Der treue Diener

von Balariel
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Amycus Carrow Draco Malfoy Harry Potter Hermine Granger Minerva McGonagall Severus Snape
10.08.2019
09.11.2019
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Vielen Dank an all die Reviewer.  :)
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und viel Spaß mit dem Kapitel.






Nach diesem Tag schien alles ein wenig anders. Als wäre alles in der Schwebe oder in einer eigenartigen Trance gefangen. Anfangs war es Severus gar nicht aufgefallen. Zuerst war er selbst noch wütend gewesen und hatte kaum auf Hermine geachtet. Dann war er dankbar für die Ruhe gewesen und hatte sich darum bemüht den Schulalltag aufrechtzuerhalten, in die Routine zurückzufinden und seinen dunklen Gedanken und Ängsten keinen Platz zu geben. Doch irgendwann fiel selbst ihm auf, dass Hermine auffallend wortkarg war, selten das Wort von sich aus an ihn richtete und auch nicht mehr neugierig auf dem Sofa auf seine Rückkehr wartete, in der Hoffnung Neuigkeiten zu erfahren. Er verstand sie nicht so recht. Auch über das weitere Vorgehen bezüglich des Horkruxes hatten sie nicht gesprochen, wie ihm nach einigen Tagen auffiel. Und dabei hatte er das immer drängendere Gefühl, dass auch der Horkrux sie beide weiterhin manipulierte. Allerdings schien all das für Hermine in den Hintergrund getreten zu sein, er wusste nicht weshalb.

An einem Abend fasste er sich ein Herz. Erneut war das Essen still verlaufen, Hermine hatte sich einmal mehr beeilt schnell aufzuessen, um wieder in ihr Zimmer zu gehen.
„Granger“, hielt Severus sie auf, als sie ihren Teller von sich schob und sich erheben wollte. „Wir sollten reden“, versuchte er den Anfang zu machen. Hermine setzte sich tatsächlich wieder, sah ihn nur kurz an, um dann schnell wieder auf die Tischplatte zu starren an, und faltete unter dem Tisch versteckt die Hände. Sie wusste überhaupt nicht was nun kommen sollte, hoffte aber darauf, dass Severus erkannt hatte, wie sehr die letzten Tage sie belastet hatten.
„Wir sollten uns endlich überlegen, wie wir den Horkrux zu Potter schaffen“, zerstörte er ihre Hoffnung. Für einen Augenblick biss Hermine die Zähne zusammen und senkte den Kopf, damit er ihre Enttäuschung nicht bemerkte. Dann versuchte sie sich zusammenzureißen. Die Zerstörung des Horkruxes war um ein Vielfaches wichtiger als ihre verletzte Eitelkeit. „Haben Sie Ideen?“, erkundigte sie sich und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme ungewöhnlich spitz klang. Severus bemerkte davon nichts. „Der Horkrux sollte dort versteckt sein, wo Potter ihn gut finden kann. Aber er darf nicht aus den Augen gelassen werden. Dafür ist er zu wertvoll“, gab er zu bedenken. Zustimmend nickte Hermine und begann nachdenklich eine Locke um den Finger zu wickeln. Severus beobachtete sie dabei, bis Hermine ihn ansah und er ertappt den Blick abwandte.
„Ihn in Hogwarts zu lassen, wäre zu offensichtlich. Sie könnten Harry bestimmt Zutritt verschaffen, aber er selbst würde wohl zu zweifeln beginnen“, begann sie. „Hogsmeade?“, schlug sie schließlich vor. „Es ist nah genug, um schnell dort hinzukommen, möglicherweise alles auszukundschaften, wir kennen die Besonderheiten und es ist nicht seltsam, sollten wir dort sein.“

Severus fiel auf, dass sie von wir  sprach, aber er verkniff sich jeden Kommentar dazu. Wobei für ihn klar war, dass Hermine auch bei dieser Aufgabe nicht anwesend sein würde. Sie durfte diese Räume nicht einfach so verlassen. Erst recht nicht um nach Hogsmeade zu spazieren und dann zusätzlich auf ihre beiden Freunde zu treffen. Es war nicht nur für seine eigene Tarnung fahrlässig, er konnte auch nicht abschätzen wie Hermine reagieren würde, wenn nicht nur ihre Freiheit, sondern auch Potter und das Wiesel so nah waren. Aber Hogsmeade war keine allzu schlechte Idee. Außer …
„Dort patrouillieren konstant Todesser, vielleicht sind auch Banne auf die Stadt gelegt, um Potter zu entdecken. Der Dunkle Lord teilt mir nicht jede seiner Neuerungen mit.“ „Todesser sind auch an jedem anderen Ort, an dem wir das Diadem so verstecken könnten, dass auch Harry es finden kann. London, Godrics Hollow, die Winkelgasse…ich wüsste nichts, wo wir es eher versuchen könnten.“
Sie massierte sich den verspannten Nacken. „Die Heulende Hütte“, fiel es ihr dann ein. „Sie wäre ideal.“ Die Idee brachte sie zum Strahlen und als Severus sie so begeistert vor sich sah, zupfte auch an seinem Mundwinkel ein Lächeln.

