Endstation Hölle

von Eiswind
OneshotHumor / P12
08.08.2019
08.08.2019
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Mein Beitrag zum Projekt "Inspiration durch Bilder Nr. 3"
Ich habe das Bild Nr. 58 bekommen und vielleicht etwas weiter interpretiert. ;)









Endstation Hölle



Der Teufel hat schlechte Laune. Glücklicherweise muss Leonardo gerade im Empfang aushelfen, da die Insekten sammelnde Sekretärin den Fehler gemacht hat, dem Teufel ihr neuestes Exemplar zu präsentieren: Einen heiligen Pillendreher.
Tja, soll ihm auch Recht sein. Er legt die Füße auf den Empfangstresen und blickt auf den Lavasee vor der Festung des Teufels. Hinter ihm, das wusste er, erhoben sich spitze Obsidiantürme wie Lanzen in den mondbeschienenen Himmel. (Warum die Hölle überhaupt einen Himmel hatte, wusste er auch nicht. Da hatte wahrscheinlich wieder die PR-Abteilung ihre Finger im Spiel. Kommt vielleicht besser an.) Die Festung selbst jedenfalls scheint aus ihrem innersten heraus rot zu glühen, was von außen mächtig Eindruck macht, im Inneren jedoch total nervt, weil es viel zu diffus ist. Leonardos Zeh schmerzt immer noch.
Vor dem Empfang aber bietet sich eine der schönsten Aussichten der gesamten Hölle. Fast schon romantisch, wie sich der Weg aus Obsidian wie eine fette schwarze Schlange durch den brodelnden See aus flüssigem Feuer windet.
Und genau auf diesem Weg kommt gerade jemand auf Leonardo zu.
Er wartet, bis der Mann mittleren Alters, mittlerer Größe, mittleren Gesichtsbewuchses und mittlerer Statur vor dem Tresen angekommen ist.
„Kann ich etwas für Sie tun?“
Sofort lässt der Mann einen Schwall aus Wörtern auf ihn los, von dem folgendes bei Leonardo hängen bleibt: Er ist wütend und will den Teuflischen höchstpersönlich sprechen.
Leonardo lacht. „Ganz schlechte Idee, der ist grade noch mieser drauf als Sie. Was ist denn so dringend?“
„Hier liegt ein verdammtes Missverständnis vor, das ist so dringend! Ich bin hier völlig zu Unrecht in dieser verfluchten Hölle! Nicht mal eine Erklärung hab‘ ich bekommen! Irgendwas mit Energydrinks und...“
„Ach, so einer sind Sie. Aber mächtig spät dran, was?“
„Bei der Straßenbeschilderung hier unten. Da findet sich ja keine Sau zurecht!“
„Dabei ist diese Festung hier ja kaum zu übersehen.“
„Die Schwefeldämpfe waren zu dicht. Aber was ist das überhaupt für ein Ding? Sieht aus wie eine Mischung aus Schlossruine und abstrakter Kunst. Fort Satan, oder was?“
„So hieß es tatsächlich eine Zeit lang. Sprechen Sie den Teufel aber lieber nicht drauf an, da ist er ein bisschen empfindlich.“
„Warum?“
„Haben sie die Marmorpfeiler am Anfang des Obsidianweges gesehen? Dazwischen hing mal ein Schild, auf dem >Fort Satan< stand. Irgendein Scherzkeks hat dann ein Komma zwischen und ein Ausrufezeichen hinter die Worte gesetzt. Der Teufel hat es vor Wut eigenhändig niedergerissen.“
„Wer hatte denn die Schnapsidee? Johannes der Säufer?“
„Heißt der nicht Johannes der Käufer?“
„Nee, das ist der Immobilienmakler im Himmel.“
„Naja, falls Sie immer noch eine Audienz beim Teufel wollen, kommen Sie mal mit, das könnte unterhaltsam werden.“
