Who's afraid of Jack the Ripper?

GeschichteKrimi, Thriller / P16
Anthony J. Crowley Erziraphael
10.08.2019
03.12.2019
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Ein klaffendes, schwarzes Loch gähnte vor ihnen in der Ufermauer. Es war gerade Ebbe, also lag der Zugang frei.
„Irgendwo weiter drinnen muss eine Gezeitentür sein. Da drin gibt es sicher Räume, die nicht überflutet werden, wenn die Flut kommt.“, sagte der Professor, während er den Eingang mit wenigen Blicken maß.
Katja kam, unter Natalias Führung die Treppe heruntergestiegen:
„Wir müssen hinein. Hier sind wir richtig.“
Alexej ging vor, eine Laterne in der Hand, dahinter schlichen Antoin und Jean-Paul. Katja bewegte sich erstaunlich sicher durch den feuchten Gang. Aziraphel stand als letzter am Eingang und zögerte.
Der Professor trat wieder aus dem Gang heraus:
„Worauf wartest du denn? Ich dachte, Crowley wäre dein Freund. Willst du ihn nicht retten?“
„Doch, natürlich will ich das. Ich, ich… Weißt du, normalerweise kann ich ihn spüren. Aber jetzt ist das nichts. Und wenn Katja sagt, dass er hier ist und ich ihn nicht spüre…“
Der Engel sah hoch.
„Was werde ich da drin finden?“
„Das kannst du nur auf einem Weg herausfinden: Du musst nachsehen. Komm.“, der Professor nahm ihn an der Hand und führte ihn in den dunklen Tunnel.
Aziraphel hatte Angst. Nicht um sich selbst, das wäre angesichts seiner Begleiter auch wirklich lächerlich gewesen. Er hatte Angst vor dem, was dieser schwarze Abgrund für ihn bereithielt. Lebte Crowley überhaupt noch, oder war er schon… weg. Und wenn er noch lebte, in welchen Zustand würde er ihn finden? Halbtot und blutbesudelt, nicht mehr in der Lage zu gehen oder zu sprechen. Vielleicht war er genauso schrecklich zugerichtet worden, wie die anderen Opfer des Rippers. Vielleicht hatte ihm Kosminski eine Hand abgehackt oder ihn geblendet. Vielleicht erkannte Crowley ihn nicht einmal richtig.

Kein Szenario konnte irrsinnig oder grauenhaft genug sein, als dass Aziraphel es in diesen Sekunden nicht durch den Kopf schoss. Er konnte es nicht abstellen, es war geradezu zwanghaft. Seine sonst so warmen Hände zitterten vor Kälte. Der Professor warf ihm einen mitleidigen Blick zu.
„Ist es wirklich so schlimm?“
„Ja. Er ist mein bester Freund und ich…Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist ohne ihn zu sein.“
„Aber, kann er das überhaupt? Sterben, mein ich. Soweit ich das verstanden habe ist Crowley doch nicht so ganz menschlich, wie kann er dann sterben?“
Der Engel wandte den Blick auf die gekrümmte Ziegelwand. Der Professor wartete ein paar Augenblicke, bevor er entschied, dass er wohl doch keine Antwort bekommen würde.
Die Gruppe bahnte sich schweigend ihren Weg durch den leicht ansteigenden Kanal.
Immer wieder passierten sie Seitenschächte, die in noch dunklere Tiefen zu führen schienen. Aziraphel klammerte sich an den Professor, so stark, dass seine Finger zitterten. Der Schotte ließ das alles mehr oder weniger klaglos über sich ergehen, war ihm doch klar, wie sehr sich der Engel hier drin fürchtete.
Alexej ganz vorne blieb stehen.
„Antoin, hier ist eine Stahltür. Die ist ein Zwei-Mann-Job.“
In der Dunkelheit musste sich der Franzose an den glitschigen Backsteinen entlangtasten. Trotzdem stieg er Natalia auf den Fuß.
„Hier ist die Tür.“, sagte Alexej: „Wir werden wohl Anlauf brauchen.“
„Ja, geht alle ein bisschen zurück.“
Hastiges Trappeln, gefolgt von rennenden Schritten, ein lautes Scheppern, noch mal rennende Schritte, noch einmal das Geräusch von Körpern, die mit viel Schwung gegen eine Metalltür klatschen. Aziraphel zuckte unter dem gewaltigen Krachen zusammen, mit dem schließlich der stählerne Riegel nachgab und die Tür nach innen stürzte.