„Sie wäre nah, aber auch vor den Blicken der Anwesenden geschützt. Niemand geht freiwillig hinein, sie alle haben Angst vor den vermeintlichen Geistern, die dort wüten“, zählte sie die Vorteile auf.
Im ersten Augenblick konnte Severus ihre Euphorie nicht ganz teilen. Zu viele schlechte Erinnerungen verband er mit dieser Hütte. Wie er in seiner Schulzeit Lupin gefolgt war und beinahe einem Werwolf gegenüber gestanden wäre, hätte James Potter nicht im letzten Moment den Leichtsinn Blacks erkannt und ihn aus dem Tunnel gezogen. Und auch sein zweiter Aufenthalt in der Hütte war nicht unbedingt angenehmer gewesen, als drei pubertierende Teenager ihn verflucht hatten. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte sein Schädel ordentlich gebrummt. Ein wenig vorwurfsvoll sah er zu Hermine, die davon nichts mitbekam, sie tüftelte wohl wieder an einem Plan. „Die Idee ist nicht schlecht“, stimmte er leicht widerwillig zu. „Nur kann ich nicht gewährleisten, dass Potter in Hogsmeade sicher ist.“ „Das können Sie an keinem Ort“, winkte Hermine ab. Als Zeichen seiner Zustimmung neigte Severus leicht den Kopf und begann nun ebenfalls zu überlegen.
„Sie müssen Potter auf jeden Fall mit einem Patronus mitteilen, wo genau er den Horkrux findet, sonst würde er nicht kommen. Und immerhin können Sie ihn dort nicht in Empfang nehmen“, ließ er für Hermine die Bombe platzen. Obwohl es ihn wirklich verwunderte, dass eine so intelligente, rational denkende Person wie Hermine Granger nicht realisiert zu haben schien, wie unmöglich es war, sie mit nach Hogsmeade zu nehmen.

Überrumpelt sah Hermine ihn an. „Ich darf nicht mit?“, entfuhr es ihr leise. „Natürlich nicht, Granger. Es wäre grob fahrlässig. Was ist wenn jemand Sie sehen würde?“ „Und wie oft haben Sie mich bereits getarnt durch das Schloss gezerrt? Da war es gleichermaßen gefährlich!“, brauste sie auf. Severus blieb ausnahmsweise ruhig, obwohl er es nicht leiden konnte, wenn man so mit ihm sprach. „In diesen Fällen ging es oftmals nicht anders und das wissen Sie. Also stellen Sie sich nun nicht so an. Was dachten Sie denn? Dass Sie diese Tölpel sehen und in den Arm nehmen? Nein, Sie bleiben hier, in Sicherheit.“ „Sie meinen wohl in diesem Gefängnis! Etwas anderes ist es nicht mehr“, rief sie verbittert aus. „Tagein, tagaus nur die gleichen Wände. Ich halte es nicht mehr aus!“ „Es geht nicht um Sie und das wissen Sie. Sondern darum den Dunklen Lord zu besiegen. Ich kann keine Rücksicht auf Ihre Befindlichkeiten nehmen!“, wurde er nun doch ein bisschen lauter. „Sie wissen genau, dass ich recht habe, also hören Sie auf, sich so aufzuführen.“

Ja, tief in ihrem Inneren wusste Hermine das. Nichtsdestotrotz änderte es nichts daran, dass sie irrationalerweise wirklich gehofft hatte Harry und Ron wiederzusehen. Oder einfach auch nur aus diesen Räumen zu kommen und frische Luft atmen zu können, nicht mit der bitteren Gewissheit gleich Voldemort gegenüber zu stehen. Umso härter war es nun zu hören, wie pauschal Severus diese Möglichkeit ausschloss. „Ich will mitkommen“, hielt sie deshalb dagegen. „Es macht keinen Unterschied zu den Malen davor, als ich diese Räume verlassen habe!“ „Es ist leichtsinnig“, fauchte Severus. „Warum diskutiere ich überhaupt mit Ihnen? Sie kommen nicht mit, zur Not hindere ich Sie mit Magie daran“, machte er seine Meinung deutlich.
Mit offenem Mund sah Hermine ihn an. Dann sprang sie auf und verschwand einem bockigen Kind nicht unähnlich in ihrem Zimmer. Seufzend hob Severus seinen Kelch an die Lippen und leerte ihn.

Wütend warf sich Hermine auf ihr Bett und vergrub ihr Gesicht in ihrem Kissen. Sie wollte nicht mehr eingesperrt sein. Sie war nicht dafür gemacht und ertrug es nun absolut nicht mehr. Ächzend drehte sie sich auf ihren Rücken und starrte an das Dach ihres Himmelbettes. Was sie nur dafür geben würde, statt des farblosen, grauen Stoffes den blauen Himmel über sich sehen zu können. So langsam hatte sie das Gefühl, einen weiteren Fluchtversuch wagen zu müssen. Aber allein die Erinnerung an die Kratzer in Severus‘ Gesicht, die sie ihm zugefügt hatte, sorgte für ein schlechtes Gewissen. Sie würde es nicht noch einmal auf eine so brachiale, verzweifelte Art versuchen können, dafür kannte sie den Mann inzwischen zu gut. Doch von sich aus würde Severus sie nicht nach draußen lassen, wie er gerade klargestellt hatte. In einem Anflug an Verzweiflung presste sie das Kissen auf ihr Gesicht, um ihren Schrei zu dämpfen.

Severus hielt mitten in der Bewegung inne, als er einen gedämpften Schrei hörte. Kopfschüttelnd fuhr er dann fort, die Teller beiseite zu räumen. Es war nicht so, als könnte er Hermine nicht verstehen, er selbst wäre nicht anders. Aber er wollte seine Stellung nicht leichtfertig gefährden. Nicht jetzt, wo er sowieso beobachtet wurde. Er würde nichts riskieren, zu viel stand auf dem Spiel. Sorgenvoll sah er zur geschlossenen Zimmertür Hermines. Merlin allein wusste, wann sie das nächste Mal einen Streit beginnen würde. Bei ihrer Anspannung war es kein Wunder. Er beschloss sich ebenfalls zurückzuziehen und verschwand im Labor.
Leider konnte er sich nicht so sehr auf die Tränke konzentrieren, wie er es sich gewünscht hatte. Immer wieder legte er sein Messer, Stößel oder anderes Werkzeug beiseite, um sich auf seine Hände zu stützen und die aktuelle Situation zu überdenken. Wieder hatte ein eigentlich banaler Streit dafür gesorgt, dass sie nur wenig mit der Planung vorangekommen waren. Er war wirklich hin und her gerissen.
Einerseits ärgerte es ihn über alle Maßen, dass Hermine sich nicht mehr zusammenriss und ihre Aufgabe im Auge behielt, ihn stattdessen regelmäßig zum Ziel ihrer Frustration und ihres Ärgers auserkor. Andererseits konnte er sie auch verstehen. Sie war nun schon seit einigen Wochen hier, die wenigen Male, die sie seine Räume verlassen hatte, konnte er an einer Hand abzählen. Ihm wurden häufig schon wenige Stunden in der Enge seines Quartiers zu viel, er musste sich auch immer ablenken, um bei den ungewöhnlichen Lichtverhältnissen und der abgestandenen Luft nicht wahnsinnig zu werden. Gemessen daran hielt sich Hermine wohl wirklich sehr zurück. Nachdenklich setzte er sich auf einen Hocker. Er musste wohl auch für dieses Problem eine Lösung finden, bevor er ernsthaft über die erfolgreiche Übergabe des Horkruxes nachdenken konnte. Seufzend fuhr er sich über das Gesicht und begann zu überlegen.

