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Kekse – One-Shots und Drabbles

von Redlum
Kurzbeschreibung
SammlungHumor / P16 / Gen
03.08.2019
14.02.2022
50
58.766
55
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Dieses Kapitel
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10.01.2020 1.961
 
Vorbemerkung: Sira-la ist schuld! Ich hatte eigentlich nie vor am Status Quo der Kontinuität etwas zu verändern. Erweitern ja, aber keine großartigen Änderungen.
… und dann kam die sehr inspirierende Wochen-Challenge-Aufgabe zu Kalenderwoche 2. Lange Rede, kurzer Sinn – die Aufgabe lautete:
Der Tag, an dem die "singenden Sterne" (auch Sternsinger genannt) von ihrem Weg abkamen, sollte alles verändern. Baut außerdem folgenden Satz in euren Text ein: "Das musste ein Traum sein."


~~~oOo~~~


Am Morgen des sechsten Januars deutete noch nichts auf das traurige Ereignis hin, welches sich an diesem Tag ereignen sollte. Wir Tode sind schon von Berufswegen viel mit dem Tod konfrontiert, aber manche Tode gehen einem natürlich näher als andere, besonders wenn es gute Bekannte von uns trifft, die wir schon ein Leben lang kennen. Und an diesem sechsten Januar sollte es einen von uns erwischen. Aber ich greife vor. Alles begann damit, dass ich mich mit Tia Death und Ying Muerte zu unserer traditionellen Sternsingertour traf. Ja, wir Tode weisen nicht nur den Sterbenden den letzten Weg, sondern pflegen auch noch ein paar andere Traditionen. Ying Muerte und Tia Death kannte ich schon seit Ewigkeiten und genauso lange trafen wir uns einmal im Jahr um eben singend um die Häuser zu ziehen. Ying war schon früh der verantwortliche Tod für Drachen geworden, Tia hatte sich im Laufe der Zeit zur Todin für uns Tode hochgearbeitet, hatte also inzwischen sozusagen den Obertodposten inne.

Das Unglück wäre vermutlich – ach was sage ich? Ganz sicher sogar! – nie passiert, wenn wir unsere Route wie jedes Jahr gegangen wären, aber leider kamen wir dieses Mal vom Weg ab. Schuld daran war ein Unfall an einer abschüssigen Kreuzung auf der Hauptstraße. Ein Leiterwagen mit einem Feuerlöscherdrachen war scheinbar unkontrolliert die Straße heruntergerollt und hatte für ein regelrechtes Verkehrschaos gesorgt. Wir entschlossen uns, den hupenden Autos, Schaulustigen und überforderten Verkehrshütern auszuweichen und bogen in eine Seitenstraße ab. Ein fataler Fehler, denn nach kurzer Zeit hatten wir uns hoffnungslos verlaufen. Um die Zeit etwas zu überbrücken und uns selbst Mut zu machen, sangen wir Alle Tode sind schon da, Süßer die Tode nie klingen und Stiller Tod, heiliger Tod. Als der Weihrauch, welcher uns warm hielt, langsam zu Ende ging und absehbar wurde, dass uns mit den Schokoladengoldtalern und den Möhren (die wir als Ersatz für die Myrrhe dabei hatten, die Tia vergessen hatte im Vorfeld zu besorgen) auch unser einziger Proviant ausging, rangen wir uns doch irgendwann dazu durch, jemanden nach dem Weg zu fragen.

Ying wollte gerade in ein Restaurant auf der anderen Straßenseite gehen, als wir quietschende Reifen hinter uns hörten. Wir drehten uns um und sahen einen goldenen Mercedes direkt auf uns zurasen! Tia schnappte mich geistesgegenwärtig und zog mich in letzter Sekunde zur Seite, aber Ying war schon zu weit entfernt und stand genau in der Schusslinie. Der Mercedes erfasste ihn, raste auf die nächste Hauswand zu und zerquetschte ihn zwischen dieser und der Motorhaube. Seine Krone, die zuvor von seiner Robe gerutscht war, kullerte über einen Zebrastreifen. Schon seltsam, an was für Details man sich im Nachhinein erinnert. Tia hielt mit einem Wischer ihrer rechten Hand die Zeit für alle Nichttode an und wir beide eilten auf die andere Straßenseite.

Yings Geist war bereits aus seinem Körper geschlüpft und blickte ungläubig an sich herab. „Also dass …“ Er sah uns mit großen Augen an. „Verdammt!“

Ich klopfte ihm tröstend auf die Schulter, zum sprechen war ich in diesem Moment nicht fähig. Tia öffnete mit ihrer Sense, auf welcher an diesem Tag ein Pappestern thronte, einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge, um Ying so den Weg ins Jenseits zu ermöglichen. Dann gab es noch eine kurze Gruppenumarmung – manchmal sagen Gesten mehr aus als tausend Worte – und drei kurze Kopfnicken, dann trat Ying in den Riss und verschwand. Zwei Sekunden später streckte er seinen Kopf noch einmal durch den Riss und sah mich an: „Theo, ich glaube deine Kühlschranktür ist offen.“

Ich schloss die Augen und stöhnte kurz auf. Verdammt!

Als sich der Riss geschlossen hatte, lies Tia mit einem erneuten Handwischen die Zeit wieder weiterlaufen. Wir gingen um den Mercedes herum, um zu sehen, ob wir vielleicht Hilfe leisten konnten. Nachdem bisher kein anderer unserer Kollegen eingetroffen war, stand die Chance recht gut, dass der Fahrer noch am Leben war. Im selben Moment öffnete sich auch die Fahrertür und ein roter Keks und eine Kröte hüpften leicht benommen auf die Straße. Die Kröte kannte ich sogar. Es handelte sich um einen Werkeks namens Manfred, welchem ich vor einiger Zeit den Weg ins Jenseits hätte weisen sollen, allerdings war es dann doch nicht dazu gekommen.

„Ganz toll! Jetzt haben wir jemanden überfahren!“, beschwerte sich der rote Keks.

„Ich dachte das war der Plan“, entgegnete Manfred.

„Die Verrückte! Doch nicht jemanden mit Papierkrone auf dem Kopf, der im Bademantel durch die Gegend läuft!“

„Robe“, warf ich ein.

„Danke“, entgegnete der Keks patzig und wandte sich wieder Manfred zu. „Wieso trittst du auch aufs Gaspedal wie ein Verrückter?“

„Da saß eine Fliege die ich … und wieso bist du eigentlich nicht ausgewichen Frau Superlenkerin?“

„Weil ich vor Schreck auf den Fahrersitz gefallen bin, als der Wagen plötzlich auf zweihundert beschleunigt hat vielleicht?“

„So Schluss!“, ging Tia dazwischen und sah Manfred an. „Du bist also gefahren?“

Ich wusste, wieso Tia diese Frage stellte. Wir Tode bilden zwar immer wieder neue Tode aus, wir sind aber trotzdem ständig unterbesetzt, aufgrund neuer Spezies die etwa plötzlich auftauchen, wie eben lebende Kekse, oder sich aus evolutionstechnischen Gründen aus anderen Spezies entwickeln oder einfach weil Tode wie Ying eben von uns gehen. Deswegen hatte es sich eingebürgert, dass, sollte es für den Tod eines Todes einen Schuldigen geben, dieser dessen Platz einnahm. Noch während ich darüber nachdachte, war Tia schon dabei, Manfred zu erklären, dass ab jetzt er der hauptverantwortliche Tod für Drachen sein würde und öffnete erneut einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge, um Manfred das Jenseits zu zeigen und ihn dort neu einzukleiden. Da ich keine Lust hatte, mir alleine den Weg zurück zu suchen und es außerdem gerade die flauschig-grüne Robe mit Gänseblümchenmuster im Sonderangebot gab, hüpfte ich mit in den Riss.

„Hey, wartet mal!“ Der rote Keks, der gerade alles mit offenem Mund verfolgt hatte, lief uns aufgeregt hinterher. „Manfred kann kein Tod werden! Wer wird denn sonst in der Zukunft Krötenkönig? Hey! Halt!“ Der Keks wollte ebenfalls in den Riss springen, schaffte es allerdings nicht mehr rechtzeitig, bevor dieser sich wieder geschlossen hatte und blieb auf der Straße zurück.


