Blutige Erinnerung

von Tatu
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
04.08.2019
11.12.2019
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Kapitel 12


Harte Arbeit

Ich erinnere mich nicht wirklich an die Rückfahrt, aber atme auf, als ich auf Sarahs Grundstück ankomme. Ich parke den Wagen, stelle den Motor ab und schließe die Augen. Allerdings erscheint sofort das Bild von dem fressenden Monster vor meinem inneren Auge, also öffne ich sie wieder und massiere mir die Nasenwurzel. Das kann doch alles nicht sein. Mittlerweile denke ich, dass ich mir das nur eingebildet habe. Ich habe mit Sicherheit nur die Schemen des Tieres gesehen und mein Gehirn hat daraus dieses skurrile Bild geformt. Ja, so muss es gewesen sein, alles andere ist Schwachsinn. Ich versuche, meinen hektischen Atem und den wilden Herzschlag, der meine Brust zu zerreißen droht, zu beruhigen, indem ich mich zwinge, langsam durch die Nase ein- und durch den Mund auszuatmen. Nach einer ganzen Weile hat sich zumindest meine Atmung normalisiert. Ich beschließe, ins Haus zu gehen und zu duschen. Etwas zittrig bin ich noch, aber das wird sich hoffentlich mit dem warmen Wasser unter der Brause legen.

Tatsächlich hat mir die heiße Dusche gut getan. Meine angespannten Muskeln haben sich wieder entspannt. Mittlerweile ist es Mittag und ich belege mir ein Sandwich, um es vor dem Fernseher zu essen. Ich brauche jetzt etwas Ablenkung. Beim Zappen durch die Kanäle bleibe ich auf einem Sender hängen, der gerade die lokalen Nachrichten bringt. Die Stimme der Sprecherin dringt in meinen Kopf.

„... bei der Vermissten handelt es sich um die 21-jährige Hester Crimson aus Morgantown. Das ist mittlerweile schon die achte junge Frau, die in den letzten Monaten verschwunden ist. Die Polizei schließt ein Gewaltverbrechen nicht aus. Crimson wurde zuletzt in ihrer Kirche gesehen, danach verliert sich jede Spur ...“

Schon wieder eine vermisste Frau. Das Bild des halben Frauenkörpers schiebt sich in meine Gedanken. Ich versuche, es mit einem Schütteln meines Kopfes loszuwerden, doch es gelingt mir nicht. Es ist dort wie festgetackert. Nur Einbildung! Reine Einbildung! Herrje, Monster existieren nicht. Mein Verstand hat mir einen Streich gespielt.
Ich habe keinen Appetit mehr und still herumsitzen kann ich auch nicht, also gehe ich in den Garten, in Richtung Schuppen, um mir den Spaten und die Spitzhacke zu holen. Sarah hatte mich vor einer Woche gebeten, ein Carport zu bauen. Das Holz haben wir schon vor ein paar Tagen geliefert bekommen, Beton und die Verankerungen habe ich besorgt. Jetzt bleibt mir noch, die Löcher in den staubtrockenen und knochenharten Boden zu hauen. Diese Tätigkeit kommt mir gerade verdammt sinnvoll vor. So besteht die Möglichkeit, dass ich auf andere Gedanken komme.
Ich messe die Stellen aus, an denen die Kuhlen hinmüssen und kennzeichne diese. Dann ist es endlich soweit, ich kann mit der Spitzhacke ausholen und den ersten, hoffentlich wohltuenden Schlag vollziehen. Mit voller Wucht lasse ich den Pickel hinuntersausen. Es rumst und in meinen Handgelenken fühle ich einen willkommenen Schmerz. Im Boden ist jedoch nur ein kleines Loch zu sehen. Ich hole stärker aus und bringe mein ganzes Gewicht und meine gesamte Kraft in diesen Hieb. Es kracht und die Spitzhacke klirrt in dem steinigen Boden. Funken schlagen und Steine werden aufgewirbelt. Die Gewalt des Aufpralls malträtiert meine Schultern und Ellenbogen, aber es ist mir egal. Genau das brauche ich jetzt, um auf andere Gedanken zu kommen.

