1000 Miles

von KiraNear
GeschichteRomanze / P12 Slash
Anthony J. Crowley Erziraphael
04.08.2019
16.08.2019
2
4.123
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04.08.2019 2.151
 
London, 2018, einen Monat nach der Nicht-Apokalypse

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Ein weiterer Tag, gefüllt mit Sonnenschein und Wärme, zieht über die britische Insel. Ein weiterer arbeitsreicher Tag für die zahlreichen Bewohner Londons, welche geschäftig über die Gehwege und Straßen schritten. Sie eilten zu ihren Terminen wichtiger oder unwichtiger Natur, führten ihre Hunde spazieren oder erledigten ihre Einkäufe, um ihre am Wochenende geplünderten Vorräte wieder aufzufüllen. Kinder quasselten und kicherten auf ihrem Heimweg, und hier und da zog ein Hund ungeduldig an seiner Leine.

Aber nicht nur, um ihren täglichen Lebensmittelbedarf zu stillen, suchten die Bewohner Londons die lokalen Geschäfte auf, sondern auch, um ihre Lust nach Luxus und Hobbybedarf zu befriedigen. Aus diesem Motiv heraus verirrten sich einzelne Kunden in einen kleinen, unauffälligen Buchhandel, welcher vor allem aus zwei Gründen berühmt-berüchtigt im gesamten Viertel, wenn nicht darüber hinaus bekannt geworden war. Der eine Grund lag in den derartig merkwürdigen und unmöglichen Öffnungszeiten, dass man wirklich von einem Wunder sprechen konnte, wenn die Türen zu Zeiten geöffnet wurden, in der sich die reguläre Laufkundschaft und damit potenzielle Kunden in der Gegend befanden. Man konnte es bereits als eine rare Gelegenheit betrachten, wenn man sich nicht vor verschlossenen Türen wiederfand, sondern tatsächlich in der gemütlichen Atmosphäre des antiquierten Buchladens.

Der zweite Grund für den doch leicht zweifelhaften Ruf der Bücherstube war der Besitzer dieser, der rätselhafte Mr. A. Z. Fell, welcher höflich, aber auch zugleich kauzig gegenüber seinen Kunden in Erscheinung trat. Zwar begrüßte er sie in einem freundlichen Ton, sobald sie seinen Laden betraten, dennoch blieb von dieser anfänglichen Freundlichkeit wenig übrig, sobald ein Kunde ernsthafte Kaufabsichten äußerte. Da wurde er äußerst ungehalten und keine Ausrede war ihm zu verwegen, um nicht doch einen Kunden den Kauf abspenstig zu bereiten. Der eine oder andere Kunde hatte ihn bereits im Geheimen mit dem allseits bekannten Hobbit Bilbo Beutlin verglichen, möglicherweise war das Gerede auch bis zu Erziraphael durchgedrungen, doch selbst wenn dies der Fall wäre, so schien er sich nicht sehr an diesem Ruf zu stören.

Überhaupt lebte Erziraphael wenig Wert auf die Meinung seiner Kunden, oder welches Bild sie von ihm hatten. Es störte ihn nicht, wenn sie sich in seinen Laden verirrten und seine Büchersammlung betrachteten, ja gar bewunderten. Er war stolz auf jedes einzelne Stück seiner Sammlung, besonders, wenn es sich dabei um eine Erstausgabe handelte. Doch verkaufen, nein, verkaufen wollte er seine Bücher nicht. Selbst gegenüber seinem dämonischen Freund konnte er das Verhalten nicht erklären, auf die Frage, warum er sich "nicht einfach eine private Bibliothek angeschafft hatte, anstatt eines öffentlichen Büchergeschäfts" konnte oder wollte er Crowley bis zum heutigen Tage keine nachvollziehbare Antwort geben.

Dabei war Crowley das einzige Wesen auf der gesamten Welt, nein, im gesamten Universum, dessen Meinung zählte. Nur seine Meinung hatte genug Einfluss auf den stark belesenen Engeln und hatte gar Einfluss auf dessen Gedanken, Gefühle und Reaktionen. Weitaus mehr, als es dem Engel bewusst war - oder gar seinem dämonischen Freund.