Leonardo führt den Mann zu den Aufzügen.
„Ihr habt hier unten Aufzüge?“
Offensichtlich auch nur von mittlerer Intelligenz. „Nur weil wir in der Hölle sind, heißt das nicht, dass die letzten zweitausend Jahre vollkommen an uns vorbei gegangen sind.“
Stille.
Der Mann wendet sich Leonardo zu. „Mensch, hier ist es ja so kühl wie im Vesuv 79 nach Christus.“
„Ganz schlechtes Thema. Das war ein echt schlimmes Jahr für den Teufel, da musste er halt mal Dampf ablassen. Und Lava. Fand der Allmächtige aber nicht so gut. Und dann noch die ganzen Neuankömmlinge, die wir dadurch bewältigen mussten.“ Leonardo schüttelt den Kopf. „Da war der Verschleiß an Logistikern dreimal so hoch.“
Der Mann grinst blöde. „Ein Teufelskreis, was?“
Zum Glück bleibt Leonardo die Antwort erspart, weil der Fahrstuhl mit einem Ruck hält und eine rauchige Automatenstimme „666. Etage“ sagt.
Der Teufel sitzt auf einem Obsidianthron am anderen Ende eines großen Saals. An den Seiten reihen sich hässliche Statuen von irgendwelchen Dämonen, zwischen denen „abstrakte Kunst“ den Raum verschandelt. Natürlich alles in schwarz.
„Boah“, begrüßt Leonardos Begleitung den Teufel. „Wer war der Innenausstatter? Ein depressiver Parkinsonkranker?“
Das kann ja noch lustig werden.
Der Teufel hat zum Glück nichts gehört, da er gerade ein Telefonat beendet. Leonardo tritt vor.
„Moin, Chef. Der Herr Dingenskirchen hinter mir will sich beschweren. Wir haben hier einen Fall von blauer Kuh.“
Der Teufel seufzt theatralisch. „Na, der hat Nerven.“
„Was haben denn besoffene Rindviecher mit mir zu tun“, schaltet sich der Mann ein. „Ich komme aus dem Himmel und...“
„Dann bist du offensichtlich ein besoffenes Rindvieh, wenn du dich traust, mir das unter die Nase zu reiben“, fährt der Teufel ihn an. „Was machst du denn hier unten? Urlaub? Ist es dir zu schön da oben? Brauchst du ein bisschen Abwechslung?“
„Nein, ich wurde aus welchen Gründen auch immer vom Himmel in die Hölle geschickt.“
„Ja, wegen Red Bull. Blaue Kuh ist der Codename“, sagt Leonardo.
„Was?“
„Bist du echt so ungebildet? Also gut, ich erkläre es dir: Red Bull, was heißt das übersetzt?“
„Roter Bulle.“
„Exakt, und wie sieht der Teufel in euren Vorstellungen aus?“
„Hörner, rote Haut, ein Huf…. warte mal… willst du damit sagen…?“
„Ich wusste doch, dass du ein kluges Kerlchen bist. Leckerli gibt es später. Aber ja, Red Bull ist ein Unternehmen des Teufels, das offenbart sich übrigens auch im Geschmack. Es gibt nur ein Problem: Den Slogan. Durch die Flügel fühlten sich die Engel beleidigt, weil sie mit sowas nicht in Verbindung gebracht werden wollten und haben mit einer Klage gegen die Hölle gedroht. Die beiden Partien haben sich dann schlussendlich außergerichtlich darauf geeinigt, dass der himmlische Oberkasper ein paar Dutzend ausgewählte Himmelsbewohner nach unten schicken darf. Und du bist einer der Glücklichen.“
„Warum ich?“
„Zufallsprinzip.“ Tatsächlich waren die Nervigsten ausgewählt worden. Aber aus diplomatischen Gründen erwähnte Leonardo das lieber nicht.