Es war bereits nach Mitternacht, als Severus mit einem schiefen Lächeln an Hermines Zimmertür klopfte. „Miss Granger?“, rief er halblaut. „Darf ich eintreten?“
Verwirrt hob Hermine den Kopf von ihrem Kissen und strich sich gähnend die Locken aus dem Gesicht. „Was –?“ Severus sah es als Aufforderung und öffnete die Tür. Bei Hermines verschlafenem Anblick konnte er sich nun ein Lächeln wirklich nicht mehr verkneifen, was die junge Frau noch mehr zu verwirren schien. Reflexartig zog sie die Decker höher, obwohl es nichts zu verbergen gab, da sie in ihrem Ärger und ihrer Frustration in ihrer üblichen Kleidung eingeschlafen war.
„Kommen Sie“, forderte er sie auf. „Wie?“, entfuhr es Hermine nun verblüfft, die sich nicht im Geringsten rührte. Es war mehr als deutlich, dass sie am liebsten einfach weiterschlafen wollte. „Sie wollten doch nach draußen. Also kommen Sie schon“, erklärte er und bevor er sich versah, hatte er schon eine Hand in ihre Richtung ausgestreckt.
Bei Hermine schien der Groschen endlich gefallen zu sein, denn sie sprang ruckartig aus dem Bett, verhedderte sich und stolperte über die Bettdecke. Severus‘ Griff um ihren Unterarm verhinderte ihren Sturz und kopfschüttelnd sorgte er dafür, dass sie wieder aufrecht stand. Hermines Euphorie hatte dadurch keinerlei Schaden genommen, ohne zu zögern griff sie nach Severus‘ Hand und hielt sie fest. Verdutzt beobachtete Severus dieses Verhalten, er hatte sich schon nicht erklären können, weshalb er die Hand in ihre Richtung ausgestreckt hatte. Warum sie sie aber nun tatsächlich ergriff, konnte er noch weniger verstehen.
„Was ist denn nun? Gehen wir?“, riss Hermine ihn aus seinen Gedanken. Hastig zwang sich Severus zu einem Nicken und setzte sich in Bewegung, konnte dabei aber nicht ignorieren, wie gut sich diese kleine, warme Hand in seiner großen, deutlich kühleren Hand anfühlte.

Um diese Zeit waren die Korridore des Schlosses wie ausgestorben, es war ein Leichtes für Severus unbemerkt durch die Gänge zu gehen, denn er kannte die genauen Routen der Professoren, die patrouillierten. Unentdeckt erreichten sie das Eichenportal und er öffnete es mit einem Schlenker seines Zauberstabes. Ein angenehm lauer Windstoß kam ihnen entgegen und Hermine hielt für einen Moment inne. Zu gut fühlte sich die frische, warme Luft auf ihrer Haut an, sie war so lange in den Kerkern gewesen, dass sie vergessen hatte, dass es bereits Juni war und der Sommer auch in Schottland Einzug gehalten hatte. Sie holte tief Luft und schwelgte im Geruch des Grases, bevor sie Severus‘ leicht gehetzten Blick bemerkte und hastig aus dem Schloss trat.
Gemeinsam schlenderten sie den Pfad hinab, den See zum Ziel. Noch immer hielt Hermine Severus‘ Hand fest umklammert und nicht ganz uneigennützig biss sich Severus auf die Lippen, um sie bloß nicht darauf aufmerksam zu machen. Aber diese Wärme, menschliche Nähe, war in seinem Leben wahrlich selten geworden. Die wenigen Berührungen in seinem Leben waren meist von Schmerz begleitet worden. Eine Ohrfeige, ein Schlag… oder man hatte sich direkt auf einen unpersönlichen Fluch beschränkt. Hermine hatte davon nichts im Sinn, sie schien vergessen zu haben, dass sie seine Hand noch immer festhielt, was es für ihn umso angenehmer machte. Es wirkte aufrichtiger, wenngleich er wusste, dass sie seine Hand keinesfalls hielt, weil sie ein freundschaftliches Verhältnis verband. Ihre Freude über den Moment trieb sie an, sie wollte keine Zeit verschwenden, weshalb sie ihn ebenfalls zur Eile antrieb.

Mit jedem Schritt wurde das Lächeln auf Hermines Gesicht ein Stückchen breiter. Der Geruch der Wiesen, der leichte Wind, der die warme Nacht ein wenig abkühlte. Das Licht des Mondes und der Sterne, das die Dunkelheit durchbrach und im See einen Spiegel fand. Der Mondschein und das Sternenlicht zeigten die leichten Wellen, die die sich kräuselnd über den See ausbreiteten und an das Ufer schwappten. Langsam kam Hermine am Ufer zum Stehen. Das sanfte Rauschen des Schilfrohrs beruhigte sie und so schloss sie die Augen.