Seufzend und gleichzeitig argwöhnisch betrachtete Erziraphael jeden einzelnen seiner Kunden, beobachtete ihr Verhalten und legte sich bereits die nächste Ausrede zurecht, mit welcher er die anwesenden Damen und Herren von einem Kauf abbringen wollte. Nervös fuhr er mit der Zunge über die Lippen, auch aus Sorge um seine antiken Bücher, als mitten aus dem Nichts das Telefon zu läuten begann. Einen letzten Blick durch seine Kundschaft streifend, sah Erziraphael sich nach der Quelle des Geräusches um und fand sie schließlich in seinem Telefon wieder. Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen, er selbst bemerkte es kaum, wusste er doch ganz genau, wer sich am anderen Ende der Leitung befand.

"Guten Tag, Crowley! Wie geht es dir denn? Wir haben uns ja seit der Sache schon lange nicht mehr gesprochen", sagte Erziraphael mit freudiger Stimme, wofür er nur ein kurzes Hissen aus dem Hörer erntete.

"Ach, du übertreibst doch, das waren doch höchstens vier Wochen, das ist doch für jemanden wie unsereins doch gar nichts", erwiderte der Dämon, ebenfalls nicht gerade unglücklich darüber, wieder die Stimme seines besten Freundes zu hören.

"Sag mal, hast du gerade viel Kundschaft in deinem Laden? Hast du überhaupt gerade jemanden im Laden ...", begann er zu fragen, als er von Erziraphael in einem gehetzten Ton unterbrochen wurde. Einer seiner Kunden hatte offenbar zu großen Gefallen an einem der limitierten Buchausgaben des „Strand Magazine“ gefunden und nun kostete es Erziraphael weitaus größere Nerven, den Kunden von einem Kauf des Exemplars abzubringen. Erst, als er ihm mit leicht mürrischem Unterton und unter mehrmaliger Erwähnung einem alternativen Händler überzeugen konnte, ließ der Kunde von seiner Kaufabsicht ab. Sichtlich genervt wie auch gestresst beschloss Erziraphael den Laden früher als geplant zu schließen. Kaum hatte er die Kunden aus seinem Verkaufsbereich, welcher im eigentlichen Sinne eher ein Ausstellungsraum war, vertrieben und die Türe hinter sich verschlossen, atmete er erleichtert auf.

Mit eiligen Schritten kehrte er zum Telefonhörer zurück, wo ihn ein amüsierter Crowley am anderen Ende der Leitung empfing.

"Wie ich sehe, hast du immer noch mit Kunden zu kämpfen, die dir unbedingt ihr hart verdientes Geld geben wollen. Eventuell war die Idee mit der Buchhandlung als Tarnung wohl doch keine so gute Idee, meinst du das nicht auch?", versuchte er ihn ein wenig aufzuziehen. Doch wie gewohnt ging Erziraphael auf diese kleine Spitze weder ein, noch kommentierte er sie. Stattdessen lenkte er das Gespräch wieder zurück auf den Ursprung.

"Nun, jetzt können wir ungestört miteinander reden. Was kann ich für dich tun ... alter Freund?"

Die Freude war in seine Stimme zurückgekehrt und ohne dass er es merkte, spielte er aufgeregt mit den Fingern seiner freien Hand herum. Doch Crowley blieb ihm die Antwort fürs erste schuldig.

„Eigentlich wollte ich es dir am Telefon erzählen, aber ich halte es für eine viel bessere Idee, es dir direkt mitzuteilen. Wir sehen uns gleich, Engel!“, rief er in den Hörer, bevor er unerwartet das Telefonat beendete. Verwirrt blickte Erziraphael auf das Telefon, bevor auch er auflegte. Nur zehn Minuten später klopfte es an seiner Tür, und nach einem kontrollierenden Blick durch seine Briefkastenklappe gewährte er seinem besten Freund Eintritt in seinen Buchhandel. Kaum hatte Erziraphael ihnen beiden eine Flasche Wein geöffnet und in zwei Gläsern serviert, nahmen sie in zwei gemütlichen Ohrensesseln Platz.

