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Vom Finden und Suchen

von Illuna
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
Alexios
11.08.2019
25.08.2019
2
5.413
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Vom Finden und Suchen


Als Alexios am nächsten Tag erwachte – die Sonne war schon nahe dem Zenit –, fühlte er sich leer und einsam. Er richtete sich auf, spürte, dass seine Rüstung neben ihm und eine grobe Wolldecke über seinem Unterkörper lag. Oft bemerkte er erst, dass er eine Rüstung trug, gerade wenn er sie nicht mehr trug. Sie war wie eine zweite Haut, ein Teil von ihm.

Ein Blick durch den kargen Raum zeigte, dass es das Hinterhaus des Gästehauses nahe der Arena war. Immer wenn sie hier waren, hatten sie dank Maion das Privileg eigener kleiner Räume im Gästehaus. Hatte schon etwas für sich, ein angesehener Kämpfer in der Arena zu sein.

Als hätte man ihm das Stichwort gegeben, packte sich Alexios an den linken Arm und verzog das Gesicht. Sein ganzer Oberarm war verbunden und der Schmerz würde ihn wohl eine Weile begleiten.

„Ah, hat Morpheus dich aus seinem Reich entlassen?“, fragte eine Frau spitzfindig. Es war die gleiche Stimme wie gestern Abend und stellte sich tatsächlich als Odessa heraus.

„Sieht so aus.“ Alexios hatte keine Lust auf ihre forsche Art.

„Wie geht’s deinem Arm?“

Er warf einen Blick auf den Verband. „In Ordnung.“

Odessa schnaubte, weil sie ahnte, dass er log, sagte aber nichts weiter. Stattdessen kam sie vollends herein. Dabei trug sie eine Schale mit kochend heißem Wasser und einem neuen Verband in den Händen.

„Mach den alten ab“, wies sie an, während sie sich neben ihn setzte und alles vorbereitete. Für Momente schien es, als würde sie nichts mehr sagen, doch die Frage, die sie dann unvermittelt stellte, ließ Alexios erstarren: „Wer ist Thaletas?“

Er antwortete nicht. Was hätte er auch groß sagen sollen? Stattdessen fragte er: „Warum?“

Die Frau hielt kurz inne, dann verband sie den Arm fertig. Sie konnte es nicht sonderlich gut, dachte Alexios, als er ihr Werk betrachtete.

„Weil dieser Spartaner nach dir gefragt hat.“

Er hatte sich Thaletas also nicht eingebildet. Das war… überraschend. Alexios hätte es nicht gewundert, wenn die Erschöpfung und die Wirkung des Giftes Grund für Thaletas‘ Erscheinung gewesen wären.

„Du kennst ihn also.“ Odessa sollte sich einfach um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.

Alexios beschloss alles Weitere, was sie sagte, zu ignorieren.

„Danke“, meinte er daher nur und stand auf, sobald die Frau den Verband verknotet hatte, damit er ohne Fremdeinwirkung nicht aufging. Der Söldner griff nach seiner Rüstung und zog ein vertrautes Teil nach dem anderen wieder an. Odessas Blicke missachtete er und trat danach, vollständig eingekleidet, aus der Schlafkammer.

Jetzt, da er wusste, dass Thaletas wirklich hier war, konnte er seine plötzliche Sehnsucht kaum zügeln. Er war unruhig und die Wunde an seinem Arm nur noch eine Nebensächlichkeit. Er irrte ein wenig durch die Häuserschluchten, an leerstehenden Hütten oder anderem vorbei, bis ihm klar wurde, dass er gar nicht wusste, wo die spartanischen Generäle ihr Lager aufgeschlagen hatten. Nicht, dass sie bereits wieder abgereist waren. Alexios hatte Odessa nicht danach gefragt, wann Thaletas sich nach seinem Befinden erkundigt hatte. Es könnte also auch am vergangenen Abend gewesen sein und heute wäre ihre Abreise.

Alexios stöhnte ob seiner eigenen Dummheit und ob der Tatsache, dass er wie ein aufgescheuchtes Huhn hin- und herrannte, ohne zu wissen wohin. Er sollte es besser wissen.

Er grollte und begab sich zu demjenigen, der ihm bestimmt weiterhelfen konnte: Skoura. Er wusste sicherlich Bescheid.

Aber Alexios sollte kein Glück haben. Skoura war nicht in der Nähe der Arena anzutreffen. „Dann frage ich mich eben durch“, murmelte er zu sich selbst, als er die Arena hinter sich ließ und den Weg Richtung Pefki einschlug. Vielleicht wäre Maion noch eine Möglichkeit.

