The Azkaban Job

von Anahita
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 Slash
OC (Own Character)
14.08.2019
14.08.2019
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THE AZKABAN JOB

Prologue Part I: Stratagem

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Los Angeles, 31. August 2019

Wenn Renshin Mizuhara nicht in den nächsten 60 Sekunden einen verdammten Kessel voller Kaffee intus hatte, würde er für nichts mehr garantieren können. Am besten mit vier … nein, fünf Zuckerwürfeln. Vielleicht sollte er sich gleich das ganze Zuckerschälchen schnappen. Seine Schläfen pochten so laut und beharrlich, dass er nichts außer dem Rauschen seines Blutes hören konnte.

Er war einfach schon zu lange auf den Beinen. Seit dem Einbruch in Monaco hatte er kein Auge zugetan und das war auch schon fast zwei Tage her. Bei dieser Erkenntnis seufzte er laut auf und ließ seine Ellbogen so geräuschvoll auf den kleinen Glastisch vor ihm fallen, dass das Reserviert-Schildchen prompt zu Boden flatterte.

„Oh mein Gott!”, durchbohrte eine panische, viel zu schrille Frauenstimme den Nebelschleier in Renshins Gehirn, mit einer Wucht, bei der er ungewollt aufzuckte und herumfuhr.

Was zur Hölle …? Im dämmrigen Licht des Restaurants begrüßte Renshin der schockierte Blick eines sorgfältig zurechtgemachten Pärchens zu seiner Linken. Kurz schoss es ihm durch den Kopf, mit einer weniger vornehmen Handgeste und ein paar auserlesenen, scharfen Wörtern zu kontern, doch fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein: Sie konnten ihn gar nicht sehen.

Der Unsichtbarkeitszauber. Renshin hatte ihn glatt vergessen. Sich innerlich verfluchend, blendete er stattdessen das gedämpfte Tuscheln des Paares über vermeintlich heimgesuchte Etablissements aus. Natürlich fühlte er sich unter einem Unsichtbarkeitszauber so, als ob eine ganze Horde von Yōkai über ihn hergefallen wäre. Es war der letzte Dreck. So fachkundig und sorgfältig wie Joan den Zauber auch gewoben hatte, Illusionierungen trafen sein Immunsystem immer besonders hart.

Komisch, dachte Renshin sich plötzlich. Seit wann geht Joan denn bitte zimperlich mit mir um?
Das war so uncharakteristisch von ihr; normalerweise wäre sie die letzte Person gewesen, die ihn wie einen zerbrechlichen Invaliden behandelte. Oder … hatte es vielleicht etwas mit dem letzten Job zu tun, für den Renshin sich von ihr hatte illusionieren lassen? Immerhin war dies der erste Einsatz, seit diesen höllischen 72 Stunden, die darin geendet hatten, dass er seinen kompletten Mageninhalt in eine unbezahlbare, koboldgeschmiedete Vase entleert hatte.

Und wenn er sich nicht täuschte, dann hatte Mal Joan damals stillschweigend zur Seite genommen, während Renshin gereihert hatte, als gäbe es keinen Morgen. Er schnaubte leise. Natürlich. Die einzige Person, die Joan scheinbar ins Gewissen reden konnte. Wann würde Mal endlich kapieren, dass er kein hilfloses kleines Kind war, um das sich gekümmert werden musste?

Doch ehe Renshin sich in seinem Ärger verlieren konnte, brach eine erneute Schmerzwelle über seinem Kopf zusammen. Er presste seine Kiefer fest aufeinander und versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen, das bereit schien, ihm jede Sekunde aus der Brust zu springen. Renshin konnte die Stimme des Älteren nur zu gut hören: Ich habe es dir doch gesagt.  

Resigniert beugte er sich nach vorne, um seine Handballen so fest gegen seine Augen zu pressen, bis die pochende Dunkelheit hinter seinen Lidern in ein Meer aus tausend kleinen Sternen explodierte. So ungern Renshin es auch zugeben mochte, er hätte doch darauf bestehen sollen,  sich einen eigenen Trank zu brauen. Aber heute war ihnen die Zeit davongelaufen. Als der Käufer den Übergabetermin abrupt um eine Woche vorverschoben hatten, blieb der Crew keine andere Wahl, als sofort zu handeln. Vor allem unter diesen Umständen wollte Renshin keine Sonderbehandlung verlangen.

„Nur noch fünf Minuten”, murmelte er wie ein Mantra vor sich hin. Nur noch fünf Minuten bis der Kerl auftaucht, dann ist der Deal geschafft und alle sind glücklich und du kannst so lange schlafen wie du willst. Leise seufzend hob er den Kopf, um zum hundertsten Mal seinen Blick über das Geländer der Galerie, hinunter auf die erste Etage des Restaurants gleiten zu lassen. Es war einer von diesen gehobenen Muggel-Schuppen, die Adam liebte, während Renshin sich darin nur besonders schäbig fühlte, mit seinen alten, abgewetzten Jeans und den Ölflecken an den Ärmeln. Wenigstens waren seine Eltern nicht hier, um ihn mit eiskalten Blicken für diesen absoluten Fauxpas zu strafen.  

Es dauerte nicht lange bis er Adam Winters großgewachsene Gestalt in einer Ecke des Saals entdeckte. Nach Joans Plan hätte er stillschweigend (und vor allem alleine) am Tisch sitzen und auf ihren Käufer warten sollen, während Renshin als unsichtbare Absicherung seinen Rücken frei hielt. Doch Adam schien gerade in ein angeregtes Gespräch mit den Tischgästen neben ihm verwickelt zu sein.

