Die Zerbrechlichkeit des Seins

von Justice75
GeschichteDrama, Romanze / P16
Loki OC (Own Character)
11.08.2019
08.09.2019
9
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Die Zerbrechlichkeit des Seins
[Teil I]


Loki hatte immer im Schatten seines Bruders gestanden. Er war nie so stark wie Thor, nie so umschwärmt, nie so mutig oder tapfer oder kühn. Als er schließlich glaubte etwas gefunden zu haben, mithilfe dessen er aus seiner Position heraustreten konnte -seine Magie-, da werteten sein Bruder, selbst sein Vater diese Fähigkeit als nutzlose Spielerei ab, die eines Asen Macht und Stärke nicht ersetzen konnte. Loki war verdammt dazu der mindere Bruder zu sein und die Einzige, die jemals wirklich an ihn geglaubt hatte, war seine Mutter Frigga. Doch dann nahm er zum ersten Mal die Existenz einer gewissen Asin war, erlaubte es sich noch ein letztes Mal seine Mauern fallen zu lassen und wurde seit langer Zeit einmal mit Glückseligkeit beschenkt. / Freya war versucht seinem verbitterten Leben wieder Sinn zu geben. Doch musste bald auch sie erkennen, dass Loki und Leid sich vielleicht näher standen als sie einander.




Zeitraum der Handlung: Es ist eine große Geschichte geplant gewesen, nun habe ich aber die Handlung in einzelne kürzere Geschichten aufgeteilt. Diese hier spielt vor und während des ersten Thor-Films. Sie ist bereits beendet und Kapitel werden somit regelmäßig geuploadet (es sind insgesamt 10 Kapitel). Eine Fortsetzung ist geplant, aber wann (und ob) steht noch in den Sternen.

Der Sinn dieser Geschichte ist keine Nacherzählung der Filme! Kleinere Abänderungen (insbesondere in Bezug auf Zeiträume) treten auch schon zu Beginn auf.

Die Namen meiner OCs stehen in keinerlei Zusammenhang zu ihren mythologischen Hintergrundgeschichten. Ich habe sie mir aufgrund von Klangcharakter und Ästhetik ausgesucht (kurz gesagt, ich finde sie einfach schön und zu den Charakteren passend). Lasst euch davon bitte nicht verwirren.

Disclaimer: Mir gehört nichts außer den Ocs, die hinzugefügte Handlung und allen eingesetzten kreativen Hirnwindungen.

Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.

Und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!



oOo


Kapitel 1: Freya und Loki

Schon Freyas Mutter hatte im Palast gearbeitet, im Gegensatz zu ihrer Tochter jedoch innerhalb des Küchendienstes. Sie hatte mit vielen anderen Frauen für die Königsfamilie gekocht und Freya erinnerte sich noch gut an die wunderbaren Mahlzeiten, denen selbst sie als kleine Tochter einer einfachen Köchin zuteilwurde.

Ihr Vater war Soldat der Leibwache der Königsfamilie gewesen und hatte noch vor Freyas Geburt sein Leben verloren. Laut ihrer Mutter war er ein freundlicher, treuer und liebenswerter Mann gewesen, von dem Freya ihre strahlend blauen Augen und ihr wunderschönes, ansteckendes Lachen geerbt haben soll.

Ihrer Mutter hingegen verdankte sie ihre langen goldenen Locken und das liebliche, sanfte Gesicht. Ihrer Mimik wohnte immerzu ein von Grund auf aufrichtiger und wohlgesonnener Ausdruck inne, der ihr das fröhliche und offene Auftreten schenkte, für das sie unter den Bediensteten im Palast so bekannt war.

Ihre Mutter war schon vor einigen Jahren gestorben, als eine Bande Diebe in den Palast eingedrungen war. Freya war damals noch ein kleines Mädchen und nach dem schlimmen Vorfall auf die Fürsorge der anderen Köchinnen angewiesen gewesen.  Diese hatten das Kind, welches jeden Tag in der Küche herumgewuselt und Leckereien weggestohlen hatte, ohnehin schon tief in ihr Herz geschlossen und sich warmherzig um dieses gekümmert.

Als Freya alt genug war, hatte man sie als Dienstmädchen im Palast eingesetzt. Man hatte doch recht schnell gemerkt, dass sie als Köchin nicht wirklich zu etwas zu gebrauchen war und als Dienstmädchen leistete sie eine wirklich lobenswerte Arbeit. Sie war fleißig und hilfsbereit, hatte nach einigen Jahren der tiefen Trauer um ihre Mutter auch wieder zu ihrem warmherzigen, offenen und fröhlichen Wesen zurückgefunden.

