The Colors of the Waterfall

GeschichteDrama, Romanze / P16
Billy Black Carlisle Cullen Jacob Black Mary Alice "Alice" Brandon Cullen OC (Own Character) Paul
07.08.2019
26.02.2020
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~ Frohe Weihnachten euch allen, auch wenn es hier vielleicht ein bisschen spät kommt ~
Mein Blick ging nach oben in den bleiverhangenen Himmel. Die Wolken hatten sich mal wieder ihren Platz am Baldachin erkämpft und ließen nur gedämpft das Licht hindurch. Weiße kleine Flocken fielen lautlos auf die Umgebung und auf mich. Der Winter, er war nun doch vollends eingebrochen. Wahrscheinlich würde der Schnee erst im Frühling wieder schmelzen, denn der Nordwind war so kalt und erbarmungslos geworden. Im Fernsehen hatte man gesagt, dass es vermutlich ein Jahrhundert Winter werden würde.
Der Schnee häufte sich bereits mehrere Zentimeter auf, sodass meine Tatzen tiefe Spuren in ihm hinterließen. Mein Weg führte mich über diese winterliche Szenerie. Scheinbar waren alle Geräusche des Waldes von der weißen Denke geschluckt worden. Diese Stille wurde nur durch das Knacken des Schnees unter mir gestört.
Ich kannte kein bestimmtes Ziel, aber ich wusste, dass ich noch gebraucht wurde. Rastlos sah ich mich umher. Das ‚Wo' müsste ich nur herausfinden. Also beschleunigte ich meine Schritte und verfiel ich einen langsamen Trab. In mir brachte mich diese Unruhe aus dem Konzept. Es gefiel mir nicht, dass ich nicht wusste, wo ich hin musste, ganz zu schweigen von dieser Unruhe in mir.
Doch dann.
Ein Knacken eines Astes. Sofort stoppte ich meinen Lauf und drehte mich zu dem Geräusch um. Ich erkannte das erstarrte Gesicht sofort, die roten Augen, dieses Grinsen. Er durfte nicht hier sein. Nicht in meinem Wald, der mein zuhause war. Nicht hier, wo meine Familie sicher sein sollte.
Aber war ich nicht dumm, ich wusste, weswegen er hier war. Nicht wegen den anderen, nicht wegen irgendwelchen Vampiren, die hier mordeten und anderen das Leben raubten...
Nein.
Er war hier wegen dem Leben in mir. Er wollte mein Leben rauben.
Aus dem tiefsten Inneren meines Halses erklang ein bedrohliches Donnergrollen, welches mein Gegenüber nur verzückte. „So gern ich dir zuhören würde, kann ich dich doch so nicht verstehen." Er sprach mit einer leisen Stimme, nichtsdestoweniger war sie nicht minder bedrohlich.
Mir war durchaus bewusst, dass wenn ich mich zurückverwandeln würde, ich meine stärkere Machtposition aufgeben würde. Aber so schnell er mich angreifen könnte, würde ich erneut meinen Wolfspelz anlegen. Ich würde ihn nicht an mich heran kommen lassen, nicht hier in meinem Revier, meinem Zuhause… meinem Leben.
Ein paar Schritte ging ich noch auf ihn zu, ehe meine nackten Beine in dem Kniehohen Schnee versanken. Noch immer hatte ich diesen Drang in mir, ihn am liebsten anzuspringen und aus diesem Wald herauszuzerren, denn seine Existenz hier war falsch. Ob in einem oder in Stücken läge ganz bei ihm und seinem Benehmen.
Seine Augen tanzten, als er die winzige Wölbung meines Bauches vernahm. „Jane hatte also doch Recht." Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Kaya, meine Liebe, dir ist doch hoffentlich klar, was du damit angerichtet hast, nicht wahr?" Aro deutete mit seinem Blick auf meinen Körper und trat auf mich zu. Noch gut fünf Meter trennten uns.
„Ich werde es nicht zulassen, dass ihr unser Kind uns wegnehmt." Sprach ich ruhig und bedächtig. Seine dunkle Kleidung hob sich von dem Schnee ab, so wie es seine dunklen Haare von seiner Haut taten. „Wirst du? Dir war die Schuld deines Handelns gewiss bewusst. Mein Kind, du bist nicht dumm. Wieso sollten wir also nicht handeln?"
„Du bist es mir verdammt nochmal schuldig!" Schrie ich dem Mann entgegen, während das Baby in meinem Bauch wie wild strampelte. „Ach, bin ich das?" Fragte er vergnügt, während er einem Kreis um mich herum schlich, ganz einem Tier gleich, dass seine Beute umkreiste. Seine Augen tanzten. „Mir wäre es neu, dass ich dir irgendetwas schuldig bin. Außerdem bist du alleine, was also hält mich davon ab zu handeln?"
„Wie auch ich, bist du ebenso alleine." Wies ich ihn auf jene Tatsache hin. Er blieb hinter mir stehen. Ich konnte seinen Blick auf meinem Rücken spüren, wie er dort durch meinen Rücken stach. Meine Miene war noch immer auf die Stelle gefesselt, von der er losgegangen war. Die Schneedecke, die er hinterlassen hatte, war mit tiefen Furchen gezeichnet.
„Du hast Mutter umgebracht."
Erneut war die Stille in den Wald zurückgekehrt.
„Ja, das habe ich." Gab er offen zu. „Dennoch bleibt die Frage, wieso ich dir deswegen ein Leben schuldig bin." „Ein Leben für ein Leben. Du hast mir meine Mutter grundlos genommen. Sie hat nicht gegen eure Regeln verstoßen. Wie heuchlerisch ist es denn bitte von dir, wenn du als euer König gegen deine eigenen Regeln verstößt?"
Erst jetzt drehte ich mich um. Aro stand direkt vor mir. Sein Lächeln war einer harten Miene gewichen. Kalt und berechnend sahen seine in die meinen.
„Bedenke deinen Platz, Wolf." Sprach seine Stimme bedrohlich. „Vielleicht würde dir ein kleiner Sieg gelingen, doch gibt es noch mehr und gegen diese Überzahl habt ihr keine Chance. Wir würden euch alles wegnehmen. Es wäre nicht das erste Mal, das ein ganzes Dorf verschwinden würde. Jeder, der dir etwas bedeutet, würde seinen Tod finden." Aro versuchte gar nicht mehr seine Drohungen zu verbergen.
„Ein Leben für ein Leben." Wiederholte ich mich ruhig. „Mehr verlange ich gar nicht." Ich konnte seine Kiefer arbeiten sehen. Scheinbar dachte er wirklich über dieses Angebot nach.
Etwas kitzelte an meinem Fell. Dieses Kitzeln riss mich unsanft aus meinem Schlaf. Es hätte mir klar sein sollen, dass dies ein Traum gewesen ist, konnte ich doch wieder sehen. Ernüchternd stellte ich fest, dass die Blindheit mir noch immer einen Teil meiner Sicht raubte.
Ich sah den Wald sich vor mir erstrecken, doch lag ich im Schnee, der wohl in der vergangenen Nacht gefallen war und mich nun einhüllte. Schnell stand ich auf und schüttelte das gefrorene Wasser von meinem Rücken.
„Du bist wach." Ich drehte meinen Kopf zu meiner rechten Seite. Mein gesundes Auge erkannte Carlisle, der noch immer in seinem Gehrock neben mir stand. Es war das erste Mal, dass er mich im Wald gefunden hatte. Wie, wusste ich nicht. Seine Hand berührte mein Fell. „Wir gehen lieber nach Hause..." Schlug er vor.
Suchend blickte ich zurück. Mir war nicht bewusst, wie ich hergekommen war, oder wie lange Carlisle schon an meiner Seite verweilte. Ich wusste nur, dass dieses impulsive Verhalten, gestern fast das Leben eines Menschen gekostet hatte. Wäre nicht noch jemand gekommen... Wahrscheinlich hätte der Schnee dann den blutigen Leichnam von Lauren Mallory bedeckt.
Bei dem Gedanken an ihre Worte wäre ich am liebsten zurückgekehrt und hatte das versäumte von gestern nachgeholt. Gerne hätte ich ihre Haut von ihren Knochen geschält und sie leiden lassen.
Ich verlor scheinbar nicht nur die Kontrolle über meine Sicht, sondern auch über mein Empfinden. Dieser Jähzorn, war er wohl schon immer in mir gewesen und nun von neuem entfesselt, oder kam er von diesem Ding in mir? Ich konnte es mir nicht erklären.
Der erste Schritt war mir schwergefallen, es hatte sich so angefühlt, als wäre ich auf dem Boden festgefroren gewesen. Aber hatte ich nun meinen eigenen Trott gefunden und mir die Rachegelüste aus meinem Kopf geschlagen. Meine Nase hing kurz über der Schneedecke und wirbelte dort einzelne Flocken auf, während meine Tatzen im Schnee stapften. Ich suchte in dem gefrorenen Wasser die Spur des Mannes aus meinem Traum. Auch, wenn ich hoffte diese Spur hier nicht zu entdecken. Denn diese Überraschung aus meinem Traum wollte ich gewiss nicht in der Wirklichkeit erleben.
„Kaya."
Ich sah zurück. Mir war nicht aufgefallen, wie sich Carlisle zurückfallen ließ. „Was ist gestern eigentlich los gewesen?" Fragte er. „Wenn da irgendetwas in der Schule ist, dann sag es doch bitte. Möglicherweise kann ich helfen. Irgendwie... aber bitte sprich." Als ich mich zurück verwandelte, kam ich im hohen Schnee ins Straucheln. Fast wäre ich gefallen, bevor ich mich in der letzten Sekunde gefangen hatte.
Am Liebsten hatte ich ihm unter Tränen alles entgegen geschrien, dass mein Problem nicht in der Schule lag, sondern in mir... das ich Krebs hatte und ich wahrscheinlich meinen nächsten Geburtstag nicht erleben würde. Vermutlich würde ich bald im Sterben liegen und meine Haut würde so weiß sein, wie die seine… Man würde mich in einem Loch in der fauligen Erde verscharren, sodass mich die Würmer zersetzen und den Kreislauf des Lebens vollenden könnten.
