Efnysien und Airmid

von Obsidiane
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Alecto Carrow Amycus Carrow Augustus Rookwood Poppy Pomfrey Sally-Anne Perks Thorfinn Rowle
05.08.2019
23.05.2020
25
101.485
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23.05.2020 4.713
 
Myfanwy und der Bwca

Schreiend stürzte Annie nach unten, rannte aus dem Haus und erreichte Madam Pomfrey und die Männer gerade noch rechtzeitig, ehe sie disapparierten. Mit tränenerstickter, schriller Stimme berichtete sie von ihrem Fund und Madam Pomfrey zögerte keine Sekunde. Im Handumdrehen waren alle wieder im Haus und sie beugte sich über den leblosen Todesser, während Annie sich mit aufgerissenen Augen und zitternd an Amycus' Hand krallte.
Die Frage, die ihr auf den Lippen brannte, wollte und wollte einfach nicht gestellt werden. Es war albern, doch es kam ihr vor, als würde alleine das Aussprechen des Wortes die grausige Tatsache zur Vollendung bringen.
Amycus hatte einen Arm um ihre bebenden Schultern gelegt und drückte sie an seine Seite. Annie vergrub das Gesicht an seiner Brust und krallte sich heftig genug an seine Hand, um ihm die Finger zu brechen, doch er beschwerte sich nicht; obwohl ihre Fingernägel Abdrücke in seiner Haut hinterließen und ihre Hand in seiner nasskalt war.
Strout und McLaughlin standen bereits ebenfalls in der Tür, während Augustus als letzter die Treppe hinauf hinkte.
»Er muss nach London. Unverzüglich«, kühle, berechnende Professionalität erfüllte Madam Pomfreys Stimme und ihre ruhigen, strengen Augen lagen auf McLaughlin. »Heben Sie die Appariersicherung auf. Ich muss ihn ins Mungo's schaffen.«
Sie wandte sich ab und beschwor eine Trage herauf, um Rowle vorsichtig hinauf schweben zu lassen. Selbst seine nackten Füße hatten einen Blaustich. Ihr Zauberstab klopfte fest auf seinen Brustkorb, der sich daraufhin flach aber stetig hob und senkte.
McLaughlins Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen und er kaute auf seiner Zunge.
»Worauf warten Sie?«, fuhr Madam Pomfrey ihn an.
»Es ist ein erhebliches Sicherheitsrisiko und – «
Für einen Moment sah Madam Pomfrey aus, als wollte sie ihn anschreien, doch als sie ihn tatsächlich unterbrach, war ihre Stimme leise und scharf wie Glassplitter.
»Ich pfeife auf Ihre Sicherheitsbedenken«, zischte sie und rammte ihm ihren ausgestreckten Zeigefinger in die Brust, sodass der Auror zurück stolperte. »Es geht hier um das Leben eines Mitmenschen. Heben Sie die verfluchte Appariersicherung auf, oder ich mache es selbst.«
Die Auroren wechselten einen Blick, dann nickte McLaughlin knapp und alle drei hoben ihre Zauberstäbe. Sie vollführten eine wischende Bewegung und murmelten dieselbe Beschwörung wie aus einem Mund. Zu sehen war nichts, doch Madam Pomfrey schnaubte.
»Danke«, presste sie knapp hervor. »Das Leben aller Menschen ist heilig. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren. Perks, Sie gehen mit Carrow und St John nach Wales. Achten Sie darauf, dass er in einem Stück zurückkommt. Augustus!«
»Ja, Poppy?«
»Stell nichts an. Wenn dir irgendetwas in meiner Abwesenheit passiert, kriegst du es mit mir zu tun. Strout! Hierher, aber zackig. Sie kommen mit nach London.«  
Zu Annies Überraschung gehorchte die Aurorin anstandslos. Kaum, dass ihre Fingerspitzen die von Madam Pomfrey streiften, disapparierte die Krankenschwester mit ihr und Rowle. McLaughlin und St John richteten unverzüglich die Appariersicherung wieder ein, während Rookwood sich an Annie wandte.
»Meinst du, er kommt durch, Kleines?«
»I-Ich weiß nicht … er war so kalt … «
Amycus fluchte, strich Annie jedoch sanft über den Kopf. »Wie kann so was überhaupt sein? Heut Morgen war er doch noch in Ordnung. Wir zwei haben ihn gesehen.«
»Es ging ihm schon seit Tagen schlechter«, gab Annie leise zu bedenken. »Wir hätten ihn direkt verlegen sollen, als die Wärmeelixiere nicht mehr richtig angeschlagen sind.«
Rookwood schüttelte den Kopf. »Nein. Kleines, wenn der Fluch ihn nicht umbringt, dann die anderen Patienten. Oder sogar die Heiler.«
Amycus beschimpfte Rookwood übel, als Annie daraufhin zu weinen anfing und es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich weit genug beruhigt hatte, um aufzubrechen. Sie verabschiedeten sich in gedrückter Stimmung und St John übernahm das Apparieren.