Ein leises Lachen ließ ihn innehalten. Alexios wandte sich um – und sah Thaletas auf einer Bank an einer Hauswand gelehnt sitzen. Das Haus schien verlassen zu sein, wie so vieles in der Gegend, die der Söldner den Tag über durchwandert hatte und die nicht in der unmittelbaren Umgebung der Arena angesiedelt waren.

Alexios hätte ihn noch nicht einmal bemerkt, er wäre direkt an ihm vorbeigegangen, weil er so genervt davon gewesen war, dass alle seine Pläne heute nicht so funktioniert hatten, wie er es erhofft hatte.

Wahrscheinlich dachte man nicht unbedingt so von einem Mann, der kein Gott war, aber in Alexios‘ Augen war Thaletas wunderschön. Schöner noch als in seinen Erinnerungen. Stark und anmutig. Das dunkle Haar war akkurat geschnitten, der spartanische Zopf verschwand hinter seinem Hals. Die spartanische Rüstung glänzte in der Sonne und war sauber poliert. Aber vielmehr war es das: Das Lächeln, das ihm um die Mundwinkel spielte, war wahnsinnig attraktiv. Alles in Alexios begann zu sirren vor freudiger Erwartung. Er fühlte sich wie auf Mykonos.

„Du hast gut gekämpft, gestern in der Arena“, begann Thaletas. Seine Stimme glitt Alexios‘ Hals herunter wie warmer Honig. Das Grinsen, das dann von Thaletas folgte, ließ ihn erschauern. „Also, nach der ersten Hälfte. Was du davor getrieben hast, wissen wohl nur die Götter“, neckte der Spartaner ihn.

Alexios gefiel die freche Art – sie ließ ihn jünger wirken. Auf Mykonos war er alt gewesen; hatte seine Männer verloren, hatte einen Krieg zu führen, ohne genau zu wissen, wer der Feind war. Er war von jetzt auf gleich zum General aufgestiegen und hatte die gesamte Verantwortung übernommen. Doch Thaletas hatte das hervorragend gemeistert – Alexios wäre enttäuscht gewesen, wenn nicht. Schließlich irrte er sich selten bei seinen ersten Einschätzungen.

„Ich musste doch die Spannung aufrechterhalten, damit das Ende umso überzeugender wird.“

„Ah ja.“ Thaletas grinste. Und er sah dabei so entspannt aus, als gäbe es keinen besseren Ort, an dem er gerade sein könnte. So erging es zumindest Alexios.

Er hatte Thaletas gefunden – oder wahrscheinlich eher: Thaletas hatte ihn gefunden. Mehr als einmal, wenn man seinen „Krankenbesuch“ mitzählte. Und wenn er vielleicht mit Absicht hier in der Arena von Pefki war.

„Kann ich mich setzen?“ Alexios deutete auf den freien Platz neben Thaletas. Dieser nickte und möglicherweise setzte sich Alexios ein wenig näher an den Spartaner als unbedingt nötig gewesen wäre.

„Was hat dich hierher verschlagen?“, fragte Alexios und konnte nur mühsam seine Neugier, seine Aufregung und seine Erregung unterdrücken. Thaletas saß wirklich hier neben ihm. Am Tag zuvor zur gleichen Zeit war er noch unerreichbar gewesen.

Thaletas maß ihn mit einem kurzen Seitenblick. Seine Antwort kam spät. „Ich war auf der Suche.“

„Wonach?“ Sicher hörten gerade alle Götter Alexios‘ inneren Gebete, dass Thaletas nach ihm gesucht hatte. Nur der Spartaner nicht. Denn wieder antwortete er sehr zeitverzögert. Alexios brannte darauf, die Antwort zu hören.

„Nach einem guten Kampf.“

Am liebsten hätte Alexios frustriert aufgestöhnt, doch er lächelte tapfer und erwiderte: „Dann hast du den hoffentlich gesehen.“

„Ja.“ Thaletas schien gedanklich abwesend zu sein.

Danach saßen sie beide schweigend auf der Bank und blickten in die Ferne. Thaletas‘ Anwesenheit spürte Alexios überall auf seiner Haut.

Es war merkwürdig. Die ganze Zeit über, in der Alexios den Spartaner vermisst hatte, hatte er die Gelegenheiten bedauert, bei denen sie nicht miteinander gesprochen hatten. Und nun schwiegen sie.

