Mayhem

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Aomine Daiki OC (Own Character)
14.08.2019
14.08.2019
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Kapitel I


Insoluble equations


Teikō, 3. Jahr,
8 Wochen vor dem Schulwechsel



Tick, Tack.

Er ist in den letzten zehn Minuten schon nicht gekommen, also wird er auch nicht mehr kommen.

Du sitzt vor deinen Mathematikhausaufgaben und starrst sie an, als wären sie in Kanji geschrieben, die seit Jahrhunderten vergessen sind. Ein mathematisches Problem wäre in jeden Fall einfacher zu lösen als das Problem mit ihm.  Ihr seid verabredet, nein, besser gesagt wart ihr es.

Tick Tack.

Du siehst dich um: einige Plätze neben dir sitzt Midorima Shintarō, vertieft in eine Sportfachzeitschrift, die man kostenlos in der Bibliothek ausleihen oder lesen kann. Offenbar ist er bereits fertig mit der Erledigung seiner Pflichten. Er ist schlau, natürlich wird er fertig sein. Du kannst seine Augen hinter der Spiegelung der Brillengläser nicht sehen, doch die Tatsache, dass er kurz – fast unmerklich - den Kopf hebt und in deine Richtung neigt, bestätigt einmal mehr seine messerscharfen Sinne. Freundlich lächelst du ihn an, obwohl er bereits wieder auf seinen Artikel konzentriert ist.

Klack, springt der Zeiger eine Zahl weiter.

Auch die Sonne ist bereits dabei langsam unter zu gehen, es ist einmal mehr spät geworden.Seufzend legst du den Stift nieder und erhebst dich, um die Sache einmal mehr selbst in die Hand zu nehmen.

Als du die Bibliothek verlässt, spürst Midorimas Blicke in deinem Rücken. Offenbar scheint er dich seit einigen Tagen zu beobachten. Nicht nur er, wie dir deucht, das ganze Team scheint eine eigenartige und stille Form der Aufmerksamkeit euch gegenüber zu bringen. Doch niemand sagt etwas. Sie alle schweigen.  

Sie wissen, dass die Dinge nicht richtig laufen.

Von der Bibliothek aus sind es nur wenige Treppen hinauf zum Dach des Gebäudes, welches bereits in goldenes Licht getaucht ist und dessen warmer Beton die Luft ein wenig zum Schwirren bringt. Deine Augen müssen nicht lange Ausschau halten, das Ziel deiner Unternehmungen liegt mitten auf dem Dach, den Rucksack als Kissen nutzend und die Arme hinterm Kopf verschränkt. Schlafend – in aller Seelenruhe versteht sich.

Auf leisen Sohlen näherst du dich Aomine Daiki, dessen vermeintliche Träumerei du nicht unterbrechen willst, als wäre sie etwas Heiliges. Langsam lässt du dich neben ihm nieder, ohne jedoch die Augen von ihm zu lassen.

Das goldene, warme Licht lässt sein Körper wie gemalt aussehen, wie ein schlafender Adonis, geformt von Prometheus selbst. Just in diesem Augenblick sieht er so sorglos aus, so entspannt und friedlich, seine Haare sind verwuschelt, seine Miene ist gelassen, fast lächelnd, sodass du versucht bist, mit deinen Fingern sanft über sein Antlitz zu streichen. Doch dies würde die Harmonie, in der er sich gerade befindet, zerstören. Also tust du nichts weiter, außer ihn zu beobachten.

In Momenten wie diesen fühlt es sich an wie früher, so schwerelos und befreit. In den Zeiten, in denen Daiki noch der Daiki war, den du kennengelernt hast. Der ungestüme und leidenschaftliche Junge mit den dunkelblauen Haaren und dem Urlaubsteint, der dich zum Lachen und zum dahinschmelzen gebracht hat.

Der alte Daiki.


Du lehnst dich zurück und stützt dich auf deine Arme, um einen Blick gen Sonne zu erhaschen. Vielleicht mag sie heute scheinen, aber die Sonne scheint auch an Tagen, an denen man sie nicht sehen will, weil man die Welt nicht sehen und ertragen kann, wie sie so unberührt der traurigen Dinge, die auf ihr ablaufen unbeirrt ihre Bahnen um die Sonne zieht.

Und heute war wieder einer der Tage, an dem du dich fragst, ob Aomine keinen Wert auf dich und deine Gesellschaft legt oder ob er einfach wirklich nur ruhen wollte und eingeschlafen ist. Er hat immer nach dem Training seine Zeit, die er für sich braucht, um runter zu kommen, meistens ist er hier oben, manchmal unten, auf dem Rasen. Es ist normal, aber seit einer Weile ist er … wie soll man es sagen … nachlässig geworden. Anders. Abweisender zu seiner Umwelt. Arrogant und kalt. Und vor allem Unzufrieden.

