Er hat seinen Kapitän und Vize geliebt.”

Er lehnte seinen Kopf gegen die starke Schulter und schaute erneut in den Himmel. Lichtbringer nannten sie ihn. Hoffnungsträger. Zumindest früher einmal war das so gewesen. Dabei spendeten die Sterne doch viel mehr Licht.

“Er ist also ihr Vize-Kapitän?” fragte er und der Tod neben ihm lachte leise. Er wusste, wenn er jetzt wieder die Bar betreten würde, Shanks und Benn würden ihn nicht mehr sehen.

***


Seit Tagen segelte er im East Blue umher, die Verzweiflung die ihn zog immer stärker werdend. Am Anfang war es nur ein leichtes ziehen gewesen, doch jetzt war es als würden tausend Seekönige ihn mit einem Tau in immer eine Richtung schleifen. Er beeilte sich und doch hatte er das Gefühl zu langsam zu sein. Bis endlich, nach Tagen, ein Schiff vor ihm auftauchte. Ein Schiff, dass er zu gut kannte. Ein erstickter Schrei entfuhr ihm und als er endlich andocken konnte und auf den Planken landete, rannte er, ohne darüber nachzudenken. Er stieß Türen auf, durchquerte Gänge, bis er vor einer Tür eine Gestalt sah, die er hier nicht sehen wollte. So gern er sie auch hatte. Die Kälte legte sich über sein Herz wie Eis und ihm knickten die Knie weg.

“Nein,” schluchzte er und knallte unsanft auf dem Boden auf. Ängste prasselten auf ihn ein wie wilde Regentropfen. “Nein, bitte nicht.”

Eilend kam der Tod auf ihn zu, die weißen Haare zerzaust, seine Augen mit dunklen Ringen untermalt. Mit einem Satz zog er ihn hoch. “Endlich. Geh da rein und hilf ihnen,” kommandierte er und obwohl ihn so harsche Worte normalerweise gestört hätten, umhüllten sie ihn wie eine heilende Quelle. Er war noch nicht zu spät.

“Danke,” keuchte er und schlang seine Arme um seinen Freund. Dieser drückte ihn kurz und machte sich dann von ihm los. Mit einem Ruck öffnete er die Tür und mehr Aufforderung brauchte er nicht. Mit vorsichtigen Schritten trat er ein. Was er sah erschütterte ihn mehr als er geglaubt hatte.

Auf einem Bett lag Shanks, die roten Haaren klebten um seinen Kopf. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn und rannen seine Schläfen hinab. Er war dem Tod näher als dem Leben, das wusste Lucifer. Doch es war der fehlende Arm, der ihn so schockierte. Was war passiert? Und warum zog Benns Verzweiflung ihn erst jetzt zu sich?

“Benn?” flüsterte er und die Gestalt, die neben dem Bett saß, den Kopf auf der Matratze und die Hand mit der seines Kapitäns verschränkt, hob sich. Er sah wie Benn blinzelte, sich die Augen rieb und ihn dann doch wieder nur anschaute. Als sähe er einen Geist. Als fragte Benn sich wirklich, ob das hier real war. Zu gut konnte er das nachvollziehen. “Ich bin wirklich da.”

“Lucifer. Wo kommst du her? Was machst du hier?” murmelte Benn, schlaftrunken. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Haare verfilzt. Der Mann sah aus als hätte er Tage nicht geschlafen und auf einmal ging ihm auf, dass es wohl so war. Vermutlich hatte Benn Tage nicht geschlafen, sondern war an Shanks’ Seite gewesen, den es langsam dahin raffte. Vermutlich hatte Shanks das Wundfieber gepackt.

“Es ist egal wo ich herkomme, Benn. Ich kann dir helfen.” Seine Stimme war heiser und er machte einen Schritt auf Benn zu. Nie hatte er ihm verraten wollen, wer er wirklich war, aber jetzt schien es keine andere Möglichkeit zu geben. Tränen stiegen ihm in die Augen, weil er das nicht gewollt hatte. In all den Jahren hatte er immer einen anderen Weg gefunden Benns Verzweiflung zu lindern. Doch hier, dass wusste er, gab es keinen anderen Weg. Nicht wenn Shanks so nah zur Schwelle des Todes stand.