In meinem Kampf gegen den jungfräulichen Schnee rang ich mich näher zu ihm. „Ich habe nur ein bisschen Kopfschmerzen gehabt." Log ich mit einem Lächeln im Gesicht. In mir kämpfte ich gegen die Tränen an, die ich mir nicht zugestand zu vergießen. „Das ist alles ein bisschen viel zurzeit." Diese Worte hingegen waren tatsächlich aufrichtig. Es war zu viel für mich, doch würde mich mein Stolz nicht um Hilfe bitten lassen. Erst recht nicht bei ihm, denn dann könnten die Leichengräber direkt ein größeres Loch ausheben. Arme schlangen sich um meinen Körper, der dem härtesten Winter seines Lebens ausgesetzt zu seien schien. „Wir hätten doch nicht gehen müssen."
Eine kleine Träne lief unbemerkt über meine Wange, während ich mir die unberührte Schneedecke ansah. Würde ich den nächsten Winter wohl sehen? Wohl kaum. „Doch mussten wir." Flüsterte ich und verdrängte die Tränen, die sich an die Oberfläche kämpfen wollten. „Ich möchte doch nur, so viele schöne Momente mit dir erleben, wie ich kann..."
Ein Kuss auf meinen Scheitel, es war der Fünfhundertsiebenundsechzigste.
Die Unendlichkeit schien so entfernt zu sein, wobei sie doch so nah lag.
Die nächste Woche erwischte mich kälter, als es die vergangenen Tage geschafft hatten. Der Schmerz war nun zu einem ständigen Begleiter, er schien mein Schatten geworden zu sein. Ich rechnete schon jeden Tag damit, komplett zu erblinden, oder gar nicht mehr aufzuwachen. Eigentlich hätte ich eine Brille gebraucht. Die Bücher, die ich ‚las' blätterte ich im Grunde nur durch. Die kleinen Buchstaben waren zu verschwommen, als das ich sie wirklich lesen hätte können. Nur, wenn sie eine gewisse Größe hatten, konnte ich sie noch lesen. Und jeder Tag, an dem ich aufwachte und die weiße Decke des Schlafzimmers erkennen konnte, war wie ein Geschenk für mich.
Heute wäre eigentlich ein weiterer Termin in Seattle gewesen. Doch anstatt dorthin zufahren saß ich an den Klippen und ließ mir den mit schneegefüllten Wind durch die Haare wehen. Ich versuchte mir jedes Detail dieser Aussicht in meine Seele einzubrennen. Wer weiß, wie es auf der anderen Seite aussehen würde. Dafür, dass es so stürmisches Wetter war, fand ich den Ozean ruhig vor. Bedächtig rollten die Wellen zu dem Kies. Ein Teil des Wassers hatte sich in Eis verwandelt.
Ich lehnte an einem Baum und hatte die Arme um meinen Bauch geschlungen. Wie so oft saß ich hier, wenn ich alleine sein wollte. Doch wie so oft hatte dies nicht funktioniert. Der Schnee knarzte, als sich Paul neben mich fallen ließ.
„Was machst du schon wieder hier? Versteckst du dich etwa hier? Langsam glaube ich, dass es Ärger im Paradies gibt." Mit einem Grinsen sprach er. Wie falsch er doch lag, obwohl er eigentlich Recht hatte. In seiner Hand hatte er ein Stück Dörrfleisch, auf dem er nun bedächtig rum kaute. „Paul. Wenn ich dich bitten würde, mich nach Seattle zu fahren, würdest du es machen?" Langsam entriss ich dem Meer meinen Blick und sah zu ihm. „Wieso fragst du Doktor Fangzahn nicht? Jetzt wo du so einen coolen Wagen hast, ist die Strecke doch wie im Flug vorbei." Ein weiterer Bissen des Dörrfleisches verschwand in seinem Schlund.
„Er weiß es nicht." Erneut sah ich zum Meer. Eine weitere Welle brach an dem kiesigen Ufer, glitt über die Eisschicht und spritzte auf den niedergefallenen Schnee. „Was weiß er nicht?" „Das ein versprochenes ‚für immer' manchmal einfach nicht reicht. Manchmal wird es kaltherzig zerschnitten." Nervös drehten meine Finger an meinem Ehering. „Hör zu, wenn du Hilfe bei etwas brauchst... Du weißt, dass ich dich immer beschützen würde." Kalt lachte ich auf. „Das klingt nett, aber du kannst mich nicht vor meinem eigenen Körper beschützen."
Grob wurde ich an meiner Schulter gepackt und umgedreht. „Was zur Hölle meinst du." Unweigerlich musste ich in sein wütendes Gesicht sehen. „Es gibt Dinge, vor dem mich selbst ein ‚Beschützer' nicht beschützen kann, Paul. Selbst, wenn du es versuchen würdest. Ich habe Krebs. Da sitzt ein Tumor in meinem Kopf und..."
Das Rauschen des Meeres schien auf einmal die Stille zwischen uns zu füllen. Als hätte man bei einem Film, denn man die ganze Zeit tonlos sich angesehen hätte, nun den Ton auf voller Lautstärke an. Es toste in meinem Kopf. Einen Moment sah ich aus dem Augenwinkel zu den Wellen.
Langsam begann ich meinen Kopf zu schütteln. „Du hast Recht, dass ich mich hier verstecke. Ich werde blind. Auf meinem rechten Auge kann ich seit Wochen nicht mehr sehen. Die Sehkraft auf meinem linken wird auch nicht besser. Jede Sekunde, die ich dort bin, ist eine Qual. Denn ich spiele ihnen allen etwas vor. Aber jede Sekunde, die ich es nicht bin, verletzt mich ebenso... Denn ich weiß nicht mehr, wie lange..." Durchbrach ich die Stille.
Ich griff mir in meine Haare und raufte sie. Auf einmal war aus gerechnet bei ihm dieser Damm des Schweigens gebrochen. Nein, gebrochen war das falsche Wort. Er war explodiert, mit der Wucht einer Weltkriegsbombe.
„Wer weiß es?" Langsam zog ich meine Beine an und umschlang sie mit meinen Armen. „Du bist der Dritte, der es weiß. Jake war dabei, als ich die Diagnose bekommen habe. Edward hat es gesehen... und jetzt… du."
Nun lehnte sich auch Paul an einen der Bäume, sein Blick ging in das kahle Geäst, welches uns im Sommer so oft Schatten gespendet hätte, doch diese Zeiten waren mit meiner guten körperlichen Verfassung verloren gegangen.
„Was ist mit Billy und Charlie?" Ich schüttelte den Kopf und kämpfte mit der Luft. Auf einmal war sie zu kalt zum Einatmen, es fühlte sich an, als würden Messer meine Lungenflügel zerschneiden, während sich meine Kehle zuschnürte. Meine Stimme erstickte. „Ich will nicht... Sie sollen nicht..." Tränen stoben über mein Gesicht hinab in den Schnee.
„Wie lange weißt du es schon?" Meine Hände versuchten die Tränen auf meinem Gesicht wegzuwischen. „Der Autounfall. Sie wollten sicher gehen, dass ich keine Blutung im Gehirn habe." Abermals schüttelte ich meinen Kopf. „Aber eine Blutung haben sie nicht gefunden."
„Du hättest es mir eher sagen können. Du hättest es mir eher sagen MÜSSEN."
Ein letztes Mal versuchte ich diesen hoffnungslosen Kampf gegen meine Tränen zu gewinnen.
„Damit du genauso daran zu Grunde gehst, wie Jake? Ich sehe es doch, wie es ihm damit geht. Seine Noten... er sitzt nur noch zu Hause. Quil und Embry hat er seit Wochen nicht mehr wirklich gesehen. Er will nicht mit mir reden. Und mit Vater schon gar nicht. Was ist denn dann bitte, wenn ich nicht mehr da bin? Was soll dann mit euch werden?" Ich schluckte. „Ich habe dem Arzt gesagt, er soll sich nicht um mein Leben kümmern... Er soll sicherstellen, dass..." Meine Hand legte sich auf meinen Bauch. „Und du möchtest, dass ich dich zum Sterben nach Seattle fahre? Das keiner weiß, dass du draufgehen wirst, wenn ich dich dort hinbringe?!" Auf seinem Gesicht zeigte sich die Wut wieder, die ich in den vergangenen Wochen gespürt hatte. „Nein... jedenfalls hoffe ich nicht, dass ich sterben werde. Dort werde ich mich operieren lassen... Vielleicht klappt es ja... Vielleicht überleben ‚wir' es ja. Es ist meine letzte Chance."
„Wann?"
„Diese Woche Sonntag. Am Montag ist die Operation."
Paul sah ungläubig zu mir. „Ich dachte am Sonntag ist eure ‚super‘ Aufführung in der Schule. Dein Dad redet seit Tagen über nichts anderes mehr. Sogar Charlie hat er eingeladen dazu." Leicht nickte ich. „Danach."
Einen weiteren Moment schwiegen wir uns an. Ein starker Arm drückte mich gegen eine heiße Schulter. „Ich mache es. Unter einer Bedingung." Sprach er mit einem Grinsen. „Ich darf den Mercedes fahren." Ein verweintes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. „Ja, ja... gern."

-Sichtwechsel-
„Warum dauert das denn so lange?" Rosalie sah auf die Uhr, die an ihren Handgelenk schlug. „Ich dachte es sollte um sechs anfangen. Wir haben schon viertelnach sieben." Leise drehte ich mich auf meinem Sitz um.  Meine Augen fanden schnell, was ich suchte. Ihr Vater, der in der hintersten Reihe seinen Platz gefunden hatte, schien ebenso verunsichert zu sein, wie wir es waren. Nervös blickte er zur Bühne und dann in meine Augen.
Carlisle war am Anfang bei ihm gewesen und hatte mit ihm gesprochen. Die Tatsache, dass Kaya ein Kind von Carlisle erwartete, hatte ihren eigentlichen Vater etwas milder ihm gegen über gestimmt, doch schien er noch immer, dass was wir waren, zu verteufeln.
„Vielleicht fehlt noch einer." Meine Augen gingen zu Jasper. Seine Augen sahen erwartungsvoll zu mir, als wüsste ich die Antwort. Doch musste ich ihn dort enttäuschen, ich wusste es nicht. Aber seine Erklärung schien mir logisch zu sein. Emmett, der am Gang saß, war bereits aufgesprungen. „Ich frag einfach mal nach." Mit diesen Worten war er bereits verschwunden.
