Komm schließ die Augen, glaube mir, wir werden fliegen

GeschichteAllgemein / P16
15.08.2019
10.09.2019
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„Klopf, klopf“

Überrascht riss sie die Augen auf als sie Susannas Stimme von unten hörte. Schnell fasste sie sich und ging hinab. Wie war die Frau herein gekommen? Besaß sie etwa einen Schlüssel?

„Guten Morgen“, grüßte Skala freundlich.

„Ah, wie schön dass Sie schon wach sind. Ich bin hinten herum hinein. Die Tür vorne scheint zu klemmen.“

So wie Susanna es sagte wusste sie genau, dass die Tür nicht klemmte.

„Kann ich etwas für Sie tun? Ich fürchte die Bar hat noch nicht geöffnet.“

Es gab wie zu erwarten das alberne Lachen: „Wie lustig Sie sind. Ich wollte fragen ob Sie einen Tee mit mir trinken möchten? Engländerinnen trinken doch Tee oder nicht?“

„Ich bevorzuge Kaffee.“, und für einen Kaffee würde sie sogar Susannas Gerede und ihre dummen Vorurteile ertragen.

„Oh“, ehrlich verwirrt blinzelte Susanna sie an „Oh, kein Problem. Ich habe natürlich auch Kaffee. Mit Milch und Zucker?“

„Am liebsten schwarz.“, so süß sie konnte lächelte Skala. Sie würde den Kaffee bei ihr trinken, sich höflich mit ihr unterhalten und dann alles einkaufen, damit sie nicht wieder zu ihr hinüber musste.

„Wie ungewöhnlich. Sie sehen gar nicht aus wie jemand der schwarzen Kaffee trinkt.“

„Trinken Sie mit Milch und Zucker?“ Skala fragte sich warum sie dieses absurde Gespräch führten.

„Oh nein, ich trinken meinen Kaffee schwarz. Aber ich bin ja auch Amerikanerin.“

„Ich verstehe.“ Sie verstand gar nichts aber sie folgte Susanna in ihr Geschäft denn sie brauchte ganz dringend einen Kaffee. Wenn sie gewusst hätte, dass vier von Susannas Freundinnen bereits auf sie warteten wäre sie freiwillig in den Keller geflüchtet.

„Das sind meine Freundinnen Mildred, Abby, Samantha und Andrea. Wir treffen uns jeden Morgen zum Kaffee trinken. Mädels, dass ist Marys Enkelin aus England.“

„Wie schön, dass sie hier sind. Herzlich Willkommen. Wir haben Tee für Sie gekocht.“

Wer das war, der das sagte wusste Skala nicht aber so langsam verrutschte ihr lächeln.

„Sie trinkt Kaffee.“, kam es von Susanna gleich wichtigtuerisch.

„Wirklich?“, erstaunt sahen alle vier Frauen sie an. Nur Susanna tat so als wäre es eine Selbstverständlichkeit dabei hatte sie bis vor zwei Minuten selbst noch wie Schaf geschaut. Skalas Wangen fingen an weh zu tun vom krampfhaften Lächeln. Sie setzte sich auf einen freien Stuhl und klammerte sich an ihre Kaffeetasse wie ein Ertrinkender an den Rettungsring.

„Und werden Sie die Bar wieder eröffnen?“

„Ich denke nicht.“, genussvoll nahm sie einen Schluck. Er war nicht so kräftig wie sie es mochte aber sie wollte sich nicht beschweren. Erst als sie die Augen wieder öffnete sah sie die betroffenen Blicke der Damen.

„Und . . . . wieso nicht?“

„Warum sollte ich?“, verwirrt sah sie die Frau mit den kurzen braunen Haaren an und fragte sich welche der vier das war.

„Nun ja, als Lebensunterhalte dachte ich. Und das Dorf würde sich auch sehr freuen. Es ist die einzige Bar und so etwas wie ein Treffpunkt.“

„Aha.“, sie trank einen Schluck und sah unbekümmert in die Runde. Auf gar keinen Fall würde sie die Bar wieder eröffnen. Sie war keine gelernte Barfrau und zum Glück hatte Granny in England ihr mehr als genügend Geld hinterlassen. Ein willkommenes Erbe für das sie nichts zu tun musste außer es anzunehmen und dabei war Granny nicht ihre leibliche Großmutter gewesen. Außerdem wollte sie sich nicht mit Horden von betrunkenen Cowboys rumärgern müssen.

„Und ähm, was haben Sie so in England gemacht? Beruflich meine ich.“

„Ich habe noch studiert.“, der Gedanke betrübte sie und sie wollte weiß Gott nicht darüber reden. Mit Herz und Seele hatte sie ihr Studium verfolgt, war Jahrgangsbeste und beliebt bei ihren Kommilitonen und Dozenten aber dann war Granny gestorben, ihre wichtigste Bezugsperson im Leben und ab da war sie in ein tiefes Loch gefallen. Und dieses Loch hatte sie bisher nicht verlassen bis das andere Testament sie nach Texas brachte.

