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With a Lascivious Touch

von Feyane
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / Het
Vinsmoke Ichiji
04.08.2019
21.01.2022
4
41.403
49
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Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
04.08.2019 7.332
 
With a Lascivious Touch


Haare, so rot wie Blut.
Worte, so gewählt wie seine Art, dich zu testen.
Blicke, so lasziv wie die Berührungen, mit denen er dir den Verstand raubte.
Begegnungen, so schicksalhaft wie der Name, der ihm innewohnte.

Vinsmoke Ichiji.


~

Kapitel 1
Haare, so rot wie Blut


.
.
.



Rasselnd kam dein Atem über deine Lippen, flirrte durch die Luft und verlor sich im Gewirr des riesigen Terminals. Du liefst, deine Hand krampfhaft um deine Bordkarte geschlossen und den Blick starr auf die Zahl drei gerichtet, die in gut fünfzehn Metern über deinem Kopf thronte und keinen Zweifel daran ließ, dass es sich hier um das letzte, verbliebene Gate handelte, an dem dieser Tage noch ein Flugzeug abheben würde.

Laute Stimmen drangen an dein Ohr. Stimmen von Müttern, die ihre weinenden Kinder beruhigten. Stimmen von Männern, die in fremder Sprache auf ihre Telefone einredeten. Doch du maßt ihnen keine Aufmerksamkeit bei.

War doch alles, was zählte, dass du diesen Flug erwischtest.

Du keuchtest, spürtest das brennende Stechen in deiner Seite, das von deiner unregelmäßigen Atmung zeugte, ignoriertest es jedoch vehement. Ruckartig wichst du einem jungen Mann aus, der dir in den Weg trat und hektisch auf seine Verwandtschaft einredete. Er war so auf seine Angehörigen fokussiert, dass er sich kaum umsah.

Der Himmel zu deiner Linken war von dunkelgrauen, monströsen Wolken bedeckt. Sie türmten sich höher, immer höher und gaben Aufschluss über die prekäre Lage, in der ihr euch befandet. Ein derartiges Naturschauspiel hattest du noch nie gesehen, herrschte doch geradezu Weltuntergangsstimmung. Und das einzig und allein, weil der Taifun unbarmherzig näherrückte, der sich erst vor wenigen Stunden über dem Pazifischen Ozean zusammengebraut hatte.

Haltlos, zerstörerisch und mehr als furchteinflößend ebnete er sich einen Weg in Richtung Malaiische Halbinsel und damit nicht zuletzt zu dir.

Du wärst beinahe vom Glauben abgefallen, als du vor einer guten halben Stunde registriertest, wie sich die Abfluganzeige deines Gates verändert hatte. Stand dort kurz zuvor noch Boarding at 21.15, wurde daraus innerhalb weniger Sekunden ein rot leuchtendes Cancelled.

Vollkommen konfus warst du von deiner Bank aufgesprungen, dein Blick dabei starr auf die große, blinkende Tafel mit den geplanten Abflügen gerichtet, ehe du nach deinen wenigen Habseligkeiten griffst und zum Flugschalter stürmtest.

Und noch immer liefst du.


Nun jedoch in die entgegengesetzte Richtung.


Unaufhaltsam. Vollkommen am Ende, aber dennoch ohne Unterlass.

Kräftiger Regen fiel vom Himmel, traf auf die verglasten Fronten des Terminals und ließ keinen Zweifel daran, dass er sich innerhalb weniger Minuten zu einer wahren Sturmflut entwickeln würde.


Eine Sturmflut, die den Flughafen Singapurs komplett lahmlegte.


Du hörtest, wie Windböen an der metallenen Tragkonstruktion rüttelten, hörtest das leise, metallische Kreischen und beschleunigtest deine Schritte unwillkürlich.

Der Mann am Schalter hatte ebenso fahrig und konfus gewirkt wie du, als eine schier unglaubliche Menschenmasse auf ihn eingestürmt war. Er war heillos überfordert mit sich und der utopischen Unwetterwarnung gewesen, die euch überrannte, und es hatte dich viel Mühe gekostet, zu ihm vorzudringen.

„Bitte verzeihen Sie“, hatte er in gebrochenem Englisch verlauten lassen, während seine Augen hektisch und unkoordiniert über seinen Bildschirm huschten. Du hattest die kleinen Schweißperlen gesehen, die seine Schläfen hinabrannen, indes die Stimmen in deinem Rücken seine Worte beinahe komplett zu übertönen schienen.

„Sämtliche Flüge nach 20.30 Uhr wurden aus sicherheitstechnischen Gründen gecancelt.“

Selbst jetzt spürtest du noch dieses ungute Gefühl, das sich in deinem Magen festbiss wie ein tollwütiger Hund kurz vor dem Ertrinken.

Es war ein Flug gewesen. Ein einziger, der dich vor dem nahenden Weltuntergang retten konnte.


Und der ging Richtung Stockholm.


Zwar war Schweden noch lange nicht Deutschland, doch zumindest würdest du in Kürze wieder europäischen Boden unter den Füßen haben.

Gate A3, hallten die Worte des Flugassistenten durch deinen Kopf, während du dich beharrlich darauf konzentriertest, zu laufen.

Schweiß perlte von deiner Stirn, war mitunter den tropischen Temperaturen geschuldet, die in dieser Klimazone herrschten, doch du wusstest, er rührte vor allem von deiner Anstrengung.

Es war Tamil, war Chinesisch, Malaiisch und mitunter auch Englisch, das an dein Ohr drang, während du dir unbeirrbar einen Weg durch die unübersichtliche Menschenmenge bahntest. Die Abfluganzeigen, an denen du vorbeirauschtest, sprangen im Sekundentakt um. Stimmen wurden laut, immer lauter. Rufe schallten durch das große Terminal, doch alles, an das du denken konntest, war, dass dein Gate in wenigen Sekunden schließen und dir damit die letzte Chance versagen würde, dich vor dem heillosen Chaos zu retten, das hier - am anderen Ende der Welt - gerade ausbrach.

Deine Lungen brannten, deine Beine schmerzten, doch du wurdest nicht langsamer.


Hing doch so viel davon ab, dass du ranntest.


Bereits von Weitem erkanntest du das menschenleere Terminal. Die Stewardess, die an der Schleuse Position bezog und das Boarding leitete, war gerade dabei, ihre Sachen zusammenzupacken, und ein kurzer Blick zur Wand signalisierte dir, dass du zwei Minuten zu spät warst.

„Halt!“, riefst du und machtest damit vehement auf dich aufmerksam.

Die adrett gekleidete Frau hätte taub sein müssen, um dich zu überhören, und als sie aufblickte, fiel dir eine tonnenschwere Last vom Herzen.

„Bitte“, keuchtest du, als du sie erreichtest und dich schweratmend auf deine Knie stütztest.

Verwirrt blinzelte dich die Flugbegleiterin an und du brauchtest einen Moment, um zu realisieren, dass du unwillkürlich in deine Muttersprache verfallen warst.

