Efnysien und Airmid

von Obsidiane
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Alecto Carrow Amycus Carrow Augustus Rookwood Poppy Pomfrey Sally-Anne Perks Thorfinn Rowle
05.08.2019
09.11.2019
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Die ministeriale Akte von Mr Amycus Carrow

Der Hauptturm war noch immer beschädigt: ein großes Stück fehlte, der abgerundete Schaden ließ Annie an ein gigantisches Tier denken, das einen Bissen aus dem Mauerwerk genommen hatte.
Gerade einmal vier Tage war sie fort gewesen, doch es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Tante Siobhan und Onkel Ray hatten Annie bei dem Gespräch mit ihren Eltern unterstützt. Obwohl Begriffe wie Todesser und Krieg vermieden worden waren, hatten sich Tommy und Mairead Perks nur widerstrebend von ihrer einzigen Tochter verabschiedet.
Annie hatte versprechen müssen, ihnen jede Woche zu schreiben. Mindestens. Auch Siobhan und Ray wollten auf dem Laufenden gehalten werden.
Ihre größte Sorge war vorerst Madam Pomfreys Reaktion. Siobhan hatte zwar gemeint, dass in der Hinsicht gar kein Grund zur Sorge bestand – die Krankenschwester sei sehr verständnisvoll gewesen und würde Annie mit offenen Armen wieder aufnehmen, hatten Tante und Onkel ihr versichert. Aber sollte es tatsächlich so einfach sein?
Auch dem Wiedersehen mit den Männern sah Annie voller Unbehagen entgegen. Wussten sie, weshalb Annie die Flucht ergriffen hatte? Sicher verurteilten sie sie für ihre Feigheit. Was, wenn sie am Ende gar nicht mehr von ihr behandelt werden wollte? Humorlos lächelnd dachte Annie, dass zumindest Rowle sich nicht beschweren würde.
Allerdings: was, wenn er in der Zwischenzeit aufgewacht war? Hatte Madam Pomfrey Rookwoods Bein heilen können? Und hatte Amycus sich mittlerweile an irgendetwas erinnert?
Je näher Annie dem schmiedeeisernen Gitter kam, das von zwei geflügelten Ebern auf mannshohen Steinsockeln bewacht wurde, desto schwerer wurde es, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ihr Brustkorb zog sich zusammen und ihr Herz schlug schneller. Für einen Moment erwog sie, einfach zurück hinunter ins Dorf zu laufen und von dort nach Hause zu apparieren. Im nächsten Augenblick schämte sie sich für den Gedanken.
»Es ist okay, Angst zu haben«, flüsterte sie und sah erneut zu der monströsen, schwarzen Silhouette des Schlosses auf. »Es ist okay. Es ist normal. Und ich steh das durch.«
Obwohl es peinlich war und sie sich albern vorkam, im Halbdunkeln zu stehen und mit sich selbst zu reden, half es enorm, diese Worte auszusprechen. Es war, als würde ihre Stimme allein die Tatsache erst zur Tatsache machen.
Annie straffte die Schultern und betrat das Schulgelände. Einzelne Schüler oder Pärchen hielten sich am Seeufer, bei Dumbledores Grab oder Hagrids Hütte auf. In der Ferne glaubte sie, ein paar kanariengelbe Flecken zu erkennen, die über dem Quidditchfeld umher sausten. Auf ihrem Weg durch die Eingangshalle und hinauf in den Krankenflügel begegnete sie niemandem, doch im Krankenflügel sah sie mehrere bekannte Gesichter.
Insgesamt hatte sich die Anzahl der Patienten verringert, aber nur geringfügig. Die Dorfbewohner aus Hogsmeade waren größtenteils fort, ebenso wie die anderen fremden Hexen und Zauberer. Dafür entdeckte Annie vermehrt ihre Mitschüler in den Betten. Einige waren offensichtlich verletzt, andere schwatzten mit Freunden in benachbarten Betten.
Sophie Montgomery, die Annie aus dem Zauberkunst-Club kannte, lag in einem Bett direkt vor Madam Pomfreys Büro. Sie schien allerdings weit, weit fort von allem auf dieser Welt zu sein. Sie hatte sich unter ihrer Decke zu einem schützenden Knäuel zusammengerollt und starrte mit glasigen Augen ins Leere. Ihre dick bandagierten Unterarme umklammerten das Kissen und sie rührte sich nicht.
Schaudernd klopfte Annie an die Tür zu Madam Pomfreys Büro. Sophies Apathie hatte sie ihre eigene Angst vergessen lassen, doch als Madam Pomfrey ihr öffnete und sie für einen Moment lang stumm und mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck musterte, wurde ihr übel.
»Sie sind wieder hier«, es sprach keine Feindseligkeit aus ihrer Stimme, doch Annie sah auf ihre Schuhspitzen hinab als hätte Madam Pomfrey sie angeschrien. »Wie war die Zeit bei ihren Eltern?«
»Ähm, ganz schön«, nuschelte Annie betreten und sah vorsichtig auf. »Madam Pomfrey, ich möchte mich entschuldigen. Es war nicht richtig, einfach so - «
»Kommen Sie erst einmal herein«, Madam Pomfrey trat zurück, sodass Annie durch den Spalt in der Tür schlüpfen konnte. »Und vergessen Sie das mit der Entschuldigung. Ich hatte nicht einen Moment geglaubt, dass Sie es ernst meinen mit dem Abgang.«
»Was? A-Aber wie?«
»Mädchen, Sie sind siebzehn und - «
»Achtzehn«, unterbrach Annie sie.