Eine Übergabe wie diese war ein altbekanntes Spiel, in dem Adam und er längst eingeübte Partner waren. Adam kannte seine Rolle in und auswendig und Renshin hatte ihn schon oft genug dabei beobachtet, wie er mit einer fast schon empörenden Leichtigkeit diese Deals abschloss. Warum musste sich Adams Libido immer in den ungünstigsten Momenten melden?

Wie zu erwarten, war Adam vollkommen in seinem Element, so sehr wie sein Publikum ihm an den Lippen hing und ihn voller Bewunderung ansah.

Junggesellinnenabschied, schätzte Renshin anhand des jungen Alters und der Aufmachung der Frauen, aber wahrscheinlich noch ein paar Gläser und peinliche Aktionen entfernt vom ganz großen Absturz. Aufeinander abgestimmte, schwarze Kleider und nur eine in Pink, mit einem kleinen, silbernen Diadem in den Haaren.  

Auch wenn die Stimme von Renshins Teamkollegen, über die gedämpfte Geräuschkulisse des Restaurants, nicht mehr bei ihm ankam, konnte er sich bildlich vorstellen, wie Adam den Frauen eine kunstfertig ausgedachte Geschichte, über die waghalsigen Abenteuer eines gewissen gutaussehenden Draufgängers auftischte. Der natürlich single war und für jeden Spaß zu haben, auf den man bei einem Junggesellinnenabschied nur kommen konnte. Oder er war gerade dabei sie abzuziehen.

Verdammter Aufreißer, dachte Renshin sich verärgert, verdammter Klepto.

Joan würde ihn umbringen, wenn sie Wind davon bekam, dass ihr Bruder so kurz vor der Übergabe wieder abgelenkt war. Und das war ein Kreuzfeuer, in das Renshin definitiv nicht geraten wollte. Genervt verdrehte er die Augen und stand auf, bereit wie ein unterbezahlter Babysitter, zu Adam hinunterzugehen, als er plötzlich eine schemenhafte Bewegung in seinem Augenwinkel wahrnahm.

Der Käufer war angekommen.
+

„Und du hast wirklich mal bei einem Straßenrennen mitgemacht, Brandon?”, fragte die Rothaarige („Vera, aber du kannst mich „Vivi” nennen.”), während sie ihre Hand wie nebenbei über Adam Winters Schulter gleiten ließ. Von den fünf Frauen, mit denen er seit einer Viertelstunde am Plaudern war, schien Vera am meisten an ihm interessiert zu sein. Oder eher an seinem Charakter für den Abend. Brandon, der weltmännische Rennfahrer mit einer Neigung zu wahnwitzigen Straßenrennen.

„Nicht nur mitgemacht, love.“ Adam schenkte ihr ein schiefes Grinsen, das Vera nur allzu bereitwillig erwiderte. Mit einer geschmeidigen Geste ergriff er ihre Hand und strich ihre wandernden Finger von seinem Oberarm, während er ihr gleichzeitig den Champagner anbot, welchen der Kellner ihnen auf Adams Wunsch vorbeigebracht hatte. „Gewonnen habe ich. Aber ich muss schon sagen, es war ein verdammt knapper Sieg.”

So geübt wie Adam war, sprudelten ihm die Worte fast automatisch aus dem Mund und verwoben sich zu einem Leben, das er nie gelebt hatte. Kein Wunder, dass seine Zuhörerinnen ihm alles ohne Wenn und Aber abkauften. Sie hatten immer noch nicht bemerkt, dass manche von ihnen das ein oder andere Schmuckstück weniger trugen, als zu Beginn des Abends. Aber wer konnte es ihnen schon verdenken? Wenn er es sich erlauben könnte, hätte Adam sich mit Leichtigkeit selbst geglaubt. Manchmal musste er sich regelrecht anstrengen, um sich nicht in seinen Geschichten zu verlieren. Es machte einfach zu viel Spaß.

Während die Frauen damit beschäftigt waren, mit der neuen Runde Alkohol anzustoßen, ließ Adam unbemerkt Veras Saphirring in die magisch ausgedehnten Tiefen seiner Jackentasche fallen. Mit einem sachten Tippen seines Stabs auf die Außenseite der Jacke verschloss sich die Öffnung im Saum des Stoffs wieder. Wenn jemand seine Taschen nun auf links gedreht hätte, würde diese Person nichts außer Flusen und Staub begrüßen. Geräuschlos ließ er seinen Zauberstab wieder in das Holster in seinem Ärmel gleiten und fuhr ungestört mit seiner Erzählung fort.

„Ich war so kurz davor ...”, hier hielt er Sophia mit dem blonden Dutt, die ihn mit gebannten Rehaugen anstarrte, den Daumen und Zeigefinger hin, so nah, dass sie sich fast berührten. „... von der Strecke gedrängt zu werden. Der Typ hinter mir ist wie aus dem Nichts vorgezogen und wir sind die letzten paar Meter Kopf an Kopf gefahren.”

„Und dann, bam! Schleudert der Kerl auf einmal seinen gepimpten Honda Civic in meine Spur. Zum Glück konnte ich noch rechtzeitig reagieren und abbremsen. Das hat der Kerl wohl nicht kommen sehen, denn er ist schnurstracks ins Geländer gerast.“

„Nein!”, keuchte Sophia.

„Oh mein Gott, wirklich?”, kam es von Vera.

„Wirklich”, bestätigte Adam mit einem raschen Nicken. In einer fließenden Bewegung ließ er seine Hände in schwungvoller Imitation des Crashs zusammenklatschen. „So schnell ging es. Hätte der Typ eine Haaresbreite weiter rechts eingelenkt, dann hätte man mich vom Hongkonger Asphalt kratzen müssen, nicht ihn. Sein Karren ist so nah an mir vorbeigeschrammt, ich konnte die Vibrationen spüren, als der Kerl mir den Lack ruiniert hat.”