Es hatte keine fünf Minuten gedauert, dann war er schon wieder bei uns. „Kaya fehlt. Ihre Sachen sind zwar da, aber sie ist scheinbar nicht hinten." Stellte er bei seinem wieder kommen fest. „Carlisle ist auch noch draußen. Vielleicht haben sie sich ja gegenseitig aufgehalten." Von Emmett war ein Kichern zu vernehmen. „Naja nochmal schwängern wird in ihrem Zustand ja nicht möglich sein." Ich verdrehte meine Augen und erhob mich. „Vielleicht sollten wir einfach mal nachsehen?“
Gemeinsam ging unsere kleine Truppe nach draußen. Der menschenleere Parkplatz wurde von einzelnen Laternen beschienen, sodass der Schnee glitzerte. Vereinzelt fielen ein paar Flocken noch auf den Boden. Es war ein schöner Abend, den ich gerne mit meiner Familie verbrachte.
Aber ich wurde eines Besseren belehrt, als wir um die nächste Ecke bogen. Carlisle lehnte an der Motorhaube seines Wagens. In seiner Hand hielt er einen Brief, doch sein leerer Blick war auf uns gerichtet.
Der Abstand zwischen uns war schnell überwunden. Zu schnell, als das es hätte menschlich wirken können. „Was stinkt hier nach Köter?" Empört hielt sich Rose die Nase zu. Carlisle hielt den Brief hoch. „Ich kenne den Geruch. Der Brief wurde von einem jungen Mann aus dem Reservat hergebracht." Er hielt kurz den Brief hoch, als hätten wir ihn noch nicht bemerkt. „Von wem ist er?" Anstatt ihr zu antworten reichte er den Brief Rose.
„Carlisle, bitte verzeih mir diese Zeilen. Das, was ich hier versuche zu sagen, kann ich jedoch nicht erklären oder gar in Worte fassen. Am liebsten würde ich es dir gerne in dein Gesicht sagen, so wie du es eigentlich verdient hättest. Doch hoffe ich, dass wenn du diese Zeilen hier liest, uns schon etliche Kilometer trennen.
Noch immer fallen mir nicht die richtigen Worte ein, die dich verharren lassen. Es ist ein Flehen, denn selbst wenn ich nun gehe, möchte ich dich in Sicherheit wissen. Dies hier ist einer meiner traurigsten Tage sein, obgleich ich auch weiß ob oder wann du mir vergeben kannst. Auf Wiedersehen, meine gute Seele. Meine Liebe für dich wird niemals enden. Du wirst in meinem Herzen leben, bis zu seinem letzten Schlag."
Ratlos blickten wir in die Runde. Dieser Brief warf mehr Fragen auf, als er beantwortete. „Sie kann doch nicht einfach jetzt verschwinden. Ich dachte sie hätte diese Bindung zwischen euch... Diesen Hokuspokus." Emmetts Stimme klang weit weg, wie durch einen Tunnel. Ein entferntes Knacken war zuhören, gefolgt von einem Klirren. Doch fesselte mich ein Bild zu sehr, als dass ich mich wirklich auf das Splittern des Glases konzentrieren könnte.
Ich sah einen weißen Tag.
Schneeflocken fielen dicht und dick vom Himmel herab und bedeckten die, ohne hin, schon mit Schnee bedeckte Wiese, auf der ich stand. Scheinbar war ich auf einem Friedhof, denn unter der Schneedecke konnte ich einzelne Grabsteine erkennen. Auch sie hatten weiße Häubchen aufgesetzt. Die Bäume hatten ihre kargen Äste ebenso in Schnee gehüllt. Alles wirkte so kalt und  traurig. Doch irgendwo in der Ferne ertönte ein Weihnachtslied.
Eine Ansammlung von Leuten stand um ein frisch ausgehobenes Grab verteilt.
Das Loch neben mir war die letzte Ruhestätte eines schwarzen Sarges geworden. Einzelne Flocken schmolzen auf der polierten Oberfläche, ehe auch hier sich ein weißer Schleier bildete.
Die Menge hatte sich in dicken Jacken und Schals hier versammelt. Ihre Gesichter, die unter ihnen versteckt waren, ich kannte sie. Es waren unter anderem wir, doch jemand fehlte in unserer Mitte. Die Stimme des Paters ertönte. „Nur der Zeit wird nachgesagt, dass sie heilen kann. Doch werden Jahre vergehen, bevor wir alle wieder atmen können..."
„Was siehst du?" Schnell versuchte ich mir jeden Moment des Anblicks einzuprägen. Offenbar war ich mit meinen Knien vorn heran in den Schnee gefallen, wenngleich ich mich noch immer an diesen Bild klammerte.
„E..." Ich schluckte. Meine Stimme klang nicht stark genug, um die Worte auszusprechen. „Alice was siehst du." Der Druck in der Stimme von Rosalie wurde fordernder. „Ich sehe..." Eigentlich wollte ich es nicht äußern, der Blick auf Carlisles Gesicht, er machte es nur umso schwieriger einen Ton heraus zu bringen.
„Ich habe Kayas Beerdigung gesehen. Wir waren alle auf ihrer Beerdigung." Flüsterte ich. Meine Augen rasten über den glitzernden Schnee vor mir, es wirkte alles so falsch.
Carlisle riss seine Arme hoch und drehte sich weg. Noch nie habe ich eine solche Reaktion bei ihm erlebt. „Bitte was?" Kam es von Rosalie. Ungläubig griff sie nach meiner Schulter. „Alice. Sag mir, dass es nicht wahr ist."
Edward hingegen schien das Ganze nicht zu überraschen, wütend mahlten seine Kiefer. „Es ist wahr." Kam es von ihm ungestüm. Er sah nun zu Carlisles Rücken. „Warum sollte das passieren?" Emmett war so überrascht, wie wir anderen.
„Kaya hat Krebs. Deswegen will sie in letzter Zeit immer zu Fuß gehen. Sie wird blind und kann nicht mehr Auto fahren. Eigentlich hatte sie geplant, sich behandeln zulassen. Scheinbar hat sich das wohl erledigt." Den letzten Satz spuckte er fast aus.
Erst jetzt fiel mir der abgeschlagene Seitenspiegel auf. Seine Splitter lagen verteilt im Schnee, wo sie den dunklen Himmel spiegelten. Ich konnte jedes einzelne Wort so gut hören, wie ich es zu meinen menschlichen Zeiten wahrscheinlich nicht gekonnt hätte. Doch drangen diese Worte in meine Ohren und ergaben dort keinen Sinn.
Aus der Ferne kamen Stimmen näher auf uns zu. „Ich werde mich einfach mal erkundigen, es kann ja nicht sein, dass sie einfach weg ist." Es war der Polizeichef, der sprach. Wir alle drehten uns zu der Stimme um. Er erschien mit Kayas Vater und ihrem kleinen Bruder im Schlepptau, wahrscheinlich hatten auch sie nun das Warten satt. Für einen sehr langen, unangenehmen Moment sahen wir uns an.
Ihr Bruder sprang die Stufen herab und stapfte durch den Schnee zu uns. Sein Gesicht zeigte eine Wut, die unserem Schmerz in nichts nachstand. „Wo ist sie?" Direkt vor Carlisle blieb er stehen und starrte hoch. Seine Stimme war ein gefährliches Flüstern. „Was habt ihr mit Kaya gemacht?" „Wenn wir das wüssten, wären wir wohl nicht mehr hier." Zischte Rosalie ihm als Antwort zurück. Der Junge sah nun zu ihr. „Es musste doch schließlich so kommen. Ohne euch-" „Ohne uns wäre sie nicht krank geworden?" Sie stellte sich beschützend vor Carlisle und stierte zu dem Kleinen. „Wäre mir neu, dass Krebs sich aufgrund der Gesellschaft entwickelt."
Carlisle schüttelte leicht seinen Kopf. „Rose, ist gut." Sprach er und packte sie an ihrer Schulter. „Jemand aus dem Reservat hatte scheinbar einen Brief von ihr an meinen Wagen gesteckt. Wenn jemand weiß, wo sie ist dann er." „Nein. Das kann nicht sein-" „Ich bitte dich, Jacob. Frag nach." Flehte Carlisle.
„JAKE?" Es war ihr Vater, der nach dem Jungen rief. „Kommst du bitte?" Ihr Bruder drehte sich um und begann erneut zu laufen. Mein Blick ging durch die Runde, während meine Gedanken nur rasten. Wieso hatte sie nie etwas gesagt?
„Wir finden sie schon." Sprach ich zu Carlisle. Jener hatte sich offensichtlich noch immer nicht beruhigt und haderte gerade mit sich, ob er hier verweilen oder nach ihr suchen sollte.
„Ihr Wagen steht noch da." Bemerkte Emmett. In schnellen Schritten war er bei ihm. Doch die dicke Schneedecke zeugte davon, dass der Wagen in dieser Woche nicht mehr bewegt wurde. Mit einem ‚Beepbeep' wurde er entsperrt. „Emmett, hast du dir allen Ernstes den Zweitschlüssel genommen?" Kam es von Rose.
Dieser zuckte nur mit seinen Schultern und setzte sich in den Wagen. „Sie wollte doch nie, dass wir ans Handschuhfach gehen, vielleicht ist da ein Hinweis." Er öffnete das Handschuhfach. Ein Schwall an Zetteln kam hervor, die er herausnahm und darin rumzuwühlen begann. „Carlisle, das ist eher dein Fachgebiet." Sprach Emmett und schwang sich aus dem Wagen.
Carlisle hatte sich wohl entschieden zu bleiben und trat näher an den Wagen heran. Scheinbar waren es die Jahrhunderte seines Ärzteseins, die nun die Angst durch einfaches Funktionieren ersetzte. Behände zog er drei Dosen mit Medikamenten heraus. „Codein, Dexamethason, Lorazepam..." Carlisle sah sich die Verpackungen genauer an, ehe er sie auf den Beifahrersitz legte. „Das sind sehr starke Medikamente... in der Dosierung..." Überlegend blätterte er nun durch die Zettel, die Emmett ihm gereicht hatte. Er zog seine Augenbrauen zusammen, ehe er langsam den Kopf schüttelte. „Das sind zwar alles ihre Unterlagen und es hilft mir auch zu verstehen, was genauer da los ist... Aber es gibt kein Hinweis, wo sie sein könnte." Sprach er. „Aber, wenn Edward sagte, dass sie sich operieren lassen wollte-" Sprach Emmett.
