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Stray hearts

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
Chuya Nakahara Osamu Dazai
03.08.2019
22.07.2021
35
74.630
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22.07.2021 1.854
 
Wir finden eine Lösung. Alles, was jetzt passiert, ist nur vorübergehend- und ich muss Dazai nie wieder sehen, sobald es vorbei ist.

Das waren die Worte, die Chuuya immer wieder in seinem Kopf wiederholt hatte, bis sie ihre Wirkung ganz von allein verloren hatten. Vielleicht hatte er tief in ihm schon längst nicht mehr daran geglaubt, aber auch, wenn er am Rande der Verzweiflung gestanden hatte- es war immer der Gedanke dabei gewesen, dass sie schon eine Lösung finden würden. Dass alle ihre Opfer temporär waren.

Chuuya war nicht bewusst gewesen, wie verzweifelt er sich an dieser Vorstellung festgehalten hatte.

Er hatte gewusst, dass er sich selbst belog. In seinem Inneren hatte er längst die Erkenntnis getroffen, dass er keine Chance hatte, eine Lösung zu finden, und dass auch Dazai an seine Grenzen gestoßen war. Wenn- nein, falls es eine Möglichkeit gab, ihre Körper wieder zurück zu tauschen, mussten sie damit rechnen, dass es Jahre dauern würde, um sie zu finden. Und ausgehend von dem, was allein in den letzten Wochen passiert war, war es vermutlich keine pessimistische Ansicht, zu sagen, dass es an diesem Punkt keinen Zweck mehr hätte, es zu versuchen.

Langsam richtete sich Chuuya vom Sofa in Dazais kleiner Wohnung auf. Er hatte sich schon mehr daran gewöhnt, als er sich eingestehen wollte, und es fühlte sich natürlich an, jeden Tag wieder dorthin zurückzukehren. Er hatte Dazais Leben ohne weiteres übernommen, so, wie es Dazai wohl mit seinem getan hatte.

Chuuya biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht war das ja der Sinn dieser letzten Wochen gewesen, irgendein boshafter, schlechter Scherz, der sie nur darauf vorbereitet hatte, dieses Elend für den Rest ihres Lebens weiterzuführen.

Chuuya hasste sich für diese Gedanken. Es war, wie Dazai es gesagt hatte; er wollte nicht aufgeben, und sie würden nicht aufhören, nach einer Lösung zu suchen… nein, sie gaben vielleicht nicht auf, aber es fühlte sich allemal so an.

In Fakt, es war viel schlimmer. Aufzugeben bedeutete, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Und vielleicht gefiel Chuuya der Gedanke, ab sofort als Dazai zu leben, nicht, aber aufzugeben würde bedeuten, alle Probleme der letzten Zeit loszuwerden. Er müsste sich nicht mehr darum sorgen, was Dazai tat, und welche Konsequenzen sein Handeln auf ihn haben würde. Er müsste sich nicht mehr mit Dazai treffen, um zuzusehen, dass alles in Ordnung blieb, und vielleicht eine Lösung zu finden. Die Vorstellung, in dieser Sache aufzugeben, war nicht angenehm, aber sie würde die Sache in diesem Moment so viel leichter machen.

Und genau das taten sie nicht. Nicht, dass Chuuya etwas anderes akzeptiert hätte; allein sein Stolz verbot es ihm, diese Sache auf dem schnellsten und leichtesten Weg zu beenden. Andererseits bedeutete das, dass er sich darauf einließ, auf unbestimmte Zeit mit Dazai zu arbeiten, und auf Dazai aufzupassen. Dieser Scheiß würde weitergehen, genau auf die Weise, wie es in den letzten Wochen gewesen war, nur, dass sich Chuuya nicht mehr daran festhalten konnte, dass es nur vorübergehend wäre.

Vielleicht sollte er mit Dazai darüber sprechen. Vielleicht hätte Dazai noch eine andere Lösung, irgendetwas, das sie stattdessen tun konnten; nicht aufgeben, aber auch nicht in dieser Ungewissheit weiterleben. Ein Teil von Chuuya wollte lieber sterben, als so weiterzumachen, und vielleicht…

Ein leises Klopfen an der Tür riss Chuuya abrupt aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf etwas höher und konzentrierte sich wieder auf die Geräusche um ihn herum; einige Sekunden lang blieb es still, bevor es erneut klopfte. Anscheinend hatte er es sich nicht nur nicht eingebildet, sondern es musste auch um etwas wichtiges gehen, wenn der Person draußen so viel daran lag, dass Chuuya sie bemerkte. Und ihr die Tür öffnete.

All diese Besucher hatten wirklich ein hervorragendes Gespür für Timing. Kein Wunder, dass Dazai so sonderbar war, dieser Trubel würde Chuuya vermutlich auch nach kurzer Zeit in den Wahnsinn treiben.

