Die Abenteuer des Cub'ai Ze'rax 3 - Zweigeteilt

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16
07.08.2019
18.08.2019
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Der Himmel war klar, bis auf wenige Wolken, die vom Licht der untergehenden Sonne in alle Farben des Rotspektrums getaucht wurden. Der Anblick war für sich spektakulär – aber noch mehr, wenn er bedachte, dass er den glühenden Feuerball vor wenigen Monaten selbst noch umrundet hatte.
Von hier unten sah es so… gewöhnlich aus.
»Ich sehe, du genießt den Anblick schon sehr«, ertönte die Stimme von Vanessa, als sie die Terrasse des Restaurants betrat, wo Jon an einem gedeckten Tisch vor einer Kerze saß.
Dieser lächelte, als er die Astrophysikerin sah, die ein einteiliges, schwarzes Kleid und eine silberne Halskette auf dem einladenden Dekolleté trug. Ihre blonden Haare waren zu einem Dutt nach oben gesteckt, und sie war dezent, aber ansehnlich, geschminkt.
»Nicht so sehr wie ich deinen Anblick genieße«, erwiderte Jon charmant. »Sagen wir so… seit meiner letzten Reise beeindruckt mit ein Sonnenuntergang nur noch halb so sehr«, fügte er lachend hinzu.
Vanessa schmunzelte. »Dabei wäre das eigentlich mein Gebiet. Wenn es einen Platz auf deinem Schiff gibt, sagst du Bescheid, ja?«
Jon war klar, dass sie nicht fragte, weil sie Sonnenflecken beobachten wollte. Ihr Verhalten signalisierte deutlich, dass sie etwas anderes von ihm erwartete – und er wusste noch nicht, wie weit er mitspielen würde. Es war klar, er hatte einmal etwas für Vanessa übrig gehabt – aber dazwischen lagen mittlerweile viele Jahre. Jahre, in denen beide sich sicher geändert hatten.
Schließlich nickte er. »Natürlich«, meinte er dünn lächelnd.
Nachdem der Kellner ihre Bestellungen aufgenommen hatte, richteten beide den Blick auf die gefärbten Wolken, hinter denen die Sonne gerade am Horizon verschwand. Schließlich blickte Vanessa wieder ihn an, diesmal ernster.
»Ich bin nicht blind, Jon… ich sehe, dass dich etwas davon abhält, das Jetzt zu genießen. Ich habe dir angeboten, darüber zu sprechen. Was bereitet dir Kopfzerbrechen?«, sprach Vanessa und griff nach vor zu Jons Hand, die auf dem Tisch lag. Die Berührung war unerwartet, aber angenehm. Dennoch zeigte Jon keine Reaktion darauf. Er wollte Vanessa keine falschen Signale geben, von denen er wusste, dass er die Konsequenzen gerade nicht tragen konnte.
»Es ist… nicht so einfach, Vanessa«, begann Jon da mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck. Er hätte ihr so gerne alles erzählt – aber abgesehen davon, dass er der militärischen Geheimhaltung unterlag, hätte sie ihn wohl für verrückt erklärt, wenn er von Magie anfing; also musste er vorsichtig darüber sprechen.
»Du kannst mir alles erzählen. Wir kennen uns schon so lange, Jon… wenn ich weiß, dass dich etwas bedrückt, dann bedrückt es mich auch«, sprach die Astrophysikerin sanft und drückte seine Hand, bevor sie ihre zurückzog, gleich eines physischen Angebots. »Aber wenn du das nicht willst, können wir nach dem Essen auch wieder gehen. Ich wollte dir nicht deine Zeit rauben.«
Jon war bewusst, dass er seine Chance gerade verspielte – nicht nur bei Vanessas Herz, sondern dabei, eine Freundin zu haben, die ihm zuhörte. Er hatte nicht viele Freunde – um genau zu sein war Ze’rax sein bester Freund. Und genau dieser hatte ihn verletzt. Das, was er jetzt am meisten brauchte, war jemand anderer, mit dem er reden konnte, und da war Vanessa wie ein Tropfen Wasser in der Wüste zu ihm gekommen.
»Also gut…«, meinte er, nachdem er sich gedanklich gefestigt hatte.
Dann erzählte er Vanessa alles, was sie über den Fall wissen musste, bis zu dem Gespräch mit Ze’rax, das er am Vortag gehabt hatte.

»Das ist wirklich unglaublich«, erwiderte Vanessa, nachdem sie die Geschichte gehört hatte. Jon war sich nicht sicher, wie er ihre Miene deuten sollte – ob sie verwirrt, verschreckt oder begeistert war. Vielleicht war sie der Grund gewesen, dass er in seinem Leben immer so nach Logik gesucht hatte – um bei ihr zu imponieren. Doch mittlerweile war nichts mehr logisch in seinem Leben. Die einzige Konstante, die er bisher gehabt hatte, hatte ihn belogen – und gleichzeitig sein einziger Freund.