Carlisle hob einen Zettel hoch. „Hat sie ihre Einweisung vergessen."

-Sichtwechsel-
Der Motor des Wagens, in dem ich saß, war nahezu bedächtig. Sicher war er ein wenig in die Jahre gekommen, doch wurde sich immer gut um ihn gekümmert und das merkte man.
Meine Augen waren geschwollen und die letzten Tränen waren im Schnee versiegt. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Zu gehen war richtig, denn ich wollte nicht, dass noch in dieser Spirale des Sterbens noch ein Leben mit weiter hinunter gezogen würde. Langsam musste es einen Schlussstrich geben. Ich würde sterben, das wurde mir von Minute zu Minute gewisser, doch sollte wenigstens mein Ableben das beschützen, was es immer zu beschützen galt.
-Ein paar Stunden eher-
Mit dem Riemen meiner gepackte Tasche auf meiner Schulter, sah ich ein letztes Mal in die Küche. Ob ich wohl noch einmal dieses Haus sehen würde? Zum Glück war Carlisle arbeiten. Das machte es mir einfacher hier zu stehen und nicht in Tränen auszubrechen. Ganz gleich, was auch morgen geschehen würde, es war okay für mich.
Ich hatte meinen Frieden damit gemacht, dass dies anstelle einer scheinbar unendlichen Enzyklopädie nur ein Haiku war.
„Wir sehen uns dann in der Schule." Rief ich in das eigentlich Stille aus. In dem ersten Stock rief eine Stimme eine Antwort zu mir. „Ja, wir werden pünktlich da sein." Kam Emmetts Auskunft. Er sprang mit einem schnellen Satz die Treppe herab. „Ich bin die, mit dem Waschbär Plüschtier." Ich hielt eben jene Miko Attrappe hoch.
Der Schnee war noch um ein weiteres Mal angestiegen. Also sprang ich in meiner Wolfsgestalt durch den Unberührten Schnee, in meinem Maul sicherverstaut die Tasche, die ich heute Abend mit ins Krankenhaus mitnehmen würde.
Doch brachte mir diese frische Luft nicht die erhoffte Erlösung meines Schmerzes. Im Grunde half es mir nur noch das Codein wie Smarties zu essen. Auch wenn ich langsam nicht mehr die Nebenwirkungen verstecken konnte.
Ich schlief eigentlich bei allem ein. Dabei war es egal, ob es im Unterricht bei Mr. Varner, beim Lesen oder gar beim Essen war.
Mir war eigentlich jeden Tag schlecht.
Ich vergaß was ich suchte, obwohl ich es schon hatte. Wusste nicht mehr, wie ich irgendwo hingekommen war, oder was ich gerade sagen wollte. Als Ausrede schob ich es immer mehr auf die Überforderung der gegenwertigen Situation. Und Carlisle, so gutmütig, wie er nun einmal war, glaubte es jedes Mal.
Edward hatte mir klar gezeigt, wie er mein Verhalten und meine Lügen fand. Immer wieder waren wir in den vergangenen Tagen und Wochen aneinander geraten. Jedes Mal scheinbar schlimmer. Als würde ein Tornado auf einen Vulkan prallen. Wahrscheinlich war auch das einer der Gründe, warum ich wieder häufiger im Reservat war.
Mir war es selber bewusst gewesen, dass ich eigentlich nicht lügen sollte. Eigentlich hätte es Carlisle verdient, wenn ich ihm all das in sein Gesicht sagen würde. Dennoch hatte er Recht mit jedem einzelnen Wort, dass er mir entgegenschrie. Ich verstand ihn nur zu gut. Es war egoistisch von mir, denn ich wollte das Licht in Carlisles Augen nicht sterben sehen... Ich wollte ihn nicht sterben sehen.
Und genau das würden meine Worte bei ihm anrichten.
Wenn ich es ihm sagen würde, dass Krebs hätte und mir mein Arzt sagte, dass wir vielleicht zu lange gewartet hatten... dass ich vielleicht nicht mehr wieder kommen würde. Ich würde in seine Augen sehen und müsste mir eingestehen, dass das Strahlen verloschen ist... es wäre ganz allein meine Schuld.
Carlisle wäre wieder alleine, weil mein Körper und ich nicht in der Lage war zu leben.
Strauchelnd hatte ich meinen Weg zu der Schule gefunden. Erneut schulterte ich meine Tasche und ging über den geräumten Parkplatz. Der einzige Wagen, der unter einer dicken Schneeschicht schlief, war mein Auto. Doch noch müsste er auf seinen Einsatz warten, ehe ich ihn erwecken würde.
Mein erster Weg führte mich zu der kleinen Umkleide, die hinter der Bühne versteckt war. Hier war schon am vergangenen Abend alles für uns hergerichtet worden. Schnell stellte ich meine Tasche neben die Wand und setzte mich hin. Anscheinend war ich die erste gewesen, die so früh den Weg hier her gefunden hatte.
Der Druck in meinem Kopf rief mich ein weiteres Mal dazu auf, den Raum zu verlassen. Und so ging ich abermals hinaus in den Schnee. In der Ferne konnte ich unseren Hausmeister auf dem Parkplatz erkennen, der sich abmühte, den erneut fallenden Schnee im Zaum zu behalten. Seine Mühe wäre vergebens, denn mit dem Abend würden erneute Massen den Boden bedecken.
Der Wind wehte leicht und trug einige Schneeflocken zu mir, doch mit ihm kam ein gewisser süßlicher Duft her. Langsam zog ich meine Augenbrauen zusammen, mit ihnen auch mein Magen. Der Geruch von einem Leichenhaus und einer Blumenwiese. In seiner Konsistenz ähnelte er den Gerüchen Italiens, doch schien ich ihn dort nicht gerochen zuhaben.
Vollends drehte ich mich dem Wind zu. Der Geruch kam eindeutig aus der Richtung des Gebäudes, wo ich ohnehin hingegangen wäre. Mein Spind war genau dort. Der Widerstand des Schnees hier war ein Witz. Es war, als wäre er nicht vorhanden. Als würde mich eine unsichtbare Macht dorthin ziehen.
Schnell ging ich durch das winterliche Wetter hinein in das Gemäuer. Ich zog die Luft um mich herum ein. JA, die Spur kam eindeutig von hier. Eilig folgte ich ihr und hielt verwundert ein, denn sie endete abrupt vor meinem Spind.
Zittrig griff ich nach dem Schloss. 7, 16, 11. Klickend öffnete sich das Schloss. Ein Brief fiel vor mir auf den Fliesenboden. Dafür, dass ich hergekommen war, verfluchte ich mich. Das Papier, es war ein sehr altes. An ihm klebte der Geruch der Zypressen und des Blutes.
Langsam bückte ich mich und griff nach ihm. Ich biss mir auf meine Lippe, denn ich wusste ganz genau, wem diese geschwungene Handschrift gehörte. Dass er ausgerechnet jetzt mir schrieb, hieß wahrlich nichts Gutes. Ungeduldig nahm ich den Brief aus seinem Umschlag.
‚Meine liebste Kaya,
wie sehr freue ich mich, davon zu erfahren, dass du wohl auf bist. Meine wundervolle Jane hatte es mir berichtet, als sie dich bei diesem reizenden Lagerfeuer getroffen hat. Was für ein herrlicher Abend das wohl gewesen sein musste. Der Schnee musste bei dem Feuer in den unterschiedlichsten Farben gestrahlt haben und eine mystische Romantik preisgegeben haben.
Jane sagte auch, dass so viele liebenswürdige Menschen dort gewesen seien. Welch ein Jammer, dass ich sie bei meinem nicht treffen konnte, ich hätte sie gerne kennengelernt. So, wie ich gerne deine Heimat gesehen hätte. Es ist gewiss magisch dort, mit all den hohen Bäumen, die den Himmel umarmen können und den Nebelschwaden, die so sorglos durch die Wälder ziehen.
Aber meine liebste Kaya, findest du nicht auch, dass die Tage doch so schnell ins Land ziehen? In ihrer Hast lassen sie mich gar auf meine alten Tage ins Schwelgen kommen. Ist es schon fast ein Jahr her, wo doch dein Antlitz mein Auge entzückte. Ein Jahr, ist es nicht so geschwind vergangen?
Du würdest mir die größte Freude bereiten, wenn du noch einmal herkommen würdest. Anlässlich des Beginns der Winterzeit am achten Dezember, werden wir einen Ball geben. Das wäre doch eine wunderbare Gelegenheit vorbei zukommen.
Das milde Klima Italiens wird dir bestimmt gut tun. So muss kein Feuer entfacht werden, um deine müden Knochen zu erwärmen.
Dein ergebenster,
Aro.'
Ich las die Zeilen wieder und wieder durch. Der letzte Brief, mit einer solchen Handschrift hatte gewiss ebenso die versteckten Drohungen enthalten, die ich zu jener Zeit nicht erkannte. Doch dieser Brief, den ich nun in meinen Händen hielt, zeigte mir jede heimliche Botschaft in ihm.
Meine Kehle schnürte sich zu, während meine Hände zu zittern begannen. In meinem Kopf begannen die schlimmsten Horrorvorstellungen zu spielen. Also hatte Jane es doch gemerkt, als sie hier war. Etwas tropfte auf das Briefpapier. Zwei kleine rote Tropfen verfärbten es, dort wo sie niedergefallen waren. Scheinbar hatte ich so feste auf meine Lippe gebissen, dass sie nun blutete.
Doch musste ich noch einmal diese Zeilen ein weiteres Mal lesen. Der achte Dezember. Das würde morgen sein. Mit Sicherheit hatte er diese Einladung genauso geplant, dass ich eben keine Zeit gehabt hätte, irgendetwas zu planen.
Ich zog meine Augenbrauen noch einmal zusammen. Noch immer fühlte ich, wie ein kleiner Tropfen seinen Weg über mein Kinn fand. Er wollte, dass ich alleine kam. Wahrscheinlich war auch das von ihm geplant. Damit ich alleine ihm gegenüber stand.
