Dawn

von Kura Sayo
OneshotAllgemein / P12
Dazai Osamu
12.08.2019
12.08.2019
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Hallo zu einem weiteren kleinen OS von mir zu BSD und meinem Liebling Dazai.

Ich hatte diese Idee während der Arbeit und als ich anfing hieran zu schreiben, nahm die Story einfach so ihren Lauf. Ehrlich gesagt wusste ich selbst nicht wohin das ganze geht und es war nur als kleine private Übung gedacht. Da ich mit dem Ergebnis aber recht zufrieden bin wollte ich es euch nicht vorenthalten.

Viel Spaß.

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Nach zwei Jahren versteckt in heruntergekommenen Herbergen, den Slums oder einfach in einer dreckigen Seitenstraße war es seltsam wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. Ein bequemer, weicher Futon der frisch duftete, statt eines Wanzen verseuchten Bettes oder eines harten, kalten Betonbodens. Darum war es vermutlich nicht weiter verwunderlich, dass Dazai den Futon die ersten Tage mit und einfach auf dem Parkett oder dem Sofa schlief, nicht wahrhaben wollend das so etwas nicht länger notwendig war.

Eine weitere ungewohnte Neuerung waren Essen und Getränke. Er hatte sich mit in Dosen verpacktem Krabbenfleisch und billigen Sake über Wasser gehalten und tat dies auch jetzt noch. Doch jeden Morgen fragte Haruno ihn ob er einen Tee oder Kaffee wollte und nach einigen Tagen hatte er ihr Angebot schließlich angenommen. Er ließ sich sogar von seinen neuen Kollegen ins Café schleifen und aß dort gelegentlich eine kleine Mahlzeit, um den besorgten Blicken zu entgehen.

Tatsächlich waren seine Kollegen alle recht freundlich zu ihm und behandelten ihn wie jeden anderen normalen Menschen auch. Und das war es mit dem Dazai am allerwenigsten zurechtkam.

In der Mafia hatten sich die Leute so gut es ging von ihm ferngehalten. Sie hatten Blickkontakt vermieden und Berührungen erst recht. Manchmal wusste Dazai selbst nicht Recht, ob sie es wegen des vielen Blutes taten, dass an ihm klebte oder wegen seiner Fähigkeit.

Hier in der Agentur war das anders. Niemand schien davor zurück zu schrecken ihm direkt in die rot-braunen Augen zu blicken und gerade sein neu zugewiesener Partner, Kunikida, scheute sich nicht Dazai anzufassen. Oder zu schlagen, was sich in der Mafia niemand auch nur in seinen kühnsten Träumen getraut hätte.

Tatsächlich musste Dazai sich eingestehen, dass diese Atmosphäre – so fremd sie ihm auch war – einen willkommenen Kontrast zu seinem alten Leben darstellte. Hier hatte er das Gefühl, wirklich etwas an sich selbst verändern zu können. Hier könnte er ein guter Mensch werden der den Schwachen half wenn sie in Not waren und der den Waisen eine Hand reichte wenn sie niemanden sonst hatten, der ihnen auf die Beine helfen wollte. Genau wie Odasaku es gewollt hatte.

An Odasaku zu denken ließ ihn wehmütig werden. Der Schmerz über den Verlust seines besten und womöglich einzigen Freundes war noch immer so frisch wie am ersten Tag. Er konnte die Schwere des kalten, leblosen Körpers in seinen Armen fühlen, spürte das klebrige Blut an seinen Fingern kleben. Und Dazai wusste, wenn er die Augen schloss könnte er sich für einen Moment einbilden noch immer in diesem Ballsaal zu sein, auf dem Boden kniend und um seinen toten Freund trauernd. Nur das Oda schon lange nicht mehr in diesem Ballsaal lag.