»Du hältst mich nicht für einen Spinner?«, fragte Jon mit einem hochgezogenen Mundwinkel. Die Sonne war mittlerweile längst untergegangen, und der Mond stand nun wie eine halbrunde Scheibe am Himmel. Das Essen war ebenfalls abserviert worden, und zum Abschluss hatten sie noch eine Flasche Wein bestellt.
Da schüttelte Vanessa den Kopf. »Es klingt zwar sehr fantastisch, aber… ganz ist dein Projekt nicht an mir vorbeigegangen, wenn ich ehrlich sein soll.«
»Wie darf ich das verstehen?«, fragte Jon ernster nach.
»Ich arbeite seit ein paar Monaten im Labor der NASA, wo der neue Antrieb für dein Schiff hergestellt wurden. Ich wusste, dass ihr etwas besitzt, das der Grund für den raschen Fortschritt in der Raumfahrttechnologie war – natürlich hätte ich niemals geahnt, was es wirklich ist, aber deine Geschichte hat mich dafür umso neugieriger gemacht.«
Nun huschte ein ehrliches Lächeln über Jons Lippen – er musste zugeben, dass er sich nicht sicher gewesen war, wie Vanessa reagieren würde. Ein Teil von ihm hatte aber gehofft, dass sie ihm diese Antwort geben würde.
»Und nun gibt es da draußen ein paar Kinder, die uns sabotieren wollen«, erwiderte er.
»Magiebegabte Kinder, sagtest du? Und sie wissen nichts von dem Attentäter?«, meinte sie. »Das macht es natürlich kompliziert. Mit herkömmlichen Methoden wirst du nicht weit kommen.«
»Das ist mir bewusst, das ist mir bewusst… wir haben nichts, das wir ihnen vorwerfen können. Trotzdem müssen wir sicher gehen können, dass so etwas wie letztens nicht wieder passieren wird.«
Vanessa blickte einige Momente lang nachdenklich auf den Tisch, dann sah sie ihn wieder an. »Ich würde sowas nicht vorschlagen, wenn ich eine andere Methode wüsste, aber… vielleicht wäre es das beste für uns und die Kinder, wenn sie sich nicht mehr daran erinnern würden. Sagtest du nicht, dein Freund kann so eine Gehirnwäsche durchführen?«
Jon blickte Vanessa kurz entsetzt an. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, solch einen Vorschlag aus ihrem Mund zu hören. Dennoch war es etwas, woran er selbst noch nicht gedacht hatte – es war vielleicht die einzige Möglichkeit, nachdem sie den Kindern nichts nachweisen konnten, und selbst wenn sie sie vor Gericht wegen Sabotage verurteilen konnten, hätten diese immer noch ihre magischen Kräfte, die es ihnen vielleicht erlaubten, aus dem Gefängnis zu flüchten – dabei wusste Jon gar nicht, was alles mit dieser Magie wirklich möglich war. Das würde er Ze’rax das nächste Mal fragen müssen.
»Du hast Recht, es klingt vielleicht rabiat, und so, wie ich Ze’rax einschätze, wird er es nicht gerne tun… aber ich fürchte, in dem Fall haben wir keine andere Wahl«, erwiderte Jon seufzend. »Es wäre das beste für sie, wenn sie vergessen, dass es Magie überhaupt gibt.«
Vanessa schien sein Unwohlsein zu spüren und ergriff wieder seine Hand. Ihre Mundwinkel zogen sich zu einem sanften Lächeln nach oben.
Die Kerze zwischen ihnen war fast ausgebrannt. Er wusste nicht, wie lange sie schon hier draußen saßen, aber mittlerweile war es ziemlich frisch geworden.
»Es ist kühl geworden, soll ich dich nach Hause fahren?«, fragte Jon schließlich nach einer schieren Ewigkeit und bot ihr seine Jacke an.
»Danke, aber ich bin selbst mit dem Auto hier«, erwiderte Vanessa kurz auflachend. Die Jacke nahm sie jedoch dankend an. Das war für Jon Beweis genug, dass sie noch immer an ihm interessiert war – und ihm fiel ein Komet vom Herzen, dass sie das nach der Erzählung immer noch tat! Nun stand auch nichts mehr im Wege, um sie besser kennenzulernen, oder?

