Efnysien und Airmid

von Obsidiane
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Alecto Carrow Amycus Carrow Augustus Rookwood Poppy Pomfrey Sally-Anne Perks Thorfinn Rowle
05.08.2019
17.10.2020
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17.10.2020 3.631
 
Adfirmatio Incorrupta Inconcussaque

»Konnten Sie mir verzeihen, Perks?«
»Wie bitte?«
Fahrig fummelte Annie am Ärmel ihres Umhangs herum. Erst hatte sie die Ärmel hochgekrempelt, nun wollte sie sie wieder herunter ziehen, doch es ging nicht. Gemeinsam mit Madam Pomfrey stand sie auf dem Gang vor Anhörungssaal 7. Durch die geöffneten Türen strömten Hexen und Zauberer, gefolgt von fünf Richtern in talarähnlichen Roben.
»Das wollte ich sie schon letzte Woche fragen«, Madam Pomfrey streckte die Hände aus, um Annies Ärmel zu richten. Sie lächelte scheu. »Können Sie mittlerweile verstehen, warum ich Sie und Carrow voneinander getrennt habe?«
Annie presste die Lippen aufeinander und hielt ihr den Arm hin. »Ja, schon«, nuschelte sie schließlich. »Das heißt aber nicht, dass ich es gut finde. Ich schätze mal, Sie haben ihn an dem Tag ans Mungo's übergeben, an dem Sie auch mich weggeschickt haben?«
Madam Pomfrey nickte und zupfte Annies Ärmel über ihrem Handgelenk zurecht. »So, bitteschön. Perks, wegen letzter Woche … «
»Ja, Ma'am?«
»Danke, dass Sie für mich ausgesagt haben. Es muss Sie einiges an Überwindung gekostet haben. Und nachdem ich Sie so frech und feige rausgeschmissen hatte, hätte ich es verstanden, wenn Sie nicht erschienen wären.«
»Unsinn«, murmelte Annie. »Das kann ich Ihnen doch nicht antun. Nicht nach allem, was Sie für mich und meine Freunde getan haben.«
»Apropos … was ist denn in Boot gefahren? Hieronymus hat erzählt, er wäre nur ganz knapp an einer Geldbuße für Widerstand gegen Ministeriumsbeamte und Störung der Öffentlichen Ordnung vorbei gekommen.«
Annies Gesicht verdüsterte sich, sie zuckte mit den Schultern. »Er hasst Augustus und Amycus. Augustus wegen seines Auges, Amycus wegen des letzten Schuljahres.«
Madam Pomfrey schnappte nach Luft. »Augustus war für diese Kopfwunde verantwortlich?!«
»Das sagt zumindest Terry.«
Madam Pomfrey straffte sich. »Nun, Krieg ist Krieg. Aber ich muss ihn darauf ansprechen, wenn wir den heutigen Tag überstanden haben.«
Der stete Strom an Hexen und Zauberern ließ nach und endlich konnten Madam Pomfrey und Annie den Anhörungssaal betreten. Er war groß, viel größer als Anhörungssaal 3. Die wenigen Fenster zeigten heute einen regnerischen, düsteren Nachmittag und so verschwand die gewölbte, dunkel gestrichene Decke beinahe in Schwärze.
Silbrige Runenschriftzüge schimmerten von oben herab wie Sterne. Diese hier waren in anderen Sprachen, hauptsächlich Altenglisch und Altnordisch. Annie legte den Kopf in den Nacken und las einige davon, zumindest die wenigen Worte, die sie entziffern konnte.
Die Wände waren ausstaffiert mit einer Tribüne, die sich in einem riesigen Oval durch den ganzen Raum erstreckte. Etwa zwei Drittel der Tribüne waren dicht besetzt mit Hexen und Zauberern in denselben pflaumenfarbenen Roben, wie Frobisher sie getragen hatte, die gestickten, silbernen Ws auf ihrer Brust waren deutlich sichtbar.
Im Zentrum des Raumes, also an der niedrigsten Stelle, stand ein einsamer, schwerer Holzstuhl, dessen Armlehnen mit Ketten bestückt waren. Direkt vor dem Stuhl war ein Teil der Tribünenbänke durch ein breites Richterpult ersetzt worden.
Annie setzte sich mit Madam Pomfrey in den hinteren Teil des Raumes, sodass sie den Angeklagten dann schräg von hinten und den Richter von vorne sehen konnte.