Nun in sicherer Distanz zum Schloss und vor neugierigen Blicken hob Severus den Zauber auf, der Hermine vor neugierigen Blicken verbarg. Nachdenklich betrachtete er ihr Profil. Der Wind wehte ihr immer wieder vereinzelte Strähnen ins Gesicht, aber es schien sie nicht zu stören. Ein glückliches Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet, vom reflektierenden Licht des Mondes erleuchtet. In diesem Augenblick schien sie so losgelöst und befreit, als wäre die Anspannung der letzten Wochen mit einem lauen Windstoß weggeweht worden. Er wollte der Idylle nicht so recht trauen, aber ihr entspannter Gesichtsausdruck blieb auch bei ihm nicht ohne Wirkung. Für einen Moment rückten die Realität und seine Aufgabe in den Hintergrund, spielten einfach keine Rolle mehr. Wichtig war nur die Natur, die Ruhe. Ungewohnt, wie er fand. Etwas unruhig wippte er vor und zurück. Was Hermine an seine Anwesenheit erinnerte.
„Oh“, entfuhr es ihr leise und beschämt entzog sie ihm ihre Hand. „Entschuldigen Sie, ich hatte ganz vergessen …“ „Schon in Ordnung“, wiegelte Severus ab, darum bemüht es nicht noch peinlicher werden zu lassen. Bei Merlin, warum hatte er nicht einfach ihre Hand losgelassen? „Ich hatte es auch ganz vergessen“, schob er hinterher und hätte sich in der nächsten Sekunde am liebsten im See ertränkt. Er konnte förmlich spüren, wie sich seine Wangen vor Scham rot färbten und er hoffte, dass man es in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Warum konnte er den Dunklen Lord nahezu mühelos belügen, aber in der Gegenwart Hermines wollte es ihm nicht gelingen? Was war nur los mit ihm?

Hermine fühlte sich ebenso unwohl und räusperte sich verlegen. Die beiden standen nebeneinander und die unangenehme Stille dehnte sich aus, bis es Hermine zu viel wurde. Sie wollte ihren kurzen Augenblick der Freiheit genießen. Wieder holte sie tief Luft, versuchte so ihre Anspannung loszuwerden, und setzte sich ins Gras. Unnatürlich steif blieb Severus neben ihr stehen, sah nur kurz auf sie herab und wusste einmal mehr nichts mit sich anzufangen. Der Umgang mit anderen Menschen hatte ihm noch nie gelegen, doch gerade erreichte seine Unfähigkeit einen neuen Höhepunkt.
„Wollen Sie sich nicht auch setzen?“, erkundigte sich Hermine und versuchte selbstsicherer zu wirken, als sie sich gerade fühlte. Severus zögerte für einige Sekunden bis er akzeptierte, dass es wirklich mehr als seltsam wirkte, wenn er weiterhin neben ihr stand. Leicht ächzend ging er in die Hocke und plumpste dann nach hinten. Hermine entfuhr ein belustigtes Schnauben, aber sie hütete sich davor ihn anzusehen. Stattdessen schloss sie erneut die Augen und genoss das weiche Gras unter ihren Fingern. Wieder wurde es still, doch dieses Mal fühlte sich keiner von ihnen unwohl dabei. Selbst Severus entspannte sich, gab es auf gerade sitzen zu wollen, sondern lungerte nun selbst etwas lockerer herum.

„Ich verstehe schon, dass ich nicht mit nach Hogsmeade darf“, flüsterte Hermine irgendwann, als Severus bereits jedes Zeitgefühl verloren hatte. „Ich wollte nur – ich hatte nur gehofft –“ „Ich weiß“, unterbrach Severus ihre stotternden Versuche sich zu erklären. „Ich würde nicht anders reagieren. Im Anbetracht der Umstände bewundere ich Sie sogar, denn Sie sind beherrschter, als ich es sein würde.“ Dankbar sah Hermine ihn an.
Und hier an der frischen Natur, mit dem Gefühl der inneren Ruhe, das sie erfasst hatte, konnte sie sich auch endlich ein wenig auf die Planung einlassen. „Sie bleiben vor Ort in der Heulenden Hütte und passen auf den Horkrux auf?“ „Natürlich“, entgegnete er sofort. „Ich lasse ihn nicht aus den Augen.“ „Gut. Aber wir können ihn nicht einfach auf den Boden legen. Wenn doch etwas schiefgeht…“, sie seufzte. „Bei einem Horkrux weiß man nie. Ich überlege mir, wie ich Harry auf die richtige Spur lenke, ohne im Ernstfall etwas an Todesser zu verraten.“ Nachdenklich rieb sie sich über die Stirn. „Passen Sie auf, dass Harry Sie nicht entdeckt. Er ist sehr wütend auf Sie“, murmelte sie dann und konnte die Sorge nicht gänzlich aus ihrer Stimme tilgen. Erstaunt nahm auch Severus das zur Kenntnis, ehe er sich auf ihre Worte konzentrierte. „Jeder ist wütend auf mich. Das bin ich gewohnt, Miss Granger“, seufzte er und legte seine Unterarme auf seinen angewinkelten Knien ab.
Da hatte er wohl recht, dachte sich Hermine. Wenn sie nur überlegte, wie sehr sie ihn verabscheut hatte, nachdem Harry ihr vom Mord an Albus Dumbledore berichtet hatte. Immerhin war sie es gewesen, die ihn gemeinsam mit Luna auf das Kampfgeschehen aufmerksam gemacht hatte. Dann hatten während der Horkruxjagd Harrys Wut und die ständigen negativen Nachrichten auch ihre abgrundtiefe Enttäuschung und Abneigung genährt. Letztendlich ergänzt durch die nackte Panik, als sie sich in der Gewalt des Todessers glaubte.

