Ostern von Übermorgen

von -Goaly-
GeschichteHumor, Sci-Fi / P12
Leutnant Atan Shubashi Leutnant Hasso Sigbjörnsen Leutnant Helga Legrelle Leutnant Mario de Monti Leutnant Tamara Jagellovsk Major Cliff Allister McLane
12.08.2019
12.08.2019
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Cliff Alister McLane war stinksauer. Nicht mal zu Ostern konnte ihn General Wamsler in Ruhe lassen. Und warum nicht? Weil ein Satellit aus seiner Bahn geraten war und kein anderer außer der ORION ihn noch finden konnte, bevor er in der nächsten Sonne verglühen würde. Die anderen Patrouillenschiffe seien in weit entfernten Sektoren unterwegs und würden in nächster Zeit nicht zurückkommen. Das hatte Wamsler zumindest behauptet. Aber Cliff wusste es besser. Er hatte den Commander des Schiffes ZEPHIR erst gestern gut gelaunt und ziemlich angetrunken im Starlight Casino getroffen. Er hatte Cliff einen Drink spendiert und erzählt, er habe den ersten Osterurlaub seines Lebens. Bald darauf tauchten auch andere Patrouilleneinheiten auf. Wamsler hatte aber keinen Widerspruch geduldet und so war Cliff zerknirscht davon gestapft, wie schon so oft, seitdem er zum Patrouillendienst verdonnert worden war.

Es war zwar nicht so einfach, den Satelliten zu finden, aber es war trotzdem keine besonders spannende Arbeit. Die ORION musste alle Sektoren im Ceres - Abschnitt 7c sorgfältig durchsuchen. Und wenn sie da nicht fündig wurden, mussten eben die Nachbarsektoren ran. Cliff stöhnte.
„Manchmal hasse ich meinen Beruf.“
„Da kann ich dir nur zustimmen“, antwortete Mario aus der Visiophonanlage. Ihn hatte es auch schwer getroffen, denn er hatte für diesen Auftrag ein Mädchen versetzen müssen, von dem er schon den ganzen vorherigen Einsatz geschwärmt hatte.
Helga starrte gelangweilt auf die Bildschirme der Raumüberwachung, bis sie vor Schreck hochfuhr.
„Wir sind ja immer noch im Sektor 38! Hasso, haben wir auch volle Geschwindigkeit?“
„Ja, wir fliegen mit allem, was geht,“ plärrte der Ingenieur aus der Bordsprechanlage. „Meinst du, ich hab Lust, hier noch länger zu bleiben als nötig?“
Die ORION flog bereits mit Hyperspace und Schlafender - und dem schlafenden Atan Shubashi, der in seiner Kabine lag. Da die ORION seit Stunden einem fest einprogrammierten Kurs folgte, hatte der Astrogator nichts mehr zu tun. Die GSD-Beamtin Tamara Jagellovsk ließ sich auch nicht blicken. Sie war wahrscheinlich ebenfalls in der Kabine.

Cliff betrachtete die Astroscheibe und sah wieder einmal, dass es nichts zu sehen gab. Weder einen Satelliten, noch einen anderen Himmelskörper, den man ohne Erlaubnis ansteuern konnte, um Tamara aus ihrer Kabine zu locken. Er beschloss, das zu tun, was viele andere auch taten, wenn ihnen langweilig war: er ging was essen. Er erhob sich und bewegte sich in Richtung Fahrstuhl. „Wohin gehst du?“, fragte Helga und erlaubte sich, kurz von den Bildschirmen aufzuschauen.
„Ich werde was essen…“
„Bitte, bring mir was mit. Ich kann hier nicht weg…“  
Der Commander nickte und machte sich auf den Weg in die Küche. Als er sein Lieblingsgericht in den Computer eintippen wollte, stutzte er. In der Klappe befand sich ein Osternest mit der Aufschrift „Für Mario“. Cliff nahm es heraus und untersuchte es kurz. Es schien aber in Ordnung zu sein.