Seufzend stand Chuuya auf und ging zur Tür hinüber. Natürlich, er hätte das Klopfen auch einfach ignorieren können, doch er hatte das Gefühl, diese Entscheidung würde mehr Schaden als Nutzen bringen. Zumal es beim letzten Mal ziemlich wichtig gewesen war, und außerdem hoffte Chuuya, sich so ein wenig von seinen Gedanken ablenken zu können.

Ein Teil von ihm wäre nicht einmal überrascht gewesen, wäre es schon wieder irgendjemand aus der Mafia gewesen. Verdammt, an dieser Stelle hätte es jeder sein können- wäre Shirase oder Fyodor oder Rimbaud hier aufgetaucht, es hätte ihn an dieser Stelle nicht mehr überrascht. Ganz im Gegenteil, das wäre vermutlich noch normal gewesen, verglichen mit den Ereignissen der letzten Wochen.

In diesem Sinne war es fast erstaunlich, als er vor der Tür nur zwei Mitglieder der Detektivagentur fand, die beinahe ironisch fehl am Platz wirkten. Atsushis Anblick ließ Chuuya kurz innehalten und darüber nachdenken, ob er sich schon wieder verdächtig verhalten hatte und den Schützling seines ehemaligen Partners dazu animiert, nach ihm zu sehen, aber irgendetwas sagte ihm, dass dieser Besuch einen anderen Hintergrund hatte. Vielleicht war es das schwache, unsichere Glänzen in Atsushis Augen, oder die Tatsache, dass er diesmal nicht allein war; zumal Kyouka hinter ihm Chuuya einfach nur kühl musterte. Nicht, dass ihn das nervös gemacht hätte, aber es trug doch noch weiter zu seiner Verwirrung bei. „A-atsushi?“ Er presste die Lippen aufeinander und schüttelte kurz den Kopf. Nach allem, was passiert war, würde er diesen Kindern jetzt nicht Grund zur Annahme geben, dass irgendetwas nicht stimmte. „Kyouka?“ Unwillig bemerkte Chuuya, dass seine Stimme immer noch belegt klang, aber immerhin wackelte sie nicht mehr so stark.

„Wir wollten mit dir sprechen.“ So weit hatte Chuuya schon fast gedacht, aber irgendetwas am Auftreten der beiden Detektive gab ihm das Gefühl, dass hinter diesem Besuch noch mehr steckte. Keiner von ihnen sah ihm in die Augen; Kyouka wirkte relativ desinteressiert- wobei Chuuya die ehemalige Assassinin gut genug kannte, um daraus keine voreiligen Schlüsse zu ziehen- doch Atsushi schien beinahe… nervös. Seit er in diesem Körper steckte, hatte Chuuya eigentlich oft genug mit ihm gesprochen, um zu bemerken, dass es hier um etwas… wichtiges gehen musste.

Er nickte knapp, wobei er selbst nicht ganz bemerkte, was er hier tat. „Gerne.“ Beinahe überrascht hörte Chuuya, wie ruhig seine Stimme klang.

Doch anscheinend hatte er die Situation trotz allem unterschätzt.

Atsushi zögerte kurz, bevor er den Kopf schüttelte und seufzte. „Es… es könnte ein wenig dauern“, murmelte er. „Wenn du Zeit hast, können wir hereinkommen? Ansonsten kommen wir ein andermal wieder.“

Chuuya blinzelte. Das schien ja wirklich etwas ernstes zu sein… irgendetwas daran gab ihm ein schlechtes Gefühl. In jedem Fall wäre es vermutlich klug, auf die beiden einzugehen. „Natürlich.“ Etwas perplex trat Chuuya zur Seite. „I-ich denke, ich sollte auch noch etwas Tee haben…“

„Danke.“ Atsushi lächelte flüchtig, doch Chuuya fiel auf, dass er seinem Blick auszuweichen zu versuchen schien und seine Stimme viel zu leise und gedrückt klang, als dass es ihn nicht in seinem schlechten Gefühl bestätigen würde.

Immer noch zögernd führte er die beiden Detektive in Dazais Wohnzimmer und ging selbst weiter in die Küche, ohne noch wirklich auf sie zu achten. Warum war er überhaupt so nervös? So ernst die beiden auch schienen, wenn Chuuya genauer darüber nachdachte, fiel ihm eigentlich nichts ein, was sie sagen könnten, dass seine Besorgnis rechtfertigen würde. Den Gedanken so gut wie möglich ignorierend, beschloss Chuuya, diese Gefühl einfach auf die Ereignisse der letzten Tage zu schieben und konzentrierte sich stattdessen darauf, was um ihn herum passierte.

