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Das Erbe der schwarzen Magier I - Die Königsmörderin

GeschichteDrama, Fantasy / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
06.08.2019
23.02.2021
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566.242
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Kapitel 40 – Entscheidungen und Eskapaden



Der Tag dämmerte so klar und kalt wie die vergangenen und mit Eisblumen an den Fensterscheiben von Rothens Apartment. Über Nacht waren seine Räume so ausgekühlt, dass er die Wärmekugel hinter den Wandschirm zwischen Wohn- und Schlafzimmer die Luft eine Weile aufheizen ließ, bevor er die Bettdecke zurückschlug und aus seinem Nachtgewand in eine frische Robe wechselte. Als er sich etwas Wasser ins Gesicht spritzte, zuckte er zusammen. Es war eisig.

Rasch rubbelte er mit einem Handtuch übers Gesicht und betrat dann sein Wohnzimmer.

„Guten Morgen, Mylord“, grüßte Tania. Seine Dienerin war über den kleinen Tisch zwischen den Sesseln gebeugt, wo sie gerade Brötchen, Kuchen und frischen Sumi arrangierte. „Habt Ihr gut geschlafen?“

„Abgesehen davon, dass meine Novizin anderen Novizen auflauert, ja“, antwortete Rothen mit einem schiefen Lächeln. Ein Glück, dass schon fast Wochenende ist! Dann unterdrückte er ein Stöhnen. Im Abendsaal würde an diesem Abend vermutlich nichts anderes als dieser Vorfall diskutiert werden.

„Die Diener in der Küche haben davon gesprochen. Sie sagen, Lina hätte einen Trick ausprobiert, den Lady Sonea ihr gezeigt hat und dass sie Lina dazu ermuntert hat, ihn zu üben.“

„Sie hat Lina nicht dazu ermuntert“, korrigierte Rothen ärgerlich. Er griff nach dem Sumi und setzte sich. „Es war so gedacht, dass Lord Darin sie das mit ihren Klassenkameraden üben lässt. Aber Lina hatte nicht die Geduld, so lange zu warten.“

„Wurde sie bestraft?“

Rothen nickte grimmig. „Soneas Disziplinarmaßnahme wurde verlängert und Lina hat zusätzlich einen Monat Dienst in der Magierbibliothek bekommen.“

„Das ist viel!“, rief Tania aus.

„Die höheren Magier haben so entschieden, weil sie sehr temperamentvoll ist. Sie soll daraus lernen.“

„Und seid Ihr einverstanden?“

„Ja.“

Tanias Augen weiteten sich. „Das sieht Euch nicht ähnlich.“

„Keiner meiner früheren Novizen hat je so etwas gewagt“, sagte Rothen. Linas Verhalten erinnerte ihn zu sehr an einen Novizen, der einst Sonea das Leben schwergemacht hatte. „Nicht einmal Dannyl und Dorrien in ihren anstrengendsten Phasen waren so.“

„Dann ist es wohl besser so.“ Tania lächelte mitfühlend. „Ich bin Bettenmachen. Ruft, wenn Ihr etwas braucht, Mylord.“

„Danke, Tania“, erwiderte Rothen. Er wandte sich seinem Frühstück zu. Noch immer verärgert, beschloss er die Brötchen zu ignorieren und einen der kleinen Kuchen zu essen. Er hatte gerade erst einen Bissen genommen, als es klopfte.

Tania steckte den Kopf aus seinem Schlafzimmer.

„Soll ich gehen?“

„Ich mache das schon“, antwortete Rothen und streckte seinen Willen nach der Tür aus.

Draußen im Flur stand Sonea. Ihr Miene war ernst, die Blässe auf ihren Wangen und die Ringe unter ihren Augen stumme Zeugen einer schlaflosen Nacht, betont von der Farbe ihrer Robe.

Ihr Anblick vertrieb alle Sorgen, die Rothen wegen seiner Novizin umtrieben. Hatten sie und Akkarin sich wieder gestritten? Oder war etwas anderes passiert?

„Sonea!“, rief er. „Komm herein und erzähl mir, was passiert ist.“

Sie schritt an ihm vorbei, als zwang irgendetwas sie dazu, Abstand zu ihm zu halten. „Wir müssen uns unterhalten, Rothen“, sagte sie. „Über Lina.“

Rothens Herz setzte einen Schlag aus. „Hat sie wieder etwas angestellt?“

„Nein. Ich bin hier, um mit dir über ihre Ausbildung zu sprechen.“

Also machte sie sich auch wegen des Mädchens Gedanken. Sie war bereits am vergangenen Abend im Büro des Rektors so nachdenklich gewesen. Rothen begriff, dass sie sich die Schuld an dem Vorfall gab und damit verrauchte auch der letzte Zorn, den er am vergangen Tag verspürt hatte.

„Es ist nicht deine Schuld, Sonea“, sagte er behutsam. „Wenn jemand daran die Schuld trägt, dann bin das ich. Ich habe gedacht, ich hätte sie im Griff, doch ich habe die Situation unterschätzt.“

Sie nickte stumm.

„Möchtest du dich setzen?“ Rothen wies zu einem Sessel. „Ich mache dir einen Raka, wenn du magst.“

„Danke, Rothen. Ich möchte nichts.“

Den geschäftigen Ton in ihrer Stimme bemerkend runzelte Rothen die Stirn. Hatten seine Worte sie nicht überzeugt, oder hatten sie und Akkarin doch gestritten? Ein zweiter derart heftiger Streit würde nicht nur ihr und Akkarin schaden. Er brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, wie entsetzlich ihre Nacht gewesen sein musste.

„Sonea, was beschäftigt dich?“, fragte er sanft.

Für einen Moment schloss sie die Augen, die widersprüchlichsten Emotionen auf ihrem Gesicht. Als sie sie wieder öffnete, war ihre Miene eine Maske aus Härte und Entschlossenheit, die sie nur zeigte, wenn sie sich aufmachte, für ihre Ideale zu kämpfen.

„Ich fordere Lina ein.“

„Bitte was?“

„Du hast richtig gehört, Rothen. Ich fordere Lina ein. Als Novizin.“

Allmählich sickerte die Bedeutung der Worte in sein Bewusstsein. Das Gefühl von Ohnmacht wurde übermächtig, als er sich mit einem Mal wieder in eine ähnliche Situation versetzt fühlte. In einem Winter vor vielen Jahren. Nur, dass es damals Sonea gewesen war, die ihm weggenommen worden war.

„Nein“, sagte er tonlos. „Das kannst du nicht machen.“

„Rothen, du weißt sehr wohl, dass ich das kann“, sagte Sonea sanft. „Es ist mein Recht, jeden vielversprechenden Novizen einzufordern und auszubilden und herauszufinden, ob er sich als mein Nachfolger eignet. Lina ist eine vielversprechende Novizin.“

Mit einem Mal war der Zorn zurück und loderte heller denn je. Das musste ein schlechter Scherz sein! Rothen brauchte sie jedoch nur anzusehen, um zu wissen, dass es ihr ernst war. Wann war sie so geworden? „Du kannst sie nicht ihrem einzigen Bezugsmenschen in der Gilde entreißen“, sagte er. „Dann gerät sie völlig außer Kontrolle.“

Sonea seufzte leise. „Niemand hat gesagt, dass ihr euch nicht mehr sehen dürft, Rothen. Wer könnte sie besser in Alchemie unterrichten, als du und Farand? Ich habe weder vor, sie in der Residenz festzuhalten, noch über ihre Freizeit zu bestimmen, sofern ihre Noten mich zufriedenstellen. Sie kann dich besuchen, wann immer sie das möchte.“

Aber er würde nicht mehr Linas Mentor sein. Die Erkenntnis war ein Schock. Lina hätte die letzte sein sollen, bevor er den Rest seiner Tage als Lehrer verbrachte. Er hatte sich Lina aus Liebe zu Dorrien und Viana angenommen. Und weil er das Mädchen mochte. Wenn er ihre Ausbildung nicht zu einem guten Abschluss brachte, dann würde es sich immer so anfühlen, als hätte er sein letztes Werk unbeendet gelassen.

„Sonea“, sagte er. „Du weißt, dass ich nach Lina keinen Novizen mehr nehmen wollte. Wieso lässt du mich diese Arbeit mit ihr nicht vollenden?“

„Weil, bei aller Liebe Rothen, du weder ihr Temperament noch ihre Kräfte kontrollieren kannst. Sie braucht jemanden, der ihr überlegen ist. Jemanden, der ihr helfen kann, ihr Potential richtig und angemessen einzusetzen.“

„Also ist es das?“, fragte er erbost. „Ich bin zu alt und zu senil?“

„Nein, Rothen!“ Aufgebracht schüttelte sie den Kopf. „Darum geht es doch gar nicht! Lina braucht dich in ihrem Leben. Sie liebt dich. Aber genau das ist der Grund, warum ich sie dir nehmen muss. Du kannst ihr ein Freund sein oder ein Großvater. Aber du kannst nicht, gleichzeitig ihr Mentor sein.“

Ihre Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. „Von allen Menschen, die ich kenne, hätte ich von dir am wenigsten erwartet, dass du mir in den Rücken fällst“, grollte er. „Ich dachte, wir stehen auf derselben Seite.“

„Das tun wir. Wir wollen beide das Beste für Lina.“

„Nein, du willst einen Nachfolger finden. Ob du das tust, weil Akkarin sich eures Sohnes angenommen hat, will ich nicht wissen. Aber ich sage dir, dass Lina sich nicht als Nachfolgerin eignet.“

„Das wird die Zeit zeigen. Sie hat eine Menge ungenutztes Potential. Aber sie ist verwöhnt und fehlgeleitet. Mit der richtigen Anleitung kann sie es entfalten und zu einer starken und ehrbaren Kriegerin werden.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dass ich mich ihrer annehme, heißt jedoch noch lange nicht, dass sie auch meine Nachfolgerin wird.“

Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und schritt zum Fenster. „Ich kann dir nicht die Angst nehmen, dass Lina schwarze Magie erlernen wird, Rothen. Aber ich kann dir versprechen, dass diese Entscheidung nur mit Akkarin, den höheren Magiern und dem König getroffen wird. Sofern Lina selbst einverstanden ist und eine Wahrheitslesung ergibt, dass sie sich für diese Bürde eignet. Aber es ist noch viel zu früh, um etwas dazu zu sagen.“

Rothen kannte die Regelung. Er empfand es jedoch als falsch, dass Sonea diese als Rechtfertigung verwendete, um Lina einzufordern. Sie bog sich die Regeln zurecht, wie es ihr passte. Was das betraf, hatte sie vom Besten gelernt.

„Also geht es dir darum, dass sie einen strengeren Mentor braucht“, folgerte er.

„Einen Mentor, der strenger und stärker ist. Ihr Temperament ist jetzt schon schwer zu zügeln. Wenn ihre Kräfte weiter wachsen, wirst du sie irgendwann nicht mehr bändigen können. Wenn wir nichts unternehmen, wird sie wie Regin. Glaub mir, das willst du nicht.“

Rothen bezweifelte, Lina würde wie das Oberhaupt der Krieger zu seinen Bestzeiten werden. Ihr Verhalten mochte in manchen Dingen an Regin erinnern, doch sie war nicht gemein und niederträchtig. Sie hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ihre eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht, nach denen sie handelte. In seinem Herzen wusste er jedoch, sollte Lina diesen Weg einschlagen, so wäre er mit ihr überfordert. Trotzdem konnte er Soneas Entscheidung nicht gutheißen.

„Also war es das“, sagte er. „Du nimmst sie mir einfach so weg.“

In ihren Augen blitzte Ärger auf. „Ich nehme sie dir nicht ’einfach so’ weg“, sagte sie scharf. „Ich habe dir meine Gründe genannt. Du wirst ihr Alchemielehrer bleiben und kannst sie sehen, wann immer du willst. Sie wird dich brauchen. Rothen, ich würde das gerne friedlich mit dir regeln.“

Rothen entfuhr ein humorloses Lachen. „Habe ich überhaupt eine Wahl?“, fragte er.

Sie schüttelte traurig den Kopf. „Ich verstehe, dass du verärgert bist. Aber es ist nicht so wie damals, Rothen.“

Er nickte nur und fühlte sich auf unerfreuliche Weise bezwungen. Er konnte vor den höheren Magiern Einspruch erheben und den Streit um das Mentorenamt in einer Anhörung klären lassen. Doch es hätte nicht viel geholfen. Es war Soneas Recht, sich vielversprechenden Novizen anzunehmen oder diese von einem anderen Mentor einzufordern. Linas Stärke war den höheren Magiern seit spätestens dem vergangenen Abend bekannt. Und von Sonea wusste man allgemein, dass sie zuweilen so hart wie ihr Mann war, auch wenn sie ihren eigenen Kindern gegenüber schon fast überfürsorglich war.

Das war es nicht wert.

Er schluckte und sah zu ihr auf. „Versprich mir, nicht zu hart zu ihr zu sein.“

„Ich werde so hart sein, wie es nötig ist.“

„Dorrien wird das nicht gefallen.“

„Dorrien gefällt so einiges nicht, was mit meiner Person zu tun hat.“ Sie wandte sich zur Tür. „Ich werde jetzt zu Rektor Jerrik gehen und ihm meine Entscheidung mitteilen. Begleite mich, wenn du möchtest.“

Um mir den endgültigen Dolchstoß zu geben? Rothen schüttelte den Kopf. Das Gefühl, betrogen worden zu sein, wurde übermächtig. „Ich werde später nach Lina sehen.“

„Wie du möchtest.“

„Wann bist du so hart geworden?“

Auf der Türschwelle hielt seine Ziehtochter inne. Ein Mundwinkel verzog sich humorlos nach oben.