Als er am Ende seiner Geschichte ankam, zwinkerte Adam seinen gefesselten Zuhörerinnen plötzlich  verschwörerisch zu. „Aber anscheinend hatte das Schicksal andere Pläne mit mir und hat mich geradewegs zu euch gelotst. Was für ein Glück, nicht wah- …”

Aus dem Augenwinkel bemerkte er einen großen, schlaksigen Mann in schwarzem Anzug auf sich zukommen. Kurzgeschnittene, blonde Haare, vielleicht Mitte 30 und attraktiv, wenn er nicht so müde aussehen würde. An seinem Rever schimmerte eine kleine, silberne Brosche in Form eines Schnatzes.

Sofort verlor Adam das Interesse an dem Junggesellinnenabschied hinter ihm. Trotz ihrer Proteste, wandte er sich von ihnen ab. Stattdessen beobachtete er aufmerksam den näherkommenden Mann. War er der Käufer? Schien wohl so, denn als er nur noch wenige Schritte von Adam entfernt war, sprach er ihn an:

„Guten Abend, Gregory Hearst ist mein Name. Sie haben mit meiner Assistentin Dana korrespondiert. ”

Seltsam, stutzte Adam innerlich, während er Hearst nach außen hin nur höflich zulächelte und ihm bedeutet sich zu setzen, was war das für ein Akzent? Auch wenn Adam sich nun nicht einen Experten für amerikanische Dialekte nennen würde, er kannte sich mit den Großräumen durchaus aus. Die übermäßige Sorgfalt in Hearsts Aussprache war befremdlich, als ob er sich bemühen müsste, seine Konsonanten und Vokale nicht zu verschlucken. Ein Südstaatler vielleicht?

„Ah, Mr Hearst, guten Abend. Ja, ich erinnere mich an die wundervolle Dana. Ich habe mir die Freiheit genommen und sie nach Ihrer bevorzugten Sünde gefragt. Ein Bourbon on the Rocks war es, nicht?” Adam bedeutet einem Kellner, herüber zu treten und einen Moment später, wurden zwei Drinks vor ihnen auf den Tisch gestellt. Zwar ergriff Hearst sein Glas, doch machte er keine Anstalten daraus zu trinken.

„Wollen Sie auch etwas essen, ich habe Großartiges über das Steak hier gehö-”

„Mr Winter, ich will Ihre und meine Zeit nicht vergeuden. Wir wissen beide warum wir hier sind”, unterbrach Hearst ihn barsch, „Daher will ich gleich zum Punkt kommen: ist die Ware gesichert?”

Verblüfft setzte Adam bei diesem ungelenken Themenwechsel sein Whiskeyglas ab und zog eine Braue hoch. So sollte es heute Abend also laufen? Rascher als ein Erinnermich seine Farben wechselt, tauschte Adam seine leutselige Maske gegen die kühle Rationalität eines Geschäftmanns aus. Der warme Ton war komplett aus seiner Stimme verschwunden, als er Hearst entgegnete: „Natürlich ist die Ware gesichert, dafür haben sie uns schließlich engagiert. Sie befindet sich in einer Lagerhalle einige Meilen von hier.”

„Wo genau? Ich habe nicht so viel Geld bezahlt, um halbgare Antworten zu bekommen”, verlangte Hearst zu wissen. Er ließ seine Hände bei diesen Worten in einer ausladenden Geste auf den Tisch vor ihnen fallen, dass der Whiskey beinahe aus den Gläsern schwappte.

„Noch haben sie das Geld nicht bezahlt, Hearst. Vergessen sie das nicht”, erinnerte Adam ihn geringschätzig. Wir müssen aufhören, für diese ganzen, reichen Arschlöcher zu stehlen. So undankbar. Nur noch mit halben Ohr zuhörend, ließ er seinen Blick wieder gelangweilt über die Menge gleiten, während Hearst weitersprach. Ein Mann rechts von ihm versuchte gerade möglichst unauffällig über sein Menü zu Adam hinüberzuspähen und scheiterte bitterlich.  Diese Art von Aufmerksamkeit gewohnt, wanderten seine Augen nur amüsiert weiter. Er fing den Blick einer jungen Frau hinter Hearsts Schulter ein. Ertappt tat sie so, als richtete sie sich eine Haarklemme.

Es sah so aus, als ob sie sich nicht nur die Haare richtete, sondern in ihren Ärmel zu sprechen schien. Seltsam, kam es ihm zum zweiten Mal an diesem Abend in den Sinn. Sowohl der Mann mit dem Menü, als auch die Frau schienen irgendetwas an ihren Oberteilen zu tragen, welches das Lampenlicht des Restaurants reflektierte. Am Ärmel der Frau und dem Rever des Mannes. Irgendetwas kleines, ein Schmuckstück … Er schluckte. Hearst, der Mann und die Frau trugen alle dieselbe silbrig-weiße Schnatzbrosche. Verdammt. Er war mitten in eine Falle getappt.

Aber wer wollte ihnen eine Falle stellen? Wen hatten sie verärgert? Alle Muskeln in Adams Körper spannten sich an. Die bessere Frage war wohl eher, wen sie nicht verärgert hatten. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

„Verzeihen Sie, Mr Hearst”, setzte Adam an, „aber als ich auf sie wartete, habe ich mir schon ein paar Gläser mit den netten Damen hinter uns genehmigt und, wie soll ich es sagen … die Natur ruft, wenn sie verstehen. Ich weiß, dass sie ein vielbeschäftigter Mann sind, aber wir wollen uns doch alle bei dieser äußerst wichtigen Verhandlung zu 100% auf den Gegenstand konzentrieren, nicht wahr? ”

Hearst sah ihn genervt an, offensichtlich verärgert, dass Adam ihn mittem im Redefluss unterbrochen hatte. Er nickte aber schließlich mit einem Schnauben. „Machen Sie schnell.”

