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Verführung

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Vampire
11.08.2019
20.05.2022
24
72.371
1
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Dieses Kapitel
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11.08.2019 1.439
 
Alles ist schwarz.
Was sind das für Stimmen?
„Was ist passiert?“
„Warum ist sie voller Blut?“
„Lebt sie noch?“
„Ruft einen Krankenwagen!“
Ich höre ein regelmäßiges Piepen. Es ist nervend...
Stimmen, wieder höre ich Stimmen. Langsam öffne ich meine Augen.
„Sie wird wach.“ Ein Mann beugt sich über mich. Er trägt einen weißen Kittel, seine Haare sind schwarz und kurz geschnitten, seine Nase gerade und seine Lippen schmal. Seine Augen sind grau und um seinen Hals hängt ein Stethoskop. Ein junger Arzt vermute ich, vielleicht Mitte 20. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“, fragt er mich mit einer sanften, aber zugleich männlichen Stimme.
Ich will mich aufrichten, werde aber vorsichtig wieder ins Bett gedrückt. „Bleiben sie liegen“, ermahnt mich der Mann.
„Was ist passiert?“, ich erkenne meine eigene Stimme nicht mehr, so kratzig ist sie.
„Das wollten wir Sie eigentlich fragen.“ Hinter dem Mann antwortet eine andere Stimme. Der Arzt geht beiseite und es erscheint ein älterer Herr, Mitte 40, in einem dunkelgrauen Anzug mit roter Krawatte, und einem, hellbraunen Trenchcoat. Er hält einen Block mit Stift in den Händen.
„Wer sind Sie und wo bin ich?“ Jedes Wort kratzt meinen Hals.
„Trinken Sie erst mal was.“ Der Mann, den ich als Arzt einschätze, hilft mir mich aufzurichten und reicht mir ein Glas Wasser. Wie eine Verdurstende trinke ich es schnell leer, nur um festzustellen, dass mein Hals brennt, so trocken ist er. Der Arzt ermahnt mich langsamer zu machen, damit ich mich nicht verschlucke.
„Danke.“, kommt es von mir mit einer viel besseren Stimme.
„Bitte“, lächelt er mich freundlich an. „Sie sind im Krankenhaus. Ich bin Dr. James Booth.“, stellt er sich mir vor.
„Ich bin Kommissar Knox. Sie wurden voller Blut und ohne Bewusstsein gefunden. Dazu habe ich einige Fragen.“, erklärt mir der Kommissar. „Die erste Frage lautet: Wie heißen Sie?“, fragend beäugt er mich.
Einen Moment muss ich überlegen, bis mir eine Antwort einfällt „Ich…ich weiß nicht.“, gebe ich etwas kleinlaut zu. Wie kann sowas passieren? Ich muss doch einen Namen haben!
„Können Sie sich daran erinnern, was passiert ist?“
„Nein, tut mir leid.“
„Woher Sie kommen? Wie alt Sie sind? Irgendetwas?“, langsam wird der Kommissar etwas lauter und ungeduldiger. Mit dem Blick auf meinen verschränkten Fingern schüttele ich leicht den Kopf. Mir kommen langsam die Tränen. Wieso? Wieso weiß ich nichts mehr? „Nein, tut mir leid“ murmele ich leise.
„Es ist genug jetzt!“, ertönt die Stimme von Dr. Booth. „Sie muss sich ausruhen. Bitte verlassen Sie das Zimmer.“ Dr. Booth bringt den murrenden Kommissar vor die Tür.
Als nach kurzer Zeit die Türe wieder geöffnet wird, betritt Dr. Booth das Zimmer allein. „Geht es Ihnen gut? Ich hoffe, er hat Sie nicht zu sehr aufgeregt.“, fragt er gleich etwas besorgt.
„Nein, danke.“ lächle ich ihn leicht an. „Was ist mit mir passiert?“, frage ich nun etwas unsicher.
„Ich weiß es nicht. Sie wurden gefunden oder besser gesagt: Sie sind blutüberströmt in die Straße gewankt und kurze Zeit später ohnmächtig geworden.“, erklärt er mir.
„Zum Glück haben Sie keine großen Verletzungen erlitten. Zu der Amnesie und der Gehirnerschütterung haben Sie ein paar geprellte Stellen an Rippen und Armen sowie Kratzer“ erläutert er meine Verletzungen. „Das Blut war nicht von Ihnen und ich muss noch untersuchen, wie stark Ihre Amnesie ist.“
„Es tut mir leid. Ich kann mich nicht erinnern, was passiert ist.“ Deprimiert schaue ich zu meinen Händen, die auf meinem Schoß liegen. Diese zittern leicht. Wie kann das sein? Was ist mit mir passiert, dass ich voller Blut bin. Wessen Blut ist das?
Auf einmal wird mir kurz schwarz vor Augen. Als ich sie wieder öffne sind meine Hände wieder blutüberströmt. Voller Panik blicke ich meine zitternden Hände an. Was habe ich getan? Habe ich jemanden verletzt oder sogar getötet? Ich weiß nicht was ich denken soll oder was ich machen kann. Immer noch wie hypnotisiert starre ich meine blutigen Hände an. Mir laufen langsam Tränen über die Wangen. Ich stehe kurz davor, keine Luft mehr zu bekommen.