Der ausgewiesene Apparierplatz im Y Ddraig Goch stellte sich als winzige Abstellkammer heraus. Als der quälende Druck des Apparierens von Annie abfiel und sie endlich nach Luft schnappen konnte, fand sie sich an Amycus' Brust gedrückt wieder und biss die Zähne zusammen, da St Johns Ellbogen sich in ihren Rücken bohrte.
»Ich hasse Apparieren«, knurrte Amycus und versuchte, sich umzudrehen, doch ein dumpfer Schlag und ein helles Klappern zeigte an, dass er nähere Bekanntschaft mit einem Regal voll leerer Glasflaschen gemacht hatte.
St John fand den Türknauf hinter seinem Rücken und trat als erster hinaus in den Gastraum des Pubs. Annie folgte, Amycus kam als letzter. Die Vorratskammer, in die sie appariert waren, lag hinter der Bar. Das erste, was sie sahen, waren ein gutes Dutzend Pint-Gläser, die fröhlich in und aus dem schaumigen Spülwasser hüpften und von einem karierten Geschirrtuch abgetrocknet wurden, ehe sie von selbst auf ihre Plätze im Hängeregal flogen.
Ein löchriger Lappen wischte lustlos über den Tresen, und die einzigen zwei Gäste schielten neugierig zu ihnen hinüber, unterbrachen jedoch nicht ihr Kartenspiel. Alte Männer waren es, mit gestutzten Vollbärten und schlammbespritzten, staubigen Kleidern.
Der Pub war urig und verwinkelt, die Inneneinrichtung aus dunklem Holz fraß beinahe vollständig das wenige Licht, das seinen Weg durch die kleinen Fenster fand. Das Y Ddraig Goch war kleiner und wirkte um ein vielfaches älter als das Drei Besen in Hogsmeade; doch es war nicht annähernd so deprimierend und schmutzig wie das Eberkopf.
»Ihr seid spät.«
Auf einem der Barhocker saß eine Hexe, die Ellbogen auf die Arbeitsfläche gestützt und den Zauberstab auf ein paar Würfel gerichtet, die über einem ledernen Würfelbecher schwebten. Einer ihrer Unterarme war bedeckt von Tattoos. Sie war rothaarig und stämmig, und trug einen dunkelgrünen, geschnürten Umhang mit tiefem Ausschnitt. Ihre moosgrünen Augen waren schwarz geschminkt und musterten der Reihe nach alle drei Neuankömmlinge. An Amycus blieb ihr Blick hängen. Sie grinste, ließ mit einem Zauberstabschnippen die Würfel zurück in ihren Würfelbecher springen und sprach ihn auf Walisisch an.
Er antwortete, stockte aber nach ein paar Worten, schüttelte dann den Kopf und sprach schneller weiter. Die fremde Hexe bleckte die Zähne zu einem noch breiteren Grinsen und fuhr sich mit der Zunge über die rot bemalten Lippen. Amycus knurrte.
Sein Unbehagen war spürbar, doch Annie hatte nicht die leiseste Ahnung, worüber die beiden redeten. Die andere Sprache hatte so gut wie gar nichts mit Englisch gemein, zumindest kam es ihr so vor. Nicht einmal einzelne Worte konnte sie verstehen. Amycus und die fremde Hexe allerdings sprachen schnell und fließend. Es klang hübsch. Amycus könnte ihr auch ein seitenlanges Zaubertrankrezept auf Walisisch vorlesen, und Annie würde klaglos zuhören.
Die fremde Hexe lächelte, sagte ein paar Worte und Amycus verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und redete auf sie ein. Plötzlich stockte er mitten im Satz, stolperte über ein paar Worte und die Hexe lachte. Sie zwinkerte ihm zu und wechselte dann ins Englische, den Blick demonstrativ auf Annie und St John gerichtet.
Ihr Englisch war nicht gut, und ihr Akzent war noch stärker als der von Amycus. »Wenn ihr zu Carrow seinem Haus wollt, müsst ihr weit laufen. Irgendwo zwischen den Bergen im Wald. Beim Llyn Crafant, sagt man. Südwesten von hier.«
»Danke, Mrs … ?«
»Ich bin Myfanwy.«
»Danke, Ma'am«, Annie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht.