„Oh, bestimmt an so einem schicken Privat College nicht wahr? Hoffentlich verpassen Sie durch Ihre Zeit hier nicht allzu viel von Ihrem Studium. Was sagten Sie noch gleich studieren Sie?“

„Ich sagte gar nichts.“, schoss sie ungewohnt scharf zurück. Sie würde nicht über dieses Thema reden, nicht für allen Kaffee der Welt. Sofort war die Stimmung bedrückt so dass sie eilig ihren Kaffee austrank. In Gedanken suchte sie nach einem Grund sich zu verabschieden als ein älterer Herr in die Küche marschiert war.

„Guten Morgen die Damen“, er tippte sich an seinen braunen Cowboy Hut „ich suche Marys Enkelin. Ihr Wagen ist da.“

„Das bin ich.“, erleichtert hüpfte sie vom Stuhl und wollte die Tasse in die Spüle stellen aber Susanna riss sie ihr förmlich aus der Hand. Hastig bedankte sie sich für den Kaffee und folgte dann den Mann hinaus. Vor ihrer neuen Bleibe stand ein alter, rostiger Pick-up den sie für ihre Zeit hier gekauft hatte. Natürlich hätte sie sich auch einen Wagen mieten können aber der Kauf war einfacher. Eigentlich hatte sie ein kleines, umweltschonenderes Auto kaufen wollen aber das hier was einzige akzeptabel, dass es im näheren Umkreis gab. Sie stellte sich dem Mann kurz vor der sich seinerseits nur als Jim vorstellte und zusammen gingen sie zum Wagen.

Das Getuschel der Frauen hinter sich hörte sie noch. Genervt verdrehte sie die Augen. Es konnte doch nicht wahr sein, dass der Kauf eines Wagens hier schon für Gesprächsstoff sorgte. Immerhin hab es hier Fernsehen und Radio, man musste sich nicht den Mund über andere zerreißen. Jim erklärte ihr kurz die wichtigsten Funktionen an dem Wagen und wies sie noch einmal darauf hin, dass hier in Amerika Rechtsverkehr herrschte. Skala hatte sich Zuhause schon längst mit dem Verkehrsregeln und dem Auto beschäftigt aber sie hörte geduldig zu. Anschließend unterschrieb sie ein Formular und schon hielt sie Schlüssel in ihren Händen. Eilig ging sie hinein, schnappte sich ihre Tasche und setzte sich die Sonnenbrille auf. Dann schloss sie sorgfältig vorne und hinten die Türen ab und setzte sich hinter das Steuer. Zunächst programmierte sie im eingebauten Navi ihre jetzige Adresse und dann fuhr sie los. Erst war es ungewohnt das Lenkrad auf der linken Seite zu haben zu haben aber sie gewöhnte sich schnell daran. Ohne Ziel fuhr sie drauf los erkundigte die Gegend aber viel gab es nicht zu sehen. Etwas außerhalb entdeckte sie durch puren Zufall einen riesigen Wallmarkt und sofort fuhr sie auf den Parkplatz. Neben einer neuen Kaffeemaschine und Fliegenschutzgittern versorgte sie sich auch ausreichend mit Lebensmitteln, Handtüchern, Bettwäsche, einen Teppich und allem möglichen an Kissen und Decken, Vorhängen, Ausstattung fürs Bad und die Küche. Zufrieden schnappte sie sich ihre Schätze und schleppte in ihrem neuen Zuhause alles unter den neugierigen Blicken der Nachbarn nach oben.

Doch bevor sie sich daran machte ihre neuen Wohnräume gemütlicher herzurichten nahm Skala all ihren Mut zusammen und öffnete die Kellertür. Kalter Angstschweiß rann ihr den Rücken hinab als sie das dunkle Loch sah in dem sie enden sollte. Vor ihrem inneren Auge sah sie noch ein letztes Mal das fröhliche Lachen ihrer Mutter bevor diese das Gleichgewicht verlor und die Treppe runter stürzte. Die rote Blutlache die sich unter ihrem Kopf ausbreitete würde Skala nie wieder vergessen können.

Schnell schüttelte sie den Kopf um die schrecklichen Erinnerungen loszuwerden. Dann probierte sie den Lichtschalter aus aber wie zu erwarten blieb er dunkel. Immerhin war sie so schlau gewesen sich im Wallmarkt mit Taschenlampen einzudecken. In jeder Hand eine Taschenlampe leuchtete sie zunächst die Treppe ab und dann in den dunklen Raum hinein. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals als sie Schritt für Schritt die alte Holztreppe hinunter ging die auch noch bei jedem Schritt schaurig knarzte. Ihr Finger waren vom kalten Angstschweiß ganz feucht und zitterten aber sie schaffte es die richtigen Sicherungen einzudrehen und sofort ging auch das Licht im Keller an. Erleichtert atmete sie aus und zuckte dennoch unbewusst als ihr Blick zu Treppe fiel aber es lag niemand tot in einer Blutlache an ihrem Ende. Zügig ging sie nach oben und löschte das Licht bevor sie die Kellertür schloss. Skala war unglaublich stolz auf sich und atmete tief durch. Als sie sich umdrehte schrie sie laut auf als sie bemerkte, dass sie nicht mehr alleine war.
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