Berührt

GeschichteDrama, Romanze / P16
12.08.2019
01.09.2019
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♥drei♥


Ich stehe im Badezimmer und betrachte das blauäugige Mädchen mit den gefärbten Haaren, das mir aus dem Ganzkörperspiegel entgegen sieht.
Ich hasse Spiegel. Jedes Mal, wenn ich an einem vorbeigehe, erinnert er mich daran, was meine Vergangenheit aus mir gemacht hat. Vor einem halben Jahr war es noch viel schlimmer. Ich konnte mich nicht selbst ansehen, ohne zusammenzubrechen, weil mein eigener Körper mir so fremd war.
Es ging sogar so weit, dass ich angefangen habe, mich selbst zu verletzen, weil ich keinen anderen Ausweg gesehen habe. Ich war sauer auf ihn, auf mich selbst, weil ich es nicht geschafft habe, mich zu wehren und auf meine Mutter, weil sie es nicht früh genug mitbekommen hat.
Als sie dann gemerkt hat, was los war, hat sie mich zu allen möglichen Therapeuten geschickt, um mir über das Trauma hinwegzuhelfen. Es ist mittlerweile ein bisschen besser geworden, aber manche Wunden kann man nicht heilen, indem man darüber redet oder wartet, bis die Zeit einem hilft, zu vergessen. Sie werden zu Narben, die bleiben, bis man wieder lernt, zu vertrauen. Allerdings weiß ich nicht, ob ich das jemals wieder hinbekommen werde.
Schuldbewusst mustere ich die Narben, die ich mir selbst zugefügt habe, bevor ich mir das Oberteil der neuen Schuluniform überziehe, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Zuerst waren es nur ein paar gleichmäßige, schmale Schnitte an meiner linken Schulter, doch dann habe ich immer weiter gemacht, sodass sich nun viele helle Striche kreuz und quer von der Schulter bis zur Hälfte meines Oberarms ziehen.
Heute hasse ich mich für das, was ich mir selbst angetan habe. Ich werde mich nie wieder trauen, ärmellose Klamotten zu tragen, da ich nicht zulassen kann, dass jemand mich so sieht. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, mich so vielen fragenden Blicken auszusetzen. Die einzige Person, die davon weiß, – abgesehen von den ganzen Therapeuten –  ist meine Mutter und das soll auch so bleiben.
Da alle anderen noch schlafen, weil ich heute viel zu früh aufgestanden bin, bleibt mir mehr Zeit, als ich eigentlich brauche und ich verbringe sie damit, mein Spiegelbild zu inspizieren, wie ich es lange nicht getan habe.
Früher war ich eigentlich immer ziemlich zufrieden mit mir und habe nicht hinterfragt, was anderen an mir gefallen könnte und was nicht.
Ich bin weder zu groß noch zu klein und dadurch, dass ich früher so viel Sport gemacht habe, war ich auch ziemlich gut trainiert. Ich bin immer noch sehr schlank, aber selbst wenn es wahrscheinlich nur meiner Mom und mir auffallen würde, habe ich ziemlich an Muskelmasse abgebaut.
Bis auf wenige Pickel an der Stirn könnte man auch mein Gesicht als relativ hübsch bezeichnen. Zumindest objektiv betrachtet. Meine Lippen sind nicht schmal, aber auch nicht zu voll. Ich habe hohe, aber nicht zu sehr ausgeprägte Wangenknochen und dunkelblaue Augen mit langen Wimpern. Doch je genauer ich mich ansehe, desto mehr Dinge fallen mir negativ auf, über die ich früher nie nachgedacht habe.
Für meine Augen habe ich früher oft Komplimente bekommen, aber mir erscheinen sie viel zu groß und glubschig. Außerdem sind meine Augenbrauen irgendwie ziemlich buschig und meine Nase… – Meine Gedanken werden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.  
„Ly, bist du da drin?“, höre ich Millys Stimme von draußen. Schnell ziehe ich mir den Rest meiner Schuluniform an und öffne die Tür. „Guten Morgen“, sage ich, als ich Milly gegenüber stehe, die sich gerade gähnend die Augen reibt.
„Gott Hailey, wie kannst du so früh aufstehen?“, fragt sie ungläubig.