»Ma'am?« Die Wirtin legte den Kopf in den Nacken, schüttelte ihre karottenrote Lockenmähne und lachte. Ihr Lachen war laut und offen, aber auch eine Spur kühl und rau. »Du bist eine Süße. Wie alt bist du, kleiner Kürbiskuchen?«
Schlagartig wurde Annie unwohl. Sie fühlte sich wie eine Maus, die von einer fetten, rotgetigerten Katze gebeten wurde, Männchen zu machen. Die Augen der Hexe huschten kurz zu Amycus, dann spitzte sie die blutroten Lippen zu einer gespielt gespannten Miene und sah Annie abwartend an.
»Ich … äh … bin zweiundzwanzig.«
»Sicher bist du das, Süße.«
Myfanwy grinste und sagte etwas auf Walisisch zu Amycus, doch der schnauzte sie nur an und ballte die Hände zu Fäusten. Er wechselte ins Englische und ruckte mit dem Kopf in Richtung Tür: »Los, gehn wir endlich. Will hier keine scheiß Wurzeln schlagen.«
Erleichtert folgte sie ihm aus dem Pub, St John hinter ihnen wie ein Schatten. Annie spürte Myfanwys Blick in ihrem Rücken, bis Amycus die Tür hinter ihnen zuknallte.
Von außen sah der Pub noch ursprünglicher aus als von innen. Die Wände waren aus rohem Stein aufgeschichtet und auf dem Torfdach wuchsen hohes Gras, Blumen und Unmengen an Moos. Eine efeuartige Pflanze mit scharlachrot geäderten, pfeilspitzenförmigen Blättern bedeckte den Großteil der Wände, und die Fenster schienen allein durch Magie freigehalten zu werden. Über der Tür hing ein hölzernes Schild, das einen feuerspeienden, roten Drachen und den Namen des Pubs zeigte.
Amycus sah sich suchend um. Der ausgetretene Pfad, der in sanftem Bogen zum Pub führte, ging in drei Richtungen. Einer verschwand im angrenzenden Wald, ein anderer führte schnurgerade die nächste Anhöhe hinauf, der letzte schlängelte sich durchs Gras und über eine marode aussehende Brücke bis zu einer asphaltierten Straße in der Ferne.
»Erkennst du das hier wieder?«
Amycus brummte unbestimmt. »Ne. Doch. Schon. Irgendwie. 'S kommt mir vor, als wär ich schon mal hier gewesen … aber 's alles neu. Keine scheiß Ahnung, wo ich hin soll.«
Annie zögerte, doch ihre Neugier gewann die Oberhand: »Wer ist die Hexe da im Pub?«
»Weiß nich«, nuschelte er hastig, ohne sie dabei anzusehen.
»Aber sie schien dich zu kennen. Ist sie eine alte Freundin von dir?«
»Ne, ich kenn sie nich. Nich mehr. Oder so.«
»Worüber habt ihr denn geredet?«
»Nix«, schnappte Amycus. »Gar nix. Hat mich angemacht, für was ich ihr Auroren und Kinder in den Pub schlepp. Ich hab ihr gesagt, sie soll 's Maul halten.«
Annie sagte nichts und biss sich auf die Lippen.
Ein paar Momente unangenehmen Schweigens verstrichen, ehe Amycus mit der Hand in Richtung des Waldes wedelte, hinter dem sich sanftgrüne Hügel auftürmten. »Gehn wir halt mal da lang.«
Der walisische Sommer präsentierte sich ihnen um einiges wärmer und milder als der schottische. Die Luft roch nach warmer Erde, frischem Gras und Kräutern. Alles um sie her leuchtete in einem kräftigen, saftigen Grün.
Mandy hatte Pflege magischer Geschöpfe auf UTZ-Niveau belegt und war an einem warmen Apriltag seit dem Frühstück bis nach dem Abendessen mit Professor Hagrid im Verbotenen Wald gewesen. Was Annie für den Beginn einer Gruselgeschichte gehalten hatte, wurde bald zu einem verträumten, schwärmerischen Bericht, der sich wie ein Märchen anhörte:
Hagrid hatte seine Klasse auf eine Lichtung tief im Wald geführt, nahe beim Wasser und umgeben von Trauerweiden und Pappeln mit herzförmigen Blättern. Die Schüler hatten flache Schalen mit Milch und Honig aufgestellt und gewartet – abends waren dann die Feen gekommen.
