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Die Farben der Wahrheit

von Dala
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / MaleSlash
Old Shatterhand Winnetou
12.08.2019
06.01.2020
9
53.441
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16.12.2019 7.712
 
P12, slash, AU


An deiner Seite



„Du bist hier, das ist gut, denn die nächste Aufgabe harret deiner schon.“

Mit einer tiefen Verneigung war ich vor jenen getreten, der mir im Namen des Allerhöchsten zu gebieten hatte und der mich sogleich mit der Mitteilung überraschte, augenblicklich wieder fortgesandt zu werden. Doch ich freute mich darüber, denn nichts war mir schwerer erträglich als Müßiggang oder geduldiges Warten.

„Wem stellst du mich dieses Mal zur Seite?“

„Sieh her ...“

Wie immer in solchen Momenten verschwamm mein Gesichtsfeld, blendender Nebel umhüllte mich, bis sich schließlich die Konturen desjenigen Menschen herausbildeten, den ich für eine Weile zu begleiten haben würde. Stets durchflutete mich beim ersten Anblick einer Seele ein Gefühl tiefster und demütigster Bewunderung, denn jede unter ihnen, die unseren besonderen Schutz verdiente, war ein Meisterwerk. Diese aber beeindruckte mich in einer Weise, wie ich sie in all den Jahrhunderten meines Waltens noch nie empfunden hatte.

Samtener Glanz aus dunklem Rot. Flecken schillernden Lichts, warm und unwiderstehlich wie ein Feuer in schwärzester Nacht. Helle Blitze unbändiger Kraft umspannt von einem kunstvollen Netz aus Redlichkeit und Güte. Pulsierender Mut in einem purpurnen Hauch zarter Verletzlichkeit. Ein geheimnisvolles Meer, in dessen Tiefe ich zu versinken wünschte, ohne jemals wieder auftauchen zu müssen.

Für gewöhnlich fiel es mir leicht, mich von den pastellenen Tönen zu lösen, welche in den mir anbefohlenen Kindern wohnten. Sie befanden sich im Werden und Wachsen, glichen duftenden Wolken, filigran, formbar und zerbrechlich, waren noch jung und mühelos zu durchschauen – nicht unergründlich und mächtig wie jene Seele, die mir soeben offenbart wurde, und deren Bild ich nicht loslassen wollte, weil ihre physische Hülle mich kaum interessierte.

Doch ich wusste, ich durfte nicht verharren. Ich musste mich daran gewöhnen, meinen Schützling in der Form zu betrachten, in welcher er auf der Erde wandelte und anhand derer ich ihn zwischen anderen erkennen würde, ohne in sein Inneres zu blicken.

Langsam befreite ich mich also von dem Bann, unter dem ich stand, und bemerkte zu meinem großen Erstaunen, dass nicht nur diese Seele ganz anders war als alles, was ich bisher kannte, sondern auch der Mensch, in dem sie wohnte. Kein blondgelockter kleiner Prinz, kein schüchternes Bauernmädchen, keine verängstigte Sklaventochter und kein schmutziger Bettlerknabe, sondern ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt, mit bronzefarbener Haut, herrlichem, blauschwarzem Haar, das ihm auf dem Rücken fast bis zum Gürtel reichte, und leicht exotischen Zügen, die man schlichtweg als schön bezeichnen musste.

Ich sann einen Moment, dann glaubte ich zu wissen, woran ich war. „Ein Indianer?“

„Ein Indianer.“

„Sind es nicht sonst andere, die du ihnen zur Seite stellst?“

„Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen haben sich geändert. Je größer der Einfluss der Christen in Nordamerika wird, desto schwächer werden die Geister, die bisher ihre schützenden Hände über die Ureinwohner des Kontinents hielten. Und wir dürfen nicht riskieren, diesen zu verlieren.“

„Verzeih, dass ich nicht fraglos gehorche, doch wenn dieser so bedeutend ist, warum schickst du mich erst jetzt? Er ist längst erwachsen. Es wird schwer werden, ihn zu leiten.“

„Du bist nicht der erste, den ich ihm zur Seite stelle. Doch der ihn bisher lehrte und behütete, war ihm ein Vater im Geiste. Was er jetzt braucht, ist ein Bruder im Kampf. Ich rufe deinen Vorgänger zurück, sobald du an seine Stelle treten kannst. Beschütze jenen, den ich dir gezeigt habe und der schon bald ein Anführer der Seinen werden wird. Zeige ihm den Weg des Friedens, halte ihn auf dem Pfad der Liebe und Gerechtigkeit. Bewahre ihn davor, dem dunklen Drängen zu folgen, das Leid und Verderben bringt. Geh nun.“

Noch einmal verneigte ich mich, dann wandte ich mich ab, breitete meine weiten Schwingen und glitt hinunter in die Welt der Menschen, einmal mehr meinen Auftrag zu erfüllen.

***


Ich antwortete nicht; ich sattelte mein Pferd und ritt fort; ich musste allein sein, um diese fürchterliche halbe Stunde wenigstens äußerlich zu verwinden.

Wie hatte dies alles nur so gänzlich misslingen und in eine derartige Richtung laufen können? Was nur hatte ich falsch gemacht?

Als junger Mann, der dem verstorbenen Sohn eines bekannten Büchsenmachers ähnlichsah, hatte ich mich zunächst in St. Louis aufgehalten und eben jenen Mr. Henry davon überzeugt, dass ich der Richtige war in den Westen zu gehen, um dort mein Glück zu machen, Abenteuer zu suchen und Ruhm und Ehre zu erlangen.

Heimlich, wie er geglaubt hatte, hatte er mich einem Vermessungsbüro anempfohlen, um mich als Surveyor bei der Eisenbahngesellschaft unterzubringen, mit welcher ich nunmehr seit mehreren Monaten im Apachengebiet unterwegs war.

Heute nun endlich, nach all den Wochen der Vorbereitung, war ich dem Mann begegnet, dem ich zur Seite stehen sollte – Winnetou. Doch anstatt den Häuptlingssohn der Mescaleros fürderhin als Vertrauter zu begleiten, saß ich nun alleine, angespuckt und abgewiesen an einem schmalen Wasserlauf und haderte mit jenem, der unsere Geschicke lenkte.

Sicher, es war nicht ganz regelkonform gewesen, meinen Westmannsruhm auf einem Jagdhieb fußen zu lassen, der nur dank eines winzigen Funkes der göttlichen Kraft gelang, die in mir wohnte. Doch ich hatte nicht mehr als einen Hauch meiner eigentlichen Macht in meine Faust gelegt, ehe ich zuschlug. Dass bereits dieser Hauch geeignet war, Rattler in die Bewusstlosigkeit zu senden, hatte mich selbst ein wenig überrascht. Wahrscheinlich hätte ich den Widerling bei seinem Erwachen daher um Verzeihung bitten müssen, doch nach all den Wochen der Demütigungen und Verleumdungen hatten mein Langmut und auch meine Beherrschung ein Ende gehabt. Stattdessen hatte meine Wut gesiegt – eine Emotion, die ich eigentlich hinter mir gelassen haben sollte, derer ich mich aber nie gänzlich erwehren konnte, wenn ich längere Zeit unter den Menschen weilte.