„Ich bin Passagierin.“

Stockend und alles andere als flüssig kamen dir die englischen Silben über die Lippen, ehe du mit fahrigen, zitternden Fingern nach deinem Reisepass angeltest und ihn zusammen mit deiner Bordkarte aufs Pult legtest.

Du keuchtest, rangst nach Atem und konntest nicht anders, als das Seitenstechen zu ignorieren, das deinen Körper für sich einnahm. Deine Muskeln ächzten, deine Brust zersprang geradezu und deine Beine drohten jede Sekunde unter dir wegzuknicken. Doch du bliebst wacker, hieltest dich aufrecht.


Bitte lass es nicht zu spät sein!


Ein leiser Laut kam von deinem Gegenüber und du warst dir nicht sicher, ob er genervter oder vielmehr ungeduldiger Natur war, ehe die Frau widerwillig den Strichcode scannte. Kurz überflog sie deine Daten, schlug deinen Reisepass auf und verglich beides miteinander.

„Sie wurden umgebucht“, hörtest du sie in nicht ganz akzentfreiem Englisch sagen, während ihre Augen blitzschnell über den Bildschirm huschten.

Du räuspertest dich, ehe du den Kopf wieder hobst und erwidertest:

„Das ist richtig.“

Euer Gespräch war holprig und zeugte davon, dass du es nicht gewohnt warst, dich in einer fremden Sprache zu verständigen. Bei Gott, du hasstest es, zu verreisen. Doch es war die Hochzeit deiner Schwester, die dich all deine Prinzipien über Bord werfen ließ und dich in das ferne Singapur verschlagen hatte.

So vieles war neu. So vieles ungewohnt. Und du warst unsäglich froh, nach diesen Tagen der Qual endlich wieder die Heimreise antreten zu können.

Abermals schweifte dein Blick zur Seite und es war die Dämmerung, die langsam ihren Einzug hielt, während sich die bedrohlichen, dunklen Unwetterwolken kontinuierlich näherten.

Ein jeder wollte hier weg. Das sahst du. Das spürtest du.


Und bei Gott, dir ging es nicht anders!



„Es gibt nur noch einen freien Platz in der Maschine“, zog die adrett gekleidete Frau deine Aufmerksamkeit wieder auf sich, doch sie schien mehr zu sich selbst als zu dir zu sprechen. Noch immer schweiften ihre Augen über die Sitzplatzierungen, ehe sie mit einem Mal stockte.


Unvermittelt und vollkommen abrupt.


Du harrtest mit angehaltenem Atem, ehe du dich ganz langsam wieder aufrichtetest. Alarmiert beobachtetest du sie. Ihre Miene veränderte sich, nahm einen angespannten Zug an und du presstest unwillkürlich die Lippen zusammen.


Bitte lass es nicht zu spät sein!


Und tatsächlich schien es, als würde die Flugbegleiterin noch etwas sagen wollen, ehe sie sich in letzter Sekunde zur Räson rief, die Lippen wieder schloss und dir tief in die Augen blickte.


Ein Blick, so intensiv und bedeutungsschwer zugleich.


„Willkommen an Bord!“



.
.
.




Die Wände der Schleuse waren trist und grau, als du über das glatte Linoleum schrittest. Deine Knie waren wacklig, deine Lungen fühlten sich an, als würden sie bersten, und doch konntest du das leise Glücksgefühl nicht zurückhalten, das dein ganzes Sein für sich einnahm. Du spürtest, wie das Traggerüst im harschen Wind schwankte. Regen prasselte auf die metallene Decke, gab hohe Töne von sich, ehe du um die letzte Biegung eiltest. Bereits von Weitem konntest du eine Stewardess ausmachen, die am Eingang des Flugzeuges stand und in geradezu halsbrecherischem Tempo auf ihre Kollegin einredete, während sie dabei war, die schwere Tür des Flugzeuges zu schließen.

Es war Arabisch, das an dein Ohr drang.

Kein Wunder, flogst du doch mit einer Airline der Vereinigten Arabischen Emirate.

Als die beiden Frauen deiner gewahr wurden, stellten sie ihr Gespräch ein und blickten dir mit verdutzter Miene entgegen. Hatten sie doch nicht mit einem Nachzügler gerechnet.

Als du sie erreichtest, waren es feines Parfum und dunkle, exotisch anmutende Teints, die dich für sich einnahmen, ehe du durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Bordwand schlüpftest. Du hattest kaum einen Schritt in das Flugzeug gesetzt, schon hielt man dir eine feinmanikürte Hand hin.


Die Aufforderung, deine Bordkarte vorzuzeigen.


Stark geschminkte Augen glitten über schwarze Schrift, ehe die Dame vor dir innehielt, dich ansah, nur um sich dann zu ihrer Kollegin umzuwenden. Erneut sprachen sie auf Arabisch miteinander und du verstandest kein Wort. Was du allerdings verstandest, waren die Blicke, die man dir zuwarf und die eindeutig deine Erscheinung maßen. Du schlucktest voller Unbehagen, strichst deine Bluse glatt, die deiner Meinung nach dem tropischen Klima Singapurs angemessen war und wartetest mit wachsender Unsicherheit, dass man das Wort an dich richtete. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, ehe sich dir die Stewardessen wieder zuwandten.

„Bitte nehmen Sie den linken Gang. Reihe I. Sitz zwei.“

Du nicktest, nahmst deine Bordkarte wieder entgegen und schrittest anstandslos an den beiden Damen vorbei. Unauffällig hobst du einen Arm, rochst an deiner Schulter. Doch trotz deines Sprints konntest du noch immer den leichten Hauch deines Duschgels wahrnehmen. Du blicktest an dir hinab, mustertest deine Erscheinung und konntest das seltsame Verhalten der Stewardessen beim besten Willen nicht einordnen.


Was war falsch an dir?


Deine Schritte waren zielgerichtet und führten dich unumwunden zu dem Vorhang, der die Passagierräume vom Arbeitsbereich der Flugbegleiterinnen trennte. Du strecktest die Hand aus, fuhrst über die Falten des feinen Stoffes und schobst ihn ohne Umschweife beiseite.

Und dann traf dich der Schlag. Plötzlich und vollkommen unvorbereitet.

Waren es doch unzählige Häupter, die sich zu dir umdrehten. Doch nicht die viele Aufmerksamkeit ließ dich in der Bewegung erstarren. Nein, es war vielmehr das Klientel, das dich auf unheilvolle Art und Weise erahnen ließ, wo du dich hier befandest.


In der Business Class.


Feine Hemden und teure Blusen fielen dir ins Auge und du betetest inständig, dass dein Platz im hinteren Teil der Maschine, in der Economy Class liegen würde.