Mandys Worte und ihre Beschreibung der Lichtung drängten sich nun Annie auf und sie war sich sicher, dass wenn sie irgendeinmal Feen in freier Wildbahn sehen würde, dann wäre es wohl hier. Die friedlichen Hügel und das fruchtbare, grüne Land wirkten einladend und mysteriös zugleich.
Der Pfad, den sie eingeschlagen hatten, führte durch einen schattigen Wald, doch die Lichtfinger, die es bis zum Boden schafften, waren golden. Sie verwandelten das Moos in Smaragdteppiche.
Bereits nach wenigen Metern knöpfte Annie ihren Umhang auf, krempelte die Ärmel hoch und band sich ihre Haare zu einem hohen Pferdeschwanz. Trotzdem schwitzte sie.
Amycus ging voraus. Mehrmals blieb er stehen, sah sich suchend um und schnaubte. Seine Anspannung und Ungeduld flauten nur langsam ab, doch hin und wieder kam er an eine Stelle, wo sein Gesichtsausdruck sich schlagartig von Frustration in wehmütige Freude wandelte.
»Ich kenn das hier«, sagte er leise zu Annie, als sie das kleine Waldstück verließen und auf eine Straße traten. In der Ferne sahen sie Muggelwanderer mit großen Rucksäcken und Trekkingstöcken.
»Da. Alecto und ich haben hier mal … «, er brach ab, schüttelte den Kopf. »Ich glaub, ich weiß, wo wir lang müssen.«
»Gut. Ähm … was ist eigentlich dieses Crafant-Dings, von dem die Hexe im Pub geredet hat?«
»Llyn Crafant. Llyn bedeutet See.«
»Ein See also«, murmelte Annie und sah sich um.
Nichts war hier vertraut. Die großen Sträucher und Büsche, die moosbewachsenen Bäume. Alles wirkte unberührt und ursprünglich. Kein Wunder, dass so viele Muggeltouristen hier unterwegs waren. Für die armen, gestressten Stadtmenschen bot ein Naturparadies wie dieses Ruhe und Erholung, fern ab von dem Dröhnen der Autos und Maschinen.
Annie war ein Kind der Küsten und liebte die See, doch auch sie war verzaubert von den Wäldern hier. Ihr Weg schlängelte sich auf und ab zwischen den Hügeln, über kleine Bäche und zwischen großen, alten Bäumen hindurch. Am schönsten waren aber die kleinen, weißen Blumen, die immer wieder am Wegesrand auftauchten.
Die Wege, die sie nahmen, waren keine Straßen im eigentlichen Sinne. Von Asphalt oder Pflastersteinen war keine Spur, doch die Wege waren mit Kies ausgestreut und übersät von großen, Steinen, die von Glimmer schillerten. Es waren Wanderwege, und zwei oder drei Mal kamen ihnen Muggel entgegen. Beim ersten Mal vermied Annie noch krampfhaft jeden Augenkontakt, beim zweiten Mal fiel ihr dann auf, dass die Muggel sie scheinbar gar nicht sehen konnten.
Sie warf einen Blick unter hochgezogenen Brauen zu St John, der nur knapp nickte. »Personenbezogene Muggelabwehr«, erklärte er leise.
Amycus schnaubte, sagte jedoch nichts dazu.
Sie liefen lange. Stunden, wenn Annie sich nicht stark irrte. Krampfhaft versuchte sie, ihre Gedanken auf den Weg zu richten, auf Amycus, auf St John, auf alles, nur nicht auf Rowle. Hoffentlich ging es ihm gut. Zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Über ihnen zog die Sonne ihre Bahn und Annie bekam Durst. Ihre Füße taten weh und sie schwitzte in ihrem viel zu warmen Umhang. Amycus und St John musste es ähnlich gehen, aber sie beklagten sich nicht, und so hielt auch Annie den Mund.
Der Mittag verstrich und Amycus stapfte weiterhin ziellos durch die Landschaft. Immer wieder hielt er an, sah sich um, zuckte mit den Schultern und lief dann weiter. Der Weg, dem sie schon seit geraumer Zeit folgten, war kaum mehr als ein ausgetretener Trampelpfad. Amycus führte sie immer weiter ab von jeder Zivilisation, ohne dass das geringste Anzeichen eines Sees zu sehen wäre.
Sie gingen parallel zu einem Hang, links von ihnen der Hügelkamm, rechts der Abhang und an seinem Grund ein kleiner Bach. Mehrmals waren sie schon Viehgitter und Holzgatter passiert. Annie hatte an diesem einen Tag mehr Schafe gesehen als in all ihren achtzehn Jahren in Cornwall.