Ohne groß darüber nachzudenken, kniete er sich vor Benn hin und griff nach dessen freier Hand. Keinen Augenblick hatte Benn Shanks’ Hand losgelassen. Nicht, dass er das erwartet hatte. Er wusste um die Liebe der Zwei. Er hatte diese Liebe immer hochgehalten. Hatte immer ein Teil davon sein wollen. Der Gedanke kam ihm ungehindert und er scholt sich für diese Dummheit, im Angesicht der Tatsache, dass er sich beeilen musste. Er war kein Wesen, das man lieben konnte. Was bildete er sich ein? Er war dazu bestimmt allein zu sein.

“Wer bist du?” murmelte Benn, wie es schon mal passiert war und die Worte versetzten ihm einen Stich im Herzen. Doch er unterdrückte den Gedanken. Seine blauen Augen schauten in Benns graublaue und er legte so viel Ehrlichkeit wie er nur konnte in seine Worte.

“Ich bin dein Freund und der Teufel.” Kurz zuckte Benn, doch er zog seine Hand nicht weg. Nur seine Augen wurden weiter. Kurz zuckte sein Blick zu Shanks, dann wieder zu ihm. “Ich kann ihn heilen, aber das hat seinen Preis. Ich -”

Weiter kam er nicht, denn Benn unterbrach ihn. Die Stimme schnitt durch seine Gedanken, so verzweifelt wie sie war. “Mein Leben für seins. Tausend Jahre unter deiner Gefolgschaft, al-”

“Stop!” schrie er und hielt Benn die Hand vor den Mund, damit er aufhörte weiterzusprechen. Doch Lucifer wusste, der Zauber hatte schon begonnen zu wirken. Tränen kullerten über seine Wangen, sein Herz schien aufzuhören zu schlagen. Bitte nicht. Alles, aber nicht das. Benn hatte gerade sein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Sein Todesurteil und tausend Jahre in Gefolgschaft des Teufels, verdammt dazu, über die Meere zu segeln, den Verzweifelten Hoffnung zu geben und sie durch zu hohe Preise wieder zu rauben. Alles, nur nicht das.

Immer noch hielt er Benn die Hand vor den Mund, als er, durch seine Tränen hindurch sprach. “Jeder sucht sich seinen Preis selbst aus. Du hast ihn dir gerade ausgesucht.” Langsam ließ er die Hand sinken, schluchzte. “Es tut mir Leid.”

Erkenntnis schien Benn aufzugehen, denn er fuhr sich zitternd durch die Haare. Fluchte leise als er in den Knoten hängen blieb. Sie sind lang geworden, die schwarzen Haare, stellte er irgendwo in seinem Hinterkopf fest. Es stand dem Mann gut.

“Lucifer…,” murmelte Benn, der ihn musterte, dann die Augen zusammen kniff. Er nickte bloß. Die Stimme hatte ihn verlassen, seine Tränen unaufhörlich fließend. “Du bist immer mein Freund gewesen. Warst immer da. Seit ich fünf bin.” Benn konnte sich also wirklich erinnern? Er konnte es nicht fassen und der Schock ließ seine Tränen versiegen. Mit einer eleganten Bewegung rutschte Benn von dem Stuhl, auf dem er saß und setzte sich neben ihn auf den Boden. Griff nach seiner Hand. “Ich weiß, dass du das warst. Du hast mich immer durch meine Verzweiflung geleitet. Ohne dich wäre ich nicht hier. Ich habe keine Angst vor tausend Jahren mit dir. Ich habe auch keine Angst vor dem Tod. Nur ein Leben ohne Shanks zu führen, davor habe ich riesige Angst.” Benns Stimme stockte und er schaute wieder zu seinem Kapitän, der immer noch leblos auf dem Bett lag. In Benns Blick war so viel Liebe, dass es ihm fast das Herz brach. Wusste er nicht was es hieß, tausend Jahre mit ihm zu leben? Das waren tausend Jahre ohne seinen Kapitän. Tausend Jahre ohne seine große Liebe. So sehr er es sich auch wünschte Benn bei sich zu haben, das konnte er ihm nicht antun. Niemals. Aber es lag nicht an ihm diesen Pakt zu besiegeln.