Die viele Aufmerksamkeit war dir unangenehm und du fühltest dich in deiner luftigen Bluse und deiner kurzen Hose vollkommen deplatziert, weswegen du den Blick senktest und wieder auf deine Bordkarte starrtest. In Gedanken wiederholtest du die Zahlen und Buchstaben, die dich hoffentlich aus dieser prekären Situation retten würden.


Reihe I. Sitz zwei.


Bedacht schrittest du den Gang hinab, ignoriertest die unangenehmen Blicke und verfolgtest die in warmen Farben leuchtende Buchstabenreihe über dir. Reihe A, B und C glitten an dir vorüber und du resümiertest, dass sich dein Platz zu deiner Linken befinden musste. Eine Zweierreihe direkt am Fenster, indes du den Sitz am Gang einnahmst.

Die Business Class war groß und die Passagiere hatten die Möglichkeit, ihre Sitze zu verstellen und sich bei Bedarf in die Horizontale zu begeben. Es gab Trennwände zwischen den einzelnen Plätzen, die per Knopfdruck hochgefahren werden konnten und somit ein gewisses Maß an Privatsphäre boten.

Und es war genau eine dieser Trennwände, auf die du starrtest, als du unvermittelt in der Bewegung innehieltest und blinzelnd zu dem freien Platz neben dir hinabsahst.

Reihe I, Sitz zwei - prangte es in deutlichen Lettern über deinem Kopf und du richtetest deinen Blick nach vorn, verfolgtest den Gang weiter zu dem dunkelroten Vorhang, der in einiger Entfernung die Business Class von der Economy Class abgrenzte.

Es dauerte einen Moment, ehe du realisiertest, was dir gerade widerfuhr und ohne es zu wollen presstest du fest die Lippen aufeinander. Deine Finger verkrallten sich in dem weichen Stoff deiner Hose, suchten nach Halt, den sie nicht fanden und du spürtest, wie dir heiß und kalt zugleich wurde.


Ach du heilige ... !


Ein lautes Geräusch durchdrang die Kabine und zeugte davon, dass die Stewardessen den Einstieg verriegelten, durch den du die Maschine gerade noch betreten hattest.

Ein leises Pling ertönte kurz darauf, lenkte deine Aufmerksamkeit unvermittelt zur Gepäckablage über dir und du bemerktest wie das Anschnallzeichen direkt neben dem Nichtrauchersymbol aufleuchtete.

„Ladies and gentlemen, please take your seats and fasten your seat belts, as we will take off shortly ...“, erklang die einstudierte Stimme einer Flugbegleiterin aus den Lautsprechern, die deutlich machte, dass sie diesen Satz nicht zum ersten Mal sprach.

Du blinzeltest. Blinzeltest nochmal, ehe du dich mit aller Macht aus deiner Starre risst und befangen auf den einzig freien Platz sinken ließt, den diese Maschine noch zu bieten hatte.

Das bereitgelegte Kissen drückte unangenehm in deinen unteren Rücken, während es der Blick einer älteren Frau zu deiner Linken war, der dich abschätzig musterte. Langsam schweiften ihre Augen über deine Gestalt, indes die großen Perlen um ihren Hals im künstlichen Licht der Kabine glänzten.

Du schlucktest, risst dich von dem unguten Gefühl los, das dich überkam, sobald du auch nur in ihre Richtung blicktest, und richtetest die Augen wieder geradeaus.

Ein Ruck ging durch eure Maschine, als ihr aus der Parkbuchte herausgeschoben wurdet, und du nahmst diese plötzliche Bewegung als Anlass, dich mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend an deinem Platz umzusehen. War doch alles besser, als sich mit dem unangenehmen Starren konfrontiert zu sehen.

Ausreichend Beinfreiheit, eine bequemer, breiter Sitz, eine Decke und Kopfhörer konntest du ausmachen. Ebenso wie eine kleine Ablage, die in der Mittelkonsole eingelassen war. Wie in Trance schnalltest du dich an, während du noch immer nicht davon ablassen konntest, dein neues Domizil zu inspizieren. Doch ganz gleich, wie lange du auch darüber nachdachtest ...

Du warst froh, es an Bord dieser Maschine geschafft zu haben.


Business Class hin oder her.


Kurz schweifte dein Blick zur Seite, streifte den Platz neben dir, doch du konntest aufgrund der hochgefahrenen Trennwand nicht viel von deinem Nebenmann erkennen. Dein Gurt gab leise Geräusche von sich, als du dich in deinem Sitz zurücklehntest. Regen peitschte gegen die Fenster des Flugzeuges und machte deutlich, dass er in den letzten Minuten an Intensität zugenommen hatte. Es war beinahe stockdunkel draußen, so sehr hatte sich der Himmel zugezogen.

Einzelne Windböen rüttelten an eurem Flugzeug, als die Triebwerke mit einem lauten Summen starteten und die Stewardessen in die Gänge traten. Eine kurze Sicherheitseinweisung folgte, während sich die Damen keinesfalls von den Schlaglöchern aus der Ruhe bringen ließen, die ihr passiertet.

Du starrtest auf den dunklen Bildschirm, der vor dir in die Lehne deines Vordermanns eingelassen war, lauschtest den gedämpften Stimmen um dich herum und sannst darüber nach, ob dein Gepäck wohl genauso viel Glück gehabt hatte wie du. Vermutlich standest du in Stockholm mit nichts weiter als deinem Handy und deiner Kreditkarte da, ging doch alles so verdammt schnell.

„Na, sind wir hier nicht ein wenig fehl am Platz, Mädchen?“

Augenblicklich ruckte dein Kopf herum, ehe dein Blick den der Frau auf der anderen Seite des Ganges fand. Rotbemalte Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln, ehe sich die Dame höheren Alters ein Stückchen zu dir vorlehnte. Ihre Armlehne knirschte leise unter dem Gewicht ihrer drallen Gestalt. Eine lange Perlenkette spannte über ihren üppigen Busen und verlieh ihr einen neureichen Touch.

„Du siehst mir nicht so aus, als gehörtest du hierher.“

Fest bisst du die Zähne zusammen angesichts der Dreistigkeit, dich vor aller Augen vorzuführen. Sahst du doch, wie sich bereits die ersten Köpfe in eure Richtung drehten.

„Wie freundlich, dass Sie sich sorgen. Doch ich weiß genau, wo mein Platz ist. Danke sehr.“

Dein Blick traf den ihren, hielt ihm stand, während du spürtest, wie Hitze in deine Wangen stieg und dir heiß und kalt zugleich wurde. Hörte man doch deutlich deinen deutschen Akzent heraus. Du verfluchtest dich im Stillen für deinen mangelhaften Wortschatz und das Desinteresse, das du der englischen Sprachen in den letzten Jahren entgegengebracht hattest. Waren es doch Situationen wie diese, in denen ein wenig Übung nicht schadete.

Langsam lehnte sich die Frau wieder zurück, schien sich deiner Unerfahrenheit mehr als gewahr, indes ein gewinnendes Lächeln an ihren Mundwinkeln zupfte.

