Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Erotik / Keepsake

Keepsake

GeschichteDrama, Romanze / P18
07.08.2019
12.11.2019
8
25649
43
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»What if I completely forget?
What if I never accept?
'Cause when you fade away
It's like a brand new doomsday.«

Doomsday
by Architects


KAPITEL EINS
Stahlgraue Augen

Ich schließe die Augen und blase genüsslich den Zigarettenrauch in die kalte Nacht, während in meinen Ohren noch die letzten Klänge des Songs nachhallen, den wir keine halbe Stunde zuvor auf der kleinen Bühne in der Lagerhalle performt haben. Mit dem Rücken lehne ich mich gegen den kalten Stein des Gebäudes, welches vor einigen Jahren von der Stadt zu einem Skatetreff umgebaut worden ist und durch zahlreiche privat organisierte Events viele Studenten des in der Nähe liegenden Montana State Colleges anlockt.
„Toller Auftritt, Gin“, höre ich plötzlich ganz in meiner Nähe jemanden sagen und ich öffne die Augen. Landon, ein Kommilitone aus dem Kurs Financial Services, kommt mir grinsend entgegen.
„Danke“, sage ich und führe die Zigarette wieder an die Lippen. „Ich wusste gar nicht, dass du solche Musik hörst.“ Es ist mir durchaus bewusst, dass die härteren Töne, die unsere Musikinstrumente produzieren, einen eher bescheideneren Zuhörerkreis anlocken – auch wenn unser improvisierter Auftritt heute anderes vermuten lässt, denn irgendein Idiot hat unsere Bandprobe als öffentliche Party bei Facebook eingetragen und somit noch ein paar mehr Schaulustige aus der Umgebung mobilisiert. Wenn ich irgendwann den anonymen Initiator in die Finger kriege, dann gnade ihm Gott.
Landon zuckt mit den Schultern, ehe er vor mir stehenbleibt und sich mit einer Hand lässig an der Wand neben mir abstützt. „Tue ich eigentlich auch nicht, aber ich genieße gerne die Show“, säuselt er.
Ein abfälliges Schnauben entfährt mir, als er sich zu mir hinabbeugt und mir ein Schwall alkoholgetränkten Atems entgegenweht.
Ich hebe eine Augenbraue und entsorge die Kippe. „Bist du besoffen?“
„Nüchtern genug, um im Bett meinen Mann zu stehen, Schätzchen“, antwortet er und lallt dabei so offensichtlich, dass ich mich über seinen aufrechten Gang wundere.
Wow, das ist doch mal eine Ansage. Ich habe zwar schon ein paar Mal mitbekommen, dass er mich aus der Ferne beobachtet hat, aber anscheinend hat er sich nun den nötigen Mut angetrunken, um mich auch anzusprechen. Was für ein Pech, dass ich seinen Höhenflug nun beenden muss.
„Nichts für ungut, Süßer, aber kein Interesse“, sage ich und hebe die Hand, was er allerdings wohl als Aufforderung sieht, diese zu ergreifen und sie neben meinem Kopf gegen die Wand zu drücken. Mein Körper verspannt sich blitzartig. „Hey!“
Landon lacht auf und stellt sich frontal vor mich.
„Lass mich sofort los“, sage ich gefährlich ruhig, was er auch augenblicklich in die Tat umsetzt, als hätte er sich die Flossen verbrannt.
Doch statt sich auf der Stelle zu entfernen, bleibt er einfach stehen. „Ich mag deine Haarfarbe“, raunt er und grapscht zur Verdeutlichung nach einer Strähne. „Blau ist ungewöhnlich.“
Eigentlich kenne ich Landon als einen recht ruhigen Kerl, der zwar häufig die Nähe einer ganz bestimmten Footballer-Clique sucht, aber im Normalfall nicht negativ auffällt. Ich zähle innerlich bis zehn und spüre die Wut in meinem Blut aufkochen, als er sich wieder meinem Gesicht nähert.
„Jones, ich warne dich“, sage ich nun etwas lauter, „wenn du dich nicht sofort verkrümelst, wirst du die längste Zeit deines Lebens deinen Mann gestanden haben.“
Es vergehen wenige Sekunden, in denen wir uns einfach nur anstarren – Landon mittlerweile mit einem eher nachdenklichen Ausdruck im Gesicht, während ich meinen gesamten Hass auf ihn niederregnen lassen –, als er plötzlich herumgerissen wird.
Ich blinzle einige Male perplex, bis mir bewusst wird, dass er eine Armlänge von mir entfernt am Kragen festgehalten wird, und ich den Eindringling erkenne.
„Cyrus!“, zische ich, mache einen Schritt vorwärts und packe den Angesprochenen am Arm. „Lass ihn los!“
Doch Cyrus ignoriert mich und starrt Landon stattdessen wütend an.
„Habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, dass das Video von Halloween gelöscht werden sollte?“, fragt er und verstärkt seinen Griff. Ich verstehe nur Bahnhof.
Landon gibt ein paar unverständliche Worte von sich, die stark nach Erklärungsnot klingen.
„Cyrus“, wiederhole ich, „der Typ ist sturzbesoffen. Egal, was du jetzt von ihm wissen willst, der checkt es nicht.“
Meine Worte zeigen Wirkung, denn Landon wird prompt losgelassen.
„Wir klären das später“, sagt Cyrus und Landon sieht zu, dass er Land gewinnt, indem er zurück in die Lagerhalle stolpert.
Mit einem Stirnrunzeln verschränke ich die Arme vor der Brust. „Was war das denn?“
Cyrus‘ stahlgrauen Augen treffen auf meine, ehe er seufzt und sich mit einer Hand durch die kurzen, blonden Haare fährt.
„Hat er dich belästigt?“, fragt er ausweichend, und kommt mir etwas näher, behält aber einen Anstandsabstand bei.
Ich muss bei seiner Frage beinahe lachen. „Ja, aber ich wäre auch ohne dein tapferes Eingreifen mit dem halben Würstchen klargekommen“, erwidere ich.
Ein schiefes Lächeln bildet sich auf seinen Lippen. „Daran habe ich nicht gezweifelt. Ich erinnere mich noch ziemlich gut an meine erste Party auf der MSC.“ Er lacht leise, während er seinen Blick in den Himmel richtet und sich gedanklich offenbar in die besagte Szene hineinversetzt. „Da war dieser Kerl, den du in Grund und Boden gestampft hast, als er es gewagt hat, dich anzugraben. Ich hatte beinahe Mitleid mit ihn.“
Meine Augen weiten sich erstaunt, als es mir ebenfalls wieder einfällt. „Daran erinnerst du dich noch? Das ist doch schon locker eineinhalb Jahre her!“, rufe ich.
Cyrus grinst verschmitzt. „Sagen wir so: Du hast mich ganz schön verunsichert, vor allem als ich gehört habe, dass der Typ eigentlich ein ziemlich harter Brocken ist, der sich nicht einfach abspeisen lässt.“
Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. „Sein Ruf interessiert mich nicht. Aber Moment ...“ Ich stemme eine Faust in die Hüfte und verlagere mein Gewicht auf das rechte Bein, während ich meinen Kopf schief lege und Cyrus skeptisch mustere. „Wieso hat es dich verunsichert, wenn ich irgendeinen Kerl in die Schranken gewiesen habe?“
Mein Gegenüber verschränkt die Arme vor der muskulösen Brust und schürzt die Lippen. „Puh. Wie sage ich das, ohne dass es wie eine billige Anmache klingt?“
„Egal, was du sagen wirst, es wird nicht so billig wie von Landon eben“, werfe ich augenrollend ein und er lacht.
„Was hat er denn gesagt?“
„Dass er nüchtern genug sei, um seinen Mann zu stehen, Schätzchen.“
Cyrus hält sich die Faust vor den Mund und prustet los. „Ernsthaft?“
Ich nicke mit einem gequälten Gesichtsausdruck, kann mir aber das Grinsen, das sich auf meine Lippen schleicht, nicht verkneifen. „Was wäre also Ihr Anmachspruch, Mr. Ward?“
„Okay, dagegen bin ich ziemlich lahm“, sagt er grinsend und kommt mir näher. „Pass auf.“ Er beugt sich vor und stemmt sich mit einer Hand neben meinem Kopf ab, ähnlich wie Landon nur wenige Minuten zuvor, nur dass ich nicht den Drang verspüre, mein Gegenüber sofort wegzustoßen.
Sein Gesicht kommt meinem noch etwas näher.
„Du bist mir damals schon aufgefallen“, raunt er und seine tiefe Stimme verpasst mir dabei ein Kribbeln, das meinen gesamten Körper hinabwandert und sich in meiner Mitte sammelt. Sein Blick schweift dabei für den Bruchteil einer Sekunde auf meinen leicht geöffneten Mund. Holla die Waldfee, was ist denn hier los? „Schätzchen“, fügt er kurz darauf dämlich grinsend hinzu und zerstört diesen eigenartigen Moment, in dem mein Nervensystem offensichtlich eine kurze Störung hatte.
Cyrus entfernt sich lachend von mir und ich schüttle innerlich mit dem Kopf, um mich wieder zu besinnen.
„Wahrlich nicht sehr originell“, gebe ich langsam zu. „Hatte ich da nicht gerade leuchtend pinkfarbene Haare?“
„Stimmt“, antwortet er und es klingt, als würde es ihm tatsächlich erst in diesem Augenblick einfallen.
„Aber deine vermeintliche Verunsicherung hast du ja mit Bravour abgelegt, wie ich sehe. Oder hast du immer noch Angst, mich anzusprechen?“ Ich forme die Hände zu Krallen und mache einen Schritt vorwärts, als würde ich ihn angreifen wollen. „Pass nämlich auf, ich beiße ab und zu.“