»Sind Sie nervös, Perks?«
»Ein wenig. Aber es geht, Ma'am. Das Schlimmste war, dass ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Jetzt geht es. Ich werde mich zusammenreißen.«
Das war nicht alles. An diesem Morgen hatte Annie zwei Beruhigungstabletten aus dem Medizinschränkchen ihrer Eltern stibitzt und beide genommen, ehe sie nach Galway appariert war, um dort den Kamin ihrer Tante und ihres Onkels zu nutzen.
Daher war sie nicht gänzlich sicher, ob ihre Ruhe tatsächlich von einem gereiften Verständnis des Rechtsprozederes herrührte, oder von den Medikamenten.
»Was haben die im Mungo's mit Amycus gemacht?«
»Ihn beobachtet, soweit ich weiß. Da ich mich ebenfalls eines Verbrechens schuldig gemacht habe, hat Minister Shacklebolt angeordnet, die Verantwortung für den Patienten auf eine neutralere Person mit den entsprechenden Fachkenntnissen zu übertragen.«
Alle guten Vorsätze genügten nicht, um eine neutrale Stimmlage zu wahren, als sie fragte: »Geht es ihm gut? Wissen Sie irgendetwas von ihm?«
»Tut mir leid, ich kann Ihnen nichts sagen. Zuletzt habe ich ihn gesehen, als ich St John und ihn nach London geschickt habe.«
Annie senkte den Blick auf ihre Knie. An ihren Rippen spürte sie die Taschenuhr, die sie in eine Innentasche ihres Umhangs gesteckt hatte. Sie musste nicht erst darauf sehen, um zu wissen, dass es kurz nach vierzehn Uhr war. In einer halben Stunde würde der Prozess beginnen.
Das Zaubergamot war nicht vollständig erschienen – ein gutes Zeichen. Je weniger Mitglieder anwesend waren, desto weniger wichtig die verhandelte Rechtssache. Mindestens einer, höchstens sieben Richter waren für eine Verhandlung erforderlich; sie mussten als Richter vereidigt sein und mindestens den Rang eines Meisters im Zaubergamot innehaben. Einer davon leitete die Sitzung.
Annie spulte all diese Fakten immer wieder ab und beobachtete unterdessen, wie Gerichtsdiener in blauen Roben frische Federkiele, Tintenfässer und Pergament für den Protokollanten und die Richter herein brachten. Ihr Notizbuch mit dem gesammelten Wissen eines Monats intensiver Recherche zu magischem Recht hielt sie auf dem Schoß, doch sie sah nicht hinein.
Was sie jetzt noch nicht wusste, würde sie auch zum Zeitpunkt der Verhandlung nicht wissen. Allerdings hatte sie den Inhalt ihres Notizbuches auswendig gelernt. Die Situation hatte frappierende Ähnlichkeit mit der Vorbereitung auf ihre Prüfung – und Annie war zu fokussiert auf die Fakten, auf Amycus' Möglichkeiten und auf juristische Sachverhalte, um nervös zu sein.
Es ging hier nicht um sie. Sondern um Amycus. Und sie wollte verdammt sein, wenn sie ihre lächerliche Nervosität alles ruinieren lassen würde.
Nach und nach füllten sich die Publikumsbänke. Es waren nicht annähernd so viele Zeugen und Zuschauer wie bei Madam Pomfrey. Annie erkannte die drei Auroren Strout, McLaughlin und St John, und zu ihrer Überraschung auch Heilerin Strout, die breit lächelte, winkte und sich schließlich zu Madam Pomfrey und Annie setzte.
Sie plauderte mit Madam Pomfrey, doch Annie behielt den Eingang des Saals im Auge. Einige wenige Zauberer und Hexen kamen noch, allesamt sahen weniger wohlgesinnt aus als das Publikum bei Madam Pomfreys Verhandlung. Annie blieb beinahe das Herz stehen, als Terry, Michael und Anthony eintraten, gefolgt von einigen weiteren Hogwartsschülern.
Waren sie ebenfalls vorgeladen worden? Hatten sie einfach nur von dem Prozess erfahren und wollten zusehen?
Keiner von ihnen begrüßte Annie, doch Terry sah sie ausdruckslos über die Bänke hinweg an. Sie war froh, dass er sich so weit wie möglich von ihnen entfernt setzte.