„Wenn Sie das sagen“, meinte sie, ehe sie sich dem Bildschirm vor sich zuwandte, der in einem gemächlichen Tempo eine Visualisierung eurer bevorstehenden Flugroute abspielten. Es war das Bild der Erdkugel, die sich vor einem Meer aus schwarzer Finsternis abhob, während eine gelbe Linie die Strecke markierte, die ihr in Kürze zurücklegen würdet. Ein kleines Flugzeug gab Auskunft über euren derzeitigen Standort, indes es dunkle Schatten waren, die sich über Ostasien ausbreiteten und verdeutlichten, dass die Sonne langsam, aber sicher am Untergehen war.

Ein eigentümlicher Schauer rann deinen Rücken hinab, als du das Bild in dich aufnahmst.


Was in Gottes Namen hatte dich nur geritten, ans andere Ende der Welt zu fliegen?


„Bitte stellen Sie Ihre Tische hoch und fahren Ihren Sitz in eine aufrechte Position“, ertönte eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern, während die Sicherheitseinweisungen allmählich zu ihrem Ende kamen.

Du riebst dir über deine bloßen Arme, als die Klimaanlage eingeschaltete wurde und kühle Luft den Kabinenraum flutete. Sie umspielte dich, lullte dich ein und trockneten deine vom Rennen leicht verschwitzte Haut. Die Flugbegleiterinnen schritten durch die Gänge und überprüften, ob jeder Passagier seinen Gurt angelegt hatte.

Dein Herz pumpte in deinen Ohren, dein Puls fuhr Achterbahn, doch dann lenkte ein plötzliches Geräusch zu deiner Rechten deine Aufmerksamkeit auf sich.


Ein Geräusch, ausgehend von einer Hand, die sich in dein Blickfeld schob und nach einem elektronischen Tablet griff.


Es war eine teure Uhr, die unter dem roten Ärmel eines Männerhemdes hervorblitzte und dich unweigerlich schlucken ließ.


Dein Sitznachbar war also ein Mann.


„Miss, würden Sie Ihren Gurt bitte ein wenig enger schnüren?“, wurdest du mit einem Mal von der Seite angesprochen und dein Kopf fuhr herum. Du blicktest überrascht zu der exotisch anmutenden Frau auf und brauchtest einen Moment, um zu begreifen, was sie eben zu dir gesagt hatte.

„Oh, natürlich“, murmeltest du und passtest eben jenen an deinen Körper an.

Ein dezentes Lächeln wurde dir zugeworfen, ehe die Dame weiterging und vier Reihen hinter dir einen Mann aufforderte, seinen Sitz wieder in eine aufrechte Position zu fahren.

Es war der Kapitän, der sich über Lautsprecher meldete und eine kurze Durchsage machte. Die geplante Flugzeit nach Dubai betrug sieben Stunden und fünfunddreißig Minuten. Nach einem kurzen Tankstopp würde es weiter nach Stockholm gehen. Er mahnte zur Eile, da sich der Taifun näherte und entschuldigte sich bereits im Vorfeld für einen etwas holprigen Start.

Deine Augen schweiften nach rechts, wollten einen Blick hinaus auf die Startbahn werfen, jedoch war es erneut die hohe Trennwand deines Nebenmannes, die keinen Zweifel daran ließ, dass er nichts mit dir zu tun haben wollte. Du hättest dich weit nach vorne lehnen müssen, um einen Blick auf ihn und das Fenster an seiner Seite zu erhaschen, erspartest dir diese Blöße jedoch.

Der Start verlief tatsächlich so holprig wie angekündigt, wurdet ihr doch tief in eure Sitze gepresst, ehe ihr mit rasantem Tempo abhobt. Eure Maschine wurde im harschen Wind hin und her geworfen, schaffte es jedoch ab einer gewissen Höhe wieder auf eine stabile Flugbahn. Fest hattest du deine Finger ineinander verkrallt, als ihr ein paar Luftlöcher passiertet und du jedes Mal das Gefühl bekamst, als würdest du dich im freien Fall verlieren.

Es war erstaunlich, wie ruhig die Leute um dich herum blieben. Viele hatten bereits ihre Tablets in der Hand und lasen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass du es hier mit Geschäftsleuten und Vielfliegern zu tun hattest.

Du konntest dergleichen nicht von dir behaupten, war dies doch das erste Mal, dass es dich so weit in die Ferne zog. Deine Familie lag dir am Herzen und diese bestand nur noch aus deiner großen Schwester, weswegen du für sie die weite Reise in den südpazifischen Raum angetreten warst. Sie war eine Weltenbummlerin, ganz im Gegensatz zu dir, sodass es dich nicht überrascht hatte, dass sie irgendwann auf einer ihrer Reisen ihren jetzigen Mann kennengelernt hatte. Du warst unheimlich froh darüber, dass sie sich bereits heute Morgen mit ihm in die Flitterwochen aufgemacht hatte und nichts von dem Taifun abbekam, der wütete, als wäre der Teufel hinter ihm her. Ebenso erleichterte es dich, zu wissen, dass ihr gen Westen flogt und dem von Osten heraufziehenden Sturm damit knapp von der Schippe sprangt.

Mittlerweile war es pechschwarz draußen, jedoch nicht ausschließlich der dunklen Wolken wegen, sondern auch aufgrund der späten Stunde. Ging die Sonne am Äquator doch um einiges früher unter als in Europa.

Sekunden vergingen. Sekunden, die zu Minuten wurden, während ihr eure vorgesehene Flughöhe erreichtet und du dich langsam, aber sicher entspanntest. Du fuhrst dir erschöpft über das Gesicht und seufztest tief. Zum Teufel, noch immer konntest du nicht glauben, was dir innerhalb der letzten Stunde widerfahren war. Du saßt in einem fremden Flugzeug, mit völlig fremden Menschen um dich herum und warst auf dem Weg in ein Land, das du noch nie in Natura gesehen hattest. Ihr flogt über ein Meer, so groß und so tief, dass es dir wahre Angst einjagte, während die Nacht langsam Einzug hielt und euch ein Unwetter im Nacken saß, das in genau diesem Moment über Singapur hereinbrach. All dies waren wirklich beunruhigende Aussichten, mit denen du beileibe nicht gerechnet hättest, als du an diesem Morgen einen Fuß aus dem Bett deines Hotelzimmers gesetzt hattest.

Ein charakteristisches Pling ertönte und riss dich erneut aus deinen Gedanken. Zeugte es doch davon, dass das Anschnallzeichen erloschen war.

Es dauerte nicht lange, ehe du leise Geräusche hinter dir vernahmst. Geräusche, die aus der Economy Class kamen und vermuten ließen, dass die ersten Passagiere sich die Beine vertraten und ihrer Notdurft nachkamen.