“Mein Leben für seins. Wenn er lebt, lebe ich auch. Wenn er Schmerzen hat, fühle ich sie auch.” Seine Augen wurden groß, bei Benns Worten. Das war verrückt. So verrückt. Aber der Zauber der ihn umgab schwirrte und schrieb sich in die Planken des Schiffes ein. “Solange Shanks lebt, werde ich für ihn da sein, bis er stirbt. Und dann sterbe ich auch. Danach trete ich meine tausend Jahre mit dir an.” Ohne das er es wissen konnte, fasste Benn nach dem Armstumpf Shanks’ und benetzte seine Hand mit Blut. Rot glänzte es auf seiner Haut, als er sie ihm hinhielt. “Ich werde ihn wiedersehen. Daran zweifle ich keine Sekunde. Bitte, tu es auch nicht.”

Nickend und unfähig etwas zu sagen, schlug Lucifer seine Hand in Benns. Der Pakt war besiegelt. Shanks würde überleben und doch schien die Verzweiflung immer noch da zu sein. Sie zog in sein Herz und nistete sich dort ein. Denn auch wenn Benn mit dem Preis einverstanden zu sein schien, für Lucifer war er zu hoch. Sein Leben lang hatte er Benn beschützen wollen und nun hatte er ihn zu tausend Jahren Verzweiflung verdammt. Irgendwas in ihm brach bei dem Gedanken.

***


Wie lange er so dasaß, seine Hand in Benns, wusste er nicht. Doch irgendwann regte sich Shanks in seinem Bett und während Benn abgelenkt war schlüpfte er hinaus. Danach würde Benn ihn nicht mehr sehen, das wusste er und doch. Bald, in sechzig, vielleicht siebzig Jahren, wenn Shanks und Benn Glück hatten, würde er auf ihn warten müssen, damit Benn mit ihm - dem Teufel - umherzog, um zu versuchen Verzweiflung in Hoffnung zu verwandeln. Eine trostlose Aufgabe. Denn die Verzweiflung schien meist zu siegen.

Vor der Tür wartete immer noch sein alter Freund und zog ihn an sich, als er die steinerne Miene sah. “Was ist passiert, Lucifer? Ich kann fühlen, dass du einen Pakt besiegelt hast. Es zieht mich nicht mehr zu dem Rothaar. Warum so traurig?”

Ein trockenes Schluchzen kam über seine Lippen und er vergrub sein Gesicht in die starke Brust. Kälte durchdrang seinen Körper, doch er beachtete es nicht. Die Nähe tat gut, war ein Leuchtfeuer in dieser endlos dunklen Nacht. “Tausend Jahre mit mir. Sein Preis. Tausend Jahre mit mir und sein Leben gebunden an seinen Käpt’n. Sie werden beide zusammen sterben, doch Shanks wird weiterziehen und er bleibt hier. Tausend Jahre ohne seine Liebe. Wie kann ich ihm das antun? Wie kann ich nur? Ich dachte immer ich würde mich freuen, wenn jemand an meiner Seite ist.” Er drückte sich weg und schaute in das vertraute Gesicht des Todes. “Ich war so lange allein und wollte immer jemanden, der bei mir bleiben kann. Du bist mein einziger Weggefährte und auch dich sehe ich viel zu selten. Tausend Jahre. Warum hasse ich mich dafür?”

Mit sanften Bewegungen strich der Tod ihm über den Kopf, strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht und fing eine Träne auf, die ihm über die Wange kullerte. Sanft umfassten seine Hände sein Gesicht, damit er seinen Freund anschauen musste.

“Lucifer. Du nimmst die Verzweiflung und lässt Hoffnung da. Seit so vielen Jahren lebst du dieses Leben schon. Ist dir nie bewusst geworden, dass du die Preise einsammelst? Dass du diese Schätze hortest, bis du sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgeben kannst? Überleg, was der Preis seines Vaters gewesen ist.”

Die Worte drangen durch ihn durch, bis tief in seine Seele. Nie würde er den Tag vergessen, als er Benns Mutter gerettet hatte. “Die Liebe zu seinem Sohn, für das Leben seiner Frau,” murmelte er und doch schien er damit nichts anfangen zu können. Es hatte Benns Kindheit zur Hölle gemacht. Nichts weiter. Wie hätte er das seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben sollen? Wer war überhaupt der rechtmäßige Besitzer? Es ging ihm nicht auf. Doch der Tod schüttelte nur den Kopf, wie als stünde er vor einem kleinen Kind, dass seine Ausführungen nicht verstand.

