Schattengänger

von Hopy1x2y
GeschichteMystery, Thriller / P16
11.08.2019
15.08.2019
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»Das macht dann vierzehn Dollar, Mister.«
Lucius reichte dem Taxifahrer den gewünschten Betrag und verließ mitsamt seiner kleinen Tragetasche das Fahrzeug. Den gemurmelten Abschiedsgruß ’Geizhals' bekam er nur am Rande mit. Ihn interessierte ohnehin nicht, was irgendein Mensch von ihm dachte. Die große Uhr in der Flughafenhalle teilte ihm mit, dass er noch genügend Zeit für das Aufgeben der Reisetasche und für einen kleinen Imbiss hatte.
Die Gepäckabfertigung war überraschend wenig frequentiert. Im Gegensatz dazu war das Schnellrestaurant fast bis zum letzten Platz gefüllt. Ein einziger Vierertisch war noch unbesetzt, doch kaum hatte er sich mit seinem Tablett dort niedergelassen, bekam er Gesellschaft in Form einer gestressten Mutter mit ihrem vielleicht fünfjährigen Sohn.
Nach einem flüchtigen Gruß in Lucius' Richtung deponierte die Frau ihr Handgepäck auf den einen und ihr Kind auf einen anderen Stuhl.
»Du bleibst hier sitzen und rührst dich nicht vom Fleck. Mami holt uns jetzt was zu essen«, schärfte sie ihrem Sohn ein.
Der nickte nur ernsthaft, sah seiner Mutter noch kurz nach, bevor er neugierig sein Gegenüber musterte. Lucius konzentrierte sich auf sein Essen und versuchte den Jungen zu ignorieren, der ihn zusammen mit seinem Stofftier ungeniert beobachtete.
»Hallo Mister, ich bin Steve und das hier ist Paddy«, kam es schließlich aus dem Mund des Jungen. »Wie heißt du?«
»Lucius«, brummte er kurz angebunden und hoffte, dass es dabei auch seine Bewandtnis haben würde.
Er war noch nie gut im Small Talk gewesen und erst recht nicht im Umgang mit kleinen Kindern, zumal er daran nun wirklich nicht interessiert war.
»Hallo Lucius«, nahm Steve den Faden auf und hielt ihm das Stofftier über den Tisch hin.
»Hallo Paddy«, spielte er wohl oder übel mit. »Was sagt denn deine Mutter dazu, wenn du mit fremden Männern sprichst, Steve?«
»Aber du bist doch nicht fremd. Du bist doch Lucius. Außerdem passt Paddy auf mich auf. Wohin fliegst du denn?«
»Los Angeles.«
»Dahin wollen meine Mutter und ich auch«, strahlte Steve. »Ist das nicht toll?«
Damit hatte Lucius den Punkt erreicht, an dem er nicht mehr wusste, wie er weiter reagieren sollte. Daher grunzte er nur noch etwas Unverständliches und widmete sich erneut dem Essen auf seinem Tablett. Steve und sein Teddy sahen ihm dabei neugierig zu. Etwas genervt legte Lucius das Besteck aus der Hand.
»War noch etwas?«
»Fliegst du eigentlich gerne? Bist du nervös?«, erkundigte sich Steve.
»Ich mag keine Flugzeuge, aber nicht, weil sie mich nervös machen, sondern ... das verstehst du nicht, Junge.«
»Du brauchst keine Angst zu haben!«, versicherte ihm der Junge. »Paddy kann auch ein Flugzeug fliegen, weißt du? Meine Mutter hat ihn mir letztes Jahr aus Irland mitgebracht. Das ist ein Land ganz weit weg.«
Steve hielt seine kurzen Arme weit auseinander, um die Entfernung zwischen den USA und Irland zu demonstrieren. Lucius sah jetzt erst die kleine Pilotenmütze auf dem Kopf des Teddybären. Auf was für dumme Ideen die Menschen kamen.