Er ging also zum Kampfstand, wo er einen gelangweilten Mario de Monti antraf. McLane überreichte ihm das Nest und der Kybernetiker riss erstaunt die Augen auf.
„Ein Geschenk für mich? Das ist aber nett von dir, Cliff! Wenn ich das gewusst hätte! Wie kann ich denn das wieder gut machen?“, rief er begeistert aus. Dann zog er die Augenbrauen zusammen und dachte scharf nach.
„Ach, ich hab’s! Wenn wir wieder auf der Erde sind, spendiere ich dir im Casino so viele Whiskeys, wie du willst.“
Cliff lachte und hob die Hand, um Marios Redeschwall abzubrechen.
„Ein verlockendes Angebot, aber leider ist das Geschenk nicht von mir.“
„So? Welches reizende Wesen hat denn dann an mich gedacht?“ fragte Mario und zwinkerte zweideutig.
„Der Computer in der Küche,“ antwortete Cliff lapidar.
„Was?….“ fragte der Kybernetiker verwirrt, dann schien ihm etwas einzufallen. „Aber Küche ist gut…Ich habe seit heute morgen nichts mehr gegessen.“
Die beiden begaben sich wieder in die Küche. Cliff erklärte ihm, wo das Osternest herkam und dann aßen sie sich an Pfeffersteak satt.

Währenddessen betrat Atan fluchend den Kommandostand. Helga drehte sich zu ihm um und lachte laut auf. Er war offensichtlich in ein Osternest getreten, das er jetzt in der Hand hielt, und nun tropfte der Eiermatsch an seinem Hosenbein herunter.
„Ich weiß gar nicht, was daran witzig sein soll….so eine elende Sauerei.“
Atan setzte sich auf seinen Platz und stellte das Nest - oder was davon übrig war, neben die Lichtspruchanlage. In diesem Moment kamen auch Mc Lane und de Monti gut gelaunt aus der Küche.
„Ist das von dir, Cliff?“, frage der Astrogator und hob das Geschenk hoch.
Cliff antwortete nicht gleich, sondern überreichte erstmal eine Schüssel Nudeln an Helga, die diese dankbar strahlend entgegennahm. Stattdessen antwortete Mario sofort.

„Nein,“ fing er an und präsentierte sein Osternest „Meins ist nämlich auch nicht von ihm, das hat mir ein Computer geschenkt,“ witzelte er.
„Und meins lag mitten auf dem Gang. Ich glaube, hier spukts,“ meinte Atan.
„Oder TRAV verteilt Geschenke zur Entschädigung“, spekulierte Mario.
Cliff schaltete sich wieder in die Unterhaltung ein.
„Ich glaube, es ist viel einfacher,“ sagte er und drehte sich zum Visiophon. „Hasso?“
Der Ingenieur erschien auf dem Bildschirm, mit vollem Mund und genüsslich schmatzend. Er konnte nur zur Antwort grunzen.
„Du hast keine Osternester verteilt, oder?“, wollte Cliff wissen.
Hasso schüttelte den Kopf und sprach erst, als er heruntergeschluckt hatte.
„Nein, aber wer es war, hatte einen sehr guten Geschmack,“ lobte er dann.
Das stimmte wohl. Hasso war sonst nicht so für Schokolade zu begeistern.

„Na, wenn du es nicht warst - Helga?“
Sie schüttelte den Kopf, in die Nudeln vertieft.
„…dann kann es ja nur unsere Gouvernante gewesen sein,“ schlussfolgerte Cliff und schaltete zu ihrer Kabine um.
„Tamara?“
„Ja, Commander?“, erklang ihre Stimme mit gespielt unschuldigem Tonfall, bevor sie in Sichtweite des Visiophons kam.
„Möchten sie nicht doch zu uns in den Kommandostand kommen?“
„Sehr gerne,“ antwortete sie grinsend. „Schmeckt es denn?“
„Vorzüglich,“ bestätigte Cliff. „Fragen Sie Sigbjörnson.“
Wenig später kam Tamara herein und fand die zufrieden schlemmenden Atan und Mario vor, die inzwischen auch begonnen hatten, ihre Nester zu plündern. Eine neidische Helga beobachtete sie dabei.

„Ich glaube, da dürften noch zwei Nester übrig sein,“ meinte Tamara.
„Ich darf nicht. Der Satellit…“ stöhnte Helga.
„Ach, Unsinn…“, unterbrach Cliff sie. „Tamara, würden Sie bitte solange die Raumüberwachung übernehmen?“
Die Genossin willigte ein und Helga stürmte aus dem Raum.
„Irgendwas Interessantes?“, fragte Mario hoffnungsvoll die GSD-Beamtin.
„Nein,“ meinte Tamara, die sich die Anzeigen ansah, „außer, dass wir bald mit dem Abschnitt 7c fertig sind.
„Dann müssen wir das Mistding doch bald gefunden haben!“ Mario war fassungslos.
Später kam Helga wieder herein, zufrieden lächelnd, mit einem Osternest in der Hand und kassierte fröhliche „Aaahs" und „Ooohs" von der Crew. Sie wandte sich an Cliff.
„Deins habe ich übrigens auch gefunden, aber ich denke, du solltest die Ehre haben, es selbst zu suchen.“
Der Commander erhob sich würdevoll aus dem Sessel. „Also gut.“
„Ich bin solange dein Stellvertreter,“ rief Mario gleich und setzte sich auf McLanes Platz.
„Moment noch,“ bemerkte Tamara. „Wir sind jetzt mit 7c fertig. Welchen neuen Sektor sollen wir ansteuern?“ Sie sah Cliff an, der nur mit dem Achseln zuckte.
„Warum nicht gleich 7d? Gehen wir doch schön der Reihe nach.“