Warum sie auf einmal nicht mehr hinnehmen wollte, dass Madam Pomfrey ihr Alter falsch schätzte, wusste sie nicht. Natürlich war ihr klar, dass es ein jämmerlicher Einwand war: ob siebzehn oder achtzehn, das machte für die wesentlich ältere Hexe sicher keinen Unterschied. Dennoch fühlte es sich gut an, für sich selbst einzustehen.
Madam Pomfrey lachte leise und zog Annie in eine kurze Umarmung. »Dann sind Sie eben achtzehn, Perks. Nehmen Sie das nicht persönlich – Ihre Jugend ist kein Makel, auch wenn sich das vielleicht so anhört.«
Annie brummte unbestimmt.
»Jeder Heiler macht am Anfang Zweifel durch. Da sind Sie nicht die Erste und werden nicht die Letzte sein. Aber wenn Sie sich wieder gefangen haben, dann freue ich mich, weiter mit Ihnen zu arbeiten.«
»Ich habe mich wieder gefangen, ja. Meine Tante hat mir den Kopf gewaschen«, Annie bemühte sich um ein gelöstes Lächeln. »Sie lässt Sie übrigens grüßen.«
»Das hört man gern. Ein nettes Mädchen, Ihre Tante«, Madam Pomfrey deutete auf das Bett, das Annie zur Verfügung gestanden hatte. »Dort ist Ihre Uniform. Wenn Sie möchten, dürfen Sie gerne wieder hier wohnen.«
»Ja, bitte.«
Annie holte ihren Koffer und Horus' leeren Käfig aus der Jackentasche und ließ sie mit einem Schwung ihres Zauberstabs wieder auf die ursprüngliche Größe anwachsen. Sie zog sich rasch um und nickte dann zu der verschlossenen Tür hinüber. »Wie geht es ihnen?«, fragte sie mit gesenkter Stimme.
Madam Pomfrey folgte ihrem Blick mit ernster Miene. »Nicht gut. Rowle ist kurzzeitig aufgewacht, aber er ist immer noch nicht stabil. Die Wärmeelixiere schlagen nicht richtig an. Augustus geht es immer schlechter. Ohne schmerzstillende Tränke würde er vermutlich den ganzen Tag schreien.«
»Können Sie denn gar nichts dagegen tun?«
»Was meinen Sie denn, was ich versuche?«, Madam Pomfrey seufzte. »Diese Nekros-Flüche sind eine scheußliche Angelegenheit. Wussten Sie, dass es mehrere Versuche gab, den Nekros-Fluch zum vierten der Unverzeihlichen zu erklären?«
»Nein, Ma'am, ich wusste nur, dass es keinen direkten Gegenfluch gibt«, Annie hielt inne, Horus' Käfig schwebte reglos in der Luft. Sie hatte ihn magisch aufs Bücherregal stellen wollen. »Woran sind diese Versuche gescheitert?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Es gab diverse Begründungen. Er sei zu selten, nicht zwingend lebensbedrohlich, er könne abgewehrt werden … Alles Stuss, wenn Sie mich fragen. Aber genug davon. Möchten Sie sich denn gar nicht nach unserem dritten Patienten erkundigen?«
Annie ließ den Eulenkäfig mit größter Sorgfalt auf das Regal schweben. »Doch, natürlich«, meinte sie betont entspannt. »Wie geht es Prof- Amycus?«
»Den Umständen entsprechend gut. Vor zwei Tagen hatte ich allerdings das Pech, seine andere Seite kennen zu lernen«, Madam Pomfrey verzog kaum merklich das Gesicht. »Ich war gezwungen, ihn ruhig zu stellen. Jedenfalls weiß ich nun, was Sie meinten; Es ist nicht nur sein Gedächtnis, sondern die ganze Persönlichkeit.«
»Was hat den, äh … nennen wir es Rückfall …. denn ausgelöst?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht können Sie da ja mehr herausfinden, Perks.«
»Ähm, ja, in Ordnung. Ich werde es versuchen«, Annie konnte sich nun wirklich nicht länger damit beschäftigen, den Eulenkäfig hin und her zu schieben. Sie war sich vollauf der Tatsache bewusst, dass sich auf ihrem Gesicht all das widerspiegelte, was sie zu verdrängen oder zumindest zu beherrschen versuchte.
»Haben Sie keine Angst, Mädchen«, Madam Pomfrey nahm sie ein weiteres Mal in die Arme, und Annie kam nicht umhin, sich zu fragen, ob die Krankenschwester Kinder hatte. Sie wäre sicherlich eine wundervolle Mutter gewesen. »Ich passe auf Sie auf. Und Augustus ist auch noch da. Was Carrow angeht … Ich begreife jetzt, was Sie da vor ein paar Tagen gesagt haben. Er würde Ihnen nichts tun.«
»Wie bitte?«
»Das waren Ihre Worte. Er würde Ihnen nichts tun. Zumindest nicht, solange er weiterhin ohne Erinnerungen bleibt.«
Annie sah sie mit großen Augen an. Madam Pomfrey seufzte.