“Die Liebe zu seinem Sohn. Du gibst diese Liebe Benn zurück. Deswegen tut es dir so weh. Weil du ihn liebst.”

Doch anstatt ihn zu beruhigen, schafften es die Worte, dass die Verzweiflung erneut über ihn zusammen schlug wie eine Welle. Mit großen Augen schaute er den Tod an. Den ach so weißen Tod, der so viel älter war als er und viel mehr gesehen hatte, auch wenn er selbst schon tausende über tausende Jahre alt war. “Aber ich liebe ihn nicht wie einen Vater,” hauchte er. Denn dass er Benn liebte, das konnte er einfach nicht mehr leugnen. Doch der Tod lachte nur und verwuschelte seine schwarzen Locken.

“Natürlich nicht, Lucifer. Du bist ja auch nicht sein Vater.”

Mit diesen Worten wand der Tod sich zum gehen und ließ ihn allein in seiner Verzweiflung und seiner Verwirrtheit zurück.

***


Tage vergingen. Tage vergingen, in denen Shanks’ Zustand immer besser wurde. Sein Fieber klang ab, seine Kraft kehrte zurück und bald schon war vergessen, dass er jemals so nah an der Schwelle zum Tod gestanden hatte. Tage vergingen auch, in denen Benn und Shanks sich daran gewöhnten, dass sie sich ihre Schmerzen teilten. Oft griff sich Benn an die Schulter, wenn Shanks sich ein Hemd überstreifte, bis dieser lernte keine ruckartigen Bewegungen mehr zu machen, um seinen verheilenden Stumpf zu schonen. Er wurde umsichtig in allem was er tat. Hatte Shanks früher gerne seinen eigenen Körper eingesetzt, um sein Ziel zu erreichen, überlegte er jetzt ob es das wert war, seinen Vize-Kapitän und Partner dafür zu verletzen.

Tage vergingen und er bekam all diese Kleinigkeiten mit, weil er immer noch auf der Red Force verweilte, obwohl er wusste, dass er gehen sollte. Gehen musste. Er hatte eine Aufgabe und doch, sein Körper gehorchte ihm nicht. Stattdessen wanderte er ziellos durch die Gänge, bis er jede Ecke des Schiffes auswendig kannte. Niemand hielt ihn auf. Niemand beachtete ihn, weil keiner ihn sehen konnte. Noch nie hatte er sich so alleine gefühlt. Noch nie war er so verzweifelt gewesen. Mit jedem Tag der verging, schlich sich die Verzweiflung ein Stückchen mehr in seinen Körper. Er hatte Benn, den Mann, den er liebte, an sich gefesselt und er würde ihn für tausend Jahre von Shanks trennen. Benn hatte ihn einen Freund genannt, doch er wusste, wenn es so weit war würde er ihn hassen. Dieses Szenario wollte nicht aus seinem Kopf.

Immer weiter vergingen die Tage, Sonnenaufgänge folgten Sonnenuntergänge und er streifte durch die Gänge, die Verzweiflung wie ein Gewand, das er nicht ablegen konnte. Zu oft kam er an Benn vorbei, passierte ihn, ohne dass der Andere ihn bemerkte. Auch Shanks nahm keine Notiz von ihm. Wie hätte es auch anders sein sollen? So achtete er nicht darauf, als er den Beiden wieder einmal in einem der vielen Gänge der Red Force begegnete und er achtete auch nicht drauf, als er sich an Benn vorbei schob und diesen streifte. Sein Ziel war der Kartographieraum, ein Raum in den er sich verliebt hatte.

Er liebte den Geruch von frischer Tinte und altem Papier. Dieser schien so präsent wie der abgestandene Rauch von Benns Zigarettenmarke, die er immerzu rauchte. Sie vermischten sich hier, in diesem Raum und weil er meist nur von Benn oder mal Shanks betreten wurde, herrschte meist Ruhe. Ruhe, die er brauchte, um nachzudenken, auch wenn Nachdenken mit jedem Tag schwieriger wurde.

Es war ihm klar, dass er nicht länger hier bleiben konnte. Er hatte eine Aufgabe zu erledigen und obwohl er nicht mit sich und seiner Situation zurecht kam, hatte er sich ein Limit gesetzt. Zwei Wochen. Diese zwei Wochen waren morgen rum. Es würde das letzte Mal sein, dass er die Tür öffnete und sich in den Stuhl fallen ließ. Das letzte Mal, dass er sich seiner Scham und Trauer bedingungslos hingeben konnte, bevor er den Mantel der Verzweiflung ablegen musste, um wieder er selbst zu sein.