"Gut, ich komme dann mal gleich zur Sache, vor allem, da du jetzt nun alleine bist", sagte Crowley mit einem leichten Hissen. "Erinnerst du dich noch, an dem Tag, an dem wir dem Himmel wie auch der Hölle den besten Streich aller Zeiten gespielt haben?"

Erziraphael nickte und betrachtete den Wein in seinem Glas.

"Ja, ich erinnere mich", druckste er und schluckte den harten Kloß im Hals herunter. Noch immer bereitete ihm die Erinnerung daran, was seine Mitdämonen mit Crowley und dessen Hinrichtung geplant hatten, eine ziemlich starke Gänsehaut. Weshalb er so wenig wie möglich über diesen Teil der Angelegenheit nachdenken wollte.

"An diesem Tag wir hatten uns ja zum Schein verabredet und wurden dann entführt, wofür wir eine doch sehr überzeugende Darbietung zur Schau gestellt hatten. Aber darum geht es mir nicht. Ich dachte viel mehr an den Teil, der vor der Entführung war, den, zu dem wir nicht gekommen waren."

Verwirrt blickte Erziraphael in die Ferne.

"Meinst du damit das Eis? Das keiner von uns essen konnte?"

"Exakt! Genau das meine ich!", rief Crowley mit einem Ton in der Stimme, der Erziraphael sofort etwas verriet. Er wusste, dass sein alter Freund definitiv etwas geplant haben musste, das konnte er regelrecht aus jedem einzelnen Wort heraushören. Doch was genau geplant war, das dagegen blieb dem Engel unklar.

"Also dachte ich mir, warum sollten wir, also du und ich, das Eis nicht einfach nachholen? Aber nicht einfach hier in England, wo wir das Eis jederzeit haben können. Nein, wir haben immerhin noch was zu feiern! Und das geht doch am besten mit ..."

Erziraphaels inneres Auge füllte sich mit weiteren diversen Weinflaschen und anderen alkoholischen Spirituosen, die seinem dämonischen besten Freund an einem üblichen Abend als Getränk in den Sinn kamen.

"... Eiskreme, direkt gekauft und konsumiert in Italien! Na, Engel, das wäre doch was, oder?"

"Oh, ich denke, das ist eine gute Idee", erwidert Erziraphael überrumpelt. Irgendwie hatte ihm die Vorstellung, den Dämonen in seinen eigenen vier Wänden als Gast zu haben, recht gut gefallen; weshalb er sich an die Idee erst einmal gewöhnen musste. Auch fühlte er sich ein wenig enttäuscht, was er sich jedoch nicht erklären konnte.

"Es ist schon eine Weile her, dass wir in Italien waren ... wie viele Jahrhunderte das wohl her ist?", begann er sich laut zu fragen.

"Sehr viele Jahrhunderte, mein lieber Freund. Es ist doch schon eine Weile her, dass ich in Italien eine Verführung vollziehen musste."

Lächelnd blickte Erziraphael zur Seite.

"Ja, daran kann ich mich erinnern, ich hatte zu der Zeit ebenfalls einen Auftrag von meiner Zentrale erhalten. Zu der Zeit gab es einen guten Wein und auch die musikalische Unterhaltung war nicht gerade schlecht, wenn auch noch stark in den Kinderschuhen. Wir haben uns dort auch getroffen, weißt du nicht mehr?", erinnerte sich Erziraphael, bevor er rosa gefärbten Wangen schlagartig zu schweigen begann. Hätte er in dieser Sekunde nicht in eine andere Richtung gesehen, wäre ihm nicht entgangen, dass sich auf Crowleys Wangen ebenfalls ein zarter Hauch von Rosa befand.

"Nun ja …", begann der Engel das peinliche Schweigen zu brechen und das Thema in die ursprüngliche Richtung zu lenken.