»Er vermisst Sie«, sagte sie mit einem Lächeln, das Annie nicht ganz einordnen konnte. »Seit Sie gegangen sind, fragt er mindestens zweimal täglich nach Ihnen. Man könnte meinen, Sie beide wären gute Freunde.«
»Sind wir nicht!«
»Perks, das war kein Vorwurf. Ein gutes Verhältnis zu den Patienten ist immer wünschenswert. Jedenfalls ist es besser als wenn Sie einander verabscheuen …. Wo ist er denn … «, sie kramte in einer Schublade ihres Schreibtisches und zeigte Annie dann einen Brief mit violettem Wachssiegel, in das ein großes M geprägt war. »Hier. Der ist gestern gekommen. Aber ich denke, Sie sollten ihn Mr Carrow geben.«
»Äh, was? Warum ich? Und wann?«
»Am besten jetzt gleich«, Madam Pomfrey drückte ihr den Brief in die Hand und schob Annie resolut in Richtung der Tür. »Los, gehen Sie schon. Augustus und Carrow werden sich freuen. Sie können außerdem gleich noch Mr Rowles Herzschlag abhören.«
»Aber - «
»Kein Aber, Perks. Das ist Ihre erste und einzige Aufgabe für heute.«
Insgeheim hatte Annie gehofft, sich noch ein wenig zieren zu können. Nun spürte sie, wie ihre Hände schwitzig wurden und ihr Puls anstieg. Es ist okay, sagte sie sich im Stillen, es ist okay. Dennoch wollte ihre Hand auf der Klinke sich nicht bewegen.
Madam Pomfrey legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie. »Na los. Die werden Sie schon nicht beißen.«
Mit einem letzten gequälten Lächeln öffnete sie die Tür und stockte. Alle drei Männer waren in ihren Betten; Ein Umstand, der Annie verwirrt von einem zum anderen blicken ließ. Meistens war zumindest Amycus eher auf dem Stuhl neben seinem Bett oder dem Rookwoods zu finden.
Doch auch von seinem Bett aus war er der Erste, der ihre Anwesenheit bemerkte, und sein ganzes Gesicht hellte sich auf. Erneut war da wieder dieses Jungenhafte, dieses Freudige an ihm, das ihn nicht nur zehn Jahre jünger, sondern auch deutlich besser aussehen ließ.
»Annie!«
Rookwood sah auf, und Annies Hand flog vor ihren Mund, als sie sein Gesicht erblickte.
»Hey Kleines«, krächzte er. Seine Lippen waren trocken und gesprungen, seine Haut hatte einen wächsernen Ton angenommen und die grau melierten Locken klebten ihm an der schweißnassen Stirn. »Hab mich schon gefragt, ob du tatsächlich abgehauen bist.«
»Hallo«, sagte Annie nachdem sie endlich ihren ersten Schock überwunden hatte. »Nein, ich … ich brauchte nur ein wenig Zeit für mich selbst. Augustus, Sie sehen ja furchtbar aus … «
»Danke, Kleines!«, das Grinsen ließ sein Gesicht aussehen wie einen Totenschädel – seine Wangen waren hohl geworden und die Augen lagen in dunklen Schatten. »Du bist aber auch ein ziemlich süßer Zimt- und Zuckertopf.«
Annies Gesicht wurde unangenehm heiß und sie wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. »Sie wissen nicht mehr, was Sie da reden«, nuschelte sie weitaus weniger brüsk als sie geplant hatte. Dennoch nährte sie sich Rookwood langsam. »Madam Pomfrey meinte, es wäre schlimmer geworden mit dem Bein?«
»Willst du mal sehen? Es ist echt eklig … echt eklig … «, gluckste er und grinste noch breiter.
Hilfesuchend sah Annie zu Amycus. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit Rookwood, und es war nicht sein Bein.
»Die Tränke haben ihm das Hirn vernebelt«, knurrte Amycus abfällig. »Sind so stark, dass er sich nich mehr im Griff hat. Muss mir seinen Scheiß schon die ganze Zeit anhören. 'S zum Kotzen.«
Annie setzte sich neben Rookwood und zückte ihren Zauberstab. Nach einem versichernden »Darf ich?« schlug sie seine Bettedecke zurück und schnitt mit dem Zauberstab seine Pyjamahose auf.
Seine bleiche Haut bekam am Knie leichte, rötliche Flecken, die sich, je weiter man sich der Hüfte näherte, zu einer durchgehenden Entzündung wurden. Im Zentrum dieser Entzündung saß eine etwa handtellergroße Fläche, die dunkelrot und stellenweise violett angelaufen war. Ein etwa daumennagelgroßer, schwarzer Fleck grinste ihr entgegen, von dem aus sich feinste Verästelungen ausbreiteten. Die Adern in unmittelbarer Nähe des Fleckes waren dunkel wie der Fleck selbst.
Am schlimmsten war aber der Geruch. Annie hörte Amycus hinter sich, der unterdrückt würgte. Sie selbst hielt die Luft an, doch der Geruch war in Mund und Nase gekrochen und klebte dort. Der Gestank war grässlich, aber die Süße darin, das Verrottende, das Faulige, das war unerträglich.