Das erste das Dazai getan hatte nachdem er seinen Entschluss die Mafia zu verlassen gefasst hatte – noch bevor er Chef Taneda aufgesucht oder die Bombe in Chuuyas Auto platziert hatte – war eine Ruhestätte für Odasaku zu finden. Und natürlich durfte es nicht irgendeine sein. Es musste ein Ort sein der zu Odasaku und dessen geplatzten Träumen passte. Und so hatte er sich für einen friedlichen Friedhof an der Küste entschieden und für einen kleinen Hügel mit einem alten Baum, von wo aus man den perfekten Blick aufs Meer hatte.

Er erinnerte sich nur vage an die Beerdigung. Nur er und ein Pfarrer waren anwesend gewesen und obwohl er von dem älteren Gottesdiener darum gebeten worden war, hatte Dazai keinerlei Abschiedsworte gesagt. Erst als der Mann schweren Herzens gegangen war und ihn seiner Trauer überlassen hatte, hatte er es über sich gebracht etwas völlig  dämliches zu murmeln und das Foto abzulegen, welches sie vor kurzem im Lupin gemacht hatten.

Ango war auf dem Foto zu sehen gewesen. Dazai hatte einen Moment lang mit dem Gedanken gespielt ihn einfach abzureißen und in eine schlammige Pfütze zu werfen, zu vergessen dass es sich bei ihnen nicht um ein Duo sondern um ein Trio gehandelt hatte. Odasaku hätte das sicher nicht gewollt und ein winzig kleiner Teil in ihm flüsterte, dass er selbst das auch nicht wollte.

Nicht weit von Odas Grab entfernt, befanden sich fünf weitere Gräber. Kleiner und identisch im Aufbau. Es waren die Gräber von Odasakus Kindern, die Waisen um die er sich so aufopferungsvoll gekümmert hatte.

Zuerst hatte Dazais Wut auch ihnen gegolten. Diese Kinder waren genauso Schuld an Odasakus Tod, wie Ango und Mori. Hätte Oda sich ihrer nicht angenommen, hätte er sie nicht so sehr in sein Herz geschlossen, dann hätte ihr Tod ihn auch nicht auf diese Selbstmord-Mission getrieben.

Doch die Kinder traf keine Schuld und nach einigen Wochen begann er das auch einzusehen. Sie waren lediglich Kinder gewesen, zu jung für eine Welt voller Blutvergießen und Gefahr und ganz einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Außerdem, wenn er den Kindern die Schuld an dieser ganzen Misere geben wollte, musste er sie auch sich selbst geben. Durch ihn hatte Mori überhaupt erst von der Existenz der Waisen erfahren und von dem Schutzhaus das Dazai für Oda bereitgestellt hatte um sie darin zu verstecken.

Nein, er konnte die Kinder nicht hassen. Besonders nicht wenn er sich an seine erste eigene Begegnung mit den Fünf erinnerte und an die Art und Weise wie sie ihn angesehen hatten. Eine Mischung aus Neugierde und Ehrfurcht. Er erinnerte sich besonders gut an dieses seltsame, warme Gefühl in seiner Brust als Sakura ihn Dazai-nii gerufen hatte und fragte sich bis heute ob es sich so anfühlte, eine Familie zu haben.

Eine Familie… Auch die Mitglieder der Agentur schafften es von Zeit zu Zeit dieses warme Gefühl in ihm auszulösen. Sei es nun Kenji der ihm mit funkelnden Augen seine neue Tomatenpflanze Berta vorstellte oder Kunikida der ihn mit sanfter Strenge daran erinnerte, dass er mit einem mehrfach gebrochenen Bein nicht durch das gesamte Büro rennen sollte, sondern strikte Bettruhe hatte. Hatte er also in diesem Haufen begabter Exzentriker eine neue Familie gefunden? Vielleicht, doch wer konnte das schon mit Sicherheit sagen.

