Heile, Heile Segen

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
13.08.2019
13.08.2019
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CN Blut

Als ich aufblicke, sehe ich Blut von meinen Fingerspitzen auf meine Jeans tropfen. Erschrocken lasse ich den Griff fallen. Meine Jeans ist ganz rot.
Ich verfolge die Bahn der Tropfen, die meinen herabhängenden Arm hinuntergelaufen sind. Eine Wunde ziert meinen Unterarm.
Verdutzt lange ich über den Esszimmertisch und ziehe mit der rechten Hand ein Taschentuch aus der Packung. Vorsichtig tupfe ich das Blut von meinem Arm.
Anscheinend bin ich gerade eben auf dem Weg nach Hause vom Einkaufen irgendwo hängengeblieben und habe es nicht gemerkt. Da die roten Bahnen schon getrocknet sind, schlurfe ich benommen zum Wasserhahn im Badezimmer. Am Waschbecken angekommen befeuchte ich ein neues Tempo und fahre die dicken roten Linien von meinem Unterarm bis zu meinen Fingern entlang. Wie die Spur von wasserlöslichen Stiften verblassen die Linien und färben das vorher farblose Taschentuch rot. Nun sieht es lustig aus. Ich grinse.
Noch immer brennt mein Arm. Dornenbüsche gehören ordentlich geschnitten, denke ich.
Als ich den Kopf hebe, erscheint mein ausdrucksloses Gesicht im Spiegel des Badezimmerschrankes. Auch das stimmt mir zu, dass Hecken so weit gestutzt sein sollten, dass unschuldige Passanten nicht an ihnen hängenbleiben und sich derart tiefe Wunden holen können.
Die Wunde hört nicht auf zu brennen. Blut quillt von neuem aus ihr heraus, sodass ich zwei Blätter Klopapier abreiße um die Wunde abzutupfen.
Ich muss an meine erste Begegnung mit Jonas denken und lächle. Ich bin mit sechs Jahren über eine Unebenheit im Gehsteig gestolpert. Meine Knie bluteten wie niemals zuvor. Und ich schrie wie niemals zuvor. Da meine große Schwester, die mit mir zusammen auf den Spielplatz gegangen war, gerade außer Hörweite war und mir keiner einfiel, der mir nun helfen konnte, lag ich wimmernd auf dem Boden. Als ich aufstand, versuchte ich, nicht zu heulen. Klappte aber leider nicht. Das Blut, das mir die Knie runter rann, schien mich in eine lebensbedrohliche Situation zu bringen. Ich drehte den Kopf – Schaukeln, Rutschen – aber keine Jenny. Nur ein Junge, etwas größer als ich, beim Kinderkarussell, sah schweigend zu mir hinüber.
Da es mir nicht gelang, weiter zu laufen, um Jenny zu suchen, ließ ich mich erschöpft auf eine Bank fallen. Tränen liefen mir die Wangen hinunter. Doch da stand dieser Junge plötzlich mit bestürzter Miene neben mir.
„Tut's weh?“, fragte er.
Ich nickte.
„Hast du ein Taschentuch?“, fragte er weiter.
Ich schüttelte den Kopf. Eine unglückliche Träne schlich sich meine Wange hinab.
„Wo ist deine Mama?“, sagte er.
„Meine Schwester ist hier irgendwo“, erwiderte ich traurig.
Er schaute auf den leeren Spielplatz. Außer ihm und mir war keiner in Sicht.
„Ich geh sie suchen, ja?“, rief er und lief zu den Spielgeräten.
„Aber das tut so weh!“, klagte ich.
Er blieb stehen und drehte sich um.
Mein Anblick muss erbärmlich gewesen sein.
Er lief zu mir zurück und setzte sich neben mich. „Das macht meine Mama immer, damit's besser wird“, sagte er zuversichtlich, nahm meine dreckige Hand in seine und sang leise: „Heile, heile, Segen, morgen gibt es Regen...“
Damals schaute ich den Jungen bewundernd an. Er glaubte an das Lied. Und das brachte mich ebenfalls dazu, an das Lied zu glauben.