Gedankenversunken schlang sie ihre Arme um ihre angewinkelten Beine, legte ihren Kopf auf ihre Knie und sah zu Severus. Der Slytherin wirkte im Moment ebenfalls entspannt. Die frische Luft und Stille schienen nicht nur ihr gut zu tun, auch wenn Severus das wohl nie zugeben würde. Er wirkte lockerer, als sie ihn bisher erlebt hatte, hatte sogar die Augen geschlossen, was es ihr leichter machte ihn eingehender zu betrachten. Seine steife Haltung hatte er aufgegeben, doch es hatte nichts an seiner Ausstrahlung geändert. Er wirkte seit jeher beeindruckend, war einfach eine Erscheinung. Wenn er einen Raum betrat, konnte man seine Präsenz förmlich spüren. Sein Gesicht wirkte erhaben und spiegelte auch den Stolz wider, der ihn so häufig antrieb. Noch immer dominierte seine große Nase sein Gesicht, aber sie passte zu ihm, verlieh ihm den Ausdruck von Strenge und Autorität, der ihn auf seine eigene Art und Weise attraktiv machte. Im Mondlicht glänzten seine schwarzen, halblangen Haare, aber sie bildete sich ein, vereinzelte Haare silbrig glänzen zu sehen. Kein Wunder bei allem, was er bereits erlebt hatte und tagtäglich über sich ergehen ließ. Das Erlebte zeichnete sich auch in den dunklen Augenringen ab, die in der Dunkelheit regelrecht schwarz wirkten.
Ein jäher Anflug an Zuneigung durchfuhr sie. Severus hatte bereits so viel zu schultern und sie war eine weitere Bürde, die es zu tragen galt. Sie machte es ihm wahrlich nicht einfach mit ihren Diskussionen, die meistens eher unnötig waren und auf großer Frustration beruhten. Natürlich hatte er nie geduldet, dass sie ihn beleidigte und nur zu gern seinen Standpunkt in den Streitereien deutlich gemacht. Aber das war nur selbstverständlich. Doch statt sich davon beeinflussen zu lassen, versuchte er ihr unvoreingenommen gegenüberzutreten, behielt das Wesentliche, den Horkrux im Auge. Und vergaß darüber hinaus nicht einmal, ihr ihre Situation erträglicher zu machen, wie dieser Ausflug in die Natur deutlich machte. Er hatte ihre Sorgen, ihren Ärger, ihren Frust erkannt und darauf mit Freundlichkeit reagiert. Er war so unglaublich menschlich, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Er war sich seiner eigenen Fehler zu gut bewusst, aber verurteilte sie nicht für die ihren. Sie bewunderte ihn, seit sie ihn in der ersten Zaubertrankstunde erlebt hatte und ihre Bewunderung war in den letzten Wochen immens gestiegen.
Und sie war ihm über alle Maßen dankbar. Ohne ihn wäre sie bereits tot oder an einen anderen Todesser verschachert worden, bei dem es ihr zweifellos nicht so gut ergangen wäre, geschweige denn, dass sie sich immer noch am Kampf gegen Voldemort beteiligen konnte. Wahrscheinlich hatte es sie deshalb so hart getroffen, als Severus klar gemacht hatte, dass er sie nicht als Vertraute sah. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und presste ein befangenes „Danke“ hervor. Selten hatte sie etwas so aufrichtig gemeint.
Severus schlug die Augen auf und drehte den Kopf zu ihr. Ihre braunen Augen funkelten ihn in der Dunkelheit an, aber er konnte ganz klar an dem Ausdruck darin erkennen, dass sie es ehrlich meinte. Ein warmes Gefühl machte sich in ihm breit und er konnte den Ansatz eines Lächelns nicht verbergen. Irgendwie wirkte es so einfach, sie glücklich zu machen. Oder zumindest zufrieden. Kurz kam ihm der Gedanke, ihr den Zauberstab nun zu übergeben, doch dann fiel ihm auf, dass die Schachtel in einer seiner anderen Roben steckte.

Gefühlt minutenlang hielten sie den Blickkontakt aufrecht, bis eine kühle Brise Hermine zum Zittern brachte. Ohne überhaupt darüber nachzudenken hatte Severus begonnen seine Robe von seinen Schultern zu ziehen. Hermines erstaunter Blick sagte ihm, dass sie genauso überrascht war wie er selbst, aber er konnte nun mitten in der Bewegung keinen Rückzug mehr machen. Also schlüpfte er endgültig aus seiner Robe und legte sie Hermine um die Schultern. Dankend nickte Hermine und zog die Robe enger um sich, vergrub dabei leicht ihre Nase in dem schwarzen Stoff, ohne es überhaupt zu bemerken. Severus war diese kleine, unscheinbare Bewegung allerdings nicht entgangen und das warme Gefühl breitete sich weiter in ihm aus. Immer wieder schielte er kurz zu ihr, betrachtete sie, wie sie in seine schwarze Robe gehüllt neben ihm saß, das Gesicht noch immer entspannt und locker. Es war angenehm anzusehen, denn viel zu häufig hatte er sie ängstlich, angespannt oder auch verletzt erlebt. Für einen Augenblick rückte die Realität in den Hintergrund und er meinte wieder die junge Frau erkennen zu können, die er hatte heranwachsen sehen. Und die im Angesicht der Ereignisse viel zu schnell erwachsen geworden war. Hermine Granger war ihren Freunden schon immer weit in Reife und Intelligenz vorausgewesen, aber die letzten Jahre und wohl vor allem die letzten Monate hatten sie um einiges erwachsener werden lassen. In ihren Augen stand ein Ernst, den er selbst häufig sah, wenn er in den Spiegel blickte. Nur selten wich die nachdenkliche, angespannte Miene von ihrem Gesicht. Aber jetzt war ein solcher Moment.
„Wollen wir ein Stück gehen?“, riss Hermine ihn aus seinen Gedanken. So abrupt, dass er zusammenzuckte und den Blick senkte. Wie lange er sie wohl gedankenversunken angestarrt hatte, ohne es zu bemerken? „Gern“, presste er hastig hervor, um seine kleine Unpässlichkeit zu überspielen. Geschmeidig erhob er sich und sah dabei zu, wie Hermine es versuchte ihm gleichzutun, ohne sich in der viel zu langen Robe zu verheddern. Er grinste leicht in sich hinein und konnte es selbst kaum glauben, wie viel entspannter er selbst gerade war. Was als kleine Überraschung für Hermine gedacht gewesen war, entpuppte sich nun auch als überaus wohltuend für ihn.
Langsam schlenderten die beiden gemeinsam über die Wiese, kein bestimmtes Ziel vor Augen, außer den Moment zu genießen. Sie gingen ein Stück am Waldrand entlang, wobei Severus penibel darauf achtete, dass ihnen kein Wesen auflauerte, obwohl er sich sicher war von einigen von ihnen beobachtet zu werden. Hermine spürte seine Unruhe und schlug deshalb von sich aus einen anderen Weg ein, der wieder zum See zurückführte. Sie seufzte leicht wehmütig, denn sie ahnte, dass die Zeit gegen sie spielte und dieser unglaublich kostbare Moment unweigerlich zu einem Ende kommen würde. Dementsprechend wandelte sich der erfreute, glückliche Ausdruck auf ihrem Gesicht, wurde wieder gefasster und ernster.