Atan programmierte den Kurs und der Commander verließ voller Neugierde den Raum. Er fragte sich, wo er das Nest am wenigsten vermuten würde.
Schließlich entschied er sich für die Hydrotankräume, die er sowieso selten betrat. Dort fand er erstmal Hasso.
„Na, Cliff, noch auf der Suche?“, begrüßte ihn der Ingenieur, der an den Tanks herumzubasteln schien.
„Ja, ich habe gerade erst angefangen“, erklärte ihm Cliff. Dann zeigte er auf die Tanks „Ist irgendwas nicht in Ordnung?“
„Ach, nur eine Routinekontrolle nach Paragraph 146d-4.“, winkte er ab. „Übrigens…“, fügte er hinzu, als er sah, wie sich Cliff im Raum umschaute. „Ich habe hier alles durchsucht und kein Nest gefunden. Wird wohl woanders liegen.“

Als nächstes durchsuchte er seine eigene Kabine, doch Cliff fand dort nichts weiter als eine lang vermisste Socke, die, kaum hatte er die ORION 8 bezogen, sich schon in den Untiefen seiner Matratze vergraben hatte.
Danach durchstöberte er die LANCETs, kroch unter die Armaturen und stieß sich beim Herauskriechen den Kopf ein. Leider umsonst. Die Sterne von seinen Augen konnte er ja nicht essen.
In Hassos Maschinenraum war nur das leergegessene Nest des Ingenieurs zu sehen. Bei Mario fand er zwei Kästen Whiskey von einer sehr teuren Sorte. Musste er wohl bei einer Wette gewonnen haben.
Cliff versuchte es in seiner Verzweiflung sogar noch mal in der Küche, aber der Automat piepte ihn nur verständnislos an, wenn er „Osternest“ eingab.
Besonders unangenehm war die Suche in den Kälteschlafkammern, aber dort wurde er endlich fündig!

Mit den Zähnen klappernd kam er in den Kommandostand zurück und die vollzählige Crew klatschte Beifall. Hasso, der mit seiner Routinekontrolle fertig war, rief „Du hast es gefunden!“
Cliff deutete eine Verbeugung an und sagte in Marios Richtung „Ich habe sogar noch mehr gefunden, als ich wollte,“. Daraufhin stand der Kybernetiker auf und verkündete „Das muss gefeiert werden!“ Mit schnellen Schritten machte er sich auf den Weg zu seinem nicht mehr ganz geheimen Vorrat.

Als es ruhiger wurde, wandte sich Cliff an Tamara.
„Es tut mir leid, dass Sie leer ausgehen,“ sagte er mit ehrlichem Bedauern.
„Ach, für mich kann es heute nur ein Geschenk geben“, winkte sie ab und nickte in Richtung der Raumüberwachungsanlage.
„Den Satelliten!“, riet Atan.
„Oh ja, es ist nämlich ein Überwachungssatellit des GSD. Sehr teuer und mit äußerst wichtigen Daten gefüllt. Unsere Rückfahrkarte zur Erde ist er auch noch.“
Bevor sich alle wieder in die Arbeit vertiefen konnten, kam Mario mit dem Whiskey in den Raum geplatzt. „Tadaa!“
Es stieg eine spontane Party, bei der unter anderem der angeheiterte Cliff eine begeisterte Tamara mit Schokoeiern fütterte, bis das Piepen der Raumüberwachungsanlage sie hochfahren ließ.
„Ein Objekt nähert sich,“ rief Helga und rannte zum Bildschirm. „Und ratet mal, welches!“
Tamara hob das Glas. „Jetzt haben wir auch mein Geschenk gefunden!“
„Auf den Satelliten,“ meinte Atan.
„Auf die Schokolade,“ meinte Hasso.
„Auf Ostern,“ rief Mario.
Und Cliff sagte: „Auf Tamara!“
Die Gläser klirrten feierlich und nach TRAV wurde der Lichtspruch gesandt: Der Satellit steht fest im Sektor 73 im Abschnitt 7d.
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