Zunächst hatte sie sich um verschiedene Dienste gekümmert. Sie hatte Gästezimmer hergerichtet, Essen serviert oder sich um die Gemächer verschiedener Palastbewohner gekümmert. Irgendwann hatte man sie jedoch als festes Dienstmädchen für den Prinzen Loki eingesetzt und weil sie ihre Pflichten trotz der größeren Anstrengungen weiterhin gewissenhaft erfüllte, beließ man es auch dabei.

Obwohl sie sich um viele Dinge in seinen Gemächern kümmerte, so hatte sie nie sehr viel mit dem Prinzen selbst zu tun gehabt. Entgegen seines Bruders, den man zumeist im ganzen Schloss hörte und der selbst den Bediensteten nicht selten von seinen ruhmreichen Taten berichtete, blieb der andere Prinz die meiste Zeit über für sich. Normalerweise war er in seinen Gemächern oder, noch häufiger, in der Bibliothek.

Er redete nicht mit vielen, erst recht nicht mit den Bediensteten. An manchen Tagen sah sie ihn mit seinem Bruder und dessen Freunden -den tapferen Drei und Lady Sif. Doch außer mit ihnen und den Frauen, die sie gelegentlich in den Laken des Prinzen auffand, wenn sie zum Aufräumen in seine Gemächer kam, hatte sie ihn nicht oft in Gesellschaft angetroffen. Genannte Frauenbesuche waren selbst wirklich selten und sie sah auch nie dieselbe Frau zweimal.

Zudem hatte sie beobachtet, dass Loki selbst nie mehr in seinen Gemächern war, sofern sie des Morgens auf eine Frau traf. Diese hingegen schliefen noch seelenruhig in des Prinzen Laken und waren immer ganz verwundert gewesen, wenn sie ein Dienstmädchen geweckt hatte. Der Prinz gab nun einmal nicht viel auf die Gesellschaft anderer und es kümmerte ihn auch recht wenig, was diese von ihm dachten. Dies hatte Freya schnell bemerkt und es machte sie ein wenig traurig.

Sie wusste, sie hatte nicht das Recht sich so in die Angelegenheiten des Prinzen einzumischen. Sie sollte einfach aufräumen, ihm essen bringen; wenn er wieder lieber alleine in seinem Zimmer speisen wollte oder ihm ein Bad einlassen. Aber sie sollte weghören und wegsehen. Was der Prinz, was die ganze königliche Familie tat, ging sie und alle anderen Bediensteten nichts an.

Sie war aber nun einmal eine neugierige Person und im Grunde dachte sie ja auch nur nach. Als persönliches Dienstmädchen schnappte man eben ein paar Sachen auf oder man hörte sie von anderen Angestellten. Der Palast hatte viele Ohren und die Bediensteten tratschten für ihr Leben gern.

Der Prinz tat ihr einfach leid. Sie verstand, dass er nicht der geselligste Ase in Asgard war und seine Zeit lieber mit Büchern verbrachte, als mit anderen. Aber sie glaubte nicht, dass jemand wirklich derart zurückgezogen leben wollte.

Dies waren nicht einmal Spekulationen allein, denn vielleicht hatte sie in der Vergangenheit einmal zu wenig weggehört, einmal zu wenig weggesehen. Das war nicht immer so einfach bei Streitereien, bei denen einer der beiden Kontrahenten Thor war, welcher nun einmal ein sehr kräftiges Organ besaß. Und wenn Thor einmal mit seiner lauten Stimme Freyas Aufmerksamkeit erregt hatte, konnte sie auch schlecht wieder weghören.

Die Zwistigkeiten mit seinem Bruder waren aber noch die kleinen Probleme, die den Prinzen zu belasten schienen. Sie hatte ihn auch oft mit seinem Vater streiten sehen, wobei die Gespräche meist von Belehrungen des Königs dominiert wurden. Auch hatte sie mit der Zeit gelernt, dass er nie wirklich in der Gruppe um Thor akzeptiert worden war. Die anderen schienen ihn nicht sonderlich leiden zu können und machten sich nicht unbedingt die Mühe, es zu verbergen.

Loki schien nicht immer der einfachste Ase zu sein. Er hatte auch sie nicht selten schroff angefahren, wenn sie zu langsam, zu ungenau oder zu einem unpassenden Zeitpunkt gearbeitet hatte. Nicht ohne Grund trug er den Beinamen Silberzunge. Er konnte wirklich gemein, abweisend und unfreundlich sein.