Basketball. Es war seine Leidenschaft, nein, seine bedingungslose Liebe zum Basketball, die diesen Wandel in ihm verursacht hatte. Auf dem Feld war er ein Tier, der Alphajäger, das Ass der Teikō. Einer von ihnen, einer der Kiseki no sedai. Jeder, der ihn spielen sah, wusste, dass man es nicht mit ihm aufzunehmen brauchte. Und als auch Daiki dies begriff… an diesem Punkt hast du ihn verloren.

Vielleicht hättest du es kommen sehen müssen. Ihr alle hättet wissen müssen, dass es irgendwann einmal so weit kommt. Dass der hochgewachsene Spitzensportler erkennt, dass er oben an der Spitze seines Talents einsam ist und dass jegliches weiteres Wachstum ihn nicht voran bringt, weil er bereits der Beste ist und nichts und niemand ihm das Wasser reichen kann. Und diese Erkenntnis muss für ihn ungemein frustrierend gewesen. Nur dass ein Aomine Daiki keine Frustration zeigt, sondern es bei ihm in Arroganz umgeschlagen ist und er begann auf seine Gegner nur noch herabzusehen. Und dann begann er auch auf andere herabzusehen.

Doch was hättest du tun sollen… tun können? Du bist nicht sein Team, du bist seine Freundin, die, die ihm seit über 2 Jahren zur Seite steht, ihn in seinen Turnieren anfeuert und ermuntert seine anderen Schulpflichten nicht zu vernachlässigen. Doch an Tagen wie diesen fragst du dich, ob ihn das alles noch irgendwie interessiert.

„Ich frage mich, wie lange du hier noch sitzen möchtest, bis du mich fragst, wann wir uns endlich an die Arbeit machen wollen.“ Sein Tonfall ist spielerisch, eine Tonlage, die er nur an den Tag legt, wenn er mit dir spricht. Und die Tatsache, dass er es noch immer tut, muss wohl bedeuten, dass seine Gefühle für dich unverändert sind – zumindest in Momenten wie diesen.

Natürlich ist er wach geworden, als du dich ihm genähert hast. Seine Sinne machen jedem Raubtier Konkurrenz.

Du wendest dich wieder ihm zu, legst den Kopf ein wenig schräg und setzt ein Lächeln auf, das ihm einbläuen soll, dass seine Verfehlung nicht der Rede wert ist – auch wenn dies weit ab von der Wahrheit ist.

„Es ist nicht schwer, dich zu finden, wenn du nicht da bist, wo du sein solltest.“

„Du kennst mich zu gut.“ Sein Lächeln lässt dich noch heute innerlich schmelzen, selbst wenn es dann und wann einen Hauch Arroganz trägt. Manchmal ist er, selbst wenn er ein Arschloch sein kann, auch in solchen Situationen begehrenswert.

„Ein Vorteil für mich“, erwiderst du.

„Und eine Schwäche für mich – die einzige, ohne die ich nicht sein kann.“ Inzwischen ist seine Hand an deinem Kinn und er in der Hocke, sodass ihr auf gleicher Höhe seid. Unaufhaltsam nähern sich seine Lippen den deinen, doch du ziehst zurück und bedenkst ihn nun mit einem leicht überheblichen Lächeln. „Wenn du eine Belohnung für dein Verhalten erwartest, dann muss ich dich enttäuschen. Aber wenn du dich mit mir an die Hausaufgaben setzt, dann…“ Du zwinkerst und erhebst dich. Aomine war in letzter Zeit schwer für Dinge zu motivieren, die ihn nicht interessierten, also musstest du dir etwas einfallen lassen.

Mit einem entnervten Stöhnen erhebt sich Daiki tatsächlich, schultert seinen Rucksack und folgt dir hinunter in die Bibliothek – zurück zu deinen Sachen und zurück zur Mathematik. Gerade als ihr eintretet, ist es Midorima, der im Begriff ist, zu gehen. Trotz seiner stets abweisenden Haltung siehst du, wie er dir ein anerkennendes Nicken zuwirft. Um Shintarō zu verstehen, muss man einen Doktortitel in Kryptologie erworben haben. Aomine hingegen scheint er gänzlich zu ignorieren – irgendwas muss im Training wieder vorgefallen sein. Es ist schon eine Weile her, dass du dort warst und zugesehen hast. Seitdem dein Freund sich derartig verändert hat, ist auch die Atmosphäre auf dem Platz etwas abgekühlt - um es freundlich auszudrücken.