„Ich konnte nicht mehr schlafen“, murmele ich schulterzuckend. Und weil ich zugegebenermaßen doch noch ziemlich müde bin, frage ich: „Habt ihr Kaffee?“
Milly nickt müde lächelnd und erklärt mir, wo ich den Kaffee finden kann. „Machst du mir auch einen?“
„Mit Milch?“, will ich wissen, woraufhin sie wieder nickt und mir hinterher ruft: „Und ganz viel Zucker!“
Normalerweise trinke ich eher selten Kaffee, aber die letzten Tage waren echt anstrengend und der Schlaf auf Millys Sofa ist nicht gerade erholsam.
Nachdem wir zu dritt unseren Kaffee genossen haben, da Blue kurz nach uns aufgestanden ist, sitzen wir in seinem Auto und sind auf dem Weg zur Schule. Er hat angeboten, uns zu fahren, weil er sowieso zur Uni muss.
„Du wirst dich bestimmt wohl in unserer Schule fühlen“, prophezeit Milly mir, „Wir sind nämlich echt cool.“
Ich grinse, obwohl ich immer unsicherer werde, je näher wir der Schule kommen. Auch wenn ich keine Zweifel daran habe, dass Millys Freunde cool sind und mich gut bei sich aufnehmen würden – es werden zu viele Menschen mit zu vielen Fragen sein.
Als mein Cousin uns an der Schule absetzt, kostet es mich Überwindung, mir nicht anmerken zu lassen, wie nervös ich im Moment bin.
Meine Knie sind zittrig, meine Hände schwitzen und der Kloß in meinem Hals wird immer größer. Habe ich schon erwähnt, dass ich es hasse, neue Leute kennenzulernen?
Milly begleitet mich ins Sekretariat, damit ich dort meinen Stundenplan abholen kann. Ich habe mich einfach für dieselben Kurse angemeldet, die sie auch belegt, damit ich mich für den Anfang besser zurecht finde. Falls mir ein Kurs nicht gefallen sollte, ist das nicht so tragisch, da das Schuljahr nur noch bis Mitte Dezember geht und wir bereits September haben.
Nächstes Jahr werde ich die elfte Klasse freiwillig wiederholen, weil ich dieses Jahr zu viel verpasst habe. Milly war immer eine Klasse unter mir, weil sie ein knappes Jahr jünger ist als ich.
Ich werfe einen Blick auf den Stundenplan, während ich ihr durchs Schulhaus folge. Das lenkt mich ein wenig von den ganzen neugierigen Blicken ab, die mir andere Schüler hinterher werfen.
Milly bleibt vor einem Raum stehen und reißt dann schwungvoll die Tür auf. Schlagartig drehen sich alle zu uns um, schauen erst sie und dann mich an. Milly leitet mich dazu an, ihr zu einer kleinen Gruppe von Mädchen zu folgen, die am Fenster sitzen und ihr jetzt lächelnd zuwinken. Da ich hier niemand anderen kenne, bleibt mir nichts anderes übrig, als Milly hinterher zu gehen.
„Hi“, sagt ein Mädchen mit hellbrauner Haut und dunkelbraunen Afrolocken, das in der Mitte sitzt.
„Du bist Millys Cousine oder?“, fragt das Mädchen links neben ihr. Sie hat braune wellige Haare, die vorne zu einem Pony geschnitten sind und trägt eine große, schwarzgeränderte Brille, die sie gerade auf ihrer sommersprossigen Nase zurecht rückt.
Ich antworte ihr nur mit einem Nicken. Etwas anderes ist auch gar nicht nötig, da Milly bereits zu reden beginnt: „Jap, das ist Hailey aus Northam. Sie ist nach Sydney gezogen, weil ihre Mutter hier einen neuen Job gefunden hat.“
Ich nicke wieder.
„Hailey, das sind Katy,…“, sie geht alle drei Mädchen in der Reihenfolge von links nach rechts durch, „Joana und…“, sie deutet auf das dritte Mädchen mit langen schwarzen Haaren und auffällig grün-grauen Augen, das mir freundlich zulächelt-, „das ist Chloe.“
Ich nicke zum dritten Mal, lächle alle drei an, um nicht unfreundlich zu wirken und sage dann „Hi.“
Wir kommen nicht mehr dazu, uns groß zu unterhalten, da der Klassenraum sich allmählich füllt und alle damit beschäftigt sind, einander zu begrüßen und von ihrem Wochenende zu erzählen.
Noch einige andere Mädchen kommen auf mich zu und wir stellen einander vor, aber ich kann mir nicht auf Anhieb alle Namen merken.
