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Sein letzter Brief [Schiller/Goethe]

OneshotSchmerz/Trost / P12 Slash
Friedrich Schiller Johann Wolfgang von Goethe
11.08.2019
11.08.2019
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Johann ließ sich schwer seufzend auf seinen Stuhl fallen und vergrub den Kopf in seinen Händen. Heute war wieder einmal so ein Tag, an dem er eigentlich gar nicht erst aus dem Bett wollte. Beim Aufwachen fühlte er bereits dieses zerfressende Gefühl der Trauer, noch bevor er überhaupt realisieren konnte, welches Datum sie hatten.

Heute war der 9. Mai. Friedrichs Todestag.

Einzig Christianes gutes Zureden hatte Johann dazu bewegt, schließlich doch noch aufzustehen. Eigentlich hatte er viel zu tun, er musste schließlich mit seinem neuen Drama vorankommen. Aber er schaffte es einfach nicht, sich auf den Text zu konzentrieren.

Tränen stiegen in ihm auf; die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel und tropfte auf das Papier. Die Tinte verlief.

Johann schluchzte leise auf. Er konnte und wollte einfach nicht akzeptieren, dass Friedrich tot war.
Wie schon so häufig, wenn er sich in einer solchen Situation befand, öffnete er die unterste Schreibtischschublade, um dort die wertvollsten Erinnerungen an seinen Freund wieder herauszuholen. Dort lagen sie, fein säuberlich nach Datum geordnet: Friedrichs Briefe. Er hatte keinen einzigen weggeworfen, denn sie waren sein schönstes Andenken an den Mann, den Gott schon viel zu früh aus seinem Leben nahm.

Der Dichter hatte alle Briefe in den letzten Jahren bereits mehrfach gelesen. Es versetzte ihm zwar jedes Mal einen schmerzhaften Stich ins Herz, doch diese einfachen Stücke Papier waren dennoch an schöne Erinnerungen geknüpft. Erinnerungen, die jetzt bittersüß waren.

Einen der Briefe hatte er schon so oft gelesen, dass er ihn nun auswendig konnte. Er hatte ihn schon so oft in der Hand, dass er an den Seiten bereits ganz zerknittert war. Er hatte schon so oft darauf geweint, dass manche Wörter gar nicht mehr zu erkennen waren. Es war Friedrichs letzter Brief an ihn.

Er war vom 25. April 1805, nur zwei Wochen vor Friedrichs Tod. Johann machte sich bis zum heutigen Tag schreckliche Vorwürfe, dass er nicht viel früher bemerkt hatte, wie schlecht es wirklich um seinen Freund stand. Doch woran hätte er es auch erkennen sollen? Friedrichs Urteil über Johanns Anmerkungen zu "Rameaus Neffe" war treffend und klar formuliert; seine Handschrift war wie immer sauber und ordentlich. Es gab keinen Hinweis darauf, dass die Krankheit diesmal tatsächlich tödlich verlaufen würde.

Und dennoch, Johann zerbrach sich nächtelang den Kopf, was er noch für Friedrich hätte tun können. Er verfluchte sich dafür, dass er ihn nicht noch öfter besucht hatte. Er hatte sich nicht einmal angemessen von seinem Freund verabschieden können. Woher hätte er auch wissen können, dass der Abschied am 1. Mai an Friedrichs Haustür für immer sein würde?

Johann bereute so vieles, was die Beziehung zu Friedrich anging. Warum hatte er ihn damals nur abgewiesen, als dieser zum ersten Mal nach Weimar kam? Er wusste es selbst nicht, wahrscheinlich war es die pure Angst, dass ein neuer Dichter ihm seinen Rang streitig machen könnte. Es war so dumm von ihm. Wie viel Zeit hätten sie miteinander verbringen können, wenn Johann nicht so selbstsüchtig gewesen wäre?

Doch am meisten bereute er, dass er sich nie getraut hatte, Friedrich seine Gefühle zu gestehen. Ihm war doch schnell klar gewesen, dass er diesen Mann liebte, so wie er noch niemals zuvor jemanden geliebt hatte. Aber er hatte Angst vor den Reaktionen von Christiane und der Gesellschaft und besonders vor der Reaktion von Friedrich.

Er hatte zu große Angst davor, was passieren würde, wenn Friedrich seine Gefühle nicht teilte und er sich von ihm abwenden würde. Johann war sich sicher, dass er das nicht überlebt hätte. Doch nun war er sich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, seine Liebe jahrelang zu unterdrücken. Er hätte Friedrich viel mehr zeigen müssen, was er ihm überhaupt bedeutete. Leider kam diese Einsicht zu spät.

Johann drückte den Brief an seine Brust und ihm liefen erneut Tränen über die Wangen. Er würde wahrscheinlich nie darüber hinwegkommen, das war ihm jetzt schon klar. Er vermisste Friedrich. Er vermisste einfach alles an ihm. Seine langen, rotblonden Haare, seine leuchtenden Augen, sein wunderschönes Lächeln, seinen Sinn für Humor, seinen Schreibstil, einfach alles.

Er wollte Friedrich wieder bei sich haben, sich wieder mit ihm unterhalten und austauschen, mit ihm zusammen lachen und mit ihm schreiben. Er wollte all das wiederhaben, doch ihm war  nur sein Brief geblieben.
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