Severus war das Ganze nicht entgangen und auf eine merkwürdige Art und Weise machte es ihn traurig. Für einen Augenblick war der Ernst des Lebens in den Hintergrund getreten und nun kehrte er mit aller Macht zurück. Wie so häufig an diesem Abend begann er sie erneut zu mustern, wie er hoffte unbemerkt. Sie stand hochaufgerichtet neben ihm, in seine lange, schwarze Robe gehüllt, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre braunen Locken ergossen sich über ihre Schultern und den Rücken und glänzten im Mondlicht verheißungsvoll. Ihre blasse Haut schien im klaren hellen Licht noch blasser, aber leuchtete seiner Meinung nach ein wenig. Die kleine Narbe auf ihrer Wange hob sich ein wenig von der ansonsten nahezu makellosen Haut ab, aber er fand nicht, dass sie Hermines Schönheit auch nur im Ansatz schmälerte.

Erschrocken stockte er. Hatte er seine ehemalige Schülerin gerade als schön bezeichnet?
Aber es ist so, begehrte seine innere Stimme auf. Sie war eine junge, schöne Frau, die durch ihre Natürlichkeit und Intelligenz bestach. Daran änderte auch eine kleine Narbe nichts. Wer war er, dass er eine andere Person wegen vereinzelter Narben verurteilen würde? Gerade er, dessen eigener Körper davon regelrecht überzogen war. Auf Äußerlichkeiten hatte er sich noch nie beschränkt.
Und auch wenn Bellatrix Hermine absichtlich verletzt hatte, um sie zu brechen und auch äußerlich zu zeichnen, hatte es seiner Meinung nach nicht funktioniert. Sie hatte blutend am Boden gelegen und ja, in diesem Augenblick war sie auf Hilfe angewiesen gewesen, seine Hilfe. Beunruhigend schnell hatte sie seine zugegebenermaßen eher einfache Tarnung durchschaut. Trotz ihrer zweifellos großen Angst vor ihm hatte sie um ihre Freiheit gekämpft. Nicht eine Sekunde lang hatte sie gezögert, als sie ihn angriff und zu fliehen versuchte. Wie eine Löwin hatte sie sich auf ihn gestürzt, seine Wange zerkratzt und war davon gestürmt. Ein schiefes Lächeln zupfte an seinen Lippen, als er sich daran erinnerte. Er war so unglaublich wütend auf sie gewesen, obwohl es im Rahmen ihres Wissens nur logisch gewesen war, sich gegen einen vermeintlichen Feind zu wehren. Als sie im Gespräch mit Dumbledores Porträt von seiner wahren Loyalität erfahren hatte, hatte es nicht lange gedauert, bis sie sich mit ganzem Herzen auch auf diese neue Wendung eingelassen hatte. Nach allem, was er von ihr kennengelernt hatte, schätzte er diese Eigenschaft neben ihrem rationalen Verstand am meisten. So viel war in kürzester Zeit geschehen, dass es ihm selbst unglaublich schien, dass das Ganze in wenigen Wochen stattgefunden haben sollte.
Hermine war nur noch stärker geworden und über sich hinausgewachsen. Sie würde sich von einer Person wie Bellatrix niemals brechen lassen und auch andere Dinge hielten sie nicht auf, das bestätigte ihm allein ihr jetziger Anblick.
Aufrecht, stolz, unnachgiebig. Sie war so schön und ahnte es vermutlich noch nicht einmal. Unbewusst leckte sich Severus über die Lippen, ehe er wieder auf die spiegelnde Fläche des Sees blickte. Eine andere Erinnerung blitzte vor seinem inneren Auge auf und das schiefe Lächeln wurde ein bisschen breiter. Aber das Bild Hermines, wie sie nur in ein Handtuch gewickelt aus seinem Bad trat und nicht mit ihm gerechnet hatte, ließ ihm beinahe keine andere Möglichkeit. Sie war so schön gewesen, der verdutzte Ausdruck auf ihrem Gesicht, das Wasser, das an ihrem Hals und ihrem Dekolleté hinab rann, bis es im Handtuch versickerte. Die Locken, die nass auf ihren Schultern lagen. Es war ein überraschender, unerwarteter Moment gewesen, doch das hatte ihn so perfekt gemacht, auch wenn er sich damals geschämt hatte. Jetzt konnte er ein wenig in dieser Erinnerung schwelgen.

Immer wieder sah Hermine fragend zu Severus. Sie konnte sehen, dass er intensiv nachdachte, denn entweder war seine Stirn leicht gefurcht oder seine Lippen zeigten den Ansatz eines Lächelns. Offensichtlich tat nicht nur ihr diese kleine Auszeit gut, weshalb sich ihre Lippen kurz selbstgefällig verzogen. Sie wurde wieder ernst, als ihr bewusst wurde, dass sie wohl tatsächlich nicht mehr viel Zeit hatten, bevor sie wieder in den kühlen Kerker musste. In die Wohnung, die sie schon in und auswendig kannte. Sie wollte absolut nicht, aber ihr war die Notwendigkeit des Ganzen durchaus bewusst. Und dieser kostbare Moment der Freiheit war genau das gewesen. Nur ein kurzer Augenblick, bevor es wie gewohnt weiterging. Kopfschüttelnd befahl sie sich, sich zusammenzureißen. Es half ihr nicht zu verbittern. Vielmehr sollte sie sich in Erinnerung halten, dass Severus nicht verpflichtet gewesen war sie nach draußen zu lassen, ganz gleich wie sehr sie darum gebeten hatte. Es war seine Entscheidung gewesen, ihr diesen Ausflug zu ermöglichen. Und sie war ihm noch immer über alle Maßen dankbar dafür.