„Übermorgen Mausespeck...“
Seine Hand war warm und ich fand den Jungen einfach nur toll.
„Am dritten Tag ist alles weg!“, beendete er sein Lied und schaute mich strahlend an. Und obwohl ich vor wenigen Minuten die größten Schmerzen meines jungen Lebens durchstehen musste und meine Schwester, die als Retter in der Not hätte fungieren müssen, unauffindbar gewesen war, strahlte ich zurück. Noch ehe die Schmerzen verschwunden waren, hatte ich mich mit dem Eifer einer Sechsjährigen in den Jungen verliebt, der bald schon mein bester Freund sein würde.
Nun sehe ich den kleinen Jungen mit der verwaschenen Jeans und dem blauen König der Löwen – T-Shirt vor mir und muss grinsen, ähnlich wie damals. Die blauen Augen leuchteten unter dem hellbraunen Haar, als er sah, dass das Lied seine Wirkung getan hatte. Er war lachend aufgesprungen und kam nach nur einem kurzen Moment mit meiner großen Schwester zurück, die doch gar nicht so weit weg gewesen war.
Das Gesicht im Spiegel lächelt. Das Toilettenpapier, das ich an meinen Arm halte, ist blutgetränkt. Die Wunde unter ihr ziept unerträglich.
Jetzt weiß ich es: Ich muss zu Jonas!
Ich brauche nur wenige Augenblicke, um durch die Wohnung zur Haustür zu huschen, mir eine Jacke überzuziehen, in meine Turnschuhe zu schlüpfen und das Haus zu verlassen. Den Ärmel der Kapuzenjacke krempele ich beim Laufen provisorisch hoch und halte mir ein frisches Tempo auf die Wunde. Unglaublich, dass die Wunde von so einem blöden Dornbusch so arg brennen kann.
Meine Füße tragen mich von allein zu Jonas' Wohnung. Ich kenne sie, es war schließlich lange genug auch meine. Als ich vor dem Haus stehe, hoffe ich so sehr, dass er da ist.
Ich klingele an dem Schild, an dem noch immer sein und mein Name steht. Nach einer gefühlten Ewigkeit ertönt das Summen der Haustür und ich schlüpfe in das Treppenhaus.
Jonas und Johanna – von dem Tag, an dem er mir das Lied vorgesungen hatte, wurden diese beiden Namen nur noch in einem Atemzug erwähnt, denn wir wurden beste Freunde. Jonas war toll. Ich war schräg. Und zusammen waren wir einfach nur cool. Jonas schrieb bei mir Englisch ab und ich bei ihm Mathe. Wenn ein Schüler aus dem höheren Jahrgang mir Ärger machen wollte, stellte Jonas sich ihm entgegen. Spielten die Jungs Fußball und ich fing den Ball, suchte ich mir aus den rufenden Kindern Jonas heraus, dem ich den Ball zurückwarf. War es bei ihm blöd, war er bei mir. Und umgekehrt.
Sobald ich mir wehgetan hatte, war er da. Und auch, als wir schon älter waren, flüsterte er dann leise: „Heile, heile, Segen...“
Es gab nie einen Jungen neben ihm in meinem Leben. Es war immer Jonas. Mit 13 gingen wir miteinander. Mit 15 liebten wir uns. Mit 17 planten wir unsere Zukunft zusammen. Mit 19 zogen wir in eine gemeinsame Wohnung.
Nun sind wir 21. Ich stehe vor seiner Tür und warte darauf, dass er mich reinlässt. Ich weiß, dass er durch den Spion schaut, deswegen ziehe ich trotz Schmerzen eine Grimasse.
Er öffnet.
Ich grinse.
Er sieht erschöpft und zerknautscht aus. Als wäre er gerade erst aus dem Bett gekommen. Dabei ist es Nachmittag. Außerdem trägt er seine Brille, die er meistens zuhause aufhat, weil er fürs Rausgehen Kontaktlinsen einsetzt.