»Wenn du meinst«, erwiderte er kurz angebunden.
»Ich hab dir doch gesagt, dass du niemanden belästigen sollst, Steve!«, sagte die Mutter streng, die mit einem bepackten Tablett an den Tisch zurückgekehrt war. »Ich hoffe, er hat Sie nicht gestört, Mister.«
Lucius winkte nur ab. »Nein, hat er nicht. Sie sollten ihm aber beibringen, nicht so viel mit unbekannten Erwachsenen zu reden!«
Die Frau schenkte ihm ein verkniffenes Lächeln.
Lucius hatte nun genug, warf seine Serviette auf das Tablett und stand auf. »Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise. Denken Sie über meine Worte nach.«
»Auf Wiedersehen!«, rief ihm Steve nach, während er das Restaurant verließ.
Lucius beantwortete den Abschiedsgruß mit einem kaum sichtbaren Nicken seines Kopfes. Auf dem Weg zur Abflughalle holte er sein Handy aus der Jackentasche, überlegte kurz, und steckte es schließlich wieder zurück. Er würde Mara anrufen, wenn er in Los Angeles gelandet war.
*****
Während der einen Stunde bis zum Aufruf des Fluges ging ihm die komplizierte Beziehung mit Mara nicht aus dem Kopf, eine Beziehung, die nun schon sehr lange andauerte. Immer wenn er an sie dachte, spürte er eine irrationale Wut in sich aufsteigen und er war sich sicher, dass es Mara nicht viel anders gehen würde. Sie waren einfach darauf konditioniert, einander zu hassen und zu bekämpfen. Er war ein Odirer und für die gab es nur den Kampf gegen Amoraner.
Er überlegte nicht zum ersten Mal, wann dieser Krieg begonnen hatte, aber es wollte ihm partout nicht einfallen. Ob es überhaupt noch jemand aus seinem Volk wusste? Unwahrscheinlich, denn niemand, an den er sich erinnerte, hatte jemals diesen Kampf infrage gestellt. Er war zur Gewohnheit geworden und schon das Ritual, mit dem er damals in die Gemeinschaft aufgenommen worden war, hatte mit dem rituellen Ausruf ’Tod den Amoranern' geendet. Vor langer Zeit hatten sich dann Mara und er gegenübergestanden, bereit, einander umzubringen.
Doch dann war etwas geschehen, von dem er bis heute nicht genau sagen konnte, was es gewesen war. Jedenfalls waren er und Mara hier gestrandet, auf einer Welt, die nichts von dem Krieg zwischen Odirern und Amoranern wusste. In der ersten Zeit hatten sie sich noch bekämpft, doch dann schnell gemerkt, dass sie sich auf dieser Welt nichts anhaben konnten. Diese Tatsache und eine allgemeine Kampfmüdigkeit hatten schließlich zu einer Art Waffenstillstand zwischen ihnen geführt.
»Fliegst du denn nicht mit, Lucius?«, riss ihn eine Kinderstimme aus den Gedanken.
Er sah hoch und blickte Paddy, der von Steve in Lucius' Gesicht gehalten wurde, direkt in die Knopfaugen.
»Natürlich fliege ich mit. Mach dir darum mal keine Sorgen.«
Er sah Steve und seiner Mutter noch nach, die auf das Boarding-Gate zusteuerten, bevor er sich ebenfalls auf den Weg machte.
*****
Das förmliche Lächeln der beiden Stewardessen, die ihn am Eingang zum Flugzeug begrüßten, wurde bedeutend freundlicher, als er ihnen sein Erster-Klasse-Ticket zeigte. ’Die Airline scheint auf gut zahlende Kunden sehr angewiesen zu sein', schoss es ihm durch den Kopf, während er durch den schmalen Gang in die Richtung seines Platzes strebte. Unterwegs sah er Steve, der aufgeregt durch das Fenster auf das Rollfeld blickte. Natürlich hatte er auch für seinen Teddy ein kleines Stück des Fensterplatzes reserviert. Er musste sich über sich selbst wundern, dass ihm so etwas auffiel. Es ziemte sich nicht für einen Odirer, einem solch unwichtigen Menschen überhaupt Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Plätze in der ersten Klasse waren bedeutend großzügiger ausgelegt und außer ihm waren nur zehn weitere Passagiere in diesem Bereich anwesend, als die Maschine zur Startbahn rollte. Das war Lucius nur recht. So konnte er sich auf einen ruhigen und ungestörten Flug freuen.