Ein Richter trat ein. Ein Mann mit kurzgeschorenem, schlohweißem Haar und strengen Gesichtszügen. Ihm folgte eine hagere, hochgewachsene Frau, die Lippenstift und Lidschatten im selben Lila wie ihre Robe trug. Als die beiden sich bereits gesetzt hatten, erschien ein dritter. Ein Mann mittleren Alters mit dunklen Locken und warmen, braunen Augen. Lautstark begrüßte er ein paar Mitglieder des Gamots und bezog dann seinen Posten. Zuletzt tauchten noch zwei alte Männer auf, die sich ebenfalls ans Richterpult setzten.
Vier der Richter trugen silberne Amtsketten, einer eine goldene. Es war der mit dem strengen Gesicht. Er würde also die Sitzung leiten. Er zog eine Taschenuhr aus seinem Umhang, sah flüchtig darauf und ließ sie dann zuschnappen.
Seine Stimme, krächzend und kühl, hallte durch den Saal. »Bringen Sie ihn herein.«
Die zwei Ministeriumszauber, die an der Tür Aufstellung genommen hatten, nickten und verschwanden. Schlagartig verstummte jedes Gemurmel im Zaubergamot und auch im Publikum. Annie hielt die Luft an und stieß sie wieder aus, als Augustus Rookwood schwerfällig eintrat, gefolgt von den Ministeriumszauberern und zwei Auroren. Sein Holzbein war unter dem feinen, braunen Umhang nicht zu sehen, doch man hörte es bei jedem zweiten Schritt.
»Erheben Sie sich.«
Umhänge raschelten. Das Zaubergamot stand ebenfalls auf. Rookwood sah sich um, entdeckte Annie und Madam Pomfrey und zwinkerte letzterer zu. Er wirkte gepflegt, sein Umhang war sauber und einzig die feinen, silbrigen Fäden, die seine Handgelenke vor dem Körper fesselten, störten das Bild.
»Hiermit erkläre ich die Sitzung für eröffnet. Im vorliegenden Fall klagt das Zaubereiministerium gegen Augustus Rookwood. Tiberius Ogden führt das Verhör. Außerdem zu Richtern berufen sind Eleanor Fitzgerald, Islwyn Rhydderch, Edgar Starling und Pike Barracus.«
Die hagere Hexe, der brünette Zauberer und die beiden alten Männer neigten kurz die Köpfe.
»Der Kläger wird im Folgenden repräsentiert durch das Zaubergamot und die Richter. Der Angeklagte hat sich hier eingefunden, um nach freiem Willen und der Wahrheit entsprechend auszusagen?«
»Ja, das habe ich«, antwortete Rookwood.
Irgendwo in den Reihen des Zaubergamots schnaubte jemand abfällig.
»Sind Sie Augustus Rookwood, wohnhaft in der Coriander Fingerling Road 36, Waltham Forest, London?«
»Ganz recht.«
Ogden funkelte kurz in die Runde, ehe er knapp befahl: »Setzen Sie sich.«
Als Rookwood sich ungeschickt auf dem Anklagestuhl niederließ, schlangen sich die Ketten rasselnd um seine Unterarme. Rookwood verzog das Gesicht, sagte jedoch nichts.
»Augustus Rookwood, Sie sind des Hochverrates an der Britischen Zauberergemeinschaft nach § 80 angeklagt, außerdem wird Ihnen Ministeriumsverrat sowie Gefährdung der Äußeren Sicherheit und der Magischen Geheimhaltung in mehreren Fällen vorgeworfen. Sie werden beschuldigt, sich willentlich und im vollen Bewusstsein der moralischen und rechtlichen Unangemessenheit jenem Schwarzen Magier angeschlossen zu haben, der sich Lord Voldemort nannte. Sie werden beschuldigt, ein Todesser zu sein. Bestreiten Sie das?«
Annie umklammerte das Notizbuch in ihrem Schoß. Das war keine angemessene Vorgehensweise bei einem Verhör. Ein Punkt nach dem anderen musste abgearbeitet werden. Wenn Rookwood jetzt Ja sagte –
»Welchen der vorgebrachten Anklagepunkte meinen Sie, Ogden?«, fragte Rookwood entspannt.