Eilig faltete ich den Zettel erneut zusammen und rannte raus. Mein Kopf flog von links nach rechts und wieder nach links. Ich hatte mir eingebildet, die Chance zu haben, den Überbringer zu sehen. Aber dies war wohl vergebens.
-Gegenwart-
Der Wagen ruckelte, als wir durch ein Schlagloch fuhren. Die Tasche zwischen meinen Beinen kippte um. In ihr waren nur neben der Kleidung und meinem Reisepass, einige Bündel Geld, in der Hoffnung, dass es mich und meinen Plan nicht verraten würde. Mein Kostüm hatte ich der Schule gelassen, sodass es nur so aussah, als wäre ich kurz weg. Sie sollten es nicht sofort bemerken.
„Aber. Kannst du mir erklären, wieso ausgerechnet ich?" Ich sah zur Seite. „Sicher. Jared hatte den Brief zu deiner Brut gebracht, doch warum nicht Paul." Sam sah zu mir rüber. Auf seinem Gesicht konnte ich klar und deutlich die Falten erkennen. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass er es wirklich machen und mich fahren würde. Doch saß ich hier in seinem Wagen.
„Er hätte mich nicht gehen lassen." Mein Blick ging erneut zu der Straße vor uns. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden. Hoffentlich fiel ihnen es noch nicht auf, alles was ich brauchte war nur ein bisschen Zeit. Ich zog meine Beine näher zu mir.
„Nur, weil ich dich jetzt fahre, heißt es nicht, dass ich es gut finde, dass du gehst." Sam seufzte. Für einen Moment schien es, als hätte ich meinen alten Freund wieder an meiner Seite. „Ich verstehe den Grund, doch wäre mir wohler dabei, wenn du nicht alleine-" Ein schmerzliches Lächeln legte sich auf meinen Gesicht. „Ich habe es doch gesagt, es geht nicht. Sie würden nicht zulassen, dass jemand mit mir käme. Sie wollen mich und nicht euch."
Der Trubel am Flughafen war wie immer gewaltig. Dennoch ließ ich mich nicht in den schlendernden Trott der Reisenden fallen. Kaum war ich aus dem Auto heraus gesprungen, hetzte ich zu dem Terminal, welches für Interkontinentale Flüge war. Die große Anzeigetafel leuchtete über den Köpfen der Menschen. In gut zwei Stunden würde ein Flug nach Rom gehen. Hoffentlich würde ich es noch schaffen.
An einem der vielen Schalter hielt ich ein. „Guten Tag. Ein Flug nach Italien. Eh Rom." Die brünette Frau setzte ihr Lächeln auf. „Wann möchten Sie fliegen?" „So schnell es geht. Ich habe keine Zeit zu warten." Sprach ich außer Atem. „Wir hätten in sechs Stunden-" „Nein, der in Zwei wäre mir lieber." Unterbrach ich sie. Überrascht tippte sie auf ihrer Tastatur herum. „Nun, es ist aber nur noch ein Platz in der ersten Klasse frei." „Kein Problem, den nehme ich." Mich beäugte die Stewardess. „Miss, der Flug würde um 18:25 starten und kostet 8.349 Dollar, können Sie sich das leisten?" Ich öffnete meine Tasche und zog ein Bündel, sowie meinen Reisepass hervor. Schnell war die Summe abgezählt. Das Geld knallte ich vor ihr auf den Tresen. „Ich kann. Also bitte."
Der Flug war zwar komfortabel, doch bei weitem nicht so angenehm, wie mein erster Flug. Sicher fehlte der wundervolle Mann an meiner Seite. Es hatte mich dreizehn Stunden gekostet, sodass ich nun gegen Nachmittag das Rollfeld in Italien betrat. Aber auch den Flug hatte ich geschafft. Schließlich war es nur ein kleiner Schritt, denn der größere würde noch bis heute Abend warten müssen.
Ich war in einem Land, dessen Sprache ich nicht kannte. Aber schaffte ich es irgendwie mir einen Wagen zu mieten. Bei Carlisle sah es so einfach aus, wenn er sich mit den Italiener unterhielt. Alles sah bei ihm so leicht aus…
Ein Blick auf meine Uhr. Die vollgepackte Tasche landete auf dem Sitz meines geliehenen Alfa Romeos.
In meinen Gedanken war ich so viele Meilen weiter weg. Hoffentlich würde der Sonnenuntergang so weit wenigstens etwas viel versprechender aussehen, als der auf mich warten würde.
Der Motor des Autos startete ohne Umschweife, ruhig brachte ich den Wagen auf die Straße.
Die alten Stadtmauern hatten sich in mein Gedächtnis gebrannt, umso mehr hasste ich ihren Anblick, als ich an ihnen vorbei fuhr. Letztes Mal war ins Schwelgen geraten. Sie hatten mich verzückt und in eine andere Zeit entführt. Aber heute war ich bei weitem törichter. Ich ging in diese Stadt des Blutvergießens ohne irgendeinen Plan. Einzig und allein das Wissen, was mich erwarten könnte, war bei mir.
Der Alfa fand einen Platz in einer verlassenen Gasse. Sein Motor erstarb kampflos. Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Wie ein Fisch, der auf dem Trockenen lag, atmete ich, doch kam keine Luft in meinen Lungen an.
Meine Hand ruhte auf der unter meiner Kleidung versteckten Wölbung meines Bauches.
„Mutter... Lass mich mutig sein. Ich möchte kämpfen, auch wenn es für nicht mich reichen sollte, so lege bitte ein gutes Wort für mich ein. Wenigstens die anderen sollen verschont bleiben."
Langsam öffnete ich meine Augen. Ob es an dem Adrenalin lag, dass meine Schmerzen verschwunden waren, oder an der Bitte. Ich könnte es nicht sagen, selbst wenn ich es gewollt hätte.
Schnell stand ich aus dem Wagen, schmiss meine Tasche in den Kofferraum und begann zu laufen.
Der Weg hatte sich ebenso, wie das Abbild der Stadt, in meinen Kopf eingebrannt, wie eigentlich alles hier. So war es kein Wunder, dass ich direkt den Weg zu meinem Ziel fand. Die Sonne verschwand soeben hinter den Mauern des Schlosses, da wurde das große Eingangstor für mich geöffnet. Ganz so, als hätten sie mich kommen sehen. Bestimmt hatten sie auch das.
‚Kaya, lass dir nichts anmerken. Lüg. Aber lüg gut.' Sagte mir eine Stimme. Möglicherweise hatte ich doch noch irgendwo in mir etwas Hoffnung übrig? Anscheinend war diese Stimme genauso verrückt, wie ich, die ein Schloss voller Vampire betrat.
Das Gesicht von Jane war das erste, welches ich erblickte. Ihr Grinsen war kalt und ließ die Stimme in meinem Kopf verstummen. Ein Engel, der die Gedanken eines Dämons beherbergte, beschrieb sie mit Sicherheit am besten.
Wegen ihr war ich, wo ich nun einmal jetzt stand. Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht. „Jane. Es freut mich, dich so baldig wieder zu sehen." Ihre Augenbrauen zuckten für den Bruchteil einer Sekunde in die Höhe. „Die Freude ist ganz meinerseits. Hier wurde es die letzten Wochen so langweilig. Da tut ein bisschen Ablenkung ganz gut."
Ihre Augen musterten mich von unten nach oben. „Gewiss möchtest du dich umziehen? Deine Kleidung ist… dem Anlass… nicht angemessen." Wies sie mich darauf hin. Ich breitete meine Arme aus. „Der Termin von euch war so zeitnah gesetzt, dass ich keine Zeit hatte, mich angemessen zu kleiden." Ihr Lächeln verschwand und die gewöhnliche, gelangweilte Miene kam zum Vorscheinen. „Aber natürlich. Komm doch mit."
-Sichtwechsel-
„Ich verstehe dich nicht, Aro. Was siehst du in diesem Mädchen." Aus meinem Augenwinkel blickte ich zu meiner linken Seite. „Caius du bist wie immer zu ungeduldig. Ich brauche Eleazar nicht, um zu sehen was in dem Mädchen steckt. Sie ist wie Artemis, nur besser. Dieses Talent in ihr, da ist mehr in ihr, als jemals in Artemis war. Und wenn wir es richtig anstellen, können wir sie lenken und unser eigen machen."
Caius blickte in dem noch leeren Raum umher. „Du stellst es dir einfacher vor, als es sein wird, Aro. Wie auch Artemis wird sie sich weigern. Ich sage, wir sollten sie gleich töten und nicht so Theater veranstalten, dass andere wohlmöglich noch verstärkt." Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht. „Du siehst es einfach nur zu schwer. Wenn man überall Probleme sehen will, dann sieht man auch den Weg nicht, den man gehen muss, mein lieber Freund. Man muss dem Kind nur den richtigen Anreiz geben, wie bei einem Hund, der sie nun einmal ist und sie wird folgen, wie ein braver Schoßhund."
Der Raum füllte sich mit allen möglichen Personen, den meisten war ich schon vor Jahrhunderten überdrüssig geworden. Sie hatten alle einen faden Beigeschmack, unter ihnen war niemand besonderes mehr, wo sich das Umwerben noch wirklich lohnen würde. Doch gehörte es sich nun einmal so, sie alle einzuladen. Schließlich musste man jeden einzelnen von ihnen im Auge behalten.
Der Duft kündigte sie schon an, bevor die Tür sich überhaupt öffnen konnte. Ihr Herz hämmerte, ganz wie beim ersten Mal, gegen ihren Brustkorb. Doch versteckte sich in dem Klang ihres Herzens der viel schnellere Takt eines zweiten. Jane hatte in der Tat nicht gelogen.
Die Menge, in ihrer Neugierde vereint, teilte sich, wenngleich alle ihre Hälse reckten. Alle wollten einen Blick auf den Menschen werfen, der als einziger in der Reihe von Vampiren erscheinen würde. Waren sie doch alle Narren, denn wussten nicht, welches Talent in ihr schlief.
Ein breites Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als sich endlich die Tür öffnete.
Mit einem Mal war dem Raum geräuschlos. Man konnte einzig und allein die Schläge der Herzen hören, die sich mit ihren Schritten zu einem Takt, gar einer Melodie verbanden. Mein Blick war auf die Stelle gerichtet, wo das zweite Herz schlug. Das Korsett verbarg zwar die Wölbung, doch ihr Körper schrie es mir entgegen. Nicht nur der Herzschlag war ein Zeichen ihrer Schuld, der süßliche Duft, der sie nun einhüllte, war in der Tat ein zweiter Hinweis.