Der Shepherd’s Pie, den ihre Mutter heute Mittag gekocht hatte, lag ihr auf einmal bleischwer im Magen. Speichel lief in Annies Mund zusammen und sie fühlte sich heiß und schwindlig.
Obwohl die Haut noch nicht aufgebrochen war, war es nicht schwer, sich vorzustellen, was darunter vor sich ging. Das Gewebe starb ab. Rookwood verfaulte bei lebendigem Leib.
Annie richtete den Pyjama mit einem Schwung ihres Zauberstabs und wandte sich ab. Sie konnte ihn nicht länger ansehen. Stattdessen ging sie mit wackligen Knien hinüber zu Amycus.
»Warum gehst du nicht einfach raus?«, fragte sie leise, um zumindest einen Rest an Taktgefühl gegenüber Rookwood zu wahren; auch wenn der weit davon entfernt schien, überhaupt Notiz von ihnen zu nehmen. »Ich glaube nicht, dass ich das hier aushalten könnte.«
»Würd ich ja gern«, er ruckte mit den Armen und Annie bemerkte die feinen, silbernen Fäden, die wie hauchdünne Seidenbänder aussahen, aber seine Handgelenke unnachgiebig ans Bettgestell gebunden hatten.
Annie riss die Augen auf. »Was – Wieso?!«
»Hmpf, hab Madam Pomfrey wohl Angst gemacht … «
Er mied akribisch ihren Blick, doch Rookwood gackerte umso lauter. »Ausgerastet isser! Nich wahr, Carrow? Ausgerastet!«
»Was ist denn passiert?«, wie zuvor bei Rookwood ließ sie sich auf harten Stuhl neben Amycus‘ Bett nieder. Sie ignorierte Rookwoods wirres Gemurmel und Gelächter, und beugte sich stattdessen vor, um in Amycus‘ Gesicht zu sehen. Er mied weiterhin ihren Blick.
»Keine Ahnung. Kann mich nich erinnern.«
»Na ja«, Annie bemühte sich um einen munteren Tonfall. »Immerhin ist nichts Ernsthaftes passiert. Du bist nicht verletzt und Madam Pomfrey geht es auch gut.«
Nun sah Amycus sie doch an. »Ich hass das!«, stieß er hervor, Bitterkeit sprach aus jeder Silbe. »Ich hass ‘s, nix mehr zu wissen.«
Annie setzte dazu an, nach seiner Hand zu greifen, doch überlegte es sich rasch anders. »Vielleicht kann ich ja helfen«, sie zückte ihren Zauberstab und löste seine Fesseln, dann zeigte sie ihm den Brief. Erkenntnis trat in seine Augen.
»Oh … gut. Aber sicher, dass du das darfst?«
Er machte eine unbestimmte Geste zu den silbernen Fäden, die sich gerade in Luft auflösten.
»Mir egal!«, das klang tapferer, als Annie sich fühlte. »Du bist nicht gefährlich. Und ich glaube, Augustus braucht ein wenig Zeit zum Abkühlen.«
Selbiger hatte mittlerweile zu singen begonnen, eine schwermütige Hymne über einen Zauberer namens Odo. Amycus folgte ihrem Blick mit derselben Mischung aus Amüsement und Fremdscham, die Annie gerade verspürte. Annie kontrollierte, ob sich auch niemand sonst in Madam Pomfreys Büro aufhielt, dann winkte sie Amycus zu sich.
Mit einem letzten Kopfschütteln in Rookwoods Richtung folgte er ihr aus dem Raum. »Süßer Zimt- und Zuckertopf, also echt jetzt«, knurrte er genervt und rieb sich über die Handgelenke, wo sich rote Striemen abzeichneten. »So ein verdammter … «, in einem Schnauben brach er ab.
Annie fand die ganze Sache, jetzt, da sie Augustus nicht mehr in die Augen sehen musste, eindeutig lustiger als noch zuvor. Ein Lächeln zupfte an ihren Lippen. »Das richtet eine Überdosis Schmerztrank im menschlichen Verstand eben an«, sie zuckte mit den Schultern.
Amycus starrte sie empört an. »Du findest das doch nich gut, oder?!«
»Nein, natürlich nicht«, perplex erwiderte sie seinen Blick. »Es ist grässlich, dass er diese Tränke braucht – es gibt ja aber nun mal keinen direkten Gegenzauber für das mit seinem Bein.«
Mit einem weiteren Schnauben winkte er ab und nickte dann zu dem Brief hinüber, den Annie noch immer in der Hand hielt. »‘S der vom Ministerium, nich?«
»Genau. Hier, mach ihn auf. Es geht ja schließlich um dich.«
Amycus nahm ihr den Umschlag ab und ging damit zum Fenster, durch das die rote Abendsonne herein fiel. Annie war sich nicht sicher, ob sie ihm folgen sollte – für den Fall, dass er diesen privaten Moment lieber allein verbringen wollte. Seine Hände zitterten und er hielt inne. Ein bittender Blick war alles, was Annie brauchte, um sich neben ihn zu stellen.