Irgendwann sprach Thaletas in die Stille hinein. Wenigstens einer von beiden, der den Mut dazu hatte.

„Ich habe nach dir gesucht. Aber ich weiß nicht, ob du von mir auch gefunden werden wolltest.“

„Thaletas, ich…“

Alexios versagte die Stimme, aber der Spartaner ließ keine peinliche Stille aufkommen. „Bitte fühl dich zu nichts verpflichtet. Ich kenne dein Pflichtbewusstsein. Ich bin einer vagen Hoffnung nachgegangen und habe nicht erwartet, irgendetwas zu erreichen. Dass wir jetzt hier zusammen sind, ist mehr, als ich jemals zu träumen gewagt hatte.“ Zum Ende hin wurde er leiser. Er verstummte.

Alexios richtete sich auf, wandte sich dem anderen zu. Als Thaletas zu ihm aufblickte, verschlug es dem Söldner die Sprache. Doch er brauchte auch keine Worte. Nicht jetzt.

Er beugte sich nach vorne, spürte mehr, als dass er es sah, dass Thaletas sich ihm ebenfalls entgegenneigte, und legte eine Hand in den Nacken des anderen. Der Kuss, den sie daraufhin teilten, war scheu – aber lang, lang ersehnt.

Keiner von beiden öffnete die Augen, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten. Alexios fürchtete sich davor, dass all das nur ein Traum war oder ein Streich der Götter. Und das obwohl er Thaletas‘ warme Haut unter seinen Fingern spürte.

„Du bist wirklich hier“, flüsterte Thaletas rau. Selbst der Söldner konnte hören, wie verzweifelt und erleichtert Thaletas war.

„Wir sind es.“ Alexios‘ Stimme klang nicht minder brüchig. Er wusste nicht wohin mit den Gefühlen, die in seinem Inneren tobten. Es war mehr als auf Mykonos. Mehr als er je für einen anderen Menschen außerhalb seiner Familie empfunden hatte.

Alexios presste die Augen noch fester zusammen. Lass es wahr sein, dachte er. Alles fühlte sich so an wie in seinem Traum. Es durfte kein Traum sein. Thaletas war immer noch da, als Alexios die Augen öffnete. Mehr noch: Er hob seine Hand und legte seine auf die Wange des anderen.

„Es ist Wirklichkeit.“ Sie mussten einander bestätigen. Der zweite Kuss war verzweifelter und atemloser. Alexios würde ihr Wiedersehen gerne anders feiern, aber er spürte, dass es nicht richtig war, jetzt sofort alles zu überstürzen. Nun. Dachte er. Doch da hatte er die Rechnung ohne Thaletas gemacht.

Der Spartaner vertiefte ihren nächsten Kuss derart, dass selbst Aphrodite rot geworden wäre. Er schwang sein Bein über Alexios und setzte sich somit direkt auf seinen Schoß. Alexios stöhnte auf und verschaffte sich so einen Moment zum Luftholen.

„Thaletas, wir sollten nicht –“

„Sonst bist du auch kein Mann der großen Worte“, keuchte Thaletas und ließ seine Hüfte nach vorne rollen; Alexios stöhnte erneut. „Fang jetzt nicht damit an.“

Es fiel ihm schwer, richtig schwer, Thaletas bei seinem Tun aufzuhalten. Sein eigener Körper arbeitete gegen ihn und verriet seine Erregung, jedoch hatte er noch Macht über ihn. Er packte Thaletas an den Schultern und drückte ihn mit sanfter Gewalt von sich.

„Lass uns nichts überstürzen. Wir –“

„Alexios.“ Thaletas’ Stimme war so scharf wie seine Klingen. In einem solchen Tonfall hatte lange niemand mehr mit ihm gesprochen und war dann mit dem Leben davongekommen. „Keine Vorträge. Du hast keine Vorstellung davon, wie lange ich hierauf gewartet habe. Alles andere hat Zeit.“

Auf einmal grinste Alexios spitzbübisch und seine abwehrende Haltung wurde weich. „Seit Mykonos? Das ist schon recht lange her“, er betonte es zweideutig und Thaletas‘ rote Wangen bestätigten ihm seine Vermutung.

„Zu lange“, schnappte Thaletas atemlos und von diesem Augenblick an gab es für beide kein Halten mehr. Das Einzige, was ihnen noch fehlte, war ein Rückzugsort.

