Mama, ist das Ulis Grab?

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Janna-Berta OC (Own Character) Uli
14.08.2019
14.08.2019
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Hallo^^,
schön, dass dich die Kurzgeschichte angesprochen hat und du diesen OneShot lesen möchtest.
Ich habe das Buch „die Wolke“ dieses Jahr für die Schule lesen müssen. Es war ein wunderbares Erlebnis, den Text zu lesen, aber auch schrecklich traurig. Besonders schlimm war es für mich, Ulis Tod zu lesen und so wollte ich besonders dieses Ereignis in dieser Fanfiktion in den Vordergrund rücken. Ich hoffe, ich konnte Janna-Berta halbwegs authentisch rüberbringen, obwohl sie jetzt schon einige Jahre älter ist.
Viel Freude am Lesen wünsche ich dir und wenn du noch Zeit hättest, mir ein Review zu hinterlassen, würde mich das sehr freuen ;D.


~*~



„Mama?“ Der kleine Junge greift nach der Hand seiner Mutter. Sie zittert. „Mama?“, fragt er noch einmal. Er versteht ganz und gar nicht, was los ist.
Seine Mutter kniet sich vor den Grabstein. Er ist schon über und über mit Raps und anderem Unkraut bewachsen. Der kleine Uli reimt sich zusammen, dass dieses Grab wohl nicht mehr ganz frisch ist und wohl nicht oft besucht wird.
„Mama, von wem ist das Grab?“ Seine Mutter schaut endlich auf. In ihren Augen erkennt Uli glitzernde Tränen, er erschrickt sich und greift nach Janna-Bertas Hand. „Mama, warum weinst du?“
Sie schüttelt wehleidig den Kopf. Was dachte sie sich nur, mit Uli zum Grab ihres Bruders zu gehen? Sie ist noch nicht bereit dafür, das wird ihr jetzt erst wieder bewusst. Aber wenn sie früh sterben sollte – so wie es die Ärzte vorausgesehen haben – wer sollte sich dann noch an Uli, Kai und ihre Eltern erinnern? Uli ist bereit dafür, mit seinen acht Jahren wird er hoffentlich alles verstehen.
„Mein Schatz“, Janna-Berta streicht über den blonden Schopf, „habe ich dir schon einmal erzählt, dass es ein unglaubliches Glück war, dass ich dich bekommen konnte?“
Der Kleine schüttelt mit großen Augen den Kopf. Gespannt setzt er sich neben seine Mutter auf ein paar zertretene Rapspflanzen. Seine Mama hat überhaupt erst ganz selten über die Vergangenheit gesprochen. Janna-Berta legt ihm zärtlich den Arm um die Schulter. Uli kuschelt sich an ihren warmen Körper.
„Als ich ein bisschen älter als du war, hat es einen Unfall gegeben.“
„Einen Autounfall?“ Aufgeregt rutschte Uli hin und her.
„Nein mein Schatz, einen Atomunfall. Du weißt vermutlich nicht, was das ist, aber ein Atomunfall ist sehr gefährlich. Da werden Strahlen freigesetzt, die sehr schädlich für alle sind, die in der Nähe waren, als das Atomkraftwerk kaputt wurde. Das Haus, indem ich früher mit meiner Familie lebte, stand in der Nähe.“
Gedankenverloren streicht Janna-Berta mit ihren Fingern über den Stein, den sie einst dorthin stellte, wo ihr Bruder liegt. Ungeduldig fragt Uli, wie die Geschichte weitergeht.
„Meine Eltern waren zusammen mit meinem ganz kleinen Bruder Kai-”
„-nachdem ich meinem zweiten Namen bekommen hab.“
„Genau. Sie waren also mit meinem kleinen Bruder gerade nicht zuhause und als ich nach der Schule zuhause ankam – der Alarm, dass es einen Unfall gab, wurde während der Schulzeit gegeben – versteckte ich mich mit Uli im Keller. Nach der Anweisung von unserer Mutter nahmen wir dann aber die Fahrräder und fuhren durch den Straßenverkehr weg.“
„Warum darf ich nur im Garten Fahrrad fahren? Ich bin doch schon groß genug, auch auf Straßen zu fahren!“, beginnt Uli die Diskussion, die Janna-Berta schon so oft führen musste und von der sie immer Wutanfälle und Kopfschmerzen bekommt.