Für einen Moment sehe ich den kleine Junge mit dem König der Löwen T-Shirt vor mir stehen. Doch nur Sekunden später verwandelt er sich in einen Mann. Ja, aus dem kleinen Jonas ist mal ein Mann geworden. Und aus der kleinen Johanna mal eine Frau.
Mein Erscheinen scheint ihn zu verwirren. „Was ist los?“, fragt er und stützt sich an der geöffneten Tür ab.
„Kann ich reinkommen?“, frage ich.
„Wie siehst du überhaupt aus?“, erwidert er. Sein Blick fällt auf meine Haare, dann auf meine Klamotten.
„Kann ich?“, wiederhole ich.
Er zögert. Dann öffnet er die Tür komplett.
Ich folge ihm in die Wohnung. Es riecht so, wie es riechen muss. Es riecht nach uns, nach Heimat, nach zuhause. Ich freue mich und fühle mich wohl.
Im Wohnzimmer lasse ich mich in der Essecke nieder. Jonas bleibt neben mir stehen. „Willst du was trinken?“
„Ach, setzt dich, ich weiß noch sehr gut, wo alles ist!“, rufe ich.
Zögerlich lässt er sich gegenüber von mir nieder. Er vermeidet meinen Blick.
Ich bin so froh, ihn zu sehen. Wenn es mir schlecht geht, habe ich immer Jonas besucht. Jonas konnte mir dann allein durch seine Anwesenheit helfen.
„Wow, du musst wirklich mal wieder aufräumen!“, fällt mir auf, als mein Blick durchs Wohnzimmer huscht. Leere Bierdosen stapeln sich auf dem Couchtisch.
„Hm“, macht Jonas. Nach einer Pause sagt er: „Jetzt aber mal ehrlich. Was willst du hier?“
Sein rauer Ton überrascht mich.
„Ich...“, sage ich nun leise und betroffen, „ich habe mir wehgetan... bin an einem Busch oder so was hängengeblieben...“ Meine schützende Hand löst sich mitsamt Taschentuch von meinem Arm und gibt die noch immer quirlig blutende und pochende Wunde preis.
Er sieht auf die Wunde, dann mir ins Gesicht. „Ja. Und?“
Die Kälte in seinen Augen lässt mich zusammenzucken. Trotzdem sage ich vorsichtig: „Nun... es tut wirklich weh.“
Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll, denn er hat seine Augen noch immer auf meine geheftet.
„Du bist ganz nass“, stellt er fest, „möchtest du ein Handtuch für deine Haare?“
„Nass?“, frage ich überrascht. Meine Hand tastet meinen Kopf ab.
„Nass“, wiederholt Jonas, „du bist wohl im Regen ohne Schirm zu mir her gelaufen.“
„Es regnet?“ Ich bin baff.
„Ja?!“, erwidert Jonas, „sieh doch nach draußen.“
Ich folge seinem Blick. „...Tatsächlich“, sage ich, als ich nun den Schauer vor dem Fenster sehe, „hab ich gar nicht so mitgekriegt.“
„Warst du bei deiner Sitzung?“, fragt Jonas.
„Welche Sitzung?“, frage ich.
Er seufzt tief. „Hannah, bitte. Bei der Therapie. Warst du da?“
In meinem Kopf rattert es. Er hat Recht, da war irgendwas. Ein Termin bei einem Therapeuten... An einem Mittwoch... Oder an einem Donnerstag? Was war heute eigentlich für ein Tag?
Meinem verwirrten Blick entnimmt Jonas, dass ich die heutige Therapie habe sausen lassen. Er schüttelt den Kopf. „Du solltest da wirklich hingehen, Hannah. Der Typ da kann dir sicherlich besser helfen, als ich jetzt.“
„Aber!“, unterbreche ich ihn und weise auf meinen Arm. „Du, das tut wirklich weh!“
„Ja, und was soll ich dagegen tun?“, erwidert Jonas gereizt. „Heile, heile, Segen singen, oder was?“
„Ja!“, rufe ich.