„Das ist, was Sachaka aus einem macht.“


***


Die eisige Winterluft brachte Soneas Sinne auf dem kurzen Stück von den Magierquartieren zum Hintereingang der Universität wieder zurück. Nach ihrem Besuch bei Rothen hatte sie sich elend gefühlt. Sie hatte ihm das Herz gebrochen und sie hatte dabei nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Habe ich das Richtige getan? Oder hat er recht und ich bin schon zu sehr wie Akkarin? Sie konnte nicht ändern, dass Rothen sich daran zurückerinnert fühlte, wie Akkarin sie ihm weggenommen hatte. Auch konnte sie nicht ändern, dass er damit die letzte Novizin, derer er sich angenommen hatte, nicht bis zu ihrem Abschluss begleiten konnte.

Im Nachhinein war sie nicht einmal sicher, ob sie es ihm auf angemessene Weise beigebracht hatte.

Er wird sich beruhigen, dachte sie. Und er wird es verstehen. Wenn er Akkarin verziehen hat, kann er auch mir verzeihen.

Die ersten Novizen irrten bereits auf den Fluren umher. Sonea würde sich beeilen müssen, wenn sie bis Unterrichtsbeginn die nötigen Formalitäten erledigen wollte.

- Kinla!

- Sonea?

- Könnt Ihr auf meine Klasse aufpassen, bis alle Novizen von ihren Kontroll-Lehrern abgeholt wurden, und Laysa eine neue Aufgabe geben? Ich habe noch etwas zu erledigen.

- Keine Ursache, sandte die Leiterin der medizinischen Studien. Das mache ich gerne.

- Danke.

Kinla war eine der Lehrer, die die neuen Novizen Kontrolle lehrte. Sie würde ein strenges Auge auf die Kinder haben, insbesondere auf die Zwillinge.

„Lady Sonea“, sagte Jerrik übertrieben höflich, als Sonea sein Büro betrat, „das dritte Mal in dieser Woche. Gibt es ein Problem mit Eurem Stundenplan?“

Sonea ignorierte seine Frage. „Ich habe Lina eingefordert.“

Der Rektor blinzelte über seine Hakennase hinweg. „Lord Rothens Novizin?“

„Richtig. Sie hat Potential. Mit der richtigen Anleitung könnte sie sich als Nachfolgerin eigenen.“

Jerriks Augen weiteten sich und sein Gesicht verlor alle Farbe. „Und Lord Rothen?“, fragte er schwach.

„Ich habe bereits mit ihm gesprochen. Er hat zugestimmt, meinen Anspruch nicht anzufechten.“

Jerrik musterte sie schweigend und Sonea fragte sich unwillkürlich, was in gerade in seinem Kopf vorging. Schließlich nickte er. „Ich rufe Lina.“

Wenig später betrat Lina mit der Haltung eines verängstigten Tieres das Büro, die tennblonden Zöpfe hingen schlaff herab.

„Guten Morgen, Lina“, grüßte Jerrik knapp. „Setz dich.“

„Guten Morgen, Rektor“, erwiderte Lina scheu. „Und Lady Sonea.“ Sie verneigte sich und setzte sich dann auf den freien Stuhl neben Sonea. „Was es auch war: Ich war es nicht“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich habe mein Zimmer im Novizenquartier bis vorhin nicht verlassen.“

„Lina“, sagte Jerrik. „Du bist nicht hier, weil du etwas angestellt hast. Zumindest nicht direkt.“

Linas Blick wanderte zu Sonea und ihre Augen wurden groß, fragend.

„Der Vorfall mit den Novizen hat mich auf etwas aufmerksam gemacht“, sagte Sonea. „Du bevorzugst nicht nur eindeutig die Kriegskunst, sondern du hast auch großes Potential und großen Ehrgeiz. In ein paar Jahren kannst du eine großartige Kriegerin sein. Allerdings hat mir der Vorfall auch gezeigt, dass du mehr und intensivere Unterstützung beim Erreichen deines Ziels brauchst. Deswegen habe ich entschieden, mich von nun an um deine Ausbildung zu kümmern.“

Linas Mund klappte auf. „Heißt das …?“

„ … dass Lady Sonea ab heute deine Mentorin ist“, vollendete Jerrik den Satz.

„Und was ist mit Lord Rothen?“

„Rothen kann dir weiterhin mit Alchemie helfen“, antwortete Sonea. „Ihr könnt gemeinsam zu Mittag essen oder euch zum Lernen treffen. Für deine Ausbildung bin jedoch ab sofort ich verantwortlich.“

Im Gegensatz zu Rothen schien Lina diese Neuigkeit beruhigter aufzunehmen, auch wenn ihr die Eröffnung offenkundig die Sprache verschlagen hatte. Allerdings war sie kein verweichlichtes Kind aus den Häusern und sie begriff, dass sie Rothen darüber nicht verlieren würde. Sonea betrachtete das Mädchen lächelnd. „Also bist du einverstanden?“

Nicht, dass du eine Wahl hättest …

„Ja, Mylady.“

„Das freut mich.“

„Lina, hast du Fragen zu deinem Mentorenwechsel?“, fragte Jerrik.

Das Mädchen runzelte die Stirn und nickte dann. „Werde ich weiter in meine Klasse gehen?“

Jerrik wirkte irritiert. „Ich sehe keinen Grund, warum nicht“, antwortete er mit einem hilfesuchenden Blick zu Sonea.

„Ich werde nichts an deinem Stundenplan ändern, Lina“, sagte sie. „Das heißt, es kann im Laufe der nächsten Wochen passieren, dass ich doch die eine oder andere Änderung vornehme, wenn ich mir davon einen Vorteil für dich erhoffe, doch das wird sich herausstellen. Im Augenblick habe ich jedoch keine Einwände.“

Sie würde Lina eine Weile beobachten, ihre Lehrer befragen und dann darüber nachdenken, welche Lehrer sich eventuell besser eigneten. Irgendetwas konnte man immer verbessern. Linas größtes Problem war die Heilkunst. Sonea würde entweder versuchen, Linas Interesse an dieser ungeliebten Disziplin weiterhin zu stärken, oder sie würde sich für einen Lehrerwechsel einsetzen. Sie hoffte, dass dieser nicht weitere Änderungen nach sich zog.

„Hast du weitere Fragen?“, fragte sie.

„Werde ich in der Residenz wohnen?“

„Die Residenz ist nur für den Hohen Lord, seine Familie und einen potentiellen Novizen gedacht“, antwortete Jerrik. „Nicht für die Novizin seiner Frau.“

„Oh“, machte Lina und die Enttäuschung war ihr anzusehen. „Ich verstehe.“

So gern Sonea das Mädchen hatte, war sie für diese Regelung dankbar. Lorlen und Ninielle waren bereits anstrengend genug und raubten ihr und Akkarin genügend Privatsphäre. Und Linas ausgeprägte Schwärmerei für den Hohen Lord konnte ihr Familien- und Eheleben verkomplizieren.

„Du kannst mich dort jederzeit aufsuchen, wenn du mich brauchst“, sagte sie. „Zudem werde ich dich hin und wieder zum Dinner bei uns einladen, wenn du möchtest.“

Linas Miene hellte sich auf. „Bekomme ich ein Incal?“

„Auch dieses ist nur dem Novizen des Hohen Lords vorgesehen“, antwortete Jerrik.

Das Mädchen wirkte unglücklich und Sonea verspürte ein leises Mitgefühl. Vom Hohen Lord ausgewählt zu werden, war der Traum eines jeden Novizen. Außer mir …

„Glaub mir Lina, du wirst noch dankbar sein, dass der Hohe Lord dich nicht ausgewählt hat“, sagte sie, als sie das Büro verließen. Sie hatte Jerrik angewiesen, ihr Linas Akte in die Residenz zu schicken. Lina hatte den Beginn der ersten Stunde verpasst und Sonea hatte sich erboten, sie ins Heilerquartier zu begleiten und ihrem Lehrer den Grund ihres Zuspätkommens zu erklären. „Nach spätestens einer Woche würdest du ihn verfluchen.“

„Warum?“, fragte Lina.

„Weil er sehr streng ist und sehr hohe Ansprüche stellt. Er verlangt absoluten Gehorsam von seinem Novizen. Ich werde anders mit dir arbeiten, was jedoch nicht heiß, dass ich dich nicht auch fordern werde.“

Lina nickte ernst. „Vielleicht habt Ihr recht und es ist besser, wenn nicht er mich ausbildet. Das würde etwas zerstören.“

Sonea verkniff sich ein wissendes Lächeln.

Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und ohne den Wärmeschild, der sie und Lina umgab, hätte sie auf dem kurzen Weg bis zum Heilerquartier bis auf die Knochen gefroren. Jetzt, wo alles erledigt und geklärt war, fiel die Anspannung von Sonea ab und die vergangene Nacht machte sich bemerkbar.

„Habt Ihr das nur wegen gestern getan?“

Überrascht wandte Sonea den Kopf. „Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt“, antwortete sie. „Die Entscheidung, sich eines Novizen anzunehmen und ihn zu fördern ist keine Entscheidung, die man über Nacht trifft. Doch nach gestern wollte ich nicht mehr länger warten.“


***


Nach seinem Besuch im Palast am vergangenen Tag hatte Dannyl keine Gelegenheit mehr gefunden, mit Anjiaka alleine zu sprechen. Stattdessen hatte er abends im Bett mit Tayend über Ishakas Idee diskutiert.

„Ich stimme deinen Ansichten zu. Aber ich kann mir dennoch sehr gut vorstellen, dass der Nachtschatten hier einen Spion eingeschleust hat“, hatte der Gelehrte gesagt. „Einen unwahrscheinlicheren Ort wird es kaum geben. Und hier erhält er zugleich Informationen aus dem Palast, von den Verrätern und von der Gilde. Wobei es schon ziemlich dreist wäre, es direkt unter der Nase der Verräter zu tun.“

Seine Worte hatten Dannyl in seiner Ansicht bestätigt. Sollte sich wider seiner Intuition ein Spion in Anjiakas Haushalt befinden, so würden sie einen großen Fehler begehen, wenn sie der Sache nicht nachgingen.

Nach dem Morgenmahl und einem ausgiebigen Bad suchte Dannyl die Herrin des Hauses auf. Er und Harlen hatten sich darauf geeinigt, dass Dannyl sie alleine über Ishakas Theorie informierte. Wahrscheinlich würde sie wütend werden und es war besser, wenn sie ihren Zorn auf den Mann richtete, der bei ihr nur Gast war, als auf jenen, mit dem sie zusammenlebte.

Außerdem besitze ich mehr Autorität als Harlen.

Anjiaka aalte sich im Raum der Meisterin auf einem Diwan, als Dannyl eintrat. Als sie ihn erblickte, richtete sie sich auf einen Ellenbogen gestützt auf.

„Auslandsadministrator“, sagte sie. „Welch eine Überraschung. Ich ging davon aus, dass Ihr heute wieder im Palast seid.“

„Tatsächlich bin ich gekommen, um genau darüber mit Euch zu reden“, antwortete Dannyl. „Harlen und ich werden erst wieder zu den Verhandlungen zurückkehren, wenn wir etwas überprüft haben.“

Die Verräterin hob eine Augenbraue. „Was habt Ihr zu überprüfen?“, fragte sie.

Dannyl ließ seinen Blick durch den Raum wandern. „Können wir irgendwo ungestört sprechen?“

„Wie ungestört?“, fragte Anjiaka.

„So ungestört, wie möglich.“

Die Augen der Verräterin verengten sich. „Ihr plant doch irgendetwas, Dannyl.“

„Natürlich tue ich das. Ich wurde gesandt, um die Krise zu beenden und um aufzuklären, wer der Auftraggeber des Nachtschatten ist. Also wenn Ihr Euch nun als kooperativ erweisen würdet?“

Anjiaka schnaubte leise. „Dann reiten wir aus.“

Dannyl neigte den Kopf. „Wie Ihr wünscht.“

In einer eleganten Bewegung schwang sich Anjiaka von ihrem Diwan und stiefelte, ohne sich nach Dannyl umzusehen, zur Tür.

Im Hof wandte sie sich zu den Ställen. „Sattel zwei Pferde“, hörte Dannyl sie befehlen. „Der Auslandsadministrator und ich machen einen kleinen Ausflug.“

„Sehr wohl, Anjiaka.“ Die Stimme klang unterwürfig und Dannyl fragte sich unwillkürlich, ob dieser Mann ein Spion war. Die Verräter hielten keine Sklaven, doch erschien ihm nur allzu logisch, dass es einem sachakanischen Mann, der für eine derart herrische Frau arbeitete, nach einer kleinen Rache verlangte. Immerhin widersprach das dem Gesellschaftsbild, das auch zehn Jahre nach dem Krieg in Sachaka noch weit verbreitet war.