Mit einem leisen Klicken öffnete er die Tür, schaute das so vertraute Holz, die Karten, die Utensilien an, die ordentlich auf dem Tisch lagen. Alles an seinem Platz. Benn war schon immer ein ordentlicher Mensch gewesen. Er hatte es sich angeeignet, um seinen Vater nicht zu erzürnen. Noch etwas, dass sich auf sein Konto zurückführen ließ. Nichts worauf er stolz war. All die Preise, er hatte immer gewusst, dass die meisten Menschen zu hoch stapelten. Aber tausend Jahre mit ihm, dass war ein Preis von dem er wusste, dass Benn ihn nicht würde ertragen können.

Müde ließ er sich auf den Stuhl sinken, zog die Beine an und verdeckte sein Gesicht mit seinen Händen. Obwohl ihn niemand sehen konnte versteckte er seine Tränen vor der Welt. Vielleicht aber auch nur vor sich selbst.

Er merkte nicht, dass die Tür erneut aufging und zwei Gestalten eintraten. So gefangen war er in seiner Trauer und Verzweiflung, dass erst das geflüsterte “Lucifer” ihn aus seiner Trance riss. Erschrocken riss er den Kopf hoch und die Augen auf. Seine tränennassen Augen fielen auf den besorgt wirkenden Benn und Shanks, der einfach nur den Kopf schüttelte. Aber…?

“Ich wusste, dass du hier bist,” murmelte Benn erneut, der mit schnellen Schritten den Tisch umrundete. “Ich hab dich die ganze Zeit gespürt. Du hast mich vorhin gestreift.” Doch erst als er in die starken Arme gezogen wurde, erst als er den Kontakt auch wirklich fühlte, realisierte er, dass sie ihn wirklich wahr nahmen. Ergeben gab er sich der Umarmung hin und vergrub sein Gesicht in den rauen Stoff des Shirts, das Benn anhatte. Tränen durchtränkten das Material, bis er keine mehr weinen konnte. Er fühlte sich vollkommen leer.

Erst als die letzte Träne versiegt war, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Ohne Vorankündigung drückte er Benn von sich, so fest, dass dieser ihn irritierte anschaute. Jedoch ließ er sich nicht vollkommen verscheuchen. Immer noch stand Benn vor ihm, bereit jederzeit einzugreifen, was auch immer kommen möge. Das verraten seine Augen, diese graublauen Augen die er so liebte und die ihn entschlossen anschauten. Alles in ihm drehte sich.

“Warum könnt ihr mich sehen?” fragte er mit erstickter Stimme. “Ihr seid nicht verzweifelt. Niemand hier ist verzweifelt, ihr dürft mich nicht wahrnehmen. Warum…?” Die Worte schossen nur so aus ihm heraus und für einen kurzen Augenblick fragte er sich wirklich, ob es möglich war sich und sein Wesen kaputt zu machen. War er kaputt gegangen?

Sein Gedankengang wurde jedoch unterbrochen als Shanks ihn neugierig musterte und dann den Kopf leicht schief legte. Dabei fielen ihm rote Strähnen in die Augen und zum ersten Mal realisierte Lucifer, dass der Strohhut einfach fehlte. Es dauerte, bis er Shanks’ Worte wirklich in sich aufnahm.

“Ach so ist das. Jetzt macht das Sinn,” murmelte Shanks und ließ sich dann, völlig unpassend für den Moment, zu einem Grinsen hinreisen. Es war so irrwitzig, dass er energisch den Kopf schüttelte.

“Nein, nein, gar nichts macht Sinn,” rief er aus. Seine schwarzen Locken schwappten um seinen Kopf, seine Augen fingen wieder an zu tränen. Es war alles falsch. Alles. “Ihr seid nicht verzweifelt. Sagt mir, dass ihr nicht verzweifelt seid.”

Die Worte, gefüllt mit Angst, ließen Shanks’ Grinsen zu einem liebevollen Lächeln werden und von einem Moment auf den nächsten lag ein Arm um seine Schulter, hielt ihn. Von unten schaute er Benn an, der sich neben ihn gestellt hatte. Seine Stimme klang beruhigend. “Natürlich sind wir nicht verzweifelt.”