~*~

Nachdem Jon Vanessa nach Hause gebracht hatte, hatte er den ganzen Rückweg lang ein Grinsen auf dem Gesicht. Er konnte noch immer ihre Lippen auf seinen spüren – nie hätte er gedacht, dass er sich eines Tages wieder wie ein Jugendlicher fühlen würde. Vanessa mochte nach außen hin eine Wissenschaftlerin sein – aber ihre Leidenschaft stand jeder anderen Frau um nichts nach. Wenn er ehrlich sein sollte, hatte er noch nie etwas für gewöhnliche Frauen übrig gehabt. Vielleicht lag die Faszination für unbekannte Dinge wirklich einfach in seiner Familie.
Kurz linste er zum Holophon, doch entschied sich dann für sein Bett. Zwar hätte er dieses lieber mit jemandem geteilt, aber er war ohnehin viel zu müde und betrunken, um noch einen klaren Gedanken zu fassen. Er würde Ze’rax morgen früh kontaktieren, um alles weitere mit ihm zu besprechen. Für heute wollte er einfach ein normaler Mann sein, hatte ihn doch das Gespräch mit Vanessa zum ersten Mal seit Jahren in die Realität zurückgeholt.
Zwar war der Weltraum natürlich nicht unreal, aber es war für ihn doch eine Art Flucht in eine andere Welt gewesen. Vanessa hatte ihm heute das Gefühl gegeben, dass es auch auf der Erde Dinge gab, die es wert waren, gelebt zu werden – wie ähnlich er damit seinem Großvater war, der vor vielen Jahren ähnlich gedacht hatte, ahnte er nicht einmal. Er hatte seinen Großvater schließlich nie kennengelernt – und Ze’rax hatte es nie für allzu wichtig gehalten, ihm von seinen gemeinsamen Erlebnissen mit diesem zu berichten!
Seine letzten Gedanken, bevor er zu Bett ging und das Licht ausschaltete, gehörten der blonden Astrophysikerin, bevor er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Ein Läuten riss ihn mitten in der Nacht aus dem Bett. Erschrocken fuhr er hoch und blickte sich um. Es brauchte einige Zeit, bis er wach genug war, um zu realisieren, dass es sich um das Piepen des Holophones handelte. Wer konnte ihn zu dieser Nachtzeit schon anrufen?
»Anruf annehmen«, murmelte er ins Finstere des Raumes hinein und zog sich die Decke bis ans Kinn, um jede Blöße zu verdecken.
Da erschien das Hologramm von Ze’rax vor ihm.
»Ze’rax? Was soll das? Es ist mitten in der Nacht!«, meinte Jon aufgebracht. »Ich sagte dir doch, du sollst mich nicht anrufen wenn es nicht dringend ist!«
»Es ist dringend«, erwiderte Ze’rax nüchtern. »Der Leiter des Labors war gestern hier, um den Reaktor zu überprüfen.«
»Und…?«, fragte Jon mit wachsendem Ärger.
»Er hat mich bei meinem Namen genannt, Jon.«
Da zog Jon kurz die Augenbrauen zusammen. »Es kann sein, dass ich deinen Namen irgendwann mal erwähnt habe… was ist daran so ungewöhnlich?«
»Ich vertraue ihm nicht«, erwiderte Ze’rax. »Er hat einige Einstellungen am Reaktor vorgenommen ohne dein Einverständnis. Er sagte den Wachen, dass meines reichen würde. Außerdem wollte er die Baupläne für den Reaktor haben, weil er selbst einen nachbauen will für Versuchszwecke.«
»Wenn es wirklich Dr. Morgan war, kann ich nicht viel tun – er hat die Berechtigung dazu von oberster Stelle, Ze’rax«, murmelte Jon verschlafen. »Wenn er es für nötig hält, dann wird das seinen Grund haben, auch wenn dir nicht gefällt, was er gemacht hat.«
Während ihn diese Nachricht normalerweise vermutlich mehr gestört hätte, dachte Jon im Moment nur an eines – sein Bett. »Entschuldige, wenn ich jetzt weiterschlafen will – nächstes Mal sagst du mir sowas wenn ich auf dem Schiff und wach bin, ja?« Seine Worte klangen vermutlich schroffer, als sie gemeint waren. Er wusste, dass der Cub’ai nicht schlief, aber dennoch konnte dieser doch wenigstens den Anstand haben, andere schlafen zu lassen!
»Auflegen«, meinte Jon zur Sprachsteuerung, bevor Ze’rax noch etwas antworten konnte, und drehte sich wieder um, um weiterzuschlafen. Wieso hatte er Ze’rax überhaupt seine Nummer gegeben?

~*~

Warum war er immer noch hier?