Ein Sachakaner in einfacher Kleidung kam aus dem Dunkel zwei Pferde an den Zügeln haltend. Ein schwarzer Hengst und das Pferd, auf dem Dannyl nach Arvice geritten war.

Sie hatten kaum die Ställe verlassen, als ein bunt gekleideter Mann mit roten Haaren über den Hof eilte.

„Ihr reitet aus und ich weiß nichts davon?“

„Tayend!“, rief Dannyl. „Was machst du hier?“

„Nehmt mich mit.“

„Der Auslandsadministrator wünscht, mit mir alleine zu sprechen“, sagte Anjiaka. „Deswegen reiten wir aus.“

Tayend wirkte unglücklich. „Ich war gestern schon den ganzen Tag hier eingesperrt“, klagte er. „Zudem weiß ich, worüber Dannyl mit Euch sprechen will.“

Anjiakas Blick wurde scharf. „Was soll das heißen?“

„Tayend ist mein Assistent und Berater“, versuchte Dannyl sie zu beruhigen. „Er hat mich dazu angehalten, mit Euch alleine zu sprechen. Lasst ihn uns mitnehmen, dann bekommt er ein wenig von der Gegend zu sehen.“

Die Verräterin verzog das Gesicht, orderte jedoch ohne weitere Diskussion ein drittes Pferd. „Du tätest gut daran, deinen Mantel zu holen“, sagte Dannyl. Der Tag war kühl und windig und so wie er seinen Gefährten kannte, würde dieser sich bald beklagen, dass ihm kalt war.

Eine Viertelstunde später waren sie auf dem Weg aus der Stadt. Die Wachen an den Toren musterten sie kurz, dann fiel ihr Blick auf Anjiaka und sie ließen sie wortlos passieren.

„Kommt es nur mir so vor, oder halten sie nicht viel von ihr?“, murmelte Tayend zu Dannyl gebeugt.

„Ich habe es auch gesehen. Aber damit sind sie gewiss nicht die Einzigen in dieser Stadt.“

„Was unsere Theorie bestärkt“, murmelte Tayend.

Anjiaka, die vorausgeritten war, wandte sich um. „Welche Theorie?“, verlangte sie zu wissen.

„Ihr werdet alles erfahren, sobald wir einen gewissen Abstand zur Stadt hinter uns gebracht haben“, erwiderte Dannyl mit seinem charmantesten Lächeln.

„Das will ich für Euch hoffen. Einen solchen Aufstand wie Ihr macht, muss es dabei um etwas sehr Geheimes gehen. Warum verwenden wir nicht einfach die direkte Gedankenrede?“

„Weil die Gefahr besteht, dass Ihr Euch sehr aufregt.“

Die Verräterin hob eine vielsagende Augenbraue. „Und mein Haus demoliere?“

„So etwas würdet Ihr tun?“, entfuhr es Tayend und Dannyl konnte seine Erheiterung nur mit Mühe zurückhalten.

„Aufregung kann auch dafür sorgen, dass ein Geheimnis nicht mehr so geheim ist“, sagte er.

Anjiakas Miene verfinsterte sich. „Kommt!“, befahl sie und schlug ihrem Pferd die Absätze ihrer Stiefel in die Seiten.

Sie hielten auf das Ufer des Haraki zu und folgten diesem zu seiner Mündung. Zu Dannyls Überraschung ging das Grasland mehr und mehr in gewellte Hügel über, die schließlich zu sandigen Dünen wurden, wie er sie aus dem wilden Süden Kyralias kannte. Die Parrabäume, die das Ufer des Haraki mit ihren breiten schuppigen Stämmen und ihren langen gefiederten Blättern bis zur Mündung säumten, ließen Dannyl vergessen, dass sie sich in etwa auf gleicher geographischer Breite befanden.

Dannyl und Tayend folgten der Verräterin durch das Wäldchen und dann auf einen breiten Sandstrand. Allenthalben warf er einen Blick zu seinem Gefährten. Dieser sah sich staunend und mit offenem Mund um.

Dannyl lächelte unwillkürlich. Gut, dass ich Anjiaka davon überzeugen konnte, ihn mitzunehmen. Sich fragend, ob er auch noch so denken würde, wenn Anjiaka sein Anliegen erfuhr, wurde er jedoch wieder ernst.

Das Rauschen wurde lauter, je mehr sie sich dem Sandstrand näherten. Schließlich wendete die Verräterin ihr Pferd.

„Was wolltet Ihr mir sagen, das so geheim ist?“

In wenigen Worten berichtete Dannyl von seinem Gespräch mit Ishaka am Vortag und von dessen Theorie. Bei seinen Worten weiteten sich Anjiakas Augen zusehends. Dann kam der Zorn.

„Ich soll einen Spion in meinem Haushalt haben?“, rief sie. „Ist er noch ganz bei Trost?“

„Nun, nachdem alle anderen Berater und ihre Haushalte ausscheiden, wäre dies die wahrscheinlichste Option“, erwiderte Dannyl.

„Dann haben die anderen nicht gründlich genug gesucht. In meinem Haushalt gibt es keine Spione!“

„Jeder von Ishakas Beratern ist an einer Lösung dieses Konflikts interessiert“, sagte Dannyl. „Es wäre nur fair, wenn Ihr Eure Leute ebenfalls überprüft.“

„Meine Leute wurden überprüft!“ Anjiakas Haare flatterten wütend im Wind. „Als sie in meinen Haushalt kamen! Mein Volk ist sehr gründlich, also unterstellt mir nicht, dass ich unachtsam wäre!“

„Nur, dass sie damals keine Spione waren, bedeutet nicht, dass sie es noch immer nicht sind“, erwiderte Dannyl ruhig. „Jemand könnte sie bei einem Botengang angeworben haben.“

„Das ist absolut unmöglich“, grollte Anjiaka.

„Nehmt Euch die Zeit darüber nachzudenken, dann werdet Ihr erkennen, dass diese Möglichkeit besteht, so unwahrscheinlich sie sein mag.“

„Und sicher wollt Ihr auch, dass der Spion gefunden wird, der die Informationen an den Nachtschatten weiterleitet“, fügte Tayend hinzu.

„Natürlich will ich das!“, entfuhr es Anjiaka. „Aber ich weiß, dass meine Leute absolut vertrauenswürdig sind.“

„Niemand ist absolut vertrauenswürdig“, sagte Dannyl. „Für den richtigen Preis ist jeder käuflich. Und falls es Euch tröstet: Ich bin sicher, dass Ihr keinen Spion in Eurem Haushalt habt. Ishaka schien selbst nicht ganz von dieser Theorie überzeugt.“

„Und warum hat er es dann vorgeschlagen?“

„Ich schätze, weil er selbst am Ende seiner Ideen angelangt ist. Was wiederum zeigt, dass er ebenfalls ein Interesse daran hat, den Nachtschatten aufzuhalten. Dennoch“, Dannyl machte eine Pause und legte ein gewisses Gewicht in seine Worte, „sollten wir nicht ausschließen, dass es tatsächlich so ist. Denn es gibt genug Gründe, die für diese Möglichkeit sprechen.“

Anjiaka nickte langsam, der Zorn in ihren Augen erlosch. „So wenig es mir gefällt, so habt Ihr recht. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, etwas zu zerstören, doch es ist gut, dass Ihr mir diese Neuigkeit nicht in meinem Haus eröffnet hat.“ Dannyl lächelte und sie fuhr unwirsch fort: „Es könnte jedoch schwierig werden, meine Leute zu verhören. Einige tragen Geheimniswahrer. Nicht als Schmuck, sondern unter der Haut. Wir müssten diese entfernen und wieder neu einsetzen. Ich weiß nicht, ob ich das meinen Leuten antun will.“

„Wir fragen sie“, sagte Dannyl. „Und wenn sie unschuldig sind, dann werden sie gewiss einverstanden sein.“

„Und sollte sich einer weigern oder die Flucht ergreifen, so haben wir unseren Spion“, fügte Tayend fröhlich hinzu.

Anjiakas Blick wanderte zwischen Dannyl und Tayend hin und her. Dann lächelte sie durchtrieben. „Allmählich beginnt mir der Gedanke Spaß zu machen.“


***


Gegen Mittag hatte Cery endlich die ersehnte Nachricht erhalten. Im Nachhinein erschien es ihm albern, es waren gerade einmal zwei Tage vergangen. Nichtsdestotrotz war seine Vorfreude nun entsprechend groß. Und mit ihr stiegen Anspannung und Nervenkitzel.

„Der Sachakaner hat sich in einem schäbigen Teil der Hütten nicht weit vom Fluss versteckt“, teilte Cery seinen Männern mit. „Er hat das Versteck heute Morgen verlassen, doch die Sachen, die er zurückließ, deuten darauf hin, dass er zurückkommt.“ Er wies zu den zwei Männern, die neben ihm standen. „Kallin und Halend wurden von Limek, der für Gorin das Aufspüren übernommen hat, zur Unterstützung geschickt. Sie haben die Gegend ausgekundschaftet und werden uns helfen, die Straße zu räumen.“

Ich bin gespannt, ob die beiden so viel taugen, wie Limek von seinen Helfern neuerdings behauptet, dachte Cery.

„Hat der Kerl ’ne Quelle dabei?“, fragte Faren. Der Lonmar lehnte an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt und wie so oft ganz in Schwarz gekleidet.

„Nee“, antwortete Kallin. „Aber Limek glaubt, dass diese in Sicherheit gebracht wurde.“

„Sollte der Kerl geschnappt werden?“ Faren lachte. „Für mich klingt das nach ’nem Hinterhalt für die Gildenmagier.“

„Wir sollten zumindest davon ausgehen, dass es ein Hinterhalt ist und uns so darauf vorbereiten“, sagte Cery. „Deswegen ist es so wichtig, die Bewohner vor dem Kampf in Sicherheit zu bringen.“

„Hatte er überhaupt ’ne Quelle?“, fragte Gol.

„Gorin sagt, er hätte allein gelebt, doch ein enges Verhältnis zu jemandem gehabt, mit dem er zusammenarbeitet. Ein weiterer Sachakaner, der von den Gildenmagiern als ehemalige Quelle registriert wurde. Der Kerl ist allerdings wie vom Erdboden verschwunden.“

„Also nicht so ehemalig, wie er behauptet.“

Cery schenkte seinem Stellvertreter ein humorloses Lächeln. „Nicht wirklich.“

„Wäre es nicht sinnvoller, die Quelle beim Kampf dabei zu haben?“, fragte Ulayk. „Um noch einmal ihre Magie zu nehmen?“

„Gute Quellen sind selten. Der Nachtschatten wird sie nicht verlieren wollen.“

„Aber den Magier?“

„Wenn er wieder aktiv wird und einen Hinterhalt für unsere schwarzen Magier legt, dann hält er sich für stark genug, dass er damit Erfolg hat. Oder die beiden zumindest stark schwächt.“

Gol lachte. „Dann ist er dumm. Die Akkarin und Sonea haben viel mehr Quellen.“

„Aber sie verlieren auch viel von dieser Magie wieder bei ihren Übungen“, wandte Cery ein. „Und die Magier geben ihnen nur, was sie am Abend noch übrig haben. Das ist garantiert nicht so viel, wie von einer Quelle, die ihre Magie nicht verwenden kann.“ Er stieß von dem Tisch ab, gegen den er gelehnt hatte. „Wir brauchen einen Plan, wie wir die Nachbarschaft räumen können. Was für Leute wohnen in der Gegend?“

„Arme Menschen, die meisten ohne Arbeit oder nur mit ’nem Hungerlohn“, antwortete Kallin. „Für sie wär’s sogar Glück, wenn der Kampf ihre Häuser zerstört und die Gildenmagier ihnen neue bauen.“

„Das wäre es“, stimmte Cery zu. Gilde und König zahlten ordentliche Entschädigungen an alle, die Besitz und Bleibe durch einen Kampf schwarzer Magier verloren. Er selbst hätte eine solche Entschädigung für sein zerstörtes Haus im Nordviertel bekommen, hätte er diese nicht kategorisch abgelehnt, weil er ohne Nenia nicht mehr dort leben wollte. Wie sollte er ohne sie dort wieder glücklich werden? Wie sollte er überhaupt jemals wieder glücklich werden?

Entschlossen schob er seine Gedanken beiseite. Er konnte trauern, wenn das hier vorbei war.

„Gibt’s irgendwas in der Nähe, wo man sie hinschicken kann?“, fragte er.

„Drei Straßen weiter gibt’s ’nen schmieriges Bolhaus. Man könnte ihnen Geld geben und sie dorthin schicken. Wenn das nicht zieht, dann müssen wir sie in die Tunnel bringen.“

Auch wenn sie noch so arm waren, so würden diese Leute sich weigern, ihre Behausungen zu verlassen, wusste Cery. Hüttenleute hingen an dem wenigen, das sie hatten.

„Dann machen wir es so. Aber sie sollen nicht erfahren, warum sie ihre Häuser wirklich verlassen müssen.“

„Du glaubst doch nicht, dass sie das dem Sachakaner erzählen?“, sagte Kalin.

„Das nicht, aber er könnte es irgendwie aus ihren Oberflächengedanken lesen.“

„Klingt logisch“, brummte Kallin.