Severus hatte seine Gedankengänge beendet, denn der entspannte Gesichtsausdruck wich der ernsten, kühlen Miene, die man von ihm gewohnt war. Fragend blickte er zu Hermine und bemerkte überrascht, dass sie ihn musterte. Das Heben einer Augenbraue riss die junge Frau aus ihrer Starre, sie beantwortete seine unausgesprochene Frage mit einem Nicken. Auch wenn sie es nicht wollte, wusste sie, dass es an der Zeit war zu gehen. Wehmütig bedachte sie den See mit einem letzten Blick, dann wandte sie sich Severus zu, der geduldig auf sie gewartet hatte. Die Dankbarkeit durchfuhr sie so jäh und unerwartet, dass sie sich nicht bremsen konnte. Ohne zu zögern schlang sie ihre Arme um Severus und drückte ihn so fest an sich, dass diesem nur ein dumpfes „Umpf“ entfuhr. Hermine störte sich nicht daran, intensivierte die Umarmung sogar noch ein wenig und barg ihren Kopf an seiner Schulter. „Ich danke Ihnen so sehr. Sie können sich nicht vorstellen, wie wichtig dieser Moment für mich war.“
Dieses Mal zögerte Severus nicht so lang wie beim letzten Mal, um sich auf diese Umarmung einzulassen. Die körperliche Nähe fühlte sich gut an, die Frau in seinen Armen sowieso und er selbst war in dieser Nacht viel entspannter, als er es sonst von sich kannte. Warum also nicht für einen Augenblick das annehmen, was sie ihm in ihrer Freude und Dankbarkeit zu geben bereit war? Sacht, fast unmerklich, strich er mit seinen Fingerspitzen über Hermines Rücken, indessen er lautlos Luft holte und den Geruch ihrer Haare einatmete. Sie rochen nach seinem Shampoo, aber auch Hermines eigener Duft mischte sich darunter. Er empfand ihn als sehr angenehm und so musste er sich mit aller Macht davon abhalten, seine Nase wirklich in ihren Locken zu vergraben und sich stattdessen damit zufrieden geben, dass ihre weichen Haare ihn an seiner Wange und seinem Hals kitzelten.
Tatsächlich vergingen einige Minuten, in denen sie sich nicht voneinander lösten. Erst als Severus ein weiteres Mal zaghaft über Hermines Rücken strich und sie daraufhin erschauerte, schienen sie sich zu erinnern, dass sie nun wirklich gehen sollten.
Vorsichtig löste sich Hermine von ihm, lächelte ihn leicht an und machte Anstalten, aus seiner Robe zu schlüpfen. „Nein, nein“, wiegelte er ab. „Lassen Sie sie an, bis wir in meinen Räumen sind. Immerhin zittern Sie“, überspielte er ihr Schaudern, das einen gänzlich anderen Ursprung hatte, was ihnen beiden bewusst war. Schnaubend senkte sie ihren Kopf, damit er ihr Lächeln nicht sah, nickte aber einmal kurz. Gemeinsam schlenderten sie zurück zum Schloss und Severus tarnte sie ein weiteres Mal.


Ihre Lippen bildeten nur noch eine dünne, ablehnende Linie, als sich Minerva wütend an den Fensterrahmen lehnte. In den letzten Stunden, in denen sie eigentlich auf Patrouille hätte gehen sollen, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren. Aber sie hatte einfach nicht aus ihrer Haut gekonnt. Sie hatte gesehen, wie Severus Snape, der abscheulichste Mensch, den sie kannte, das Schloss mit einer getarnten Person seiner Seite verlassen hatte. Von ihrer Position aus hatte sie natürlich nicht viel erkannt. Doch es war nicht schwer zu erkennen gewesen, dass Severus Snape eine vergnügliche Zeit hatte. Umarmungen mit seiner dann  sichtbar gemachten Herzensdame, gemütliches Beisammensein am See, romantische Spaziergänge. Es machte sie wirklich mehr als wütend. Wie konnte sich eine Frau derart erniedrigen, dass sie sich Severus Snape hingab? Vermutlich war es eine ebenso abartige Person wie er selbst und in Todesserkreisen etabliert. Obwohl sie viel Klatsch und Tratsch von den Carrows aufschnappen konnte, war ihr nicht bekannt gewesen, dass Snape eine Frau an seiner Seite hatte. Dass er das Leben genoss.
Und das war die Tatsache, die sie wirklich über alle Maßen störte. Wie konnte er, der Todesser, Verräter und Mörder es wagen, ein glückliches Leben zu führen? Ein Leben in geregelten Bahnen? Das was er ihr und vielen anderen genommen hatte, als er Albus Dumbledore getötet und dem Widerstand einen herben Schlag verpasst hatte. Als sie sah, wie sich das anscheinend glückliche Pärchen in Bewegung setzte, überlegte sie kurz die beiden in der Eingangshalle zu beobachten. Sie wollte wissen, wer diese Frau war. Aber es war leichtsinnig. Sie konnte nicht riskieren ihren Platz in Hogwarts zu verlieren. Sie war eine der wenigen Personen, die die Kinder noch vor dem Bösen zu schützen vermochte. Wenn schon Severus Snape diese Aufgabe im letzten Jahr mit Füßen getreten und sie begeistert abgelegt hatte. Außerdem grauste es ihr davor, ihre schlimmste Angst bestätigt zu sehen. Hinabzugehen und in Severus Snapes Augen zu sehen, dass dieses gewissenlose Monster tatsächlich glücklich war.