Adam schenkte dem Mann ein höfliches Lächeln, dann stand er in einer fließend Bewegung auf. Er machte ein paar zwanglose Schritte in Richtung Toiletten und brach dann unvermittelt in einen Sprint aus. Hinter ihm kratzten mehrere Stuhlbeine hektisch über den Boden und er konnte hören, wie Hearst laut schimpfte.

„Im Namen des Aurorenbüros, bleiben sie stehen!”, ertönte es aus diversen Richtungen. Bingo.

Adams Gedanken rasten, suchten nach einem Ausweg, nach Renshin, während er versuchte den Kellnern auszuweichen. Er stieß die Türen zur Restaurantküche auf und rannte dabei fast eine Köchin um, die gerade mit beiden Händen voller Tablette dastand. Unter empörten Rufen sprang er über einen Dessertwagen und sprintete durch den Raum, seine Verfolger dicht im Nacken. Scheiß drauf.

Flipendo!”, rief Adam. Ganze Schränke voller Schüsseln und Gläser prasselten auf seine Verfolger herunter, zwangen sie dazu schutzsuchend anzuhalten. Sofort nutzte Adam den Moment, um durch die mit „Notausgang” markierte Tür zu schlüpfen.

Kaum begrüßte ihn die kühle Abendluft, wurde Adam von hinten gepackt und in eine dunkle Seitengasse gezogen. Adrenalin schoss durch seinen Körper und instinktiv fing er an wie wild um sich zu schlagen, um seinen Angreifer abzuschütteln.

„Scheiße, halt still!” Sein Angreifer presste Adam die eine Hand auf den Mund, während ihm die andere seinen Arm hinter den Rücken drehte. „Verdammt, Adam, ich bins. Hör auf mich zu schlagen!”, zischte Renshins Stimme ihm wütend ins Ohr. Augenblicklich entspannte Adam sich in seinem Griff und Renshin ließ ihn los. Adam stolperte einige Schritte nach vorne, bevor er seine Balance wiedergewinnen konnte. Dann fuhr er herum und fluchte, als er seinen Partner nicht sehen konnte.

„Unsichtbarkeitszauber”, sagten sie beide zur gleichen Zeit.

„Wie lange wird der noch halten?”

„Noch ‘ne halbe Stunde, schätze ich. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Adam, was zur Hölle ist da drin passiert?”, kam Renshins Stimme von Adams rechter Seite.

„Eine Falle. Hearst war ein Lockvogel, Auror. Die haben alle eine Schnatzbrosche getragen, er und zwei andere Leute im Restaurant, die uns die ganze Zeit beobachtet haben. Als ich gerannt bin, sind sie mir gefolgt.”

Renshin fluchte. „Komm, wir müssen hier weg, bevor man uns findet. Hinter der Wand mit dem Graffiti stehen ein paar Karren, die wir uns ausleihen können. Ich gehe jetzt los”, fügte er zum Schluss noch hinzu.

Adam nickte und lief in die Richtung, die Renshin beschrieben hatte. Nichtmagische Autos machten am meisten Sinn, so konnten sie in den Straßen LAs unbemerkt mit dem Rest der Muggel verschmelzen. Verzauberte Fahrzeuge mussten alle mit den jeweiligen Ministerien registriert werden und besaßen deshalb eine magische Spur, welche die Auroren mühelos verfolgen konnten. Außerdem waren diese schwieriger zu knacken. Innerhalb von Sekunden hatte Renshin den Wagen aufgebrochen, gestartet und in den Abendverkehr gelenkt.

Als sie unter einer Straßenlaterne vorbei fuhren, erhaschte eine Gestalt im Seitenspiegel Adams Aufmerksamkeit. Mit verengten Augen beobachtete er, wie sich ein Wagen durch den Verkehr schlängelte, immer darauf bedacht, einige Meter hinter ihnen zu bleiben. Nie schnell genug, um zu überholen, doch jedes Mal, als Renshin abbog, tat er es ihm gleich. „Wir werden verfolgt”, meinte Adam grimmig.

„Ich weiß auch, wie man einen Rückspiegel benutzt, Narzissus. Zwei Karren hinter dem ist noch einer, in silber. Sie verfolgen uns schon seit Hancock Park und ich habe keinen Bock mehr.” Mit diesen Worte heulte der Motor auf, als Renshin das Gaspedal bis zum Anschlag herunterdrückte. Die Tachonadel sprang in Sekundenschnelle von 60 auf 100, dann 120 km/h.

„Halt dich fest”, schrie Renshin seinem Beifahrer zu, während er den rasenden Wagen gleichzeitig mit einer Finesse durch die Rush-Hour lenkte, die Adam in derselben Situation nicht hätte aufbringen können.

„Scheiße!”, fluchte Renshin auf einmal, als unvermittelt ein dritter Wagen aus einer Seitenstraße ausbrach. Meter für Meter holten die Auroren auf, egal wie weit Renshin das Gaspedal hinunter drückte. Wenn Adam jetzt nichts unternahm, würden sie beide im Knast landen. Es gab nur eine Lösung. „Crash das Auto, Renshin!”