Außerdem hatte der Trunkenbold den Kopfschmerz, der ihm durch meinen Schlag beschert worden war, redlich verdient. Und letztlich hatte ich auch ganz einfach einer Gelegenheit bedurft, mir Respekt zu verschaffen. Wenn ich meinem Schützling in dieser Welt, in welcher allein der Stärkere regierte, von Nutzen sein wollte, hatte ich dafür Sorge zu tragen, dass man mich achtete. Was also wäre meine Alternative gewesen? Mich ungestraft verlachen zu lassen und damit als Feigling zu gelten, der jeder Konfrontation aus dem Wege geht? Das war im Wilden Westen undenkbar.

Ich hatte mich redlich bemüht durch Fleiß und heldenhaftes Betragen im Umgang mit wilden Tieren zu glänzen, die rohen Menschen, unter welchen ich weilte, waren davon jedoch in keiner Weise beeindruckt. Wie also hätte ich Rattler begegnen sollen? Mit einem Revolver etwa oder mit dem Messer? Nein, denn zu leicht konnten Kugeln und Klingen ein Leben beenden. Eine sagenumwobene Schmetterhand hingegen erregte Aufmerksamkeit und setzte außer Gefecht, ohne wirklich zu verletzen oder gar zu töten. Genau das kam mir zu pass – auch wenn ich um ihretwillen die eiserne Regel, als Mensch unter Menschen weilen zu müssen, ein wenig gebeugt hatte.

Sollte es nun diese kleine Grenzüberschreitung gewesen sein, für welche ich gestraft wurde? Ich mochte es kaum glauben. Schließlich war es nicht meine Entscheidung, dass man uns nicht gestattete, den Personen, die wir begleiten sollten, in unserer eigentlichen Gestalt zu erscheinen und ihnen ohne Umschweife sagen zu dürfen, wer wir waren und was wir wollten.

Ich seufzte ob dieser müßigen Überlegungen, wusste ich doch auch aus eigener Erfahrung, dass wir nur dann zum Ziel kamen, wenn wir den beschwerlichen Weg gingen – eben jenen, auf dem ich mich nun befand und allem Anschein nach versagt hatte.

Dabei war zunächst alles erstaunlich problemlos verlaufen. Schon im ersten Moment unserer Begegnung hatten der bucklige Mann in indianischer Kleidung und ich uns als die erkannt, die wir waren, und er schien zu verstehen, dass es nun an der Zeit war, seinen Platz an mich zu übergeben. Wir hatten beide unsere Rolle gespielt und endlich hatte ich Winnetou wahrhaftig gegenübergestanden!

Die Verhandlungen mit Bancroft waren – wie zu erwarten gestanden hatte – erfolglos geblieben, doch hatten der weiße Lehrer der Apachen und ich die Bedenkzeit des Oberingenieurs nutzen können, uns unter dem nur halb erlogenen Vorwand einer gemeinsamen Herkunft zurückzuziehen, um miteinander zu sprechen. Klekih-petra, wie er hier genannt wurde, hatte mir erklärt, dass er seine Begleiter von meiner Redlichkeit überzeugen und mich mitnehmen wollte, um sich dann, wenn ich Winnetous Vertrauen besaß, zurückziehen.

Doch der freie Wille der Menschen hatte unsere Pläne durchkreuzt. Die Ereignisse hatten sich überschlagen und Rattler auf Winnetou geschossen. Seinem Auftrag gemäß hatte sich mein Vorgänger schützend vor den Häuptlingssohn geworfen und war tödlich verwundet worden. Daher blieben ihm nur noch wenige Augenblicke, mich den Apachen anzuempfehlen, und womöglich wäre das sogar in seinen kurzen, halb gestammelten Worten gelungen, weil die Menschen den Wünschen eines Sterbenden häufig Gehör schenkten. Aber er war nicht verstanden worden, da er sich der falschen Sprache bedient hatte. Anstatt in Englisch hatte er sich in jenem Deutsch ausgedrückt, in dem wir uns zuvor unterhalten hatten, um vor Lauschern sicher zu sein, das aber weder Intschu tschuna noch sein Sohn beherrschten. So war seine letzte Bitte erfolglos verklungen und ich saß nun hier als Feind des Mannes, dem ich doch ein Bruder werden sollte.

Winnetou … Auch ohne erneut in sein Inneres zu schauen, ging von dem jungen Mescalero eine Faszination aus, derer ich mich nicht erwehren konnte. Der bloße Anblick seiner irdischen Gestalt reichte aus, mich ebenso in seinen Bann zu ziehen, wie es vor Wochen die erste Wahrnehmung seiner Seele getan hatte. Ihn umgab eine beinahe magische Aura, wie ich sie noch selten bei Sterblichen bemerkt hatte. Sie musste der Abglanz der starken Seele sein, die in ihm wohnte und die mit solcher Kraft nach außen strahlte, dass sie selbst unter Menschen fühl- und erkennbar wurde.

Doch was nutzte mir alles Sehnen und alle empfundene Zuneigung, wenn ich nicht an den jungen Indianer herankam? Was nur mochte Klekih-petra bewogen haben, seine letzten Worte in Deutsch an mich zu richten? Sicherlich keine bewusste Überlegung, sagte ich mir. Denn auch wenn das Sterben für Unseresgleichen nur der bereits häufig vollzogene Schritt über eine wohlbekannte Grenze war, so verwirrte es doch die Sinne, raubte den klaren Verstand.

Mit einem Schaudern rief der Gedanke an das Ende des irdischen Lebens jene uralten Bilder vor meine Augen, die ich nie vergessen würde, egal wie fern sie bereits in der Vergangenheit lagen. Blendende Sonne, die auf meine nackte Haut herab brannte. Johlende Menschen, die nichts anderes wollten, als mein und der anderen Verurteilten Blut fließen zu sehen. Der klägliche und verzweifelte Versuch mit bloßen Händen meine Schwestern zu beschützen. Und schließlich der Schmerz, als das kurze Schwert des Gladiators mir durch die Brust fuhr und mich die Dunkelheit des Todes, meines wirklichen Todes, umfing ...

Gewaltsam riss ich mich von meinen Erinnerungen los, um mich wieder auf meine Möglichkeiten im Hier und Jetzt zu konzentrieren. Die beiden Apachen waren fort, mein Vorgänger konnte nichts mehr tun, um mir meine Aufgabe zu erleichtern. Ich musste nun also aus eigener Kraft Winnetous Freundschaft erringen. Doch würde ich überhaupt noch einmal Gelegenheit dazu bekommen? Würde ich ihn jemals wiedersehen? Höchstwahrscheinlich, denn die Häuptlinge würden zurückkehren, um Vergeltung zu üben, das stand außer Frage. Ob es mir allerdings gelingen konnte, in dieser nun hochemotionalen Situation zu beweisen, dass ich kein verdammenswerter Räuber und Mörder war, blieb abzuwarten. In keinem Falle aber würde es mir etwas nutzen, tatenlos länger hier sitzen zu bleiben, zumal sich Sam, Dick und Will sicher bereits sorgten und es nicht in meiner Natur lag, aufzugeben.