Er konnte, aber er musste nicht. Das war der Punkt, wegen dem Freya nicht aufgehört hatte ihm mit ihrer typischen Freundlichkeit und Offenheit zu begegnen. Irgendwann hatte sie die Zusammenhänge gesehen zwischen seinen Launen und den auftretenden Zeitpunkten dieser.

Als er sie einmal ungehalten zusammengestaucht hatte, weil sie sein Essen so langsam gebracht hatte, da erinnerte sie sich an den Morgen desselben Tages, als sie ihn auf dem Gang heftig mit seinem Bruder hat streiten sehen.

Ein anderes Mal hatte sie ihn während einiger Studien unterbrochen und er hatte sie mit seinen scharfen Worten beinahe zum Weinen gebracht. Dann hatte sie jedoch an die unerbittliche Zurechtweisung seines Vaters nur einige Stunden zuvor gedacht und wie er mit mahlendem Unterkiefer, aber gesenkten Kopf fortgegangen war.

Und dann war der Teil in ihr, der verletzt und beleidigt gewesen war sofort verschwunden.

Normalerweise war er vollkommen höflich zu ihr. Er bedankte sich zwar nie und er schenkte ihr auch nicht unbedingt Beachtung, aber er hatte sie auch nie beleidigt oder schlecht behandelt. Das waren nur seltene Male und die meisten ließen sich auf beschriebene Unreinheiten zurückführen, die ihn mit Sicherheit beschäftigen mussten.

Freya hatte versucht diese Wutausbrüche, die nicht selten ihr gegolten hatten, zu umgehen. Er hasste Unordnung, also hatte sie alles noch viel ordentlicher geputzt und aufgeräumt. Er wollte nicht bei seinen Studien gestört werden, also wartete sie bis er in der Bibliothek war oder sie fragte ihn, ob sie warten solle bis er seine Arbeit beendet hatte. Er war manchmal ungeduldig, also beeilte sie sich und ließ sich nicht in Gespräche mit den Plaudertaschen von Angestellten verwickeln, wenn sie ihm etwas bringen sollte.

Doch ihr war schnell bewusstgeworden, dass sie sich noch so sehr anstrengen konnte. Wenn er keinen guten Tag hatte, dann würde er immer etwas finden, was er ihr vorhalten konnte. Jeder ging anders mit Problemen um. Er sammelte seine Gefühle nun einmal in Wut an, die er irgendwann ausstoßen musste. Sie war mehr in seiner Gesellschaft als vermutlich irgendjemand anderes, also war es kein Wunder, dass sie diese Wut des Öfteren traf. Besonders, da sie nur eine Angestellte war und ihm nicht wirklich etwas entgegensetzen konnte. Freya vermutete, dass es vielleicht gerade das war. Das Gefühl von Macht ihr gegenüber, wenn er sich so vollkommen unterlegen und missachtet von seiner Familie fühlte.

Heute war jedoch etwas anders. Das bemerkte Freya bereits in dem Augenblick, in welchem sie die Tür zu den Gemächern des Prinzen öffnete. Sie hatte vermutet, dass er zumindest eine zynische Bemerkung ihr gegenüber fallen lassen würde, da sie ihn zuvor noch mit seinem Vater hat reden sehen. Sie hatte nicht gehört, was die beiden miteinander gesprochen hatten, aber sie hatte den verbitterten Ausdruck auf dem Gesicht des Prinzen gesehen und den unglücklichen auf dem des Königs.

Stattdessen war der Prinz ungewöhnlich still. Nicht einmal das vertraute „Herein“ hatte er verlauten lassen, als sie geklopft hatte. Freya hatte geschlossen, dass er nicht in seinen Räumen war, doch als sie eintrat, sah sie ihn an seinem Schreibtisch sitzen.

Sie murmelte eine Entschuldigung und wollte sich schon wieder umwenden und gehen, als sie ein schwaches „Schon gut“ von seiner Seite des Raumes hörte. Kurzzeitig verharrte sie in ihrer Position, zog die Stirn kraus und musterte ihn. Sie arbeitete nun schon so lange für ihn, all seine Abläufe waren ihr eingeprägt, als wären es die ihren und diese ganze Situation war ihr nicht bekannt.