»Du hast dich verirrt, oder?«, murrte sie, als Amycus wieder stehen blieb. Sie spießte seinen Rücken mit Blicken auf.
»Ne. Ich weiß, wo wir sind.«
»Amycus«, ihre Stimme wurde beinahe so tief und rau wie seine, »wen interessieren zwei Galleonen? Gib einfach zu, dass wir uns verlaufen haben. Und dann finden wir irgendwie zurück. Oder apparieren zum Pub, damit wir zumindest was trinken können.«
»'S nich mehr weit.«
Annie stöhnte.
Anstatt zu antworten, wirbelte Amycus auf dem Absatz zu ihr herum, packte ihren Oberarm und schleifte sie mit sich um die nächste Biege. Annie schnappte nach Luft.
»Okay«, murmelte sie. »Du wusstest die ganze Zeit, wo wir sind.«  
Vor ihnen fiel das Gelände steil ab. Flecken von Grau, Grün und zartrosa blühende Sträucher breiteten sich vor ihnen zu einem Tal aus. Im Schoß der Berge lag ein langgestreckter See. Er war nicht annähernd so groß wie der Schwarze See von Hogwarts, doch sein Wasser war glatt wie Seide und die umliegenden Hänge spiegelten sich makellos darin. Das Ufer war gesäumt von Bäumen, die auch die angrenzenden Berge überzogen.
»Da müssen wir runter. 'S Haus ist irgendwo da«, Amycus deutete auf einen bewaldeten Hang.
Annie nickte nur.
Sie machten sich an den Abstieg und Annie beneidete die Muggeltouristen um ihre leichten Wandersachen und die praktischen Jacken, die man sich problemlos um die Hüfte binden konnte, wenn sie zu warm wurden. Es dauerte peinlich lange, ehe sie auf die Idee kam, ihren Umhang auszuziehen und zu schrumpfen, sodass sie ihn in ihre Hosentasche stopfen konnte.
Der Abstieg fiel Annie deutlich leichter, nun, da sie ein Ziel vor Augen hatte. Sie ging neben Amycus her, der eine undurchdringliche Miene aufgesetzt hatte. St John folgte ihnen in geringem Abstand.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Annie leise.
Amycus zuckte mit den Schultern. »'S komisch«, murmelte er, die Augen starr auf einen Punkt beim See gerichtet.
»Willst du umkehren? Du musst das hier nicht machen, wenn du nicht willst.«
»Red doch keinen Scheiß. Ne. Ich will schon … 's nur komisch … «
Annie schwieg eine Weile, während sie sich ihren Weg querfeldein bahnten. Amycus keuchte. Ihm musste schrecklich warm sein in seinem schweren, schwarzen Umhang, doch Annie hatte zu oft gesehen, wie Amycus' Schulten nach vorn rundeten, wenn er angespannt war.
»Amycus?«
»Anwesend.«
»Hast du Angst?«
»Ne! Wieso sollt ich?«, schnappte er eine Spur zu schnell.
Annie seufzte und griff nach seiner Hand, um sie kurz zu drücken. »Weil ich an deiner Stelle irgendwie Angst hätte. Aber gut, dass du mutiger bist als ich.«
Sie wollte ihre Hand zurückziehen, doch Amycus hielt sie fest. »Danke«, nuschelte er, als sie ans Ufer des Sees kamen. »Dass du da bist, mein ich.«
Annie lächelte ihn an und nickte stumm.
Sie gingen eine Weile am Seeufer entlang, Annie konnte ihre Augen nicht von dem klaren, stillen Wasser abwenden. Abgesehen von den Stimmen einiger Wasservögel war es still. Amycus hatte ihre Hand nicht losgelassen.
Sie schlugen sich durch das Unterholz und gelangten schließlich an eine kleine Mauer aus lose aufgeschichteten, moosigen Steinen. Auf ihrem Weg bisher hatten sie solche Mauern unzählige Male passiert, doch Annie wusste instinktiv, dass etwas daran nicht stimmte.
»Magie«, murmelte sie und sah fragend zu Amycus.
Er nickte. »Wir haben 's gefunden. Du schuldest mir zwei Galleonen.«
»Ich habe nur Kleingeld dabei. Du kriegst sie, wenn wir wieder in Schottland sind.«
»Was für Zauber sind das?«, fragte St John.