Amycus brach das Siegel und zog eine Mappe voller Pergamentbögen aus dem Umschlag, den er achtlos beiseite warf. »Was das alles für ‘n Scheiß?«
»Keine Ahnung, ich habe noch nie so eine Akte gesehen«, Annie wollte nicht zu neugierig sein, doch es juckte sie ebenfalls in den Fingern. »Fang doch einfach irgendwo an.«
Amcuy legte sich die Mappe so über den Arm, dass er deren Inhalt sichten konnte. Mit wachsender Irritation las er die Überschriften. »ZAG-Zeugnis? UTZ-Zeugnis? Abschließende Beurteilung durch Professor H. E. F. Slughorn?!«
»Die haben deine Schulzeugnisse beigelegt. Aber wieso das denn?«
Er knurrte. »Da fragst du ’n Falschen. Moment«, er hielt inne, faltete den größten Bogen auf und begann zu lesen. »Amycus Carrow. Keine Alias bekannt. Geboren am dreizehnten November 1966.« Geschockt starrte er Annie an. »Welches Jahr haben wir?«
»1998.«
»Zweiunddreißig«, Amycus verzog wütend das Gesicht. »Scheiße, bin ich alt!«
»Na ja … «
»Im Vergleich zu dir auf jeden Fall. Verdammt, ich könnt dein Vater sein. Scheiße!«
»Quatsch. Ich bin achtzehn, Daddy ist über fünfzig. Lisa Turpin hat eine große Schwester in deinem Alter. Außerdem bist du einunddreißig, nicht zweiunddreißig. Heute ist der vierzehnte Mai.«
»Scheiß doch aufs genaue Datum!«  
»Wieso regst du dich so auf?«
Er ignorierte ihren Einwand und auch ihre Frage und fluchte noch ein wenig vor sich hin, ehe er weiterlas. Nach und nach verschwand die Aufregung und hinterließ traurige Apathie.
»Ich hab scheinbar zwei Nichten vierten Grades oder so. Aber ‘s Feld unter Direkte Lebende Verwandte ‘s leer«, sagte er langsam und obwohl sein Gesicht kaum eine Regung zeigte, fühlte Annie, dass er litt.
»Sie werden die Akte wohl magisch aktuell halten, was das angeht«, murmelte Annie und fröstelte bei dem Gedanken, dass eines Tages irgendwo in einer Akte in den Tiefen der Ministeriumsarchive der Name Sally-Anne Perks oder Ray Sullivan verblassen würde. »Tut mir leid, Amycus.«
Insgeheim fragte sie sich, wie die plumpe, aggressive Alecto auf ihren Bruder reagiert hätte, wenn der sich plötzlich an nichts mehr erinnern konnte.
Es war schwierig, sich diese Frau als verständnisvoll und warmherzig auszumalen – jedoch hatte sie nie Anzeichen dafür gesehen, dass die Zwillinge einander nicht mochten. Im Gegenteil. Sie waren, abgesehen von ihren Unterrichtsstunden, kaum voneinander fernzuhalten gewesen.
»Ich konnt sie nich mal kennen lernen … «, er räusperte sich und blätterte weiter. »Amycus Carrow, bla bla bla, ministeriumsbekannter Wohnsitz in den Wäldern bei Capel-Curig, Wales. Du hattest recht, Annie. Ich bin aus Wales. Zumindest hab ich da gewohnt. Oder wohne da.«
»Was steht da sonst noch so? Ähm, entschuldige, ich wollte nicht neugierig sein.«
»‘S ja kein Verbrechen«, Amycus faltete das Pergament weiter auf. »Erkennungsmerkmale? Wofür sammelt das scheiß Ministerium so was?«
Annie begegnete seinem Blick ratlos. Ihr war es ebenfalls neu, dass so etwas existierte. Vielleicht galt diese Maßnahme nur für Todesser – doch sie hütete sich davor, das zu sagen.
»Was hast du denn für Erkennungsmerkmale?«, fragte sie, unfähig ihre Neugier weiter zu verbergen.
»Dunkles Mal am linken Arm eingebrannt (verm. Zeitraum: 1975-1979) – na, das stimmt schon mal nich mehr. Dank dir. Oh, und ich bin sechs Fuß und drei Zoll groß.«
Er hielt inne und sah auf Annie hinab, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Sie sah zu ihm hinauf. Seine vornübergebeugte, lauernde Haltung hatte es bisher immer gut versteckt, doch er war tatsächlich groß.
»Könnte hinkommen. Ich bin genau fünf Fuß groß, schau«, meinte Annie und trat kühn einen Schritt vor, sodass sie ihm beinahe auf die Zehen stieg. Ihre Nasenspitze kam auf derselben Höhe an wie das Ende seines Brustbeins.
Er sah auf sie hinab und Annie zog unwillkürlich die Schultern hoch. Eilig wich sie zurück und schluckte. Für einen Moment, da war es … sie konnte es nicht genau in Worte fassen. Ihr Herz pochte wie wild. Amycus hatte es ebenfalls bemerkt, denn er räusperte sich und glättete rasch die Pergamente vor sich, um weiter zu lesen.
»Mehrere Narben an Rücken und Händen«, murmelte er mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Graue Augen, schwarze Haare … «
Annie machte den Mund auf, um zu widersprechen, doch sie hielt inne, um sich zu fragen, warum es sie überhaupt kümmerte, ob seine Augen nun blaugrün oder grau waren. Den Leuten vom Ministerium war es scheinbar egal gewesen. Warum dann nicht auch ihr?