Cyrus bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle, stattdessen lacht er laut auf. „Oh, und wie verunsichert ich bin!“ Seinem Tonfall kann ich nicht genau entnehmen, ob er es ernst meint oder im Scherz sagt, was man mir wohl ansieht, denn er fügt sogleich hinzu: „Oder habe ich dich je nach einem Date gefragt?“
Meine Augenbrauen wandern überrascht nach oben. „Du wolltest mal mit mir ausgehen?“
„So ähnlich.“ Er schmunzelt und ich neige, nun endgültig verwirrt, meinen Kopf zur Seite. „Die Vergangenheitsform in deiner Frage ist nicht richtig.“
„Du … willst?“
Im selben Augenblick öffnet sich neben uns quietschend eine Seitentür der Lagerhalle, bevor Robbies dunkler Wuschelkopf erscheint. Mein Bandkollege beweist ein ausgesprochen perfektes Timing.
„Gin, möchtest du noch deinen Bass in die Band-Höhle bringen? Nevan ist schon weg und ich möchte abschließen. Oh, hi, Cyrus. Stör ich euch zwei gerade?“ Grinsend kommt er auf uns zu und lässt dabei den Schlüsselbund spielerisch um seinen Finger kreisen.
Ich verdrehe die Augen ob des Wortes, welches unser Sänger Toby und er für unseren schäbigen Bandraum – in Anlehnung an die Bat-Höhle von DC – zu etablieren versuchen, während ich gleichzeitig den Kopf schüttle. „Ich komme gleich.“
Robbie und Cyrus begrüßen sich indessen mit einem Handschlag.
„Guter Auftritt“, sagt letzterer und Robbie kratzt sich verlegen am Hinterkopf.
„Danke, Mann. Hat Spaß gemacht, aber es waren echt viele Leute da. Wir müssen dringend etwas gegen diese Facebook-Partys machen.“
„Meine Rede“, werfe ich ein, weil ich bereits mehrmals vorgeschlagen habe, einen Aufruf zu starten, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten.
„Ja, aber Kopfgeld ansetzen geht vielleicht doch etwas zu weit“, erwidert Robbie und ich zucke gleichgültig mit den Schultern. „Wie auch immer. Kommst du?“ Er macht einen Schritt rückwärts und zeigt mit dem Daumen auf die Tür, aus der er gekommen ist. „Ich muss dringend los, weil ich gehört habe, dass meine Schwester angeblich abgefüllt wurde und Sixten sie wohl nach Hause gefahren hat.“
„Hast du Angst, dass sie übereinander herfallen?“, frage ich lachend und Robbie rollt mit den Augen.
„Eher, dass sie sich gegenseitig zerfleischen. In letzter Zeit brennt die Luft, wenn die beiden aufeinandertreffen“, antwortet er und legt die Hand an die schwere Stahltür.
Ich presse die Lippen zusammen, um keinen blöden Kommentar abzugeben. Denn Fakt ist: Was da zwischen Nika und Sixten abläuft, geht über das einfache Necken von Rivalen aus Kindheitstagen hinaus. Aber ich mische mich da lieber nicht ein, bevor Robbie, der als großer Bruder und bester Freund oft zwischen die Fronten gerät, noch seinen hübschen Kopf verliert.
Schmunzelnd wende ich mich von Robbie ab, der hinter der Tür verschwindet, zu Cyrus, der sich aus der kleinen Unterhaltung herausgehalten hat. Einen Wimpernschlag lang glaube ich, einen nachdenklichen Ausdruck in seinen Augen zu sehen, ehe der gewohnte Schalk in ihnen aufblitzt und sich ein freches Grinsen auf seine Lippen legt.
„Wir sehen uns ja“, sage ich schlicht und hebe in einer halben Drehung die Hand, als Cyrus plötzlich einen Schritt vorwärts macht und mich am Arm packt.
Seine Berührung ist unerwartet sanft, was ich bei seinem durchtrainierten Körper nicht erwartet habe. Ich habe ihn einmal oberkörperfrei gesehen und muss schon zugeben, dass es ein ziemlich netter Anblick gewesen ist.
Während noch die Bilder seiner angespannten Brustmuskeln vor meinem inneren Auge tanzen und mein Körper angenehm kribbeln lassen, beugt sich Cyrus zu mir vor.
Sein Mund schwebt nur knapp über meinem Ohr. „Die Sache mit dem Date … das meinte ich ernst“, raunt er und das Kribbeln mutiert zu einer waschechten Gänsehaut, die meinen Rücken hinaufkriecht. „Du hast ja meine Nummer.“
Dann lässt er mich los, doch sein warmer Atem bleibt nah an meiner Haut.
„Und im Übrigen“, fügt er ebenso leise mit tiefer Stimme hinzu, „ist deine Drohung das Letzte, was mich abschrecken würde.“
Verwirrt und mit pochendem Herzen starre ich ihn an.
„Ich würde mich sogar liebend gerne von dir beißen lassen.“ Mit diesen Worten entfernt er sich rückwärts von mir, macht eine Handbewegung zum Abschied und dreht sich um, bevor er aus meinem Blickfeld verschwindet.