Du warst müde, fühltest eine Abgeschlagenheit von dir Besitz ergreifen, die sich mit der noch immer vorherrschenden Nervosität und Wachsamkeit biss, die deine Glieder für sich einnahm. Waren die vereinzelten Blicke auf dir doch noch immer spürbar wie dezente, gut platzierte Nadelstiche.

Stiche, die versuchten deine Erscheinung einzuordnen und herauszufinden, wer du warst, dass du so unbedarft hier hereinspaziertest. Du fühltest dich deplatziert, vollkommen auf dich alleingestellt und absolut verloren. Dennoch kamst auch du nicht umhin, langsam aber sicher deinen Blick schweifen zu lassen und die Leute aus dem Augenwinkel zu mustern, mit denen du zwangsläufig die nächsten Stunden verbringen würdest.

Die Frau zu deiner Linken hatte sich von dir abgewandt. Ihre fülligen Finger tippten auf den Bildschirm vor sich und wie es schien, würde sie die meiste Zeit des Fluges damit verbringen, sich in der breiten Filmauswahl der Airline zu suhlen. Ein etwas in die Jahre gekommener, schlaksiger Mann, der eine Reihe vor ihr saß, hatte weniger Glück. Denn als er auf seinen Bildschirm tippte, blieb dieser schwarz.

„Sehr geehrte Damen und Herren, wir werden in Kürze das Abendessen reichen. Dies ist ein Nachtflug, darum bitten wir um Verständnis, dass die Bordküche nur eingeschränkt verfügbar ist“, erschallte es über deinem Kopf, doch du nahmst die Worte kaum wahr.

War es doch abermals eine Bewegung zu deiner Rechten, die deine Aufmerksamkeit auf sich zog. Du sahst einen langen, gut gebauten Arm, der sich zu der Gepäckablage über euch hob und einen Knopf drückte. Erneut erklang ein leises Pling und es dauerte nicht lange, ehe sich eine Stewardess zu euch begab und deinen Sitznachbarn über die hohe Trennwand hinweg anlächelte.


Ein Privileg, das dir bis dato verwehrt blieb.


„Sie wünschen?“

Unwillkürlich verzogst du das Gesicht angesichts ihrer gestelzten Wortwahl, indes du es der griesgrämigen Frau neben dir gleichtatest und dich mit der Menüführung des Bordsystems vertraut machtest. Zu deinem Glück reagierte dein Bildschirm im Gegensatz zu dem des Mannes eine Reihe schräg vor dir.

Es war die Werbung eines Weltkonzerns, der sich mit DNA-Forschung beschäftigte, die dir im nächsten Augenblick entgegensprang. Das seriös lächelnden Gesicht einer Frau erschien in deinem Blickfeld, indes ihre Stimme leise aus den Kopfhörern erschallte, welche angesichts der Lautstärke der geschäftigen Kabine ungehört verhallte.

Deine Miene verhärtete sich, ehe du vehement auf das kleine Kreuz in der oberen rechten Ecke drücktest und die Frau noch im Sprechen abwürgtest.

„Ein Wasser.“

Du verkrampftest, noch bevor diese zwei Worte den Mund deines Sitznachbarn verlassen hatten. War die Stimme, mit der sie gesprochen wurden, doch derart dunkel, derart unergründlich, dass sie dir einen heißkalten Schauer über den Rücken jagte.

Langsam wandtest du das Haupt. Ganz langsam.

Doch alles, was du zu sehen bekamst, war erneut die hohe Trennwand, die deutlich machte, wie wenig dein Nebenmann davon hielt, mit den Leuten um ihn herum in Kontakt zu treten.

„Natürlich“, sagte die Stewardess und zog ohne weiteres von dannen.

Du hingegen warst wie erstarrt, während du vernahmst wie der Mann an deiner Seite sich in seinem Sitz zurücklehnte. Du konntest ihn nur hören. Nicht sehen. Doch allein das reichte schon aus, um dich vollständig zu bannen.

Wer war diese Person mit dem roten Hemd und einer Stimme, so einnehmend und akzentfrei, wie du es nie von einem Schweden erwartet hättest? Plötzlich wurde dir ganz flau im Magen. Hofftest du doch, während des Fluges nicht in die Bredouille zu kommen, mit ihm sprechen zu müssen.

Es dauerte nicht lange, ehe man ihm sein Wasser brachte. Kurz darauf wurde auch dem Rest der Passagiere Getränke ausgeschenkte. Du registriertest, dass man mit der Business Class anfing, ehe die Economy Class folgte.

Du tatest es deinem Nachbarn gleich, bestelltest ebenfalls ein Wasser und fragtest dich, kurz nachdem die Worte deinen Mund verlassen hatten, ob sie dein Nebenmann ebenso intensiv wahrnahm wie du die seinen.


Zumindest wusste er nun, dass er weibliche Gesellschaft hatte, dachtest du verdrossen.


Leise Geräusche erklangen, ließen verlauten, dass die Frau auf der anderen Seite des Ganges sich nunmehr gänzlich in ihrem ersten Film verloren hatte. Ein Drama, wenn du dich nicht täuschtest.

Du schnaubtest, zogst das Kissen aus deinem Rücken und platziertest es so, dass es als provisorische Trennwand zwischen euch fungierte. Konntest du doch beileibe darauf verzichten, noch einmal in den Genuss ihres losen Mundwerkes zu kommen.

Du lehntest dich zurück, bettetest dein Haupt auf dem weichen Stoff und ließt das leise Schwanken des Flugzeuges auf dich wirken, das davon zeugte, dass ihr dem Einflussbereich des Taifuns noch nicht gänzlich entkommen wart. Doch das Rütteln schwächte nach und nach ab, wurde weniger und entwirrte den ängstlichen Knoten in deinem Magen langsam, aber sicher.

Deine Augen waren träge, deine Lider schwer und das ohnehin schon gedimmte Licht gab sein Übriges dazu. Während du die Stewardessen dabei beobachtetest, wie sie hinter dem halb zugezogenen Vorhang das Abendessen erwärmten und im Servierwagen verstauten, fielen deine Augen langsam, aber sicher zu.

Und das Letzte, das du dich fragtest, ehe du in einen geradezu friedlichen Schlummer abdriftetest, war, ob du als umgebuchter Passagier überhaupt ein Anrecht auf Abendessen besaßt.



.
.
.




Als du einige Stunden später aus deinem nebligen Dämmerzustand erwachtest, blinzeltest du. Orientierungslos und konfus hobst du das Haupt. Irgendetwas hatte dich geweckt. Doch du wusstest beim besten Willen nicht, was es war.

Ächzend zogst du dich aus deiner halb liegenden, halb weggedrehten Position hoch. Intuitiv musstest du dich im Schlaf vom Gang und der ungnädigen Dame abgewandt haben. War es dir doch um einiges lieber, dein schlafendes Gesicht einer blanken Trennwand zu zeigen, als einer missgünstigen alten Lady.

