Wie es geht

von JoyNapier
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
10.08.2019
20.08.2019
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Vorbeirasende Reflektoren am Straßenrand, eine schnelle Leitplanke, langsam vorbeiziehende Felder. Ich lehne mich im Autositz zurück und sehe der Außenwelt dabei zu, wie sie an mir vorüberzieht. Kurz bevor wir von seinen Eltern weggefahren sind, sprach Yoshua kein Wort mehr mit mir. Ich könnte ihn fragen, was jetzt wieder mit ihm los sei, aber irgendwann langweilen mich seine Launen nur.
Ich taste mich mal trotzdem heran, indem ich meine Hand zu ihm rüber bewege und - er schlägt sie weg. War klar.
Ich seufze gut hörbar: "Also gut, was ist Dein Problem?" Yoshua sieht mich kurz an und schüttelt empört den Kopf.
"Was mein Problem ist...", murmelt er vor sich hin. Dann wird seine Stimme lauter: "Ich finde es schade, dass Du nicht weißt, was mein Problem ist. Obwohl Du es eigentlich wissen solltest, da Du dafür verantwortlich bist!" - "Ich?"
"JA, DU!", schreit er mit einem Mal. Ich zucke und über meinem ganzen Körper breitet sich Gänsehaut aus.
"Was sollte die Scheiße vorhin, hm?! Mein Bruder bringt die dämlichsten Sprüche in Bezug auf eine ernste Thematik über mich und Du denkst, ich bin so bescheuert, dass ich Dein Grinsen nicht bemerke?"
Ich lache spöttisch auf: "Und deswegen bist Du gefühlt den ganzen Tag so eingeschnappt?"
Er macht eine Vollbremsung. Mich schmeißt es stark nach vorne. Dann packt er mich am an den Haaren direkt an meinem Hinterkopf und zieht mich zu sich, sodass er mein Ohr direkt an seinem Mund hat. Er spricht immer noch sehr laut, was für mich alles andere als angenehm ist: "Dir ist wohl nicht klar, dass Benedict sich dadurch bestätigt fühlt und Bestätigung tut dem Jungen nicht besonders gut. Also lass' das in Zukunft bleiben!"
Er lässt mich ruckartig los, sodass ich fast mit der Nase gegen die Scheibe der Beifahrertür geknallt wäre, dann legt Yoshua wieder den Gang ein und fährt weiter. Ich sitze den Rest der Autofahrt schweigend da und versuche, meine Tränen zu unterdrücken, was mir nur teilweise gelingt. Yoshua scheint es zum Glück nicht zu bemerken - oder es ist ihm scheißegal. Was auch immer es sein mag, ich finde es gut. Blöde Kommentare oder anderweitige Reaktionen zu meinem kleinen Gefühlsausbruch brauche ich nicht.

Wir kommen bei ihm zuhause an. Als wir seine Wohnung betreten, verschwinde ich sofort ins Bad, schmeiße die Tür hinter mir zu und sperre ab. Ich setze mich auf den Toilettendeckel und lasse meine Tränen leise fließen. Ich finde es widerlich, wie Yoshua mit mir umgeht. Eigentlich sollte ich Schluss machen. Das alles mit ihm beenden. Das geht doch nicht, dass der mich so behandelt. Was denkt er denn, wer er ist?!
Ja, ich werde es beenden. Aber zuerst muss ich weg von hier. Wenn ich ihn frage, ob er mich heim bringt, rastet er sicher wieder aus. Man will sich nicht ausdenken, was er mit mir anstellen würde, wenn ich ihm sage, die Beziehung sei vorbei. Ich muss hier auf jeden Fall weg!
Ich erhebe mich, gehe langsam zur Tür und drehe den Schlüssel so leise wie es auch nur irgend möglich ist. Komplett angespannt öffne ich die Tür und hoffe, dass sie kein Quietschen oder Derartiges von sich gibt.
Als sie weit genug offen ist, bewege ich mich schleichend aus dem Badezimmer und sehe in die Richtung des Wohnzimmers. Ich muss nicht lange darauf warten, um festzustellen, dass mein Freund auf dem Sofa sitzt, denn er hat sich gerade bewegt und aufgrund der Federn unter dem Polster gibt es wiedererkennbare Geräusche von sich.
Das ist die Gelegenheit!
Ich eile leise zur Wohnungstür, öffne sie gaaanz langsam und als ich mich außerhalb seiner Wohnung befinde, lasse ich sie ins Schloss fallen und renne die Treppen hinunter. Kaum unten angekommen, höre ich auch schon, wie sie sich wieder öffnet und Yoshuas wütende Stimme hinunterbrüllt: "JEANI!"
Ich renne aus dem Haus, vom Hof runter, die Straße entlang so schnell ich kann. Ich biege so oft ab, wie es nur geht, mal links, mal rechts, bis ich vor einem Park stehe.
Perfekt!, denke ich und renne hinein.
Plötzlich stolpere ich und fliege der Länge nach in eine riesen Schlammpfütze.
"Fuck!", fluche ich, als ich mich von oben bis unten besudelt aus diesem ekligen und kalten Nass hoch bewege und weiterlaufe.