“Nein, wir sind es nicht,” hakte jetzt auch Shanks ein, der vor den Schreibtisch getreten war und sich gegen diesen lehnte. “Aber du bist es.”

Die Worte hallten durch ihn, wie durch einen leeren Raum. Das Echo tönte in seinem Kopf, immer und immer wieder. Verzweiflung ließ ihn sichtbar werden. Er hatte nur nie daran gedacht, dass dazu auch seine eigene gehören könnte. Auch Benn schien den Schlüssen seinen Kapitäns gefolgt zu sein, denn er ließ ihn los. Stattdessen kniete er sich vor ihm hin, nahm seine Hand und lächelte ihn an.

“Ich kann mit dem Preis leben, Lucifer.” Benns Worte waren so ehrlich, so offen, dass es ihm die Sprache verschlug. Für einen Moment war da nur er und Benn, und ihre Hände die sich berührten. Dann glitt sein Blick zu Shanks, der dem Schauspiel seelenruhig zuschaute und er zog seine Hand weg. Schuld. So viel Schuld nahm ihn ein.

“Nein,” sagte er leise. “Du weißt nicht wie lang tausend Jahre sind. Auch wenn du es vermutlich niemals zugeben würdest, weil du ein zu loyaler, gutmütiger Mensch bist, aber du wirst mich hassen.” Tränen stiegen erneut in ihm auf, glitzerten in seinen Augenwinkeln. “Ich würde es nicht ertragen, wenn du mich hasst.”

Eine einzige Träne kullerte über seine Wange, die Benn sanft wegwischte. “Warum sollte ich dich hassen?”

Ohne ein Wort zu sagen fiel sein Blick wieder auf Shanks, der immer noch stumm, wie ein Beobachter, daneben stand. Benn folgte dem Blick. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und es schien als würden sich Kapitän und Vize stumm unterhalten. Ohne das er es wollte, fühlte er sich unendlich einsam. Was hatte er nur getan?

Dann jedoch endete die stille Unterhaltung und Shanks kam um den Schreibtisch herum, bis er vor ihm stand. Seine Aura hatte sich verändert, war dunkler und mystischer geworden. So undurchschaubar, dass selbst er sie nicht zu fassen bekam, obwohl er schon tausende Jahre Übung darin hatte Menschen zu studieren. Es ließ sein Herz schneller schlagen.

“Weißt du,” meinte Shanks beiläufig, “Ich habe mir den Teufel immer anders vorgestellt. Konnte es nicht glauben, als Benn mir erzählt hat, dass der süße Barkeeper von damals der Grund ist, warum ich noch lebe.” Ein Schauer zog sich über seinen Rücken, der noch stärker wurde, als Shanks sich zu ihm herunter beugte, den Mund nah an seinem Ohr. Zu nah an seinem Ohr. Warum klopfte sein Herz wie wild? “Ich hatte Hoffnung dich an dem Abend wieder zu sehen. Wollte mich bei dir bedanken. Jetzt ist mir natürlich klar, warum das nicht ging. Unsere Verzweiflung war weg, habe ich Recht?”

Er nickte einfach nur und die Bewegung machte ihm gewahr, dass Shanks’ rote Haare sanft seinen Hals kitzelten. Vor ihm saß immer noch Benn, seine Hand haltend, der ihn sanft anlächelte. Was passierte hier?

Elegant glitt Shanks’ Hand über seine Kehle, während er den Stuhl umrundete und dann hinter ihm stand. Erneut beugte er sich vor, sein Mund viel zu nah an seinem Ohr. “Du hast Recht. Tausend Jahre ohne meinen Vize, meinen Mann, sind lang. Viel zu lang.” Shanks’ Hand strich über seine Schulter, unter den Kragen seines Hemdes und streichelte die Haut, die immer heißer wurde. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass Shanks Pirat war. Dass er hier auf einem Piratenschiff war. Dass dieser Mann unberechenbar war, wenn es um seine Mannschaft ging. Nicht, dass er sterben konnte. Aber das hier …

“Gut, dass du der Teufel bist,” flüsterte Shanks direkt in sein Ohr und mit einem Ruck krampfte sich alles in ihm zusammen. Er krümmte sich nach vorne, zog seine Hand aus Benns und ballte sie schmerzhaft zu Fäusten.

