Stray hearts

GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P16 Slash
Chuya Nakahara Dazai Osamu
03.08.2019
08.10.2019
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Mit den Minuten, die langsamer zu verstreichen schienen als sonst, wurde der Himmel immer dunkler. Irgendwo in der Ferne konnte man die Sonne im Meer versinken sehen, doch anstatt die Welt in ein tiefes Orange oder Pink zu tauchen wie normalerweise, kam das letzte Sonnenlicht des Tages nicht gegen die dunklen Wolken an, die von der anderen Himmelsrichtung aus langsam über Yokohama hinweg zogen. Der Herbstwind, den sie mit sich brachten, wirbelte einige lose Blätter über die Straße und ließ die Menschen auf ihrem Weg nach hause frösteln.

Osamu Dazai schien dieses Wetter jedoch nicht weiter zu stören.

Die Hände in den Manteltaschen vergraben und den Blick nach oben gerichtet, als beobachte er einen Vogel, den nur er sehen konnte, schlenderte er langsam die Straße entlang. Er hatte es nicht eilig; er hatte nicht einmal ein bestimmtes Ziel, nur eine ungefähre Idee, wo er hingehen wollte. Sollte Kunikida, der scheinbar so sehr in seine Akten vertieft gewesen war, dass er zumindest nichts zu Dazai gesagt hatte, als dieser von seinem Schreibtisch aufgestanden war, auffallen, dass er seinen Arbeitsplatz eine Stunde vor offiziellem Feierabend verlassen hatte und nicht vorhatte, zurückzugehen, würde der ihn vermutlich für die nächsten Tage hinter diese Akten verbannen.

Sorgen machte sich Dazai deswegen nicht. Vielleicht lag es daran, dass er wenigstens ein klein wenig Hoffnung hatte, den Zorn seines Partners nicht mehr zu erleben. Was ihm das Gefühl gab, vielleicht den nächsten in einer Reihe von Selbstmordversuchen, die er selbst nicht mehr zählte, nicht zu überleben, wusste er nicht, doch der Gedanke fühlte sich leicht und befreiend an, wie eine Feder im Wind.

Als die letzten Sonnenstrahlen schließlich im dunklen Meer verschwanden, hatte Dazai die Stadt bereits hinter sich gelassen. Die ersten Regentropfen fielen bereits vom Himmel und wenn man sich auf den Himmel konzentrierte, konnte man in der Ferne bereits einige Blitze erkennen, zu weit weg, um den dazugehörigen Donner zu hören. Doch Dazai interessierte sich sowieso nicht für diese Naturschauspiele.

Das trockene Gras raschelte unter seinen Füßen, als er die befestigten Wege langsam verließ und zu den Klippen hinüberging. Es war nicht das erste Mal, dass er von diesem Platz springen wollte, obwohl diese Klippen nicht sehr hoch waren und er bisher auch nicht das Glück gehabt hatte, auf einem Felsen aufzuschlagen.

Immer noch mit diesem unbekümmerten, beinahe fröhlichen Gesicht setzte sich Dazai an den Rand einer Klippe, die Arme hinter sich auf der Erde aufgestützt, und konzentrierte sich für einen Moment auf das, was um ihn herum passierte. Der salzige Meergeruch, der sich langsam mit dem Regen vermischte, die kleinen, kalten Tropfen und der Wind auf seinem Gesicht, und das Gras, das hinter ihm viel zu regelmäßig weiterraschelte.

„Und was hast du hier zu suchen?“

Dazai, der gehofft hatte, die Schritte, die er hinter sich bemerkt hatte, gehörten nur zu irgendeinem Spaziergänger, der mit seinem Hund Gassi ging, oder einem Naturforscher oder Fotografen, der vom Meer oder dem Gewitter angelockt worden war, schloss die Augen und stöhnte leise, als er die vertraute Stimme hörte. Scheinbar gab es doch keinen Gott, der seine Gebete erhören würde.

„Verzieh dich.“ Chuuyas Stimme klang so hart, dass Dazai doch ein Auge öffnete. Der Rothaarige stand direkt über ihm und musterte ihn; man musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass ungefähr so viel von dieser Begegnung hielt wie Dazai.

„Nein.“ Dazai schloss die Augen wieder, nur für einen Moment, bevor er aufstand und den Rand der Klippe unter seinen Füßen spürte. Ein verdammter Schritt trennte ihn noch vom Tod, aber jemand hatte sich natürlich wieder einmischen müssen.

Besagter Jemand sah allerdings aus, als würde er Dazai am liebsten persönlich von der Klippe schubsen. Eine verbale Antwort auf diese Aussage gab Chuuya jedoch nicht.

So blieb es eine Weile lang still zwischen den beiden, und alles, was zu hören war, war der Wind und die Wellen, die einige Meter weiter unten gegen die Felsen schlugen.

Es war eine angespannte Stille, die schließlich von dem Detektiv gebrochen wurde.

„Lästig.“ Dazai sah zur Seite. „Ich wollte ja eigentlich niemandem zur Last fallen, wenn ich versuche, mich umzubringen, aber bei dir kann man eine Ausnahme machen.“

„Wieso glaubst du, dass es mich interessiert, ob du verreckst oder nicht?“, knurrte Chuuya. „Von mir aus kannst du runterspringen, wo du willst.“

Für einen kurzen Moment schien Dazai zu überlegen, dann schlug sein kompletter Ausdruck von einer Sekunde auf die andere um. Ein schwaches Funkeln kehrte in seine braunen Augen zurück, ebenso wie ein winziges, kaum wahrnehmbares Lächeln, das Chuuya eine Warnung hätte sein müssen.

Aber dieser reagierte zu spät.