In einem angemessenen Abstand hielt sie vor mir an, wie es sich gehörte machte sie einen Knicks und erst dann erhob sie ihre Augen. Das Feuer in ihnen war noch immer das gleiche gewesen, aber amüsierte mich die Verachtung, die sie mir schenkte.
„Kaya, meine liebste Kaya. Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, dich in diesem Jahr noch einmal zu sehen." Schmunzelnd ging ich auf sie zu. „Der Familie geht es gut, hoffe ich?" Sie sah nicht einmal in Raum, oder beachtete auch nur einen der anderen Vampire, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf mich gerichtet. „Ihr würde es gewiss besser gehen, wenn ich baldig zurückkehren würde. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür und du weiß, wie er ist."
Mein Lächeln wurde nur breiter. „Natürlich weiß ich wie unser guter, alter Freund ist. Doch wird er mir sicher verzeihen, wenn ich einen Abend mit dir verbringen möchte. Immerhin hat er die Ewigkeit mit dir noch vor sich."
Langsam stimmte sie mit einem Nicken zu. Um uns herum begannen langsam die Gespräche wieder einzusetzen. Auch ertönte nun eine leichte Melodie, die den Raum erfüllte. Doch der Blick von ihr war noch immer nur auf mich gerichtet, als stände sie in der ständigen Erwartung, etwas müsse noch geschehen.
„Wie ich festgestellt habe, habt ihr euch von Kathrin getrennt." Bemerkte sie ohne von mir weg zu schauen. „Es gab leichte Unstimmigkeiten mit ihr." Stellte ich fest. „Leichte Unstimmigkeiten?" Fragte sie. „Wenn es das gleiche war, wie in Forks würde ich es eher einen modernen Scheiterhaufen nennen." Abermals umspielte ein Lächeln meine Lippen. „Kind, Du hast in deinem Leben noch keinen wirklichen Scheiterhaufen gesehen." Ich hielt ihr meine Hand hin.
Sie sah von meinem Gesicht hin zu meiner Hand. Einen Moment zögerte, doch ergriff Kaya sie.
Ich konnte einen weißen Flügel sehen. Er stand in einem vom Licht durchfluteten Raum. Zaghaft legte sie die Hände auf die Tasten, während sie zu ihrer Seite sah. Carlisle saß neben ihr und hatte bereits begonnen sanft über einige der Tasten zu streichen. Sie versuchte es ihm nachzumachen, doch kam sie für einen Moment ins Stocken.
„Ich kenne diese Melodie." Sprach sie. „Mutter hat das Lied immer, wenn wir krank waren." Einen Augenblick schloss sie die Augen und rief sich die Erinnerungen daran wach. „Lavenders green dilly dilly Lavenders blue, you must love me dilly dilly-" Sang sie sanft den Text. „Cause I love you." Ergänzte er sie. Sie öffnete ihre Augen und lächelte entzückt.
„Das Lied entstammte dem 17. Jahrhundert und kam aus England." Begann er und strich weiter über die Tasten. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Nun, mache Sachen hat die Insel schon gut hinbekommen." Lächelte sie. „Wenn man jetzt mal vergisst, dass ihr Amerika verloren habt." Carlisle hielt inne und drehte sich zu ihr. „Was hat die Insel den gut hinbekommen?" Fragte er nach. Ihr Grinsen wurde breiter. „Nun." Begann sie. „Also Tee könnt ihr, auch wenn ich das mit der Milch nicht so ganz verstehe... ehm Züge, wirklich sehr praktisch. Oh und..." Sie rutschte noch ein wenig näher an ihn heran und legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Dich natürlich."
Ihr Lachen löste sich mit dem Raum in Schwaden auf.
Ich konnte Artemis erkennen, sie hatte sich vor Kaya hingehockt und sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Ihre langen weißen Haare fielen ihr kunstvoll geflochten über ihre Schulter, so wie sie dort hockte, berührten sie fast den Boden.
„Kaya, warum möchtest du denn nicht zu Onkel Charlie? Ihr werdet eine Menge Spaß haben." Fragte sie das kleine Mädchen, während eine Hand von ihr auf ihrem Bauch ruhte. „Ich möchte lieber mit Dad und dir mit!" Protestierte das Kind. Artemis richtete sich auf und zog das Mädchen mit sich auf ihre kleinen Füße. Die Wölbung von Artemis Unterleibes war kaum zu übersehen. „Aber, das wird ganz langweilig dort, Kaya." Sprach sie, während Kaya an ihren Armen zog. „Aber wieso müsst ihr gehen? Können wir nicht lieber noch ein bisschen spielen?" Artemis lächelte zu ihrer Tochter herab. „Nun, wenn wir dahin gehen, dann dürfen wir deinen kleinen Bruder mitnehmen."
Zwei Männer sahen dem ganzen Geschehen amüsiert zu.
„Kaya." Sprach der Mann, der einen Schnurrbart trug. „Bella ist immer noch bei mir, also könntet ihr zusammen spielen." Das Mädchen ließ die Hände ihrer Mutter los und drehte sich um. Ihre Augen wurden zu schlitzen, während sie zu dem Mann hoch sah. „Wenn ich mitkomme, darf ich dann im Streifenwagen sitzen?" Fragte sie.
Der fremde Mann kniete sich vor sie hin. „Etwas anderes war nie geplant." Zwinkerte er. Kaya fing an zu hüpfen. „Dann lass uns gehen, Onkel!" Das Mädchen begann los zu laufen raus aus dem Haus.
Ein weiteres Mal veränderte sich etwas.
Ich stand in einem Krankenhausbüro. Auf einem Bildschirm war das Bild eines Kopfes zu erkennen, doch stimmte etwas mit jenem Kopf nicht. Ein Tumor in der Größe einer kleinen Münze steckte in dem linken Hirnlappen.
Kayas Gedanken kreisten umher, wie so ein Fehler entstehen konnte. Sie könnte nicht an Krebs erkrankt sein, sie sei doch erst achtzehn. Kaya wollte es nicht wahrhaben und leugnete die Existenz. Das Schicksal hatte sie belogen, ebenso die Frau, die ihr sagte sie würde Mutter werden. Der Mann hinter dem Schreibtisch sprach über Methoden und Lösungen, doch hörte sie nicht zu. Ihr Blick war wie gebannt auf dieses Ding in ihrem Kopf.
Sie dachte an die Ewigkeit, die für sie ein unendlich langer Faden gewesen sei, aber wurde er nun durchtrennt.
Ein weiteres Mal änderte sich die Szenerie. Vor mir breitete sich ein langer blauer Flur aus, der scheinbar nicht enden wollte. Die Schritte, die sie tat, waren schwer und kosteten ihre ganze Kraft. Dennoch schleppte sie sich weiter, auch wenn sie nicht wollte. Ein alter Mann wartete in einem Büro auf sie.
„Kaya?" Sprach er. „Wie geht es Ihnen heute?" Sie lief sich in einen Sitz fallen. „Ich sehe auf meinem rechten Auge nicht mehr. Das Lesen fällt mir mittlerweile so schwer, dass ich es nicht mehr kann. Ich bin Müde, Doktor." Der alte Mann zog seine Augenbrauen zusammen. „Die Bilder zeigen eine eindeutige Vergrößerung. So schnell hatte ich nicht damit gerechnet, dass der Tumor sich ausbreitet."
Er seufzte.
„Kaya. Wir müssen Sie operieren." „Aber mein Kind." Sprach sie unter Tränen. „Ihr Kind wird mit Ihnen sterben, wenn wir es nicht machen. Wenn wir warten, werden sie noch blind bevor Weihnachten ist. Noch haben wir die Chance, dass die Schäden in ihrem Gehirn reparabel sind. Warten wir zulange, bleiben sie blind. Am achten können wir operieren." Sie biss sich auf ihre Lippe doch nickte sie.
Ich stand in einem Wald. Kaya hatte Carlisle in ihre Arme geschlossen. „Wir bekommen ein Kind." Flüsterte sie. „Ein Baby." Er war geschockt, jedoch kannte ich ihn. Er war so verweichlicht und schwach. Sicher freute es ihn so etwas zu hören.
Die Szene fror ein.
Ein Knurren ertönte. „Aro." Sprach die Stimme, die ich bereits kannte. Aus dem Dickicht erschien er, der weiße große Wolf mit seinen weißen Augen. doch war er nicht nass vom Regen. Seine weißen Augen waren auf mich gerichtet, seine Kiefer bewegten sich. „Was du hier siehst..." „Es ist ein Frevel." Lautlos schritt der Wolf auf mich und durch die Erinnerung zu. Erst als uns nicht mal mehr ein Meter trennte, hielt er an. „Aro, du und ich, wir sind beide alt. Wir beide haben gesehen, was Frevel sind. Denk daran, du hast viele begannen."
Meine Augen wurden zu Schlitzen. „Du redest über Dinge, die du nicht verstehst. Du bist ein Wolf, keiner von meinesgleichen." Der Wolf sah zurück zu Kaya, die noch immer glücklich in den Armen von Carlisle erstarrt war. „Er ist einer von deinesgleichen. Dennoch ist er rein. Es liegt keine Sünde darin Leben zu schenken.“
Langsam drehte sich der Wolf erneut zu mir. „Es ist unmöglich, was sie getan haben darf nicht-" „Genug." Unterband mich der Wolf. „Aro, ich lasse es nicht zu, dass du noch einmal in diese Linie eingreifst. Wage es und es wird das Ende von dir sein."
-Sichtwechsel-
Das Kleid, welches sie mir anzogen, raubte mir den Atem. Nicht, weil es besonders schön war. Ich meine, schön war es schon. Doch hatte die Vampirin namens Chelsea kein Erbarmen mit mir, was die Schnürung des Korsetts betraf.
Die Augen des Vampirs vor mir leuchteten, als wären es Rubine. Er führte mich in einem Walzer, der so freudlos war, als würde ich mit dem Gevatter Tod tanzen. Aro vermochte es nicht, die Ernsthaftigkeit und die Härte ihm zu verbergen. Für ihn war das hier nicht nur ein Tanz oder Ball, für ihn war dies ein Schlachtfeld und wir die Generäle.