~~~oOo~~~


Rotkekschen stieg mit gemischten Gefühlen aus der Zeitmaschine. Wobei bestimmt alles in Ordnung war. Sie wollte nur kurz beim Tümpel vorbei schauen, sich davon überzeugen, dass Manfred in der Zukunft immer noch Krötenkönig war und dann zurückkehren, um die Verrückte endlich zu töten. Aus der Ferne sah sie, dass am Tümpel jemand saß. Sehr gut. Als sie näher kam, sah sie, dass dieser jemand ein Mensch war. Schlecht. Als sie noch näher kam, kristallisierte sich dieser jemand als EriAlphabet von den Zeichnerinnen heraus. Sie saß im Schneidersitz auf der Insel im Tümpel und hatte eine Krone auf dem Kopf. Neben ihr stand AzuriSumina, ebenfalls von den Zeichnerinnen, und fächelte ihr Luft zu.

„Eria, Azuri, was macht ihr denn hier?“, fragte Rotkekschen.

„Wie, was machen wir hier?“ Azuri runzelte verwirrt die Stirn. „Das ist der Regierungssitz von Königin EriAlphabet I.“

Verdammt! „Äh … was ist mit Manfred?“

„Manfred?“ Die beiden Zeichnerinnen sahen sich verwirrt an. Plötzlich ging Eria ein Licht auf. „Ach! Meinst du diese Kröte? Ist der nicht der aktuelle Drachen-Tod?“

Azuri nickte. „Doch, ich glaube dass müsste er nach wie vor sein.“

Verdammt, verdammt, verdammt! Hatte Keksy mit ihrem Schmetterlingsgehabe doch Recht gehabt? Aber vielleicht war ja nicht alles schlecht in dieser neuen Zeitlinie. „Was ist mit der Verrückten?“, wollte Rotkekschen wissen.

Azuri und Eria sahen sich verständnislos an. „Die Verrückte?“

„Na Katla!“, präzisierte Rotkekschen.