„Willst du mich verarschen!”, fuhr Renshin ihn an. Bevor Adam ihm antworten konnte, riss er das Lenkrad abrupt nach links. Der Wagen schoss in die gegenüberliegende Spur, schrammte haarscharf an dem Motorrad eines nichtsahnenden Muggels vorbei, der ihnen nur durch einen Hechtsprung in die Büsche des Seitenstreifens, ausweichen konnte. Adam mühte sich ab, nur irgendwo im Auto Halt zu finden, während der Schwung des U-Turns ihn so heftig gegen das Fenster schleuderte, dass er sich den Kopf am Glas stieß. Zwei Wagen rasten an ihnen vorbei, zu schnell um zu reagieren. Allerdings bekam der Dritte noch ganz knapp die Kurve und setzte ihnen nach. Egal, was Renshin tat, sie hatten keine Chance.

„Nein, Renshin hör mir zu”, beschwor er den Jüngeren, „Wir sind umzingelt, es gibt keinen Weg aus dieser Scheiße raus. Wenn du nicht tust, was ich dir sage, werden die uns beide schnappen, ich meins ernst.”

„Und was sollen wir deiner hochgeschätzten Scheißmeinung nach bitte tun?!”

Adam ignorierte den scharfen Ton in Renshins Stimme. „Was ich dir gesagt habe! Disapparier. Crash den Wagen.”Er nickte nach hinten: „Ich lenke unsere Freunde hier ab.”

„Was? Nein! Ich lass’ dich ganz sicher nicht hier zurück!”

„Renshin, du musst. Verstehst du nicht? Du bist immer noch unsichtbar, die haben dich noch nicht gesehen. Für die geht es nur um mich. Du hast noch eine Chance zum Treffpunkt zu apparieren. Wenn die uns schon im Restaurant aufgelauert sind, dann sind Joan und Mal auch in Gefahr. Du musst sie warnen.”

Adam konnte den Ausdruck auf Renshins Gesicht nicht sehen, sich dafür aber bildlich vorstellen, wie  dieser das Lenkrad so fest umklammerte, dass die schwarzen Runen auf seinen Fingerknöcheln von der blutleeren Haut herausstachen.

„… na gut”, knurrte Renshin schließlich, „Sag mir, was ich tun soll.”

Erleichtert atmete Adam aus. „Ganz einfach, in den nächsten fünf Sekunden werde ich aus dem Wagen apparieren und mich ergeben. Das sollte die Auroren erstmal beschäftigen, sie werden nicht auf den Wagen achten. Dahinten ist eine Brücke. Sobald ich draußen bin, fährst du den Karren direkt über das Geländer und disapparierst kurz vorm Aufprall. Das sollte den Apparierknall verdecken. Verstanden?”

„Verstanden.”

„Okay, mach dich bereit. Ich werde bis drei zählen”, sagte Adam mit angespannter Stimme.

„Eins.” Renshin lenkte den Wagen auf die Betonbrücke. Die Auroren waren ihnen dicht auf den Fersen; ein gut platzierter Fluch und alles wäre vorbei.

„Zwei.” Adam spürte wie Renshin dem Auto die letzten paar km/h aus der Karosserie zerrte. Die Lichter der Stadt rauschten an ihnen vorbei, verschwommen alle zu einem einzigen, glühenden Streifen.

Im letzten Moment fuhr Adam herum und grinste die Luft über dem Fahrersitz an: „Hals- und Beinbruch,Kiddo … DREI!” Renshins tonloses Auflachen war das Letzte, was er hörte, bevor das altbekannte Ziehen in seinem Bauchnabel ihn in die Dunkelheit sog.

Der abrupte Geschwindigkeitswechsel warf Adam zu Boden, sodass er zwei, drei Meter auf der Straße weiterschlitterte, bevor er liegen blieb. Seine Hände und Knie waren aufgescheuert und seine Ohren rangen von dem donnernder Knall von Auto auf Beton nach. Gedämpft nahm er das Geräusch von quietschenden Reifen wahr, als die Auroren eine Vollbremsung hinlegen mussten, um ihn nicht zu überfahren.

Das plötzliche, grelle Scheinwerferlicht der Autos brannte sich in seine Augen, ließ Adam für einen Moment erblinden und er rollte zur Seite. Das Zuknallen von Autotüren, dann ein Dutzend laute Stimmen, die ihn von allen Seiten her anschrien. Adam hob in einer beschwichtigenden Geste beide Hände empor, bevor irgendein nervöser, schießwütiger Jungauror ihm eine Ganzkörperklammer an den Hals jagen konnte und stand auf.

„Hey, hey, hey”, blinzelte er hinter zusammengekniffenen Augen hervor, „Alles gut, Freunde. Ich ergebe mich, ihr habt mich. Ihr könnte die Stäbe wieder wegste-”

Unwillkürlich biss Adam sich hart auf die Zunge, als ihn die kombinierte Wucht eines Locomotor Mortis und Anti-Disapparationsspruchs wieder zu Boden rissen. Er konnte sich gerade noch so abfangen, bevor er mit dem Gesicht zuerst im Dreck landete. Der heiße, eiserne Geschmack von Blut füllte seinen Mund. Aurorenschweine.

Aus der Ferne sah er Hearsts hagere Silhouette aus dem schwarzen Fahrzeuge steigen. Mit erhobenem Stab lief der Mann auf den Kreis seiner Kollegen zu, der sich um Adams bewegungslose Gestalt gebildet hatte. Er war anscheinend wirklich ein hohes Tier, denn die jüngeren Auroren traten bereitwillig zur Seite, um ihn durchzulassen. Er warf Adam einen verächtlichen Blick zu, als er aus den Schatten hinaus in den Schein der  Zauberstäbe trat, welche die Szene erleuchteten. Mit einem Peitschenhieb seines Zauberstabs, löste Hearst den Beinklammerfluch. Doch bevor Adam sich vollständig aufrappeln konnte, flankierten ihn zwei Schränke von Auroren und zwangen ihn zurück auf die Knie.