„Hören Sie mich?“ Wessen Stimme ist das? „Hey. Kommen Sie zurück. Sie sind in Sicherheit!“ Die Stimme wird immer klarer. Hände legen sich auf meine Wangen, richten mein Gesicht leicht in eine Richtung. „Hören Sie auf meine Stimme. Alles wird gut. Sie sind in Sicherheit.“ Nach mehrmaligem Blinzeln erkenne ich den Doktor. Besorgt schaut er in meine Augen.
„Geht es Ihnen gut?“
„Was…was ist passiert?“ Meine Hände. Was ist mit meinen Händen? Schnell blicke ich zu ihnen runter. „Sie waren voller Blut“, murmele ich leise.
Dr. Booth nimmt vorsichtig meine Hände in seine. „Sie hatten eine Panikattacke. Sie dürfen sich nicht zwingen sich zu erinnern, das kann erhebliche Schäden verursachen. Am besten ist es, Sie denken erst gar nicht darüber nach, was passiert ist. Bleiben Sie ruhig. Wir machen zusammen ein paar Übungen und irgendwann fällt Ihnen alles wieder ein.“ Beruhigend und sanft streicht er mir über die Hände.
Nachdem ich alles verdaut habe, was er mir erzählt hat, nicke ich leicht. Wenn es so ist, sich wieder zu erinnern, möchte ich es am liebsten gar nicht erst.
„Leider muss ich jetzt gehen. Rufen Sie, wenn irgendetwas ist.“ Er zeigt mir noch kurz den Knopf, mit dem ich die Schwestern rufen kann.
„Mache ich.“ Lächelnd geht er. Ich lege mich zurück ins Bett. In meinem Kopf kreisen alle möglichen Sachen herum. Aber mein Körper spürt, dass er noch ziemlich erschöpft ist, weshalb ich schnell wieder einschlafe.
Die Amnesie hat meine schulischen Erinnerungen - also das was ich für das Leben brauche - nicht gelöscht. Aber all meine persönlichen Erinnerungen sind weg. Ich versuche mein Bestes, um mich an alles zu erinnern. Dr. Booth meint, ich solle mich nicht überanstrengen und meine Erinnerungen nicht erzwingen und nach der Panikattacke möchte ich keine zweite bekommen. Die eine hat mir gereicht. Deshalb heißt es jetzt erst einmal langsam zu machen.
Da ich auch keine Ahnung habe, wie ich heiße, nennt Dr. Booth mich auch nicht bei einem Namen. Alle siezen mich einfach. Es ist ein komisches Gefühl, nicht bei einem Namen genannt zu werden. Ich komme mir eher wie ein Ding vor, wie als eine Person.
Ich bin schon seit fast einer Woche hier. Ich bleibe so lange im Krankenhaus, bis ich mich an alles erinnere oder bis jemand kommt und beweisen kann, dass er mich kennt und sich um mich kümmert. Aber es kommt niemand. Wird jemand kommen und mich abholen? Habe ich eine Familie oder Freunde? Vielleicht will mich niemand. Ich habe so viele Fragen und keine Antwort. Das deprimiert mich immer mehr.
„Hier, diese Lilie lag vor Ihrer Tür, mit diesem Brief“ eine Krankenschwester überreicht mir die Blume. Da ich momentan die Einzige in diesem Zimmer bin, muss sie ja für mich sein. Es sei denn jemand hat sich in der Türe geirrt. Aber wieso kommt die Person nicht rein, wenn sie mich kennt? Ist das vielleicht nur ein dummer Scherz?
„Danke.“ Auf dem Brief steht kein Absender. Die Krankenschwester verschwindet wieder und lässt mich allein.
Voller Skepsis öffne ich den Brief. Wer sollte mir eine Lilie schenken?
Es war nur eine Karte darin:
~Du bist mir entkommen. Aber ich werde dich holen! ~
Mit großen Augen starre ich die Nachricht an. Lese sie zwei, drei Mal durch. Ist das eine Drohung? Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter.
Auf einmal wird die Türe geöffnet. Schnell verstecke ich den Zettel unter meinem Kopfkissen.
„Wie geht es unserer Patientin denn heute?“, fragt Dr. Booth ganz freundlich.
„Mir geht es gut“, antworte ich.
Er schaut die Lilie neugierig an, die noch vor mir liegt. „Von wem haben Sie denn die schöne Lilie bekommen?“, fragt er ehrlich interessiert.
„Ich weiß es nicht. Eine Schwester hat sie mir gebracht“, antworte ich wahrheitsgemäß.
Erzähle ich ihm lieber erstmal nichts von dem Brief. Vielleicht ist das nur ein Joke.
„Die Lilie passt zu Ihnen. Da Sie noch keinen Namen haben, können wir Sie ja so lange Lily nennen. Wie finden Sie die Idee?“ lächelt er mich höflich an.
Lily? Ein schöner Name. Er kommt mir bekannt vor. Leise höre ich ein mir bekanntes Lachen. Kenne ich vielleicht eine Lily? Ich weiß es nicht. Vielleicht erinnere ich mich eher daran, wenn ich den Namen öfters höre. „Gerne. Das ist eine großartige Idee.“
„Das freut mich. Ich untersuche Sie jetzt für heute, Lily.“, betont er meinen neuen Namen.
Ich muss noch lange an die Nachricht denken. Sie macht mich etwas unsicher. Vor wem bin ich entkommen und wer wird mich holen? Was ist passiert, dass ich mich nicht mehr erinnern kann? Es hört sich beinahe so an, als würde mich jemand umbringen wollen! Aber das will doch niemand. Oder etwa doch?
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