Natalia wagte sich als erste nach vorne.
„Alexej? Geht’s dir gut?“
Ein lautes Ächzen kam aus der dunklen Türöffnung.
„Ich bin auf die Fresse gefallen, und vielleicht hab ich Nasenbluten, aber ja, mir geht’s großartig.“
„Leute, ihr solltet euch das mal ansehen.“, Antoin schien sich schon in dem neuen Gang zurechtgefunden zu haben.
Plötzlich konnte Aziraphel die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen. Er ließ den Professor los und eilte so schnell er es konnte nach vorne. Fast schlug er sich den Kopf an einem der Türpfosten an, schaffte es aber trotzdem durch den Türrahmen.
Schon an den Geräuschen um ihn herum, merkte er, dass dieser Raum hier höher, breiter, aber nicht so lange war wie der Tunnel. Außerdem war es hier drin wärmer und von irgendwo kam ein Luftzug. Hinter ihm betraten die anderen den Raum.
Der Engel spürte einen warmen Körper neben seiner Schulter.
„Professor?“
„Nein, Jean-Paul. Hast du eine Lampe oder sowas?“
„Äh, ahm, Moment, wart kurz.“
Aziraphel wunderte sich immer wieder, warum ihn fast jedes Mal jemand anderer daran erinnern musste, dass er eigentlich ein übernatürliches Wesen war, das so ziemlich alles tun und lassen konnte, was es wollte.
Mit einem kurzen Fingerschnippen, materialisierte sich eine brennende Petroleumlampe in seiner Hand.
Endlich tauchte der Raum um ihn herum aus dem Dunklen auf. Es musste eine Art Lagerraum, oder Schuppen sein, auf jeden Fall, war er etwa zwanzig Quadratmeter groß, der Boden und die Wände trocken. In zwei der Wände befand sich jeweils noch eine Stahltür. In der Ecke führte eine Leiter in einen senkrechten Schacht hinauf. Auf dem Boden lag so etwas ähnliches wie Sand oder sehr viel Staub. Dort zeichneten sich deutlich die Spuren eines geschleiften Körpers ab. Der Engel folgte ihnen mit den Augen, bis er zu dem Schluss kam, dass ein Körper durch die erste Tür zur zweiten geschleift worden war. Die Richtung ließ sich aus den Schuhabdrücken recht gut ablesen.

Wie in einen Bann geschlagen, ging er auf die erste Tür zu.
Antoin wich ihm aus, als er mit verschleiertem Blick und ausgestreckter Hand immer weiter nach vorne ging. Die Tür schwang unter der zartesten Berührung auf, auf magische Weise entriegelt. Dahinter kam ein Raum zum Vorschein, der angefüllt schien mit dicken, zähflüssigen Schatten, als hätte ein göttlicher Künstler Bitumen in diesen Raum gegossen, auf das er in alle Ewigkeit in Finsternis versänke.
Das Licht seiner Lampe schien kaum in die Ecke zu dringen und trotzdem enthüllte sich ihm auch dieser Raum. Vor allem, weil er schon wusste, was er finden würde. Sein unterbewusstes Wissen fand Bestätigung.
Dieser Raum war darauf ausgelegt einen übernatürlichen Gefangenen zu beherbergen. Der riesige, metallene Davidstern mit den Ketten daran und die Dämonenfalle auf dem Boden, sprachen Bände. Er sah einen schwarzen Blutspritzer auf dem Metall, erkannte die Stelle, wo die Kreidelinie des Pentagramms unterbrochen worden war.
Wie ein Film lief das Geschehene in seinem Kopf ab.
In einer Ecke glitzerte etwas. Wie ferngesteuert ging der Engel darauf zu, als würde nicht er die Bewegung seiner Füße kontrollieren, sondern ihn ein zynischer Gott als Marionette tanzen lassen.
Er hob auf was dort lag.
Es war Crowleys Zylinder. An der Krempe waren breite weiße Schmierer zu sehen. Wahrscheinlich das helle Make-Up. Nur noch eine geknickte Feder hing an dem Hut, der Rest war ausgerissen und auf dem Boden verstreut worden.
Aziraphel bekam weiche Knie, alles begann sich zu drehen. Er sank auf die Knie herunter, ganz einfach, weil er sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Seine kalte Hand lag auf der noch viel kälteren Mauer, doch er spürte keine Kälte mehr.

Keine Kälte, keinen Schmerz, keine Trauer, keine Wut, keinen Zorn, keine Verzweiflung. Er spürte kein trotziges Aufbäumen gegen die Misshandlung seines besten Freundes.
Er spürte nichts mehr.
Und es war das schlimmste Gefühl, das er sich vorstellen konnte.
Dieses Vakuum verschlang ihn, wie ein gieriger Feuersturm die Straßen und Menschen einer Stadt. Es löste einen Schmerz in ihm aus, von dem er nicht gewusst hatte, dass er ihn eine Sekunde lang ertragen könnte.
Aziraphel kippte zur Seite, aber er machte keine Anstalten sich abzufangen. Sein Verstand aktivierte alle Schutzmaßnahmen, ließ alle Schleusentore schließen und schaltete alles ab. Als sein Kopf auf dem Boden aufschlug, war er schon längst nicht mehr bei Bewusstsein.


Katja tastete sich langsam durch den Raum. Natalia hatte ihr einen Stock gegeben, damit sie sich auch allein fortbewegen konnte. In vorsichtigen Tastbewegungen näherte sie sich dem Engel. Sie konnte ihn nicht sehen, aber seine Aura spüren. Sie fühlte, wie sich ihr Stock in Stoff verhakte und zog ihn zurück.
Es war so gekommen, wie sie es gesehen hatte. Es tat ihr so, so leid, dass sie ihm nichts gesagt hatte. Sie hätte ihn vorbereiten, ihn warnen können. Nein, hätte sie nicht. Das hier hatte passieren müssen. Und niemand bedauerte das mehr als sie. Manchmal verfluchte sie das Schicksal dafür, ihr eine solche Bürde auferlegt zu haben.
Behutsam ließ sie ihren Stock an Aziraphels Rücken entlangfahren. Er hatte sich instinktiv zusammengerollt, um sich vor der Welt um ihn herum zu verstecken. Katja ließ sich auf den Boden sinken und legte den Stock auf ihren Schoss. Sie tastete nach Aziraphels Schulter und strich langsam darüber.
„Ich verspreche, alles wird gut werden. Ich kann dir nicht sagen, wie oder wann, aber am Ende ist alles gut. Du und Crowley, ihr werdet euch schon bald wieder finden. Und dann kannst du nicht endlich trauen und ihm sagen, was du da im Herzen trägst.“
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