„Die Diskussion hatten wir schon! Ich werde meine Meinung nicht ändern.“
Uli mault ein bisschen herum, dann will er von seiner Mama aber wissen, wie es weitergeht.
„Also, du musst wissen, jeder wollte weit weg vom Unfall und deswegen waren die Straßen so voll, dass wir beide uns fast schon freuten, mit den kleinen Rädern unterwegs zu sein.“ Janna-Berta bekommt glasige Augen. „Irgendwann kamen wir bei diesem Hügel-” sie zeigt geradeaus auf einen grasbewachsenen Erdhaufen. Gespannt schaut sich ihr Sohn den kleinen Berg an. „-an und Uli fuhr hinauf, bremste nicht und fuhr blitzschnell auf der Seite, die wir sehen und wo eine Straße ist, hinunter und-” Tränen kullern über ihre Wangen, sie starrt auf das Grab, als sie mit dumpfer Stimme weiter redet, „-ein Auto kam und fuhr über ihn.“
Ulis Mund klappt auf. Sein Herz pumpert stark gegen seine Brust, als er seine Arme ganz fest um seine weinende Mama schlingt. Er hat nicht gewusst, wie der Uli, nachdem er benannt wurde, starb. Seine Mama hat nie etwas erzählt und er hat sich keine großen Gedanken darüber gemacht. Jetzt versteht er, warum er nicht mit dem Fahrrad auf der Straße fahren darf. Jetzt versteht er, warum seine Mama jedes Mal zusammenzuckt, wenn ein Auto zu schnell fährt.

Es dauert seine Zeit, bis der Schmerz in Janna-Bertas Brust nachlässt und sie weitersprechen kann. Dass es gut tut, sich endlich nach all den Jahren des Verdrängens auszusprechen, ist ohne Zweifel. Nachdem sie sich geschnäuzt hat, spricht sie weiter: „Ich wurde nach ein paar schrecklichen Stunden, in denen ich bei Leuten in Autos mitgefahren bin, in ein Krankenhaus für Opfer des Atomunfalls gekommen. Meine Haare sind mir ausgefallen, weil ich nicht ganz unbeschadet vom Unfall davon gekommen war und ich habe mitangesehen, wie Kinder um mich herum sterben.” Janna-Berta ist sich kurz nicht sicher, ob das alles nicht zu viel für ihren achtjährigen Sohn ist, doch dieser hängt an ihren Lippen und ist scheinbar noch so mitgerissen vom Tod seines Onkels, dass er die Hand seiner Mutter fest umklammert hält. Glücklich, ihn zu haben – trotz der Bedenken der Ärzte, sie könnte wegen der Strahlen die sie getroffen haben keine Kinder bekommen,  
vor allem keine gesunden und trotz der ungewollten Schwangerschaft – gab sie Uli einen Kuss auf den Scheitel. Er ist zusammen mit ihrem Mann, der immer für sie da ist, ihr ein und alles. Die Gedanken, dass es nicht fair ist, dass sie so ein glückliches Leben führen darf und ihrer restlichen Familie dies verwehrt wurde, kommen trotzdem immer wieder. Sie hofft, diese Aussprache wird ihr irgendwie helfen.
„Irgendwann kam dann meine Tante Helga und hat mir erzählt, dass meine Eltern und Kai auch tot waren.“ Ihr kommen wieder die Tränen, aber sie redet schnell weiter. Uli streichelt seiner Mama tröstend über die Wange, er kann nicht glauben, was seine Mutter schon Schreckliches miterlebt hat. „Ich bin mit Tante Helga nach Hamburg, habe dort Elmar – einen alten Schulkollegen, der ein ähnliches Schicksal wie ich gehabt hat – getroffen und schließlich, nach vielen Streits mit Tante Helga und der erschütternden Neuigkeit, dass sich Elmar das Leben genommen hat, bin ich zu Almut, einer weiteren Tante abgehauen.“
„Warum hat sich Elmar selbst getötet?“, fragt Uli, der den letzten Rest des Satzes gar nicht mehr richtig mitbekommen hat.