„Ach du meinst …“ Azuri senkte die Stimme zu einem Flüstern. „… die dunkle Lordin?“

„Die dunkle Lordin?! Ist Lordin überhaupt ein richtiges Wort?“ Verdammt, jetzt klang sie schon wie Keksy.

„Keine Ahnung.“ Azuri zuckte mit den Schultern. „Und nicht so laut, Worte können heutzutage weit getragen werden.“

„Okay, okay, mal einen Schritt zurück. Mir gehen da ein paar Jahre ab“, meinte Rotkekschen. „Ungefähr seit … Manfred Drachen-Tod wurde.“

„Oh, dass war die Zeit als es mit dem Keller bergab ging“, erinnerte sich Azuri. „Katla kam mit Manfreds neuem Job einfach nicht klar und steigerte sich in etwas hinein. Ein paar Jahre ging es noch gut, aber irgendwann stürzte sie, im Wahn immer mächtiger werden zu müssen um gegen die Kräfte des Jenseits ankommen zu können, die Führungsetage des Kellers und erklärte sich selbst zur dunklen Lordin. Da fällt mir ein, Keksy Sue stellte damals auch die Frage in den Raum, ob es das Wort überhaupt gibt.“

„Die dunkle Lordin ließ sich von Keks Norris einen Ofen bauen“, übernahm Eria das Wort. „Den sogenannten Schicksalsofen, in dem sie den Keks bug. Den mächtigsten Keks den es jemals gegeben hat.“

„Ein Keks sie zu knechten“, zitierte Azuri flüsternd einen Reim, welchen in dieser Zeit jeder kannte, „sie alle zu finden, ins dunkel zu treiben und ewig zu binden!“

„Äh …“ Rotkekschen konnte mit dem gesagten noch nicht wirklich viel anfangen.

„Wir stehen vor einem Krieg“, erklärte Eria. „Dem größten, den die Erde je gesehen hat. Dunkle Wolken ziehen auf. Die Erzkekse sammeln sich bereits, um der dunklen Lordin zu dienen. Doch es gibt eine Chance. Wir haben den Keks kürzlich in unseren Reihen gefunden. Wenn wir ihn vernichten, bevor die dunkle Lordin seiner habhaft wird, können wir das Ruder zu unseren Gunsten herumreißen.“

„Wundervoll.“ Rotkekschen nickte verstehend. „Was ist? Worauf warten wir noch?“

„Äh …“ Eria sah Azuri an. „Habe ich nicht gerade gesagt, dass es der Keks ist? Der mächtigste, der jemals gebacken wurde?“

„Doch“, bestätigte Azuri, „das hast du.“

Eria wandte sich wieder Rotkekschen zu, und betonte jedes Wort, als ob sie mit einem Kind sprechen würde: „Es ist der Keks. Der mächtigste Keks überhaupt. Den kann man nicht einfach so im Klo herunter spülen oder was auch immer.“

„Ahm, okay.“ Rotkekschen kratzte sich am Zacken. Das musste ein Traum sein. Ein ganz böser Albtraum. Ein kurzer schmerzhafter Biss in ihren Teig zeigte ihr allerdings sofort, dass dem nicht so war. Kurz blickte sie noch auf die schmerzende Stelle, in die sie sich gerade gebissen hatte und spuckte ein paar Brösel aus, dann blickte sie wieder auf. „Was ist mit Keks Norris? Kann der den Keks nicht vernichten?“

„Doch, auf unsere Nachfrage hin meinte er, dass er das kann“, antwortete Azuri. „Er meinte aber auch er kann genauso gut Urlaub auf dem Neptun machen und war im nächsten Moment verschwunden.“

„Es gibt nur einen Weg, den Keks zu vernichten“, erklärte Eria. „Im Schicksalsofen gebacken, kann er auch nur in diesem verkohlt werden.“

„Es ist allerdings ein weiter und beschwerlicher Weg dorthin“, nahm Azuri den Ball auf. „Einige Gefährten schließen sich in diesem Moment zusammen, um sich einen Weg durch die tiefsten Täler und über die höchsten Berge zu bahnen. Sie müssen reißerische Flüsse und gefährliche Schnellstraßen ohne Zebrastreifen überqueren. Und überall lauern die Untergebenen der dunklen Lordin und warten nur darauf, den Keks in ihre Gewalt zu bringen und ihrer Herrin zu übergeben.“

Die beiden Frauen sahen Rotkekschen verheißungsvoll an.

„Sag“, fragte Königin EriAlphabet I. nach einigen Sekunden, „bist du aus einem Teig gebacken, um dich einer Mission anzuschließen, die über das Schicksal der Erde entscheiden kann?“

Rotkekschen nickte entschlossen. Auch wenn dieser schicksalhafte Tag vor vielen Jahren alles verändert hatte, und die Zukunft nun eine andere war, als die, aus der sie ursprünglich kam, blieb das Ziel doch immer noch dasselbe. „Ja. Ganz egal wie lange es dauert und was dafür nötig ist – ich werde alles dafür geben, um die Verrückte zu besiegen.“
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