“Ich kann den Preis nicht zurückgeben,” presste er hervor und erneut war die Verzweiflung in seinem Herzen so stark, dass sie ihn schier niederzudrücken schien. Von unten hörte er Benn zischen und merkte wie dieser aufstand.

“Musste das sein?” herrschte er Shanks an, doch dieser hob nur achselzuckend und mit einem Grinsen im Gesicht seine Hand. Unschuldig sagte seine Geste. Dann griff er nach Benns Handgelenk und zog ihn zu sich. Im nächsten Moment lagen seine Lippen auf Benns und er küsste ihn stürmisch und leidenschaftlich. Nach einem kurzen Moment des Schocks gab Benn nach und ging ebenso leidenschaftlich darauf ein. Der Anblick durchschnitt sein Herz wie ein Messer. Zum einen weil er wusste, dass er das hier zerstören würde, zum anderen weil er so eine Liebe niemals haben würde. Nicht irgendeine und schon gar nicht Shanks’ oder Benns. Erneut keimten Tränen in ihm auf und er fühlte sich verraten und gedemütigt. Er musste hier weg.

Ohne darüber nachzudenken sprang er auf. Der Stuhl krachte auf den Boden und von Tränen getrübt, erahnte er mehr den Weg nach draußen. Den Weg weg von den beiden Menschen, die er zu sehr mochte und die ihn hier so ausschlossen. Weit kam er jedoch nicht, denn im nächsten Moment fühlte er zwei starke Hände, die ihn jeweils an den Handgelenken packten. Er zog und zerrte, doch befreien konnte er sich nicht. Ein Lachen unterbrach sein aussichtsloses Vorgehen.

“Hör auf damit, Lucifer.”

Auf einmal war da Wut und er drehte sich um. Es erstaunte ihn noch nichtmal, dass er gelassen wurde. Was ihn erstaunte war, das sowohl Benn wie auch Shanks ihn festgehalten hatten. Er wollte etwas sagen, wollte schreien und wüten, doch bevor er überhaupt etwas über die Lippen brachte zog Benn ihn an sich. Seine Arme umschlungen ihn, griffen nach seinem Kinn und im nächsten Moment fühlte er raue Lippen auf seinen.

Es dauerte kurz, bis er realisierte, was hier passierte, doch dann ließ er sich in den Kuss fallen. Ohne darüber nachzudenken gab er alles zurück, was Benn ihm schenkte, küsste und küsste, zog ihn an sich, bis er keine Luft mehr bekam und alles sich drehte.

“Lass mir auch noch was übrig,” kam es lachend von weiter Ferne und dann war der Kuss vorbei. Keuchend schaute er Benn an, der ebenfalls leicht keuchte. Rot überzog seine Wangen, seine Augen funkelten und mit einem spitzbübischen Grinsen murmelte Benn nur, “Ich geb dich nicht her.”

Er wusste nicht was sagen und blieb einer Antwort erspart, weil Finger spielerisch über seinen Nacken strichen. In Benns Armen drehte er sich, bis er Shanks gegenüber stand, der ihn, mit Benn zusammen, zu umgeben schien. Es fühlte sich an wie Feuer, als Shanks ihm über die Brust strich, jede Berührung zu viel.

“Wir können dir helfen. Ich kann dir helfen,” murmelte Shanks und schien noch näher zu rücken, als er eh schon war. In ihm schien sich etwas zu lösen. Das vertraute Gefühl kam auf, dass den Beginn eines Paktes ankündigte. Was tat dieser Mann hier? “Tausend Jahre mit dir, mit Benn. Zusammen. Er, du und ich. Nach unserem Tod.”

Ein Keuchen entfuhr ihm. Ihm war heiß und kalt zugleich und sein ganzer Körper zitterte. Ob es nun den Worten zu Schulden war oder der Art, wie Shanks über sein Schlüsselbein, seinen Hals strich, konnte er nicht sagen. Es war wahnwitzig, diese Situation und doch passierte sie.

“Ein Preis,” murmelte er und Shanks lachte kurz auf.