Ruhig lässt du dich auf deinem Platz nieder, während es Aomine neben dir gleich tut. Ferner spürst siehst du, wie einige Mädchen erst ihm verstohlene Blicke zuwerfen, dann dich mit einer Mischung aus Neid und Verachtung mustern. Früher hatte es dich gestört, wenn du derartige Aufmerksamkeit auf dich gezogen hast, aber in den Jahren ist es einfach zu einer Sache geworden, die du gar nicht mehr wahrgenommen hast. Aomines Freundin, das bist du und viele Mädchen würden so gerne in deinen Schuhen stecken – oder dir die Augen auskratzen. Immerhin bist du mit dem begehrtesten Jungen der Schule zusammen. Dem Ass, dem Gutaussehenden. Die Liste an Lobpreisungen ließe sich fortsetzen, doch am im Vergleich zu den anderen Mädchen weißt du, dass deine Gefühle ehrlich sind, aufrichtig und dass du mit ihm schon lange zusammen bist. Bevor er der Star wurde.

Und doch war es damals er, der den ersten Schritt gemacht hat…

Du blickst zu ihm, tatsächlich hat er seine Sachen ausgepackt und sich dem Problem gewidmet. Daiki sieht, wenn er sich auf Dinge konzentriert, die sich nicht durch Basketballtaktiken oder bloßes Drauflosgehen lösen lassen, unheimlich niedlich aus, auch wenn man ihm das besser nie sagen sollte.

Du vermisst die Zeiten, in denen er ausnahmslos so war.

Damals.

Du konzentrierst dich auf deine eigenen Aufgaben und beginnst zu rechnen.

Wenn doch alles so einfach wäre wie Mathe…

*


Aomine Daiki gehörte zu den Leuten, die allein mit ihrer Haltung klarstellten, wer hier der Alpha und welche Besitzansprüche hatte. Dies wurde nicht nur deutlich daran, dass die anderen Schüler Platz machten, wenn er durch den überfüllten Flur gehen wollte, sein Fahrradständerplatz noch immer leer blieb obwohl er seit Beginn eurer Beziehung  zu Fuß geht, da er dich jeden Morgen abholt und mit dir Heim läuft. Auch auf dem Platz wusste jeder, wer der Jäger und wer der Gejagte war. Und zu guter Letzt wusste jeder, dass du seine Freundin bist.

Daiki mag sich seit geraumer Zeit zum Schlechten hin entwickeln und auch du bekommst diese Wendung mehr und mehr zu spüren, dennoch ist er es, der in der Öffentlichkeit wieder und wieder seinen Arm um deine Schulter oder deine Hüfte legt, um der Welt zu zeigen, dass du zu ihm gehörst. Und noch immer freust du dich, wenn er es tut.

Es ist schwer zu definieren, wie es sich im Moment alles anfühlt. Schwermütig würde es treffen. Du weiß, dass er seine Probleme im Basketball bald in die Beziehung tragen würde und du würdest machtlos sein, etwas dagegen zu tun, weil er sich bereits zu sehr zu einem menschlichen Ekel entwickelte.

Du seufzt – einmal mehr. In seinem Zimmer brennt kein Licht, vielleicht ist er draußen und spielt alleine. Vielleicht duscht er auch oder schläft bereits, spät ist es immerhin. Aber selbst wenn er gerade wie du am Fenster sitzen würde, würde er denken, dass du schläfst. Aufgrund der Lage deiner Wohnung am Hang und dem Haus seiner Eltern auf dem Hügel konnte man genau ein Fenster seines Zimmers sehen, wenn man sich Mühe gab. Normalerweise wärst du nun oben bei ihm und nicht in deiner kleinen Wohnung, aber nachdem du noch bei einer Mitschülerin warst und ihr aufgrund ihrer Krankheit die Hausaufgaben gebracht hast, ist es später geworden als vermutet, sodass du Daiki eine Nachricht geschrieben hast, morgen bei ihm vorbei zu schauen. Morgen, einen Tag vor einem weiteren Spiel, aus dem er wieder mehr und mehr verändert hervortreten würde. Weil jedes Spiel ihn inzwischen veränderte.

Du ziehst die Decke bis unter den Hals, schließt die Augen und denkst an frühere Zeiten. Diese Gedanken sind immer die schönsten, da sie noch immer dieses Flattern in der Brust hervorrufen.

Heute wie damals.

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Heyho!
Diese Geschichte liegt schon seit Ewigkeiten bei mir herum, also dachte ich mir, ich teile sie mit euch.
Ich freue mich über Kritik jeglicher Art!

Nightbringer