„Na, na, nicht so schnell. Wir wollen doch nicht sofort wieder verschwinden, nicht wahr Mr Winters?” Jetzt, nachdem Hearst ihm nichts mehr vorspielen musste, schwang sein Akzent in jedem Wort mit, das er sprach. Es war nicht schwer herauszuhören, dass er Brite war. Doch Recht gehabt.

Trotz seiner prekären Situation, begannen Adams Gedanken zu wandern. Von woher kannte er diese Stimmfarbe? Es war definitiv nicht London. Cockney und RP waren Adams bevorzugten Akzente, wenn er in eine englische Rolle schlüpfen musste. Die würde er sofort erkennen. Während Hearst anfing ihm seine Rechte herunterzurattern, lauschte Adam interessiert seiner Aussprache. Ein wenig nasal, verschluckte Endkonsonanten, hochschwingende Vokale… Liverpool.

„Aha!”, entfuhr es ihm triumphierend.

„Wollen Sie uns etwas mitteilen, Mr Winters?”, fragte Hearst sichtlich irritiert.

„Oh, alles gut. Ich habe mich nur gefragt, was Sie dazu veranlasst hat, einer bescheidenen Gestalt wie mir über den großen Teich bis hin zur anderen Seite des Kontinents zu folgen. Ich meine, wir sind furchtbar weit weg von Liverpool, nicht wahr?”

Hearst verengte drohend seine Augen und beugte sich zu ihm hinunter, sein Stab gefährlich nah vor Adams Gesicht. Zwischen zusammengebissen Zähnen raunte er ihm zu: „Mr Winters, Sie mögen mich zwar erst heute Abend kennengelernt haben, aber mein Team beobachtet ihre kleine Crew von kriminellem Taugenichtsen schon seit Monaten. Sie wissen gar nicht, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe.”

Zu seiner Überraschung schenkte Adam ihm bloß ein wildes, wölfisches Grinsen, das die scharfen Kanten seiner Zähne entblößte und die Narbe auf seiner Wange stramm zog. Lässig legte er den Kopf in den Nacken, blickte zu Hearst auf und hob herausfordernd eine Augenbraue.

„Ich bin geschmeichelt, love”, säuselte er in das steinige Gesicht des Aurors. „Aber es gibt auch einfachere Wege mich auf die Knie zu bekommen.”

Adam konnte sich das süffisante Lachen nicht verkneifen, als Hearsts mühsam kontrollierte Fassade auseinanderbrach und er ihm einer feinen, alten Dame gleich, den pikiertesten Blick zu warf, den er  je gesehen hatte. Wenigstens werde ich mich in der Zelle nicht langweilen.

+

“Sie sind zu spät. Irgendetwas ist passiert.”

Joan Jean Winters ging mit steif verschränkten Armen und gerunzelter Stirn im Hotelzimmer auf und ab. Es war zum Verrücktwerden. Innerlich mitzählend, maß sie den kleinen Raum mit ihren langen, bestimmten Schritten ab.

Drei Schritte zum Glastisch.

Fünf Schritte zur verschlossenen Tür.

Sieben Schritte zu den Fenstern, welche die gesamte linke Wand zierten und dann alles nochmal von vorne.

Als Joan vor einer Dreiviertelstunde wie geplant als erste am Treffpunkt angekommen war, hatte sie alle Vorhänge zugezogen, nachdem sie routiniert die drei Räume der Suite (Wohnzimmer, Schlafzimmer und ein Bad) kurz abgesucht hatte. Zwar hatte Joan bei der Auswahl des Hotels kleinlichst darauf geachtet, sich von den gewöhnlichen Hotspots der magischen Gemeinschaft LAs fernzuhalten, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Nachdem ein kurzes Appare Incantamentum keine Alarmglocken läutete, hatte Joan sich daran gemacht einen provisorischen Schutzwall rund um das Apartement aufzubauen.

Gerade als sie alles zu ihrer Zufriedenheit vorbereitet hatte, ertönte ein Klopfen an der Tür. Es war Mal gewesen, der genau wie abgesprochen 15 Minuten nach Joan eintraf. Dann fehlten nur noch Renshin und Adam, die nach dem abgeschlossenen Deal zu ihnen stoßen sollten. Und das hätte vor einer Viertelstunde geschehen sollen.

Mit einem kaum unterdrückten Seufzer, erreichte Joan zum dutzendsten Mal in den letzten paar Minuten die Fenster. Doch anstatt wieder umzukehren, hob sie den dünnen Vorhang an und spähte angespannt hinaus in die anbrechende Nacht.

Wo waren die beiden nur? Was hielt sie auf?

“Hab ein bisschen mehr Vertrauen in die Jungs, sie können schon auf sich aufpassen”, ertönte es hinter ihr. Schwungvoll drehte Joan sich um und stemmte ihre Arme in die Hüften, als ihr aufgebrachter Blick sich mit Mals aufreizend Ruhigem kreuzte.

“Ich habe Vertrauen in die Jungs! Es sind alle anderen, denen ich nicht vertraue.”

Der Stoff, aus dem die Vorhänge bestanden, war so dünn, dass das Licht der untergehenden Sonne das gesamte Hotelzimmer in ein feuriges Glühen badete. Es umspielte Mals breite Gestalt wie ein Heiligenschein, als er kopfschüttelnd von der Couch aufstand, auf der er bis eben noch gesessen hatte.