Er hatte sich vor sieben Jahren dazu entschieden, mit Jake und Jon durchs All zu fliegen, in der Hoffnung, das nächste Sonnensystem zu erforschen – aber die Dinge hatten sich wesentlich langsamer entwickelt, als er gehofft hatte. Das Eingesperrtsein in dem Reaktor zehrte zudem mehr an seinen Kräften, als er es vermutet hätte.
Nie hätte sich Ze’rax vorstellen können, dass er sich einmal so sehr nach Cub’a’ze zurückwünschen würde. Der Ort, an dem er entstanden war, und den er bisher so sehr verabscheut hatte, genau wie die anderen seiner Art. Aber das hier? Das hier war auf Dauer unaushaltbar. Auch, wenn sein Bewusstsein in dem Schiff war, und er das Magnetfeld nicht spürte, so war es ständig wie ein unterbewusster Druck vorhanden. Die Energie der Fusion machte das kaum wett – er war schließlich nicht dazu geschaffen, selbst Fusionen zu produzieren. Dennoch wurden sie in seinem Plasma herbeigeführt.
Und der Gedanke, dass dieser Morgan einen Cub’ani brauchte, um an ihm zu experimentieren, veranlasste ihn auch nicht dazu, gerne hier zu sein. Er wollte weg – entweder zurück zur Sonne, oder ins nächste Sonnensystem, aber zum ersten Mal seit Jahrtausenden wollte er nicht mehr auf der Erde sein.
Er hatte genug gesehen und erlebt.

Als Jon das Schiff betrat, merkte Ze’rax auf. Er war gerade in Jons Zimmer und war dabei, eine Partie Schach gegen sich selbst zu spielen. Es war zwar vollkommen langweilig, da er genau wusste, welche Züge gemacht wurden, aber es war eine Ablenkung von den Schmerzen, die die magnetischen Kräfte in seinem Unterbewusstsein auslösten.
Kurz darauf erschien Jon auch schon in seinem Zimmer und schien überrascht zu sein, Ze’rax hier anzutreffen. Er schritt nach vor und stellte seine Tasche auf dem Sofa neben dem Cub’ai ab.
»Und? Wer gewinnt? Du oder du?«, wollte er scherzhaft neckend wissen.
»Du bist schon zurück?«, fragte Ze’rax monoton, ohne den Scherz zu beachten und ohne von dem Schachbrett aufzusehen.
»Nun, ich wollte die Taktik mit dir in Person besprechen«, erwiderte Jon. »Ich habe darüber nachgedacht, wie wir die Kinder loswerden können. Du sagtest doch, jemand deiner Spezies hätte den Reporter … ich weiß das Wort aus deiner Sprache nicht mehr … einer Gehirnwäsche unterzogen.«
»Cor’a’xal«, stellte Ze’rax trocken fest, während er einen Turm mit einem Läufer nahm.
»Danke«, erwiderte Jon. »Wie auch immer. Heißt das, du kannst das auch machen?«
Nun sah Ze’rax langsam vom Brett auf und blickte Jon in die Augen. Er betrachtete ihn eine Weile nachdenklich. Die Situation erinnerte ihn an eine Zeit, als die Cub’ani noch unter der Erde gelebt hatte. Eine Zeit, in welcher es einige Menschen gegeben hatten, die sie wie Götter verehrt hatten. Eine Zeit, die sich Ze’rax nicht zurück wünschte. Er hatte Xo’tac dafür verabscheut, die Menschen wie Vieh behandelt zu haben und ihnen ihren freien Willen zu nehmen… und jetzt wollte Jon, dass er das selbst tat?
»Selbst wenn ich so etwas tun würde, die Kinder würden mich erkennen«, erwiderte er schließlich nüchtern, ohne seine Gedanken laut auszusprechen.
Da runzelte Jon die Stirne. »Welche Arten von Magie beherrschen die Menschen eigentlich noch? Ich habe versucht, eine Kerze anzuzünden… ich bin wohl entweder nicht begabt, oder ich habe es falsch gemacht«, fragte er kurz auflachend.
Jon wirkte trotz der Umstände gut gelaunt, und Ze’rax verspürte Wut darüber. Wut darüber, dass Jon Freude gehabt hatte, während er selbst auf dem Schiff gefangen war und gelitten hatte. Die ganze Zeit hatte er die Welt mit einem Menschen gemeinsam bereist – doch dieses Mal war es anders. Jon begleitete ihn nicht wie seine anderen Lehrlinge zuvor. Ze’rax hatte sich das viel zu lange gefallen lassen.