Die Erkenntnis, dass nicht nur mein Ehrgeiz mich antrieb, sondern auch ein glühender Funke, den Winnetous Nähe in meinem Inneren entzündet hatte, suchte ich zu verdrängen ...

Ich atmete tief durch. Die Ruhe und die Zeit des Nachdenkens hatten mir gutgetan. Zwar hatte ich eine erste Schlacht verloren, den Krieg aber würde ich gewinnen! Mit neuer Zuversicht ausgestattet erhob ich mich vom Boden, bestieg mein in der Nähe grasendes Pferd und ritt zurück zum Camp.


***


Ich war bereits eine ganze Weile durch den Wald geschritten, ohne dass die körperliche Anstrengung – wie ich gehofft hatte – das eigenartige Gefühl vertrieb, das mir die Brust engmachte. Ich konnte mir seine Herkunft nicht erklären. Sicherlich, das Zusammentreffen mit Santer und auch Sams Beobachtungen vom Vorabend hatte uns ein wenig misstrauisch gemacht, beides stand jedoch in keinem Verhältnis zu der kaum zu bemeisternden Unruhe, die in meinem Inneren schäumte.

Von einigen Bagatellen wie dem unseligen Start, der mit dem Tod meines Vorgängers geendet hatte, abgesehen, war in den letzten Monaten alles erstaunlich gut gegangen. Natürlich waren die schwere Verwundung und die Wochen im Fieber nicht angenehm gewesen, dennoch hatten Jahrhunderte der Erfahrung im Umgang mit Sterblichen mich gelehrt, diesen wie jeder normale Mensch zu ertragen, um mein Umfeld nicht misstrauisch zu machen. Zudem hatte die Verzögerung unserer Verurteilung ob meiner desolaten Gesundheit letztlich dazu beigetragen, mein Ziel zu erreichen. Den Apachen war Zeit geblieben nachzudenken und abzuwägen. Dennoch hatte ich mir vorgenommen zukünftig vorsichtiger zu sein und mir der Tatsache gewärtiger zu bleiben, welche Pein eine entzündete Stichwunde, zumal wenn sie eine empfindliche Körperstelle wie die Zunge betraf, eigentlich verursachte – ganz unabhängig davon, dass sie mich an den Rand des Todes und wohl auch ein Stück darüber hinaus gebracht hatte, wenn ich ehrlich zu mir war.

Dennoch: Mit ein wenig himmlischer Hilfe war diese Prüfung ebenso glücklich vorüber gegangen wie der Kampf mit Intschu tschuna und am Ende hatte reicher Lohn meiner geharrt. Winnetou war nicht nur mein Freund, sondern gar mein Blutsbruder geworden.

Versonnen betrachtete ich die kleine Narbe auf meinem rechten Unterarm. Ich hätte sie heilen lassen können, doch unabhängig davon, dass ich mich damit der Gefahr einer Entdeckung meiner übernatürlichen Fähigkeiten ausgesetzt hätte, war sie mir viel zu kostbar. Denn sie erinnerte mich an den Moment, in dem der Häuptlingssohn der Mescaleros und ich verbunden wurden. Die Apachen waren überzeugt, dass die Seele im Blut lebte – und sie hatten recht. Ich schloss die Augen, um jenen pulsierenden Funken in meinem Inneren zu finden, den Winnetou mir geschenkt hatte. Sobald ich seiner gewahr wurde, erstrahlte mein ganzes Sein vor Wonne. Gleichzeitig kehrte jedoch mit Macht die Beklemmung zurück, die mich vor einer kleinen Weile vom Lager fort und hier in den Wald getrieben hatte.

Weiter bemüht diese abzuschütteln, schritt ich kräftig aus, bis ich ganz plötzlich die Ursache meiner Unruhe entdeckte. Verborgen in einem Gebüsch standen die Pferde jener Kerle, die sich unter Santers Führung als harmlose Rinderhirten ausgegeben hatten. Das konnte kein Zufall sein! Sam hatte sich also doch nicht geirrt, als er glaubte, einen Lauscher gesehen zu haben! Winnetou und seine Familie waren in höchster Gefahr! Ich musste zu ihnen – sofort!

Ich schnappte mir eines der Pferde und eilte auf den Spuren der Bande voran, hatte aber allem Anschein nach ausgerechnet einen alten Klepper erwischt, sodass ich ihn schließlich am Fuße einer steilen Böschung festband. Ich hastete in einem engen, felsigen Gerinne weiter, in welchem sich jetzt kein Wasser befand. Die Angst trieb mich zu einer Eile an, welche mir nach und nach den Atem raubte. Auf einer scharfkantigen Höhe angekommen, musste ich stehen bleiben, um die Lunge ruhiger werden zu lassen. Einmal mehr verdammte ich den Umstand, dass ich mich auf Erden meiner Flügel nicht bedienen durfte. Um wie vieles schneller hätten sie mich dorthin getragen, wo ich meinen Winnetou mittlerweile ganz deutlich in höchster Not spürte. So aber blieb mir nichts, als zu Fuß weiter zu eilen, bis ich Schüsse vernahm. Einige Augenblicke darauf erscholl ein Schrei, der mir wie ein Degen durch den Körper drang; es war der Todesschrei der Apachen.

Nun gab es für mich kein Zögern mehr. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, welche Konsequenzen auf das Brechen unserer Regeln folgten, breitete ich meine Schwingen, erhob mich über die Bäume und brachte mich mit wenigen raschen Schlägen an den Rand einer Lichtung, wo ich kampfbereit auf den Grund glitt. Unter Missachtung jeder Vorsicht und jeden Verbots verbarg ich meine Flügel nicht wieder, sondern hielt ihr blendendes Weiß drohend über den Kopf erhoben, um sogleich alle damit niederzuschmettern, die sich mir oder meinem Schützling entgegenstellen wollten. Doch keiner der Menschen, die ich nun wahrnahm, interessierte sich für mich. Die Lichtung war nicht groß. Fast mitten auf ihr lagen Intschu tschuna und seine Tochter. Ob sie noch lebten, sich noch bewegten, konnte ich zunächst nicht bestimmen. Unweit davon befand sich ein kleiner Felsblock, hinter welchem Winnetou steckte.

Da ergriff mich ein unbändiger Grimm, der jede Milde verdrängte. Einem Wirbelsturm gleich flog ich zwischen die Bäume und hieb auf die beiden Kerle ein, die sich dort zu verbergen suchten, ohne meine Kräfte auch nur im mindesten zu kontrollieren. Meine Schläge krachten wie Donnerhall, sodass man sie leicht für Schüsse aus dem Bärentöter hätte halten können. Ich ahnte, dass ich die Männer getötet hatte. Dann bemerkte ich einen dritten Strolch, welcher durch den Wald floh. Es war Santer! Sofort setzte ich ihm nach, doch im Gegensatz zu jenem kurzen Sturzflug vom erhöhten Rand der Lichtung herab auf die Feinde zu, bei dem ich meine Flügel eng an den Körper hatte legen können, erwiesen sie sich bei der jetzigen Verfolgung als wenig hilfreich, eher als störend. Die Bäume standen zu dicht, meine Spannweite war zu groß, ich war nicht in der Lage die Schwingen zu breiten und verhedderte mich in Schlinggewächsen, als ich es dennoch versuchte. Schnell erkannte ich, dass ich nur über den Wipfeln würde fliegen können, von dort wäre es mir aber nicht mehr möglich, den Flüchtigen zu sehen. Also blieb mir nichts übrig, als mich erneut auf die Schnelligkeit meiner Füße zu verlassen.