Nein, dachte Joan eine Sekunde später, kein Heiligenschein. Ein Scheiterhaufen. Auf dem sie alle mit Sicherheit landen würden, wenn ihr Bruder und Renshin nicht in den nächsten fünf Minuten hier auftauchten. Verdammt. Sie hätte auf ihre Instinkte hören und den Deal in genau dem Moment abbrechen sollen, als der Kerl sie alle aus dem Nichts und ohne einen bestimmten Grund zu nennen gezwungen hatte, alles eine Woche vorzuverschieben. Als ob das nicht die größte rote Flagge gewesen wäre, die es gab.

Joan verzog das Gesicht und presste ihre Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten. Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, stand Mal auf einmal neben ihr und meinte in dem tiefen Bariton seiner bedachten Stimme:

“Gib dir nicht vorschnell die Schuld an etwas, von dem du noch nicht einmal weißt, ob es wirklich geschehen ist. Und selbst wenn etwas passiert ist, Adam und Renshin sind beide mehr als nur in der Lage, sich selbst zu verteidigen.”

“Ich bin mir sicher, dass alles nach Plan gelaufen ist und sie nur wegen irgendetwas Trivialem aufgehalten wurden. Du kennst den Verkehr hier”, sagte Mal nochmal mit Nachdruck, als ihm nur Stille antwortete.

“... ich weiß. Ich weiß”, erwiderte Joan schließlich unwirsch. Sie stieß sich vom Fenstersims ab, ging am Glastisch in der Mitte des Raumes vorbei und steuerte den Kleiderständer im Flur an, wo sie ihre Designer-Lederjacke gelassen hatte. “Accio Zigaretten.”

Die kleine blaue Schachtel flog flink aus ihrer Jackentasche heraus und landete in Joans ausgestreckter Handfläche. “Ich gehe kurz vor die Tür.”

Mal zog die Augenbraue hoch; sie beide wussten ganz genau, dass Joan nicht nach unten auf die Straße gehen müsste, um zu Rauchen. Es war ein anderes Bedürfnis, dass sie nach unten zog. Aber zum Glück entschied Mal sich dafür, auf einen Kommentar zu verzichten. Natürlich wusste Joan Mals unendlichen Optimismus zu schätzen, aber manchmal musste man sich einfach alle möglichen Endzeitszenarien durch den Kopf laufen lassen. Zumindest ging es Joan so. Es beruhigte sie zu wissen, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Denn dann konnte sie sich darauf vorbereiten.

Joan klemmte sich die unangezündete Zigarette zwischen die Lippen und nahm ihre Jacke vom Haken. Die von Hand gemalten und verzauberten, weißen Gesichter auf dem Stoff starrten ihr angriffslustig entgegen. Sie öffneten und schlossen ihre Münder in übertriebenen Fratzen, die Augen weit aufgerissen oder zu winzigen Linien zusammengekniffen. Es schien fast so, als ob sie sich über Joan lustig machten.

Kräftiger als nötig drückte Joan ihren Stab gegen das Material, wo dieses sanft aufleuchtete. Die Gesichter erstarrten mitten in ihrer kleinen Vorstellung, manche von ihnen inmitten von grotesk verzerrten Zügen. Sobald das hier alles vorbei war, würde sie diese Jacke definitiv verkaufen.

Joan hatte schon eine Hand auf die Türklinke gelegt, da stellten sich die feinen Härchen in ihrem Nacken plötzlich auf. Sie hielt inne. Irgendetwas stimmte nicht. Aber was? Stirnrunzelnd drehte sie sich wieder um.

Mal stand immer noch am Fenster, die Hände in den Hosentaschen und den Blick auf die nach und nach aufleuchtenden Lichter LAs jenseits des Glases gerichtet. Die sonst so geschmeidigen Linien seines Körpers waren angespannt, hart. Im Gegensatz zu der Gewissheit, die er eben noch an den Tag gelegt hatte, schien Mal doch nicht komplett von seinen Worten überzeugt zu sein. Aber es war nicht er, der sie hatte stocken lassen. Nein, das ungute Gefühl kam nicht vom Wohnzimmer. Langsam wandte Joan sich zu ihrer Linken.

Die Realisation traf sie wie ein Blitz: es war kalt.

Eine kühle Brise, mild und feucht, blies ihr aus der angelehnten Schlafzimmertür entgegen. Der Geruch von Asphalt und frischer Nacht. Aber das konnte nicht sein. Als Joan vorhin die Räume nach Spuren von Magie abgesucht hatte, war sie sich sicher gewesen, dass alle Fenster geschlossen waren.

Doch konnte sie durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen sehen wie sich die dünnen Vorhänge in einem sanften Windstoß kräuselten. Sie tanzten hin und her, warfen unregelmäßige Schatten auf den Boden. Das Fenster war offen. Augenblicklich schossen Joan ein Dutzend möglicher Szenarien durch den Kopf und keines davon war angenehm. Mit einem bestimmten Kopfschütteln zwang sie sich zur Konzentration. So lange wie sie überlebte man nicht in ihrem Metier, ohne ein gesundes Maß an Misstrauen zu entwickeln. Es gab keine Zufälle. Leichtfüßig näherte Joan sich der Tür und drückte diese vorsichtig auf.

Leer.

Sie trat über die Türschwelle. Ihr Stab glitt ihr fast automatisch in die Hand,  ihre Ohren waren gespitzt. Das dämmrige Licht der Straßenlaternen filterte durch das weit offene Fenster. Überall, wo es die Schatten zerschnitt, sah Joan Staubpartikel wie winzige Irrlichter durch die Luft schweben. Ihre Augen huschten flink von rechts nach links, sie scannte die verzerrten Schatten für die kleinste Bewegung, doch war da nichts. Der dunkle Mahagoni-Schrank sah zu schmal aus, als dass sich jemand darin verstecken konnte und das Bett in der Mitte des Raums schien unberührt zu sein. Das Zimmer war absolut menschenleer.