Janna-Berta beginnt leicht zu zittern, als ihr Elmars Gesicht wieder in den Sinn kommt. „Elmar war früher derjenige, der alles im Griff hatte, nach der Katastrophe hat er keine Freude mehr gehabt. Er hat seine Familie verloren, seine alte Heimat, alles, was ihm lieb war und seinen Lebensmut. Es wurde ihm alles zu viel und dann hat er sich umgebracht.“ Janna-Berta schaut schnell in den Himmel, um ihrem Sohn nicht noch mehr ihrer Tränen zu zeigen. Manchmal hört Janna-Berta Elmar, ihre Eltern und ihre kleinen Brüder sprechen. Sie sagen ihr, dass sie nicht so viel zurück schauen soll, sondern lieber in die Zukunft blicken soll. Janna-Berta schafft es dann meistens, ein paar Wochen nur nach vorne zu blicken, danach muss sie aber wieder fast jede Nacht an ihre Vergangenheit denken. Nur ihr Mann, Uli und die in die Jahre gekommene Almut können ihr dann helfen. Was ihr Sohn wohl bevor er das hier gehört hat, dachte, wenn er seine Mutter schluchzen gehört hat? Und warum wusste er immer instinktiv, dass er sie in den Arm nehmen musste, wenn ihre Augen glasig wurden? Lächelnd stellt Janna-Berta fest, dass Uli sie auch jetzt umarmt. Er ist wirklich das beste, was ihr je passiert ist.
„Ich habe lange Zeit gedacht, ich würde noch sterben, bevor ich eine eigene Familie gründen kann. Außerdem war es nie sicher, ob ich nach dem Unfall noch Kinder bekommen kann, doch jetzt habe ich dich.“ Uli lacht, als ihm seine Mutter einen Nasenstupser gibt. „Und du hast Papa“, lacht er und setzt sich auf Janna-Bertas Schoß.
„Und ich habe Papa“, bestätigt seine Mama lächelnd. „Trotzdem werde ich vielleicht nicht so lange wie andere Leben, Uli.“
Das weiß ihr Sohn schon, trotzdem schaut er traurig und ängstlich, als er fragt: „Aber das dauert trotzdem noch ganz lange, dass du tot bist, oder?“
„Ganz lange, ja.“ Seine Mama nickt, obwohl sie sich nicht sicher ist.
„Das ist Ulis Grab, oder?“ Janna-Berta nickt.
„Kennt Papi die Geschichte?“, will Uli wissen.
„Zum Teil“, weicht Janna-Berta aus. Ihr ganzes Herz und wie sie sich damals gefühlt hatte, wird sie wohl niemandem anvertrauen können. Das würde für immer schwer auf ihren Schultern lasten und könnte ihr niemand abnehmen. „Gehen wir nach Hause, Uli.“
„Meinst du mich, oder deinen Bruder?“, fragt ihr Sohn mit ernster Miene.
Janna-Berta erstarrt. Ihre Hände beginnen zu zittern, in ihren Augen sammeln sich wieder die Tränen, sie sieht ihren kleinen Bruder vor sich. Sein Lächeln. Das Glitzern in den Augen. Hört sein Jubeln, als er den Hügel hinunter fährt. Sieht das Auto. Den Teddybär. Das Blut. Hört ihren Schrei. Und spürt den Schmerz von früher.
„Mama! Entschuldigung, ich wollte nich-”
„Wir gehen. Komm.“ Sie kann es ihm nicht übel nehmen. Als er sie reuevoll anschaut, ringt sich Janna-Berta zu einem Lächeln ab, schiebt ihn zur Straße und geht vorsichtig Hand in Hand mit Uli an der Stelle vorbei, wo der andere Uli einst gelegen hatte. Auf ihren Sohn würde sie besser aufpassen, das versprach sie sich.
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