Der Flugkapitän hatte kaum seine Fluggäste begrüßt, als die Turbinen auch schon Fahrt Leistung aufnahmen und das Flugzeug nach vorne katapultierten. Lucius sah, wie die Gebäude auf dem Boden immer kleiner wurden und die Flugmaschine durch die Wolkendecke stieß. Kaum war das Angeschnallt-Zeichen erloschen, als er auch schon die Rückenlehne in eine bequeme Position stellte, sich von der Stewardess ein Kopfkissen bringen ließ und die Augen schloss. Bis nach Los Angeles war es ein langer Flug.
*****
»Schau nur, Paddy, die vielen Wolken«, rief Steve aus, nachdem das Flugzeug die Wolkendecke durchstoßen hatte. »Die sehen fast so aus wie der Schaum in der Badewanne.«
Der kleine Junge konnte sich gar nicht sattsehen, doch auf einmal bemerkte er, dass sich etwas über das Fensterglas legte. Er drückte einen Finger dagegen ... und zog ihn mit einem schrillen Schmerzensschrei zurück. Haut war am Fenster zurückgeblieben und weinend sah Steve auf den blutenden Finger.
»Es tut so weh, Mami!«, schluchzte er und hielt seiner Mutter die Hand hin.
Doch sie reagierte nicht, sondern saß erstarrt mit weit aufgerissenem Mund in ihrem Sitz, die Hände um die Armlehnen geklammert.
»Mami, was ...«, fragte Steve verwirrt, bevor sich Eis über seinen gesamten Körper ausbreitete und alles Leben in ihm erlosch.
*****
Ein heftiges Ruckeln riss ihn aus seinem Schlaf. Lucius rekelte und streckte sich, während er herzhaft gähnte. Unwillkürlich fuhr er sich mit beiden Händen über die Arme. Ihm war unangenehm kühl und er klingelte nach der Stewardess, um sich eine Decke bringen zu lassen. Der Preis für ein Flugticket in der ersten Klasse war zu hoch gewesen, als dass er eine Reise in einem fliegenden Kühlschrank akzeptieren würde. Er rieb sich die Hände und sah aus den Augenwinkeln, dass die Flugbegleiterin an seine Sitzreihe getreten war.
»Könnten Sie mir bitte ... ach du Scheiße ...«
Alarmiert sprang Lucius von seinem Sitz hoch, als er der Stewardess in das Gesicht sah. In ein lebloses, gefrorenes Antlitz. Er drängte sich an der Frau vorbei und sah sich in der ersten Klasse um. Seine Mitreisenden saßen starr und stumm auf ihren Plätzen. Der Tod musste sie sehr schnell ereilt haben. Erneut erzitterte das Flugzeug, als ob jemand - oder etwas - mit einer großen Keule auf den Flugzeugrumpf einschlagen würde. Das Turbinengeräusch, bis zu diesem Zeitpunkt für Lucius' Ohren unauffällig, nahm nun einen wellenförmigen Klang an.
»Dachtest du wirklich, du könntest mich überlisten?«, flüsterte die Stimme, die Lucius bereits vor einigen Stunden im Club gehört hatte. »Du kannst mich nicht aufhalten. Ich habe dir ein Angebot gemacht. Nun erlebe, was passiert, wenn man sich mir in den Weg stellt!«
»Was meinst du? Ich fliege doch nur nach Los Angeles, weil ich einen ... geschäftlichen Termin habe.«
»Ich weiß, was du vorhast. Aber du wirst dort nicht ankommen. Nicht in diesem Flugzeug!«
»Warte ...«, rief Lucius aus, doch er erhielt keine Antwort mehr.