Alexios presste den Spartaner dicht an sich. Es erregte ihn zu wissen und zu spüren, wie sehr Thaletas ihn begehrte. Es konnte ihm nicht mehr schnell genug gehen, den anderen unter sich liegen zu sehen. Schwitzend, keuchend, stöhnend. All das und noch vieles mehr.

„Wir sollten woanders hin. Ich würde es begrüßen, wenn ich der Einzige in nächster Zeit wäre, der dich nackt sieht“, raunte Alexios und setzte Küsse direkt unter Thaletas‘ Ohr. Dieser erzitterte.

„Wo...hin?“, fragte Thaletas, aber er schien nicht sonderlich interessiert an einer Antwort. Eher löste er den Gurt, der Alexios‘ Waffenrock und Rüstung an Ort und Stelle hielt und glitt mit den Fingern unter den Chiton. Alexios vertraute in der Regel seinem Körper – nur jetzt könnte er nicht sagen, ob ihn seine Beine tragen würden. Wahrscheinlich nicht.

„Zum Gästehaus. Dort habe ich ein Zimmer.“

„Oh, ich weiß“, erwiderte der Spartaner, machte jedoch keine Anstalten seine Hände zurückzuziehen und aufzustehen. Das Gegenteil war der Fall: Er drückte sein steifes Glied noch enger an den Söldner, sodass sich bei diesem langsam jeder Gedanke, der nichts mit Thaletas zu tun hatte, verabschiedete. Irgendwann gab es Alexios einfach auf, sich gegen den anderen wehren zu wollen und ergriff seinerseits die Initiative. Er küsste Thaletas heftig, während er sich dem anderen mit der Hüfte entgegenreckte. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie einen gemeinsamen Rhythmus der Reibung gefunden hatten. Währenddessen zog Alexios ihn immer weiter aus, bewunderte die feinen Narben auf der sonnengebräunten Haut, die jetzt in der Abendsonne schimmerten. Es waren neue hinzugekommen, seit er das letzte Mal in den Genuss dieses Anblicks gekommen war.

Gemeinsam schafften sie es, sich sämtlicher Kleidung zu entledigen und Alexios kam nicht umhin, erregt aufzustöhnen, als Thaletas ihre Glieder umfasste und fast schon verzweifelt versuchte, den Rhythmus in Einklang mit ihrem Hüftbewegungen zu bringen. Er keuchte Alexios ins Ohr und dieser war sich sicher, selten etwas Vollkommeneres gehört zu haben. Er könnte nicht sagen, wie lange oder kurz sie hier saßen.

Thaletas war derjenige, der immer lauter wurde, bevor er sich verkrampfte und mit einem lauten Ausatmen kam. Die Luft anhaltend beobachtete Alexios dieses Schauspiel: Thaletas, wie er den Kopf ein wenig nach hinten geneigt, die Augen geschlossen hatte; gespürt, wie Thaletas’ Hände zuerst weich, dann fester und letztlich weich um ihre Glieder wurden. Bei diesem Anblick konnte selbst der Söldner nicht mehr an sich halten. Er umfasste Thaletas’ Gesicht, um ihn zu sich zu ziehen. Ganz anschmiegsam folgte Thaletas den Berührungen und küsste Alexios. Mit diesem sanften Abschluss ihrer stürmischen Begegnung ergoss sich auch Alexios über sie. Er atmete heftig.

„Thaletas“, brachte er atemlos hervor, sicherte sich damit einmal mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit, „das nächste Mal abgeschiedener.“

Thaletas lachte leise. „Dann sollten wir uns jetzt einen Ort zum Waschen suchen“, meinte er.

Alexios maß ich  mit zusammengekniffenen Augen. Doch bevor er fragen konnte, antwortete der Spartaner bereits: „Das war dir doch wohl noch nicht genug? Ich habe nicht die Absicht, dich gehen zu lassen – nicht heute Nacht.“ Der sehnsüchtige Teil in seinem Inneren hoffte, dass Thaletas ihn auch nach dieser Nacht nicht gehen lassen wollte, aber diesen Gedanken würde er später verfolgen. Denn tatsächlich gab es etwas, das Alexios wesentlich interessanter fand: Thaletas stand von seine Schoß auf, bückte sich, um seine Rüstung und Kleidung aufzuheben, und ging danach ein paar Schritte vorwärts.

Dieser Mann war sicherlich ein Gott.