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"Wie oft soll ich Dir eigentlich noch sagen, dass Du Deine Füße vom Küchentisch tun sollst?! Vor allem dann, wenn Du Deine Schuhe an hast.", jammert Mary ihrem Sohn Benedict entgegen.
Widerwillig und die Augen verdrehend gehorcht er seiner Mutter. Plötzlich richten sich sowohl sein als auch Marys Blick in Richtung Haustür, als jemand von außen hastig aufsperrt. Die Tür springt auf und Yoshua rennt komplett aufgelöst seiner Mutter entgegen: "Wir müssen die Polizei rufen! Bitte!"
Geschockt und zugleich irritiert blickt Mary ihren Ältesten an: "Wieso? Was ist denn passiert?" - "Jeani ist weg!"
Jetzt wird die Mutter stutzig: "Wie, weg?"
Yoshua fuchtelt wild mit den Armen um sich und wird lauter: "JA, WEG! ABGEHAUEN! Wir waren bei mir und sie war grundlos sauer auf mich und ist dann weggelaufen. Wir müssen die Polizei rufen."
Mary führt Yoshua zu einem der Küchenstühle am Tisch, damit er Platz nimmt. Dann überlegt sie kurz, bevor sie antwortet: "Vielleicht ist sie zu sich nach Hause gegangen." - "Nein! Ich bin, kurz nachdem sie gegangen ist, den Weg bis zu ihrer Wohnung abgefahren. Sie war nirgends zu sehen." - "Wie lange ist sie denn weg?" - "Seit zwei Stunden."
Ein unterdrücktes und kurzes Lachen kommt von Benedict.
Yoshua blitzt ihn wütend an: "Verpiss Dich doch einfach, wenn Du das hier nicht ernst nehmen kannst!"
"Nichts lieber als das.", sagt er ruhig, steht auf und verlässt das Haus. Kurz darauf ist nur noch das Geräusch eines startenden Harley-Motors zu hören.
Verärgert schüttelt Yoshua den Kopf: "Anstatt hier mitzuhelfen fährt der jetzt Motorrad. Und Du sagst gar nichts dazu? Danke auch!" Er sieht seine Mutter böse an.
Mary bleibt nichts anderes übrig, als mit den Schultern zu zucken und zu sagen: "Jeani ist eine erwachsene Frau. Ich denke, die Polizei wird bei einem zweistündigen Verschwinden nicht viel tun können. Sie kann hingehen, wohin sie will." - "NICHT, WENN ICH ES IHR NICHT ERLAUBE!", brüllt Yoshua. Mary sieht ihren Sohn irritiert an, dann steht sie auf und verlässt seufzend die Küche, während er am Tisch sitzen bleibt und sein Gesicht in seinen Händen vergräbt.

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Ich laufe nun eine ganze Weile in der Gegend herum. Wo ich bin? Keine Ahnung. Ich lief vorhin aus dem anderen Ende des Parks raus und befinde mich nun wieder an einer Straße. Diesmal ist es eine Landstraße. Ich bin echt gut darin, mich zu verlaufen.
So langsam fängt es an zu dämmern und die Luft wird kühler. Ich habe ein total versifftes Shirt an und ich denke mal, dass es mir kälter vorkommt, als es eigentlich ist, aber ich friere ziemlich.
Ich laufe auf ein Waldstück zu und hoffe, irgendwann in einem Dorf anzukommen, wo es wenigstens eine Bushaltestelle gibt.
Als ich so vor mich hinlatsche, höre ich aus der Ferne ein Motorrad sich hinter mir nähern. Sollte ich es doch mal mit Trampen versuchen?! Hmhnee, lieber nicht, wer weiß, bei was für einem Irren ich dann lande?!
Zu meiner Verwunderung muss ich nicht einmal trampen, denn das Motorrad scheint langsamer zu werden, je näher es kommt. Bloß nicht umdrehen., denke ich mir und meine Paranoia schlägt zu. Oh Gott, was ist, wenn das ein Mörder ist? Fuck, wieso bin ich abgehauen?!
Das Motorrad überholt mich und schlägt vor mir ein, um mir den Weg zu versperren. Es ist eine schwarze Cruiser mit verchromten Teilen. Sieht eigentlich echt cool aus. Der Fahrer auf dieser Maschine trägt eine hellblaue Jeans, ein schwarzes Shirt und darüber eine Jeansweste. Er muss seinen Helm nicht abnehmen, damit ich weiß, wer hier vor mir steht. Wow. Welch ein Zufall, dass ausgerechnet er sich hier in der Nähe herumtreibt.
Benedict nimmt seinen Helm ab und sieht mich an. Dann lächelt er mit einem nach oben gezogenen Mundwinkel: "Sieht so aus, als würdest Du lieber im Dreck baden, als noch eine Sekunde länger bei meinem Bruder zu sein."
Ich blicke ihm unbeeindruckt entgegen.
"Ha ha.", sage ich sarkastisch.
Auf einmal hält Benedict mir seinen Helm entgegen. Ich schaue das Teil irritiert an.
"Setz' ihn auf!", befiehlt er in einem ruhigen Tonfall.
Nun verstehe ich, was er will und trete kopfschüttelnd einen Schritt zurück.
"Keine Angst, ich bringe Dich schon nicht zu ihm zurück."
Ich atme einmal tief durch. Dann nehme ich seinen Helm zögernd an. Als ich ihn mir aufgesetzt habe, setze ich mich hinter Benedict auf das Motorrad und halte mich an ihm fest, während er es startet und wir mit rasanter Beschleunigung über die Landstraße fahren.
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