Schon nach einigen hundert Metern bemerkte ich jedoch, dass Santer weit vor mir das Pferd erreichen würde, das ich auf dem Herweg gedankenlos in der Schlucht zurückgelassen hatte. Zudem fühlte ich, wie Winnetous Seele vor Schmerz schrie, und ich wusste, dass die Liebe, welche mich an seine Seite befahl, soviel bedeutender und stärker war, als der Hass, der mich hieß den Mörder zu verfolgen.

Ich kehrte also um und erreichte den Platz des Geschehens noch rechtzeitig, um Nscho-tschis letzte Worte zu hören. In all den Jahrhunderten meines Daseins war es bei weitem nicht das erste Mal, dass ich einen geliebten Menschen sterben sah, doch niemals hatten mich Trauer und Hoffnungslosigkeit so sehr zu übermannen gedroht wie in diesem Augenblick. Es war, als wolle mir das Herz zerspringen; ich musste mir Luft machen, sprang auf, denn wir hatten uns bei Nscho-tschi niedergekniet, und stieß einen lauten, lauten Schrei aus, dessen Echo von den Wänden der benachbarten Berge widerhallte.

Winnetou stand auch auf, langsam, als ob er von zentnerschweren Gewichten niedergehalten werde. Er schlang beide Arme um mich und in jenem Moment, in dem er mich bat, seine Schwester niemals zu vergessen, sehnte ich mich unendlich danach ihn zu trösten, indem ich ihm – wenn auch nur für die Dauer eines Wimpernschlags – das Glück spüren lassen würde, das den Seinen nun in der Ewigkeit beschert wurde. Doch noch ehe ich dazu kam diesen Plan, dessen Ausführung wiederum das Übertreten eines Verbotes bedeutet hätte, in die Tat umzusetzen, begann Winnetou erneut zu sprechen und in meinem Inneren erhob sich ein Gefühl, das meine Verzweiflung und seinen Schmerz beiseiteschob: unbändiger Zorn!

Für einige wenige Sekunden verwirrte mich die Empfindung, dann wurde mir bewusst, woher sie stammte. Der Anteil von Winnetous Seele, den ich seit der Blutsbrüderschaft in mir trug, brannte durch meine Adern wie loderndes Höllenfeuer. Und ich verstand: Dies war der Moment, für den man mich hierher gesandt hatte. Dies war der Moment, an dem ich mich beweisen und meinen Schützling retten musste. Dies war der Moment, in dem ich alles wagen musste. Nun galt es der Dunkelheit die Liebe entgegen zu schleudern, um Winnetou nicht zu verlieren.

Und so sagte ich: „Du sollst und wirst tun, was du willst; vorher aber höre eine Bitte, welche vielleicht meine letzte sein wird ...“

***


Draußen sah ich nichts; es war stockdunkel; der Hurrikan warf mich augenblicklich nieder, und eine Sturzsee rollte über mich weg. Ich glaubte schreiende Stimmen zu hören, doch war das Heulen des Wirbelsturms stärker als sie. Da zuckten kurz nacheinander mehrere Blitze durch die Nacht, die sie auf einige Augenblicke erhellten. Ich sah Brandung vor uns und jenseits derselben Land.

[…] Ich hatte mich an einem eisernen Träger festgehalten, ließ aber jetzt los; […]

Die See war dunkel und das Land auch; ich konnte in der dichten Finsternis die eine nicht von dem anderen unterscheiden, mir also keine zum Landen passende Stelle suchen, und trieb mit dem Kopfe in der Weise gegen eine Klippe an, als hätte mir jemand mit einem Beil einen Hieb gegeben. Ich hatte noch die Geistesgegenwart, mich schnell an diesen Felsen emporzuarbeiten, und verlor dann das Bewusstsein.

Als ich erwachte, herrschte Stille um mich her und ich wusste sogleich, dass ich nicht mehr umtost von Sturm und Ozean an einem nordamerikanischen Strand lag. Auch ohne die Augen zu öffnen, war mir klar, dass blendend helles Licht mich umfangen würde und dass ich mich jenem gegenüber fand, der mich zur Erde geschickt hatte.

Ich verspürte keinerlei Lust mich mit ihm auseinanderzusetzen, ahnte ich doch, dass er mir all die Dinge vorhalten würde, die ich unter Missachtung unserer Gesetze eigenmächtig zu tun entschieden hatte. Doch natürlich war es lächerlich in irgendeiner Weise den Bewusstlosen spielen zu wollen und zu hoffen, dass ich der Konfrontation damit aus dem Wege gehen konnte.

Also hob ich die Lider, blinzelte, fand meine Vermutung, dass ich nicht allein war, bestätigt und stand auf, um mich zu verneigen.

„Du weißt, warum du hier bist.“

Es war keine Frage. Er hatte nicht nötig zu fragen, denn er las in meinem Herzen und meinen Gedanken wie in einem offenen Buch.

„Ja“, bestätigte ich dennoch.

„So erfahre, dass ich dich nicht wieder zurückschicken werde.“

Ich hatte mit vielem gerechnet, vor allem mit Vorwürfen und Ermahnungen, diese Worte jedoch trafen mich wie ein Faustschlag. Ich sollte nicht erneut auf die Erde gehen dürfen, nicht mehr an Winnetous Seite stehen und kämpfen dürfen? Wer würde ihn dann aber beschützen? Wer würde für ihn da sein, ihm helfen, ihn auffangen? Wer würde ihm Liebe und Kraft schenken, jetzt, wo seine Familie nicht mehr bei ihm war? So sehr mir bewusst war, dass mein Gegenüber all dies sicher bereits bedacht hatte, empfand ich seine Entscheidung als völlig ausgeschlossen. Ich musste zurück!

„Das geht nicht“, brach es daher aus mir heraus. „Er braucht mich. Meine Aufgabe ist nicht erfüllt. Ich muss den Himmel verlassen, du machst einen Fehler, wenn...“

„Einen Fehler? Bedenke wohl, mit wessen oberstem Boten du sprichst!“

Ich hielt in meinem Redefluss inne. Ich wusste, dass es mir nicht zustand, Fragen zu stellen oder zu widersprechen, dennoch hatte ich es in den vergangenen Jahrhunderten häufig getan und war nie dafür getadelt worden. Heute den Vorwurf eines Irrtums zu erheben, war jedoch nicht nur frevelhaft, sondern offensichtlich ganz einfach undenkbar und überschritt selbst die beinahe unendliche Langmut meines Gegenübers. Dennoch hatten sich die Worte ungeordnet und hektisch über meine Lippen gedrängt, ehe ich mir der vollen Tragweite ihres Inhalts bewusstgeworden war. Und auch jetzt, wo ich länger über sie nachdachte, war ich nach wie vor überzeugt, dass ich im Grunde recht hatte.