Mit einem leisen Laut strecktest du dich. Dein Rücken schmerzte von deiner unbequemen Position, hattest du es doch nicht kommen sehen, dass dich die Müdigkeit so plötzlich übermannen würde, sodass dein Sitz noch immer in einer aufrechten Position war. Wenn man vorher nicht gewusst hatte, dass die Business Class für dich ein ganz neues Erlebnis war - nun wusste es wahrlich jeder.

Prima, dachtest du, ehe ein gequälter Zug deinen Mund umspielte, als du die Schultern lockertest.

Du sahst dich in der dunklen Kabine um. Das monotone Summen der Triebwerke drang auf dezente Art und Weise an dein Ohr, störte die Ruhe jedoch kaum.

Es musste weit nach Mitternacht sein, denn die meisten Menschen schliefen, während ihre Bildschirme flackerndes Licht warfen. Selbst die Dame neben dir war eingeschlafen und du sahst, wie der Abspann ihres mittlerweile zweiten Filmes lief, ehe sich ihr Bildschirm von ganz alleine abschaltete.

Müde fuhrst du dir über das Gesicht, blicktest zu deinem Sitznachbarn, doch wie schon die vielen Male davor, war es nichts als eine karge Trennwand, die dich anstarrte und beinahe schon verspottete.

Du vernahmst das leise Geräusch von Fingern auf einem Tablet. Ein Zeichen, dass dein Nebenmann noch wach war.

Als du auf deinen dunklen Bildschirm tipptest, um die Uhrzeit zu erfahren, kniffst du im nächsten Moment vehement die Augen zusammen. Blendete dich die plötzliche Helligkeit doch dermaßen, dass du für einen Augenblick dachtest, du würdest erblinden.

00.32 Uhr, stelltest du im Geiste fest.

Es war ein helles Flugzeug auf dunkelblauem Grund, das dir signalisierte, dass ihr euch derzeit mitten über dem indischen Ozean befandet und vermutlich gerade die Malediven überflogt. Noch vier Stunden und fünfzehn Minuten bis zu eurem planmäßigen Zwischenstopp in Dubai.

Du blinzeltest müde und wie aufs Kommando meldete sich dein Magen. Fahrig fuhr deine Hand hinab, presste sich auf deinen Bauch, indes du schamhaft zur Seite spähtest. Doch allem Anschein nach hattest du nochmal Glück gehabt und dein mysteriöser Nebenmann hatte es nicht bemerkt.

Du hattest das Abendessen verpasst, stelltest du voller Verdruss fest. Ließen einen die Stewardessen doch in der Regel schlafen, wenn sie sahen, wie es um einen bestellt war.

Nervös fuhrst du dir durchs Haar und sahst unschlüssig zu der Gepäckablage hoch. Kurz darauf schweifte dein Blick wieder zu deinem Nachbarn.


Solltest du?


Gedacht, getan und noch ehe du länger mit dir hadern konntest, drücktest du auch schon den kleinen Knopf, der nach einer Flugbegleiterin rief. Ein leises Pling ertönte, durchdrang die Kabine, wurde jedoch von keinem der anderen Passagiere wahrgenommen, außer von dem rätselhaften Mann an deiner Seite, dessen Finger kurz in der Bewegung innehielten. Noch immer hattest du sein Gesicht nicht zu sehen bekommen und du würdest lügen, würdest du behaupten, dass es dich nicht interessierte.


Verdammt, was machte diese Trennwand nur mit dir?


Es war dieselbe Stewardess, die dich schon beim Einstieg kontrolliert hatte, welche kurz hinter dem Vorhang ihres Arbeitsbereiches hervorlugte, um zu sehen, wer geklingelt hatte. Als sie dich ausmachte, glomm Erkenntnis in ihren Augen auf und mit zusammengezogenen Augenbrauen beobachtetest du, wie sie nach etwas griff, ehe sie sich auf den Weg zu dir machte.

„Was kann ich für Sie tun, Miss?“

Als sie dich ansprach, fiel dir siedendheiß auf, dass es erneut die englische Sprache war, derer du dich bedienen musstest.


Oh verflucht! So viel zu deinem Plan, dir vor deinem Sitznachbarn keine Blöße zu geben.


Du räuspertest dich, sammeltest dich für einen Moment, ehe du sagtest:

„Ist es möglich, noch eine Kleinigkeit zu Essen zu bekommen? Ich habe das Abendessen verpasst.“

Die Augen der Frau verengten sich und das Lächeln auf ihren Lippen wurde mit einem Mal eine Spur gerissener, als sie sich zu dir hinabbeugte, deine ungelenke Ausdrucksweise geflissentlich überging und antwortete:

„Es tut mir leid, aber die Küche ist geschlossen. Der Bordservice ist eingeschränkt. Ich kann Ihnen jedoch einen kleinen Snack bringen. Chips zum Beispiel.“

Du erwidertest ihr seltsames Lächeln vorsichtig und ahntest bereits Böses, ehe du aus einem inneren Impuls heraus fragtest:

„Und was würde mich das kosten?“

Nun vertiefte sich ihr Lächeln, ging von einer Seite zu anderen und ließ dich wissen, dass du ihr geradewegs in die Karten gespielt hattest.

„Zwölf Dollar für eine kleine Dose, Miss.“

Das Lächeln auf deinen Lippen gefror. Ebenso wie das ihre, nur dass sie um einiges mehr Übung darin besaß, sich ihre Abneigung dir gegenüber nicht allzu offensichtlich anmerken zu lassen. Kurz schweifte ihr Blick zu deinem Nachbarn, ehe ein gewinnendes Funkeln in ihren Augen aufglomm und dir die Gewissheit bescherte, dass sie dir ebenso wenig abgewinnen konnte wie die gute Dame zu deiner Linken, die dieses Fiasko, dem Himmel sei Dank, nicht mitbekam.

Du schlucktest, fühltest dich bloßgestellt. Nicht nur vor der arabischen Frau, sondern auch vor deinem Sitznachbarn.

Bedacht nicktest du und versuchtest deine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Vielen Dank. Ich möchte nichts.“

Als hätte sie nichts anderes erwartete, neigte die Dame den Kopf, funkelte dich mit diebischem Amüsement an, ehe sie dir ein kleines Kärtchen reichte.

„Wären Sie so freundlich, diese Karte auszufüllen? Aufgrund Ihrer Umbuchung müssen wir die örtlichen Behörden informieren, dass ein nicht registrierter Passagier das Land betritt. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind in ihrer Gesetzeslage sehr streng, darum seien Sie bitte sorgsam bei Ihren Angaben.“

Und mit diesen Worten wandte sie sich um, ließ dich überrumpelt zurück und zog den Vorhang ihres Arbeitsbereiches vehement wieder hinter sich zu.

Perplex saßt du auf deinem Platz, spürtest das feste Papier zwischen deinen Fingern und starrtest der Frau hinterher, von der du wahrhaft behaupten konntest, dass sie dir nicht wohlgesonnen war.