Amycus zuckte mit den Schultern. Der Auror trat vor, hob seinen Zauberstab und seine linke Hand. Er schloss die Augen und ein Luftzug streifte Annies Wange. Er sagte nichts, doch als er die Augen öffnete, verkündete er ohne jeden Zweifel in der Stimme:
»Grundlegende Muggelabwehr. Ein Unaufspürbarkeitszauber, der halbwegs was taugt, dazu ein paar fehlerhafte Banne … ich denke nicht, dass irgendetwas davon uns abhalten wird. Ziemlich stümperhafte magische Arbeit.« Er fing Amycus' Blick auf und lief rosa an. »Verzeihung«, murmelte er.
Amycus grunzte und stapfte los, Annie dicht auf seinen Fersen. St John folgte ihnen schweigend. Amycus führte sie ein ganzes Stück bergauf, und dann sahen sie es.
Das Haus war eingepfercht zwischen hohen Bäumen mit dichtem Blätterdach. Es kauerte in den Schatten, klein und heruntergekommen, mit einem Dach aus dunklem Schiefer und unverputzten Wänden. Ein Fenster war eingeschlagen, die Tür hing schief in den Angeln.
Amycus trat ungerührt darauf zu, doch Annie zögerte. St John nahm ihr die Entscheidung ab, indem er einen Arm ausstreckte und stumm den Kopf schüttelte. Insgeheim war sie froh über St Johns Eingreifen, denn sie hatte nie zuvor einen Ort gesehen, der so abweisend wirkte.
Eigentlich könnte es so idyllisch und einladend sein; durch seine urige Bauart und seine fantastische Lage mit Blick auf den See. Das Haus war altmodisch und klein, sicher, aber genau diese Art ruhigen Rückzugsortes suchte die gehobene Mittelschicht Englands, um für ein langes Wochenende den Stress des Alltags zu vergessen.
Annies Mutter liebte Urlaube auf dem Land, vor allem in den verschlafensten irischen Landnestern, die sie finden konnte. Seit Jahren wurden ihre geliebten Entspannungsferien immer teurer.
Das Haus der Familie Carrow war jedoch überzogen von einer Trauer und Hoffnungslosigkeit wie ein vergessenes Puppenhaus von Staub. Es wirkte nicht, als wäre es in den letzten zwei, drei Jahrzehnten überhaupt bewohnt gewesen.
Amycus war inzwischen am Haus angekommen und spähte hinein. Dann fluchte er laut. Er riss die ohnehin schon schief hängende Tür auf, deren Angeln gänzlich nachgaben. Mit einem Knall landete die Holztür hinter ihm auf der kurzen Steintreppe und Amycus verschwand im Innern des Hauses.
Für einen Moment blieb es still. Dann schepperte etwas, laut und blechern. Das anschließende Krachen war so laut, dass es alle Vögel im Umkreis aufscheuchte. Ohne auf den Auroren zu warten stürzte Annie Amycus nach, sprang die drei niedrigen Stufen hinauf und blieb stocksteif stehen.
Das Wohnzimmer war ein einziges Chaos. Von der niedrigen Decke und den geschwärzten Dachbalken hingen dichte, staubgraue Spinnweben. Die beiden lumpigen Haufen, die einmal Sofas gewesen sein mussten, waren zerfetzt und ihre flauschigen Eingeweide im ganzen Raum verteilt. Die offene Feuerstelle war schwarz wie von einer Explosion und das, was von den dunklen Holzmöbeln noch stand, wies tiefe, ausgefranste Krallenspuren auf, als hätte sich ein Tiger daran ausgetobt.
»Weg da!«
»Was?«
Amycus riss sie grob beiseite und der große, gusseiserne Topf, der auf ihren Kopf gezielt hatte, segelte stattdessen durch den nun leeren Türrahmen und kollidierte unter einem ohrenbetäubenden Klonk mit dem nächstbesten Baumstamm. Holz splitterte und der Topf fiel schwer zu Boden.
»Was ist denn das?!«
Die Kreatur war klein, etwa drei Fuß hoch, mit bösartigen gelben Augen und einem menschenähnlichen Körper. Es war nackt, abgesehen von einem Lendenschurz aus geflochtenen, gelbgetrockneten Gräsern. Seine rindenartige Haut spannte sich straff über den Knochen, von denen Schlüsselbeine, Rippen und Becken deutlich hervortraten. Die dürren Arme reichten ihm bis zu den knubbeligen Knien und waren am Ende mit drei langen, scharf aussehenden Krallen bestückt, die bereits ein neues Wurfgeschoss umklammerten: einen Stuhl.
»'N Bwca«, keuchte Amycus, »'n verfickt angepisster. Runter!«
Annie hatte kaum Zeit, erneut »Was?« zu japsen, ehe Amycus sie packte und sich mit ihr zu Boden warf.