Ein paar Mitschüler, vor allem die Jungs, halten sich eher im Hintergrund und beobachten mich, ohne mit mir zu reden. Wahrscheinlich sind sie entweder schüchtern oder sie halten sich nur zurück, um mein Gesamtbild zu analysieren und dann zu entscheiden, ob es sich lohnt, mit mir zu reden.
Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das eigentlich ziemlich oberflächlich, aber andererseits finde ich es auch gut, dass nicht sofort alle Menschen aus dem Kurs auf mich zugestürmt kommen. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich es selbst nicht anders gemacht, als sie.
Als die Lehrerin den Raum betritt, kehrt langsam aber sicher Ruhe ein und Milly zeigt mir einen leeren Tisch zwischen ihr und einem anderen Mädchen, an den ich mich setzen kann. Ich betrachte das andere Mädchen, das neben mir sitzt, von der Seite und versuche, mich an ihren Namen zu erinnern, aber er fällt mir nicht ein. Vermutlich war sie eine von denen, die noch nicht mit mir gesprochen haben.
Sie hat lange glatte Haare, ein wenig dunkler, als meine Naturhaarfarbe, und als sie sich in meine Richtung dreht, blicke ich in zwei haselnussbraune Reh-Augen, die mich von oben bis unten mustern. Ich werfe ihr ein freundliches Lächeln zu, das sie für den Bruchteil einer Sekunde erwidert, sich dann aber wieder umdreht und auf ihre Nägel schaut.
Okay… anscheinend hat sie kein allzu großes Interesse an mir, was mich aber nicht weiter stört. Dann wird sie immerhin nicht versuchen wollen, mir Gespräche aufzuzwingen.
Die Lehrerin knallt ihre Tasche auf das Pult und sorgt damit für Ruhe im Klassenraum. Überrascht von dem lauten Geräusch drehe ich mich zu Milly um und sehe sie fragend an. Daraufhin beugt sie sich zu mir herüber und flüstert: „Das macht Mrs White immer, wenn wir am Anfang der Stunde zu laut sind… also eigentlich fast jedes Mal.“ Sie zuckt mit den Schultern und dreht sich wieder nach vorne.
Verwirrt richte auch ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meine neue Englischlehrerin und warte, was als nächstes passiert. Alle Gespräche im Raum sind verstummt, was darauf schließen lässt, dass Mrs Whites Methode ziemlich effektiv zu sein scheint. Ich hoffe, dass sie nicht allzu streng ist.
„Guten Morgen!“, sagt sie in die Klasse und wartet unsere Antwort ab, bis sie fortfährt: „Wir haben eine neue Schülerin im Kurs, wie ihr sehen könnt. Willst du dich vielleicht kurz vorstellen?“ Sie sieht mich direkt an und deutet mit beiden Händen neben sich auf den Boden.
Zögernd stehe ich auf und gehe langsam nach vorne. Dort angekommen lasse ich meinen Blick durch das Klassenzimmer schweifen und schaue nervös zuerst von meinen Mitschülern zu unserer Lehrerin und dann wieder zu meinen Mitschülern.
Ich hasse es, vor mehreren Menschen zu reden. Und ich hasse es, hier vorne zu stehen, wo alle mich anschauen können.
„Ich heiße Hailey“, sage ich und rege mich darüber auf, dass meine Stimme so unsicher klingt. Nachdem ich einmal tief ein und ausgeatmet habe, in der Hoffnung, dass ich dadurch ein wenig ruhiger werde, rede ich weiter: „Ich bin 17 Jahre alt, komme aus Northam und bin vor zwei Tagen nach Sydney gezogen.“
Mrs White nickt mir zu und teilt mir mit, dass ich mich wieder setzen kann. Bis jetzt wirkt sie eigentlich echt nett, aber es hat mich trotzdem irritiert, dass sie ihre Tasche so auf den Tisch geknallt hat.
Als ich wieder zu meinem Platz gehe, sehe ich, wie Milly mir zulächelt. Ich lächle zurück und setze mich. „Hat man mir angesehen, dass ich nervös war?“, will ich von ihr wissen.
Sie schüttelt mit dem Kopf. „Nein. Abgesehen davon, dass du ständig an deinen Haaren rumgespielt hast…“, sie macht eine wegwischende Handbewegung, „aber das hat bestimmt kaum jemand gemerkt.“
„So, wenn ihr nichts dagegen hättet, würde ich jetzt gerne mit dem Unterricht beginnen“, wirft Mrs White ein, bevor ich etwas darauf erwidern kann.