»Hier steht auch, was für ’n Zauberstab ich hab. Eibe, dreizehn Zoll, Drachenherzfaser, biegsam. Bin nich verheiratet, ein Glück. Blutstatus: Reinblütig. Beteiligt am Ersten Zaubererkrieg. Treuer Anhänger des Dunklen Lords, Mitglied des Inneren Kreises, ergebener Todesser.«
»Warte mal«, Annie trat neben ihn, die Stirn gerunzelt. »Das kann doch nicht stimmen. Der Erste Krieg hat ein paar Monate nach meiner Geburt aufgehört, im Oktober. Ich bin geboren im Januar 1981. Und du … geboren im November 1966? Du hattest nicht einmal deine ZAGs abgelegt«, die letzten Worte wurden zu einem Hauchen. Mit großen Augen sah sie zu Amycus auf. »Was hattest du im Krieg zu suchen?«
»Keine Ahnung. Gedächtnis verloren, weißt du nich mehr?«, knurrte er, doch er hielt inne, als er ihren Gesichtsausdruck sah. »Annie? Was ist?«
Ohne zu fragen schnappte sie ihm die Akte aus der Hand und blätterte darin.
»Abstammung, Abstammung … Sohn des Belenus Carrow und der Adicia Carrow, geborene Bulstrode. Älterer Bruder der Alecto Carrow, Zwillinge. Belenus Carrow, verstorben im Dienste des Unnennbaren am 16. August 1975. Leiche nie geborgen. Adicia Carrow, verstorben nach langer Krankheit am 28. Februar 1979. Beigesetzt in der Nähe des familiären Wohnsitzes.«
Fassungslos sah Annie zu ihm hinauf – er begegnete ihrem Blick verwirrt. Sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es Tränen waren, die ihr die Sicht verschleierten.
»Du warst neun als dein Vater starb. Mit dreizehn das Oberhaupt der Familie. Das Dunkle Mal«, sie sah auf die Akte hinab und schauderte. »Die vermuten, du hast es bekommen, nachdem dein Vater und bevor deine Mutter starb. Du warst irgendwas zwischen neun und dreizehn Jahre alt!«
Nun schien er zu begreifen und er nahm Annie die Pergamente ab, um ebenfalls die Daten abzugleichen. Annie tupfte sich mit dem Ärmel die Augen ab und sah Amycus an.
Ihr Geist spann schreckliche Bilder einer verlorenen Kindheit.
»Zum Glück kann ich mich nich erinnern«, murmelte er, den Blick noch immer auf die Pergamente geheftet. »Scheiße, was ‘n Elend. Was das hier? Handgeschrieben: Hat nie nach dem Dunklen Lord gesucht nach dessen Fall … ‘81 ist er verschwunden, oder?«
Seine Wut erschreckte Annie, doch sie nickte hastig.
»Na, wie sollt ich diesen Hurensohn auch suchen?! Vierzehn Jahre alt, kein Schulabschluss und ‘ne kleine Schwester zu versorgen«, fluchend klatschte Amycus die Papiere auf den Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Finster starrte er die gerötete Narbe an seinem Arm an. »Danke, dass du mir dieses Scheißding aus der Haut entfernt hast, Annie.«
Sie wusste nicht genau, was sie sagen sollte. Schweigend und nach wie vor entsetzt über das Schicksal des jungen Amycus ließ sie sich gegenüber dem Mann nieder, der gerade hatte erkennen müssen, dass ihm ein Großteil seiner Jugend gestohlen worden war.
»Tut mir leid, dass dir das alles passiert ist«, sagte sie leise. »Ich hätte nie geglaubt … «
Ihre Stimme verlor sich. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ja, was hatte sie eigentlich geglaubt? Sie hatte nie daran gezweifelt, dass Professor Carrow ein schlechter Mensch gewesen war. Dass sein Hass, seine Bitterkeit, seine Brutalität niedere Gründe hatte. Aber wie hätte er bei seiner Vergangenheit anders werden können? Wie wäre Annie geworden, hätte sie ihre Eltern so früh verloren und nichts weiter als Du-weißt-schon-wen und seine Todesser gehabt?
»Scheiß doch drauf«, knurrte Amycus und wischte die Akte beiseite, um den nächsten Pergamentbogen zu untersuchen. Doch der war leer. Irritiert blätterte er durch mehrere blanke Pergamente. »Was zum … ?!«
»Straftaten«, Annie hatte die erste der unbeschriebenen Seiten aufgelesen und zeigte ihm die Überschrift. »Registrierte Straftaten. Ich schätze, sie wurden nach der Übernahme des Ministeriums gelöscht … zumindest, wenn man zur richtigen Seite gehörte.«
Kommentarlos zerknüllte Amycus einen Pergamentbogen nach dem anderen. Als nächstes nahm er seine Schulzeugnisse auf. »Alte Runen, Astronomie, Zauberkunst, Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Wahrsag- … «
Annie richtete sich auf und ihre Hand wanderte langsam in Richtung ihres Zauberstabs, als Amycus‘ Blick kurz den Fokus verlor und dann wieder an Klarheit gewann.