Unentdeckt erreichten Hermine und Severus seine Räume und huschten schnell wieder hinein. Hermine konnte nicht anders als zu seufzen, denn der Anblick des Raumes beschwor mit einem Schlag wieder das Gefühl der Enge und der Beklemmung in ihr, das sie in den letzten Stunden so gern verdrängt hatte. Es galt sich nun wieder damit zu arrangieren, denn sie konnte es nicht ändern. Nicht unter den aktuellen Umständen.
Severus bemerkte ihren abrupten Stimmungswandel. „Setzen Sie sich. Oder sind Sie müde?“, versuchte er deshalb sie gar nicht erst wieder in ihren Frust verfallen zu lassen. „Ich bin nicht müde. Dafür bin ich viel zu aufgewühlt“, ließ sie sich darauf ein. „Wir sollten einen endgültigen Plan zur Übergabe des Horkruxes festlegen“, beschloss sie. Wie selbstverständlich schlenderte sie zum Sofa und ließ sich darauf fallen. Es entlockte Severus ein belustigtes Schnauben. Aber es war schon ein besonderer Anblick, wie selbstsicher Hermine durch seine Wohnung schlenderte und sich noch immer in seine Robe gehüllt auf sein Sofa fallen ließ. Es war ein angenehmes Bild und um diesen Moment ein wenig für sich zu vereinnahmen, folgte er ihr und ließ sich neben ihr nieder. „Machen Sie einen Vorschlag, Sie kennen Potter besser als ich.“ „Es geht nicht nur darum, Harry richtig einzuschätzen. Sie müssen doch auch in der Lage sein, den Horkrux passend zu verstecken“, gab sie zu bedenken. „Die Heulende Hütte“, fuhr sie fort laut zu denken. „Immerhin ein Ort, der uns allen bekannt ist.“ Sie grinste ihn verschmitzt an und es dauerte einen Augenblick, bis er verstand worauf sie hinauswollte. Dementsprechend grimmig sah er sie an und rieb sich seinen Hinterkopf, ganz so als würde er den Schmerz noch immer spüren. Von drei halbstarken Kindern angegriffen zu werden, damit hatte er damals wirklich nicht gerechnet. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis er wieder auf die Beine gekommen war, um eben jene Kinder einzusammeln und ins Schloss zu bringen, damit Poppy ihre Wunden versorgen konnte.
„Ich glaube ich weiß, wo wir den Horkrux verstecken. Wo Sie ihn verstecken werden“, korrigierte sie ihn dann und konnte nicht verhindern, dass sich ein trauriger Unterton in ihre Stimme schlich. Obwohl diese Nacht wirklich perfekt gewesen war, reichte sie dennoch bei Weitem nicht an die Vorstellung heran, ihre Freunde wiederzusehen. Mit einem Schlag fühlte sie sich merkwürdig müde und ausgelaugt, so dass sie ihren Kopf an die Lehne legte und die Augen schloss.
Severus beobachtete sie dabei und ihm wurde bewusst, dass sie an diesem Tag einmal mehr die Gewissheit brauchte, nicht allein in dieser Welt zu sein. Die menschliche Nähe einer Person, die ihr zumindest in einigen Situationen beizustehen vermochte, war über alle Maßen wichtig, er hatte es seit ihrer Ankunft in seinen Räumen selbst oft genug erkannt.  Zaghaft legte er eine Hand auf Hermines Schulter und sah sich in seinen Ahnungen bestätigt, als sich ihre Mundwinkel leicht hoben.

So verharrten sie einige Zeit, bis sein Arm aufgrund des unangenehmen Winkels ein wenig taub wurde. Vorsichtig zog er seine Hand zurück und bemerkte, dass Hermine überhaupt nicht reagierte. Ihr entspannter Gesichtsausdruck und ihre gleichmäßigen Atemzüge verrieten ihm den Grund. Sie war tatsächlich neben ihm eingeschlafen. Mit einem Blick auf die Uhr erkannte er, dass es wirklich an der Zeit war ins Bett zu gehen. In weniger als zwei Stunden würde er schon wieder aufstehen müssen und sich auf den Tag vorbereiten. Stöhnend erhob er sich, denn er wusste schon jetzt, dass er diese Nacht den restlichen Tag über bereuen würde. Er hatte einen Schritt in Richtung seines Schlafzimmers gemacht, als er innehielt. Hermine saß noch immer schlafend auf dem Sofa, es sah nicht gerade bequem aus. Und mit einem Anflug an Ritterlichkeit drehte er um und hob Hermine ein wenig scheu in seine Arme. Es war nicht das erste Mal, dass er Hermine in seinen Armen hielt, aber ihr geringes Gewicht erstaunte ihn immer wieder. Sie fühlte sich so klein und leicht an. Erstaunlich was alles in dieser zierlichen Frau schlummerte und welchen Biss sie hatte, wenn sie wach war. Langsam, um Hermine bloß nicht aufzuwecken, trug er sie in ihr Zimmer und legte sie stockend auf ihrem Bett ab. Sie wachte nicht auf, reagierte nicht einmal auf die Veränderungen. Wirkte weiterhin entspannt. Er selbst wäre wohl bereits bei der leichtesten Berührung erwacht, seine Sinne waren zu geschärft, als dass er nicht reagieren würde. Ihr blindes Vertrauen irritierte ihn in gewissem Maße, zugleich machte es in tatsächlich ein bisschen stolz, dass ein Mensch sich in seiner Gegenwart so wohl zu fühlen schien. Es war angenehm sich Tagträumen hinzugeben und sich vorzustellen, dass das Ganze zu mehr führen könnte. Auch wenn das nie der Fall sein würde. Sie war zu jung, er war zu alt, außerdem hatte er sich sowieso damit abgefunden, nicht lebendig aus dieser ganzen Angelegenheit hervorzugehen. Was es umso angenehmer machte sich vorzustellen, dass es trotz allem eine schöne Zukunft für ihn geben könnte.
Nachdenklich sah er auf Hermine herab, wie sie noch immer in seine Robe gehüllt im Bett lag und schob dann ein wenig die Decke über ihren Körper. Seine Robe würde er heute wohl nicht mehr erhalten. Amüsiert schüttelte er den Kopf und ging nun ebenfalls ins Bett.
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