Cay's Choice

GeschichteFantasy / P12
Zauberer & Hexen
09.08.2019
24.08.2019
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„Wie bin ich hierhergekommen?“, fragte Jackie sofort. „Das ist nicht ganz einfach zu erklären. Aber fangen wir erst einmal von vorne an. Wie heißt du?“, fragte der alte Mann und seine warmen Augen ruhten aufmerksam auf dem Mädchen. „Jackie Wentwer.“, antwortete Jackie, nachdem sie den Mann einige Sekunden lang misstrauisch gemustert hatte, dann jedoch zu dem Schluss gekommen war, dass sie ihm vertrauen konnte. „Hmm.“, machte der Mann und betrachtete Jackie mit nachdenklich zur Seite geneigtem Kopf. Jackie blickte ihn fragend an, aber er schüttelte nur den Kopf und ergriff dann erneut das Wort. „Mein Name ist Galyn. Ich bin ein Zauberer.“ Jackie starrte ihn aus großen Augen an, schwieg aber abwartend. „Ich weiß, wie sich das für dich anhören muss, aber du befindest dich nicht mehr in deiner eigenen Realität.“ Jetzt war Jackie sich beinahe sicher, dass er sie auf den Arm nahm. Oder war das ganze vielleicht doch nur ein Traum? Trotz dieser Zweifel schwieg sie und blickte Galyn abwartend an, woraufhin dieser fortfuhr. „Du musst es dir so vorstellen: Es gibt verschiedene Realitäten. Sie alle existieren gleichzeitig, sind aber in ihrer Existenz-…hm, Existenzebene beschreibt es vielleicht am besten, so verschoben, sodass sie sich für gewöhnlich nicht berühren. Diese, unsere Realität – unsere Welt - nennen wir Topenga. Hier leben Zauberer und Magier und andere Geschöpfe, von denen du mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie etwas gehört hast. In dieser Realität ist die Macht, die Quelle der Magie und Zauberei, allgegenwärtig, während sie in der Wirklichkeit, aus der du stammst, schon seit langer Zeit verschwunden ist. Ich weiß nicht, wieso das so ist, aber es ist wahr. Deswegen nennen wir die Realität, aus der du stammst, Barida. Das bedeutet so viel wie tote Welt. Normalerweise sind die Realitäten - wie viele es auch immer geben mag - strikt voneinander getrennt. Doch manchmal geschieht es, dass sich zwei von ihnen berühren und ein zeitlich und räumlich begrenzter Übergang entsteht. Dann passiert das, was heute mit dir geschehen ist. Bestandteile einer Realität beginnen langsam in eine andere zu driften, bis sie dann endgültig springen. Leider, das heißt, soweit wir wissen – und was das angeht ist unser Wissen doch sehr begrenzt - scheint dieses Prinzip allerdings immer nur in eine Richtung zu funktionieren. Du fragst dich sicher, woher ich all das wissen kann. Nun, die Antwort ist, du bist nicht die erste Springerin, der ich begegne. Vor vielen Jahren fand ich ganz in der Nähe dieser Hallen einen anderen Springer. Er hatte in Barida eine Theorie über die verschiedenen Realitäten entwickelt und Experimente begonnen, die letzten Endes dann auch tatsächlich zu seinem Sprung führten. Aber was noch viel interessanter ist, ist die Tatsache, dass er nach wenigen Tagen in der Lage war, die Macht wahrzunehmen und so zu nutzen, wie es die Zauberer von Topenga tun. Er ist…“ Galyn hielt inne, als er Jackies kreidebleiches Gesicht bemerkte. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich der Zauberer und jetzt klang er ehrlich besorgt. Jackie starrte ihn nur an, unfähig, den Mund zu öffnen. Dann, nach einigen Minuten des Schweigens fragte sie, kaum hörbar: „Dann ist es also kein Traum? Ich bin wirklich hier?“ Galyn nickte und schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. „Kann ich…“, Jackie stockte und musste ein paar Mal kräftig schlucken, bevor sie weitersprechen konnte. „Kann ich zurück?“ Der Ausdruck auf Galyns Gesicht war Antwort genug. Jackie wurde noch blasser, sofern das überhaupt möglich war. Plötzlich kam ihr die vom Licht der Kristalle erhellte Halle, in der sie standen, nicht mehr so faszinierend vor. Das Licht der Kristalle, die Zeichen am Boden, der Mann, der von sich behauptete, ein Zauberer zu sein – und unbegreiflicherweise Jackie glaubte ihm, dass es wirklich so war – all das erschien ihr mit einem Mal so schrecklich fremd und beängstigend. „Du musst keine Angst haben. Ich werde mich um dich kümmern. Jackie Wentwer, du bist nicht allein.