✼ ✼ ✼


Ein herzliches Willkommen zum 4. Teil der MSC-Reihe!

Nach Ana und Diego feiern nun auch Gin und Cyrus endlich Premiere. ;)

Wie auch schon bei den Vorgängerstorys heißt es: Diese Geschichte kann unabhängig der Reihe gelesen werden, aber für das bessere Verständnis (und hoffentlich einen größeren Lesegenuss :P) empfehlen wir euch parallel hierzu mindestens die Lektüre von „Two Faces".
Wir waren wieder fleißig und haben einige Crossover eingebaut! :)

Außerdem sind hiermit alle, die „Invisible“ und „Game of Hazard“ noch nicht gelesen haben und es noch vorhaben, vor Spoilern gewarnt!

Zudem sind wir seit neuestem mit einem gemeinsamen Account bei Wattpad vertreten.

Aber genug des Werbeblocks ...
Der Upload erfolgt alle zwei Wochen, immer im Wechsel mit TF. Wöchentlicher Input somit garantiert. :)

Wir freuen uns über Rückmeldungen aller Art!

Liebste Grüße
CK & MI

PS: TRIGGERWARNUNG – für alle, die auf Nummer sicher gehen möchten.

Nach einer Umfrage auf unserem Instagram-Account  hat sich die Mehrheit für die Angabe einer Triggerwarnung ausgesprochen, die wir hiermit auch in die Tat umsetzen: Sowohl „Two Faces" als auch „Keepsake" werden Tod, Krankheit und Suizid thematisieren, wenn auch nicht in die Tiefe gehend. Keine unserer Protagonistinnen wird mit Suizidgedanken oder selbstverletzendem Verhalten zu kämpfen haben, das können wir so frei schon mal ausschließen.
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