Es war früher Abend, die Sonne war beinahe untergegangen und nur noch schwaches Licht drang durch die großen Fenster in das Schlafgemach hinein. Nur eine einzelne Kerze stand angezündet auf dem Nachttisch. Zu dieser Zeit las er normalerweise in irgendwelchen Büchern oder notierte sich Dinge auf einem Stück Pergament. Er arbeitete, woran auch immer. Das hatte Freya nie herausgefunden und sich nie getraut zu fragen.

Er hatte dann immer mindestens zwei Kerzen auf seinem Schreibtisch stehen, damit alles gut beleuchtet war und er ohne Schwierigkeiten die Wörter entziffern konnte. Jetzt stand keine einzige dort und er saß in dem dämmrigen Licht auf dem Stuhl, den Kopf leicht nach unten gewandt, als würde er den Einband des geschlossenen Buchs vor sich lesen wollen.

Auch seine ganze Statur wirkte so anders. Er hatte zwar keineswegs seine erhabene Ausstrahlung verloren, aber seine sonst so typisch aufrechte Körperhaltung war verschwunden, er saß etwas eingesunken da, den Kopf auf einer Hand aufgestützt, als würde er schwer nachdenken.

Freya brauchte eine Weile, bis sie sich trotz seiner Worte traute weiter in den Raum hinein zu gehen und schließlich das Tablett mit dem Wasserkrug auf seinem Nachttisch abzustellen. Umso mehr erschrak sie, als sie sich umwandte und Loki sie unverwandt ansah, sein Blick ungewohnt trüb.

„Hast du Geschwister?“ fragte er sie mit matter Stimme.

Freyas Verwirrung nahm noch um einiges zu. Sie kannte ihn ruhig und beherrscht. Zu gewissen Zeit konnte er auch aus seiner Haut fahren, jedoch passierte dies nur wenn er wütend war, seltener wenn er seinen Spaß daran fand, sich über jemanden lustig zu machen. In diesem Moment viel ihr auf, dass sie ihn in letzter Zeit immer weniger Scherze machen sah. Sowohl ihr gegenüber, als auch gegenüber Thor und seinen Freunden. Er war nie aufgeweckt gewesen, aber andere mit gewieften Scherzen aufzuziehen war etwas, was ihm scheinbar gefiel. Auch wenn sie nicht immer fair oder nett waren, vielleicht auch gerade deswegen. Aber in letzter Zeit war dies selten geworden.

Ebenso war ihr aufgefallen, wie er öfter schlecht gelaunt war und auch, wie er sich immer mehr zurückzog. Doch hatte sie ihn bei einem Streit immer nur wütend erlebt. Jetzt wirkte er beinahe niedergeschlagen und Freya wusste nicht wie man mit einem solchen Loki umgehen sollte.

„Nein, habe ich nicht, Herr“ antwortete sie lahm und begegnete seinen grünen Augen, die sie nicht so nervös machten, wie sie es sonst taten. Sie wirkten nicht, als könnten sie alles sehen, was in ihr steckte.

„Dann hast du nicht die Last, mit jemandem um die Gunst deiner Eltern buhlen zu müssen“ erwiderte er nur und wandte sich von ihr ab, so als wäre sie es folglich nicht wert, mit ihr zu sprechen. Als würde sie es nicht verstehen. Freya begann zu sehen, worum es hierbei ging.

„Auch wenn ich eine Schwester oder einen Bruder hätte, müsste ich das nicht.“

Als Loki sich ihr wieder zuwandte, war sie erleichtert. Dies war das erste wirkliche Gespräch zwischen ihnen beiden, welches zudem er begonnen hatte. Sie wollte nicht, dass es nach diesen wenigen Worten endete. Zudem bereitete seine momentane Laune ihr etwas Sorgen. Sie kannte sie nicht und wusste nicht ob er einfach nur seine Ruhe brauchte, so wie bei seiner Wut, oder ob dies genau der falsche Weg war. Sie glaubte letzteres, denn sonst hätte er sie nicht angesprochen.

Die Falte, die sich auf ihre Worte hin zwischen seinen scharf geschwungenen Augenbrauen bildete, veranlasste sie zum Weitersprechen. „Meine Eltern sind bereits gestorben.“

Ein kleiner Hauch von Trauer durchfuhr sie bei ihren Worten, jedoch verdrängte sie ihn schnell wieder. Sie hatte lange genug um ihre Eltern geweint. Ihre Mutter würde das nicht wollen.