Nach einer weiteren Pause antwortete er: »Ich weiß nur, dass sie unsichtbare Barrieren errichten können, mit denen sie Strom oder Strahlung ableiten können. Einige können wohl auch Gedanken lesen, und andere auch… Kerzen anzünden.«
»Mehr nicht?«, fragte Jon nun. »Keine Blitze schleudern oder eine Sintflut herbeirufen?«
»Jedenfalls nicht vor meinen Augen«, erwiderte Ze’rax nüchtern.
»Um das klarzustellen… magisch begabte Menschen können den Tod überstehen, wenn sich ihre Magie für sie ›opfert‹… Cub’ani können Menschen wiederbeleben. Magier erkennen Cub’ani und umgekehrt… Magier können Gedanken lesen, Cub’ani können Gedanken beeinflussen… ist dir da noch nie ein Zusammenhang aufgefallen? Ich glaube nicht an Magie, Ze’rax – ich habe vielleicht nicht Physik studiert, aber ich stehe zur Wissenschaft.«
»Ich weiß, worauf du hinaus willst – aber ich weiß nicht, wieso manche Menschen magisch sind und andere nicht, Jon«, erwiderte Ze’rax immer noch kühl.
»Wenn es hilft, dann hoffe ich, dass ich magisch bin und stelle mich selbst als Experiment zur Verfügung!«, meinte Jon entschieden. »Ich möchte wissen, was Magie wirklich ist.«
Darüber hatte Ze’rax, wenn er ehrlich sein sollte, noch nie nachgedacht. Er hatte alles immer als gegeben hingenommen, aber Jon stellte Fragen. Zu viele Fragen manchmal.
»Ze’rax«, sprach Jon dann und sah den Cub’ai direkt an. »Könntest du den Kindern die ›magischen‹ Kräfte entziehen und ihnen danach ihre Erinnerung daran nehmen?«
Da wurde Ze’rax’ Blick finster. »Ist dir bewusst, was du da von mir verlangst? Du willst, dass ich die Kinder töte und ihnen anschließend in einer grauenvollen Prozedur ihre Gedanken verdrehe damit sie nicht einmal ihre eigenen Namen kennen. Ist es das, was du willst, Jon?«
Ze’rax wusste den Ausdruck auf Jons Gesicht nicht ganz zu deuten. War es Reue? War es Verzweiflung? War es Entschlossenheit? Vielleicht wusste Jon selbst nicht, wie er darüber denken sollte. Aber in all der Zeit, wo Ze’rax auf der Erde gewesen war, hatte er keinem Menschen etwas Derartiges angetan – mit gutem Grund.
»Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl«, erwiderte Jon nach einer schieren Ewigkeit resigniert. »Ich weiß, dass das vielleicht etwas viel ist…«
Ze’rax schüttelte entgeistert den Kopf. »Wenn es wirklich das ist, was du willst, wenn du denkst, dass es richtig ist – dann werde ich es tun. Aber du wirst die Kinder in meine Nähe bringen müssen.«
»Kannst du das von einem Androiden aus?«, fragte Jon. »Ich kann sie nicht hier her bringen, aber ich kann dich zu ihrem Haus bringen.«
Ein leises Knurren entkam Ze’rax – die Situation wurde immer unangenehmer für den Cub’ai. »Wenn du mir ein Funkgerät gibst. Ich will die Erinnerungen wenigstens nicht verlieren, falls meinem zweiten Ich etwas zustößt.«
»Natürlich«, bestätigte Jon. »Ich lasse den Androiden damit ausstatten. Sonst noch etwas?«
»Ja«, gab Ze’rax zurück. »Ich will, dass du Morgan überwachst. Ich vertraue ihm nicht.«
»Den Wunsch kann ich dir nicht erfüllen, der Leiter des Instituts genießt Schutz vom Weißen Haus persönlich.«
»Dann habe ich dir nichts weiter zu sagen«, gab Ze’rax zurück und stand auf. Das Schachbrett verschwand wie die Illusion, die es gewesen war, und er begab sich auf den Weg nach draußen.
Er hatte genug gehört von diesem Plan! Er würde seinen Teil leisten, aber seine Meinung über Jon war gerade stark ins Wanken gekommen. Er hätte den jungen Lennon anders eingeschätzt.

~*~

Der schwarze Wagen hielt im Dunkel des Abends vor dem kleinen Haus am Rande der Stadt, nicht unweit entfernt von Jons eigenem Haus. Licht brannte in einem der Zimmer, die anderen waren finster. Jon bereute es bereits, seinen Freund so angelogen zu haben. Aber es musste sein, damit er keinen Verdacht schöpfte. Er hatte seine Befehle – auch, wenn diese ihm nicht gefielen. Es war die einzige Möglichkeit, diese Verschwörung ein für alle Mal zu beenden – selbst wenn er damit die Freundschaft zu Ze’rax aufs Spiel setzte.