Cery lächelte sein Dieb-Lächeln. „Du und Halend, Ihr werde heute Abend dafür sorgen, dass die Hüttenleute aus der Straße verschwinden.“ Limeks Männer nickten, doch Cery hatte sich bereits zu seinen Leuten gewandt. „Und ihr bekommt nun eine Aufgabe und einen Platz im Informationsnetzwerk zugeteilt. Gol, schickst eine Nachricht an den Hohen Lord, er und Sonea sollen sich für heute Abend nix vornehmen. Und dann packen wir den Nachtschatten an seinen Eiern.“


***


„Das hast du sehr gut gemacht“, lobte Sonea ihre neue Novizin. „Doch jetzt ist unsere Stunde leider zu Ende. Wir werden das hier beim nächsten Mal vertiefen. Außerdem fürchte ich, musst du jetzt zu Lord Darin.“

Lina schnitt eine Grimasse. Allerdings hätte Sonea es gewundert, würde sie sich auf das Nachsitzen freuen. „Könnt Ihr mir diese Strafe nicht erlassen?“

Sonea unterdrückte ein Seufzen. „Lina, dass ich dich erwählt habe, ist keine Belohnung für dein gestriges Verhalten. Und nein, es ist auch keine Strafe. Diese Lektionen sind wichtig. Sie lehren dich Dinge, die dich zu einer wahren Kriegerin machen. Ich sehe keinen Sinn darin, dir eine Strafarbeit zu geben, aus der du nicht lernst, wenn auch ich den höheren Magiern zustimme, dass der Monat in der Magierbibliothek sein muss.“

Lina senkte den Kopf. „Ja, Mylady.“

Mit einem Nicken bedeutete Sonea ihrer Novizin, ihr aus der Arena zu folgen. „Ich verstehe, dass du über deine Bestrafung nicht begeistert bist. Wahrscheinlich verfluchst du mich, Lord Darin, den Rektor und den einen oder anderen Magier dafür. Aber in ein paar Wochen oder Monaten wirst du nicht mehr daran denken. Du bist nicht die erste Novizin, die etwas anstellt. Und du wirst auch nicht die letzte sein.“

„Das hilft mir jetzt nicht viel, Mylady.“

„Aber du wirst älter und die Dinge differenzierter sehen. Sicher gibt es auch Dinge, die du als Kind ganz entsetzlich gefunden hast und über die du heute lachst.“

„Wenn Ihr diesen Sachakaner meint, der mich und meine Schwester entführt hat, dann nicht“, sagte Lina hart. Zu hart für ein Mädchen in ihrem Alter.

Sonea betrachtete sie nachdenklich. „Und du hast allen Grund, so zu empfinden. Aber sicher hast du dich als Kind vor Monstern gefürchtet oder hast dich über deine Eltern geärgert, wenn sie dich bestraft haben. Für Dinge, die du heute nicht mehr tun würdest.“

Sie nickte zögernd und wirkte dabei etwas weniger übellaunig.

Sonea lächelte. „Dann geh jetzt zu Lord Darin. Wenn du seinem Unterricht Fragen hast, dann komm zu mir.“

„Danke, Mylady.“ Lina verneigte sich und eilte dann zur Universität. „Bis morgen.“

Lächelnd blickte Sonea ihr nach, dann machte sie sich auf den Heimweg. Als sie das Magierquartier passierte, kehrte das unerwünschte Gefühl, einen Menschen verletzt zu haben, zurück. Sie wagte es kaum, zu den Fenstern hinaufzusehen, aus Furcht, was sie dort finden würde.

Es musste sein, dachte sie wie schon so oft an diesem Tag. Rothen wird sich beruhigen und es verstehen.

Dennoch konnte sie nicht aufhören, sich als herzlos zu empfinden, weil sie ihm die Chance genommen hatte, seinen letzten Novizen zu Ende auszubilden.

Hätte Akkarin mich doch nie darauf aufmerksam gemacht!

Sonea schüttelte den Kopf. Es war idiotisch ihn dafür verantwortlich zu machen. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie Lina schon viel länger im Blick gehabt.

Sie fand Akkarin an seinem Schreibtisch in der Bibliothek.

„Ah, Sonea. Komm einmal her und sieh dir das an.“

Stirnrunzelnd kam Sonea näher. „Was soll ich mir ansehen, Hoher Lord?“

„Das hier.“ Akkarins schwarzer Handschuh winkte sie zu sich und wies auf ein großes Pergament auf seinem Schreibtisch. Als Sonea es näher betrachtete, erkannte sie, dass die Hüttenviertel darauf abgebildet waren. Es war einer jener Pläne, die für den Bau des Bewässerungssystems erstellt worden waren. Gestrichelte Linien markierten die Bezirksgrenzen der Diebe. Ein zweiter Plan zeigte die Hüttenviertel auf der Südseite. Dazwischen lag ein kleinerer Plan mit dem inneren Teil der Stadt.

„Ich habe die Namen und Wohnsitze jener Sachakaner, von denen wir inzwischen sicher wissen, dass sie schwarze Magier sind, markiert.“ Akkarin wies auf mehrere Kreuze, neben die er mit seiner eleganten Handschrift Namen geschrieben hatte. „Das wird uns bei unserer weiteren Vorgehensweise helfen.“

Sonea beugte sich über den Plan. „Hast du auch die markiert, die wir schon getötet haben?“

„Soweit wir ihren Wohnort herausfinden konnten.“ Akkarin wies auf einige vereinzelte Kreuze, neben denen die Namen durchgestrichen waren. „Ein weiterer Name wird heute Nacht durchgestrichen.“ Er wies auf einen Namen in Gorin Bezirk. „Mittlerweile haben Gorins Männer die Leiche gefunden. In ihr steckte das Zeichen des Nachtschattens auf ein Stück Stoff gemalt. Ceryni hat richtig gehandelt und die Diebe angewiesen, ihre Beobachter zurückzuziehen. Die Sachakaner werden in der nächsten Zeit sehr vorsichtig sein.“

„Haben wir denn alle Magier gefunden?“

„Zumindest alle, die unserer Theorie genügen.“

Soneas Puls beschleunigte sich. „Und heute Abend gehen wir auf die Jagd.“

„Ja. Dieser Mann wäre als Ziel am naheliegendsten.“

„Woher wissen wir, dass er nicht längst untergetaucht ist? Es ist zwei Tage her …“

„Das habe ich Ceryni auch gefragt.“ Ein humorloses Lächeln huschte über Akkarins harsches Gesicht. „Die Diebe haben diesen Mann verfolgen lassen. Angeblich hat Limek einen ganz besonders guten Spion, den er auf Gorins Anfrage geschickt hat. Nach allem, was wir wissen, versteckt er sich in diesen Bereich.“ Er tippte auf eine Stelle in Flussnähe. Sonea wusste, dass dort besonders schäbige Hütten standen, in denen die Ärmsten der Armen wohnten.

„Was, wenn er herausfindet, dass er verfolgt wird?“, fragte sie.

„Limek behauptet, das wird nicht passieren.“

Sonea verdrehte die Augen. „Das könnte eine Falle sein. Was, wenn der Nachtschatten will, dass wir seinen Magier verfolgen?“

„Dieses Risiko müssen wir eingehen.“

„Wir sollten Verstärkung mitnehmen.“

„Die Magie aus dem Dome und unsere Schildwaffen werden genügen. In dieser Gegend ist nicht viel, das zerstört werden könnte.“

„Auch dort wohnen Menschen.“

„Richtig. Und diese werden vorher in Sicherheit gebracht. Sollten bei dem Kampf ihre Hütten zerstört werden, so wird durch die Entschädigung, die die Gilde ihnen zahlt, eine Verbesserung für sie eintreten.“

„Das ermuntert mich dennoch nicht, Schildwaffen zu benutzen“, sagte Sonea. Die Bewohner würden ihr Hab und Gut verlieren und mehrere Wochen oder Monate in Notunterkünften leben, bevor ihre neuen Häuser bezugsfertig waren.

Dann sog sie scharf die Luft ein. „Aber wir können das heute Abend nicht machen!“, rief sie.

Akkarin runzelte die Stirn. „Warum nicht?“

„Weil ich in den Abendsaal muss. Wegen Lina. Rothen ist wie befürchtet wütend und bis nächste Woche wird die gesamte Gilde darüber sprechen.“

„Und deswegen solltest du dich dort blicken lassen, Sonea“, sagte Akkarin streng. „Die Magier werden Fragen haben. Es wird für Gerüchte sorgen und deine Position in Frage stellen, wenn du dem Abendsaal fernbleibst.“

„Warst du damals im Abendsaal?“

„Ich hatte Lorlen.“

Und durch dessen Blutring hatte er alles gesehen. Sonea schüttelte den Kopf. Es waren andere Zeiten gewesen und nicht mit diesen zu vergleichen. Akkarin war nur selten in den Abendsaal gegangen und dank Lorlens Ring hatte er noch weniger Grund gehabt, es zu tun. Seit sie verheiratet waren, gingen sie mindestens jeden zweiten Vierttag dorthin. Sie waren gefürchtet, aber sie waren auch beliebt.

„Aber was machen wir wegen unserer Jagd?“

„Auf eine oder zwei Stunden kommt es nicht an. Wahrscheinlich haben wir sogar bessere Chancen, je später es ist.“

„Wenn das kein Argument ist, mich der Gilde zu stellen!“, rief Sonea.

„Sieh es einmal so: Anschließend kannst du deine unerwünschten Emotionen an dem schwarzen Magier auslassen.“

„Danke“, sagte Sonea trocken. „Das ist wirklich großzügig von dir.“

Akkarin bedachte sie mit einem Halblächeln. „Das ist purer Eigennutz, Sonea.“

Sie grollte leise. „Wirst du mich in den Abendsaal begleiten?“

Seine dunklen Augen begegneten ihren und Soneas Herz machte einen Sprung.

„Selbstverständlich.“


***


Seit vierzig Stunden jagte Danyara nun den Magier, der einen von Gorins Männern getötet hatte. Vierzig Stunden, in denen sie nicht geschlafen hatte, weil sie entweder durch muffige Tunnel und schmutzige Hintergassen geschlichen war, oder weil sie in einem zugigen Versteck ausgeharrt hatte, während der Mann in der schäbigen Baracke, in der er Unterschlupf gefunden hatte, weilte. Danyara war müde und hungrig und dementsprechend schlecht war ihre Stimmung.

Am Morgen hatte der Mann sein Versteck erneut verlassen. Nachdem Danyara sich vergewissert hatte, dass sie die Baracke betreten konnte, ohne einen magischen Alarm auszulösen, hatte sie einige Habseligkeiten gefunden, die ihr bestätigten, dass der Mann zurückkehren würde. Sie hatte Limeks in der Nähe postierten Kurieren ihre Erkenntnisse mitgeteilt und dann die Verfolgung aufgenommen.

Im Laufe des Tages war sie dabei auf die Leichen mehrerer Männer und Frauen gestoßen, die durch höhere Magie gestorben waren. Der Mann hatte ihnen in Hintergassen aufgelauert oder sie in Bolhäusern gefunden und dann in eine finstere Gasse gelockt, wo er sie getötet hatte. All dies deutete darauf hin, dass er sich auf den Kampf vorbereitete. Danyara hatte sich jedoch keinen Reim darauf machen können, warum er Stadtbewohner tötete, wenn er doch eine Quelle besaß. Auf diese Weise erregte er doch nur die Aufmerksamkeit der Stadtwache!

Um unbemerkt zu bleiben, hatte Danyara all ihre Magie in ihren Speicherkristall gegeben. Jedes Mal, wenn sie Magie brauchte, bezog sie diese aus dem Kristall, was umständlicher, aber sicherer war.

Vielleicht, weiß er längst, dass er beschattet wird, und stellt mir eine Falle, überlegte sie, als der Magier am späten Nachmittag in ein Bordell einkehrte. Sie hielt den Atem an. Wenn dem so war, sollte sie sich kampfbereit halten.

In diesem Fall würde er jedoch rasch merken, dass man besser daran tat, sich nicht mit einer Verräterin anzulegen.

Dieses Mal blieb der Mann lange. Danyara wusste jedoch, dass er noch im Gebäude war. Sie konnte ihn wahrnehmen, wenn sie mit Hilfe der Magie in ihrem Speicherkristall ihre Sinne ausstreckte.

Die Gelegenheit war günstig für einen Bericht. Danyara schlang die Arme um ihren Leib und richtete ihren Willen auf das Blutjuwel, das sie verborgen unter ihrer Kleidung trug.

- Asara!

- Danyara!, kam die Antwort nur einen Herzschlag später. Was hast du zu berichten?

- Ich verfolge den Magier noch immer. Inzwischen hat er mehrere Männer und Frauen mit magischem Potential getötet. Jetzt ist er in einem Bordell. Ich nehme an, dass er dort weitere Opfer sucht.

- Seine Quellen?, fragte Asara.

- Passanten. Da er eine Quelle hat und der Nachtschatten ihn gewiss nicht unvorbereitet durch die Stadt laufenlässt, ergibt das keinen Sinn.

Asara schwieg eine Weile. Aus ihrem Versteck behielt Danyara die Hintertür des Hurenhauses im Auge. Nicht unweit davon gab es gute Verstecke für Leichen, die nicht sofort, aber bald gefunden werden sollten.

- Er will auf sich aufmerksam machen, sandte die Große Mutter schließlich. Das heißt, er hält sich bereit, es mit den Gildenmagiern aufzunehmen. Vielleicht versucht er sogar, sie herauszulocken.