Statt ihrer traf der Stuhl beinahe St John, der ihnen gefolgt war. Annie riss gerade noch rechtzeitig den Kopf herum, um aus den Augenwinkeln zu sehen, wie St John das Möbelstück mit einer einzigen peitschenden Bewegung seines Zauberstabes zu Staub zerfallen ließ.
Der Bwca keckerte und fauchte, wobei er seine spitzen, obsidianschwarzen Zähne zeigte. Blind grapschte er nach einem weiteren Gegenstand, der sich zum Werfen eignete.
»Amycus, was ist das?!«, wiederholte Annie schrill, während er von ihr herunter rollte und sich aufrappelte. Annie kam auf die Knie und zückte fahrig ihren Zauberstab.
»Die scheiß Engländer haben Hauselfen, wir haben diese Drecksviecher«, Amycus fluchte und schrie den Bwca auf Walisisch an, doch das Wesen antwortete ihm nicht weniger wütend. Seine Stimme war rau wie Schotter und tiefer, als es so einem kleinen Körper zuzutrauen wäre.
Der Bwca schüttelte seine zur Faust gekrümmten Krallen, ehe er einen alten Bilderrahmen mit gesprungenem Glas nach Amycus warf. St John reagierte blitzschnell, ließ den Rahmen in der Luft innehalten und dann sanft zu Boden schweben.
»Was hat er? Warum ist er so wütend?«
»Die werden halt sauer, wenn man sich nich um sie kümmert. HEY!«, rief Amycus und fuchtelte mit den Händen, als wolle er mit den Handflächen eine unsichtbare Scheibe sauber wischen.
Der Bwca ließ sein nächstes Wurfgeschoss, einen Schürhaken, lange genug sinken, um ihm zuzuhören. Amycus gestikulierte wild beim Sprechen und holte nicht einmal Luft. Ein einziges Wort konnte Annie aufschnappen: Alecto.
Was auch immer Amycus zu dem Bwca gesagt hatte, es trug nicht dazu bei, ihn zu beruhigen. Im Gegenteil. Aufjaulend packte der Bwca seine Waffe mit beiden Klauen und kam auf sie zu gestürmt. Er schwang den Schürhaken wie ein Schwert und plötzlich flammte rotes Licht durch den ganzen Raum. Einmal. Zweimal. Dreimal.
»Die sind immun!«, schrie Amycus und rettete sich mit einem Satz hinter eines der Sofas. Annie konnte nur mit offenem Mund starren, während der Bwca ihn durch das Wohnzimmer jagte, den Schürhaken schwenkend und fauchend. »Nimm 'n andern Zauber, du Vollidiot!«
St John tat wie geheißen. Die Luft um den Bwca krümmte sich und schlug Wellen, dann wurde sie trüb und die Bewegungen des Wesens wurden langsamer und langsamer, bis sie gänzlich aufhörten. Mit gebleckten Zähnen und erhobenem Schürhaken stand der Bwca mitten im Raum, ohne auch nur zu blinzeln.
»Na endlich«, schnaufte Amycus und kam hinter seiner Deckung, dem schief stehenden Esstisch, hervor. Er trat die Reste zweier Stühle aus dem Weg und beäugte den Bwca kritisch. Dann sah er zu Annie. »Alles in Ordnung mit dir?«
Sie nickte schwach. »Und mit dir?«
»Muss ja … «
»Diese Kreaturen halten sich walisische Zaubererfamilien als Hauselfen?«, vergewisserte sich St John und sah sich in dem völlig zerstörten Raum um.
»Nich so, wie du denkst«, Amycus wies auf die zerstörten Möbel, die eingeschlagenen Fenster. »Nich als Kindermädchen, Prügelknaben und Diener. Die leben mit uns, nich für uns. Keiner, der noch alle Kessel im Regal hat, würd 'n Bwca so behandeln wie die Engländer ihre Hauselfen.«  
Für einen Moment schwiegen sie. Amycus sah sich um, nahm jetzt erst das Ausmaß der Verwüstungen wahr. Er las den Bilderrahmen auf, den der Bwca vorhin nach ihm geworfen hatte, und sah mit ausdrucksloser Miene darauf herunter. Dann stellte er das Bild vorsichtig auf den Kaminsims und seufzte.
»'Ne Duellantin bist du echt nich«, meinte er schließlich mit Blick auf Annies Zauberstab, der unbenutzt in ihrer schweißnassen Hand hing.
