Der liebe Tod

von Sorakura
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
04.08.2019
10.09.2019
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Es war der 03. August 2019. Die Uhr besagte 22 Uhr und 40 Minuten.
An diesem Samstag starben bis genau zu diesem Zeitpunkt 34.771.527 Menschen im Jahre 2019. 152.853 waren es nur an diesem Samstag.
Die Zahl mochte erschreckend wirken, doch gab es an diesem Samstag innerhalb der beinahe dreiundzwanzig Stunden fast vierhunderttausend neue Menschen. Im ganzen Jahr waren es fast dreiundachtzigmillionen.
Die Weltpopulation war im stetigen Wachstum. Würde es den Tod nicht geben, würde die Welt schon längst nicht mehr existieren. Die Ressourcen wären schon lange aufgebraucht und die Menschen hätten keinen Lebensraum mehr. Der Tod war notwendig. Niemand würde dies bestreiten.

Über den Tod gab es viele Diskussionen. Die Religionen und Philosophien stritten sich um die endliche Lösung: War es nun endgültig, eine Phase der Wiederverkörperung oder würde man sich doch in einem Totenreich wiederfinden? Niemand konnte eine Antwort geben. Wie auch? Dem Tod konnte man nicht entkommen. Hin und wieder berichteten Personen über eine Nahtoderfahrung, doch diese würde einen Menschen niemals so weit verschlingen, als dass er die Wahrheit erblicken könnte.

Die Menschen fürchteten alles, was sie nicht kannten. Der Tod, so ungewiss wie er war, bildete keine Ausnahme. Mit verzweifelten Versuchen wurden Symbole erschaffen, die dem Ungewissen ein Gewissen geben sollten. Es begann sehr früh: Schon im alten Ägypten fand sich Osiris, der Gott des Jenseits. In der Antike berichteten die Menschen über den griechischen Thanatos und ab dem Mittelalter fand sich das wohl bekannteste Symbol in der bildenden Kunst wieder. Denn welches Kind heutzutage kannte nicht den Sensenmann, das Skelett in seiner schwarzen Kutte mit seiner Sense, welcher die Sterbenden in das Totenreich führte?

All diese Symbole ließen den wahren Tod höchstens schmunzeln. Er war kein Gott, zumindest bezweifelte er es. Er wusste nicht einmal, was für ein Wesen er genau war. Er würde auch nicht auf die Frage antworten können, ob er von einem Gott erschaffen worden war oder ob er einfach anfing zu existieren. Doch er konnte eindeutig beantworten, dass er keinesfalls ein Skelett in einer schwarzen Kutte samt Sense war.

Sein Aussehen war dem eines Menschen gleich. Er hatte eine menschliche Haut, deren Teint einem Ägypter glich. Sein Haar war pechschwarz, es wirkte stets leicht ungekämmt und einzelne Strähnen hingen ihm in sein Gesicht. Es war länger als für einen normalen Mann gewöhnlich, so erreichte es seine Schultern und ging sogar ein wenig darüber hinaus. Das Gesicht des Todes hatte keine Auffälligkeiten. Seine Augen besaßen im Reich der Toten ein glühendes Gelb und die Pupille erinnerte an eine Katze. Doch wandelte er im Reich der Lebenden, waren seine Augen mit einem gewöhnlichen Braun gefüllt. Auch seine Kleidung unterschied sich zwischen den Reichen. In seinem Reich besaß er ein schwarzes, schlichtes Outfit, geschmückt mit einem ebenso schwarzen Umhang, welcher den Boden berührte. Den Umhang hielten goldene Ketten zusammen und an den Schultern befanden sich knöcherne Platten. Auf der Erde war sein Outfit ebenfalls schwarz gehalten, doch sein Shirt war strahlend weiß. Hinzu kam eine dünne, schwarze Stoffjacke, welche durch ihre goldenen Knöpfe und dem mit Gold verzierten Kragen auffiel, doch sonst erweckte sein Äußeres kein Aufsehen.

Nichts von der bekannten Symbolik des Skelettes war bei ihm wiederzufinden. Er besäße große Probleme, wäre er eben jener Sensenmann aus den Geschichten. Schließlich war es seine Aufgabe, auf der Erde zu wandeln und Sterbende aufzusuchen, um sie in sein Reich zu geleiten. Wäre er das Skelett, würde jeder Mensch schreiend vor ihm davonlaufen und Aufsehen erregen, welches seine Arbeit stören würde. Denn er war nicht unsichtbar für die Lebenden, wie viele Mythen es kundgaben. Jeder konnte ihn erblicken.

Ein Umstand, welcher ihm hingegen schon des Öfteren ein Problem bereitete. Menschen hielten gerne andere Menschen auf. Die Lebenden hatten gewiss dafür Zeit. Doch die Sterbenden nicht und der Tod konnte es sich nicht leisten, die Sterbeliste zu unterbrechen.
Doch ab und an, wenn er die Zeit dafür finden konnte, mochte der Tod es, mit den Lebenden zu sprechen. Ihre Geschichten sich anzuhören und ihnen ein weiteres, glückliches Leben zu wünschen.

Ein weiterer Umstand, der ihm schon bald Probleme bereiten würde.
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