Es war nicht einmal eine schnelle Bewegung, mit der Dazai plötzlich die Hand des Kleineren nahm; es kam einfach viel zu unerwartet, viel zu unvorhersehbar, als dass Chuuya sich hätte wehren können.

„Ganz wie du willst, Partner.“

Immer noch Chuuyas Hand haltend, machte er einen kleinen Sprung rückwärts, über den Rand der Klippe.

Dazai hatte nicht wirklich vor, seinen ehemaligen Partner mit in den Tod zu ziehen. Er erwartete nicht, dass Chuuya das nicht überleben würde; schließlich hätte er, sobald Dazai seine Hand wieder los ließ, alle Macht über die Schwerkraft selbst. Hätte er Chuuya wirklich töten wollen, wäre das schon längst geschehen; längst und auf eine andere Weise. Dazai fand einfach nur Spaß daran, den Kleineren zu ärgern. Und diese Art der Provokationen war so alt wie Double Black; es gab immer wieder Situationen, von einem der beiden willentlich herbeigeführt, die den anderen töten hätten können, wäre dieser ein normaler Mensch gewesen. Doch weder Dazai noch Chuuya waren normal, und deswegen machte Dazai sich nicht weiter Sorgen darüber, was mit Chuuya passieren könnte.

Doch für die paar Sekunden, in denen sie sich im freien Fall befanden, breitete sich ein seltsames Gefühl in Dazai aus. Es war nichts, was er bisher gespürt hatte, und er konnte es nur als schmerzhaften Frieden in seinem Inneren bezeichnen. Fühlte sich so ein Doppelsuizid an?

Er wusste, dass er Chuuyas Hand loslassen musste. Er wusste, dass er nicht viel Zeit dazu hatte. Doch so sehr Dazai sich mental darauf einstellte, er schaffte es nicht. Seine Augen waren geschlossen und er öffnete sie nicht, um zu sehen, wie nahe die Wellen mittlerweile waren oder was Chuuya tat, doch er spürte keinen Widerstand. Die Hand seines ehemaligen Partners lag ganz ruhig in seiner.

Nur noch ein bisschen, dachte Dazai. Ein ganz kleines bisschen.

Und dann war es vorbei.

Der Aufprall war nicht so hart wie erwartet. Dazai war bereits von höheren Stellen gesprungen, auf jeden möglichen Untergrund, doch noch nie hatte es sich fast sanft angefühlt. Er spürte keine Schmerzen, als sein Körper das Wasser berührte, doch für einen Sekundenbruchteil wurde es selbst hinter seinen geschlossenen Lidern blendend hell. Dieses reinweiße Licht brachte ihn dazu, die Augen aufzureißen, doch bereits im selben Moment war es bereits wieder verschwunden und alles, was er um sich herum erkennen konnte, war das trübe Wasser, in dem er sich befand.

Durch die Wucht des Aufschlags und den Überlebensinstinkt, der in diesem Moment die Überhand nahm, ließ Dazai Chuuyas Hand nun doch endlich los und paddelte in eine Richtung, von der er vermutete, dass es der Weg zur Oberfläche war.

Der eiskalte Wind empfing ihn mit tausend Eiskristallen auf seinem nassen Gesicht. Japsend schnappte Dazai nach Luft und hustete, als eine Mischung aus kalter Luft und Wasser seine Kehle füllten. Seine Sicht war verschwommen und seine Augen brannten vom Salzwasser. Sehen konnte er damit nicht viel, doch das Platschen und Keuchen neben ihm verriet ihm, dass Chuuya am Leben war.

Keine Sekunde, nachdem ihm das klar geworden war, spürte Dazai, wie jemand sein Handgelenk nahm und ihn so mit sich zog, in die gleiche Richtung, in die auch die Wellen gingen. Dazai selbst schwamm nicht, machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Kopf über Wasser zu halten. Immer noch war sein Überlebensinstinkt stark genug, um ihn dazu zu bringen, immer wieder Luft zu holen und weiterzuatmen, doch das war alles, das er noch tat.

Vermutlich hatte er kein zuverlässiges Zeitgefühl mehr, doch es fühlte sich an, als dauere es nicht einmal eine halbe Minute, bis Chuuya und er schließlich den Strand erreichten. Dazai spürte, wie sein ehemaliger Partner die Hand, an der er ihn an Land gezogen hatte, wieder losließ; aggressiv, als würde er sie auf den Boden werfen. Neben ihm ertönte ein dumpfes Geräusch und Dazai vermutete, dass Chuuya seinem Körper nun auch endlich erlaubte, sich kurz auszuruhen.

„Was soll der Scheiß? Und dann muss ich dich auch noch retten…“ Chuuya sprach leise, man hörte die Kraftlosigkeit, doch das war es nicht, was Dazai seine Erschöpfung plötzlich völlig vergessen ließ. Es war nicht der Tonfall oder die Worte, die ihn auf einmal dazu brachten, sich aufzusetzen und sich das Salz aus den Augen zu reiben, um wieder klar sehen zu können. Es war die Stimme.

Seine Stimme. Die Stimme von Osamu Dazai.

Chuuya schien auch jetzt erst aufgefallen zu sein, dass etwas nicht stimmte. Immer noch verschwommen konnte Dazai erkennen, wie der Mafioso mit einem Satz wieder auf den Beinen stand.

Doch kaum war Dazais Blick auf seine eigenen Hände gefallen, war die Person neben ihm vergessen. Oder wenigstens… die Hände, die er steuerte. „Ch-chuuya…“ Seine Stimme klang fremd, und das kam nicht von dem ganzen Meerwasser, das er geschluckt hatte.

„Dazai“, antwortete Chuuya; von Erschöpfung war nichts mehr in seinem Tonfall zu hören, doch jetzt bebte seine Stimme vor Fassungslosigkeit. "was zur Hölle hast du getan?!“
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