Danyara wurde kalt. Diese Erklärung war so einleuchtend wie sie ihr missfiel.

- Das würde bedeuten, dass der Nachtschatten ihm genug Magie gegeben hat, um Sonea und ihren Mann zu töten, folgerte sie.

- Oder er hat seinem Magier die Unterstützung verweigert, weil er so töricht war, sich erwischen zu lassen, und bestraft ihn nun durch Hinrichtung durch die Gildenmagier.

Und in diesem Fall würde er durch die Hüttenviertel laufen und morden, um in dem Kampf, der unweigerlich folgen würde, zumindest eine geringe Chance zu haben. Dann fiel Danyara jedoch ein Fehler in Asaras Argumentation auf.

- Hätte der Nachtschatten ihm seine Hilfe verweigert, so würde er sich besser verstecken. Nein, ich glaube, das ist ein Hinterhalt.

- Und es würde zu dem passen, was ich von Anjiaka aus der Stadt erfahren habe.

Danyara horchte auf.

- Was hat Anjiaka gesagt?

- Dass der Auslandsadministrator der Gildenmagier bei seinen Verhandlungen mit Ishaka eine ähnliche Vermutung aufgestellt wird. Der König stimmt ihm zu.

Danyara verspürte einen jähen Kitzel der Aufregung. Der Nachtschatten machte sich bereit. Wenn sie nicht bald herausfanden, wo sein Versteck war, würde dieser seine Mission erfüllen.

Und sie würde sterben.

- Ja, sandte Asara. Und das müssen wir verhindern.

- Ich kann ihn töten, wenn er gleich das Bordell verlässt, bot Danyara an.

- Nein. Verfolge ihn zurück. Wenn der Kampf losgeht, positioniere dich so, dass du wenn nötig eingreifen kannst. Die bisherigen Helfer des Nachtschatten begingen Selbstmord oder starben im Eifer des Kampfes. Es ist wichtig, dass es Akkarin und Sonea endlich gelingt, einen von ihnen zu verhören. Ich werde Akkarin informieren. Das ist schneller, als über Limeks Leute.

- Verstanden, antwortete Danyara unbehaglich. Aber dann werde ich sie wiedersehen.

- Diese Möglichkeit besteht, seit ich dich nach Kyralia entsandt habe.

Danyara schnitt eine Grimasse, wohl wissend, dass Asara dies nicht sehen konnte. Wie oft in den letzten Wochen hatte sie eine Begegnung mit Sonea in ihrem Kopf durchgespielt! Wie viele unterschiedliche Situationen, in denen die Begegnung stattfinden könnte, waren darunter gewesen! Sollte es in der nächsten Nacht geschehen, würde es erneuter Überlegungen bedürfen. Nicht, dass sie während ihrer Beschattungsaktion nicht genug Zeit dafür hätte.

- Ich dachte, du würdest dich über ein Wiedersehen freuen, sandte Asara.

Danyara seufzte leise.

- Schon. Ein Teil von mir freut sich, der Rest weiß nicht, ob er sie sehen will. Ich hatte dennoch gehofft, dass diese Möglichkeit nicht so konkret würde, weil ich mich verborgen halten soll.

- Vielleicht musst du dich heute Nacht nicht offenbaren. Doch bevor der Nachtschatten Erfolg hat, solltest du deine Furcht überwinden und eingreifen. Denn wenn Akkarin und Sonea sterben, hat das politische Folgen, die wir nicht absehen können.

- Ich werde mich ganz sicher nicht darum drücken, Sonea und dem Meister der Gildenmagier zu helfen, erwiderte Dany trocken. Aber das heißt nicht, dass mir das gefällt.

- Das verlangt auch niemand. Dennoch: Du musst deine Furcht überwinden. Hast du das geschafft, dann wirst du sehen, dass die Begegnung mit Sonea nicht so schlimm ist, wie du befürchtet hast. Ein warmes Gefühl schwang in Asaras Worten mit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich freuen wird, dich zu sehen.

Es ist so viel Zeit vergangen, dachte Danyara. Inzwischen bin ich ihr doch sicher egal geworden. Aber war das überhaupt möglich, wenn sie seit zwölf Jahren unfähig war zu vergessen, was zwischen ihnen gewesen war?

Und dann war da noch er. Und Danyara war nicht sicher, ob sie diesem Mann begegnen wollte. Für sie war er, was für Sonea Marika gewesen war.


***


Die Kutsche rollte auf den Platz vor einem prächtigen Haus im Inneren Ring, das an diesem Abend von zahlreichen Lichtern angestrahlt wurde. Mit dem Schnee auf den Türmen und Erkern und den Eiszapfen, die von Fenstersimsen und Vorsprüngen herabglitzerten, wirkte das Gebäude wie ein Märchenschloss.

So etwas Albernes, dachte Regin. Trotzdem war er beeindruckt. Neben ihm reckte Kayan den Kopf zum Fenster und pfiff leise durch die Zähne.

„Wenn die Mädchen hier nur annähernd so schön sind, wie dieses Haus, dann bin ich der glücklichste Mann auf der ganzen Welt“, sagte er.

„Und ich erst“, stimmte Regin zu. „Ich habe mir sagen lassen, dass wir hier heute Abend viele unverheiratete Mädchen kennenlernen werden, die für uns interessant sein könnten.“

Über Kayans Miene flog ein anzügliches Grinsen. „Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Frauen ich in meinem Leben schon hatte. Aber keine von ihnen war Richtige. Nicht einmal Indria.“

Ungläubig starrte Regin seinen Freund an. „Du warst mit Indria zusammen?“

„Damals im Fort.“ Kayan seufzte theatralisch. „Aber unsere Liebe war nicht von Dauer.“

Davon hatte Regin nichts mitbekommen. Allerdings war er damals zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen und hatte Kayan kaum gekannt. Sie hatten einander erst später im selben Jahr auf einer gemeinsamen Patrouille kennengelernt.

Mit einem Ruck kam die Kutsche zum Stehen. Ein Diener eilte herbei und öffnete ihnen. Regin erhob sich und stieg gefolgt von Kayan aus. Kaum, dass sie den Weg zum Eingang betreten hatten, hielt hinter ihnen bereits die nächste Kutsche.

Der Diener führte sie durch die weit geöffneten Türen in eine großzügige Empfangshalle, in der Männer und Frauen in prächtigen Gewändern umherwandelten. Irgendwo im Hintergrund spielte ein Streichquartett und Diener eilten mit Wein und Delikatessen umher. Ein Kamin verströmte angenehme Wärme, die auf Grund der Menge von Menschen jedoch nicht nötig gewesen wäre.

An einem der großen Fenster stand Marthen von Vellin, der Gastgeber und Hausherr.

„Lord Regin“, grüßte Marthen. „Es ist mir eine Ehre, Euch heute Abend meinen Gast nennen zu dürfen.“ Er verneigte sich formvollendet. „Ihr seid das erste Oberhaupt der Krieger, das dieses Haus seit seiner Erbauung vor dreihundert Jahren je betreten hat.“

„Ich danke für die Einladung“, erwiderte Regin. „Darf ich Euch meinen Freund Lord Kayan von Dalen, Haus Velan vorstellen?“

„Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen“, sprach Marthen.

„Die Ehre ist ganz meinerseits“, erwiderte Kayan.

„Ich würde gerne weiter mit Euch plaudern, doch ich fürchte, ich muss meine übrigen Gäste begrüßen.“ Marthen neigte den Kopf. „Ich bin sicher, wir sehen uns später. Amüsiert Euch, trinkt reichlich Wein und esst Euch satt. Heute gibt es nur das Beste vom Besten.“

Regin lächelte sein charmantestes Lächeln. „Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als es uns gutgehen zu lassen“, erwiderte er.

Er und Kayan traten zur Seite. Regin winkte einen Diener herbei und wählte ein Weinglas. Kayan tat es ihm gleich, dann spazierten sie zwischen den Gästen hindurch.

„Anurischer Dunkelwein“, bemerkte Kayan erfreut. „Marthen von Vellin ist sich wohl für nichts zu schade, wenn er all diese Leute mit dem teuersten Wein Kyralias bewirtet.“

„Ich nehme an, er kann es sich leisten“, sagte Regin. „So erfolgreich, wie er angeblich ist, wundert mich das zumindest nicht.“ Er trank einen tiefen Schluck. Der Wein rann weich und samtig seine Kehle herab und wärmte ihn von innen. „Also, Kayan“, sagte er dann. „Wir sind gekommen, um Frauen kennenzulernen. Welche Strategie schlägst du für dieses Manöver vor?“

Einen Schluck Wein trinkend grinste Kayan. „Ich schlage vor, wir schauen uns die Herde zunächst einmal an und picken uns jene heraus, die uns gefallen. Dabei wäre es besser, wenn wir uns für unterschiedliche Frauen interessieren. Dann überlegen wir uns, wie wir uns ihnen am besten nähern.“

„Und was machen wir, wenn wir uns beide für eine interessieren und diese für jeden von uns die Eine ist?“

„Dann“, sagte Kayan mit einem höchst flegelhaften Grinsen, „duellieren wir uns auf die altmodische Art um sie.“

Regin lachte. „Und das soll sie beeindrucken?“

„Du wirst schon sehen.“

Gemeinsam setzten sie ihre Runde fort, wobei sie Delikatessen von den Tellern der Diener fischten und die weiblichen Gäste inspizierten. Eine Tür führte durch einen Flur in ein Wohnzimmer, das ebenfalls mit Gästen gefüllt war. Dahinter erblickte Regin einen Wintergarten und ein Paar, das selbstvergessen durch den Schnee spazierte.

Nach einer halben Stunde hatten sie jeder eine Frau entdeckt, bei der sie den ersten Versuch wagen wollten.

„Eigentlich würde ich sagen, such dir eine weniger interessante zum Üben“, sagte Kayan leise. „Das Problem ist jedoch, dass du keine weniger interessante Frau gefunden hast. Also hast du nur diesen einen Versuch.“

„Oder ich helfe erst dir. Und lerne dabei.“

„Wie du möchtest.“ Kayans Augen leuchteten. „Und ich weiß auch schon, bei welcher ich es versuchen will.“

„Die kleine Blonde?“

Regins Freund schüttelte den Kopf. „Ich dachte eher an die mit den schwarzen Haaren und dem rosafarbenen Kleid.“

„Nett“, sagte Regin. „Aber sie könnte deine Tochter sein.“

„Sie ist mindestens achtzehn. Und ich bin gerade einmal vierzig und damit vermutlich jünger als die meisten Kandidaten, die ihr Vater für sie aussucht.“

„Nun, das ist ein Argument“, murmelte Regin. „Aber, wie willst du an sie rankommen?“

Kayan grinste. „Nichts leichter als das. Und zwar mit einer Strategie, die ich ’den einsamen Krieger’ nenne.“ Er beugte sich zu Regin und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Regin grinste unwillkürlich. Das war so typisch Kayan, dass er sicher war, die Strategie würde funktionieren.

Sie stellten sich in die Nähe von Kayans Zielobjekt und begannen eine angeregte Unterhaltung über Kampfstrategien gegen die Sachakaner. Ein paar der umstehenden Gäste drehten ihnen die Köpfe zu und lauschten interessiert, darunter auch die junge Frau mit dem rosafarbenen Kleid. Regin warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu.

- Du hast ihre Aufmerksamkeit.

Kayan begann einen erfundenen Kampf gegen einen Sachakaner auf einer seiner Patrouillen in den schillerndsten Farben zu schildern. „Der Sachakaner war stark und ich hatte nur noch zwei Schildphiolen in meinem Beutel“, erzählte er. „Ich war quasi schon tot und hatte nichts mehr zu verlieren. Also musste ich einen Weg finden, wie ich diese möglichst effektiv einsetze, ohne selbst zu sterben. Ich wusste, dass in der Nähe eine Höhle ist. Es war meine letzte Chance. Also rannte ich dorthin. Der Sachakaner verfolgte mich. Bäume barsten oder gingen in Flammen auf, als ich seinen Angriffen flink wie in Harrel auswich.

„Kurz vor der Höhle fiel das Gelände in eine schmale und steile Senke ab. Ich warf mich dort hinein und ließ dabei unauffällig die beiden Phiolen fallen. Dann rannte ich in die Höhle. Es gab eine fürchterliche Explosion, als der Sachakaner auf die Phiolen trat und im Augenblick des Todes die Kontrolle über seine Magie verlor. Ich konnte mich nur noch mit einem Schild umgeben, während die Höhle über mir einstürzte.“

„Oh“, entfuhr es einigen Zuschauern.

„Doch dann gelang es mir, mich mit dem letzten Rest meiner Magie zu befreien. Indem ich die Felsen nach allen Seiten schleuderte.“ Wie um die Vorstellung der Zuschauer zu untermalen, riss Kayan seine Arme hoch.

„Alles im Umkreis von zweihundert Schritt war dem Erdboden gleichgemacht. Der Sachakaner war tot und ich hatte überlebt. Ich habe ihn mit meinen letzten beiden Phiolen getötet.“

Die Zuschauer klatschen. Dem Mädchen in dem rosafarbenen Kleid entfuhr jedoch ein entsetztes „Oh nein, mein Kleid!“

Auf ihrem Rock hatte sich ein roter Fleck ausgebreitet. Wein.