Auffordernd blickte er Alexios über die Schulter hinweg an. „Was ist? Ich glaube kaum, dass du durch einen göttlichen Zauber dort festgewachsen bist oder dass dich deine Oberarmwunde derart lähmt. Folge mir.“

„Bis ans Ende der Welt“, raunte Alexios zu sich selbst und klaubte in Windeseile seine Sachen zusammen, um dem Gott in Menschengestalt hinterherzugehen.

Vielleicht sollte es ihn wundern, dass hier keine Menschenseele unterwegs war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Haus, an dessen Front sie sich vergnügt hatten, mitten im Nichts stand. Aber auf der anderen Seite war es nicht verwunderlich: Die Arena von Pefki lag weit abseits der eigentlichen Stadt und die paar Häuser und das Gästehaus, die sich darum sammelten, waren am Ende kaum der Rede wert. Dass also ein Haus noch weiter im Nirgendwo stand und unbewohnt war, war also durchaus wahrscheinlich.

„Wo bringst du uns hin?“ Alexios hatte mittlerweile zu Thaletas aufgeschlossen – ein bisschen mit sich gehadert hatte er schon. Schließlich war ihm so der Anblick von Thaletas‘ nackter Kehrseite verwehrt, an der er sich noch ergötzt hatte.

„Zu meinem Lieblingsplatz hier auf der Insel.“

„Ich dachte, der Lieblingsplatz eines Spartiaten wäre stets das Schlachtfeld?“

Thaletas grinste auf die Worte hin, die Erinnerungen na Mykonos wachriefen. „Du hast recht“, erwiderte er daher. „In dem Fall mein zweitliebster Platz. Aber dieses Mal erinnert er mich nicht an das Schlachtfeld.“ Mehr sagte er nicht, sondern bevorzugte es, den Rest des Weges zu schweigen. Zwar hatte Alexios bemerkt, dass noch etwas mitgeschwungen war – die Antwort darauf, woran es ihn stattdessen erinnerte –, doch er fragte nicht nach. Er genoss die Anwesenheit des anderen, genoss den Abendwind der seine erhitzte Haut abkühlte. Die Sonne war nur noch ein schmaler Lichtstreifen am Horizont und Alexios würde einmal mehr die Schönheit der Landschaft und Natur bewundern, wenn Thaletas sie nicht in den Schatten stellen würde. Ihr Weg führte sie über eine Bergkuppe, hinab in Richtung Meeresküste. Alexios hörte unweit von ihnen das Rauschen eines Flusses. Er vermutete, dass Thaletas sie zu einem kleinen See bei einem Wasserfall brachte – er sagte etwas von waschen, oder nicht?

Der Söldner sollte recht behalten. Der Ort, den Thaletas zu seinem hiesigen Lieblingsplatz auserkoren hatte, war malerisch. Es war ein kleiner Wasserfall, der über den Hang stolperte, über den sie noch gestiegen waren, und sich in den See ergoss. Danach zog das Wasser in sanften Biegungen als ruhiger Fluss weiter, um irgendwann ins Meer zu münden. Umringt war das Gewässer von Pflanzen, die man sogar als Bäume bezeichnen konnte, soweit die vorherrschende Vegetation auf Messara es zuließ. Doch es war weniger ruppig und steinig als an vielen Stellen der restlichen Insel. Man konnte es in unmittelbarer Nähe des Wassers als weich und gemütlich beschreiben. Erst weiter hinten begannen die Felsen wieder die Oberhand zu gewinnen und tiefe Furchen zogen sich durch Stein. Wahrscheinlich waren dort auch Höhlen zu finden.

„Es ist wunderschön hier“, sagte Alexios.

„Genau wie du“, entgegnete Thaletas neckisch und dieses Mal war es an dem Söldner zu lachen.

Sein Lachen verebbte jedoch schnell, als er Thaletas anblickte. „Ich habe dich vermisst“, meinte er unvermittelt. Zögernd streckte er seine Hand nach dem Spartaner aus, war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob dieses Geständnis nicht zu früh war. Thaletas jedoch verstand es, seine Zweifel zu zerstreuen. Er griff mit seiner freien Hand nach derjenigen von Alexios.

„Ich dich auch.“ Dann zog er ihn bis zum Ufer. Achtlos ließ er seine Rüstung fallen, was Alexios ein klein wenig verwunderte. Behandelte ein Soldat so seinen wertvollsten Besitz?

Doch ihm würde es gleich nicht anders ergehen, als Thaletas ihn nämlich an sich zog und er wieder diese warme Haut an seiner spürte.

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