Ein Vampir kommt selten allein

GeschichteSci-Fi, Übernatürlich / P12
06.08.2019
06.08.2019
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Okay, Neuer, hier sind deine Sachen, verleg sie nicht, ja?"

Der Vampir schmiss eine grosse grüne Tasche in Gloms Arme, die er gerade noch so auffangen konnte. Sie war weich und hart und glühend heiss an manchen Stellen. Er schlang sie über seine Schulter. Das grün erinnerte ihn an seine Zeit im Militär auf die er mit seinem sehnsüchtigen Seufzer, welcher eigentlich ausschliesslich alte Männer benutzen dürfen wann immer sie an ihre verlorene Jugendliebe Nachbarhaus mit den blonden Zöpfen denken ("Ihr Name war Anna und sie backte die besten Brote doch als die Pest kam konnten die sie auch nicht mehr retten." "Opa du bist siebzig in deiner Jugend gab es noch gar keine Pest" "Halt die Schnauze, Jimmy."), zurückblicken dürfen. Klar, es war ein kleines bis mittel grosses Blutbad gewesen aber sein Meister hatte ihm versichert, der Heisshunger zu Beginn wäre ganz normal. Seine Kollegen aus der Einheit fehlten ihm jetzt schon, auch wenn er diese Wehmut mit jedem Tröpfchen Blut welches er verdaute, verlor. Genauso wie seine Erinnerungen an seine Verwandlungen verschwanden sie im Ether einer unbekannten Dimension.

Nun lief Glom durch einen Tunnel der seiner zweiten Mission im Dienst nicht ganz unähnlich war. Tropfsteine drohten ihm einige Male eins auszuwischen, von der Decke und vom Boden, und erzielten dabei auch eine positive Erfolgsquote. Bald würde Glom herausfinden, ob Blutgerinnung bei Vampiren stattfindet.

Sein Begleiter war ein mittelgrosser männlicher Vampir. Glom hatte gestaunt, als er ihn das erste mal gesehen hatte und jetzt, fünf Minuten später, staunte er immer noch. Der Untote sah aus wie ein Halloweenkostüm. Seine Haare waren schwarz wie die die künstliche Farbe die sie auf Perücken klatschen und Mitternachtsschwärze nennen. Die Strähnen hatten durchaus was von Plastik und hätten wahrscheinlich nach hinten gebürstet sein sollen, dies war jedoch nicht sehr gelungen. In einer gewissen Revolution des achtzehnten Jahrhunderts hätte man sein Gesicht einem Blick gewürdigt und ihn ohne zögern einen Kopf kürzer gemacht, so gepudert war es. Mit jedem weiteren Blick, den er ihm zuwarf, meinte er ein bisschen mehr, den Umhang, die Bluse, die Hose, die Schuhe und einfach alles an ihm im Supermarkt erst letzte Woche gesehen zu haben. Mit Überraschung stellte er jedoch fest das ihm jedes Kleidungsstück wie angegossen passte, was bei Supermarktqualität normalerweise nicht der Fall war. Glom bezweifelte stark dass der ältere Vampir in einen Supermarkt gegangen war, die Vorstellung empfand er aber als äusserst drollig.

"Mein Name ist Tim und ich werde dir heute unsere sargtastische Fakultät ein wenig vorstellen", der Vampir verbog sich minimal was Glom genügen Zeit gab, sein Gesicht zu verziehen. In seiner Einheit hätten sie sich schlapp gelacht über solche Wortspiele. Er hätte ihn ordentlich mit der Macht der Worte niedergemacht.

Stattdessen sagte er: "Tim? Ich dachte hier hätten alle so Namen wie Nero und Caligula." (Glom hatte jede Geschichtsstunde geschwänzt. Sie waren seiner Zeit nicht würdig gewesen da er "Im Jetzt und Hier lebt, Alter. Wer weiss ob's ein Morgen gibt und das Gestern ist wahrscheinlich eh nur 'ne Illusion. Jetzt gib uns unser Gras zurück, kapisch?")
Tim kicherte. "Ach Svlad, er kann's einfach nicht lassen", trällerte er. Wäre Glom auch nur ein Bruchstück des Vampirs, der ihm sein Blut gab, bevor er ihm überhaupt sein Blut gab, geblieben, hätte er nicht so verdutzt reingeschaut. (Glom fand lediglich das Nero und Caligula total dunkel und cool klangen, hatte sich aber nie näher Gedanken darüber gemacht.) "Oh hey! Da ist Tom!"

Sie hatten ein ganzes Stück des Weges hinter sich gelassen und standen nun vor einem sich öffnenden Lift aus dem, stellte Glom verwundert fest, eine andere Supermarkt-Gestalt auftauchte. Nur dieses Mal in der Wilden Westen Version.
Tim winkte wie wild und stellte seinen Schützling vor.

"Heya, bist jetzt auch Teil vom Club" (er spuckte das Wort aus wie Kautabak. Gut während man ihn zwischen den Zähnen hat, grausig sobald man ihn auf dem Boden sieht und die ganze Sauerei um die Lippen hat.) "Ich war auch mal der Neue, ich helfe beim rumführen", er klang als hätte er etwas grösseres im Mund als nur seine Fangzähne, ab und an konnte man eine braune Masse in seinem Mund sehen.