»Bestreiten Sie, ein Todesser zu sein?«
»Ja.«
Wütende Stimmen erklangen. Annie hatte den Eindruck, dass Rookwood das Schauspiel genoss, doch auch sie zog die Augenbrauen zusammen. Worauf wollte er hinaus?
»Würden Sie das erläutern?«
»Aber gerne doch. Ja, ich habe dem Dunklen Lord gedient. Das ist wahr. Aber ich stehe nicht länger in seinem Dienst, folge keinen seiner Aspirationen und habe mich zeitlebens nie mit seiner Ideologie identifiziert.«
Ogden machte ein paar Notizen, während die hagere Hexe das Wort ergriff: »Mr Rookwood, wären Sie bereit, dem Zaubergamot Ihren linken Unterarm zu zeigen?«
»Och, wenn man mich so liebenswürdig bittet … Ich müsste nur ein wenig Spielraum mit diesen Fesseln bekommen.«
Fitzgerald nickte den Auroren zu, die von der Tür in die Mitte des Raumes kamen. Einer hielt seinen Zauberstab unablässig auf Rookwoods Brust gesichert, der andere legte seinen Stab auf die Fesseln, die daraufhin zu Boden rasselten. Er drehte Rookwoods Arm um und schob seinen Ärmel hoch.
»Woher kommt diese Narbe, Mr Rookwood?«
»Wenige Tage nach dem Ableben des Dunklen Lords hat sich das Mal entzündet und ist ausgeeitert. Nach dem fachkundigen Aussaugen des Eiters und einer magischen Heilung blieb diese Narben zurück.«
»Wer hat die Heilung vorgenommen?«, fragte Rhydderch.
»Die überaus fähige Madam Poppy Pomfrey.«  
»Sie können sich zurückziehen«, die Auroren gehorchten, aber nicht, ohne Rookwood erneut auf dem Stuhl zu fixieren. Ogden sortierte einige Pergamente vor sich. »Rookwood, Sie sagten, Sie hätten nie die Ansichten Voldemorts geteilt? Beherrschen Sie Okklumentik?«
»Ja und Ja.«
Ein weiterer Vermerk auf dem Pergament. Ogden wirkte verdrießlich, doch er setzte den Prozess ordnungsgemäß fort. Einen Punkt nach dem anderen arbeitete er ab, wobei er Rookwood und auch den Rest des Saales von Rookwoods Anklagepunkten unterrichtete:
Hochverrat nach § 81, Ministeriumsverrat nach § 94, Offenbarung von Ministeriumsgeheimnissen nach § 95, ministeriumsverräterische und friedensgefährdende Agententätigkeit nach § 98 und § 100, Verwahrungsbruch nach § 133 und außerdem noch Fraternisierung mit dem Feind und Beitritt Schwarzmagischer Organisationen.
Rookwood bekannte sich nach und nach zu allem schuldig und als Annie hoffte, endlich das Ende erreicht zu haben, hob sich eine zitternde Hand aus den Reihen des Zaubergamots. Ogden bemerkte es zunächst nicht, doch immer mehr Zuschauer, Rookwood selbst und endlich auch die Richter sahen zu der erhobenen Hand hinüber.
»Weasley, Sie haben eine Frage?«
Annie riss die Augen auf und beugte sich vor. Das war tatsächlich Percy Weasley. Der Freund der Vertrauensschülerin von Ravenclaw. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er im Ministerium arbeitete.
Percy Weasley war bleich. Als er sich die Hornbrille zurechtrückte, bebte seine Hand sichtlich. »Mr Rookwood ist, abgesehen von seinen anderen Verbrechen, auch des Schwerwiegenden Magiemissbrauchs mit Todesfolge schuldig.«
Ein scharfes Einatmen ging durch die Reihen des Zaubergamots. Ogden wirkte überrascht, jedoch nicht abgeneigt.
»Wie begründen Sie diese Anklage, Mr Weasley?«
Percy schluckte und sah auf Rookwood herunter. Seine Miene verzerrte sich unschön. »In der Nacht auf den zweiten Mai diesen Jahres war er an der Schlacht von Hogwarts beteiligt. Er tötete Fred Weasley.«
Rookwoods Augen wurden groß und sein Mund klappte auf. »So sieht man sich wieder, Weatherby«, sagte er schließlich, den Rücken steif aufgerichtet und das Gesicht leer und unbewegt. »Solltest du nicht in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit sitzen?«
»Das tut hier nichts zur Sache«, unterbrach Fitzgerald ihn. »Mr Rookwood, bestreiten Sie die Anklage?«
»Ja.«
Percy bebte am ganzen Körper. »Wie kannst du es wagen – «, zischte er kaum hörbar.