Es benötigt viele solcher Schläge, bevor sich die Erde lockert. Mir läuft der Schweiß über das Gesicht und in den Nacken, deshalb ziehe ich mein T-Shirt aus und wische mir die Suppe ab. Es ist warm, also kann ich auch mit freiem Oberkörper arbeiten. Am vierten Loch angelangt, schreit mein Körper nach einer Pause. Ich hole mir eine Flasche Wasser und trinke sie in einem Zug halbleer.
Da mir zum Weiterhacken die Kraft fehlt, beschließe ich, zuerst einmal die Löcher auszuheben. Mit dem Spaten steche ich in die aufgelockerte, jedoch steinige Erde und trete das Blatt mit dem Stiefel tiefer. Beim Schippen überkommen mich Bilder. Bilder von mir und diesem langhaarigen Kerl, den ich schon in einem meiner Träume gesehen habe. Wir buddeln ein großes Loch. Doch gerade, als ich versuche, diese Erinnerung zu halten, verschwindet sie. Mit dem Arm fahre ich mir über die vom Schweiß klebrige Stirn und setze die Buddelei fort. Da geschieht es wieder. Ich sehe, wie ich auf einem Friedhof ein Grab aushebe. Es ist dunkel und der andere Kerl steht bei mir und hält eine Taschenlampe. Also ein Bestatter kann ich nicht gewesen sein, die graben nicht mitten in der Nacht auf dem Friedhof herum. Aber warum habe ich das getan? Und wer ist der Typ?
Ich schüttele meinen Kopf und hoffe, dadurch die Vision zu vertreiben. Doch sie bleibt. Sobald ich einen Spatenstich mache, stehe ich geistig in einer Grube und schaufele.
Frustriert schmeiße ich den Spaten von mir, der scheppernd gegen die Schubkarre knallt. Ich setze mich erschöpft auf den Boden. Meinen Kopf auf den herangezogenen Knien rastend und die Hände im Haar vergraben, versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Das Motorengeräusch von Sarahs Auto nehme ich nur in weiter Ferne wahr.

Ich höre eine Autotür zuschlagen und den Kies unter ihren Schuhen knirschen.
„Dylan, ist alles in Ordnung? Was ist passiert?“, ruft sie mit zittriger Stimme.
Sie hockt sich vor mich und ich sehe in ihre weit aufgerissenen Augen, als ich mein Haupt hebe.
„Ist schon gut“, versuche ich, sie zu beruhigen. „War kein guter Tag.“
„Wieso? Was ist los? Rede mit mir!“
„Es ist nichts, nur ein paar Bilder, die in meinem Kopf herumspuken und mich nicht in Ruhe lassen.“
„Was für Bilder?“
Ich überlege, was ich ihr sagen soll, entscheide mich dann dafür, ihr nur von den Visionen während des Grabens zu erzählen ...

„Ich habe keine Ahnung, warum ich das gemacht haben soll und was das zu bedeuten hat“, schließe ich meinen Bericht.
Sarah hat mir schweigend zugehört und sagt zögernd: „Vielleicht ist es gar keine echte Erinnerung. Was wäre, wenn du im Unterbewusstsein nur irgendwelche Eindrücke miteinander verbindest?“
Ich muss an mein Erlebnis mit dem Monster im Wald denken. Ja, was ist, wenn ich das tue? Ist das ein Zeichen dafür, dass ich langsam den Verstand verliere?
„Du hast wahrscheinlich recht“, lenke ich ein, bin aber alles andere als davon überzeugt.
„Komm, lass uns reingehen, es wird kühl und du bist ganz nassgeschwitzt.“
Sie reicht mir ihre Hand, die ich ergreife und raffe mich mit ihrer Hilfe auf. Eine weitere Dusche wird mir gut tun.
„Während du dich frischmachst, koche ich uns das Abendessen.“
Ich schlurfe kraftlos die Treppe rauf und ziehe die schmutzigen restlichen Klamotten aus. Das Wasser stelle ich zuerst kühl ein, da mir immer noch warm ist, dann steige ich in die Duschkabine und lasse das erfrischende Nass über meinen schmerzenden Körper laufen. Nach dem Abseifen drehe ich das heiße Wasser mehr auf. Die Wärme umarmt mich und ich lehne mich mit der Stirn an die kalten Fliesen. Mit geschlossenen Augen versuche ich, an nichts zu denken, aber es gelingt mir nicht.
Als ich meine Lider wieder aufschlage, und nach unten zu meinen Füßen sehe, erblicke ich rotes Wasser. Es läuft in Rinnsalen an mir herab. Meine Hände und Arme sind blutig. Oh Gott, was habe ich getan! Mir wird schwindelig und übel.
Ich schließe erneut die Augen, öffne sie aber sogleich zitternd und schnell atmend wieder. Und sehe ... nichts! Das Wasser in der Duschwanne ist klar und auch an meinen Händen klebt kein Blut. Was geschieht mit mir? Hektisch steige ich aus der Dusche und trockne mich fahrig ab. Für einen Augenblick hatte ich gedacht, ich hätte Sarah etwas angetan und wüsste nichts davon. Also rufe ich: „Sarah?!“
Erleichterung macht sich in mir breit, als ich sie antworten höre: „Ja? Ist alles okay?“
„Ja, ich komme gleich!“
„Gut, das Essen ist fast fertig.“
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Ihr Lieben,
die Visionen nehmen zu und setzen dem armen Dylan/Dean zu. Er hat das Gefühl langsam durchzudrehen. Hätte er Sarah vielleicht doch die ganze Wahrheit sagen sollen?  Wie es ihm weiterhin ergeht, könnt Ihr am Sonntag lesen.

Ihr habt mich sehr glücklich gemacht, als Ihr mir die Sterne, den neuen Favoriteneintrag und die tollen Reviews zukommen lassen habt. So macht das Schreiben und Veröffentlichen gleich doppelt so viel Spaß. Ihr seid super! Habt tausend Dank!
Ich wünsche Euch einen schönen Abend.
Eure Tatu
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