Ein besonders heftiger Schlag traf den Rumpf und das Flugzeug begann, nach vorne abzukippen. Der Getränkewagen am Ende des Ganges machte sich selbstständig, traf Lucius in den Rücken und beförderte ihn zu Boden. Zahllose Gegenstände, die nicht verstaut gewesen waren, flogen ihm um die Ohren. Eine große Anzahl der toten Passagiere wurde aus ihren Sitzen gerissen, als das Flugzeug unkontrolliert dem Boden entgegenstürzte. Die eiskalten Körper seiner Mitreisenden kollidierten mit Lucius, der seinerseits kopfüber gegen die Trennwand zwischen erster und zweiter Klasse knallte. Ein unangenehmes, kreischendes Geräusch wies auf die Überlastung der Flugzeughülle hin und erste Risse zeigten sich an den Wänden und der Decke. Lucius schloss seine Augen. Er wollte den Albtraum nicht miterleben und war fast dankbar, als er die kühle Luft an der Haut spürte, nachdem er aus dem zerbrechenden Flugzeug nach draußen gesaugt worden war.
*****
Er musste kurzzeitig das Bewusstsein verloren haben, denn als Lucius die Augen aufschlug, lag er auf einem Feld, umgeben von Trümmern und Gepäckstücken. Mühsam erhob er sich und blickte umher. Die Einzelteile des auseinandergebrochenen Flugzeugs waren über ein wohl mehrere Quadratkilometer großes Areal verstreut worden. Einige Teile waren anscheinend auf ein kleines Dorf niedergegangen, denn Lucius konnte brennende Häuser in einiger Entfernung ausmachen.
Von Süden her näherten sich Rettungsfahrzeuge, wie er an den Sirenen und blauen Lichtern erkannte. Er wandte sich in östliche Richtung. Er musste hier weg, um unangenehmen Fragen aus dem Wege zu gehen. Lucius hatte auch kein gesteigertes Interesse, sich von neugierigen Ärzten untersuchen zu lassen. Außerdem war es nun wichtiger denn je, dass er mit Mara Kontakt aufnahm. Sein Handy, das erkannte er nach einem kurzen Griff in sein Jackett, war nur noch schrottreifes Plastik. Er musste also so schnell wie möglich in den nächsten Ort und an ein Telefon gelangen.
Nach einem letzten Blick auf die brennenden Trümmer begann er den Fußmarsch, wurde aber nach ein paar Schritten von einem Gegenstand zu seinen Füßen aufgehalten. Mit einem dicken Kloß im Hals hob er den angesengten Teddybären auf, den er nur zu gut kannte.
»Tut mir leid, Steve«, flüsterte er. »Es tut mir so leid.«
Lucius fühlte sich gegen seinen Willen schuldig. Wäre er nicht im Flugzeug gewesen ...
»Komm, Paddy«, sagte er leise, während er den Bären in der Innentasche seines Jacketts verstaute. »Lass uns hier verschwinden.«
Nach ein paar Schritten überkam ihn eine Wut auf sich selbst. War er ein Odirer oder war er eine weichherzige Memme so wie die meisten Menschen, die er kannte? Schon nahm er den Bären in die Hand und wollte ihn weit von sich werfen. Doch dann blickte er dem Stofftier ins Gesicht. Gleichzeitig hatte er den kleinen Jungen vor Augen, der sich so auf den Flug gefreut hatte und dessen winziger, toter Körper hier irgendwo auf dem Feld lag. Fast schon resignierend steckte er den Bären zurück ins Jackett.
»Ich bin wohl doch eine Memme«, flüsterte er leise, während er den Weg aus dem Trümmerfeld fortsetzte.