“Richtig, ein Preis. Ein Preis, den ich mir selbst aussuchen darf.” Er nickte erneut und Shanks grinste. Seine Augen funkelten diabolisch dabei und erneut beugte Shanks sich vor, so dass der Atem über seine Haut wanderte. “Nach ihrem Tod folgt meine Crew uns, bis wir unsere tausend Jahre abgearbeitet haben. Danach sind alle Rothaarpiraten frei. Und -” Shanks stockte kurz, löste sich von seinem Hals und schaute ihm in die Augen. Die Welt schien kurz still zu stehen. “Du wirst ein Rothaarpirat.”

Im nächsten Moment lagen erneut Lippen auf seinen. Mit einer unbändigen Gier küsste Shanks ihn, schien ihn förmlich aufsaugen zu wollen. Bereitwillig ließ er sich darauf ein und dass ihm in die Lippe gebissen wurde, realisierte er es erst, als er sein eigenes Blut schmeckte. Blut...

Der Pakt war geschlossen, der Zauber hatte sich in sein Herz geschrieben. Als er sich von Shanks löste, realisierte er, dass etwas verschwunden war. Seine Verzweiflung war weg. Alles was geblieben war, schien Liebe zu sein. Mit großen Augen schaute er von Shanks zu Benn und dann zurück zu Shanks. Er fühlte sich, als hätte er eben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und als die Berührung langsam verblasste und er Shanks nicht mehr spüren konnte, realisierte er, dass dem so war. Seine Verzweiflung war weg. In ein paar wenigen Augenblicken würden Shanks und Benn ihn nicht mehr sehen können.

“Nein,” rief er, griff nach Benn, der neben sie getreten war und griff doch ins Leere. Aber das Lächeln in den Gesichtern den zwei Männer blieb. Tränen kullerten über seine Wange, aber sie waren weich. Gezeichnet von etwas anderem, was er bis dahin nicht gekannt hatte.

“Bis in sechzig, siebzig Jahren, Lucifer,” murmelte Benn und griff nach Shanks’ Hand. Dieser bot sie ihm bereitwillig. “Wir sehen dich dann wieder.”

***


Sie waren alt geworden, Shanks und Benn. Keine sechzig Jahre waren vergangen, aber fast. Neben ihm stand sein ältester Freund, der Tod, mit seinen braunen Augen, seiner dunklen Haut und den weißen Haaren. Das Gesicht zierte ein erwartungsvolles Lächeln, als er mit ihm zusammen darauf wartete, dass sie ihren letzten Atem aushauchten.

“Ich freue mich für dich, weißt du das?” sagte der Tod nach einer Weile und er schaute zu ihm. “Du warst so lang allein, bis du diese zwei Menschen getroffen hast. Sie haben dich befreit. Nur muss ich mich wohl jetzt daran gewöhnen, dass du in tausend Jahren bald nicht mehr an meiner Seite sein wirst.”

Die Stimme klang wehmütig und kurz schluckte er. Sein Blick fiel auf die sterbenden Männer, die er bald in seine Arme schließen konnte. Noch nicht jetzt, aber gleich. Ohne darüber nachzudenken schlang er ein Arm um die Taille seines Freundes. Stieß ihn leicht in die Seite.

Hinter ihnen thronte prächtig eine Nachbildung der Red Force. Mitglieder der Rothaarpiraten, die schon vor Kapitän und Vize gegangen waren und nun auf sie warteten, hatten ihm geholfen sie zu bauen. Für seine Welt. Ihre Welt, die Welt die ihre sein würde, für tausend Jahre. Es war ihr Zuhause.

“Weißt du,” meinte er spitzbübisch und dachte daran, wie anders es sein würde, wenn Shanks und Benn nun bei ihm waren. Sie wussten immer einen Ausweg. Mit leuchtenden Augen schaute er dem Tod ins Gesicht. “Ich habe tausend Jahre um dich zu einem Rothaarpiraten zu machen. Vergiss nicht, tausend Jahre sind eine lange Zeit.”

Das Lachen seines ältesten Freundes begleitete ihn, während Shanks und Benn friedlich einschliefen, nur um in seiner Welt wieder aufzuwachen. Mit einem Freudenschrei rannte er auf sie zu und umarmte sie.

Teufel nannten sie ihn. Teufel würden sie ihn noch tausende über tausende Jahre nennen. Doch er war so viel mehr als das. Er war ein Lichtbringer, der Morgenstern am schwarzen Firmament. Er war ein Hoffnungsträger. Er war Lucifer, ein Rothaarpirat.
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