Den Rest der Stunde verfolge ich aufmerksam, auch wenn es nicht sonderlich interessant ist, da ich das meiste noch vom letzten Jahr weiß.
Genau wie bei allen weiteren Kursen, die ich an diesem Vormittag besuche. Es ist immer ungefähr derselbe Ablauf; jeder Lehrer, der mich noch nicht kennt, bittet mich, mich vorzustellen und fährt dann wie gewohnt mit dem Unterricht fort. Vor jeder Unterrichtsstunde wird mir mulmig zumute, da immer die Möglichkeit besteht dass ich wieder nach vorne kommen muss, wo alle Blicke auf mich gerichtet sind.
Deshalb bin ich extrem froh, als endlich Mittagspause ist und ich nicht mehr befürchten muss, dass mich irgendwer nach vorne bittet. Stattdessen sitze ich mit Katy, Joana und Milly an einem Tisch in der Cafeteria und genieße das Sandwich, das ich mir gerade geholt habe.
„Guten Appetit euch allen“, ruft Chloe in die Runde bevor sie sich auf den freien Platz gegenüber von mir setzt und in einen Brownie beißt.
„Danke, gleichfalls“, antworte ich und sehe verwundert dabei zu, wie der Brownie in ihrem Mund verschwindet.
Milly bemerkt meinen Blick und sagt: „Chloe isst immer ihren Nachtisch zuerst auf, niemand weiß wieso.“
„Angewohnheit“, erwidert Chloe mit vollem Mund und hebt entschuldigend ihre Hände, was mich irgendwie zum Lachen bringt.
Ich weiß jetzt immerhin, dass ich bei Millys Freundinnen nichts befürchten muss, weil alle drei sehr sympathisch zu sein scheinen, aber trotzdem kann ich mich nicht so ganz entspannen. Ich höre ihren Gesprächen zu und lache oft darüber, wenn jemand etwas Witziges sagt, aber es fällt mir schwer, mich an den Gesprächen zu beteiligen, da ich bei den meisten Themen sowieso nicht mitreden kann.
Katy und Joana unterhalten sich gerade über eine Gruppe von Jungen, die am anderen Ende der Cafeteria sitzt und von denen alle – wenn ich es richtig verstanden habe – eine Klassenstufe über uns sind.
Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich das letzte Mal mit jemandem über Jungs geredet habe, aber es war auf jeden Fall vor einer Ewigkeit. Dieses Thema interessiert mich gar nicht mehr. Es ist mir egal, wie heiß ein Typ ist, ob er eine neue Frisur hat oder wie er ohne Shirt aussieht; mich interessiert nur, dass er hoffentlich nichts von mir will, denn das kann ich im Moment echt nicht gebrauchen. Wahrscheinlich sogar nie wieder.
„Ich habe gehört, dass Drake zu seinem Geburtstag eine Strandparty gibt, zu der fast die ganze Oberstufe kommt“, flüstert Joana aufgeregt und ich vermute, dass es sich immer noch um einen Typen aus der Gruppe dort hinten handelt.
Ich versuche gerade herauszufinden, welcher von ihnen gemeint ist, als Milly bereits beginnt, mich darüber aufzuklären: „Drake ist der Typ da hinten mit den dunkelbraunen Haaren und dem Levi’s-Shirt. Der ist fast an der ganzen Schule bekannt, einerseits wegen den guten Partys, die er organisiert, aber andererseits auch, weil er einfach nur gut aussieht.“ Sie grinst mich an und wackelt mit den Augenbrauen. Ich erwidere ihr Grinsen, auch wenn es nicht wirklich echt ist.
„Aber du musst unbedingt mit zu dieser Party kommen! Dann lernst du vielleicht den Rest der Oberstufe besser kennen…“, fügt Milly noch hinzu.
Bevor ich darauf eingehen kann, erwidert Katy: „Ja, niemand lässt sich eine Party von Drake entgehen, die sind immer legen – warte noch – där: Legendär!
Milly verdreht die Augen. „Und du solltest außerdem wissen, dass Katy ein totaler Nerd ist und ständig Sätze aus Serien oder Filmen zitiert“, flüstert sie mir ins Ohr.
Ich lache und sehe dann grinsend zu Katy hinüber, weil das gerade ein Zitat aus How I met your mother war – einer meiner Lieblingsserien.