Mittlerweile konnte er jedenfalls sagen, dass er sich in Gegenwart seiner neuen Kameraden sicher fühlte und nicht mehr ständig dieses Verlangen spürte sich umzublicken und jeder noch so kleinen Geste zu misstrauen. Hier würde ihm niemand Gift in seinen Tee mischen oder ihm in einem unvorsichtigen Moment ein Messer in den Rücken stechen.

Gerade am Anfang hatte er es nicht geschafft, sein Misstrauen abzulegen und das war nicht unbemerkt geblieben. Kunikida hatte ihm deswegen gelegentlich einen schiefen Blick zugeworfen, es dann aber schnell als einen seiner sonderlichen Ticks abgetan. Ranpo dagegen hatte sofort gewusst was Sache war. Vermutlich hatte er Dazai von dem Moment an komplett durchschaut gehabt, in dem er einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt hatte.

Fukuzawa war es auch aufgefallen und nach etwa einem Monat hatte er Dazai zu einem Gespräch in seinem eigenen Büro, abgetrennt vom Rest der Agentur gebeten. Dazai hätte lügen müssen, wenn er behauptete das sich ihm nicht der Magen umgedreht hatte, als er Fukuzawa folgte. In seinem Kopf hatten nur zwei Gründe für dieses Gespräch existiert.

Nummer eins war, Fukuzawa hatte beschlossen das er keinen ehemaligen Kriminellen beschäftigen konnte und würde ihn an die Polizei aushändigen. Auch wenn er dem Präsident nicht alles aus seiner Vergangenheit erzählt hatte, er war ehrlich genug gewesen um den Silberhaarigen wissen zu lassen das er ein Ex-Mafiosi war und dementsprechend jede Menge Dreck am Stecken hatte.

Nummer zwei war, er hatte etwas falsch gemacht. Er hatte während seines letzten Jobs einen Fehler gemacht, einen den er selbst vielleicht nicht einmal bemerkt hatte und nun würde er sich den Konsequenzen stellen müssen.

Moris Konsequenzen waren niemals gut gewesen. Dazai hatte zahlreiche Narben über seinen gesamten Körper verteilt, die dies bezeugen konnten. Wenn der Mann ihn nicht mit seinem Skalpell bearbeitet hatte, dann hatte er oft für den Schwarzmarkt entwickelte Medikamente an ihm getestet. Am schlimmsten aber war es gewesen - bevor Dazai zum Unterboss ernannt worden war - wenn Mori auf andere Art Hand an ihn gelegt hatte. Er war nie zu weit gegangen, doch bereits die kleinste sanfte Berührung und der Gedanke an Moris fragwürdige Tendenzen waren genug gewesen, damit Dazai monatelang Alpträume hatte.

Fukuzawa war anders. Er war nicht Mori und würde es auch niemals sein. Seine Vergangenheit mochte ebenfalls nicht die Beste gewesen sein, seine Weste nicht weiß, aber er war das komplette Gegenteil verglichen mit dem Untergrundarzt. Er führte seine Angestellten nicht mit eiserner Faust und süßlich giftigen Versprechen, sondern mit sanftem Verständnis. Er mochte streng und unbarmherzig wirken und mit seinen Feinden kurzen Prozess machen, doch jeder in der Agentur wusste, dass sie sich ihrem Chef anvertrauen konnten und jederzeit eine schützende Hand über sie alle legen würde.

An diesem Tag hatte auch Dazai diese Lektion gelernt. Fukuzawas Stimme hatte einen beruhigenden Effekt auf ihn und sorgte dafür dass sich die Anspannung aus seinen müden Knochen und Muskeln löste, während ihm der Mann versicherte, dass alles in Ordnung war. Das hier war nicht die Mafia. Fehler endeten nicht in körperlicher Bestrafung oder mentaler Folter. Gesagtes war nicht doppeldeutig gemeint und es bestand nicht die ständige Gefahr des Verrates oder eines Hinterhaltes.