„Denkst du, dass ich das jetzt noch kann?“ Sein Ton ist scharf, sein Blick gekränkt.
Verständnislos schaue ich ihn an. Für einen kurzen Moment ist alles still. Dann frage ich: „Warum denn nicht?“
Der Regen klopft an die Fensterscheibe. Vor mir sitzt der Junge, der mir jedes Mal, wenn ich mir wehgetan habe, Heile, heile, Segen vorgesungen und dabei meine Hand gestreichelt hat. Dieser Junge war immer mein bester Freund, er war alles für mich. Mein Junge. Und nun erklärt er etwas, was mir bekannt vorkommt: „Es ist zu viel vorgefallen, Hanna. Wir haben uns getrennt und du bist ausgezogen.“
Ich höre mein Gehirn arbeiten. An manchen Tagen ist es langsam, an anderen schnell. Derzeit ist es sehr oft sehr langsam. Was er da sagt, hat er schon mal gesagt. Trotzdem verstehe ich ihn nicht. Was er sagt, ergibt keinen Sinn.
Meine Unterlippe bebt. Dies ist der Moment, an dem er mich sonst immer in den Arm genommen hat.
Ich sehe ihn an und warte. Er tut es nicht.
„Du machst ernst“, sage ich.
„Das habe ich vor zwei Wochen“, erwidert er, „aber es ändert nichts, wenn du jeden Tag von Neuem vor meiner Tür stehst und so tust, als hättest du all das, was du gesagt hast, nicht gesagt.“
„Was habe ich denn gesagt?“, frage ich.
Er winkt ab. „Wir hatten das oft genug. Bitte, Hanna. Es ist jetzt wirklich besser, wenn du gehst.“
„Aber das tut echt weh!“, beharre ich. Mittlerweile hat die Wunde aufgehört zu bluten. Ich spüre sie kaum noch.
„Dagegen kann ich nichts machen!“, erwidert er.
„Doch!“, bettele ich. Tränen schießen mir in die Augen. „Heile, heile, Segen singen, bitte!“
Er ist aufgestanden, um mich zur Tür zu geleiten. Ich packe ihn am Arm.
Er zögert. Er denkt an die vielen Male, an denen er mir mit dem Lied geholfen hat, das sehe ich. Ich kenne seine Blicke, weiß genau, was er denkt, wenn er die Stirn kraus zieht. Vier Jahre lang habe ich mit ihm das Bett geteilt. Wir wussten auch schon, wie unsere Kinder mal heißen würden.
Er sieht mich an. Ich möchte, dass er meine Hand nimmt.
„Es... es geht nicht“, sagt er leise.
Ich wünschte, ich würde verstehen, wovon er redet.
Als wir durch den Flur zur Wohnungstür laufen, verspüre ich das Bedürfnis, zu bleiben. „Kann ich nicht heute hier schlafen?“, frage ich mutlos.
„Nein“, antwortet Jonas. Den Blauton, den seine Augen tragen, hat kein anderer Junge der Welt, das weiß ich. Das ist der schönste Blauton überhaupt.
Wir stehen an der Tür und sehen uns an.
„Bitte, geh zu deiner nächsten Sitzung“, sagt er.
Ich habe schon wieder vergessen, was genau er meint. Trotzdem sage ich: „Okay.“
Ich höre, wie der Regen draußen auf die Erde schlägt. Sicherlich regnet es den ganzen Tag über.
Als ich die Wohnung verlasse, packt Jonas mich am Arm. „Du hast dir die Wunde selbst zugefügt, nicht wahr?“
„Was? So ein Quatsch!“, lache ich, laufe die Treppen hinab, ziehe die schwere Haustür auf und laufe nach Hause, ohne den Regen auf meiner Haut zu spüren.
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