“, drang die beruhigende Stimme des alten Mannes wie aus weiter Ferne durch die nun in ihr aufsteigende Panik an Jackies Ohr. Aus irgendeinem Grund beruhigte dieses Versprechen Jackie tatsächlich ein wenig und verhinderte, dass sie panisch zu schreien anfing. „Was ist mit meinen Eltern? Mit meinen Freunden? Meinem Leben?“, brachte Jackie schließlich hervor, bevor ihr die Stimme erneut versagte. Der Zauberer warf ihr einen traurigen Blick zu, bevor er antwortete. „In den Moment, als du gesprungen bist, war es, als hättest du in Barida nie existiert. Es tut mir leid.“ Jackies Augen füllten sich mit Tränen. Mit zwei langen Schritten war Galyn bei ihr und schloss sie fest in die Arme. „Hab keine Angst, es wird alles gut. Ich kümmere mich um dich.“, murmelte er väterlich. Seltsamerweise beruhigte seine Nähe Jackie, sodass sie sich eine Minute später von ihm löste und ihn schwach anlächelte. „Also gut. Aber Ihr lebt nicht hier, oder?“, fragte Jackie besorgt, der die Hallen langsam wirklich etwas unheimlich wurden und machte eine ausladende Geste in Richtung des großen Kristalls im Zentrum des Lichtkreises. „Keine Sorge.“, sagte Galyn. „Wir Zauberer leben in Städten.“ Und dann begann er, Jackie von Topenga zu erzählen. Von den großen Städten der Zauberer, von den Magiern und deren Wälder, Höhlen und vielem mehr. Nur den großen Krieg ließ er aus. Den Krieg, der so viele das Leben gekostet und einen beachtlichen Teil des Landes verwüstet hatte, das sich bis heute noch nicht vollständig von diesem Schlag erholt hatte. Er erzählte ihr nichts davon, um sie nicht noch mehr zu erschrecken, so wie er ihr auch nichts von der Vision der Seherin erzählte, die eine neue, unausweichliche Bedrohung durch das, was Vile in dieser Welt hinterlassen hatte, gesehen hatte. Als er schließlich, mehrere Stunden später, am Ende seiner Erzählung angelangt war, lächelte Jackie. Galyn strahlte eine solche Ruhe und Wärme aus, dass sie ihm auf Anhieb vertrauen lies. Je länger er redete, desto ruhiger wurde Jackie und die Panik lies langsam nach, bis sie schließlich fast verebbt war. Nur ein flaues Gefühl in der Magengrube konnte sie nicht loswerden. „Es klingt schön. Ich denke, Topenga ist ein guter Ort, vielleicht sogar besser als meine Welt. Ich denke, ich kann hier leben.“, erklärte sie und fügte dann, mit einer Prise Bitterkeit in der Stimme, hinzu „Es ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl.“ Dann folgte sie Galyn hinaus aus dem von den Kristallen beleuchteten Kreis. Kurz bevor sie die Schatten erreicht hatten, blieb Galyn stehen. „Eins noch, Jackie. Jemand hat mir gesagt, dass ich dich hier finden würde. Es spielt für den Moment keine Rolle, wer es war. Aber als diese Person mir von deiner Ankunft berichtete, nannte sie dich beim Namen.“ Als er Jackies erstaunten Blick sah, sprach er weiter. „Allerdings nannte sie dich nicht Jackie Wentwer. Es war ein anderer Name. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich in Zukunft bei diesem nenne?“ Jackie konterte die Frage mit einer Gegenfrage. „Welcher Name?“ „Nun, sie sagte, dein Name sei Cay.“ Jackie überlegte einen Augenblick lang und sprach den Namen mehrere Male laut aus, um zu sehen, wie er sich anfühlte. Dann nickte sie. „Der Name gefällt mir. Also bin ich ab sofort Cay. Neue Realität, neuer Name. Hoffentlich passiert mir das nicht zu oft, sonst komme ich noch ganz durcheinander.“ Galyn lächelte, aber als er den traurigen Ausdruck in den Augen des Mädchens sah, ließ er die Mundwinkel sinken und schweigend verließen die beiden die Kristallhöhle. Alles in allem war es besser gelaufen, als Galyn für möglich gehalten hatte. Sie war taff. Er war erfreut, wenn auch nicht überrascht. Er konnte nur hoffen, dass Cay auch wenn der erste Schock verklungen war der Herausforderung ihres neuen Lebens gewachsen sein würde. Einfach würde es sicher nicht werden. Doch Galyn würde tun, was er konnte, um es ihr leichter zu machen. So viel war er ihr schuldig.