All das beruhigte Dazai mehr als er sich selbst eingestehen wollte, doch es waren zwei Sätze die seine Welt zu erschüttern schienen.

„Mori Ougai ist nicht hier. Er kann dich nicht mehr verletzen!“

Dazai hatte seine Gefühle schon immer gut unter Kontrolle gehabt, so gut dass viele dachten er war nicht in der Lage irgendetwas zu fühlen. Manchmal glaubte sogar er selbst, dass es so war. Vielleicht war es genau wie seine Fähigkeit sagte und er war kein Mensch.

Wer jedoch in diesem Moment das Gesicht des einstigen dämonischen Wunderkindes sehen konnte erkannte, dass er durchaus menschlich war. Und nichts weiter als ein 20 Jahre altes Kind, das sich in seiner eigenen Dunkelheit verlaufen hatte. Ein Kind das vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben das Licht zu sehen bekam und von dessen warmen Strahlen verbrannt wurde. Doch der einzige Zeuge dieses Momentes, Fukuzawa Yukichi, betrachtete den Jungen mit einem kaum merklichen Lächeln, wissend das ihn das Licht nicht zerstören würde. Es würde ihn aufblühen lassen.

Ob Fukuzawa Recht behalten hatte und Dazai im Licht aufblühte, konnte vermutlich niemand sagen. Doch in einer Sache war er sich sicher. Das Leben im Licht machte seine Welt ein kleines bisschen schöner. Und seit dieser Waisenjunge mit den schief geschnittenen weißen Haaren und den goldenen Augen in aus dem Fluss gefischt hatte, schien es regelrecht zu erstrahlen.

Zuerst hatte sich Dazai Atsushis nur angenommen, weil Odasaku ihn gebeten hatte auf die Waisenkinder aufzupassen. Wie könnte er den letzten Wunsch seines Freundes besser erfüllen, als einem Waisen ein neues Zuhause und eine Möglichkeit zu Arbeiten anzubieten? Doch es hatte nicht lange gedauert bis Odasakus Bitte nicht mehr der einzige Grund war, wieso Atsushi Dazai so wichtig war.  

Der Junge erinnerte ihn an seinen alten Freund, dasselbe große Herz und diese leichte unbeschwerte Naivität der Welt gegenüber. Und gleichzeitig erinnerte er ihn auch ein bisschen an sich selbst.

Sie waren beide Waisenkinder, aufgewachsen ohne die Liebe der eigenen Eltern zu kennen. Beide suchten sie nach ihrem Grund am Leben zu sein, ihrem Recht auf dieser Erde zu wandeln. Dazai wünschte nur sein Pfad hätte Atsushis noch eine Spur ähnlicher sein können. Was wohl gewesen wäre, wenn ihn nicht ein schäbiger Arzt im weißen Kittel aufgelesen hätte, nachdem er versucht hatte sich selbst zu töten? Was wenn Odasaku mit seiner Liebe für verlorene Kinderseelen ihn zuerst gefunden hätte? Wie hätte sein Leben dann wohl ausgesehen?

Dazai vertrieb die Frage nach dem was wäre wenn wieder. Es brachte nichts über Dinge nachzudenken, die ohnehin unmöglich waren. Sein Leben hatte in der Nacht begonnen. Doch die Nacht war niemals komplett in Dunkelheit getaucht. Odasaku war sein Mond gewesen, Ango und die Waisen seine Sterne und gemeinsam hatten sie ihn durch die dunkelsten Zeiten geführt. Als die Sterne erloschen und der Mond untergegangen war, erwartete ihn ein neuer Morgen. Er kündigte sich mit dem Singen der Vögel und sanften Pastelltönen am Horizont an. Und nun da ein gewisser weißer Tiger die Sonne mit sich gebracht hatte war Dazai sich sicher, seine Nacht hatte ihr Ende gefunden und Platz gemacht für einen neuen Tag.
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