Kayan trat zu dem Mädchen. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, meine liebe … wie war noch Euer Name?“

„Salisana von Aron, Haus Korin.“

„Es ist mir eine Ehre Euch kennenzulernen, Salisana. Mein Name ist Lord Kayan und ich bin Krieger der Magiergilde.“ Kayan legte eine Hand auf die Brust. „Ich habe den Kampf erlebt, als wäre es gestern gewesen. Dabei habe ich wohl vergessen, dass ich mein Weinglas noch in der Hand hatte.“

„Mein Kleid ist ruiniert“, klagte sie. „Jetzt wird niemand mehr mit mir tanzen wollen.“

Regin trat vor. „Ich möchte Euch bitten, liebste Salisana, das ungehobelte Verhalten von Lord Kayan zu entschuldigen. Er verbringt die meiste Zeit damit, durch die Wildnis zu streifen und die Grenze zu kontrollieren. Er schläft unter Bäumen oder auf Heuböden, muss sich sein Essen jagen und kämpft gegen die Sachakaner, die sich über die Berge schleichen. Ich werde ihn jedoch für sein Missgeschick bestrafen, wenn Euch das beruhigt.“

- Übertreib es nicht.

- Du weißt, doch noch gar nicht, was ich vorhabe.

„Könnt Ihr mir verzeihen, Salisana?“, fragte Kayan. „Es war wirklich keine böse Absicht.“

Sie legte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn zweifelnd. Regin glaubte jedoch, ein Funkeln in ihren Augen zu sehen und verkniff sich ein Grinsen.

„Lord Kayan, ich befehle Euch, dass Ihr Euch bei Salisana auf angemessene Weise entschuldigt und heute Abend so viel mit ihr tanzt, wie sie möchte, da sie mit ihrem ruinierten Kleid keinen Tanzpartner mehr finden wird“, sagte er.

- Du lernst schnell.

- Denkst du, ich flirte zum ersten Mal?, gab Regin zurück.

„Das klingt angemessen“, sagte Salisana.

Kayan schenkte dem Mädchen sein liebenswürdigstes Lächeln. „Dann kommt“, sagte er und reichte ihr seinen Arm.

„Viel Spaß“, wünschte Regin. Er zwinkerte Salisana zu. „Macht mit ihm, was Ihr wollt. Für den Abend gehört er Euch.“

Sie lächelte überraschend durchtrieben und ließ sich dann von Kayan auf die kleine Tanzfläche führen.

- Heh, sandte Regin. Und was ist mit mir?

- Gib mir zwei oder drei Tänze mit ihr, dann wird sie mir nicht mehr von der Seite weichen und dann kümmern wir uns um dich.

- Ich werde dich daran erinnern.

- Du hast mein Wort, sandte Kayan. Als Krieger. Vertrau einfach auf meine Weisheit und lerne.

Nicht wissend, was Regin lernen sollte, wenn er Kayan beim Tanzen zusah, lehnte er sich gegen eine Säule und ließ seinen Blick durch den Saal schweifen. Inzwischen tanzten einige weitere Paare. Entlang der Wände standen bequeme Sessel und kleine Tische. Gäste hatten sich dort niedergelassen, um zu essen oder sich zu unterhalten. Die Frau, die er sich ausgesucht hatte – blond, hochgewachsen und nach allem, was er wusste, die Tochter eines Pferdezüchters aus Haus Arran – stand mit einer anderen Frau zusammen.

Das war einfach, dachte Regin. Entweder die Frauen aus den Häusern waren dumm oder Salisana hatte geahnt, worauf Kayans „Missgeschick“ hinauslief und mitgespielt. Warum sonst sollte sie sich auf Kayan einlassen? Bei den Heilerinnen, die Regin in der Vergangenheit verführt hatte, wäre eine so flache und leicht zu durchschauende Strategie kläglich gescheitert.

Vielleicht fand sie uns witzig, überlegte er dann. An dem Kleid würde sie wohl kaum hängen, sie hatte genug Geld, um sich ein neues schneidern zu lassen. Möglicherweise hatte sie es sich eigens für diese Party schneidern lassen und hatte nicht vorgehabt, es erneut zu tragen.

Er sah zu Kayan und Salisana. Sein Freund hatte das Mädchen enger in seine Arme gezogen. Eine Hand ruhte so tief auf ihrem Rücken, dass es ein Stückchen tiefer anstößig gewesen wäre. Salisana sah verträumt zu ihm auf und Regin fragte sich, ob Kayan mit weiteren erfundenen oder wahren Heldentaten prahlte.

Zu Regins Erleichterung kehrte sein Freund nach dem dritten Tanz tatsächlich zu ihm zurück, Salisana an seiner Seite. „Tanzen ist anstrengend“, sagte er. „Und wir beide sind jetzt durstig.“

„Ich weiß einen guten Platz, wo wir etwas trinken können.“ Regin nickte in die Richtung, wo die Blondine noch immer mit ihrer Freundin stand. „Dort scheint es mir ein wenig ruhiger zu sein.“

Sie tauschten ihre Weingläser in frische und hielten auf die Sessel zu, in deren Nähe die beiden Frauen auf einer Bank saßen.

- Welche von beiden ist es?, fragte Kayan.

- Die Blonde.

- Zwei Frauen, das wird schwierig. Würdest du auch die andere nehmen, wenn sie nicht will?

Regin betrachtet die Freundin der Blondine. Sie war zierlich und trug ihr Haar auf eine Weise hochgesteckt, das sie eher aussehen ließ, als würde sie in den Krieg ziehen, anstatt an einer Party teilnehmen.

- Nicht mein Typ.

- Dann versuchen wir es bei der Blonden.

- Was heißt versuchen?, verlangte Regin zu wissen. Ich dachte, deine Tricks wären immer erfolgreich.

- Bei zwei Frauen ist es schwieriger, weil sie einander beeinflussen. Es wäre einfach, würden wir jeder von uns eine zum Tanzen auffordern. Allerdings habe ich jetzt schon Salisana und sie gefällt mir weitaus besser, als die mit der Kriegsfrisur.

- Also gut, sandte Regin. Also bin dann ich dieses Mal der einsame Krieger?

- Wenn du dich lächerlich machen willst, dann ja.

- Wieso das? Ich bin nicht liiert.

- Beim einsamen Krieger geht es um Heldentaten. Nicht darum, dass er keine Frau findet. Da werden dir auch deine Heldentaten nicht mehr viel helfen.

Ein Stück neben den beiden Frauen blieben sie stehen. „Also Salisana“, begann Regin. „Hat Lord Kayan schon einen Teil seiner Strafe abgeleistet?“

„Er war absolut vorbildlich“, antwortete die junge Frau strahlend.

Kayan grinste. „Kriegerehre eben. Und weil ich das Oberhaupt der Krieger mit meinem rüden Verhalten vorhin in gesellschaftliche Schande gestürzt habe, ist es meine Pflicht, ihm heute Abend bei einer wichtigen Angelegenheit zu helfen“, teilte er Salisana mit. „Denn sonst versetzt er mich in ein Fort an der Grenze zu Elyne, wo ich keine Sachakaner verprügeln kann.“

„Richtig“, stimmte Regin ernsthaft zu. „Das würde ich tun.“

„Und bei was soll Lord Kayan Euch helfen?“

„Eine Begleitung für den Abend zu finden“, antwortete Kayan für ihn. „Wir sind zu zweit gekommen, und da ich bei Euch, meine liebe Salisana, meine Strafe ableisten muss, ist er nun ganz allein.“

„Verstehe“, sagte sie offenkundig amüsiert. „Ich nehme an, deswegen sind wir hergekommen.“

„Exakt. Und ich könnte Eure Hilfe gebrauchen.“

„Das muss ich mir noch überlegen“, erwiderte Salisana augenzwinkernd.

Kayan beugte sich zu ihr herab. Erheitert beobachtete Regin, wie sich ein hinterhältiges Grinsen auf dem Gesicht des Mädchens ausbreitete. „Dafür schuldet Ihr mir allerdings drei weitere Tänze“, sagte sie.

„Und die werde ich Euch mit Freuden geben“, erwiderte Kayan und hob ihre Hand an seine Lippen.

Regin verdrehte innerlich die Augen, wissend, er hätte es nicht anders gemacht, wäre er an Kayans Stelle.

„Also“, Kayan trank einen Schluck Wein, wie um sich Mut zu machen und bedeutete dann Regin und Salisana, ihm zu den beiden Frauen zu folgen. „Guten Abend, die Ladies“, grüßte er. „Ich, Lord Kayan und mein Freund Lord Regin, das Oberhaupt der Krieger der Magiergilde, sind in einer etwas misslichen Lage. Ich habe dieser entzückenden Dame“, er wies zu Salisana, „versehentlich Wein über das Kleid geschüttet und bin nun dazu verdammt, den Rest des Abends mit ihr zu tanzen. Für meinen Freund ist das jedoch leider kein so großer Anlass zur Freude, weil er nun keine Begleitung mehr hat. Ich frage mich daher, ob eine von Euch beiden meinen Freund den Abend über begleiten könnte.“

„Es wäre mir eine Ehre, den Abend mit dem Oberhaupt der Krieger zu verbringen“, antwortete die Blondine entzückt. „Doch leider sind meine Schwester und ich zu zweit gekommen. Ich würde mich schlecht dabei fühlen, sie zurückzulassen, um mich zu amüsieren und sie umgekehrt auch.“

„Das ist überhaupt kein Problem“, erwiderte Kayan. „Nicht für Lord Regin, nicht wahr?“

- Mit beiden?, entfuhr es Regin.

- Warum nicht? Hast du bis jetzt etwa immer nur mit einer einzigen Frau geschlafen?

- Du etwa nicht?

- Ich erzähle dir bei Gelegenheit einmal die Geschichte von den beiden Töchtern von diesem Reberhirten, in dessen Stall ich einmal übernachtet habe.

Regin musterte die beiden Frauen. Die Vorstellung beide zu verführen war verlockend. Auch wenn ihm die mit der Kriegsfrisur nicht zusagte. Allerdings würde es an diesem Abend ohnehin nicht zu Intimitäten kommen.

„Überhaupt nicht“, sagte er laut und legte eine Hand auf die Brust. „Es wäre mir eine Ehre, den Abend mit zwei so entzückenden Geschöpfen zu verbringen.“

„Es wäre uns auch eine Ehre.“ Die Schwestern erhoben und verneigten sich. „Wir sind übrigens Ariana und Valea von der Familie Calwen, Haus Paren.“

„Sehr erfreut“, erwiderte Regin. „Dann haben wir anscheinend etwas gemeinsam.“


***


Sonea konnte sich nicht erinnern, einen Besuch im Abendsaal jemals so gefürchtet zu haben. Nicht einmal, als sie und Akkarin dorthin gegangen waren, um ihre Verlobung bekanntzugeben. Auch an diesem Abend würde sie Gegenstand des Geschwätzes der Gilde sein. Die Magier würden wissen wollen, warum sie Lina eingefordert hatte, und sie konnte sich nicht verstecken, wenn sie nicht wollte, dass ihre Motive angezweifelt wurden.

Was sie vermutlich ohnehin würden.

Dazu kamen ihre Schuldgefühle gegenüber Rothen, die seit dem Morgen nicht geringer geworden waren.

„War ich zu harsch zu ihm?“, hatte sie Akkarin gefragt, als sie ihm von ihrem Besuch erzählt hatte.

„Du warst so diplomatisch, wie du nur konntest, um ihm deinen Standpunkt zu verdeutlichen“, hatte Akkarin geantwortet. „Es ist nicht deine Schuld, wenn es Erinnerungen daran geweckt hat, wie ich dich eingefordert habe. Gib ihm Zeit und er wird sehen, dass weder er noch Lina davon einen Nachteil haben.“

„Ich habe seinen Wunsch, einen letzten Novizen auszubilden, zunichtegemacht. Er ist zu alt, um es noch einmal mit einem Neuen zu versuchen.“

„Er wäre auch enttäuscht, würde er Lina bis zum Ende begleiten und versagen. Und dann würde er sich wünschen, er hätte jemand anderem diese Aufgabe übertragen. Rothen ist ein sehr engagierter Mentor mit einer hohen Erfolgsquote bei schwierigen Novizen. Aber nicht jeder Novize spricht auf seine Methoden an. Dieses Schicksal teilt er mit jedem Lehrer.“

Obwohl Sonea ihrem Mann recht geben musste, war sie nicht wirklich beruhigt. Akkarin hatte ihr angeboten, mit Rothen zu sprechen, sollte er sich nicht wieder beruhigen. Das hatte sie jedoch kategorisch abgelehnt. Sie hatte das Rothen angetan, also musste sie es auch wieder hinbiegen.

An diesem Abend kam der Abendsaal Sonea noch voller vor, als vor den Ferien, sofern das überhaupt möglich war. Am ersten Vierttag eines neuen Halbjahres war der Raum für gewöhnlich voll mit Magiern, die einander von ihren Besuchen bei ihren Familien erzählten. Dazu kam das übliche Geschwätz über die neuen Novizen. Mit den sachakanischen Magiern in der Stadt wurde der Abendsaal zudem mehr als üblich frequentiert, weil die Magier hofften, Neuigkeiten zu erfahren.