»Sorry, ja«, murmelte Annie und steckte ihren Zauberstab zurück in die Tasche. »Ich bin nutzlos, wenn es brenzlig wird … Aber Sie haben erstklassig reagiert, St John. Vielen Dank.«
Der junge Auror starrte auf seine Schuhspitzen, nuschelte jedoch: »Keine Ursache, Miss Perks. Dafür bin ich ja da.«
»Wenn ich meinen Zauberstab noch hätt, wär ich auch mit der Lage fertig geworden«, sagte Amycus verschnupft.
»Klar. Aber was machen wir jetzt mit ihm? Er kann doch nicht einfach da stehen bleiben.«
»Der Zauber dürfte noch eine Weile aufhalten, Miss. Ich habe ihn so weit unter Kontrolle, dass Sie nichts befürchten müssen.«
Annie brummte. Selbst bewegungsunfähig bereitete der Bwca ihr noch mehr als genug Sorgen. Sie wandte sich an Amycus: »Was hast du eigentlich gesagt, dass er auf dich losgegangen ist?«  
Amycus verdrehte die Augen. »Erstmal hab ich ihm erklärt, wieso wir ihn nich füttern konnten. Weil Alecto … na ja … nich mehr da 's und ich mein Gedächtnis verloren hab. Dann wollt er, dass ich ihn freilass.«
»Und?«
»Na, dafür braucht man 'n Namen. Ich erinner mich aber nich an seinen beschissnen Namen.«
»Aber … er weiß ihn doch?«
»Schon. Kann ihn halt nich sagen. Nich absichtlich, zumindest. Wenn man sie austrickst, dir ihren Namen zu sagen, dann müssen sie bei dir bleiben, bis du sie beim Namen nennst und freilässt. Und wenn man sie mit genug Brot und Milch füttert, machen sie 'n paar Aufgaben im Haus und Garten«, Amycus sah zu der Kreatur hinüber, eine undeutbare Mischung aus Emotionen in seinem Mienenspiel.
Da erst wurde Annie klar, dass sie hier nicht nur irgendeinen hässlichen Waldwicht vor sich hatte, sondern das letzte Familienmitglied, das Amycus noch geblieben war. Sie trat an seine Seite und griff vorsichtig nach seiner Hand.
»Wer hat denn seinen Namen als erster erraten?«
»Weiß nich … meine Mutter oder mein Vater, denk ich mal. Er war da, als Alecto und ich noch klein waren.«  
»Und können wir ihn irgendwie beruhigen, auch ohne Magie?«
Amycus drückte ihre Hand, schnaubte aber. »Wohl kaum. Vielleicht nimmt er was zu fressen, wenn wir 's ihm hinstellen. Sieht ziemlich hungrig aus … «
»Und was fressen sie?«
»Was sie kriegen. Baumrinde, Gnome, kleine Vögel, Fische und Kaninchen … aber auch alles andere, eigentlich. Brot und Milch mögen sie halt besonders.«
»Nun, hier werden wir bestimmt nichts essbares finden. Aber wie wäre es, wenn ich zurück zum Pub appariere und etwas besorge? St John, können Sie ihn solange unter Kontrolle halten?«
Der Auror nickte. Amycus' Griff um ihre Hand verstärkte sich. »Willst du wirklich ganz allein gehen?«
»Ich appariere. Da bin ich in ein paar Minuten wieder hier«, Annie gab sich Mühe, tapferer zu klingen als sie war. Der Gedanke, noch einmal ins Y Ddraigh Goch zurück zu kehren behagte ihr noch weniger als ihm, doch sie fühlte sich ohnehin schon wie ein Klotz am Bein. »Ich bin schon groß, Amycus.«
Er brummte. Annie sah bittend zu St John. »Unterstützen Sie mich.«
Der Auror stotterte. »Nun … wenn Sie nicht direkt wieder die Heimreise antreten wollen, werde ich entweder permanent den Zeitzauber erneuern müssen, oder die Kreatur anderweitig unschädlich machen.«
»Töten also?«, Amycus musterte den Bwca, sowohl Kummer als auch Widerwille waren ihm deutlich anzusehen.
»Nein!«, Annie sah hektisch von einem Mann zum anderen. »Wir können ihn doch nicht einfach töten, nur weil er uns lästig ist! Auf gar keinen Fall. Ich gehe zurück, hole ein bisschen was zu Essen für den Bwca und auch was für uns, wenn ich schon mal dabei bin. In fünf Minuten bin ich zurück.«
St John gab nickend seine Einwilligung. Amycus seufzte abgrundtief und zog sie an sich. Sie schlang ihrerseits die Arme um seine Mitte.
»Pass auf dich auf«, murmelte er in ihr Haar.
»Immer doch. Und du auf dich.«
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