»Ich … ich hab das nur gewählt, weil Alecto nich allein sein wollt«, sagte er leise. »Ja. Ich erinner mich. Sie … sie wollt nich, dass sie in den neuen Fächern ganz allein ist. Sie hatte Angst, dass die anderen sie wieder … ärgern.«
Annies klamme Finger fanden ihren Zauberstab. »Professor?«, piepste sie mit zitternder Stimme.
»Alles gut, Annie. Ich hab mich noch im Griff«, murmelte Amycus und studierte weiter sein Zeugnis. »Das meint ich«, erklärte er nebenher, »dass ich mich immer wieder an nutzlosen Scheiß erinner. Wer ist eigentlich dieser H. E. F. Slughorn?«
Annie erklärte es ihm schnell. »Er war dein Hauslehrer, er arbeitet immer noch hier. Was steht denn in seiner Beurteilung?«
»Dass ich 'n simpler Junge aus simplen Verhältnissen bin«, las er ärgerlich die ersten paar Zeilen und fuhr dann fort. »Langsam im Denken und Handeln hatte der junge Amycus anfänglich große Schwierigkeiten, dem Unterricht in englischer Sprache zu folgen. Nachdem ihm zunächst verboten wurde, seine Notizen auf Walisisch zu verfassen, mussten die Kollegen und meine Wenigkeit schnell einsehen, dass diese Maßnahme nicht zu den gewünschten Ergebnissen führte.
In den folgenden Jahren gewöhnte sich Mr Carrow an die schulischen Abläufe und folgte dem Unterricht meist unauffällig. Die enge Bindung zu seiner Schwester Alecto lockerte sich nie, sodass die Geschwister öfters mit Nachdruck gebeten wurden, mit anderen Mitschülern zusammen zu arbeiten, statt nur mit einander.
Mr Carrow zeigte seine Talente außerhalb des akademischen Strebens und blühte auf, wenn es um praktische magische Arbeit ging. Für Pflanzen oder Tieren konnte er sich leider nie begeistern. Bla bla … tragischer Verlust in der dritten Klasse gut verkraftet … bla bla … Wahlfächer Wahrsagen und Alte Runen … nach Startschwierigkeiten hervorragende Leistungen in Runen, vielversprechende Zauberkonzepte, wiederholtes Unverständnis für die Bitte, sich mit Englisch und Latein zu befassen … Wahrsagen, Verwandlungen, Astronomie und Kräuterkunde nicht weitergeführt … Tendenzen zu aufbrausendem Verhalten. In seltenen Fällen sogar Duelle auf den Korridoren … jugendlicher Leichtsinn, Alles in Allem verständlich … Wünsche ihm einen soliden Start ins Arbeitsleben bla bla bla.«
»Na ja, es könnte schlimmer sein, oder?«, meinte sie unter Grimassen. Was Flitwick wohl in ihre abschließende Beurteilung schreiben würde?
Amycus knurrte. »Dieser Slughorn muss mich ja für den letzten Idioten gehalten haben. Von wegen »langsam im Denken und Handeln«. Was 'n aufgeblasener - «
Es klopfte laut an der Tür. Amycus brach ab und sah sie an. Annie starrte zur Tür und dann zurück zu ihm. Madam Pomfrey würde nicht anklopfen. Ebenso wenig die Damen Acord und Lorraine. Die einzige bleibende Schlussfolgerung war also ein Schüler.
»Annie, bist du da drin?«, eine vage vertraute Stimme klang dumpf durch die Tür. »Kann ich kurz reinkommen?«
Annie blieb beinahe das Herz stehen. Es war Terry. Wenn er jetzt jemand herein käme und ausgerechnet Amycus hier vorfand – sie wollte es sich gar nicht ausmalen. Hastig sprang sie auf, raffte die Pergamente zusammen und drückte sie ihm in die Hand.
»SEKUNDE! Ich bin gleich bei dir«, schrie sie zur Tür hinüber und zerrte Amycus am Kragen aus seinem Stuhl. Verdattert stolperte er ihr hinterher. Sie riss die Tür zum Nebenzimmer auf und schubste ihn hinein. Im nächsten Augenblick stand sie leicht atemlos vor Terry.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er besorgt und reckte den Hals, um einen Blick ins Büro zu werfen. »Ich dachte, hier wäre noch jemand.«
»Äh, nein, auf keinen Fall, nö, hier bin nur ich«, Annie merkte sofort, dass er ihr nicht glaubte. »Ich äh … ich hab mit mir selbst geredet. Was führt dich eigentlich hier her?«
»Du wolltest mir doch was von dem Narbengel schicken«, murmelte Terry, dem diese Bitte offenbar peinlich war. »Ich will ja nicht drängeln oder so … aber ich habe noch nichts bekommen. Und übermorgen geht ja der Hogwartsexpress.«
»Ach so, äh, ja. Also, ich war ein paar Tage bei meinen Eltern. Aber ich kann heute Abend noch einen Kessel aufsetzen und schicke dir per Eule einen Tiegel, sobald das Zeug fertig ist. Okay?«
Annie stellte sich in den freien Spalt der Tür, in der Hoffnung, Terry schneller loszuwerden. So gern sie ihn auch mochte, so unpassend war seine Anwesenheit im Moment. Er warf einen Blick über seine Schulter und schob sich dann in den Raum – Annie konnte nichts tun, es sei denn, sie hätte ihn physisch oder magisch vom Eintritt abhalten wollen.