»Wissen Sie, wovon Weasley spricht?«
»Ja.«
»Schildern Sie uns den Vorfall.«  
Rookwood sah die Richter an. »Ich bin weder ein Duellant, noch ein Soldat, verehrte Richter, verehrte Richterin. In der Schlacht um Hogwarts ging es mir hauptsächlich darum, einen Fluchtweg zu finden und mich selbst zu verteidigen. Eine Duellantenrobe nach dem Stil der Todesser genügte, um mir eine große Zielscheibe auf den Rücken zu hexen. Im Verlauf der Schlacht musste ich eine Wand sprengen und – «
»Sie mussten?!«, unterbrach einer der alten Zauberer mit scharfer Stimme. »Wer hat Sie gezwungen? Wer hielt Ihnen den Zauberstab an die Brust?«
»Ich habe eine Wand gesprengt«, korrigierte Rookwood, »und durch die Explosion wurde scheinbar jemand getötet – das habe ich allerdings gerade erst erfahren. Bei der Sprengung der Wand ging es mir um die taktische Öffnung des Schlachtfeldes. Diese Vorgehensweise wurde mehrfach und an verschiedenen Stellen in der Schule angewandt. Es lag dabei nicht in meiner Absicht, jemandem damit das Leben zu nehmen.«
Schnauben und Gezischel aus den Reihen des Zaubergamots und vom Publikum. Terrys Gesicht hatte sich zu einer Grimasse verzogen und wären seine Blicke Flüche, so würde Rookwood spätestens jetzt tot zusammenbrechen.
»Es tut mir leid, dass Sie Ihren Bruder verloren haben«, wandte sich Rookwood nun direkt an Percy. »Aber ich kann ihn Ihnen nicht wiedergeben.«  
»Ich will Ihr Mitleid nicht!«, schnappte Percy und rückte sich fahrig die Brille zurecht. »Ich will Gerechtigkeit.«
Zustimmung wallte auf, sowohl vom Publikum als auch aus den Reihen des Zaubergamots.
»Ruhe im Saal«, befahl Ogden und aller Augen wandten sich wieder auf das Richterpult. »Rookwood, wenn Sie zur Kooperation bereit sind, weshalb haben Sie sich nicht gleich der Magischen Strafverfolgung gestellt?«
»Nun, mit Stehen hatte ich es zu der Zeit nicht so. Ich konnte nicht mal alleine aus dem Bett kommen. Am dritten Juni wurde mir das linke Bein abgenommen und durch dieses schicke Teil hier ersetzt.«
Er stieß seinen Unterschenkel gegen eines der Stuhlbeine. Ein hölzerner Aufprall war zu hören.
»Können Sie den Hergang beweisen?«
»Meinen Sie etwa, ich habe mir zum Spaß das Bein abschneiden lassen? Ja, ich kann einen Zeugen aufrufen. Zwei, um genau zu sein. Nein, eigentlich drei.«
»Wie viele Zeugen können Sie nun vorweisen?«
»Drei.«
»Die Namen?«
»Mister Eldridge Wolpers hat mir das Holzbein angepasst. Seine Werkstatt liegt in Stanmore. Dann natürlich die reizende Madam Poppy Pomfrey. Sie hat das Bein abgenommen. Und Miss Sally-Anne Perks hat den Verfall meiner Gesundheit miterlebt; sie hat meine Verfassung gesehen seit wenigen Stunden nachdem mich der Fluch getroffen hatte bis sich vor ein paar Wochen unsere Wege trennten.«
»Eldridge Wolpers, sind Sie anwesend?«
Stille. Annie war nicht die einzige, die suchend den Kopf drehte. Leises Getuschel und Gekicher brandete auf, doch niemand erhob sich.