Letzten Endes wusste er nicht einmal, ob es überhaupt funktionieren würde.
»Ich werde zuerst hinein gehen und vorgeben, ein Vertreter zu sein und sie ablenken«, erklärte Jon Ze’rax, der neben ihm saß und von außen nicht von einem Menschen zu unterscheiden war. »Währenddessen wirst du von hinten in das Haus schleichen und die beiden angreifen. Egal was passiert, vertrau mir.«
Mit finsterem Blick nickte Ze’rax, dem der Plan offensichtlich nicht gefiel.
Jon presste die Lippen zusammen und stieg aus. Er warf einen Blick zur Seite in Richtung der Büsche im Garten und gab ein Zeichen mit der Hand. Dann schritt er die Stufen hinauf und läutete an der Türe. Er hatte für diese Mission eigens seine Uniform abgelegt und trug rein zivile Kleidung, damit man ihn nicht als Offizier erkennen würde.
Im Augenwinkel beobachtete er, wie Ze’rax ausstieg und seine Position hinter dem Haus einnahm. Kurz darauf wurde ihm auch schon von einer jungen Frau geöffnet.
»Wer sind Sie?«, wollte das Mädchen skeptisch wissen. »Und was wollen Sie? Meine Eltern sind gerade nicht hier.«
»Mein Name ist Jonathan Lennon«, erklärte Jon freundlich. »Und du bist Jessica Williams, oder?«
»Woher kennen Sie meinen Namen?«, kam es sofort zurück.
Da zeigte John seinen Ausweis. Das Mädchen runzelte die Stirne und sah ihn mit finsterem Blick an. Mit der Reaktion hatte er bereits gerechnet. Aber sie musste auch spüren, dass er kein Alien war – falls sie wusste, dass sie das konnte.
»Es gab ein Attentat auf die Regierung«, erklärte Jon nun. »Ein junger Mann ist dabei ums Leben gekommen. Sein Name war Timothy Lennard. Er war aber nicht derjenige, der getötet werden sollte.«
Bei dem Namen sah Jon, wie das Mädchen blass im Gesicht wurde. Der einzige Grund, warum er hier war, war um zu prüfen, ob ihr Verdacht richtig gewesen war – aber ihr Entsetzen bestätigte seine Theorie, dass sie von dem ganzen überhaupt nichts gewusst hatte.
»Wir haben Nachforschungen angestellt und sind dabei auf deinen Namen und den deines … Bruders, nehme ich an, gestoßen.«
»Sie meinen Dean? Er hat mit der Sache nichts zu tun, lassen Sie ihn aus dem Spiel!«, erwiderte Jessica hastig. Doch Jon sah, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Ein bestätigendes Gefühl breitete sich in ihm aus. Sie ist unschuldig. Das war eine Möglichkeit, die sie gar nicht in Betracht gezogen hatten.
»Keine Sorge, ich bin nicht deswegen hier«, erwiderte Jon.
Da zog das Mädchen die Augenbrauen zusammen. »Warum dann?«
Jons Miene wurde ernster und er wartete ab. Im Hintergrund hörte er ein Geräusch und wusste, dass es Ze’rax war. Schnell machte er einen Satz nach vor und warf sich mit dem Mädchen zu Boden, sodass der Blitz, der kurz darauf in ihre Richtung schoss, daneben ging. Er betätigte sein Funkgerät. »Es ist soweit«, flüsterte er den Befehl hinein. Das Mädchen schien nicht zu wissen, was los war.
»Ich bin hier, weil ihr in Gefahr seid«, meinte er schließlich und erhob sich wieder, während er seine Pistole zog und auf den Androiden richtete, der in dem Moment aus den Schatten hervorgetreten war und einen weiteren Blitz auf das Mädchen schießen wollte.
»Das Alien ist hinter euch her«, flüsterte er zu ihr. »Lauf nach draußen. Dort bist du in Sicherheit.«
Jessica blickte ihn irritiert an, doch dann erhob sie sich und blieb neben ihm stehen. »Ich kann helfen!«, meinte sie. In dem Moment hörte Jon die Luft im Raum knistern und seine Nackenhaare stellten sich auf. Als ein weiterer Blitz auf sie zuschoss, wurde dieser von dem unsichtbaren Schutzschild abgefangen und richtete keinen Schaden an.
»Kein schlechter Trick«, erwiderte Jon schmunzelnd.
Daraufhin grinste Jessica leicht. Jon ließ nicht lange auf sich warten und feuerte auf den Androiden, dessen technische Bauteile daraufhin zerstört wurden. Funken spritzten davon, als die Kabel aus dem blutleeren Körper herausfielen und er schließlich nach einigen Schüssen einknickte.