Nachdem ich den letzten Bissen meines Bagels vernichtet habe, und auch alle anderen fertig mit dem Essen geworden sind, setzen wir uns in den Gemeinschaftsraum der Schule, um dort den Rest unserer Mittagspause zu verbringen.
Ein Junge mit Zahnspange und braunen Locken lässt sich gegenüber von uns in einen der Sessel fallen. Ich kenne ihn aus ein paar Kursen, die er mit uns besucht und wenn ich richtig liege, wird er Brace genannt. Aber mir ist natürlich klar, dass das nicht sein richtiger Name ist – hoffe ich zumindest – denn wer nennt sein Kind schon Zahnspange?
„Habt ihr von der Party gehört?“, fragt er und alle nicken. „Und, geht ihr hin?“ Wieder nicken alle, außer mir.
Ich will nicht zu dieser Strand-Geburtstags-was-auch-immer-Party. Das sind mir zu viele fremde Menschen, zu viel nackte Haut und mit Sicherheit auch zu viel Alkohol. Im letzten Jahr habe ich eine tiefe Abneigung gegen Alkohol und Zigaretten entwickelt. Alkohol ist an allem schuld und deshalb werden mich keine zehn Pferde auf diese Party bekommen. Die Frage ist nur, wie ich das Milly und den anderen begreiflich machen kann.
„Kommst du auch? Diese Party solltest du dir nicht entgehen lassen, Süße“, entgegnet Brace.
Das letzte Wort jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Hat er mich gerade Süße genannt? Ist das sein Ernst? Mein Herz rast und ich fühle mich, als wäre ich in eine Art Schockstarre versetzt worden.
„Ly, ist alles okay bei dir?“ Milly fuchtelt mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum. „Halloo?“
Ich nehme ihre Hand nur verschwommen wahr. Es ist, als würde ich durch sie hindurch sehen und ich bringe es nicht fertig, mich zu bewegen, um ihre Finger festzuhalten.
„Brace ist übrigens schwul“, gesteht sie mir beiläufig, was zumindest dazu beiträgt, dass ich mir keine Sorgen mehr darüber mache, dass Brace mich in irgendeiner Hinsicht belästigen könnte. Ich lächle, um irgendeine Reaktion zu zeigen und damit ich so wirke, als wäre alles in bester Ordnung.
„Ey, was soll denn das jetzt heißen?“, erwidert er empört. „Ich könnte genauso gut allen erzählen, dass du hetero bist!“
Die Diskussion, die darauf folgt bekomme ich nur am Rande mit, da ich immer noch nicht aufnahmefähig für irgendetwas bin. Selbst wenn ich nun weiß, dass ich vor Brace keine Angst haben muss, kann ich die Emotionen nicht ignorieren, die dieses eine Wort noch immer in mir auslöst.
Der restliche Schultag zieht schnell an mir vorbei. Ich verfolge den Unterricht wie in Trance und antworte ab und zu auf Fragen von Milly oder anderen Mitschülern, aber sonst rede ich nichts. Zu meinem Glück hatten wir im Nachmittagsunterricht keinen neuen Lehrer, weshalb ich mich niemandem mehr vorstellen musste.  
Nach der Schule verabschieden Milly und ich mich von allen und werden dann von Blue wieder mit nach Hause genommen. Während der Fahrt redet keine von uns ein Wort. Vielleicht hat sie bemerkt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt und dass ich lieber meine Ruhe haben möchte.
Blue scheint das allerdings nicht zu sehen. Er durchlöchert mich mit Fragen darüber, wie mein erster Schultag hier war und ob ich schon Freunde gefunden hätte. Ich gebe ihm Antworten, die ihn zufriedenstellen und dabei möglichst kurz gehalten sind, damit ich mich wieder in mich selbst zurückziehen kann.
Ich will heute nichts mehr von der Außenwelt wissen. Es macht mich wütend, dass dieses Wort immer noch eine Wirkung bei mir zeigt. Aber ich werde niemandem etwas davon erzählen. Erstens müsste ich dann allen berichten, was damals passiert ist und zweitens würde das nur Mitleid erregen und ich will kein Mitleid.
Ich wollte doch einen Neuanfang! Aber stattdessen breche ich wegen einem einzigen Wort fast zusammen, obwohl alles mittlerweile schon mehrere Monate her ist. Das macht mich wütend und gleichzeitig macht es mich wütend, dass es mich wütend macht.
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