Jener, dem ich diente, schien dies aber ganz anders zu sehen: „Der Fehler ist nicht, dich von der Erde weg zu beordern. Vielmehr wäre es einer, dich dort zu lassen, und das weißt du ebenso gut wie ich. Höre also auf, dich lächerlich zu machen, indem du nicht nur dich selbst, sondern auch mich zu täuschen versuchst.

Du besaßt stets meine Gunst, ich gestand dir große Freiheiten, sodass du die Aufgaben, mit denen du betraut wurdest, auf deine Weise zu erledigen vermochtest. Nun aber bist du zu weit gegangen. Du hast mehrfach unumstößliche Gebote missachtet, hast Regeln wieder und immer wieder überschritten. Damit hast du dein Recht auf Einmischung in die Angelegenheiten der Menschen verspielt.“

„Nun ja“, gab ich zu, „es mag wohl sein, dass ich die eine oder andere Eigenmächtigkeit begangen habe, aber doch stets nur in dem Bemühen das zu tun, was du mir geboten hast: Winnetous Seele retten. Ich würde doch denken, sie wäre ein oder zwei kleine Verfehlungen wert.“

„Kleine Verfehlungen? Darunter ließe sich wohl fassen, dass du deine Kräfte nur unzureichend verborgen hast. Das Zureiten des Rotschimmels, der lähmende Faustschlag, minutenlanges Tauchen, ohne Atem zu schöpfen... all dies hätte allzu leicht Verdacht erregen können, dennoch habe ich großzügig darüber hinweggesehen, da derartige Spielereien nicht der Rede wert sind. Auch die Tatsache, dass ich dich noch aus dem geöffneten Grab heraus zurücksenden musste, weil du deinen Verletzungen erlegen wärst, will ich dir nicht anlasten. Selbst den Einsatz deiner übermenschlichen Kraft bei der Tötung jener Verlorenen, die deinen Schützling zu ermorden suchten, hätte ich akzeptiert. Dass du bei dieser Gelegenheit jedoch deine Flügel nicht nur benutzt, sondern auch offen zur Schau gestellt hast, damit bist du zu weit gegangen. Hätten Santer oder Winnetou deine wahre Gestalt, deine Schwingen gesehen, dann...“

„Niemand hat auf mich geachtet und...“

„Schweig!“

Donnernd durchschnitt dies eine Wort meine Verteidigung und ließ Stille zurück.

„Noch ist deine größte Untat nicht vorgebracht. Sie stellt all die genannten Übertretungen in den Schatten und sie ist es letztlich auch, die mich veranlasst, dich so lange nicht mehr unter die Menschen zu lassen, wie der Apache lebt.“

Neuerlich entstand eine Pause. Offensichtlich sollte ich selbst in Worte fassen, worin mein Fehltritt bestand, doch ich dachte nicht daran das, was mir das Kostbarste geworden war, als Sünde zu benennen. So wartete ich schweigend ab, bis mein Gegenüber weitersprach.

„Du hast dein Sein mit dem eines Sterblichen vermischt und trägst nun einen Teil der Seele, die dir anbefohlen wurde, in dir.“

Unwillkürlich suchte ich nach Winnetous purpurnem Licht in meinem Inneren, fand es, fühlte es und wusste, dass ich seinen Besitz mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen würde – gegen jeden! Daher antwortete ich: „Das ist wahr, doch hatte ich keine Wahl, wenn ich die Menschen nicht verärgern wollte, die mir mit dem Ansinnen einer Blutsbrüderschaft eine große Ehre zuteilwerden ließen.“ Ich suchte meiner Stimme einen festen und dennoch reumütigen Klang zu geben. „Und nun ich mit dem Häuptling der Apachen verbunden bin, empfinde ich es als meine Pflicht, bei ihm zu bleiben, und erflehe deshalb demütigst deine Erlaubnis, mich wieder hinab an seine Seite begeben zu dürfen.“

„Nein. Gerade weil du mit ihm verbunden bist, musst du ihm fernbleiben, denn seine Nähe wird dich auch in Zukunft immerfort veranlassen, unsere Regeln zu brechen, so lange, bis es kein Zurück mehr gibt. Ich kann darüber nicht mehr hinwegsehen und muss dich vor dir selbst schützen. Ich habe bereits zu lange gewartet.“

„Nein, nein“, widersprach ich. „Ich gestehe ein, dass ich zu leichtsinnig war, doch ich werde mein Betragen ändern, wenn dies die Bedingung ist, unter der ich zu ihm zurückkehren darf.“

„Das wird dir nicht gelingen.“

„Doch, sicherlich! Ich war mir jeder dieser Fehlentscheidungen bewusst. Warum sollte es mir also nicht gelingen, mich zukünftig anders zu betragen?“

„Weil du ihn liebst.“

Diese Worte, so einfach sie waren, erschreckten mich zutiefst, denn sie berührten jenen Punkt in mir, vor dem ich mich selbst zu verbergen suchte. Einem Reflex gleich wünschte ich daher sie dementieren zu können. Das aber wäre eine Lüge gewesen. So blieben nur eine Bestätigung oder Schweigen. Ich entschied mich für Letzteres. Mein Gegenüber jedoch war geduldig und wartete, bis ich schließlich den Mut aufbrachte endlich auszusprechen und mir selbst einzugestehen, was mein Herz längst hundert und tausend Mal in meine Ohren geschrien hatte: „Ich liebe ihn.“

Für einen Moment umfing mich ein mildes Lächeln. Dann jedoch wich es der Strenge eines Vaters, der sein Kind vor einer Dummheit zu bewahren hat. „Du liebst ihn weitaus mehr und auf eine Art, die sich für deinesgleichen nicht geziemt. Ein weiterer Grund, dich nie mehr wieder in seine Nähe zu lassen.“

Verzweiflung schlug Wellen gleich über mir zusammen und doch war ich noch nicht bereit, aufzugeben. Ich suchte die Strategie zu wechseln. „Verzeih, dass ich abermals Widerworte zu geben wage, doch möchte ich dich bitten mich in deinen Überlegungen für einen Moment außen vor zu lassen und stattdessen darüber nachzudenken, wie wichtig die Errettung dieser Seele ist. Noch habe ich sie vor der Dunkelheit bewahren können, aber wird sie auch dann auf dem Weg des Friedens wandeln, wenn Old Shatterhand nicht zurückkehrt? Wird Winnetou es nicht als Verrat empfinden, wenn der Mann, den er für seinen Bruder hält und um dessentwillen er der Rache abgeschworen hat, ihn grußlos und ohne Erklärung für immer verlässt? Wird er sich dann nicht erst recht von all dem abwenden, was er dem weißen Freund zuliebe getan hat?“

„Ich werde ihm einen dritten Engel senden.“

„Den er nicht an sich heranlassen wird“, beeilte ich mich zu versichern. „Ich bitte dich, blicke in sein Herz, in seine Seele. Sie wurden beinahe tödlich verwundet. Nimmermehr wird Winnetou sie der Verletzlichkeit preisgeben, die er in Kauf nehmen müsste, wenn er sich einem Fremden so weit öffnete, wie unser Auftrag es erfordert. Mit mir aber ist er bereits verknüpft. Ich kann ihn lenken, ich kann ihn retten. Ich flehe dich an, befiehl mich noch einmal an seine Seite. Ich schwöre: Nie wieder werde ich seinetwegen eine Regel übertreten. Nie werde ich ihn etwas anderes als brüderliche Liebe fühlen lassen.“