"Ein italienisches Eis zu essen erscheint mir als eine vorzügliche Idee, zumal wir beim letzten Mal wirklich nicht dazu gekommen waren. Aber wie sollen wir nach Italien kommen? Nach ... der Sache möchte ich es mit dem Wundern für eine Weile nun wirklich nicht übertreiben. Zwar haben unsere Zentralen zugesagt, dass sie uns in Ruhe lassen, aber ... man muss es ja auch nicht herausfordern, nicht wahr?", sagte Erziraphael nervös, mit zuckenden Lippen und unruhigen Blicken zu seinem Freund. Doch dieser begann nur noch breiter zu lächeln.

"Ist doch ganz einfach: Wir fahren in meinem Bentley hinüber. Einfach einmal durch den Tunnel und durch das eine oder andere Land fahren, dann sind wir auch schon Italien. Es ist nur ein Katzensprung, glaub mir! Und wenn wir nachts fahren, dann sind auch viel weniger Menschen unterwegs. Glaub mir, das lästigste im Verkehr sind andere Fahrer auf der Straße."

Mit Schaudern dachte er an das zurück, was er auf der M25 kurz vor der Nicht-Apokalypse erlebt hatte und schallte sich im Inneren ein weiteres Mal. Denn dass auf der britischen Autobahn tagein, tagaus ein derartiger Verkehrsstau herrschte, war allein auf ihn zurückzuführen.

"Nun, es sind in etwa 1000 Meilen, Crowley, das ist nicht gerade um die Ecke", fügte Erziraphael hinzu. Doch der Dämon tat dies mit einer schnellen Wischbewegung ab.

"1000 Meilen, das ist doch nichts. Das kann doch kein Hinderungsgrund für uns sein, oder, Engel? Wir sind damals auch überall hingereist und das ohne Auto, da sollte doch ein Viertel Tag im Auto doch nun wirklich kein Problem sein. Oder bist du etwa bequem geworden?", neckte er seinen Engel, spürte jedoch die kleine Veränderung, die sich schlagartig in die Luft gelegt hatte. Das Lächeln des Engels hatte nachgelassen und seine kleinen Hände legten sich fast schon schämend auf seinen kleinen Bauch.

"Ich bin weich geworden, Crowley", murmelte er verschämt, ließ es jedoch offen, auf welche Art und Weise er seine Aussage meinte. Beschämt dachte er an das Gespräch mit Gabriel im Park, was sein Lächeln noch weiter schrumpfen ließ. Bis er eine dritte Hand auf seinem Bauch spürte und wieder aufsah, direkt in Crowleys dunkle Sonnenbrille. Ein neutraler Ausdruck lag auf seinen Lippen, welche sich zu einem wohlwollenden Schmunzeln verzogen.

"Dann bist du eben weich, das ist doch in Ordnung. Lieber ein weicher Engel mit einem Bastardkern, als ein harter Engel, welcher über und über gefüllt ist mit Bösartigkeit. Nein, Engel, du bist schon in Ordnung, so wie du bist“, sagte er und noch immer lag seine Hand auf dem weichen Bauch seines Gegenübers. Weitere Gedanken verbiss er sich jedoch, für einen Moment war er mehr als glücklich darüber, seine dunkle Sonnenbrille zu tragen. Und auch für den Umstand, dass Erziraphael keine Gedanken lesen konnte. Er begann, auf den weichen Bauch zu klopfen, bevor er seine Hand wieder zurück zog und sie dem Engel reichte.

"Kann ich dich also nun zu einer Fahrt in meinem Bentley und einem Eisbecher in Italien verführen?", fragte er in einer fast schon sinnlichen Tonlage, dass es dem Engel einen kleinen Schauer über den Rücken bereitete. Dann legte Erziraphael seine Hand in die des Dämons.

"Ich würde sagen, ja, dazu lasse ich mich nur zu gerne verführen", antwortete Erziraphael mit einer gewissen Vorfreude in der Stimme, während er sich von Crowley aus dem Laden führen ließ.