Moment mal. Da lugte etwas zwischen den Kissen hervor. Klein und weiß. War das etwa...?

Lumos.

Schnellen Schrittes hatte Joan die Distanz zum Bett überwunden und beugte sich misstrauisch über die Kissen. Geschockt weiteten sich ihre Augen, als ihr zur gleichen Zeit ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Vom hellen Schein ihres Stabes offenbart, begrüßte Joan eine kleine, adrett gefaltete Karte mit ihrem Namen.

Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Die Fingernägel ihrer Zauberstabhand pressten tiefe Halbmonde in ihre Handfläche. Joan schluckte schwer. Jemand war hier gewesen, oder hatte zumindest den provisorischen Schutzwall durchdrungen, den Joan bei ihrer Ankunft um das Apartment gelegt hatte. Für eine Sekunde, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlte, starrte Joan die sorgfältige Handschrift in einer Mischung aus Entsetzen und Verwirrung an. Behutsam schwang sie ihren Stab, sodass die Notiz wie von einer unsichtbaren Brise getragen empor stieg, wo Joan sie mit gespitzten Fingern aus der Luft pflückte. Schweres, geschmeidiges und vor allem teures Papier.

Mit hämmerndem Herzen klappte sie die Karte auf.

Sehr geehrte Ms Win-

BAM, BAM, BAM!

Ein dröhnendes Hämmern an der Tür, Mals aufgebrachte Stimme und dann ein schallendes Krachen, als ob jemand bei Hochgeschwindigkeit direkt in einen Glastisch gerannt wäre, weckten Joan aus ihrem Stupor. Bevor sie es sich versah, war sie hinaus gestürzt, den Stab kampfbereit in der rechten und die reflexartig zusammengeknüllte Notiz in der linken Hand. Der Anblick, der sich Joan bot, ließ ihr Herz für eine Sekunde aussetzen.

Eine Spur blutiger Fußabdrücke erstreckte sich von der Haustür bis ins Wohnzimmer. Dort kniete Mal auf dem Boden, umringt von einem Meers aus zerbrochenem Glas, die blutüberströmte Gestalt Renshins behutsam in seinen Armen haltend. Der Unsichtbarkeitszauber war gerade dabei zu verblassen und je mehr Joan erkennen konnte, desto schlimmer sah es aus. Tiefrote Risse waren über seinen gesamten Oberkörper verteilt, ließen Renshins Shirt in Fetzen von seinem Körper hängen und markierten die Stellen, an denen er zersplintert war. Er war kaum bei Bewusstsein.

Innerhalb von Sekunden ließ Joan sich neben Mal zu Boden fallen, die Notiz ganz vergessen. Sie konnte spüren wie die Scherben ihr die Knie aufschnitten, aber es war ihr egal. Alles, was zählte, war Renshin. Sie konnte die angetrockneten Überreste von Erbrochenem auf seinem Shirt sehen. Hastig ergriff sie Renshins schlaffes Handgelenk, dann seinen Hals und tastete suchend nach dem Klopfen seines Pulses. Verdammt. Verdammt, verdammt, verdammt! Wo war er? Spürte sie da wirklich Renshins Puls oder war es das Hämmern ihres eigenen Herzens, das sie da in ihren Fingerspitzen spürte? Frustriert nahm Joan stattdessen sein schweißnasses Gesicht in ihre Hände.  

“Renshin. Renshin, sieh mich an!”, forderte sie ihn auf, während sie versuchte das altbekannte hysterische Kreischen herunterzuschlucken, das voller Entschlossenheit versuchte sich seinen Weg aus ihrer Lunge zu kratzen. Nein. Nicht jetzt, nicht hier. Später, später. Wenn sie allein war. Mal, Renshin, sie  zählten auf sie. Joan räusperte sich, ihr Hals war so trocken. Mit einem neuen, stählernen Ton in der Stimme setzte sie nochmal an: “Renshin. Du musst mir sagen, was passiert ist.”

Sie sah wie sich der Mund des Jüngeren bewegte, doch war er zu schwach, um laut zu sprechen. Joan beugte sich über ihn, brachte ihr Ohr direkt an seine Lippen.
“A..d.am”, murmelte Renshin, das Gesicht leichenblass vom Schmerz und der Anstrengung seine Lippen überhaupt zu bewegen, “sie… haben... Adam geschnappt…”

Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Aus ihrem Augenwinkel konnte Joan die zusammengeknüllte Notiz sehen. Als sie sie fallen gelassen hatte, war sie in einem Blutspritzer gelandet, sodass sich das vormals schneeweiße Papier mit dunklem Rot vollgesogen hatte. Die ominösen Worte schossen ihr quer durch den Kopf, prallten wie Geschosse von den Wänden ihres Geistes ab. Sie fühlten sich auf einmal zentnerschwer an.

Sehr geehrte Ms Winters,
angesichts jüngster Entwicklungen in Bezug auf Ihre Operation, möchte ich Ihnen ein besonderes Angebot unterbreiten. Ich garantiere Ihnen, Sie werden es nicht bereuen. Besonders, wenn ihnen das Wohlergehen ihres Bruders am Herzen liegt.

Notieren Sie Ihre Antwort einfach auf dieses Papier. Sie wird mich erreichen.
Lassen Sie mich zeitnah wissen, ob Sie diese einmalige Gelegenheit wahrnehmen wollen.

Mit herzlichen Grüßen,
A.     M.
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