„Du gelobst Dinge, die du nicht halten wirst.“

Ich war versucht dies anzuzweifeln, wusste aber, dass alles, was er vorhersagte, unumstößliche Wahrheit war. Dennoch bat ich: „Lass es mich ein letztes Mal versuchen.“

Eine Pause, deren Dauer mir die Ewigkeit zu sein schien, senkte sich wie bleierner Nebel auf meine Schultern. Dann endlich, endlich wurde ich erlöst: „So sei es denn.“

Schon wollte ich mich erleichtert bedanken und abwenden, da klangen die nächsten Worte an mein Ohr: „Höre aber, welches die Bedingung ist, unter der ich deinem Ersuchen zustimme. Um den notwendigen Abstand zu deinem Schützling wahren zu können, wirst du nicht dauerhaft bei ihm bleiben, sondern ihn nur hin und wieder aufsuchen, um ihm in besonders schweren Zeiten zur Seite zu stehen.“

Ich schluckte, denn diese Einschränkung erschien mir unendlich schwer zu ertragen. Dennoch bekundete ich mit einem Nicken und einer weiteren tiefen Verbeugung mein Einverständnis. „So soll es sein. Ich danke dir für die Gewährung meiner Bitte.“

„Dann geh nun zurück. Doch bedenke das eine: Ich habe dich gewarnt. In jenem Moment, in dem du dein Versprechen brechen wirst, hast du all das, was du bist und warst, auf ewig verwirkt.“

***



Vierzehn Jahre waren vergangen, seit jenem folgenschweren Gespräch, das mich verdammt hatte in Winnetous Leben nur ein Gast zu sein. Ich kam und ging, ohne es ihm erklären zu dürfen. Bei jedem Abschied bereitete ich uns beiden unendlichen Schmerz, den wir wohl nur ertrugen, um es dem jeweils anderen leichter zu machen, und der erst dann endete, wenn wir uns wiedersahen.

Vierzehn Jahre lang hatte ich mich an meinen Schwur gehalten. Ich hatte dem Häuptling der Apachen zur Seite gestanden, wann immer er mich dringend brauchte, war ihm aber niemals etwas anderes als ein Freund und Bruder gewesen.

Vierzehn Jahre lang hatte ich keines unserer Gesetze je wieder um seinetwillen übertreten, nur von meiner Schmetterfaust hatte ich immer wieder Gebrauch gemacht. Ich hatte nicht einmal die Versuchung gespürt, mein Versprechen zu brechen, aus Angst Winnetou dadurch zu verlieren.

Vierzehn Jahre lang – bis zum heutigen Tag, an dem Winnetou mir eröffnet hatte, dass er sterben werde! Noch in dieser Nacht.

Natürlich hatte ich versucht ihm seine düsteren Ahnungen auszureden, Erklärungen vorzubringen. Doch insgeheim wusste ich, dass seine Voraussage nicht überspannten Nerven und mangelndem Schlaf geschuldet war, sondern dass sein endgültiges Bekenntnis zu den Werten des Christentums unser beider Schicksal soeben besiegelte. „Ich gehe heut dahin, wo der Sohn des guten Manitou uns vorausgegangen ist, um uns die Wohnungen im Hause seines Vaters zu bereiten, und wohin mir mein Bruder Old Shatterhand einst nachfolgen wird.“ Auch wenn er es noch nicht in klare Worte gefasst hatte, so stand doch außer Zweifel, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Ich hatte diese kostbare Seele vor der Dunkelheit gerettet. Ich wurde hier nicht mehr gebraucht.

Hinzu kam: Mochten Menschen im Allgemeinen nicht erahnen, wann ihr irdisches Dasein endete, so war dies etwas anderes bei all jenen, die unter unserem Schutz standen. Sie wussten es mit untrüglicher Gewissheit und fühlten den Drang, sich uns mitzuteilen, denn eben diese Mitteilung war das Signal für uns Beschützer, den Anvertrauten nun gehen zu lassen. In dem Moment, in dem die Menschen ihren Tod nahen fühlten und sich mit uns darüber unterhielten, wussten wir, dass unsere Dienste sich endigten, dass keinerlei Einmischung mehr erlaubt oder gewünscht war. Und während die Seelen der Menschen umglänzt von der Seligkeit des Paradieses in die Unendlichkeit gingen, wurde uns der nächste Auftrag erteilt – geehrt und verdammt gleichermaßen, niemals im Garten Eden zu ruhen, sondern ein Wanderer zwischen den Welten zu sein.

Unzählige liebgewonnene Personen waren in den letzten beiden Jahrtausenden auf diese Weise von mir gegangen. Und so sehr es mich jedes Mal schmerzte, nicht mehr an ihrer Seite zu sein, so sehr hatte mich doch die Gewissheit getröstet, dass sie nun geborgen in göttlicher Liebe alle Sorgen und Nöte hinter sich ließen.

Dieses Mal aber, hier bei Winnetou, war es anders. Ich konnte und wollte ihn nicht von mir lassen. Nicht auf diese Weise! Nicht hier! Nicht jetzt! Und so wuchs im Schutze der Dunkelheit, in die ich mich verkrochen hatte, um stille Tränen der Verzweiflung zu weinen, ein Entschluss.

Ich würde Winnetou retten, mochte es mich kosten, was es wollte!

Noch war es mir nicht möglich, ein genaues Vorgehen zu bedenken, weil ich abwarten musste, was die Nacht bringen würde. Doch ganz gleich, welche Erfordernisse meiner harrten, ich würde meinem Blutsbruder heute das Leben erhalten und mich damit ein letztes Mal über die Gebote hinwegsetzen, die mir ehernes Gesetz sein sollten.

Die leise Stimme, die mich mahnte, die mich daran erinnerte, dass mir einst genau dieser soeben geplante Wortbruch prophezeit wurde, brachte ich entschieden zum Verstummen. Ich wusste, dass der Preis, den ich zu zahlen haben würde, hoch war, doch Winnetou war es wert, alles zu riskieren und alles zu opfern.

Mit neuem Mut kehrte ich zu den anderen zurück, wo mein Blutsbruder soeben das Signal gab: „Es ist nun vollständig dunkel, und wir wollen aufbrechen. Meine Brüder mögen mir folgen!

Wir kletterten einer hinter dem andern den Berg hinan, auf demselben Wege, den Winnetou vorher mit mir eingeschlagen hatte. [...]

Wir befestigten zunächst das Seil, welches lang genug war, an einen Steinblock und warteten dann auf das Erscheinen der Feuer. [...] Jetzt blickten und horchten wir gespannt nach dem Kessel hinab. Wir sollten uns nicht getäuscht haben, denn bereits nach kurzer Zeit sahen wir einen Wilden aus einer Spalte erscheinen, der den andern einige Worte sagte. Diese erhoben sich sofort und verschwanden mit ihm durch die Spalte, um die Feuer zu betrachten.

Jetzt war es Zeit für uns. Ich ergriff den Anfang des Seiles, um den ersten zu machen, jedoch Winnetou nahm ihn mir aus der Hand.

