"Die Götter würfeln nicht"

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
07.08.2019
15.12.2019
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07.08.2019 686
 
Kapitel 1 – Dem Ruf folgen

Kattegat. Hier hatte vor bald fünf Jahren ein Abenteuer begonnen, nun sollte die Handelsstadt abermals Ausgangspunkt eines weiteren Aufbruchs werden. Ása zog den Pelzmantel enger um ihre Schultern, während die Männer nochmals die letzten Kräfte mobilisierten, um das Boot ans langersehnte Ziel zu bringen.

Die Vorkehrungen für dieses Unterfangen hatten es nicht erlaubt, dass sie auf die warmen Jahreszeiten warteten. Es war bereits ohnehin viel zu viel Zeit ins Land gezogen. Der Winter näherte sich in rasanten Schritten seinem Ende zu. Verglichen mit ihrer eigenen Heimat, dem Königreich Trøndelag, war es in Kattegat zu dieser Jahreszeit deutlich wärmer. Doch Winter blieb Winter. Normalerweise war sie nicht empfindlich, denn durch ihre Herkunft im hohen Norden Norwegens war sie langanhaltende Perioden an Kälte, Schnee und Eis gewohnt. Aber nun… Fröstelte Ása womöglich vor dem, was schon bald auf sie wartete?

Sie konnte die innere Unruhe nicht abstreiten. Mehrere Schiffe hatten Trøndelag zusammen mit ihrem König verlassen, um den Ruf der Söhne Ragnars zu folgen. Ihr Bruder Halvar, seit bald einem Jahr Erbe des Thrones, hatte diesem Wunsch entsprochen. Im Gegensatz zu ihr kannte er weder Kattegat, noch einen der dortigen Prinzen. Es bestand keinerlei Bündnis oder eine Bringschuld zwischen den Königreichen. Doch Halvar empfand es als seine Pflicht als Nordmann den hochherrschaftlichen Prinzen bei der Rache am Mord ihres Vaters zur Seite zu stehen.
Ása konnte nicht abstreiten, dass der Verstorbene in ganz Midgard sagenumwoben war. Sie hatte ihn einst nicht kennengelernt. Aber es war unmöglich, nichts über das Leben, die Kriegslisten und den Aufstieg dieses großen Mannes gehört zu haben. Schon zu Lebzeiten war Ragnar Lothbrok eine Legende gewesen. Nun sollte sein Tod Kräfte aus dem ganzen Norden bündeln und einen.
Mit zwei seiner Söhne jedoch war Ása vor fünf Jahren ins Mittelmeer aufgebrochen.

Sie hatte von der großen Lagertha, Ragnars erstem Weib, wundersame Geschichten gehört, die ihr Mut machten. Denn genauso wie die Königin Kattegats war auch Ása ohne Mann im Leben.
Als ältestes Kind hatte Ása noch bis vor rund sechzehn Jahren die Königsbürde auf ihren Schultern gespürt. Dem verstorbenen König Håkon von Trøndelag waren einst Zwillingstöchter geboren wurden, Ása und Alva. Es hatte lange gedauert bis Håkons getreues Weib ihm letztlich Halvar gebar. Zu jenem Zeitpunkt waren die Mädchen bereits zwölf Jahre alt. Beide waren bis dahin vom Vater, einem König aus dem altnordischen Geschlecht der Könige von Halogaland, an ihre Rollen herangeführt worden. Alva sollte die spätere Königin Ása bestmöglich unterstützen, während die Erstgeborene neben diplomatischem Geschick auch im Kampf ausgebildet wurde. Doch mit Halvars Geburt änderte sich alles. Ein männlicher Erbe entließ Ása aus ihrer auferlegten Bürde. Umso älter ihr Bruder wurde, umso leichter wurde das Herz der Prinzessin. Sie brauchte keine Königin mehr werden. Sie wollte Halvar jedoch stets eine Stütze sein, solange sie noch am Herd des Vaters weilte und ihr Bruder sie brauchte.

Letztlich kam alles ganz anders. Die Hoffnung, einen liebenden Mann zu finden, der in ihr mehr als eine Prinzessin sah, wurde mehrmals enttäuscht. Hinzukam, dass der strenge Vater seine Töchter am liebsten mit Prinzen aus verbündeten Sippen vermählt sehen wollte. Geeignete Kandidaten hatte es viele gegeben. Einige waren am Widerstand des Königs gescheitert, andere hatte Ása abgelehnt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Alva war Ása letztendlich geblieben. Verbittert. Enttäuscht. Ein spätes Mädchen. Gut, sie war schon lange kein Mädchen mehr. Andere Frauen in ihrem Alter machten sich bereits Gedanken darüber, wann ihre Töchter das erste Mal bluteten und somit reif waren, um das heimische Nest zu verlassen. Die Götter schienen wohl andere Pläne mit ihr zu haben. So hoffte sie jedenfalls.

Das Rascheln unter einem mit Pelzen bedeckten Hügel unweit neben ihr, ließ die Frau wieder zurück in die Gegenwart finden. Leicht verschlafen schaute ein blaues Augenpaar unter einem Schafsfell empor. Das braune Haar seiner Besitzerin stand vom Schlaf ein wenig wirr ab. Müde rieb sich das Kind die Augen.

„Sind wir bald da?“, wollte das Mädchen nach einem herzhaften Gähnen wissen.

Ása konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Götter liebten sie wohl auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie musste versuchen, weiterhin Vertrauen in sie zu haben.
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