„Ich danke dir, dass du einen so wichtigen Termin für mich verschoben hast." Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Nun, ein Heilmittel wüsste ich gegen deine Qualen." Sprach er mit einem Funkeln in den Augen. Ich schnappte ein weiteres Mal nach Luft. Nervös biss ich mir auf meine Lippe und starrte ihm in seine Augen. Wie viel hatte er dieses Mal gesehen? Genug, um dass ich mir Sorgen machen sollte?
„Ich möchte es nicht." Die Drehungen des Tanzes machten den Druck in meinem Schädel nicht wirklich besser. „Du möchtest nicht die geraubte Ewigkeit zurück? War es nicht das, was ihr euch geschworen habt?" Noch immer sah ich ihm entschlossen in seine Augen. „Allerdings, doch habe ich ihm noch etwas versprochen, dass ich alles für mein Herz geben soll, dass es nicht aufhört zu schlagen."
Aro kicherte leise. „Wie naiv er doch ist." „Ist es naiv, wenn man noch menschliche Ideale hat?" Fragte ich ihn. „Das ist der Grund, warum er nie Macht besessen hat oder besitzen wird. Sieh dich um, du wirst keinen hier finden, der so ist, wie er." Zum ersten Mal sah ich mich im Raum um. Die Vampire hier hatten meist altertümliche Ballgewänder an. Vom Jugendstiel über Rokoko, zu den Schottlandaufständen gar bis in die Antike. Vielleicht konnte ich die Stickereien und Details nicht mehr erkennen. Doch sah ich glühend rote Augen, manche voller Neugierde, andere voller Durst und Verlangen.
„Macht bekommt jemand nur, wenn man ihm Angst eingesteht." Langsam sah ich in seine Augen. „Ich fürchte mich nicht. Oder sollte ich mich etwa, vor jemanden in diesem Raum fürchten? Ich denke nicht. Aro, es gibt nichts in diesem Raum, was mich um mein Leben bangen lässt.
Das Einzige, was es wirklich schafft, mich zum Fürchten zu bringen, ist die Dunkelheit... die schon auf Carlisle wartet, wenn mein Körper zu Erde zerfällt."
Aro hielt inne, sodass wir stoppten. Sein Blick ging in die Ferne. Scheinbar hatte ich bei der Erwähnung seines Namens erneut die Aufmerksamkeit des Raumes auf mich gezogen und das musste ich nutzen. Jetzt oder nie.
„Aro, du weißt, um was ich dich ersuche." Meine Hand entwand sich aus seinem Griff. Gutmütig sah ich zu diesem alten, gefürchteten Vampir hinauf, der wahrscheinlich gerade darüber nachdachte meinem Leiden ein Ende zu bereiten. Die Kiefer von ihm mahlten bedächtig.
„Ein Leben für ein Leben." Wisperte ich.
Nun sah auch er wieder zu mir. „Was bringt mir dein Leben, wenn du bald stirbst?" Ich lächelte. „Du verstehst mich noch immer nicht, Aro. Ich möchte dir nicht mein Leben geben, den Preis für meine Bitte hast du dir vor Jahren ungefragt genommen. Wir wissen beide um den Frevel, welcher in der Form eines Scheiterhaufens erscheinen kann." Die Gutmütigkeit war der Härte in meinem Gesicht gewichen.
„Es ist interessant, dass ihr ausgerechnet ‚Artemis' gewählt habt, wo sie doch nicht nur die wilde, unzähmbare Göttin des Waldes ist, sondern auch die Hüterin der Frauen und Kinder. Eigentlich, hättet ihr damit rechnen müssen, dass sie keinesfalls zähmbar ist und diesem Spiel lange beiwohnen würde."
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich sehen, wie Aros Auge kurz zuckte. Das Lied verklang und ich verbeugte mich vor ihm. Er hatte diese Schlacht verloren, denn in seinem Hochmut hatte er vergessen, dass die Anwesenden nicht nur Zeugen für ihn und seine Sache sein konnten.
Ich drehte mich um und schritt durch die Menge. Die Gesichter der Volturi waren brüskiert, dass sich jemand wie ich, mir raus nahm so über Aro und mit Aro zu sprechen. Es war mir einfach egal. Ich hatte keine Angst davor, was er mir antun würde oder könnte, würde es doch nur die Schmerzen, die ich erlitt beenden.
Meine Hand legte sich auf meine bebende Brust, als ich den Nachthimmel über mir sah. Ich ließ mich auf dem Brunnenrand nieder und versuchte in vergebener Mühe, genug Luft in meine Lungen zu bekommen. In meinem Kopf war noch immer das Hämmern, als würde mir ein Streithammer wieder und wieder gegen meinen Kopf fahren.
„Das war eine sehr interessante Ansprache." Kam es von meiner rechten Seite. Die Stimme, die sprach, war mir fremd, doch erkannte ich einen wilden Akzent... War es Rumänisch?
Langsam schloss ich meine Augen. „Noch nie hat sich ein Mensch getraut einem Volturi die Stirn zu bieten." Ich seufzte. „Vielleicht hat es sich doch schon einer getraut, nur er hatte nicht die Chance so viele Ohren die Worte hören zu lassen."
Die Dunkelheit raubte mir noch mehr meine Sicht, doch konnte ich weiße Haare erkennen. „Du gehst davon aus, dass die Volturi diesen Affront durchgehen lassen?" In seinen Augen glitzerte das Interesse, doch wirkten diese weit gefährlicher als die von Aros jemals sein könnten. Ein weiteres Mal seufzte ich. „Ich weiß es."
Der Mann setzte sich neben mich hin. „Es gab mal eine Frau, die vor Jahrhunderten an diesem Hof lebte." Seine Augen sahen zu dem Gemäuer. „Ich kannte sie aus den Geschichten meiner Heimat. Dort nannte man sie ‚lupul rău'. Der böse Wolf. Sie verhalf den Volturi ihre Gesetzte und Regeln durchzusetzen. Doch war sie nicht viel mehr, als ihr Schoßhund."
Mein Blick ging zu ihm. Sprach dieser Vampir dort wirklich über Mutter?
„Als sie bemerkte, dass die Volturi wohl doch nicht die Guten waren, ging sie und verschwand. Die meisten haben ihren Namen vergessen, ihr Aussehen und ihre Existenz, sie waren nicht dort zu jener Zeit. Du weißt, wie sie von den Volturi genannt wurde." „Artemis." Flüsterte ich. Er nickte und grinste böse. „Als sie ging haben die Volturi eine starke Wache verloren, wenngleich sie neue Talente fanden." Es reichte mir, ich stand auf. „Weißt du wo sie her kam?" Fragte ich gerade heraus. Ein leises Lachen erklang. „Niemand weiß das, außer der böse Wolf selbst."
Ein weiterer Schlag gegen meinen Kopf, doch schlug auch die Turmuhr zwölf. Mitternacht. Ich sah zurück zu der Uhr und dem Tor.
Ein weiterer Glockenschlag.
Die Zeit, sie lief gegen mich.
-Sichtwechsel-
Als hätte sich der Boden aufgetan und sie verschluckt. Nirgendswo war auch nur der Deut eines Hinweises auf sie zu finden. Seit Tagen fehlte sie schon.
Dass sie nicht gesprochen hatte, dass sie nicht gesagt hatte, was für Schmerzen sie hatte. Ich war so ein Dummkopf. Ich hätte es sehen und ich hätte es merken müssen. Doch nun war sie fort. Zwei Wochen waren ins Land gezogen, während in mir der Wunsch aufkeimte, loszuziehen und sie zu suchen.
Morgen wäre Heiligabend. Ein Tag, den wir eigentlich als Familie feiern wollten. Das Haus ihrer Kindheit hatte sie schon fast alles vorbereitet. Ganze Kartons voll mit Lichterketten und Zubehör standen in der Küche und warteten darauf, dass sie angebracht würden. Eingepackte Geschenkte, in ihren bunten Verpackungen, standen auf dem Treppenabsatz und warteten auf einen Baum, unter den sie gelegt werden sollten.
Und so stand ich auf dem frisch verlegten Holzboden und blickte umher. Normalerweise kam sie immer her, wenn etwas mit ihr war. Normalerweise... Ein Wort, was den Normalzustand ausdrücken sollte, aber konnte es der Normalzustand sein, wenn es dieses Mal nicht so war?
„Wir finden sie schon..." Hatten sie gesagt.
An der Tür zum Garten erschien ein grauer Wolf. Langsam verließ ich meinen Moment der Starre und setzte ich mich abermals in Bewegung. Als ich an der Tür der Küche angekommen war, stand bereits ein junger Mann im Garten.
„Du musst Paul sein..." Stellte ich fest. Sein Gesicht schien unergründlich zu sein. „Und du bist Doktor Fangzahn." Kam es von ihn zurück. Er kam an mir vorbei in die Küche und sah sich um. Hier sah es aus, als würde dieses Haus noch zum Verkauf stehen, denn bis auf die weihnachtliche Deko und die Geschenke gab es keine wirklichen Anzeichen, dass hier jemand leben würde.
„Im Wald streunte einer von euren Rotaugen umher." Sagte er beiläufig, als er einen der Küchenschränke öffnete. Der Küchenschrank bot allerdings ein anderes Bild. Er war über und über mit Nahrungsmitteln. „Er war an der Forks High gewesen." Paul griff in ihn herein und zog eine Dose mit Dörrfleisch hervor. „Ein Vampir an der Forks High? Was wollte er da?" Der Wolf zuckte mit seinen Schultern. „Dachte ihr hättet es bemerkt. Scheinbar war er nur an ihrem Schrank und ist dann verschwunden."
„Wo ist der Vampir jetzt?" Er hatte ein Stück von dem getrockneten Fleisch in der Hand. Sein Blick wurde finster. „In der Luft. Wo er hingehört." Meine Hand zuckte. „Er hätte uns sagen können, wo sie ist." Meine Augen rasten über die Maserung des Holzbodens und tat es meinen Gedanken gleich, wenn wir nicht wussten, wo sie war... vielleicht hätte er es uns sagen können.