„Der Häuptling der Apachen ist der Führer“, sagte er. „Mein Bruder komme hinter ihm.“

[...] Winnetou trat an. Ich ließ ihn bis zum ersten Vorsprung kommen und folgte dann. [...] Es ging viel schneller bergab, als wir gedacht hatten, da wir uns kaum halten konnten. […] Natürlich rissen wir eine Menge Steine und Geröll zur Tiefe hinab; es war ja so dunkel, dass wir dies gar nicht vermeiden konnten. Einer dieser Steine musste ein Kind getroffen haben, denn es begann zu schreien. Sofort erschien der Kopf eines Indianers in der vom Feuer erleuchteten Spalte. Er hörte und sah das Niederprasseln des Gerölls, blickte in die Höhe und stieß einen lauten Warnungsruf aus. „Vorwärts, Winnetou!“, rief ich. „Es ist sonst alles verloren!“

Die Männer oben merkten, was unten vorging, und ließen das Seil schneller laufen. Eine halbe Minute später hatten wir den Boden erreicht, zu gleicher Zeit aber blitzten uns aus der Spalte einige Schüsse entgegen.

Sofort war mir klar, dass der Moment der Entscheidung gekommen war, und in eben jenem Bruchteil einer Sekunde, in dem ich verstand, dass die für Winnetou tödliche Gefahr uns soeben entgegen blickte, handelte mein Körper bereits, noch ehe mein Geist in der Lage gewesen wäre, ihm ein Zögern aufzuerlegen. Es spielte keine Rolle mehr, ob ich wirklich bereit war, die Privilegien eines Engels aufzugeben, um meinen Blutsbruder zu retten, denn ich tat es nun, ohne auch nur einen Wimpernschlag lang innezuhalten.

Sobald ich der Mündungsfeuer gewahr wurde, ließ ich das Seil fahren, breitete meine Schwingen, umspannte Winnetou vollständig mit ihnen und riss ihn gleichzeitig mit mir zu Boden. Ein dumpfer Schlag an meiner Schulter zeigte mir, dass mindestens eine der Kugeln das Gelenk getroffen hatte, doch es kümmerte mich nicht, da ich wusste, dass Winnetou in meiner Umarmung nichts geschehen war. Meinen Blutsbruder in meinen Flügeln wie in einem schützenden Mantel einhüllend, stürzten wir unsanft auf die harte Talsohle.

Rasch rappelte ich mich wieder auf, um meine Schwingen zu verbergen und mich jenen Gegnern zu stellen, die nun sicher aus dem schmalen Durchlass strömen würden, da bemerkte ich, dass der Apache reglos am Boden liegen blieb. Womöglich hatte er sich beim Aufprall den Kopf gestoßen. In dem Moment, in dem ich wieder in die Knie ging, um ihn zu untersuchen und sein Haupt in meinem Schoß zu betten, fühlte ich ein mir nur allzu bekanntes, mächtiges Ziehen, das nicht meinen Gliedern, sondern meiner Seele galt und ich wusste: Man rief mich zurück!

Und wie Schuppen fiel mir von den Augen, dass ich meinen Berechnungen einen fatalen Denkfehler zugrunde gelegt hatte!

Ich hatte Winnetou gerettet und dabei meine vermeintliche Strafe billigend in Kauf nehmen wollen, denn ich glaubte sie zu kennen: des göttlichen Funkens beraubt als Sterblicher auf der Erde leben müssen. Ich hatte geglaubt, dies unbekümmert hinnehmen zu können, denn was bedeutete mir schon all die Macht, die ich aufgab, wenn ich zum Lohn dafür dauerhaft an Winnetous Seite alt werden durfte? Nun jedoch begriff ich, dass man mir diese Gnade, der ich alles geopfert hatte, nicht zuteilwerden ließ. Ich war nicht dazu verdammt zu bleiben, sondern zu gehen. Und es bestand kein Zweifel darüber, dass ich durch mein Handeln jede Hoffnung auf Wiederkehr verspielt hatte.

Entsetzt und gelähmt von dieser Erkenntnis richtete ich einen letzten Blick auf die bronzenen Züge Winnetous, dann umfing mich Dunkelheit und noch im Niedersinken hörte ich die Stimme dessen, der mein Schicksal besiegelte: „Du hast dein Versprechen gebrochen. Empfange nun deine Strafe.“

***


Dumpf pochender Schmerz, Stimmen und das Geräusch hastiger Schritte drangen in mein Bewusstsein. Gedanken und Bilder aus meiner Vergangenheit schwirrten ungeordnet durch meinen Kopf und verwirrten mich. Sie gingen ebenso schnell, wie sie kamen, ohne dass ich sie festzuhalten vermochte. Ich versuchte sie zu ordnen, gab diese Anstrengung aber schließlich auf und ließ mich in ihnen treiben, bis sich endlich von selbst ein Name aus ihnen erhob, der sie alle überstrahlte: Winnetou! Schlagartig kehrte Klarheit in meinen Geist. Ich hatte Winnetou gerettet und war zur Strafe von ihm und von der Erde fortgerissen worden.

Wo mochte ich nun also sein? Hatte ich mir trotz meiner jüngsten Verfehlungen durch meine vorherigen treuen Dienste einen Platz im Paradies verdient, an der Seite jener, die ich vor 1800 Jahren verloren hatte? Oder war mir ob meines Frevels ein Fristen in den Reihen der vor mir Gefallenen in ewiger Finsternis beschert? Harrten meiner die Flammen des Fegefeuers, die Liebe Gottes oder das graue Nichts des Vergessens?

Nichts von alledem schien zu den Eindrücken zu passen, die nach wie vor meine Sinne durchfluteten. Der Geruch nach Pferden und Rauch, das hallende Echo fernen Hufschlags, klamme Kälte, die von unten her in meinen Körper kroch, der sich so schwach und verletzlich fühlte, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Mühsam schlug ich die Augen auf, um Gewissheit zu erlangen, doch es dauerte einen Moment, bis mein Blick sich klärte und ich meine Umgebung wahrnehmen konnte – eine Umgebung, deren Anblick mich überraschte, ja geradezu bestürzte. Weder der Himmel, noch die Hölle, noch eine namenlose Zwischenwelt zeigten sich. Stattdessen lag ich auf den Felsenhöhen des Hancockbergs.

Ich setzte mich auf, um besser sehen zu können, doch ein heftiger Schwindel erfasste mich. Unwillkürlich wollte ich die Flügel breiten, um mich zu stabilisieren, da stellte ich fest, dass sie nicht mehr da waren. Alles drehte sich und ich ließ mich zurücksinken, um nicht zu fallen. Ein immenses Schlafbedürfnis bemächtigte sich meiner, dem ich zu widerstehen trachtete, da ich mir noch immer keinen Reim darauf machen konnte, welches Schicksal mir zugedacht war. Nur kurz wollte ich mir erlauben die Lider zu schließen, um dann einen erneuten Versuch des Aufstehens zu starten, da schauten mich aus dem Dunkel heraus zwei gütige Augen an, die ich noch nie gesehen hatte und deren Blick mir ungehindert in Herz und Seele drang. Kurz wallte Furcht in mir auf, dann aber erkannte ich, dass diese Augen nichts als Liebe und Verzeihen versprachen.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.” [1. Korinther 13:13]

Uralte Worte, die mit der Milde zarten Frühlingswinds meine Seele streichelten, gesprochen von einer Stimme, die nicht von außen, sondern von innen in mir klang, die so ganz anders war als der strenge Bass dessen, der mich in den letzten Jahrhunderten befehligt hatte. Dann Stille – tröstliche, sanfte Stille, in der ich glaubte, bis in alle Ewigkeit verharren zu können.