Sie sah, wie Lokis Augenwinkel kurz zuckten, jede andere Regung in seinem Gesicht blieb jedoch aus. Sein Blick senkte sich ein wenig, aber er wandte sich zumindest nicht wieder von ihr ab. „Dann hast du nicht die Last, überhaupt um jemandes Anerkennung kämpfen zu müssen.“

„Vielleicht solltet Ihr euch ein anderes Ziel setzen, mein Prinz. Wie mir scheint, ist die Anerkennung des Königs nicht gerade einfach zu erlangen“ formulierte Freya vorsichtig, den Blick dabei nach unten gesenkt. Sie wollte nicht zu viel sagen. Sie hatte Angst er würde merken, wie lange sie schon seine Familienverhältnisse verfolgte und dass er dachte, sie würde sich zu sehr einmischen.

Er schien jedoch außergewöhnlich offen an diesem Abend und erlaubte ihr diese ungebührlich freie Meinungsäußerung, aufgrund seiner eigenen Anspielungen zuvor. Immerhin hatte er auf dieses Thema gelenkt und nur ein unterbelichtetes Wesen hätte vermutlich nicht verstanden, dass er auf seine eigenen Probleme mit seinem Vater und seinem Bruder anspielte.  

„Es ist nicht Anerkennung, die ich will. Ich will Gleichberechtigung.“ Seine Stimme war schärfer geworden und die Furche auf seiner Stirn tiefer. Das Thema schien ihn nicht mehr nur wütend zu machen, sondern auch zu enttäuschen und zu verletzen. Freya versuchte das Mitleid aus ihren Augen verschwinden zu lassen, sodass er es nicht sehen konnte. Sie glaubte nicht, dass Loki ein Ase war, der Mitleid wollte. Dafür war er zu stolz.

„Ich glaube es ist nicht selten, dass ein Elternteil eines der Kinder bevorzugt…“ versuchte sie ihn etwas zu beruhigen, sah jedoch wie ein Teil der Wut in ihm hochkochte, die sie so gut kannte. Schnell bemühte sie sich, ihre Worte zu verbessern. „N-Natürlich ist das schrecklich und unfair…und verletzend. Ich will damit sagen-“

Es ist nicht allein mein Vater“ spie er fauchend aus, stand dabei auf und fegte ungestüm das Buch vom Schreibtisch. „Es sind alle.“

Er hatte ihr nun den Rücken zugewandt, doch sie sah deutlich wie sich seine Schultern unter seinen heftigen Atemzügen hoben und senkten. Seine Hände hatte sich zu Fäusten geballt und sein Blick hatte sich zu Boden gerichtet, als bemühe er sich seine Ruhe zu bewahren.

Freya war bei diesem Ausbruch leicht zurückgeschreckt und gegen den Nachttisch gestoßen. Ein Teil Wasser der vollen Karaffe war übergelaufen und hatte sich über das Tablett verteilt. Freya beachtete dies jedoch gar nicht, zu sehr war sie mitgenommen von dem Schock, welcher das plötzliche Auffahren Lokis in ihr ausgelöst hatte. Es war aber nicht allein Überraschung, es war auch ein schmerzvolles Zusammenziehen ihres Herzens, bei den verbitterten Worten des Prinzen.

Freya verstand, warum er diesen Eindruck hatte. Sie sah selbst, wie sehr das Volk Thor umschwärmte, wie sehr es ihn feierte und liebte. Er war ein Held, der die Aufmerksamkeit liebte und es ohne große Anstrengung auch schaffte diese zu erhalten. Er war nun einmal eine einnehmende Persönlichkeit.

„Nicht jeder. Ich nicht. Ich würde meine Dienste nie mit denen Thors Dienstmädchens tauschen wollen.“ Sie glaubte nicht, dass ihm diese Worte etwas bedeuten würden oder ihn auch nur kümmerten. Sie war nur eine einfache Bedienstete, wieso sollte ihm ihre Meinung wichtig sein? Freya wusste aber einfach nicht, was sie anderes hätte sagen sollen. Zu behaupten, dass Volk würde ihn so lieben wie seinen Bruder wäre eine Lüge, das wussten sie beide.

Zu Freyas Überraschung, drehte er sich jedoch um und sah sie an, seine Augen weniger vernebelt als zuvor, in ihnen aber immer noch diese Bitterkeit. „Wieso nicht?“ fragte er, seine Stimme leer von Emotionen und seine Augen so undurchschaubar. Zu gerne wüsste sie, was in diesem Augenblick in ihm vorging.