Leise schloss er die Tür hinter sich. Er war nicht annähernd so groß wie Amycus und weitaus weniger bedrohlich, doch ihr Puls raste wie wild. Was sollte sie tun, wenn er darauf bestand, Stimmen gehört zu haben? Was, wenn er sich genauer umsehen wollte?
»Gut, dass ihr euch um Sophie kümmert«, sagte er leise und nickte zu der Tür hin, die er eben geschlossen hatte. Es war unmöglich in seinen Augen zu lesen, da er immer noch seine Sonnenbrille trug. »Ihre Freunde sind total durch den Wind. Die restlichen Gryffindors auch.«
»Sophie? Ach, ja. Klar. Ähm … was … was hat sie denn eigentlich? Ich bin kaum vor einer Stunde wieder gekommen.«
»Du hast es nicht mitbekommen?«, Terrys Stimme nahm einen komischen Unterton an. »Eliza ist gestorben und Sophie … na ja, sie hat es nicht verkraftet. Slughorn hat sie bewusstlos im Vorratslager des Zaubertrankkerkers gefunden. Mit einem Silbermesser und einem Gerinnungshemmtrank. Es war furchtbar, man hat die Blutspur bis in den zweiten Stock verfolgen können.«
Annie schlug die Hände vor den Mund. Sie konnte nur stammeln. Die Montgomeryschwestern waren immer so nett und fröhlich gewesen. Es musste furchtbar sein, was Sophie durchmachte – ihr Bruder war vor zwei Jahren nach einem Werwolfbiss gestorben, und nun auch noch Eliza zu verlieren …
Terry nickte schwermütig. »Also, ja, es ist gut, dass ihr sie ein wenig im Auge behaltet.«
Einen Moment schwiegen sie beide, dann umarmte er sie plötzlich. Annie legte ebenfalls die Arme um ihn. Er war größer geworden, seit sie sich kennen gelernt hatten. Er war erwachsen geworden.
»Wir sind noch hier, wir haben überlebt«, murmelte er. »Wir haben den Krieg gewonnen.«
»Mhm«, machte Annie unbestimmt und musste an Sophie denken.
Was war das Überleben wert, wenn es den Lebenswillen kostete? Was war das für ein Sieg? Sicherlich keiner, den man feiern –
»Wir machen eine kleine Abschlussfeier im Gemeinschaftsraum. Es gibt Morgen eine Trauerzeremonie für all die Toten, danach wollten wir uns im Gemeinschaftsraum nochmal zusammensetzen.«
»Eine Trauerzeremonie?«
»Ja. McGonagall wird eine Rede halten und die Schüler verabschieden.«
»Werden Padma und Luna da sein?«
»Luna wurde abgeholt. Vor zwei Tagen schon. Ihr Vater ist nach Hogsmeade appariert und kam den ganzen Weg zur Schule hoch gerannt ohne einmal stehen zu bleiben. Ich hab‘s vom Fenster aus gesehen und Luna Bescheid gesagt. Er hat richtig geheult vor Glück, als Luna ihm entgegen kam.«
»Kann ich mir denken«, Annie lächelte in sich hinein. Luna und ihr Vater liebten einander, da war sie sich sicher. »Toll, dass die beiden wieder zusammen sind. So wie es sich gehört.«
Terry brummte. »Und Padma … ich hab nicht mehr mit ihr geredet seit ein paar Tagen. Sie … ach, ich weiß auch nicht.«
»Du musst mit ihr reden. Ihr seid jetzt schon so lange zusammen – vier Jahre bald. Das wirft man nicht einfach so weg.«
»Hm, ich kann‘s versuchen … aber seit dem hier«, er wedelte lose zu seinem Gesicht hin, »geht sie mir irgendwie aus dem Weg. Und behandelt mich komisch.«
Annie seufzte und umarmte ihn nochmals. »Komm schon, das ist bestimmt nicht so, wie du denkst. Du solltest sie suchen gehen. Macht einen Spaziergang am See, so wie damals, als sie dich gefragt hat, ob ihr zusammen sein wollt. Und sprecht euch mal so richtig aus.«
Unschlüssig brummend hielt Terry sie noch einen Moment fest, dann richtete er sich auf. »Danke, Annie. Und wegen des Narbengels - «
»Ich schick dir welches.«
»Danke. Echt jetzt. Oh, da ist übrigens was runtergefallen«, er zückte seinen Zauberstab und deutete damit auf einen gefalteten Bogen Pergament, der wenige Meter vor der Tür zum Nebenzimmer lag. Er kam auf ihn zu gesegelt und er reichte ihn ihr, ohne darauf zu sehen.
Annie war zu entsetzt, um sich zu bedanken. Sie begleitete Terry zur Tür und ließ sich mit dem Rücken gegen das Holz sinken, kaum, dass seine Schritte verklungen waren.
Das Pergament war die erste Seite von Amycus Akte, an die sogar ein Bild von ihm angeheftet war. Schwarz-weiß stierte er ihr manisch entgegen; die Augenhöhlen und Wangen in tiefen Schatten. Das sah so ganz und gar nicht wie der Amycus aus, den sie eben ins Nebenzimmer gescheucht hatte.
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