»Poppy Pomfrey, sind Sie anwesend?«
Madam Pomfrey stand auf. »Ja, das bin ich.«
»Bezeugen Sie Mr Rookwoods Aussage?«
»Ja, das tue ich.«
»Setzen. Sally-Anne Perks, sind Sie anwesend?«
Annie stand auf. Ihre Knie zitterten, doch sie sah erhobenen Hauptes und mit entspannten Schultern zu Ogden hinüber, der ihren Blick stechend erwiderte. »Ja, das bin ich.«
»Bezeugen Sie Mr Rookwoods Aussage?«
»Ja, Sir, das tue ich.«
»Wissen Sie, von welchem Fluch Mr Rookwood spricht?«, Ogden verzog keine Miene, als Annie nickte. »Welcher Fluch war es?«
»Ein Nekros-Fluch.«
Das Getuschel schwoll an. Annie sah aus den Augenwinkeln Terrys finstere Miene und sie presste die Ellbogen an ihre Seiten, um zu verhindern, dass sie die Schultern hochzog. Percy Weasley nahm seine Brille ab und putzte sie mit dem Ärmel seines Umhangs, wobei ihm nicht auffiel, dass er am Bügel statt auf den Gläsern herum rieb.
»Sie dürfen sich setzen, Perks.«
Es folgten weitere Zeugen. Annie war überrascht, dass zwei Mädchen und ein Junge sich von den Bänken erhoben und berichteten, Rookwood habe ihnen in der Schlacht das Leben gerettet, als er sie bewusst weg von den Duellen gescheucht hatte. Nach weiteren Fragen und Antworten sowie einer ganzen Weile Stille, in der nur die drei Richter sich beratschlagten, wurde das Urteil verkündet. Der Reihe nach befragte Ogden das Zaubergamot, ob dieses Rookwood in den einzelnen Anklagepunkten für schuldig befand.
»Augustus Rookwood, das Zaubergamot hat Sie des Hochverrats für schuldig befunden.«
Jemand klatschte. Es klang grotesk und erstarb schnell.
»Das für Hochverrat vorgesehene Urteil beläuft sich auf sich auf eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in Azkaban.«
Gemurmel kam auf. Ein paar Mitglieder des Zaubergamots nickten, lächelten oder grinsten unverhohlen schadenfroh. Percy Weasley sackte zusammen. Sein Aufatmen war quer durch den Saal zu hören.
Rookwood allerdings war nicht im Geringsten bekümmert. Annie starrte ihn mit offenem Mund an, als er für einen Augenblick den Kopf senkte und ein Lächeln über sein Gesicht huschte.
Der jüngere Richter hob die Stimme: »Allerdings weiß das Zaubergamot zu würdigen, dass der Angeklagte weder Widerstand geleistet hat, noch vor Kontakt mit dem Aufklärungsteam um … um Voldemorts Machenschaften zurückgescheut ist.«
Die Stimmung im Saal schlug schneller um als die Laune eines Kniesels. Die zufriedenen Gesichter froren ein, das wohlwollende Getuschel verstummte.
»Das für Augustus Rookwood festgelegte Urteil beläuft sich auf dreiunddreißig Jahre Azkaban. Sollte Mr Rookwood das Ende seiner Strafe geistig gesund erleben, so hat er zeitlebens unter Auflagen und ministerialer Kontrolle zu stehen.«
Die hagere Frau wandte sich an Rookwood: »Es besteht jedoch die Möglichkeit«, erklärte sie, »eines Quellzeugnisses. Es wird Sie nicht von Ihrer Schuld oder der Strafe entbinden, jedoch die vom Zaubergamot auferlegte Zeitspanne deutlich verringern.«
Empörte Zwischenrufe brandeten auf. Einige Mitglieder des Zaubergamots waren aufgesprungen und riefen wild durcheinander, sodass Ogden seinen Zauberstab zückte und damit auf sein Pult klopfte. Der Effekt war derselbe, als hätte er einen Holzhammer benutzt.
»Nimm an! Nimm an, du sturer, stolzer Vollidiot!«, hauchte Madam Pomfrey und hielt ihre Augen in Rookwoods Schläfe gebohrt, als wollte sie ihn unter einen Zauberbann bringen. Ihre Hände hatten sich in den Rock ihres Umhangs gekrallt.
»Ist ein Quellzeugnis dasselbe wie eine Adfirmatio Incorrupta Inconcussaque?«, fragte Annie.
Madam Pomfrey nickte.