„Kannst dir den Gedanken gleich aus dem Kopf streichen. Er wusste es nicht." Ein weiteres Stück des Fleisches verschwand in seinem Mund. „Oh Gott... Kaya macht das Beste Dörrfleisch." Kauend verschloss er den Schrank und drehte sich erneut zu mir. „Wir haben ihn ausgefragt. Er sollte ihr etwas geben. Man gab ihm einen Zettel mit der Nummer ihres Spindes, wo er es deponieren sollte. Was sagte er nicht." „Wer gab es ihm?" Ein weiteres Mal zuckte er mit seinen Schultern. „Muss wohl wer schlimmes gewesen sein, wenn er es im Angesicht von Werwölfen nicht sagen wollte."
Jetzt viel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Die Volturi. Natürlich. Wie blind waren wir nur?" „Die wer?" Doch war ich bereits umgekehrt und aus eben jener Tür verschwunden.
Wenn die Volturi damit zu tun hatten, wäre es kein Wunder, dass sie einfach so verschwand. Das letzte Mal, wo sie in Italien war, schienen sie schon sehr an ihr interessiert gewesen zu sein... Wenn sie Kaya nun alleine bekommen hätten... Ich wollte mir es gar nicht ausmalen.
Ich rannte, als würden wir wie eh und je um die Wette laufen, doch konnte ich in dem verschneiten Wald ihr Ebenbild nicht finden. Die Spuren, die der Wald preisgab, waren nicht von ihr. Ob er sie jemals wieder zeigen würde?
Vor unserem Haus wurde ich langsamer. Der Streifenwagen des Chief stand direkt neben meinem Mercedes, an dem noch immer der Seitenspiegel fehlte, nachdem ich ihn abgeschlagen hatte. Mir viel alles aus meinem Gesicht. Die Vision von Alice drängte sich in meinen Kopf, wie so oft in den vergangenen Tagen. Noch nie hoffte ich so sehr darauf, dass sich Alice einmal irrte.
Ich öffnete die Tür und betrat das Haus. Die bedrückende Stille, die ich vorfand, legte sich wie ein dunkler Schleier über mich. Der Chief stand in seiner Uniform in unserer Küche. Alle anderen hatten sich ebenfalls dort eingefunden. „Doktor Cullen." „Chief." In mir rasten die Gefühle.
Wollte ich wirklich wissen, was er mir zusagen hatte? Was wäre, wenn er mir sagen würde, dass sie ihren Körper im Schnee gefunden hätten. Das sie tot sei. Und die Unendlichkeit, die uns eigentlich vereinen sollte, uns nun für immer trennen würde. Dafür wäre ich nicht bereit. Ich würde niemals dafür bereit sein. In der Dunkelheit, in der sie dann sein würde... dort dürfte sie nicht alleine sein.
Die Miene, mit der er mich bedachte, war unergründlich. „Ich komme direkt von den Blacks. Vor einer Stunde wurde ich benachrichtig." Ein weiteres Mal begannen meine Gedanken noch schneller zu kreisen. „Man hat ein schwangeres Mädchen gefunden, dass auf Kayas Beschreibung passt."
„Wo?" Mehr brachte ich nicht heraus.
„England, London. Sie brach am Flughafen zusammen. Die Kollegen haben mich informiert."
Das zweite Mal, in meinem Leben als Vampir, fühlten sich meine Knie nicht stark genug an, um mein eigenes Gewicht tragen zu können. Ein Moment herrschte absolute Stille. Mein Blick ging zu Edward, doch schien er noch nicht davon überzeugt zu sein, dass Alices Vision abgewendet sei.
„Ich warte noch auf das Ergebnis der Überprüfung, doch bin ich sehr zuversichtlich, dass es Kaya ist. Doktor, wussten Sie, dass Kaya Krebs hat?" Kam es vom Chief. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Sie hat es nie gesagt. Aber ich habe es mir gedacht, nachdem ich die Medikamente in ihrem Wagen fand." Der Chief nickte bedächtig, während seine Kiefer mahlten. Als würde er sich nicht trauen, seine nächste Frage laut auszusprechen.
„Und dass sie-" Ich sah in die Augen des Chiefs. Mir war klar, welche Frage als nächstes kommen würde. „Ja." Antwortete ich schnell. Überlegend blickte er auf den Boden zwischen uns. Er schürzte seine Lippen.
„Es gibt das Gerücht, dass..." Er räusperte sich. „Nun also..." „Wer hat das gesagt?" Protestierte Rose. Ihre Augen glühten vor Zorn. „Diese Mallory?" Er schüttelte seinen Kopf. „Nein, Lauren hatte damit nichts zu tun, auch wenn ich mitbekommen habe, wie sie über Kaya gesprochen hat."
Charlie Swan blickte zu mir. „Ich denke, Sie wissen um wen es sich handelt." Langsam nickte ich. „Es gibt einige der Schwestern im Krankenhaus, die das Verhältnis zwischen uns nicht richtig einschätzen." Sprach ich überlegend. „Aber diese ablehnende Haltung gab schon gegen über Kaya, als sie letztes Jahr den Unfall hatte. Kaya kann nichts dafür, dass sich die Damen so verhalten. Ganz gleich ob es richtig oder falsch ist."
Swan nickte. „Etwas anderes hätte ich von Ihnen auch nicht erwartet, Doktor Cullen." „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn diese Tatsache das Kaya schwanger ist hier in diesem Raum bleiben würde. Forks ist immerhin nicht eine Großstadt, wo das vielleicht öfter vorkommt."
Ein weiteres Mal nickte der Polizist.
„Ich gehe dann. Im Laufe des Tages, werde ich mich dann noch bei Ihnen melden, da sollte die Überprüfung durch sein. Gewiss möchten Sie Ihre ehm... Tochter... auch besuchen." Langsam nickte ich. „Das ist sehr freundlich, Chief Swan." Ein letztes Mal nickte er und verschwand.
„Royal London Hospital, Station 4F, Zimmer 003." Sprach Edward. „Ich fahr dich zum Flughafen." Kam es von Rose. „Ihr lasst euch etwas einfallen, wenn der Chief anruft." Sagte sie und war auch schon verschwunden.
Noch nie war das vergehen der Zeit so unangenehm gewesen, wie auf dem Flug nach London. Als würde die Zeit rückwärts laufen und mich fest in ihrer Hand halten. Ein Zusammenbruch bei jemanden, der Kayas Zustand teilte, könnte alles bedeuten und jedes Schicksal wäre schlimmer, als das Vorherige.
Dennoch versuchte ich mir alle Möglichkeiten aus meinem Kopf zu schlagen. Das Royal Hospital London gibt es seit 1740, natürlich hatte ich auch schon einige Zeit gearbeitet, auch wenn dies fast genauso lange her war, wie mein menschliches Leben.
Im Eingangsbereich stand eine gut fünf Meter hohe geschmückte Tanne. Ganz in Blautönen, so wie Kaya vermutlich geliebt hätte. Einen Moment musste ich innehalten und mir jenen immergrünen Baum ansehen.
„Sie müssen Doktor Cullen sein, nicht wahr? Doktor Jeremy McLoud. Guten Tag." Ein Mann in seinen späten Dreißigern kam in seinem weißen Kittel geradewegs auf mich zu. Er reichte mir seine Hand. „Ja, der bin ich. Guten Tag." „Ich bin der behandelnde Arzt Ihrer Tochter." Er wies mir den Weg während er in der Akte blätterte. „Der Polizeichef auf Forks sagte mir, dass Sie ebenfalls Arzt sind?" Ich nickte.
„Gut, Ihre Tochter kam mit einem Flug aus Pisa." Er blätterte weiter. „Auf dem Weg zu ihrem Anschlussflug nach Atlanta ist sie dann zusammen gebrochen und hatte einen epileptischen Anfall, der auf ihren Hirntumor zurückzuführen ist. Bei dem Anfall hatte sie ihr Bewusstsein verloren, deshalb hatte es so lange gedauert, bis wir ihre Anamnese erstellen und handeln konnten." Ein weiteres Mal blätterte er und zeigte mir Aufnahmen ihres Schädels. Ein fünf Zentimeter langer Tumor drückte direkt auf ihre Sehnerven. „Gestern haben wir sie dann operiert. Es ist soweit alles gut verlaufen..." „Aber?" Fragte ich nach und sah zu ihm. Er hielt vor dem Raum 003 an und sah auf die Türklinke. „Sie hat ein wenig Fieber und einen Teil ihrer Haare mussten wir nun einmal notgedrungen abrasieren."
Das erste Mal seit Tagen hatte ich ein Lächeln auf dem Gesicht. „Haare wachsen nach." Doktor McLoud öffnete die Tür. Eigentlich hatte ich gehofft sie nicht mehr so liegen zusehen. Mit den Apparaten und Schläuchen an sie angeschlossen. Die Hälfte ihrer Haare fehlte, sodass sich ihre weiße Mähne nur über ihre rechte Schulter ergoss.
Doch konnte ich ihren Herzschlag hören, was mir das größte Weihnachtsgeschenk dieses Jahr war.
„Ihre Enkel haben es auch gut überstanden." „Moment. Enkel?" „Wussten Sie es nicht?" Fragte er nach. Ich schüttelte meinen Kopf. „Ihre Tochter bekommt Zwillinge." Ich zog die Augenbrauen zusammen.
Hatte ich ihn da etwa richtig verstanden? Aber... Da war doch nur... ein Herzschlag?
Der andere Arzt lachte. „Ich hatte es auch noch nie, aber ihre Enkel teilen sich einen Rhythmus, was den Herzschlag angeht." Er bedeutete mir weiter zu blättern und da sah ich es. Ein Ultraschallbild, auf dem nicht ein Kind, sondern zwei zusehen waren.
Ungläubig schüttelte ich meinen Kopf. „Naja gut. Ich gebe den Schwestern dann Bescheid, dass Sie hier sind. Falls Sie etwas benötigen, einen Tee vielleicht, können Sie gerne im Schwesternzimmer nachfragen." Der Arzt verschwand durch die Tür und schloss sie hinter sich.
Als ich mich hinsetzte, fielen mir Felsbrocken von den Schultern, die Größer als Häuser waren. Ich nahm ihre Hand in die meine und küsste sie sanft. „Es ist okay... Du kannst jetzt aufwachen... ich bin da." Flüsterte ich ihr entgegen.
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