Tim schob den Neuen vor sich in den Lift und drückte auf eine Zahl. Insgesamt besass die Liste über hundert Ziffern und Glom begann sich ernsthaft Gedanken zu machen, wieso der Berg noch nicht eingestürzt war. "Pass auf bei Tom", flüsterte Tim überaus laut. "Man gibt ihm den kleinen Finger und er beisst gleich die ganze Hand ab!"

"Das lass ich dir durchgehen, Tim", sagte Tom. "Aber nur, weil der verdammt gut war", sie prusteten beide los und Glom betete zu einer höheren Macht dass nicht alle Vampire so waren.

Einige überaus einfallslose Sprüche später erklang eine Glocke im Aufzug und sie kamen zu einem Stillstand.

Die Türen gingen beiseite und vor ihnen tat sich ein Labyrinth aus Gängen und Türen auf. Die Wände waren rot gestrichen und der Boden bestand aus schicken, lackierten Holzbrettern. Die Türen waren in einem regelmässigen Abstand verteilt und durchbrochen die Ordnung einzig durch ihr individuelles Baumaterial. Jede Tür trug ein Nummernschild das golden glänzte im Schein der elektrischen Kronleuchter die von der hohen Decke hingen. Der Grund für die hohen Räumlichkeiten war die Fledermausstrasse die genauso gut besetzt war wie die darunter. Das Flattern von hunderten von Fledermäusen machte dem Geschnatter der Vampire ordentlich Konkurrenz in Sachen Lautstärke.

Einige vorbeiziehende Vampire hielten Ordner, Blätter, Laptops, Tablets, Pergamentrollen oder Kreidetafeln in den Händen, manche waren sogar tief in ein Gespräch am Telefon versunken. Die meisten von ihnen trugen Anzüge aus den verschiedensten Zeitabschnitten (Die Kleidungsstile der verschiedenen Epochen hatte er dank des Fernsehens gelernt. Er konnte sie zwar nicht einer bestimmten Zeit zuordnen, aber das Grundwissen war vorhanden.), darunter auch Tunika mit dem kompliziertestem Kopfschmuck den Glom je zu Gesicht bekommen hatte. Nur wenige trugen gewöhnliche Strassenkleidungen und eine Minderheit lief mit zerschlissenen Gewändern aus dem neunzehnten Jahrhundert herum. Glom bemerkte etwas schockiert wie sich ein Vampir mit dem Handrücken über ihren blutigen Mund fuhr bevor sie um eine Ecke bog. Ein fremder Hunger machte sich in seinen Zehen- und Fingerspitzen breit und verteilte sich langsam im Rest seines Körpers. Die Flure waren in ein weiches Licht getaucht, Fenster gab es keine. Glom erinnerte sich an die unzähligen Male als er mit dem Bus in die grosse Stadt gefahren ist und in die Menschenmengen abgetaucht ist. Dasselbe Gefühl der Überforderung von zu vielen Leuten und zu vielem Trubel mit der angehängten Last dass er alles zu intensiv roch und hörte liess ihn erschaudern.

Eine Hand schob ihn freundlich in das Getümmel. "Du bist sicher in der Stimmung einen Happen zu essen, na?", sagte Tims weiche Stimme. Sie bogen links ab. "Wir werden dich an Jacques weitergeben."

"Der ist gerade von seiner Kreuzfahrt zurückgekehrt", meldete sich Tom zu Wort. Er hatte seine Daumen durch seinen Gürtel gefädelt und Glom wunderte sich, ob er diesen Halm vorhin schon im Mund hatte.

"Besargter wird dich in die Cafeteria einführen. Vielleicht gibt er dir sogar ein bisschen Vambier."

"Der war spitze, wie meine Zähne."

"Aber Leute, ihr habt mir doch noch gar nichts gezeigt!", Glom fühlte sich wie an seinem ersten Tag im Dienst. So viele Gänge, so viele Menschen und so viele Dinge, die er nicht verstand.

"Keine Angst, lass dich von ihm in dein Zimmer geleiten, wir kommen dann nochmal vorbei. Sei nett zu Jacques!", die beiden stellten ihn vor einer hölzernen Tür ab mit dem goldenen Nummernschild 427 welches oben von einem kleinen Krönchen geschmückt wurde.

Tim und Tom verschwanden langsam um die Ecke. "Beiss nicht die Hand, die dich füttert!", schrie Tim über seine Schulter. Tom krümmte sich vor lachen. Glom verdrehte die Augen. Von hinten sahen die beiden aus wie zwei Freunde an Halloween. Als sie bei ihm waren hatte er sich beinahe normal gefühlt mit seiner grünen Uniform, mittlerweile bekam er jedoch den Gedanken nicht mehr los, dass er hier nicht hingehörte. Die Vampirgesellschaft war ihm gänzlich fremd und er wusste weder wie man sich richtig unterhielt noch wie man sich verhielt oder anzog. Es war zum heulen. Aber Glom kannte seine Gedanken in- und auswendig, ob lebendig oder untot, und fokussierte sich auf den Türknauf vor sich. Auf das Hier und Jetzt. Er atmete tief durch und klopfte an die Tür.
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