Chuuya konnte hören, wie Atsushi und Kyouka sich hinsetzten, und dann war es still. Die beiden sprachen nicht miteinander, sprachen nicht mit ihm, sie schienen sich nicht einmal zu bewegen; alles, was in der Wohnung zu hören war, war das Geräusch des Wasserkochers und der Tassen, während Chuuya den Tee vorbereitete.

Das ganze ging beinahe so weit, dass Chuuya fast vergaß, dass sie überhaupt hier waren. Es war sowohl verrückt als auch irgendwie verachtenswert, dass er sich bereits so sehr an das Leben als Dazai gewöhnt hatte. Wenn er sich erinnerte, wie nervös er bei seinem ersten Gespräch mit Kunikida gewesen war…

Es blieb zu hoffen, dass diese lästigen Verbindungen mit den Mitgliedern der ADA sich auflösen würden, wenn er wieder in seinen eigenen Körper zurückkehren würde.

Falls…

Chuuya presste die Lippen aufeinander. So einfach würde sich sein Unterbewusstsein wohl nicht damit abfinden, dass dieser Kampf keinen Zweck mehr hatte. Es stimmte, inzwischen war ihre Situation mehr als hoffnungslos, und es gab keinen Hinweis darauf, dass sich das noch ändern würde. Natürlich hatte er die ganze Zeit über das Wissen im Hinterkopf gehabt; diese eine Frage, was passieren würde, wenn sie keinen Weg fanden, diesen Tausch rückgängig zu machen. Aber bis jetzt waren das nur hypothetische Annahmen gewesen. Es hatte noch Hoffnung gegeben.

Das elektrische Geräusch, das ihn darauf hinwies, dass das Wasser fertig war, riss Chuuya aus seinen Gedanken; und er war ganz dankbar dafür. Unabhängig davon, ob er sich bisher schon daran gewöhnt hatte, im Nebenzimmer warteten doch zwei Mitglieder der ADA darauf, mit ihm zu sprechen, und damit durfte er kein Risiko eingehen, nur, weil er sich hatte ablenken lassen.

Immerhin würde es jetzt vermutlich so weitergehen…

Chuuya verdrängte diesen Gedanken, so gut es ihm möglich war, und beeilte sich stattdessen, die Teesets, die er auf einmal tragen konnte, zu Atsushi und Kyouka zu bringen.

Die beiden Detektive sprachen immer noch nicht miteinander, als Chuuya ihnen den Tee brachte. In den wenigen Sekunden, bevor er sich wieder abwandte, versuchte er, so viel wie möglich aus ihren Gesichtern zu lesen. Eigentlich war er darin nicht so schlecht, schließlich war es seiner Arbeit immer schon zuträglich gewesen, aber aus irgendeinem Grund wollte es in dieser Situation nicht richtig funktionieren.

Gut, Kyoukas Blick war immer schon unmöglich zu lesen gewesen. Chuuya hatte Kouyou immer ein wenig dafür bewundert, wie sie mit ihrem Schützling kommunizieren konnte, denn er selbst konnte mit Kyouka wenig anfangen. Dem Rest der Mafia ging es, im Übrigen, ähnlich. Und auch, wenn sich ihre Körpersprache gebessert zu haben schien, in diesem Moment half ihr Gesichtsausdruck Chuuya in keiner Weise weiter.

Mit Atsushi war es ähnlich. Er schien zwar nicht zwangsläufig talentiert darin, seine Gefühle zu verstecken, doch er wich seinem Blick bewusst aus. Zwar gab er Chuuya unbewusst genug Aufschluss darüber, dass irgendetwas nicht stimmte, aber leider nicht, was es war.

Zusammengefasst war er also kein Stück schlauer als zuvor.

Etwas unbeholfen setzte sich Chuuya schließlich mit seinem eigenen Tee zu den beiden und wartete. Atsushi und Kyouka sagten immer noch nichts, und Chuuya begann sich ernsthaft zu fragen, wovor zur Hölle sie solche Angst hatten. Was erwarteten sie? Was war so schlimm, dass man es nicht aussprechen durfte?

Aber anscheinend würde er es nicht erfahren, solange er nicht selbst Initiative zeigte. „Also.“ Chuuya schloss kurz die Augen und atmete einmal tief durch, mehr aus Gewohnheit, als um sich zu beruhigen. „Worüber wolltet ihr sprechen?“

Atsushi und Kyouka tauschten einen kurzen Blick. Genau genommen war es eher Atsushi, der zögernd, beinahe schon Hilfe suchend zu Kyouka hinüber sah, die seinen Blick nur erwiderte. Wieder blieb es einige Sekunden lang still, bevor Atsushi schließlich den Mut zu finden schien, seine Frage auszusprechen, leise, und ohne Chuuya dabei anzusehen. „Du… du bist Chuuya Nakahara, oder?“
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