„Und seit wann hat die Hölle eigene Unternehmen?“
„Schon immer, was denkst du denn? Wie gesagt, wir leben ja nicht hinterm Mond, nur in der Hölle. Was denkst du zum Beispiel, warum das DB-Logo rot ist?“
„Stimmt, gerade im Sommer ist das ja die Hölle auf Erden.“
„Siehst du?“
Plötzlich öffnen sich hinter ihnen die Fahrstuhltüren und ein Laufbursche kommt mit einem Pizzakarton heraus. „Einmal Pizza Diavolo.“
Der Teufel hebt die Hand. „Hier drüben. Und wehe, die schmeckt nicht, dann...“
„...kommt er in Teufels Küche“, vermutet der Mann.
„Nein, dann wird er gefeuert.“
Der Mann kichert.
„Was ist so lustig?“
„Naja, ein Mitarbeiter der Hölle, der gefeuert wird...“
„Warum Mitarbeiter der Hölle, er arbeitet bei DHL.“
„DHL?“
„Diabolischer Höllen-Lieferant.“
Der Teufel kaut. Schluckt. Rülpst und lässt genüsslich einen fahren. Dann wirft er dem Burschen Trinkgeld zu. „Und jetzt ab mit dir, Johannes!“
„Johannes?“, fragen der Mann und Leonardo, als der Bursche verschwunden ist.
Der Teufel zuckt kauend mit den Schultern. „Johannes der Läufer.“
Leonardo schlägt sich gegen die Stirn.
Eine Schwefelwolke schwebt aus dem Fahrstuhlschacht.
„Ein flinker Stinker, dieser Johannes.“
„Nein.“ Der Teufel läuft dunkelrot an. „Der verdammte Schacht ist undicht und es ziehen andauernd Schwefelwolken hier rein. Schlimm genug, dass es draußen schon so eklig ist. Dauernd dieses Geschrei von den gequälten Seelen, keine gemütlichen Ecken, alles viel zu hässlich und dieses verfluchte Wetter! Aber dass das dann auch noch hier reinzieht, bringt schon wieder meine schlechte Laune zurück.“
„Um Gottes Willen, stinkt das!“ Der Mann hält sich die Hand vor die Nase.
Der Teufel wirft ihm gereizte Blicke zu.
„Ach Gott, habe ich was Falsches gesagt?“
Das Gesicht des Teufels nimmt ein leuchtendes Feuerwehrrot an.
Der Mann wechselt schnell das Thema. „Kann man an dem Wetter denn nichts machen?“
„Nein, dafür ist Frau Hölle zuständig und die lässt nicht mit sich reden. Und selbst wenn, für unendlich lange Diskussionen habe ich keine Zeit. Zu manchen Tageszeiten habe ich rund um die Uhr zu tun.“
„Kriegst du dann einen Burnout?“
„Noch so einen Wortwitz und...“
„...du wirst fuchsteufelswild?“
„Vorsicht, Freundchen...“
„...brennt sonst die Luft?“
„Das reicht!“
„Machst du mir jetzt die Hölle heiß?“
„Nein“, sagt der Teufel bedrohlich leise.
„Gott sei Dank!“
„Ich quäle deine Seele, bis...“
„Ha, das hat sich gereimt!“
Der Teufel seufzt resigniert. „Leonardo, so einen Typen haben unsere Folterknechte nicht verdient. Schick ihn bitte wieder zurück zum Absender.“ Er wendet sich an den Mann. „Wenn du gehst, geht auch ein Teil von mir-“
„Echt?“
„Ja, meine schlechte Laune! Und jetzt raus mit dir!“


--zwei Wochen später--



Ein Stoß weckt Leonardo unsanft aus seinem Mittagsschläfchen.
„Ah, wenn man vom Teufel spricht! Der Allmächtige hat mir ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht, ein echter Teufelskerl, wenn man so will. Hat gesagt, wenn ich nochmal wiederkomme, dann ist der Teufel los.“
„Oh nein! Herr Dingenskirchen...“
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