Dieses Mal waren es jedoch nicht Urlaubsberichte, neue Novizen oder sachakanische Magier, die die Magier in den Abendsaal trieben.

Sonea brauchte ihre Sinne nur auszustrecken, um die Gesprächsfetzen der Magier zu hören.

„ … nimmt ausgerechnet die Novizin des Mannes, aus dessen Obhut sie selbst entrissen wurde.“

„ … macht das doch nur, weil der Hohe Lord Lorlen ausbildet. Sie will mit ihm gleichziehen.“

„Rothen hat das nicht verdient. Sie ist völlig verdorben.“

„Das Mädchen ist schwer zu kontrollieren. Rothen war mit ihr überfordert.“

Dann verstummten die Stimmen eine nach der anderen, als die Magier realisierten, dass ihr Gesprächsthema mitsamt ihrem ehrfurchtgebietenden Mann den Abendsaal betreten hatte. Entlang einer imaginären Linie zu den Sesseln der höheren Magier bildete sich eine respektvolle Gasse.

- Wer sich dir gegenüber unangemessen verhält, wird mir das erklären müssen, sandte Akkarin.

Unwillkürlich musste Sonea lächeln.

- Danke, antwortete sie. Das ist großartig von dir.

- Du bist meine Frau, antwortete er nur.

Die höheren Magier blickten ihnen neugierig und erwartungsvoll entgegen. Sonea entdeckte Rektor Jerrik unter ihnen und nahm an, er hatte den anderen bereits die Details ihres Gespräches am Morgen mitgeteilt. Von Regin war keine Spur zu sehen und sie erinnerte sich, dass er an diesem Abend zu einem Ball geladen war.

- Rothen ist nicht bei ihnen, sandte Sonea mit wachsender Besorgnis.

- Ich bin sicher, es geht ihm gut. An seiner Stelle würde ich dem Abendsaal heute auch lieber fernbleiben.

- Vielleicht hätten wir ihn abholen sollen.

- Du konntest es nicht wissen. Vielleicht ist es besser, wenn er sich den Abend für sich nimmt. Und jetzt stell dich dem Mob.

„Ich beglückwünsche Euch zu Eurer Entscheidung“, sprach Lady Vinara, als Akkarin in seinem Sessel Platz nahm und Sonea sich an seine Seite stellte. „Ich nehme an, dies war der Grund, warum Ihr bei Laysa gezögert habt?“

„In gewisser Weise, ja“, antwortete Sonea.

„Soll das heißen, Ihr habt schon länger mit dem Gedanken gespielt, Lina einzufordern?“, fragte Lord Peakin.

„Ihr Talent ist mir schon vor einer Weile aufgefallen. Die Erkenntnis kam mir jedoch erst vor Kurzem. Und bevor Ihr fragt: Nein, ich habe es nicht getan, weil der Hohe Lord entschieden hat, unseren Sohn auszubilden. Ich möchte eine junge, fehlgeleitete Frau unterstützen und ihr helfen, ihr Potential zu entfalten. Bis zu ihrem Abschluss werde ich mich darauf konzentrieren, mit Lina an ihren magischen und charakterlichen Schwächen zu arbeiten.“

„Also ist noch nicht sicher, ob Lina Eure Nachfolgerin wird?“

Sonea spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Ihr Charakter ist noch nicht ausgereift. Es wäre zu früh, darüber jetzt schon Prognosen anzustellen.“

„Wie hat Rothen reagiert?“, fragte Lady Vinara.

„Er hat die Neuigkeit nicht gerade freudig aufgenommen“, antwortete Sonea. „Aber das ist verständlich.“

„Besonders, nachdem die Novizin ihm seine aktuelle Novizin wegnimmt, die ihm einst selbst weggenommen wurde“, fügte Lord Peakin hinzu.

Das Oberhaupt der Heiler schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Lady Sonea ist es gewiss nicht leicht gefallen, alte Wunde bei ihrem ersten Mentor aufzureißen“, sagte sie scharf.

„Danke, Vinara“, erwiderte Sonea. „Und nein, das war auch für mich keine angenehme Angelegenheit. Aber es musste sein.“

„Hoher Lord, wie steht Ihr zu der Entscheidung Eurer Frau?“, fragte Administrator Osen.

„Ich stehe hinter Soneas Entscheidung. Lina braucht einen Mentor, der ihr sowohl an Stärke überlegen ist, als auch ihr die nötige Disziplin vermitteln kann, um ihr Temperament zu bremsen. Zudem habe ich Soneas Entscheidungsfindung miterlebt und weiß daher, dass sie ihre Wahl wohlüberlegt getroffen hat.“

„Also habt Ihr Sonea dazu geraten, Lina als Novizin zu erwählen?“, fragte Peakin.

„Ich habe mit ihr die Argumente für und gegen diese Wahl diskutiert. Die Entscheidung hat sie jedoch selbst getroffen. Daher weiß ich, dass sie das nicht tut, um zu kompensieren, dass ich mich Lorlen annehme.“

Zu Soneas Unbehagen hatte sich in den wenigen Minuten, die sie hier waren, bereits eine Traube von Magiern um die höheren Magier gebildet. Und sie bereute, hergekommen zu sein. Vielleicht hätte ich besser daran getan, noch einmal nach Rothen zu sehen, fuhr es ihr durch den Kopf.

- Du machst das so gut, dass du mich gar nicht brauchst, sandte Akkarin.

- Ich fühle mich, als müsste ich sterben.

- Das sind keine Sachakaner, Sonea. Es ist absurd, sie zu fürchten.

- Furcht ist oft absurd. Das hast du mir selbst einmal gesagt.

- Dennoch hast du dazu keinen Grund. Deine Antworten könnten von mir stammen. Und sie stellen die Magier zufrieden.

Der Stolz in seiner Gedankenstimme war nur schwer zu ignorieren. Soneas Herz machte einen Sprung. Auch wenn sie wusste, dass sie das hier alleine konnte, so tat es unendlich gut, dass er da war.

Eine Stunde später verließen sie den noch immer überfüllten Abendsaal. Mittlerweile hatte sich das bei den höheren Magiern Besprochene verbreitet und Sonea glaubte, die Zweifler weitgehend besänftigt zu haben.

Kurz vor den Türen entdeckte Sonea eine vertraute Gestalt in purpurfarbenen Roben zwischen zwei Gruppen von Magiern. Ihre Augen begegneten einander und sie zuckte schuldbewusst zusammen.

- Sprich mit ihm. Nicht nur, weil alle dann sehen, dass ihr keinen Groll aufeinander hegt.

Obwohl Sonea am liebsten aus dem Abendsaal geflohen wäre, wusste sie, dass Akkarin recht hatte. Sie musste das überstehen. Ihrer Freundschaft mit Rothen zuliebe. Und um sich selbst zu beruhigen.

Sie war erleichtert, dass Rothen nicht in der Menge verschwand, als sie sich ihm mit klopfendem Herzen näherte.

Dann sah sie den Ausdruck in seinen Augen.

„Hallo Rothen“, sagte sie.

„Sonea.“

„Wie geht es dir?“

„Der Schock sitzt immer noch tief.“

Der gequälte Ausdruck in seinen Augen zerriss ihr das Herz. „Es tut mir so leid, Rothen. Ich hoffe, du kannst es mir eines Tages verzeihen.“

„Das hoffe ich auch“, erwiderte er.

Sonea streckte eine Hand aus und berührte seinen Arm. „Ich komme morgen Nachmittag einmal vorbei, wenn das in Ordnung für dich ist.“

Er nickte zögernd. „Gute Nacht, Sonea.“

Sonea schenkte ihm ein schiefes Lächeln. „Gute Nacht, Rothen.“

Dann kehrte sie zurück an Akkarins Seite und beeilte sich den Abendsaal zu verlassen.


***


„Also, meine Schönen“, sagte Regin zu den beiden Schwestern. „Was wollt ihr als nächstes machen?“ Sie hatten Wein getrunken, abwechselnd getanzt und Delikatessen verzehrt und dabei hatte Regin Ariana und Valea besser kennengelernt. Wie sich herausgestellt hatte, war Valea die Blondine und Ariana die Dunkelhaarige. Während er mit Letzterer nicht warm wurde, wenn auch sie offenkundig von ihm angetan war, gefiel ihm Valea mit jedem Augenblick besser.

„Ich glaube, ich habe für heute genug getanzt“, erklärte Ariana. „Ihr zwei könnt Euch gerne noch amüsieren.“

„Ich kenne einen Trick, wie Eure Füße nicht mehr weh tun“, sagte Regin augenzwinkernd.

„Das ist sehr freundlich von Euch, Regin, doch ich möchte nicht mehr tanzen. Ich bin nicht so verrückt danach.“

Regin sah zu ihrer Schwester. „Nun, dann aber sicher doch Valea.“

Valea strahlte. „Sehr gern würde ich noch eine Runde mit Euch tanzen, Mylord.“

„Dann komm“, sagte Regin und führte sie auf die Tanzfläche.

Das Streichquartett spielte ein schnelles Lied und schon bald war Valea außer Atem und ihre Wangen waren gerötet, während Regin sie herumwirbelte. Sie hatte offenkundig großen Spaß. Und Regin genoss ihre Gesellschaft genug, dass er bereits mit dem Gedanken spielte, sich mit ihr für das kommende Wochenende zu verabreden.

„Ich kann nicht mehr“, japste Valea, als das Lied endete. „Wir sollten nach draußen gehen und uns abkühlen und ein wenig im Park spazieren.“

„Und Eure Schwester?“

„Wird es uns verzeihen.“

„Das hörte sich vorhin aber noch ganz anders an“, bemerkte Regin.

„Weil wir beide Euch kennenlernen wollten. Wir haben Euch und Euren Krieger-Freund schon erblickt, als Ihr das Haus betreten habt.“

Anerkennend hob Regin eine Augenbraue. „Und ich nehme an, sie überlässt Euch nun den Vortritt, weil Ihr mir mehr zugetan seid“, folgerte er.

„Wie mir scheint, beruht das auf Gegenseitigkeit“, erwiderte Valea.

Das Streichquartett stimmte ein neues ruhigeres Lied an. „Ich schlage vor, wir verschieben unseren kleinen Spaziergang auf bis nach diesem Lied“, sagte Regin. Er nahm Valeas Hand erneut in seine und zog sie zu sich. „Um die passende Stimmung aufkommen zu lassen.“

„Eure Idee gefällt mir, Lord Regin.“

Eine Weile tanzten sie schweigend. Regin hielt ihren warmen und weichen Körper an sich gedrückt, so wie er es Kayan mit seiner Angebeteten hatte tun sehen. Valea schmiegte sich an ihn und schien das offenkundig zu genießen. Seine Gedanken wanderten wieder zu Ariana und mit einem Mal begriff er, was er an ihr so unattraktiv fand. Sie hatte etwas, das ihn an Sonea erinnerte.

„Um ehrlich zu sein, habe ich euch anfangs nicht für Schwestern gehalten“, sagte er leise in Valeas Haar. „Für Kusinen oder Freundinnen, ja. Aber nicht für Schwestern.“

„Wir sehen uns auch nicht sehr ähnlich.“

„Aber ihr seid vollblütige Schwestern, nicht wahr?“

„Natürlich sind wir das.“ Sie löste sich ein Stück von ihm. In ihren Augen lag ein leiser Vorwurf. „Wir haben denselben Vater und dieselbe Mutter.“

„Ich wollte Euren Eltern keine Seitensprünge unterstellen“, erwiderte Regin. „Ich dachte nur, wenn ihr zwei keine leiblichen Schwestern wärt, dann …“

Sie stieß ihn zurück. „Dachtet Ihr, wir beide würden …?“, fuhr sie ihn an.

„Ich habe es nicht darauf angelegt, liebste Valea“, erwiderte Regin. „Der Gedanke ist mir allerdings gekommen.“

Sie gab ihm eine Ohrfeige. „Was für ein widerlicher Enka Ihr doch seid!“

„Ich …“, begann Regin. „Es tut mir leid …“

„Geht mir aus den Augen!“

Einige der Gäste hatten sich zu ihnen umgedreht und musterten sie neugierig. Die übrigen schien der Vorfall jedoch nicht zu kümmern. Kayan, der noch immer mit Salisana tanzte, hob den Kopf und schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln.

Mit einem leisen Seufzen verließ Regin die Tanzfläche. Von dem Tablett eines vorbeieilenden Dieners fischte er sich ein frisches Weinglas heraus und wanderte damit in die Empfangshalle. Schon bald wurde ihm damit jedoch langweilig und er schlenderte zurück, in der Hoffnung, Kayan würde sich erneut seiner erbarmen.

„Seid Ihr Lord Regin?“

Regin fuhr herum. Vor ihm stand das entzückendste Wesen, das er je gesehen hatte. Sie war noch hübscher als Valea, einen Kopf kleiner als Regin, mit glänzendem, dunkelbraunen Haar, das in sanften Wellen über ihre Schultern fiel. Der runde Halsausschnitt ihres Kleides ließ ihre schmalen Schultern breiter wirken und betonte die Brüste, die für ihr zartes Alter bereits ziemlich üppig waren. Sie war allenfalls halb so alt wie Regin. Und doch war er hingerissen.