Das, was dann geschah, musste Jessica sehen, damit sie ihm glaubte.
Das helle Licht, das aus dem menschlichen Körper schoss, stieß ein elektrisches Surren aus. Tentakel aus Licht strahlten aus der Mitte weg, und einige Sekunden starrte Jessica wie gebannt auf das fremde Wesen. »Das… das sieht ja aus wie…«
»Das ist das Alien, das mit dem Schiff kam und den Senator übernommen hat, genau«, stellte Jon schließlich fest. »Wir waren schon die ganze Zeit hinter ihm her, doch seine Spur hat uns zu dir geführt. Offenbar wollte es irgendwas von euch… keine Sorge, wir haben das Haus umstellt, es kann nicht weit kommen!«
Offenbar schien Ze’rax den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden zu haben, denn er flog auf sie zu, während ein elektrisches Knistern von den tentakelartigen weiß glühenden Fäden ausging, die gegen die Wände schlugen und dort verbranntes Holz zurück ließen.
Jon packte Jessica an der Schulter und zog sie aus der Türe hinaus.
»Keine Sorge, es kommt nicht durch mein Schild!«, erklärte Jessica. Tatsächlich kamen die Tentakel nicht näher an sie beide heran, sie schienen von einem unsichtbaren Feld abgeschirmt zu werden – und in Jon wuchs ein Verdacht.
»Was auch immer du da machst, es ist großartig«, lobte Jon sie.
In dem Moment gingen draußen an allen Ecken des Hauses Lichter an. Die vier riesigen Schirmlampen knisterten mit Elektrizität, und tatsächlich hielt Ze’rax kurzerhand darauf zu. Sein energiehungriges Plasma wurde von den Blitzfängern angezogen, und als er in eine Lampe einschlug, wurde seine Energie durch ein Kabel in einen großen Container geleitet, der von außen abgeschirmt war. Dann wurde es wieder dunkel, und der Container wurde von den Soldaten hermetisch verschlossen.
Jon atmete gespielt erleichtert auf. »Danke, mit deiner Hilfe konnten wir das letzte Alien endlich einfangen!.«
Jessica blickte ihn aus großen Augen an. »Ich wollte… ich wusste nicht… was ist mit Lennard passiert?«
»Er hat versucht, das Raumschiff zu sprengen und damit die gesamte Crew. Wir konnten ihn stoppen, aber… er ist in den Reaktor gefallen und dabei gestorben.«
Jessica senkte traurig den Kopf. »Ich wollte es ihm ausreden, aber… nach dem Tod seines Vaters glaubte er, das Alien wäre in dem Schiff…«
»Das war es auch«, bestätigte Jon im Brustton der Überzeugung. »Bis heute.« Er schenkte dem Mädchen ein Lächeln und legte ihr stolz die Hand auf die Schulter. »Die Tode waren unnötig, aber wir können nicht mehr tun, als weitere zu verhindern. Dabei hast du uns einen großen Dienst erwiesen.«
Jessica blickte ihn unsicher an. »Was ist mit dem Raumschiff? Woher kamen die Aliens?«
Jon presste die Lippen aufeinander. »Das Raumschiff ist ein geheimes Projekt der NASA, um eine neue Welt zu finden, die für die Menschen bewohnbar ist. Ich kann dir leider nicht mehr sagen, da das Projekt der Geheimhaltung unterliegt. Ich muss dich auch bitten, niemandem davon zu erzählen, okay?«, meinte Jon nachdrücklich mit einem Stirnrunzeln.
Da zögerte das Mädchen kurz, nickte aber schließlich. »Okay… Captain Lennon«, erwiderte sie mit einem leichten Schmunzeln.
Da musste auch Jon etwas grinsen.
Das Grinsen verging ihm bei dem Gedanken, dass er sich später einiges von Ze’rax anhören können würde – aber dafür waren sie eine Sorge garantiert los. Nach den heutigen Geschehnissen würde es nie wieder Gerüchte über Außerirdische in der Regierung geben.
Blieb nur noch eine zweite Sorge übrig, für deren Lösung Ze’rax ihn erst recht köpfen würde, falls er überhaupt noch mitmachte…

~*~

Ein wütendes Zischen ertönte, als sich das Plasma aus dem Container mit dem restlichen im Reaktor auf dem Schiff vermischte. Es war schrecklich, sein Selbst bewusst zu spalten. Aber noch schlimmer war es, von einem Freund hintergangen zu werden.
Als das Magnetfeld kurz darauf wieder aktiviert wurde, und sich seine Synapsen mit dem Boardcomputer erneut verbanden, erschien sein Hologramm kurz darauf wieder in der Mitte der Brücke vor Jonathan Lennon.