Annie kaute auf ihrer Unterlippe. »Dann sollte er annehmen. Es ist seine einzige Chance.«
Madam Pomfrey nickte noch heftiger. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und war auf der Bank ganz nach vorne gerutscht. »Nimm an. Los. Worauf wartest du denn?!«, zischelte sie mit Blick auf Rookwood.
»Was ist mit den Auflagen und der ministerialen Kontrolle?«, rief jener über den Tumult hinweg.
Ogden antwortete: »Dieser Punkt steht nicht zur Verhandlung. Augustus Rookwood, nehmen Sie die Bedingungen an?«
Rookwood knirschte mit den Zähnen. Seine Schultern hatten sich verspannt und er stemmte sich kaum merklich gegen die Fesseln. »Ich kann also entscheiden, wo ich für den Rest meines Lebens gefangen bin – in meiner eigenen Wohnung oder in diesem Drecksloch von Gefängnis.«
»In der Tat«, Ogden sah mitleidslos auf ihn herab, während noch immer wütende Zwischenrufe durch den Saal tönten. »Und im Angesicht Ihrer Verbrechen ist das noch milde.«
Rookwood senkte den Kopf. Dann sah er auf. »Ich nehme an.«
Ogden nickte grimmig. Er hob den Zauberstab an seine Kehle und rief mit magisch verstärkter Stimme: »Die Verhandlung Zaubereiministerium gegen Augustus Rookwood ist geschlossen!«  

Madam Pomfrey war als erste auf den Beinen. Sie raffte ihre Röcke und eilte in die Mitte des Anhörungssaals, wo sie auf Rookwood einredete. In der Menge von Zauberern und Hexen verlor Annie die beiden aus den Augen und sah sie erst wieder, als der Saum von Rookwoods Umhang durch die Tür wischte. Er war abgeführt worden von zwei Auroren und Madam Pomfrey war verschwunden.
Mehrere Mitglieder des Zaubergamots strömten aus dem Saal. Sie schüttelten die Köpfe und diskutierten hitzig miteinander. Zornige Gesichter und zornige Stimmen wechselten einander im Sekundentakt ab, während Annie den Ausgang im Blick behielt. Auch die Reihen des Publikums und der Zeugen leerten sich. Percy Weasley verließ den Saal mit hängendem Kopf. Seine Brille trug er in der einen Hand, mit der anderen wischte er sich immer wieder über die Augen.
Annie atmete tief durch. Gleich würde Amycus an der Reihe sein.
Seltsamerweise war sie kaum mehr nervös. Sie wusste, dass sie funktionieren würde, und dass sie jenseits dessen, was sie getan hatte, nichts weiter tun konnte.
Die Hogwartsschüler waren zurückgeblieben, ebenso die drei Auroren, die mit Madam Pomfrey und Annie in Ar Dhachaidh gewesen waren. Zwei der fünf Richter verließen den Saal, die drei verbliebenen waren Ogden, Fitzgerald und Rhydderch.
Die schwindende Zahl der Richter registrierte Annie mit Zuversicht, das schrumpfende Zaubergamot allerdings mit Unbehagen. Idealerweise sollte die Anzahl der Richter und der Abgeordneten des Zaubergamots proportional sein.
Ein einziger Richter in Kombination mit einen großen Gamot entwertete die Stimmen der einzelnen Mitglieder und konnte sogar das Zaubergamot selbst nutzlos machen, indem wenige oder parteiisch selektierte Abstimmungen zugelassen wurden. Viele Richter und ein mageres Zaubergamot machten es einfacher für die Richter, eine Mehrheit in Abstimmungen zu erzeugen.
Annie wandte den Blick zum Richterpult. Ogden sortierte die Pergamente vor sich, Fitzgerald sah mit verkniffenem Gesicht auf den Stuhl, wo eben noch Rookwood gesessen hatte, und Rhydderch war aufgestanden und plauderte mit einer hübschen Hexe.
Würden Sie fair sein? Ogden hatte bereits versucht, Rookwood mit einer unzulässig gestellten Frage zu überrumpeln. Wollte Annie denn ein faires Urteil? Oder hoffte sie einfach nur auf Gnade?
Erneut huschten Gerichtszauberer herein, füllten Tinte nach, legten frisch gespitzte Federkiele bereit und stellten den Richtern Wassergläser hin. Ein paar Mitglieder des Zaubergamots kehrten auf ihre Plätze zurück.
Amycus' alte Taschenuhr zeigte Punkt vier.
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