„Der bin ich“, sagte er und legte eine Hand auf die Brust. „Und mit wem habe ich die Ehre?“

„Kassie von Vellin, Haus Korin“, antwortete sie.

Regin erstarrte. „Euer Vater ist der Gastgeber!“

Kassie nickte strahlend.

„Und wieso wurden wir uns dann nicht vorgestellt?“

„Weil ich kurz nach der Eröffnung der Party auf mein Zimmer zurückgezogen habe.“

Also keine Partygängerin. Das versprach interessant zu werden.

„Und was hat Euch dazu bewogen, Euer Zimmer wieder zu verlassen?“, fragte Regin.

Er hatte erwartet, dass sie ihren Vater vorschob, der ihr befahl, sich auf der Party blicken zu lassen, doch stattdessen sagte sie: „Neugier.“

Das Streichquartett stimmte ein neues Stück an. Regin warf einen Blick zu Kayan, der noch immer mit seiner Angebeteten tanzte. „Möchtet Ihr tanzen?“

Kassie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich bin keine gute Tänzerin.“

„Ich kann sehr gut führen.“

„Das glaube ich Euch sogar“, antwortete sie keck, „doch ich fürchte, ich muss ablehnen. Selbst mit dem charmantesten Krieger würde ich nicht tanzen.“

Was macht man dann mit einem jungen Mädchen auf einer Party?, fragte Regin sich verzweifelt. Er konnte sie unmöglich auf ihr Zimmer begleiten. Selbst, wenn es dabei zu keinerlei Intimitäten kam, war er sicher, Marthen hätte ihn dann zum letzten Mal eingeladen. „Was haltet Ihr stattdessen von einem kleinen Spaziergang durch den Park?“, fragte er.

Zu seiner Freude lächelte sie. „Das würde mir gefallen. Aber es ist doch viel zu kalt.“

„Ich bin ein Magier“, erwiderte Regin. „Ich werde dafür sorgen, dass wir nicht frieren.“

„Dann kann ich schlecht Nein sagen.“

„Dann kommt“, sagte Regin und bot ihr seinen Arm. „Nehmen wir den Wein mit und trinken dort weiter.“

Arm in Arm schritten sie durch die geöffneten Türen des Wintergartens. Kassie erschauderte unter einem eisigen Windstoß. Mit einem leisen Lachen errichtete Regin einen Wärmeschild um sie beide.

„Es ist Euer Zuhause“, sagte er. „Ich fürchte, Ihr müsst mir den Park zeigen.“

„Mit Freuden, Lord Regin.“

Das hellerleuchtete Haus und die Stimmen fielen hinter ihnen zurück, während sie durch den verschneiten Park wanderten. An Kreuzungen und auf freien Rasenstreifen entdeckte Regin Eisskulpturen, die vermutlich eigens für dieses Fest gemacht worden waren.

„Wie kommt es, dass Ihr es warm machen könnt, aber der Schnee um uns herum nicht schmilzt?“, fragte Kassie.

„Um uns herum befindet sich ein Schild, der die Wärme darin gefangen hält.“ Regin blieb stehen. „Geht einmal ein paar Schritte vor und kommt dann wieder zurück. Dann spürt Ihr den Unterschied.“

Kassie löste sich von ihm und machte drei zögernde Schritte vorwärts. Plötzlich quiekte sie auf. „Kalt!“, hauchte sie und schlang die Arme um ihren Leib.

Regin lachte. „Dann kommt wieder her.“

Sie sah hinreißend aus, wie sie mit geröteten Wangen zu ihm zurückkehrte. Im Schein seiner Lichtkugel lag ein goldener Schimmer auf ihrem Haar. Der Blick, mit dem sie ihm begegnete, war fragend. Regin lächelte schief, dann streckte er eine Hand aus und berührte ihre Wange.

„Nicht“, flüsterte sie.

„Warum nicht?“, fragte Regin verwirrt. Wenn sie das nicht wollte, wieso schmiegte sie ihre Wange dann so in seine Hand?

„Mein Vater. Er will mich mit einem Mann aus Haus Dillan verheiraten.“

Hatte sie sich deswegen versteckt? Und wo war dann ihr Verlobter?

„In diesem Fall sollte Euer Verlobter Euch auf einem solchen Fest nicht alleine lassen“, sagte Regin. „Denn so hinreißend, wie Ihr ausseht, könnten die männlichen Gäste auf die Idee kommen, dass Ihr noch zu haben wärt.“

„Oh, die Verlobung ist noch nicht offiziell“, sagte Kassie rasch. „Und er ist auf seinem Landsitz eingeschneit.“

„Das scheint Euch zu freuen“, stellte Regin fest.

„Ich mag ihn nicht. Und er ist alt.“

„Alt?“, wiederholte Regin. Aus ihrer Sicht war vermutlich alles jenseits der Zwanzig alt.

„Er wird bald vierzig. Ich habe ihn gesehen, als er mir vorgestellt wurde. Ich mag ihn nicht.“

Armes Ding!, dachte Regin. Arrangierte Ehen waren der Fluch der Häuser. Als Magier genoss er das Privileg, seine Frau selbst zu wählen. Dennoch versuchte sein Vater mit entnervender Beharrlichkeit, eine Frau für ihn zu finden, als würde Regin nicht sein älterer Bruder Varryl das Familienerbe antreten.

„Muss es unbedingt Haus Dillan sein?“, fragte er.

Sie nickte. Ihr Blick wanderte über ihn, ihre Augen funkelten im Schein seiner Lichtkugel. „Dillan. Nicht Paren.“

Ich bin sicher, ich könnte ihm umstimmen, dachte Regin. Aber wollte er das? Kassie war süß. Doch er kannte sie kaum. Es würde mehrere Parties und Begegnungen erfordern, um eine Entscheidung treffen zu können. Heiraten flößte ihm Angst ein. Er hatte die Frau, die er einst hatte heiraten wollen, verloren. Kassie war zudem sehr jung und Regin gewann den Eindruck, dass ihr Vater sie sehr behütete.

„Konkurrenz schadet dem Geschäft nie“, erwiderte er. „Schon gar nicht, wenn es darum geht, einer hübschen Frau den Hof zu machen.“

Kassies Augen weiteten sich. Regin schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Und als er sich zu ihr herabbeugte und ihre Lippen aufeinandertrafen, wehrte sie sich nicht.

Ihr Mund war warm und weich und obwohl sie unerfahren im Küssen schien, schmiegten ihre Lippen sich an seine, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie duftete nach etwas Fruchtigem – Marin glaubte Regin – und ihr weicher Körper schmiegte sich gegen seinen, als Regin sie dichter in seine Arme zog. Einen langen Augenblick verharrten sie so, dann löste er sich von ihr und trat einen Schritt zurück.

„Wir sollten zurückgehen, bevor dein Vater dich sucht“, sagte er.

„Sicher ist er mit den Gästen beschäftigt.“

„Trotzdem, liebste Kassie.“ Regin nahm ihre Hand und führte sie zurück zum Haus. „Ich möchte ungern seinen Zorn riskieren, denn dann werde ich zu seinem nächsten Fest vielleicht nicht eingeladen. Wer weiß, wann wir uns dann wiedersehen?“

„In zwei Wochen findet ein Ball im Palast statt, zu dem wir eingeladen sind.“

„Ich werde da sein.“

Die Wärme im Wintergarten war nach dem Park eine regelrechte Wohltat. Selbst mit Wärmeschild hatte Regin die Luft noch als kühl empfunden. Und auch Kassie hatte zu zittern begonnen. In einem Kamin brannte ein kleines Feuer und er führte Kassie dorthin.

„Das ist sehr zuvorkommend von dir“, sagte sie, als sie ihre Hände zum Feuer hin streckte.

Regin trat hinter sie und legte seine Arme um sie. „Dann sorgen wir nun dafür, dass dir schnell wieder warm wird.“ Er griff nach seiner Magie und sandte ein wenig Wärme in ihren Körper, woraufhin sich Kassie entspannte und den Kopf gegen seine Brust lehnte. Behutsam hob Regin ihr Kinn und küsste sie erneut.

Schritte und die Stimmen eines offenkundig schon sehr heiteren Paares kamen näher.

Alarmiert fuhr Regin herum. Er konnte gerade noch rechtzeitig einen Schritt zurücktreten, als eine Heilerin und ein adrett gekleideter Mann den Wintergarten betraten.

Trassia und Carrien.

Sie rief irgendetwas, das Regin nicht verstehen konnte, dann fiel ihr Blick zum Kamin.

„Regin!“, zischte sie. Ihre Augen huschten zur Kassie. „Mit der Tochter des Gastgebers? Ich hatte wirklich mehr Anstand von dir erwartet!“

Ihre Worte verschlugen Regin für einen Moment die Sprache. „Heh! Ich habe mich vorbildlich benommen“, sagte er.

„Was soll das denn heißen?“, fuhr Trassia ihn an.

„Das, was es heißt. Und überhaupt: Was hast du hier zu suchen?“

„Carrien hatte eine Einladung. Was dachtest du denn?“

„Immerhin brauche ich keinen Politiker-Freund, um auf die Gästeliste zu kommen.“

„Wahrscheinlich hast du den armen Marthen bestochen.“

Ihr Angebeteter trat zu ihr. „Lass es gut sein, Liebes. Er will nur Streit.“

„Lasst Lord Regin in Ruhe!“, mischte sich Kassie ein. „Er hat mir den Abend gerettet.“

Trassia trat zu dem Mädchen und fasste es an den Schultern. „Du tätest besser daran, dich von ihm fernzuhalten. Er mag ein talentierter und angesehener Krieger sein, aber er ist nur hier, weil er versuchen will, dich ins Bett zu kriegen. Er wird dich benutzen und dann wegwerfen wie eine Pachi mit Druckstellen. Wie er es mit jeder seiner vorangegangenen Frauen getan hat. Du hast Besseres verdient.“

„Bist du neuerdings auf einem Feldzug gegen mich, liebste Trassia?“, fragte Regin kühl. „Denkst du wirklich, du könntest mir damit schaden?“

„Dein Ruf eilt dir doch voraus, Regin von Winar.“

„Nun, dann weiß Kassie jetzt über mich Bescheid. Und sie ist trotzdem mit mir spazieren gegangen.“

„Ich will nicht wissen, wie du sie dazu überredest hast.“

„Er hat nicht …“, protestierte Kassie, doch Trassia hob einen warnenden Finger.

„Trassia, warum tust du das?“, verlangte Regin zu wissen. „Bist du mit Carrien nicht mehr glücklich? Besorgt er es dir nicht ordentlich?“

Ihre Augen verengten sich, dann schob Carrien sich zwischen Regin und seine verlorene Liebe. „Wenn Ihr noch einmal meine Verlobte beleidigt, dann werde ich offiziell Beschwerde gegen Euch einreichen“, sagte er.

Verlobte? Regin starrte die beiden an. Waren sie wirklich verlobt? Sie waren doch erst seit ein paar Wochen ein Paar!

„Das erstaunt dich wohl, Regin“, sagte Trassia. „Dass ich seinen Antrag nach so kurzer Zeit angenommen habe. Denn Carrien liebt mich so, wie ich ihn. Und er will sich binden.“

„Wann hat er dich gefragt?“

„Vorhin im Garten.“

Und dann legte sie sich mit ihm an? Müsste sie nicht eigentlich glücklich sein?

„Ich verstehe.“ Regin warf Carrien einen abschätzenden Blick zu und betrachtete Trassia dann kühl. „Ich nehme an, du hast Kassie nur aus purer Selbstlosigkeit vor mir gewarnt. Denn wenn du dich nach so kurzer Zeit verlobst, nachdem du jahrelang alleine warst, scheinst du endlich über mich hinweg zu sein.“

Behutsam fasste Carrien Trassias Arm. „Komm“, hörte Regin ihn sagen. „Lass mich die Angelegenheit regeln. Ich werde die Beschwerde schreiben, sobald wir zuhause sind.“

Die beiden verließen den Wintergarten. Sein charmantestes Lächeln aufsetzend sah Regin zu Kassie. „Ich muss mich für Lady Trassia entschuldigen. Sie ist manchmal ein wenig hitzköpfig.“

Kassie betrachtete ihn verstört und floh dann zu den anderen Gästen.

Ein Seufzen unterdrückend folgte Regin ihr ein wenig langsamer. Jetzt würde sie zu ihrem Vater gehen.

Kayan tanzte noch immer mit Salisana. Ihre Blicke trafen einander und der Krieger hob fragend die Augenbrauen.

- Zeit zu gehen?

- Ja.

***


In zwei Wochen wird es – wer hätte das gedacht – actionreich ;)


Falls ihr Zeit und Lust habt, mir zu diesem Kapitel Feedback zu geben, würden folgende Dinge mich interessieren:

Findet ihr, dass Sonea mit Rothen sensibel umgegangen ist? Falls nein: Woran könnte das eurer Meinung nach gelegen haben? Und was könnten die Gründe für Rothens Reaktion sein? Findet ihr sie begründet?

Was haltet ihr allgemein von Regin und Kayan auf dem Ball? (Es ist okay, falls ihr euch über sie aufregt ;) )
Bonuspunkte für alle, die erkennen, wovon ich mich in der ersten Szene der beiden habe inspirieren lassen.

Wie findet ihr Danyara bis jetzt in dieser Geschichte / auf ihrer Mission?
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