Ze’rax’ Miene war finster. Ein schwarzes Loch musste wie ein hell leuchtender Stern dagegen aussehen. Er war so wütend, dass seine Augen weißblau glühten.
»Mir ist klar, dass eine Entschuldigung nicht ausreichen wird«, erhob Jon schließlich zuerst reumütig das Wort. Er hatte seine Uniform wieder angezogen, während Ze’rax zurück transportiert worden war und sich mit seinem anderen Ich vereinigt hatte. »Aber vielleicht kann es eine Erklärung.«
»Warum hast du mir nichts davon gesagt, dass du gar nicht vorhattest, mich das Mädchen töten zu lassen?«, kam es von Ze’rax zornig. Er stand buchstäblich unter Strom, doch er war nur ein Hologramm.
»Das konnte ich nicht«, erwiderte Jon entschieden. »Es wäre zu riskant gewesen, wenn sie deine Gedanken gelesen hätte. Und es musste authentisch wirken. Du musstest die Intention haben, sie zu töten – nur so konnte es echt genug aussehen, um alle Zweifel zu beseitigen.«
»Ich habe mich nicht nur einmal, sondern gleich zweimal in dir getäuscht, Jonathan Lennon«, erwiderte Ze’rax nüchtern. Das Funkeln wich langsam aus den Augen des Hologramms.
Mit den Worten war das Hologramm verschwunden.
»Ze’rax, ich… verdammt, wir sind noch nicht fertig!«, hörte er Jon sagen.
Nein, wir haben gerade erst angefangen, ging es dem Cub’ai durch den Kopf.
Vielleicht hatte er sich nicht nur in Jon, sondern in allen Menschen getäuscht – Jon hatte ihm mehr als eindeutig bewiesen, dass er für diesen nur ein Mittel zum Zweck darstellte.
Doch Jon blieb hartnäckig auf der Brücke des Reaktors stehen und blickte nach oben, wo er in die Kamera blickte. Sein Blick war entschlossen, seine Fäuste waren geballt. »Ich habe dir gesagt, du sollst mir vertrauen! Habe ich dir etwa geschadet?«
Es verging eine Weile, in der keine Reaktion kam. Ze’rax’ Hologramm war auf der Brücke erschienen, wo er gerade alleine war und nachdachte. Er musste Jon Recht geben, auch wenn es ihm schwer fiel – er hatte ihm nicht geschadet. Seine Substanz war unversehrt und wieder vereint. Aber vielmehr als seine physische Form waren seine Gefühle verletzt worden.

~*~

Jon hatte nicht lange suchen müssen, um das Hologramm auf der Brücke sitzend zu finden. Doch als er den Raum betrat, drehte sich Ze’rax nicht um. »Weißt du überhaupt, was du mir angetan hast?«, fragte der Cub’ai leer.
»Ich habe dich ohne dein Wissen für ein Täuschungsmanöver benutzt und angegriffen, aber das habe ich nur getan, weil ich wusste, dass du keine Schmerzen haben wirst«, erwiderte Jon mit erstaunlich fester Stimme.
Doch Ze’rax schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Das ist es nicht.«
»Was ist es dann?«, wollte Jon wissen.
Nun drehte sich das Hologramm langsam um, damit es Jon in die Augen sehen konnte. »Das, was du mir befohlen hast. Du hast verlangt, dass ich gegen mein innerstes Selbst handle und damit alles, was mir wichtig ist, verwerfe. Du hast erwartet, dass ich mich ohne zu zögern mit denen, die ich mein Leben lang gejagt und verabscheut habe, auf eine Stufe begebe. Ich habe an dir gezweifelt, weil du damit scheinbar kein Problem hattest. Hättest du gesagt, dass du so etwas nie vorgehabt hättest, hätte ich keinen Grund gehabt, deine Moral infrage zu stellen.« Dann drehte sich Ze’rax schweigend wieder um.
Mit diesem Grund hatte Jon tatsächlich nicht gerechnet. Er wusste nicht, was er sagen sollte – aber vielleicht waren Worte überflüssig. Der Captain ließ sich neben dem Cub’ai nieder und richtete den Blick auf denselben Punkt schweifen, den der andere anstarrte.
»Jetzt verstehe ich«, erwiderte er nach einigen Momenten der Stille leise. »Und ich bitte dich erneut um Verzeihung.«
An diesem Abend saßen sie eine lange Zeit und blickten wortlos die Sterne an, die über dem lichtlosen Platz die Dunkelheit erleuchteten. Jon konnte nicht sagen, was in dem anderen vor sich ging, aber er spürte, dass sich etwas in Ze’rax verändert hatte.
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