Als dein Blick langsam zu der Karte in deiner Hand hinabfuhr, die der elektronischen Arrival Card verdammt ähnlich schien, die du bereits auf dem Hinflug nach Singapur hattest ausfüllen müssen, schlucktest du. Denn das Erste, was du wahrnahmst, waren arabische Silben. Darunter, ganz in klein, war kaum leserlich die englische Übersetzung abgedruckt.

Du kniffst die Augen zusammen, spürtest einen kalten Lufthauch der Klimaanlage über deine Beine streichen, während du dich vorbeugtest und versuchtest, die winzig kleinen Buchstaben zu entziffern. Als sich beim Näherkommen jedoch plötzlich eine Staubschicht löste und dich unversehens zum Niesen brachte, wusstest du kaum mehr, wohin mit dir.


Hatschi!


Du hieltest die Hand vor den Mund, versuchtest, dein Niesen zu dämpfen, um die anderen Passagiere nicht zu wecken und die ältere Frau neben dir gab ein schmatzendes Geräusch von sich, als sie sich in ihrem Sitz herumdrehte und selig weiterschlummerte.

Ein, zweimal hustetest du, ehe du dir auf die Brust klopftest und die Tränen zurückhieltest, die das Kratzen in deinem Hals hervorrief. Die gedämpfte Ruhe der Kabine hüllte dich ein und du sahst dich noch ein letztes Mal um, ehe du dich erleichtert in deinen Sitz zurückfallen ließt und dir die Karte abermals vor Augen hieltest. Diesmal jedoch mit gehörigem Sicherheitsabstand.

Sie musste alt sein. Uralt, denn soweit du wusstest, war es nicht üblich, für den arabischen Raum eine Arrival Card auszufüllen.

Bereits auf dem Hinflug hattest du Probleme mit diesem mistigen kleinen Ding gehabt, doch da war es zum Glück eine gute Bekannte gewesen, die dich im Vorfeld aus der Misere hatte retten können.

Diesmal jedoch ...

Langsam schweifte dein Blick nach rechts. Fand abermals die hohe Trennwand und du verteufeltest das Ding.

Deine Fingerspitzen zuckten, als sie sich leicht um die Karte in deiner Hand verkrampften. Nervosität wallte in dir auf, bescherte dir ein vehementes Kribbeln. Es wurde stärker, immer stärker, indes du dir gewahr wurdest, dass du nicht einmal einen Kugelschreiber zum Ausfüllen besaßt.

Darum nahmst du all deinen Mut zusammen, setztest dich ein kleinwenig auf und räuspertest dich.

„Entschuldigung“, begannst du. Deine Stimme unsicher, fast schon ein wenig zaghaft.

Du vernahmst nichts. Nichts außer dem leisen Geräusch, mit dem dein Sitznachbar über sein Tablet strich und allem Anschein nach arbeitete. Beinahe tat es dir leid, ihn zu stören. Doch du hattest keine Wahl.

„Entschuldigung“, sagtest du nochmals und hobst wie aus Reflex die Hand, so als würdest du anklopfen wollen, nur um unvermittelt in der Bewegung innezuhalten. Wusstest du doch nicht, wogegen du klopfen solltest.

Jedoch verflüchtigte sich die Bredouille, in der du stecktest, im nächsten Moment, als sich dein Nebenmann plötzlich regte. Mit angehaltenem Atem hörtest du das leise Rascheln von Stoff, ehe sich der Fremde vorbeugte und im nächsten Moment um die hohe Trennwand blickte, die euch in den letzten Stunden voneinander getrennt hatte.

Und mit einem Mal blieb dir das Herz stehen.


Haare, so rot wie Blut.


Das war das Erste, was du wahrnahmst. Das Zweite war eine undefinierbare Miene und ein Blick, so berechnend wie nichts zuvor.

Dir gefror das Blut in den Adern. Doch warst du nicht imstande, die Augen von dem Mann zu lösen, der es auf seltsame Art und Weise verstand, dich gänzlich für sich einzunehmen.


„Ja?“


Seine Stimme war tief. War dunkel. Und du meintest einen Hauch von Arroganz heraushören zu können, die dich nervös zum Schlucken brachte.

Du öffnetest den Mund, wurdest durch seine unerwartet attraktive Erscheinung jedoch derart aus der Bahn geworfen, dass du die Lippen einen Moment später wieder schlosst wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Es war eine zu Wirbeln geformte Augenbraue, die ihm einen seltsam vornehmen Ausdruck verlieh und sich spöttisch anhob, je länger du schwiegst. Doch dann risst du dich aus deiner Starre und strichst dir scheu eine Strähne deines Haares hinters Ohr.

„Ich ... bitte entschuldigen Sie“, begannst du schüchtern und warst versucht, die Augen zusammenzupressen angesichts so viel Torheit.


Komm zum Punkt, Frau!


„Haben Sie vielleicht einen Stift für mich?“, brachtest du dann endlich die Frage heraus, die dir schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte.

Du setztest ein unsicheres Lächeln auf und hobst die Hand, in der noch immer die verstaubte Karte ruhte, die dir die Flugbegleiterin gereicht hatte.

Für einen Moment schien der Fremde dich zu mustern und du kamst nicht umhin, zu bemerken, dass er verdammt scharfsinnig war. Denn als sein Blick einen Moment später zu der Karte in deiner Hand wanderte, war es pure Intelligenz, die du in seinen Opalen ausmachen konntest.

Er war Geschäftsmann. Durch und durch. Das wurde dir in genau diesem Moment bewusst.


„Nein.“


Sein rotes Haar verschwand so schnell aus deinem Blickfeld wie es gekommen war.

Du öffnetest den Mund, setztest bereits zu einem Dank an, hattest du doch mit einer positiven Antwort gerechnet. Als seine rigorose Abweisung jedoch zu dir durchdrang, stocktest du perplex.

Du blinzeltest. Blinzeltest nochmal, ehe du zu der Karte in deiner Hand hinabstarrtest und kurz darauf wieder zur Trennwand blicktest.


Er ... das ... was?!


Dein Blick wurde unbeholfen, jedoch zwangst du dich im nächsten Moment wieder zur Contenance. Dennoch war deine unüberlegt handelnde Ader derart ausgeprägt, dass du dich im nächsten Moment vorlehntest, mit klammen Händen den Rand der Trennwand umfasstest und dich nun deinerseits vorbeugtest.

Und als du erstmals einen Blick in das private Reich deines Nebenmannes warfst und ausmachtest, wie er die Beine überschlagen hatte, indes das Rot seines Haares im dämmrigen Licht ein einnehmendes Bild mit der Farbe seiner Kopfstütze bildetet, erhaschtest du einen kurzen Blick auf seine Miene, die sich konzentriert auf sein Tablet fixierte, ehe seine Augen mit einem Mal von dem elektronischen Gadget abließen und dich anfunkelten.


Diesmal mit einem mehr als genervten Glanz in seinen Iriden.