Als sie, um Worte suchend, nicht gleich antwortete, wandte er sich ihr wieder vollkommen zu und kam einige Schritte auf sie zu. Zwischen ihnen blieb nur eine Armlänge Luft und Freya musste ein wenig den Kopf heben, um ihm weiterhin in die Augen sehen zu können. Seine Präsenz schüchterte sie normalerweise ein. Nicht auf eine gefährliche Art und Weise, eher im Sinne von respektvoller Nervosität. Aber heute, da lag nicht diese Atmosphäre um ihn herum, die ihn so erhaben wirken ließ. Heute wirkte er beinahe verletzlich. Eben dies veranlasste sie, nicht vor ihm zurückzuweichen.

„Ich habe dich nicht selten angeschrien und beleidigt. Wieso solltest du hier bleiben wollen anstatt zu Thor zu gehen?“ Seine Worte trieften vor Zynismus und Missgunst, als er den Namen seines Bruders aussprach.

„Ihr wart nicht immer vollkommen freundlich zu mir“ stimmte sie ihm ernst zu, ließ ihren Blick kurz zu dem Schreibtisch wandern in Erinnerung an das eine Mal, als er ihr fauchend ein Glas aus der Hand geschlagen hatte. Als sie ihre Augen wieder auf ihn richtete und sie meinte eine Spur von ungestümen Emotionen in seinen erkennen zu können, da wurden ihre Gesichtszüge und ihre Stimme jedoch wieder sanft.

„Aber es gibt für jeden Tage, die weniger gut sind und wenn es euch besser geht nachdem Ihr mir gesagt habt, dass ich zu langsam bin oder nicht gut genug oder ungeschickt oder ein unnützes Weib…“ Bei ihren letzten Worten, sah er sie seltsam an, erinnerte sich nur zu gut an seine letzte Beschimpfung ihr gegenüber, erst einige Tage zuvor. „…dann sei es so. Ich arbeite lange genug für euch, um sagen zu können, dass ihr nicht von Grund auf so seid. Ihr seid höflich. Keineswegs gemein und abwertend.“

Sie beobachtete, wie sich seine Kieferpartie anspannte und er den Blick von ihr abwandte. Dieses Mal war sie sich sicher, Schmerz in seinen Augen gesehen zu haben.

„Thor ist anders als ihr. Er ist…“ Freya pausierte einen Moment, um nach den richtigen Umschreibungen zu suchen. Am Gesicht Lokis, dass sich zu einer unwilligen Grimasse verzogen hatte, konnte sie ablesen, dass er ihre Vergleiche nicht hören wollte. Doch sprach sie weiter, war sie sich doch sicher, dass er nicht erwartete, was sie zu sagen hatte.

„Man kann ihm seine einnehmende Persönlichkeit nicht absprechen und ich denke dies in Kombination mit seinem offenherzigen Auftreten lässt das Volk ihn derart preisen. Aber er ist auch stur und unbeherrscht. Er ist sehr von sich selbst überzeugt und verliert nie den Drang es allen anderen mitteilen zu wollen.“

Freya konnte sich ein kleines versonnenes Schmunzeln nicht verkneifen, ob all der Geschichten, welche Edda, die Dienstmagd Thors, ihr immer erzählte. Sie mochte Thor, so wie es alle taten. Er war immer freundlich, nett und war sich nicht zu erhaben, um mit einfachen Asen zu sprechen. Aber er war auch wirklich anstrengend.

„Ich würde um nichts in Asgard tauschen wollen.“

Bei ihren Worten sah er sie wieder an und Freya erkannte mit Freuden, dass ein Hauch Leben in seine Augen zurückgetreten war. Scheinbar schien ihre Meinung ihm doch etwas zu bedeuten. Freya freute sich über diese Tatsache.

Mit einem seichten Lächeln auf den Lippen wandte sie sich von ihm ab, um das übergelaufene Wasser aufzuwischen und einen Becher aufzufüllen. „Ihr macht es den Asen um euch herum nicht leicht. Ihr seid begabt darin, andere wegzustoßen. Vielleicht sollten Ihr versuchen, euch nicht zu sehr vor der Welt zu verschließen.“

Mit diesen Worten endete sie und stellte den gefüllten Becher wieder auf das Tablett, nahe dem Bettrand. Sie wandte sich zu ihm um und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung. Erst als sie bereits mit ihren Fingern die Türklinge berührte, sprach er sie noch einmal an.

„Das ist für heute alles…Freya.“

Mit einem warmherzigen Lächeln schloss sie die Tür hinter sich. Er hatte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen genannt.
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