Ganz offensichtlich war mir dies jedoch nicht vergönnt, denn wie von Ferne hörte ich meinen Namen rufen. „Charly, Mensch, alter Junge. Wach auf!“ Ich hatte nicht vor, dieser Aufforderung zu folgen. Da aber legte sich eine kühle Hand behutsam auf meine Stirn, deren Berührung mein Herz erschauern ließ. Ich musste die Augen nicht öffnen, um zu wissen, wem sie gehörte: Winnetou.

So rasch wie möglich hob ich die Lider und erkannte, dass der Häuptling sich mit besorgter Miene über mich beugte. „Scharlih, mein guter Bruder. Wie fühlst du dich?“

„Müde“, ächzte ich. „Was ist geschehen?“

„Eine Kugel drang dir in die Schulter. Winnetou musste sie entfernen, dabei hast du viel Blut verloren. Doch nun ist die Wunde geschlossen. Scharlih ist stark, er wird schon bald wieder gesund.“

Seinen Worten war zu entnehmen, dass ich mich wahrhaftig auf der Erde befand, dass ich verletzt war, aber lebte. Und Winnetou auch. Doch wie konnte das sein? Ich war geholt worden? Warum also war ich nun wieder hier?

„... aber die Liebe, ist die größte unter ihnen ...“ Wie ein Echo klangen die Worte jener körperlosen Stimme durch meinen Geist und plötzlich, in einer Geschwindigkeit, die ich meinem matten Verstand gar nicht zugetraut hätte, wurden mir mehrere Dinge gleichzeitig klar.

Noch bevor ich jedoch sprechen konnte, erhob sich der Apache und erklärte, mir einen Tee bereiten zu wollen. Ich jedoch fasste nach seinem Arm, um ihn zurückzuhalten. Er durfte jetzt nicht gehen! Ich musste mit ihm sprechen, sofort.

„Warte, bitte bleib“, bat ich und sogleich kauerte er sich erneut bei mir nieder. „Du wurdest nicht verletzt?“

Stumm schüttelte Winnetou den Kopf. „Scharlih hat die Kugel aufgefangen, die mir nach dem Leben gesandt worden war.“

„Verzeih mir. Ich habe gegen deinen ausdrücklichen Wunsch gehandelt.“

Für einen Moment verschloss sich Winnetous Miene, dann aber schlug er die Augen nieder und seine Stimme verhallte beinahe zu einem Hauch, als er bekannte: „Winnetou ist es, der um Verzeihung bitten muss. Er hätte wissen müssen, was sein Tod für Scharlih bedeuten würde. Er hätte wissen müssen, welche Bürde er seinem Bruder auferlegte, indem er ihn zwingen wollte, untätig zu bleiben.“

Mit einem Ruck setzte ich mich auf, kein Schwindel und keine Schwäche konnten mich mehr zurückhalten. „Nein, nicht. Mach dir bitte keine Vorwürfe, Winnetou. Ich weiß, was du gefühlt hast. Ich weiß, dass du glaubtest, dein Tod sei nicht abzuwenden, dass keines Menschen Handeln ihn hätte verhindern können. Doch du musst wissen, dass ...“

Ich verstummte. Wie sollte ich ihm die Wahrheit erklären? Wie durfte ich hoffen, dass er mir glauben würde? Zu verrückt, zu absurd war das, was ich ihm zu sagen hatte.

Winnetou aber kam mir zuvor, indem er seinen Mund ganz nah an mein Ohr brachte und flüsterte: „Ich muss wissen, dass Scharlih gar kein Mensch ist?“

„Ich, nein, ja, doch ... Woher weißt du? Seit wann ...?“

„Ich habe deine Flügel gespürt, als wir zu Boden fielen. Ich habe sie gesehen, ehe mir die Sinne schwanden. Scharlih ist das, was die Weißen einen Engel nennen. Ist es nicht so?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin kein Engel. Nicht mehr. Doch du hast recht, dass ich in all den Jahren unserer Freundschaft tatsächlich solch ein Diener Gottes war. Ich habe dich belogen, als ich dich in dem Glauben ließ, ein normaler Mensch zu sein. Verzeih ...“

Ohne auf meine Bitte um Vergebung einzugehen, löste Winnetou sich und wich ein Stück zurück, wobei er mich mit ungläubigem Erstaunen musterte. „Du hast deine Macht verloren? Warum?“

Es drängte mich, ihn zu berühren, und so fasste ich nach seiner Hand, ehe ich antwortete: „Weil ich dich rettete. Dir mithilfe meiner übermenschlichen Fähigkeiten das Leben zu erhalten, war mir ausdrücklich verboten worden. Zur Strafe wurde mir der göttliche Funke genommen, sodass ich nun wieder ein Mensch unter Menschen bin.“

„Aber Scharlih, nein! Wie konntest du …? Niemals hättest du einen solch hohen Preis um meinetwillen zahlen dürfen.“ Bestürzung schwang in der Stimme des Apachen und er entwand mir seine Rechte.

„Winnetou … 1800 Jahre lang habe ich alles getan, was in meiner Macht stand, um im Namen Gottes dem Guten zum Siege zu verhelfen. Und jetzt, wo ich dich gefunden habe, sollte ich dich opfern um einer Unsterblichkeit willen, die mir ohne dich nichts bedeutet? Nein, mein Bruder. Dich zu retten, war meine letzte Pflicht. Und wenn die Strafe dafür nun ein Leben als Mensch ist, so akzeptiere ich diese mit Freude. Lieber sterbe ich eines Tages an deiner Seite, als ohne dich ewig zu überdauern, denn ich liebe dich. Und die Liebe ist größer, stärker, bedeutsamer als alles.“

Zaghaft tastete ich erneut nach seinen Fingern, ängstlich hoffend, dass er mich verstehen und nicht etwa von sich weisen würde. Widerstandslos überließ er mir seine Hand, sprach jedoch nicht. Schon glaubte ich, doch noch alles verspielt zu haben, da fand sein Auge das meine. Und aus den samtenen Sternen, die mich schon immer in ihren Bann zogen, leuchtete mir der Widerschein all jener Gefühle entgegen, die auch ich im Herzen trug. Der Hauch eines Lächelns legte sich über seine sanft geschwungenen Lippen und als seine Fingerspitzen zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings meine Wange streiften, wusste ich, dass es keiner Worte bedurfte.

Wir waren verbunden und wir würden es bleiben – in diesem und im nächsten Leben.




Anmerkung:

Alle kursiven Teile bis auf die explizit gekennzeichnete Bibelstelle sind wörtliche Zitate aus Winnetou I, II und III.

Alle Originaltexte können nachgelesen werden unter: https://gutenberg.spiegel.de/autor/karl-may-403
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