„Sie haben keinen?“, fragtest du frei heraus und hieltest seinem bohrenden Blick stand.

Dein Gegenüber schwieg. Starrte dich einfach nur an und machte allein mit seinem Blick deutlich, wie unerwünscht deine Vehemenz war. Du schlucktest, hieltest seinem Blick jedoch stand. Wacker hieltest du dich. Wenngleich deine Finger langsam aber sicher begannen, vor Nervosität zu zittern.

Ein Zittern, das auch er wahrnahm, als seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde zu ihnen hinabwanderten, was dich dazu brachte, die Trennwand blitzschnell wieder loszulassen.

„Nennen Sie mir einen Grund, Ihnen auszuhelfen.“

Deutlicher hätte seine Antwort kaum sein können.

Fest bisst du die Zähne zusammen, schlucktest die Erwiderung herunter, die dir im Affekt aufstieß und deine Kehle fühlte sich an wie Schmirgelpapier, als du langsam den Kopf senktest und zu der Karte in deiner Hand hinabblicktest.

Hilflos verzogst du die Lippen, ehe du dir alle Mühe gabst, deine Regung in der nächsten Sekunde wieder zu verschleiern.

Kommentarlos zogst du dich zurück, hattest du den einen Grund doch bereits hervorgebracht. Der Blick des Fremden verfolgte dich, ehe du aus seinem Sichtfeld verschwandest.


Ein Blick, so kalt wie Eis.


Als du dich in deinen Sitz zurücksinken ließt, blieb es still um dich herum. Das gedimmte Licht nahm die gesamte Kabine für sich ein, während es kleine Lichtpunkte waren, die von der Decke des Flugzeuges hinableuchteten und den Sternen glichen, die draußen vor dem Fenster aufglommen.

Hattest du sie eben doch noch aus dem Augenwinkel gesehen, als du dich zu deinem Nebenmann hinübergelehnt hattest.

Dein Kiefer mahlte. Doch nicht aus Wut, sondern vielmehr aus Scham. Du versankst in Gedanken, schimpftest dich eine Närrin.

Als es jedoch plötzlich ein heller Ton war, der an eure Trennwand klopfte, nahmst du auf einmal den Kugelschreiber wahr, der halb hinter der Trennwand hervorlugte.

Für einen Moment schautest du perplex, ehe du dich beeiltest, nach dem Stift zu greifen, den man dir auf solch unverhoffte Art und Weise reichte.

„Danke“, sagtest du leise.

Schwer lag der Kugelschreiber in deiner Hand. Bestand er doch aus edlem Metall, das sich an deine Haut schmiegte und eine Wärme absonderte, die darauf schließen ließ, dass dein Sitznachbar ihn bis eben noch nah am Körper getragen haben musste.

Sorgsam wägtest du ihn ab.

Dein Nebenmann antwortete nicht. Doch damit hattest du auch nicht gerechnet.

Nun war es an dir, dich über die Karte zu beugen und die englische Schrift zu entziffern, die kleiner kaum anmuten konnte.

Man fragte nach Dingen wie deinem Namen, deiner Nationalität, deinem Einkommen, aber auch nach deiner Reisepass- und Flugnummer.

Fahrig fuhrst du zu deiner Hosentasche, angeltest nach deinem Pass und blicktest eine Sekunde lang zweifelnd auf die vielen Zahlenfolgen herunter, von denen du beim besten Willen nicht sagen konntest, welche genau du aufschreiben solltest.

Ein geschlagener Seufzer kam von dir, ehe du den Kopf hobst. Zumindest eine Sache konntest du neben deinem Namen und deiner Nationalität notieren.


Nämlich die Flugnummer.


Mit einem zielgerichteten Tippen deines Fingers erwachte der Bildschirm vor dir zum Leben. Abermals war es die Werbung des DNA-Forschungsunternehmens, die dir entgegenschlug und dich damit auch um das letzte Fünkchen deiner Selbstbeherrschung brachte.

Mit einem unwirschen Laut knalltest du deine Fingerkuppe auf das kleine Kreuz in der oberen rechten Ecke, ehe du dir aufgewühlt durch das Haar fuhrst und für einen Moment die Augen schlosst.


Vergessen war die Flugnummer, die du eben noch herausfinden wolltest.
Vergessen dein Problem mit deinem Reisepass.



Musstest du dich doch erstmal sammeln und das Gefühl in deinem Inneren niederringen, das sich auf unschöne Art und Weise in dir hochkämpfte.

Unberührt lagen deine Ausweispapiere in deiner Hand und du warst so in Gedanken versunken, dass du im ersten Moment nicht mitbekamst, wie der Fremde neben dir plötzlich innehielt und langsam von seinem Tablet aufsah.

Einige Sekunden der Stille kamen auf, ehe du mit einem Mal bestimmende Finger spürtest, die dir deinen Pass abnahmen.

Dunkle Augen trafen auf die deinen, nahmen dich gefangen und du ließt deinen Reisepass anstandslos durch deine Finger gleiten.

Als sich die Augen des Fremden langsam von deinen lösten und zu deinem Passbild hinabblickten, registriertest du mit einem seltsamen, kribbelnden Gefühl, wie er deine Daten überflog, ehe er im nächsten Augenblick das kleine Büchlein schwenkte und einen Blick auf die Vorderseite erhaschte.

Und dann ... ganz langsam ... ja beinahe schleichend ... breitete sich ein mysteriöses Lächeln auf seinen Lippen aus.

Er sah dich an. Wirklich an und nicht nur durch dich hindurch.


„Deutsche also.“


Seine Worte waren ein Raunen. Ein Raunen, so verheißungsvoll und dunkel zugleich.
Doch was dir noch vielmehr in Erinnerung blieb, war ein gänzlich anderer Umstand.


Sprach er die Worte doch in deiner Muttersprache.


Haare, so rot wie Blut.





 
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Und hiermit heiße ich euch herzlich Willkommen zu With a Lascivious Touch :‘)

Ich möchte mich vielmals bei meinen Lesern von Without Empathy bedanken, die mit insgesamt 98 Stimmen ihren Liebling unter den Vinsmokes gewählt haben und anhand deren Vota ich drei Stories geplant habe, die sich je um einen unserer Prinzen drehen.

Eigentlich als One-Shots geplant, wurden aus meinen Ideen nun Three-Shots, haha :D Schande über mich!

Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen und sage: Bis zum nächsten Kapitel!

Viele liebe Grüße, eure Fey

P.S. Es heißt übrigens wirklich Malaiische Halbinsel und nicht Malaisische. Ich musste das auch erstmal nachschlagen, bevor ich es glauben konnte, haha. Was das Unwetter betrifft, so spricht man von einem Taifun, wenn er sich über dem Pazifischen Ozean bildet, von einem Zyklon, wenn er im Indischen Ozean entsteht und von einem Hurrikane, wenn er vom Atlantik her aufzieht.
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